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Personenzentrierte Seelsorgeals »humanistischer Kern« von Religion in:

Thomas Hanstein

Coaching in der Seelsorge, page 163 - 166

Ein methodischer Ansatz zur Perspektivenerweiterung im kirchlich-katholischen Milieu

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3963-2, ISBN online: 978-3-8288-6736-9, https://doi.org/10.5771/9783828867369-163-1

Tectum, Baden-Baden
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163 Schlusswort Hoffnungsversuch Personenzentrierte Seelsorge als »humanistischer Kern« von Religion Visionärer und – leider auch – aktueller denn je kann abschließend die Mahnung von Erich Fromm erscheinen, die er vor fast vier Jahrzehnten aussprach . Seine Grundthese von zwei basalen, nicht miteinander vereinbaren Grundhaltungen menschlicher Existenz – dem Modus des Habens und dem des Seins – lässt auch Religion und Kirche nicht unberührt, wenn er schlussfolgert: »Die neue Gesellschaft und der neue Mensch werden nur Wirklichkeit werden, wenn (…) an die Stelle der kybernetischen Religion ein neuer radikal-humanistischer Geist tritt« . Zwar sei dies »kein Angriff auf die bestehenden Religionen (…), jedoch ein Appell an die römisch-katholische Kirche (…), sich selbst zum Geist des Evangeliums zu bekehren« (Fromm, 1979; zitiert 2016, S . 246) . Der (Psycho-)Analytiker kann nur deshalb so scharf urteilen, weil er die Institution Kirche zu großen Teilen in jenem Modus des Habens befindlich sieht . Und er denkt diese These so weit, dass er als Wegbereiter einer »humanistischen ›Religiosität‹ ohne Religion, ohne Dogmen und Institutionen« explizit die »nontheistischen Bewegungen« (ebd .) begreift . Die – theoretisch denkbare und in praxi bis zum heutigen Tag gelegentlich postulierte – »Alternative ›selbstsüchtiger Materialismus oder christlicher Gottesbegriff‹« (ebd .) ist auf der 164 Thomas Hanstein: Coaching in der Seelsorge gesellschaftlichen Ebene für den scharfsinnigen Denker Fromm keine glaubwürdige Option . Wer leidenschaftlich davon überzeugt ist, »seinen« Gott(esglauben) zu »haben«, der ist grundsätzlich auch bereit, diesen zu »verteidigen« – von diesem Motiv ist die christlich-abendländische Geschichte45 ebenso durchtränkt wie fundamentalistische Tendenzen der Gegenwart . Daher helfe als »einzige Alternative zum Chaos« – in Form der »Vision (…) des Fortschritts (…), (der) die Züge des Turmes von Babel angenommen (hat), der jetzt einzustürzen droht und schließlich alle unter seinen Trümmern begraben wird« – nur »die Synthese zwischen dem ›religiösen‹ Kern der spätmittelalterlichen Welt und (…) des Individualismus seit der Renaissance« (ebd .) . Die grundlegende Frage war und ist dabei – epochenübergreifend – dieselbe: Was hält das – jeweilige – Individuum (wörtlich: den, hinsichtlich Geist, Körper und Seele »Unteilbaren«) im Letzten, Konkreten, »bindet ihn zurück« (lat . »religare«) an seine Kraftquellen? – Diese basale Frage nach dem je individuellen Kern ist zugleich religiös wie sie – in einem doppelten Sinne – human ist, indem sie den Coach bzw . Seelsorger auf die Ressourcen des Klienten – als allererste Ebene – verweist . Jegliche normativ-moralische oder bewertendurteilende Ebene ist diesen Ressourcen nachgeordnet, verbietet sich im systemisch-lösungsorientierten Coaching ganz . Erst, wenn der Einzelne so vollumfänglich, ohne die – explizite oder unausgesprochene – Frage nach dem »Haben« oder »Nichthaben« (von auch Nichtmateriellem, wie z . B . der moralischen Disposition) akzeptiert ist, kann authentische, personenzentrierte Begleitung ansetzen – und zwar ganz auf der Ebene seines subjektiven Seins . Folglich ist auch nicht entscheidend, was eine Glaubensgemeinschaft kollektiv zum 45 Ein eindrückliches Zeichen liegt auch in der alten (katholischen) Tradition des dem Papst zu leistenden Eides als frisch ernannter Kardinal: bereit zu sein, sein Blut für die Kirche zu vergießen . 165 Schlusswort Hoffnungsversuch Glaubensinhalt46 (erklärt) hat . Fromms Synthese mündete in der Forderung nach einer »nichttheistischen, nichtinstitutionalisierten ›Religiosität‹«, es sei denn, die (Anhänger der) herkömmlichen Religionen würden ihren »humanistischen Kern (…) authentisch erleben« (ebd .), woraus folgt: ihn auch zu leben . Im Gegensatz zu theoretischem »Theologisieren« oder »sperrigeren« Feldern der Pastoral – wie sprachlichen Setzungen oder der Liturgie – kämen einer personenzentrierten und ressourcenorientierten, hypnosystemisch ansetzenden Seelsorge sowie einer ziel- und lösungsorientierten seelsorglichen Gesprächsführung vielfältige praktische Möglichkeiten zu, den »humanistischen Kern« der (christlichen) Religion – wiederum in doppelter Hinsicht – authentisch, echt und wahrhaftig freizulegen . Neuartiges Selbsterleben und das (sich wieder) Zutrauen von Selbstorganisation beim Klienten wären dann die Folge, dessen erfahrbare Fähigkeit zur Selbststeuerung würde dann jegliche Tendenz zu religiöser »Kybernetik« ersetzen . Dieser methodischen Weitung aber bleibt die Reflexion des Menschenbildes – wie des eigenen Religionsverständnisses – der (katholischen) Kirche vorgeordnet, das in vielem »immer noch (…) kein humanistisches ist« (Johach, 2002, S . 106) . Dies scheint in einer gesellschaftlich-politischen Krisenzeit, in der – das Leben fördernde – Religionen wieder wichtiger werden, umso bedeutender . Jegliches Arbeiten »nur« an Ritualen und – wenn auch aktuell überaus wichtig – der »kirchlichen Sprache« wäre ein »Kratzen an der Oberfläche«, bestenfalls ein kurz- oder mittelfristig mitreißender »Methodenzauber«, würde aber nicht in die Tiefe der Werte, Haltungen und eben – ganz basal und grundlegend – der Vorstellung vom und der Haltung gegenüber dem Menschen vordringen . Diese tiefe und vielleicht auch schmerzhafte Reflexion im Letzten – neben bzw . vor allen 46 Die Dogmatik unterscheidet hier zwischen »fides quae« und »fides qua«: dem Glaubensinhalt und dem Glauben, durch den geglaubt – hier übertragen: die wörtlich zu nehmende Glaubwürdigkeit, mit der begleitet wird . 166 Thomas Hanstein: Coaching in der Seelsorge strategischen Aktionen und pragmatischen Versuchen – zu leisten bzw . leisten zu wollen, erweist aber erst Authentizität, Echtheit und Wahrhaftigkeit . Was für die heutige Wahrnehmung von Kirche und für die seelsorgliche Praxis und speziell das seelsorgliche Gespräch gilt, muss im Letzten, will es Erfolg zeitigen, systemisch greifen – denn ist es, bibeltheologisch betrachtet, erst »die Wahrheit, die frei macht« (Joh 8,32) . Dieser Hoffnungsversuch beschließt den vorliegenden Beitrag im 500 . Jubiläumsjahr der Reformation: als Anstoß zugunsten aller Menschen, für welche die Kirche (noch) »Werkzeug« (LG 1) sein kann, nicht zuletzt für ihr eigenes »Bodenpersonal« und eine, in jeder einzelnen Situation, offene und wertschätzende Grundhaltung . In einer pluralen Gesellschaft, deren Bewegungen – ausgenommen ideologische und fundamentalistische Strömungen – mehr und mehr in Richtung der vorleistungsfreien Garantie von Grund- und Menschenrechten denkt und demokratisch streitet,47 könnte sich auch die (katholische) Kirche – den Mut zur selbstkritischen Reflexion ihres Menschenbildes vorausgesetzt – dann vielleicht auch wieder mehr als eine relevante gesellschaftliche Größe erweisen . 47 Vgl . am Beispiel der langjährigen Debatten um ein »Grundeinkommen« in mehreren europäischen Ländern .

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Zusammenfassung

Im 500. Jahr der Reformation erscheint das achte Buch des Theologen und Coachs Thomas Hanstein. Darin plädiert der ehemalige Bischofsreferent, kirchliche Rektor und katholische Diakon für eine längst überfällige Perspektivenerweiterung innerhalb der katholischen Kirche für den Bereich der Seelsorge und stellt in anschaulicher Weise einen praktisch gut umsetzbaren, systemisch-lösungsorientierten Ansatz für ein ressourcenorientiertes Coaching in der Seelsorge vor. Dazu leitet Hanstein konkrete Methodenvorschläge ab, die mit innovativen Darstellungen wichtiger Tools anschaulich visualisiert werden.

In seiner konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung mit Haltungen und Werten in der katholischen Kirche knüpft der Autor an die von Erik Flügge aufgeworfene Diskussion um die Sprache der Kirche an und zeigt anhand konkreter Fälle aus seiner eigenen Coachingpraxis exemplarisch, dass das zugrundeliegende Menschenbild von einem humanistischen oft weit entfernt ist. Das Buch ist ein Appell an den Mut der Kirche zur selbstkritischen Reflexion und zugleich ein strukturierter Beitrag zur Milieukompetenz von Coachs, die im kirchlichen Milieu tätig sind oder dort einsteigen wollen.