5. Fazit in:

Nazim Diehl

Banken-Image unter Beschuss, page 87 - 92

Die Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte 2008

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3942-7, ISBN online: 978-3-8288-6733-8, https://doi.org/10.5771/9783828867338-87

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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87 5. Fazit Die Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte erfolgte insbesondere über solche Argumentationen und narrative Erzählstrukturen, die sich – wie es bereits von Simmel herausgearbeitet wurde – als positive und negative Verantwortung gegenüber der Gesellschaft definieren lassen. Sie umfassen das Nichtbeschädigungsgebot anderer (negative Verantwortung) und die Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, ihr etwas Gutes zu tun (positive Verantwortung). Das Ziel von Moral und Moralisierung stellt somit die Überwindung egoistischer Interessen dar. Dementsprechend bilden Egoismus, Gier und Maßlosigkeit zentrale moralische Kritikpunkte, die sich in unzähligen Diskursfragmenten in unterschiedlichster Gestalt wiederfinden und so die diskursive Grundstruktur der Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte bilden. Diese Kritikpunkte wurden implizit durch weitere vermeintliche Charakteristika der diskursiv konstruierten Rolle der Banker und der Banken akzentuiert, indem beispielsweise die Zuschreibung der Risikofreude nur durch Profitgier plausibel erschien. Solche Klassifikationen wurden durch den Vergleich der Finanzbranche mit dem Glücksspiel komprimiert und zusammengefasst. Das moralische Vergehen bezog sich darauf, dass die Banker und die Banken das Geld der Kunden aus eigenen Profitmaximierungsbestreben leichtsinnig verspielt haben sollen. Das Ausmaß dieser Geschäftspraktik ging laut öffentlichem Diskurs soweit, dass sogar die Realwirtschaft und Unbeteiligte in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale gesogen zu werden drohten. Um dies im Interesse der Allgemeinheit zu verhindern, wurden der Staat, der Steuerzahler und öffentliche Institutionen als rhetorische Kollektivsymbole der Gesellschaft verwendet, die überdies für die (moralischen) Vergehen der Banker und der Banken einspringen mussten, weil diese nicht dazu bereit waren, die entsprechende Verantwortung für ihre Entscheidungen und Handlungen zu übernehmen. Diese einseitige Schuldzuschreibung greift zwar zu kurz, um eine komplexe transnationale Finanzkrise zu erklären, wandelte jedoch die gesellschaftliche Angst vor den Folgen der Krise in die Wut auf die vermeintlich Schuldigen um. Dadurch wurde die Wut auf ein konkretes, aber zu gleich abstraktes Ziel gebün- 88 delt. So wurden im Diskurs zwar die Banker und die Banken kritisiert, jedoch setzte bereits kurz vor der Lehman Brothers Insolvenz eine Entspezifizerung und Generalisierung des Diskurses ein, wodurch in den meisten Fällen Pauschalurteile über die Banker und/oder die Banken gefällt, jedoch nur in Einzelfällen konkrete Kreditinstitute benannte wurden. Im Diskurs nahm die Moralisierung die Funktion eines Machtmittels der Nichtmächtigen ein, das verwendet wurde, um gegenüber den (mächtigen) Bankern und Banken die Kritik zu formulieren, dass sie mit ihren Handlungen eine moralische Grenze überschritten haben. Die Moralisierung war also Ausdruck von Kritik an der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, indem sie gegenüber ihrem Bezugsobjekt – den Bankern und den Banken – das Entgegenkommen forderte. Aber erst wenn die Wahrnehmung der Grenzüberschreitung von vielen Beobachtern geteilt wird, kann diese eine mobilisierende Funktion erfüllen, sodass die vom Sprecher medial wie persönlich versuchte Moralisierung und Skandalisierung glückt. Selbstverständlich stellte dies einen zyklischen Prozess dar, bei dem geteilte Meinungen nicht am Anfang standen, sondern sich erst durch die im Diskurs vermittelten Interpretations- und Selektionsprozesse konstituierten, die sich ihrerseits wiederum in rhetorischen und in narrativen Erzählstrukturen sowie in Topoi widerspiegeln. Gleichzeitig ist die Moralisierung als Versuch der erneuten Angleichung des Verhaltens der Banker und der Banken an die gesellschaftlichen Erwartungen zu verstehen, wodurch öffentlicher Druck zur Anpassung bzw. zur Normalisierung ausgeübt wurde. Diese Anpassung erfolgt durch selbstständige oder gesetzliche Regulierung und lässt so aus zuvor erodierten Kooperationsräume neue Kooperationsbereitschaft zwischen Finanzmarkt und Gesellschaft entstehen, weil deren Normen und Werte sich mithilfe moralischer Kritik in einem diskursiven Aushandlungsprozess angleichen konnten. Die diskursive Konstruktion der Figur des Bankers und der Banken knüpfte an alltagstypische Erfahrungen an, indem sogar ihr Äußeres beschrieben wurde und ihre räumliche Verortung in die Frankfurter „Spiegeltürme“332 stattfand. Dies geschah primär durch konnotative Marker und durch Zuschreibungen, die im Rahmen der Diskursanalyse neben prototypischen Topoi herausgearbeitet und in einer Tabelle gesammelt wurden, um einem systematischen Überblick über die im Diskurs konstruierten Bilder der Banker und der Banken zu geben.333 Zahlreiche negative Zuschreibungen über die Geschäftspraktiken der Banker und der Banken wurden durch konnotative Marker kommuniziert, die so vor den Augen eines krisengeschockten Millionenpublikums das Bild einer ganzen Branche und Berufsgruppe innerhalb der Finanzkrisen-Debatte konstru- 332 Kloepfer: Ein unmoralisches Angebot, S. 36. 333 Die tabellarisch zusammengefassten Ergebnisse der Diskursanalyse (konnotative Marker, Dichotomien und prototypische Argumentationsmuster) lassen sich komprimiert im Anhang finden, S. 89-90. 89 ierten. Dies wirkte umso schwerer, da davon ausgegangen werden konnte, dass die wenigsten Zeitzeugen über zahlreiche persönliche Erfahrungen oder über präzise Vorstellungen von den realen Geschäftspraktiken in den „Glastürmen“334 verfügen, die über alltägliche Bankgeschäfte hinausgehen. Daher ist davon auszugehen, dass die Berichterstattung während eines kommunikativen Verdichtungsprozesses entsprechende Auswirkungen auf die Meinungs- und Stimmungsbilder der zeitgenössischen Beobachter nehmen kann. So erfolgen Umkodierungen bestehender Wissensbestände insbesondere in Krisenzeiten bzw. in Momenten der erodierten Erwartungssicherheit, da zu diesen Zeitpunkt die unerwarteten Problemlagen nicht mit routinierten Lösungswegen behoben werden können. Dadurch wurde förmlich zur Ursachenanalyse aufgefordert, die wiederum mit einem Umdenken einhergehen kann, weil dabei bestehendes Wissen leichter umgedeutet oder ausgetauscht werden kann, weil sich die Routine bereits als fehlerbehaftet herausgestellt hat. Ein zentrales Mittel der Moralisierung war die Gegenüberstellung zweier gesellschaftlicher Entitäten und ihrer näheren Klassifikation. Diese konstruierte durch jeweilige rhetorische Funktionen und Marker die Täterrolle der Banker und der Banken im direkten Abgleich zu den unschuldigen Opfern. So führte die vermeintliche Nichtbereitschaft der Banker und der Banken, selbstverschuldete Konsequenzen zu übernehmen, dazu, dass unbeteiligte Dritte für jene eintreten mussten, um gesamtgesellschaftliche Kettenreaktionen zu verhindern. Die konstruierte moralische Schuld der Banker und der Banken potenzierte sich dadurch, dass ihre Entscheidungen und Handlungen aus Lasterhaftigkeit – insbesondere aus Gier, Egoismus, Maßlosigkeit und Risikofreude – resultiert sein sollen. Die in der Diskursanalyse herausgearbeiteten Dualismen lassen sich in tabellarisch-aufbereiteter Form dem Anhang entnehmen, wobei es sich dabei nicht um eine Sammlung handelt, die einen Vollständigkeitsanspruch über die gesamte Finanzkrisen-Debatte erhebt. Nichtsdestoweniger soll die Tabelle zumindest die diskursiven Regelmäßigkeiten aus den analysierten Wochenblättern ordnen, die im Kontext der Moralisierung der Rolle der Banker und der Banken sowie der diskursiven Konstruktion dieser erfolgten. Ein omnipräsentes diskursives Grundelement war die exklusive Gruppenkonstruktion, die eine Einheit aus Sprecher und Adressat durch das Possessivpronomen „wir“ entstehen ließ Journalisten stellten sich mithilfe solcher gruppenbezogener Marker auf die Seite der Allgemeinheit und/oder der Bürger, wohingegen Banker und Banken auf der gegenüberliegenden – egoistisch geprägten – Seite verortet wurden. Mithilfe eben solcher Marker und Dichotomien transportierte der Sprecher dem Rezipienten seine Bewertungen, sodass das Medienereignis „Finanzkrise“ durch die 334 Hank, Rainer/Meck, Georg: Die neue Einsamkeit des Josef Ackermann, in: FAS 43 (2008), S. 38. 90 Vorinterpretation von Ereignisketten und Kausalitäten durch Journalisten für ein breites Publikum erfahrbar wurde. So hängt die Art und Weise der Berichterstattung bei einem für Laien schwer begreifbaren (Krisen-)Ereignis – wie dem der Finanzkrise – unmittelbar mit der Konstruktion der sozialen Realität der Rezipienten zusammen, weil diese nur begrenzt auf einschlägige Erfahrungen zurückgreifen können. Infolgedessen waren die Rezipienten verstärkt auf die vorinterpretierten Argumentationsstrukturen und Erklärungsmuster der Journalisten angewiesen, um die Ereignisse rund um die Finanzkrise einordnen zu können. Daher und aufgrund der Klassifikation der jeweiligen Wochenblätter als Leitmedien ergibt sich die Annahme, dass die zusammengetragenen Dichotomien erstens einen zentralen Teil des Aushandlungsprozesses der Wissensbestände über Banker und Banken formieren und dadurch zweitens das öffentliche Meinungsbild performativ beeinflusst haben. Die Beschädigung von Erwartungssicherheit im Diskurs führte aber nicht nur zur verdichteten massenmedialen und gesamtgesellschaftlichen Aufmerksamkeit auf die Finanzbranche, sondern die Thematisierung möglicher Konsequenzen, unsicherer Zukunftsszenarien und letztlich der im Diskurs kommunizierten Angst vor einem Zusammenbruch der Finanzbranche kanalisierte sich in der Pauschalverurteilung der Banker und der Banken im Allgemeinen. Dies ging mit der Erschütterung des Vertrauens in die Geschäftspraktiken und Solidität des gesamten Finanzsektors einher, die sich darin äußerte, dass aus einem abstrakten gesellschaftlichen Gebilde wie der Finanzbranche in der gesellschaftlichen Wahrnehmung urplötzlich ein gesamtgesellschaftlicher Gefahrenherd wurde. So führte die wirtschaftliche Relevanz des Finanzsektors dazu, dass die Finanzkrise sich auf die Zukunftsplanung und die Erwartungssicherheit jedes Einzelnen auswirken konnte. Die becksche Risikogesellschaft, die vor Zivilisationsrisiken warnt, war somit keine wage Theorie mehr, sondern fand in Form der Finanzkrise in die Lebenswelten der zeitgenössischen Beobachter Eingang. Der Deutung der Finanzkrise als eine systemische oder eine strukturelle Fehlentwicklung gelang es nicht im diskursiven Aushandlungsprozess, Deutungsmacht zu gewinnen, stattdessen setzte sich die einseitige Schuldkonstruktion der Banker und der Banken durch. Dies hängt gewiss mit der Komplexität der Finanzkrise, der traditionell vermeintlichen Nähe der Finanzkrise zum Glückspiel, der massenmedialen Natur des Diskurses sowie den geringen Kontaktpunkten des Durchschnittsbürgers mit den Geschäftspraktiken der Finanzbranche zusammen. Das Konglomerat aus diesen zentralen Aspekten legte die einseitige Schuldkonstruktion nahe, weil dadurch schnelle Antworten auf die aus der Krise resultierenden zentralen Fragen nach den Ursachen gefunden werden konnten. So war die Finanzkrise eine gesamtgesellschaftliche Krisenerfahrung, in der die einseitig akteurzentrierte Schuldkonstruktion der Banker und der Banken das Erklärungsmuster ist, das moralisiert werden konnte, weil der Durchschnittsbürger daran anknüpfen sowie es vollständig begreifen konnte. Das 91 Zurückführen der Krise auf systemische oder strukturelle Fehlentwicklungen hätte die angebliche Schuld der Akteure geschmälert, die Komplexität der medialen (Re-)Präsentation der Finanzkrise maßgeblich erhöht und dem in Krisen charakteristischen Impuls nach Schuldkonstruktion entgegengestanden. Als Lösung für das Problem Finanzkrise setzte sich also die Forderung zur Moralisierung der Finanzbranche durch, die nicht nur von zahlreichen Medieninstituten, sondern auch von der Mehrzahl der Politiker energisch vertreten wurde. Der Schuldspruch in höchster Instanz erfolgte dann durch die Verabschiedung des Bankenrettungsgesetzes, das mit Regularien für sogenannte „notleidende Banken“ einherging. Daher ist es nachvollziehbar, dass die Finanzkrise Vertrauens- und Reputationsschäden der Banker und der Banken im Allgemeinen auslöste, weil diese gesellschaftliche Gruppe bzw. Institution über knapp zwei Monate hinweg zur Zielscheibe öffentlicher Kritik wurde. So wurde aus einer komplexen transnationalen Finanzkrise ein lokalisierbares Problem gesamtgesellschaftlicher Fehlentwicklungen gemacht. Die Berichterstattung wich einer moralisierend skandalisierenden Optik, die sich gegen die Banker und die Banken – private wie auch öffentliche – im Allgemeinen bezog, um den Krisenzustand lösbar erscheinen zu lassen. In Folgeuntersuchungen könnte, anknüpfend an die Ergebnisse der durchgeführten Diskursanalyse, die Frage nach der in der Gegenwart öffentlichen Aufarbeitung der Finanzkrise oder die Berichterstattung über die Versicherungsbranche mithilfe eines sehr ähnlichen Forschungsdesigns beantwortet werden. So könnte danach gefragt werden, wie und ob sich die während der Finanzkrisen- Debatte etablierten diskursiven Strukturen in komprimierten Darstellungen der Finanzkrise, ihrer Erinnerungskultur oder in der Berichterstattung über Verischerer wiederfinden ließen. Dafür wäre die Wahl von deutschen Dokumentarfilmen über die Finanzkrise denkbar möglich, da sie das abstrakte (Medien- )Ereignis „Finanzkrise“ zu einer kausalen Erzählstruktur komprimieren und so verdichtet Wissensbestände über die Krise vermitteln, die dann bei Deutungsmacht und zahlreichen Überschneidungen zur Erinnerungskultur zu gesamtgesellschaftlichen Wissensbeständen gerinnen können. Der Zugang zur Erinnerungskultur über Filme wäre nur eine von vielen Optionen.335 Ein anderer Anknüpfungspunkt wäre die nähere Beleuchtung politischer wie auch brancheninterner Reaktionen auf die Finanzbranche, da sich im Folge der Finanzkrise mehrere politische Bewegungen, wie z.B. Attac oder Blockupy, gründeten, die ihre Kritik insbesondere gegen die Banker und Banken richten. Daran schließt unmittelbar die Frage danach an, wie sich die während der Hochphase der Finanzkrisen-Debatte formulierten Kritikpunkte und Forderungen gegenüber der Finanzbranche auf den unterschiedlichsten Ebenen entwickelt 335 Nazim Diehl arbeitet zur Zeit an seiner Dissertation, die den Ursprung des Bedeutungszuwachses von Marke seit den 1980er Jahren untersucht und sich dabei insbesondere auf die Konstruktion von (Marken-)Images von Versicherern konzentriert. 92 haben. Die übergeordnete Frage könnte beispielsweise folgendermaßen lauten: Wie veränderte die Finanzkrise, die darauffolgende öffentliche Kritik sowie die infolgedessen eintretenden Vertrauensschäden das Selbstverständnis und die Selbstpräsentation der einzelnen Banken? Für die Beantwortung dieser Frage würde der massenmediale Diskurs, der in dieser Arbeit analysiert wurde, jedoch nur die Rahmenbedingungen bilden, wohingegen externe wie auch interne Expertendiskurse sowie politische Debatten über regulative Eingriffe in den Finanzsektor die zentralen Untersuchungsgegenstände wären. Auf der Mikroebene könnte dann untersucht werden, wie eben solche politischen, branchenoder unternehmensinternen Entscheidungen umgesetzt wurden und werden. Untersuchungsgegenstände könnten dabei die Leitbilder und die Unternehmenskommunikation einzelner Banken nach der Finanzkrise sein, was zusätzlich mit Feldforschung durch Interviews mit Bankern über die konkrete Umsetzung dieser Entschlüsse ergänzt werden könnte. Einen zentralen Stellenwert nimmt hierbei ebenfalls Moral ein, weil die Moralisierung auf unterschiedlichsten Ebenen die notwendigen Bedingungen für den Anstoß zahlreicher Entscheidungen war und ist.

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Zusammenfassung

Das Image der Banken und des Bankers ist schon lange negativ belastet, doch reichen die Wurzeln tiefer, als die meisten Menschen es vermuten. Das Neuartige an der Finanzkrisen-Debatte ist, dass sich die Finanzbranche im Allgemeinen seit 2008 in einem anhaltenden Vertrauenstief befindet: Die schwindende Kundenloyalität, erhöhte Fluktuation und die nur geringe Effizienz teurer und aufwändig produzierter Werbekampagnen sind Ausdruck dieses Vertrauenstiefs. Daher behandelt dieses Buch die Frage danach, wie während dem gesellschaftlichen Ausnahmezustand einer Finanzkrise und verdichteten Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit über deutsche Banken und Banker berichtet wurde. Und wann werden Kritik und negative Stereotype offener kommuniziert und brennen sich besser in das Gedächtnis ein als in Stress- und Krisensituationen?