1. Einleitung in:

Nazim Diehl

Banken-Image unter Beschuss, page 5 - 20

Die Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte 2008

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3942-7, ISBN online: 978-3-8288-6733-8, https://doi.org/10.5771/9783828867338-5

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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5 1. Einleitung Die Finanzkrise 2008 löste im öffentlichen Diskurs eine Hochkonjunktur der Kritik an der Finanzbranche und dem „Banker“1 aus. Morallosigkeit, Gier oder die vermeintlichen Gemeinsamkeiten ihrer Geschäftspraktiken mit denen eines Glücksspielers2, sind keine neuartigen Zuschreibungen im 21. Jahrhundert, sondern lassen sich bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert wiederfinden.3 So wurden damals viele Ausprägungen des Wertpapierhandels als sittenlos beschrieben, weil dadurch Geld ohne klassisch-produzierende Arbeit vermehrt oder verloren werden konnte. Dies wiederum wurde als anrüchig angesehen. Gegen- über dieser Geschäftspraktik wurde eine ethisch-moralische Kritik angeführt, die insbesondere die Willkür des Glücksspiels wie auch des Wertpapierhandels und den vermeintlichen auf Gier zurückführbaren Suchtfaktor solcher Geschäfte 1 Die Bezeichnung Banker ist an dieser Stelle in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich nicht um die real existierende Berufsgruppe der Banker handelt, sondern um die im Diskurs konstruierte Figur des „Bankers“. Im weiteren Verlauf wird auf die Anführungszeichen verzichtet, obwohl die gesamte vorliegende Arbeit die diskursiv erzeugte Figur thematisiert. Dabei wird die Bezeichnung Banker fortlaufend als Sammelsurium unterschiedlicher Personengruppen benutzt, die im Diskurs größtenteils nicht voneinander getrennt werden, sondern in Form von Bezeichnungen wie „Banker“, „Spekulant“, „Börsianer“ usw. zusammengefasst werden. In der Regel referieren sie allesamt auf nichts anderes als auf eine in der Finanzbranche tätige Personengruppe, die meistens nicht näher bestimmt wird. In dieser Arbeit wird auf die Unterscheidung in männliche und weibliche Bezeichnungen verzichtet und auf das generische Maskulinum zurückgegriffen, obwohl jeweils sowohl männliche wie auch weibliche Personengruppen gemeint sind. Dies hängt mitunter damit zusammen, dass die Berichterstattung die Figur des Bankers als primär männliche konstruiert. 2 Das Glücksspiel als lasterhafte Praktik hat eine lange Tradition. So spielen beispielsweise bereits in der Bibel römische Soldaten um den Rock Christis, was mitunter ihre Respektlosigkeit gegenüber dem Sohn Gottes und ihre allgemeine Morallosigkeit ausdrücken sollte. Hempel, Dirk: Spieler, Spekulanten, Bankrotteure, Bürgerlichkeit und Ökonomie, in: Hempel, Dirk (Hrsg.): "Denn wovon lebt der Mensch?" Literatur und Wirtschaft, Frankfurt 2009, S. 99. 3 De Goede, Marieke: Finanzen, Spiel, Spekulation, in: Langenohl, Andreas/Wetzel, Dietmar J. (Hrsg.): Finanzmarktpublika: Moralität, Krisen und Teilhabe in der ökonomischen Moderne, Wiesbaden 2014, S. 31–52. 6 bemängelte.4 Diese Kritikpunkte nutze das Bürgertum, um das eigene „ehrbare“ Verhalten von dem der Finanzmenschen5 abzugrenzen und umso ein positives Selbstbild des rationalen Bürgertums zu konstruieren. Dazu diente das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns, das den angeblich lasterhaften Geschäftspraktiken und den negativen Charaktereigenschaften der Finanzmenschen als Gegenkonzept galt.6 Dieses Leitbild samt der Forderung nach verantwortungsvollem sowie tugendhaftem Verhalten erlebte im Zuge der Finanzkrise eine Renaissance.7 So traten die gegenüber den Bankern herangeführten zentralen moralischen Kritikpunkt der Gier und ihre Bereicherung auf Kosten Dritter also nicht erst im Zuge der Finanzkrise 2008 auf, sondern bildeten vielmehr eine relativ stabile Konstante in der Auseinandersetzung zwischen Gesellschaft und Finanzmarkt. Im Gegensatz zu den Vorwürfen der Gier waren die eklatanten und die seit Ende 2008 einsetzenden Vertrauensschäden neuartiger Natur, die die Finanzbranche und die Berufsgruppe der Banker im Allgemeinen infolge der Finanzkrise zu verzeichnen hatten.8 Die Frage nach den Ursprüngen dieser Vertrauens- 4 Stäheli, Urs: Spektakuläre Spekulation. Das Populäre der Ökonomie, Frankfurt am Main 2007, S. 63-70. 5 Die Bezeichnung „Banker“ entspricht einem Anglizismus, der im 18. Jahrhundert noch nicht existierte. Daher wurde hier wie auch von Marieke de Goede auf den Überbegriff der „Finanzmenschen“ zurückgegriffen. Vgl. De Goede, Marieke: Finanzen, Spiel, Spekulation. 6 Dirk Hempel arbeitet heraus, das der Spekulant, Spieler oder Bankrotteur in literarischen Werken als Gegenbild einer sich selbst als tugendhaft wahrnehmenden bürgerlichen Gesellschaft dargestellt wird. Vgl. Hempel: „Denn wovon lebt der Mensch“. 7 Im Rahmen der 2007 beginnenden Bankenkrise machte Horst Köhler die Begrifflichkeit des „Ehrbaren Kaufmanns“ im Jahr 2008 mehrfach zum Gegenstand seiner Rede, in einem Leitantrag aus dem Jahr 2008 forderte die CDU die Rückbesinnung auf das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns, die SPD forderte dies bereits 2006. Ferner gewann das Leitbild ebenfalls parteiübergreifend von der FDP bis zur Linken an Relevanz. Deutsche Wirtschaftsvertreter reagierten mit der Unterzeichnung des Leitbilds „verantwortlich Handeln“, die zehn von der CDU verfassten Prinzipien umfassten, sowie mit der Signierung zahlreicher anderer Kodizes. Darüber hinaus gewann das Leitbild im Rahmen der Corporate-Social-Responsibility- Forschung an Relevanz, obwohl hier angemerkt sein soll, dass das Leitbild nur sehr selten im Kontext seiner mitunter antisemitischen Entstehungshintergründe kontextualisiert wurde. Daher liegt es nahe, dass diese Wortbenutzung im 21. Jahrhundert davon getrennt zu sein scheint und das Konzept des „Ehrbaren Kaufmanns“ von den Sprechern nicht antisemitisch konnotiert ist. Vgl. Schwalbach, Joachim/Klink, Daniel: Der Ehrbare Kaufmann als individuelle Verantwortungskategorie der CSR-Forschung, in: Schneider, Andreas/Schmidpeter, René (Hrsg.): Corporate Social Responsibility: Verantwortungsvolle Unternehmensführung in Theorie und Praxis, Berlin 2012, S. 219-240. 8 Dies manifestiert sich in einem anhaltenden Vertrauenstief, das u.a. in den Ergebnissen der Verbraucherinterviews des aktuellen Global Trust Reports 2014 der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung Ausdruck findet (GfK Verein: Annual Report 2013/14, München 2014, S. 45): Der Vertrauensindex der deutschen Finanzbranche liegt hier mit nur 33% auf dem letzten Platz des Branchenrankings (GfK Verein: Annual Report 2014/15, Berlin 2015, S. 54), während die Banker mit nur 19% auf dem vorletzten Platz des Berufsrankings landen. Weitere Belege für die Vertrauensschäden folgen in der Arbeit und werden theoretisch gerahmt. 7 schäden ist nicht monokausal zu beantworten, da Vertrauen ein stark subjektives Phänomen ist und daher nicht eine unmittelbare Ursache, sondern das Konglomerat verschiedenster Einflüsse letztlich zu den Vertrauensschäden geführt hat.9 Dennoch bietet es sich an, die Vertrauensschäden der Finanzbranche als Ausgangspunkt für diese Untersuchung zu wählen, weil sie eine gemeinsame Schnittstelle mit dem als Krise kommunizierten sowie moralisierten Ereignis der Finanzkrise und ihrer mediale (Re-)Präsentation hat. Kritik im Allgemeinen wie auch moralische Vorwürfe gegenüber Bankern und Banken unterlagen jedoch zeitlichen Schwankungen und erleben jeweils in Krisenzeiten der Finanzmärkte Hochphasen.10 Wie sich bereits an dieser Stelle abzeichnet, untersucht die vorliegende Arbeit also moralische Kritik gegenüber Bankern und Banken, deren impliziter oder expliziter Referenzpunkt oftmals die Vorstellung eines „tugendhaften“, „verantwortungsvollen“ oder „moralischen“ Wirtschaftens war. 1.1 Fragestellung Die Subjektivierung und Moralisierung des Diskurses war während der Finanzkrisen-Debatte omnipräsent und lässt sich in fast jedem Diskursfragment wiederfinden. Aufgrund des großen Stellenwerts von Moralisierung im öffentlichen Diskurs soll untersucht werden, wie moralische Kritik von der deutschen Presse an den Bankern und den Banken während dem Medienereignis der Finanzkrise 2008 geäußert wurde. Letztlich führten die Beschreibungen sowie Bewertungen zur diskursiven Konstruktion der Rolle der Banker und der Banken. In Form ihrer medialen (Re-)Präsentation entstand eine Interdependenzerfahrung zwischen Bankern und Banken sowie dem zeitgenössischen Publikum. Dadurch konnten subjektive Lebenswelten letzterer von der Berichterstattung und ihre auf die Banker und den Banken bezogenen Einstellungen und Meinungen nachhaltig beeinflusst werden. So konnten wiederkehrende Erzähl- und Argumentationsmuster sowie charakterliche Zuschreibungen wie beispielsweise die der Gier beim Publikum ein Stereotyp11 der Banker und der Banken generieren oder 9 Grünberg spricht davon, dass Negativschlagzeilen, die mediale Dauerpräsenz der Finanzund Wirtschaftskrise sowie die daraus resultierende Verunsicherung bezüglich langfristig angelegter Finanzprodukte zu Vertrauensschäden der Finanzbranche im Allgemeinem führten, wobei auch diese Auflistung von Ursachen die Frage sicherlich nicht abschließend beantworten kann. Grünberg, Patricia: Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Akzeptanz, in: Bentele, Günter/Bohse, Reinhard/Hitschfeld, Uwe/Krebber, Felix (Hrsg.): Akzeptanz in der Medien- und Protestgesellschaft. Zur Debatte um Legitimation, öffentliches Vertrauen, Transparenz und Partizipation, Wiesbaden 2015, S. 25-26. 10 De Goede: Finanzen, Spiel, Spekulation, S. 32. Für einen Überblick vorheriger Börsenkrisen vgl. Plumpe, Werner: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart, München 2010, S. 9- 13. 11 Stereotype verstanden als Zeichen, die zwei Bedingungen erfüllen müssen: Stereotype sind (1.) stets wahrnehmungsbasiert und formulieren (2.) eine positive oder negative Wertzuschreibung. Vgl. Hahn, Hans Henning/Hahn, Eva: Nationale Stereotypen. Plädoyer für eine 8 zumindest stereotypes Wissen massenmedial transportieren, zu dem sich dann die Rezipienten positionieren mussten. Aus bisherigen Erfahrungen und Erwartungen gepaart mit den Inhalten einzelner bzw. verschiedener journalistischer Artikel entsteht sodann ein subjektiver Gesamteindruck (Image), den eine Person beispielsweise von einer anderen Person, einer Berufsgruppe oder einer Branche hat. Dieses Image wird von sämtlichen Kontaktpunkten mit einem Bezugsobjekt bestimmt und kann als die „Gesamtheit der an einen Gegenstand geknüpften Vorstellungen, Emotionen und Wertungen“12 verstanden werden.13 Die Frage nach den 2008 einsetzenden immensen Vertrauensschäden der Finanzbranche und der Berufsgruppe Banker im Allgemeinen hängt also unmittelbar mit der Berichterstattung über sie zusammen, während diskursive Moralisierung und moralische Schuldkonstruktion zentrale Strukturelemente des Diskurses bilden. Die Frage soll deshalb durch die Analyse der diskursiven Inszenierung14 bzw. Konstruktion von der Figur der Banker und der Banken in der Finanzkrisen-Debatte 2008 beantwortet werden.15 Die Moralisierung des Diskurses bzw. die Einforderung von „Verantwortlichkeit“16 stellt dabei das Mittel der öffentlichen Meinung dar, um Kritik an Entscheidungen und an Handlungen der Finanzbranche und der Banker zu üben, da diese in vielen Fällen keine Gesetzwidrigkeiten begangen haben und somit juristisch nicht belangt werden historische Stereotypenforschung, in: Hahn, Hans Henning (Hrsg.): Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen, Frankfurt 2002, S. 17-36; einen umfassenden Forschungsüberblick über die bisherige historische Stereotypen-Forschung lässt sich hier finden: Vgl. Hahn, Hans Henning: 12 Thesen zur historischen Stereotypenforschung, in: Hahn, Hans Henning/Mannová, Elena (Hrsg.): Nationale Wahrnehmungen und ihre Stereotypisierung. Beiträge zur historischen Stereotypenforschung, Frankfurt 2007, S. 15-24; Schönwald, Antja: Identitäten und Stereotype in grenz- überschreitenden Verflechtungsräumen. Das Beispiel der Grossregion, Wiesbaden 2012, S. 76-97. 12 Brachfeld, Oliver: Image, in: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel 1976. 13 In Bezug auf die (soziologische) Erforschung von Image und Imagekonstruktionsprozessen haben Herbert Willems, York Kautt und Gabriele Siegert Pionierarbeit geleistet: Vgl. Kautt, York: Image. Zur Genealogie eines Kommunikationscodes der Massenmedien, 2008 Bielefeld; Siegert, Gabriele: Medien, Marken, Management. Relevanz, Spezifika und Implikationen einer medienökonomischen Profilierungsstrategie, München 2001; Willems, Herbert/Kautt, York: Theatralität der Werbung.Theorie und Analyse massenmedialer Wirklichkeit. Zur kulturellen Konstruktion von Identitäten, Berlin 2003. 14 Goffman hat in seinen Arbeiten nachgewiesen, dass Menschen sich in sozialen Situation „inszenieren“. Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, Frankfurt 1977; Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, 12. Auflage, München 2013. 15 Das Medienereignis und die Finanzkrise 2008 wurden als Schlüsseljahre gewählt, weil dies zwei jüngere Bezugspunkte bilden, in denen sich die öffentliche Debatte in Deutschland auf die Finanzbranche verdichtet hat. Genaueres auf S. 51-53. 16 Die Begrifflichkeiten Moral und Verantwortung sowie ihr Bezug und ihre Ausprägungen in der Finanzkrisen-Debatte werden im Verlauf der Arbeit ausführlich erläutert. 9 konnten.17 Aus diesem Grund bilden die Moralisierung des Diskurses, ihre sprachlichen Erscheinungsformen, argumentativ konstruierte Dichotomien und ihre rhetorischen Funktionen die zentralen Analysekriterien dieser Untersuchung. Bei der Finanzkrise 2008 handelte es sich um ein transnationales Phänomen, das seinen Ausgang in den USA genommen hat. Es stellt sich also die Frage danach, ob über Banker und über Banken im Allgemeinen berichtet wurde oder ob im Diskurs zwischen in Deutschland und im angelsächsischen Raum angesiedelten Bankern und Banken unterschieden wird. Da nach den im Zuge der Finanzkrise 2008 auftretenden Vertrauensschäden in Deutschland gefragt wird, liegt es nahe, ausschließlich die diskursiv konstruierte Rolle der in Deutschland verorteten Banker und Banken zu untersuchen. Nun tritt aber das Abgrenzungsproblem auf, dass auch in Deutschland angesiedelte Banken international tätig sind, diese über Niederlassungen in beispielsweise London oder New York – so wie z.B. die Deutsche Bank – verfügen und daher viele Banker regelmäßig von Deutschland zu einer angelsächsischen Filiale pendeln. Dieses analytische Abgrenzungsproblem löst sich im Abgleich mit der Berichterstattung über die Banker und die Banken auf, da beispielsweise vermeintliche Exzesse der Branche oder der Berufsgruppe nur in konkreten Ausnahmefällen räumlich in Deutschland verortet wurden und in den meisten Fällen im angelsächsischen Raum lokalisiert wurden. In Presseartikeln ist dies daran zu erkennen, dass regionale Verortungen durch sprachliche Marker wie z.B. „London“, „New York“, „Wall Street“ mit der Darstellung einer höheren Intensität der vermeintlichen Exzesse einhergingen.18 In der Argumentationsstruktur einzelner Presseartikel erfüllten diese – teilweise im Kontrast zu den „deutschen“ Bankern – eine spezifische oder beabsichtigte rhetorische Funktion, die im Laufe dieser Arbeit herausgearbeitet wird. Dadurch lässt sich die diskursive Unterteilung in „eigene“ bzw. in Deutschland angesiedelte Banker und Banken sowie „fremde“ bzw. nicht in Deutschland angesiedelte Banker und Banken erkennen. Daher werden die Fälle, die ausschließlich von „fremden“ Banker und Banken handeln, aus der Untersuchung ausgeklammert. Diese Arbeit verortet sich als gegenwartsgeschichtliche Analyse zwischen der Disziplin der Soziologie und dem klassischen Terrain der Geschichtswissen- 17 Diese Funktion der moralischen Kritik ist ebenfalls aus der Korruptionsforschung bekannt. Korruptionskritik wird dabei verstanden als Mittel der insbesondere Nicht-Mächtigen gegen die Mächten, um Personen oder Sachverhalte im öffentlichen Diskurs anzuprangern. Dabei wird Korruptionskritik als ein Modus verstanden, indem „europäische Gesellschaften seit etwa dem Jahr 1800 über sich selbst und über ihre politischen Ideale nachdenken.": Engels, Jens Ivo: Die Geschichte der Korruption. Von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert, Frankfurt 2014, S. 13. 18 Ziem, Alexander: Kollokationen, Konkordanzen und Metaphern. Krisenszenarien im Spiegel, in: Aptum 6 (2010), S. 166-167. 10 schaft.19 So haben bereits zahlreiche Historiker Medienereignisse erforscht und neben anderen Soziologen wurde das Untersuchungsfeld der Moral prominent von Georg Simmel und Emile Durkheim bearbeitet. Diese beiden disziplinären Anknüpfungspunkte bilden den Rahmen, um die Stereotypen-Konstruktion der Banker und den Banken im Diskurs umfassend zu erarbeiten. 1.2 Materiallage 1.2.1 Forschungsstand Dem öffentlichen Bild der 'Finanzmenschen', der Spekulanten oder der Banker widmeten zahlreiche Autoren ihre Aufmerksamkeit. So stellt Urs Stäheli den öffentlichen Diskurs über Spekulanten, ihre Geschäftspraktiken und die Finanzindustrie in ihr Analysezentrum und untersucht, worauf ethisch-moralische Kritik an Finanzmarkt-Spekulationen im 18. und 19. Jahrhundert basierte. Sie arbeitet heraus, dass Spiel und Spekulation bis ins 19. Jahrhundert hinein in Europa von Zeitgenossen nicht voneinander abgegrenzt wurden, sondern vielmehr als negativ konnotiertes „Amalgom“ auftraten. Ferner äußerten zeitgenössische Beobachter öfters den Hauptkritikpunkt, dass die vermeintliche Nähe der Finanzmenschen zum Glücksspiel sowie die damit zusammenhängende wahrgenommene Irrationalität und willkürliche Verteilung von Gewinnchancen ungerecht sei. Im Laufe des 19. Jahrhunderts schafften es die Börse und ihre Vertreter sich im öffentlichen Diskurs in Abgrenzung zu einzelnen Entitäten der Finanzmarkt-Spekulation und insbesondere zum Glücksspiel, als legitime und rationale Geschäftspraktik darzustellen.20 Marieke de Goede akzentuiert die den Diskurs bestimmende Relevanz von Moral auf die gesellschaftliche Bewertung der Finanzmarkt-Legitimität. So stieg die Reputation des Finanzmarktes erst im 20. Jahrhundert an, nachdem die Finanzmarkt-Öffentlichkeit proklamierte, einen wirtschaftlich gesamtgesellschaftlichen Nutzen zu erfüllen und somit einen Beitrag für die Realwirtschaft21 zu leisten.22 Alex Preda führt die moralische Kritik gegenüber den Geschäftspraktiken der Börse darauf zurück, dass sie als Bedrohung der sozialen Ordnung wahrgenommen wurden, und erklärt, dass sie sich durch die Proklamierung und gesellschaftliche Anerkennung „objektiver Gesetze“ legitimieren konnte. Dies ermöglichte es den Ökonomen und den 'Finanzmenschen', sich als kalkulierende, weitsichtige sowie rationale Strategen 19 ödder klassifiziert seine gegenwartsgeschichtliche Arbeit auf vergleichbare Art und Weise. Rödder, Andreas: 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, 2015 München, S. 11-12. 20 Die Analysen von Stäheli und de Goede beziehen sich zwar auf den angelsächsischen Raum, aber dennoch wurden sie hier herangezogen, weil es einschlägige Studien für den deutschsprachigen Raum noch nicht gibt: Stäheli: Spektakuläre Spekulation; De Goede, Marieke: Finanzen, Spiel, Spekulation, S. 31–52. 21 Realwirtschaft verstanden als Güter produzierende oder Dienstleistungen anbietendes Unternehmen. 22 De Goede: Finanzen, Spiel, Spekulation, 42-44. 11 darzustellen und so durch den Verweis auf ökonomische Regelmäßigkeiten die Vorwürfe des Glücksspiel-Charakters zu entkräften.23 Die gesamtgesellschaftliche Funktion der Finanzmärkte und ihre Kontrollierbarkeit nehmen also für ihre gesellschaftliche Legitimation eine zentrale Rolle ein, die jedoch während der Finanzkrisen-Debatte 2008 beschädigt wurden und teilweise zur Disposition standen.24 Über die Finanzkrisen-Debatte 2008 existiert eine Fülle an Untersuchungen, sodass alle bisherigen Ergebnisse hier weder in kondensierter Form präsentiert werden könnten noch das dies für die zu untersuchende Fragestellung nach der Moralisierung des Diskurses zielführend wäre. Daher werden im Folgenden nur ausgewählte Untersuchungen zusammengetragen.25 Grundsätzlich fällt vielen Wissenschaftlern auf, dass sich die Finanzkrisen-Debatte 2008 durch eine hohe Anzahl an Metaphern auszeichnete.26 Im Diskurs traten dabei insbesondere 23 Preda, Alex: The Investor as a Cultural Figure of Global Capitalism, in: Knorr-Cetina, Karin/Preda, Alex (Hrsg.): The sociology of financial markets, Oxford 2005, S. 149-162. 24 Vgl. Westermeier, Carola: A Crisis of Trust in Financialised Knowledge. Expertise on Regulation and Supervision following the Global Financial Crisis, in: Andrea Schneiker et al. (Hrsg.): Transnational Expertise. Nomos Reihe “Transnational Perspectives on Transformations in State and Society“ (Im Erscheinen). 25 Für einen weiterführenden Einblick: Peter, Knoop, Wedemeyer, Lubrich untersuchen Sprachbilder und wie die Krise zeitgenössisch beschrieben wurde. Vgl. Peter, Nina/Knoop, Christine/Wedemeyer, Catarina von/Lubrich, Oliver: Sprachbilder der Krise. Metaphern im medialen und politischen Diskursen: Anja Peltzer (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien, Konstanz 2012, S. 49–69. Schulz beschäftigt sich mit der Verarbeitung der Finanzkrise in Gegenwartsliteratur vgl. Schulz, Judith: Zwischen Fakt und Fiktion. Die Finanzkrise als literarisches Motiv in Martha McPhees Dear Money, in: Anja Peltzer (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien, Konstanz 2012, S. 209–225. Wengeler nimmt eine framesemantische Presseanalyse vor, um die Konstruktion der Begrifflichkeit Internetblase (2003) und Finanzkrise (2008) zu analysieren. Vgl. Wengeler, Martin: Historische Diskurssemantik. Das Beispiel Wirtschaftskrisen, in: Roth, Kersten Sven/Spiegel, Carmen (Hrsg.): Angewandte Diskurslinguistik. Felder, Probleme, Perspektiven, Berlin 2012, S. 43–60. Für die Verarbeitung der Finanzkrise im Gegenwartskino vgl. Peltzer, Anja: Filmische Spekulationen. Zur Inszenierung der Finanzkrise im Kino, in: Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hrsg.): Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein fortwährend aktuelles Phänomen, Bremen 2013, S. 111–126. Link analysiert bildliche Repräsentation während der Berichterstattung über die Finanzkrise vgl. Link, Jürgen: "Ein 11. September der Finanzmärkte". Die Kollektivsymbolik der Krise zwischen Apokalypse, Normalisierung und Grenzen der Sagbarkeit, in: kultuRRevolution 55 (2009), S. 10–15. 26 Mit einer Analyse der im Diskurs vorhandenen Metaphern beschäftigen sich diese Autoren: Vgl. Kuck, Kristin/Römer, David: Metaphern und Argumentationsmuster im Mediendiskurs zur "Finanzkrise", in: Anja Peltzer (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien, Konstanz 2012, S. 71–93; Langenohl und Schmidt-Beck zeigen anhand der Analyse der Diskurs Metaphorik, dass es eine Krisenrhetorik in der Finanzmarktpresse gab. Vgl. Langenohl, Andreas/Schmidt-Beck, Kerstin: Die diskursive 12 Krankheits-, Kriegs- und Katastrophen-Metaphern in Erscheinung, in denen nur selten von Ursachen oder Schuldigen die Rede war, sondern die Finanzkrise oftmals naturalisiert und somit als unumgänglich dargestellt wurde.27 Kristin Kuck und David Römer merken an, dass die Schuldzuschreibungen gegenüber den Bankern nicht metaphorisch, sondern explizit erfolgte, indem sie beispielsweise der Gier beschuldigt wurden.28 Daher wird im Laufe dieser Arbeit zwar in Einzelfällen auf die Metaphorik und die einschlägigen Ergebnisse vorheriger Analysen Bezug genommen, jedoch stehen sie nicht im Analysezentrum, weil sie nur bedingt zur Moralisierung des Diskurses oder zur Stereotypisierung der Banker und der Banken beitrugen. Oliver E. Kuhn wählt den Umweg Alltagskommunikation-typische Erklärungs- und Argumentationsmuster durch die Analyse von Kommentaren aus Internetforen zu untersuchen. Er findet heraus, dass Normen und Werte dabei das zentrale argumentative Mittel der Forennutzer bildeten, um Kritik an der Finanzbranche zu üben. Diese wurden regelmäßig mit einem Bezug zum Allgemeinwohl oder zur Verantwortung vor der Gesellschaft thematisiert. Die vorliegende Arbeit knüpft daran an, indem nach Moralisierung gefragt wird, derer enormer Stellenwert im Diskurs beispielsweise von Kuhn auf der Ebene der Alltagskommunikation herausgearbeitet wurde.29 Kuck und Römer arbeiten drei zentrale Argumentationsmuster im Diskurs heraus, wovon eines sich auf Banker und Banken bezieht – das die vermeintliche „Gier der Banker und Banken“ Entgrenzung und Eindämmung von Finanzmarktkrisen. Die jüngste US-Immobilienkrise und daran anschließende „Systemdiskussionen“ in Deutschland, Manuskript. Online verfügbar unter: http://wirtsoz-dgs.mpifg.de/dokumente/langenohl_schmidt-beck.pdf – Stand 23.07.2016. Ziem versucht eine Geschichte des Metapherngebrauchs der Finanzkrise zu entwerfen. Ziem, Alexander: Kollokationen, Konkordanzen und Metaphern, S. 157–169. Oppenhäuser erstellt aufgrund Lage eines Quellenkorpus an Artikeln, die sich mit der Globaliserungsdebatte beschäftigen u.a. eine Typologie von Metaphern, die im Rahmen von Wirtschaft und Finanzen verwendet werden. Oppenhäuser, Holger: Mit Darwin ins Kasino oder mit Verkehrskontrollen gegen Heuschrecken? Kollektivsymbolik in der Globalisierungsdebatte, in: kultuRRevolution 52 (2007), S. 38–50. 27 Kuck/Römer: Metaphern und Argumentationsmuster, S. 84-89. 28 Ebd., S. 89. 29 Kuhn, Oliver E.: Alltagswissen in der Krise: Über die Zurechnung der Verantwortung für die Finanzkrise, Wiesbaden 2014. Auch Niehr führt eine Argumentationsanalyse aufgrund Lage von Blogkommentaren zu einer Talkrunde von Anne Will über Banker und die Banken durch, wobei er sich verstärkt den (formal-)rhetorischen Argumentationsfiguren widmet. Seine Ergebnisse fasst er auf folgenden Seiten zusammen: Niehr, Thomas: "Wenn die Merkel, den Ackermann an die Leine nehmen soll ist das genauso, als wenn ein Hund sein Herrchen anleint." Die Finanzkrise – und was das Volk darüber denkt und schreibt, in: OBST 81 (2012), S. 140-142. Mit der „moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse beschäftigt sich explizit Steffen Burkhardt. Vgl. ders.: Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln 2006. 13 umfasst.30 Auf diesen Ergebnissen aufbauend widmet sich die vorliegende Arbeit im Gegensatz zu den meisten bisherigen Diskursanalysen nicht der gesamten Finanzkrisen-Debatte, sondern stellt ein semiotisches Zeichen für eine Gruppe (Banker und Banken), in den Fokus der Untersuchung, um deren diskursive Konstruktion und inszenierte Rolle tiefgreifend analysieren zu können.31 Die Dissertation von Jan Krasni stellt ebenfalls die Frage nach der diskursiven Konstruktion von Schuld, wobei er nicht primär die Finanzkrisen-Debatte, sondern den Diskurs über Manager-Bonuszahlungen im Zeitraum von 2010 bis 2014 analysiert.32 Ferner bezieht Krasni vermehrt bildliche Quellen in seine multimodale Diskursanalyse mit ein und analysiert insbesondere, wie sich die Schuldzuschreibungen durch spezifische Kameraeinstellungen und Perspektivierungen konstruieren.33 Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit setzt dort an und untersucht, wie die Konstruktion der Figur des Bankers und der Banken mithilfe von Moralisierung im Diskurs erfolgte. Andere Arbeiten berühren Aspekte dieser diskursiven Konstruktion bereits teilweise im Kontext einer anderen Fragestellung, doch eine systematische Analyse blieb bisher aus. Daher sollen erstmals konnotative Marker systematisch herausgearbeitet werden und die Konstitution der Figur des Bankers und der Banken über den Zugang der 30 Kuck/Römer: Metaphern und Argumentationsmuster, S. 174. Münnich arbeitet aus der Heuschrecken-Debatte 2005 vier zentrale Rechtfertigungsmuster heraus, die größtenteils moralisch grundiert sind. Münnich, Sascha: Von Heuschrecken und Bienen. Profit als Legitimationsproblem, in: Leviathan Sonderband 27 (2012), S. 283–301. Die Heuschrecken- Debatte bot sich zum Einbezug in die Analyse jedoch nicht an, da es sich bei den „Heuschrecken“, um insbesondere angelsächsische Private-Equity-Investmentmanager handelte, die im Diskurs als ausländische Bedrohung dargestellt wurden. Des Weiteren ist die Heuschrecken-Debatte bereits relativ gut erforscht: Sprachwissenschaftliche Metaphernanalye zur „Heuschrecke“ finden sich hier: Vgl. Leggewie, Claus: Hässliche Feindbilder gesucht. Antisemitismus, Antiamerikanismus und Antikapitalismus in der Globalisierungskritik, in: Internationale Politik 60 (2005), S. 96-107.; Ziem, Alexander: Frames und sprachliches Wissen. Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz, Berlin 2008; Ziem, Alexander: "Heuschrecken" in Wort und Bild. Zur Karriere einer Metapher, in: Muttersprache 118 (2008), S. 108–120; und bei Oppenhäuser: Mit Darwin ins Kasino, S. 38-50. Den aktuellen Forschungsstand zur Heuschrecken-Debatte hat Urban in ihrer Dissertation aufgearbeitet. Urban, Monika: Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken: Judenfeindliche Tiersymbolisierungen und die postfaschistischen Grenzen des Sagbaren, Dissertation, Konstanz 2014. 31 Solche systematischen akteurszentrierten Analysen blieben bisher größtenteils aus. Schranz, Mario/Eisenegger, Mark: Finanzmärkte in der Medienöffentlichkeit, in: Langenohl, Andreas/Wetzel, Dietmar J. (Hrsg.): Finanzmarktpublika. Moralität, Krisen und Teilhabe in der ökonomischen Moderne, Wiesbaden 2014, S. 227–229. 32 Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte 2008, daher kam eine Analyse der Managerlöhne oder Bonuszahlungen nicht in Frage, weil sie sich nicht ausschließlich auf die Finanzindustrie beschränkt, sondern sich regelmäßig auch auf andere Manager und beispielsweise Fußball-Manager bezieht. 33 Krasni, Jan: Schuld und Krise. Zur Darstellung der Schuld an der Finanzkrise – Bonuszahlungendiskurs in deutschen online-Medien, unv. Diss., Belgrad 2016. 14 Moralisierung erschlossen werden und in Kontext zu den 2008 erfolgenden Vertrauens- und Reputationsschäden gesetzt werden. Carola Westermeiers Arbeit verfolgt eine inhaltlich ähnliche Fragestellung, wobei sie sich auf die politischen Handlungsträger und ihr Vertrauen gegenüber Finanzexperten konzentriert. Sie argumentiert, dass die Finanzkrise das Vertrauen politischer Akteure in Finanzexperten fundamental beschädigte, wodurch seitens der Politiker nur ausgewählten Experten Vertrauen geschenkt wurde. Ferner konstatiert Westermeier, dass mit der Finanzkrise auch eine epistemische Krise einherging, die die Kompetenz der Finanzexperten, der Banker und der Banken hinterfragte und sich in beschädigtem Vertrauen gegenüber dem Expertenwissen über den Finanzmarkt sowie in ihre Geschäftspraktiken äußerte. Ihre Untersuchung zielte also ebenso wie die Fragestellung dieser Arbeit auf Vertrauensdynamiken im Zuge der Finanzkrise ab, wobei sie nicht nach der Moralisierung des Diskurses fragte und ihre Analyse nicht den öffentlichen Diskurs beleuchtet.34 Daher knüpft die vorliegende Arbeit unmittelbar an ihren Ergebnisse an und versucht zu klären, ob sich Vergleichbares durch den öffentlichen Diskurs konstatieren lässt. 1.2.2 Quellen Aus den Arbeiten des Kommunikationswissenschaftlers Jürgen Wilke ist bekannt, dass Leitmedien eine zentrale Rolle in diskursiven Aushandlungsprozessen spielen. Dies hängt einerseits mit ihrer gesellschaftlichen bzw. zielgruppenspezifischen quantitativ weiten Verbreitung und andererseits mit ihrer Zitierhäufigkeit in anderen Medien zusammen. Die Devise lautet also, dass Leitmedien innerhalb der massenmedialen Berichterstattung eine gesellschaftliche Leitfunktion einnehmen und die Gesellschaft oder aber zumindest den Diskurs beeinflussen können.35 Das Medium der Presse ist gegenüber dem Film bzw. dem Fernsehen seit den 60er-Jahren in Bezug auf die Popularität zurückgefallen, aber dennoch haben die Presseartikel der Leitmedien insbesondere ihre einflussreiche Stellung neue Themenfelder aufgreifen und anstoßen zu können behauptet, wodurch sie noch immer die Oberhand in ihrer diskursiv prägenden Leitfunktion behalten.36 In dem Interesse ein möglichst für den Diskurs relevantes sowie umfassendes Quellenmaterial heranzuziehen, fiel die Auswahl auf drei Wochenzeitungen, die 34 Westermeier: A Crisis of Trust. 35 Wilke, Jürgen: Leitmedien und Zielgruppenorgane, in: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1999a, S. 302-303. Für eine Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis zur Wiedervereinigung vgl. Wilke, Jürgen (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1999b. 36 Ein Beispiel für eine Untersuchung, die sich mit einem Medienereignis und dessen medialer (Re) Präsentation in Deutschland beschäftigt: Weichert, Stephan Alexander: Die Krise als Medienereignis. Über den 11. September im deutschen Fernsehen, Köln 2006. 15 jeweils ein anderes Klientel bedienen: das linksliberale Nachrichtenmagazin Der Spiegel, die eher konservative Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) und die sich an die in der Wirtschaft tätigen Fachleute richtende Wirtschafts- Woche (WiWo). 37 Wöchentlich erscheinende Nachrichtenmagazine wurden Tageszeitungen vorgezogen, weil diese abseits vom Tagesgeschehen entstehen und somit weniger ausdrücklich deskriptiv berichten, als vielmehr versuchen, Ursachen und kausale Zusammenhänge in detaillierterer Form für den Leser aufzubereiten.38 Für die Ausgaben während der Finanzkrise bedeutet dies konkret, dass sie das Geschehen der Woche detaillierter als Tagesblätter, aber dennoch komprimiert abbilden.39 Gegenwartsgeschichtliche Forschungsvorhaben sehen sich aufgrund der Fülle des vorhandenen Materials fast schon zwangsläufig zur Eingrenzung des Quellenmaterials gezwungen, weil die vollständige Erfassung und ihr umfassender Einbezug bei vielen Fragestellungen schlichtweg kaum möglich ist. So muss auch an dieser Stelle betont werden, dass es sich nicht um eine vollständige Erfassung der Hochphase der Finanzkrisen im deutschen Pressediskurs handeln kann, sondern mithilfe der Auswahl von Leitmedien verschiedener Couleur wird versucht, ausreichendes und vielfältiges Material heranzuziehen, um die Fragestellung zu beantworten. Den Beginn des Analysezeitraum bildet die Insolvenz der USamerikanischen Bank Lehman Brothers am 15. September 2008. In unmittelbaren Folge der Zahlungsunfähigkeit der Bank Lehman Brothers und der weltweiten Vernetzung der Finanzmärkte kam es ebenfalls innerhalb der deutschen Finanzbranche zu Problemlagen. Der Analysezeitraum endet am 31. Oktober 2008, weil dieser Zeitraum ebenfalls die Hochphase der Finanzkrise-Debatte beinhaltet – also diejenigen sieben Wochen, in denen die Finanzkrise erstmals auch deutsche Banken erreichte, ihre Konsequenzen die Realwirtschaft erfassten und dies schließlich zu der Rettung der Banken führte, die bis Ende Oktober noch intensiv diskutiert wurde. Alle diese Themen wurden entsprechend ausgiebig in den Leitmedien diskutiert und bilden den kontextuellen Rahmen, in dem sich der öffentliche Diskurs – um die Rolle der Banker und Banken drehte. 37 Die für die Untersuchung herangezogenen Artikel wurden mithilfe einer Schlagwort-Suche in den einschlägigen Archiven eruiert und mussten sich auf die Finanz-Krise beziehen. Dies sind die verwendete Schlagwörter zuzüglich ihrer frequentierten Begriffe: Heuschrecke, Spekulant, Bankster, Banker, Finanzjongleur, Bankberater, Börsianer, Broker, Trader, Finanzhai, Finanzmanager, Private Equity, Hedgefond, Kapitalist, Heuschreckenschwarm, Heuschreckenschwärme, Investor. Artikel des Feuilleton-Teils wurden ausgeklammert. Es handelt sich dabei um 110 Artikel. 38 Wilke: Leitmedien und Zielgruppenorgane, S. 315. 39 Zink, Veronika/Ismer, Sven/Scheve, Christian von: Zwischen Hoffen und Bangen. Die emotionale Konnotation des Sprechens über die Finanzkrise 2008/2009, in: Peltzer, Anja (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien, Konstanz, 2012, S. 28. 16 Die Finanzkrise stellt ein Medienereignis40 dar, das laut Frank Bösch aus drei Elementen besteht: der Medienaneignung, der Akteurs- und der Inhaltsebene.41 Im Rahmen der Fragestellung nach der Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte wird in dieser Arbeit nur die Inhaltsebene untersucht, weil dadurch ein verstärkter Fokus auf die (massen-)medialen Sinnbildungsprozesse durch die ausgewählten Leitmedien ermöglicht wird. Aufgrund dieser Entscheidung wird die Akteursebene, also die quellenkritische Kontextualisierung einzelner Intentionen, und die verwendeten Konzepte der jeweiligen Journalisten aus der Untersuchung ausgeklammert, solange diese nicht in Form von Moralisierung des Diskurses erfolgen. Dies hängt damit zusammen, dass allein die analysierten FAS-Beiträge von insgesamt 23 verschiedenen Autoren verfasst wurden, von denen nur einzelne Journalisten mehr als vier Artikel des Quellenkorpus geschrieben haben.42 Daher wird die Rolle der Journalisten im Kontext des Diskursgegenstandes übergreifend für die Berufsgruppe und spezifisch für Wirtschaftsjournalisten, jedoch nicht für die einzelnen Autoren thematisiert. An der Titelstory der 40. und 41. Ausgabe des Spiegels waren jeweils neun Autoren beteiligt. Die Vermischung zwischen Journalisten und Medieninstitut im Kontext der jeweiligen Blattlinie lässt die Klassifikation dieser Vermengung zwischen Akteuren und Institut zu „Aktanten“43 zu. Insbesondere deshalb, weil für den zeitgenössischen Leser der einzelne Journalist nur eine bedingte Rolle spielt und das Endprodukt „Artikel“ eher der Autorschaft eines Wochenblatts als einer Person zugesprochen wird. Ein Grundelement der öffentlichen Finanzkrisen-Debatte ist, dass sie sich als massenmedialer Diskurs und nicht als Expertendiskurs klassifizieren lässt. Dies ist insbesondere daran zu erkennen, dass auf fachspezifische Terminologie größtenteils verzichtet wurde und zahlreiche Metaphern zur Erklärung der Ursachen der Finanzkrise in der medialen Berichterstattung verwendet wurden. Dies lässt sich dadurch erklären, dass Fachkenntnisse über die Geschehnisse in der Finanzbranche und auf den Finanzmärkten sowie über die Funktionsweisen der Börse von fachfremden Lesern nicht vorausgesetzt werden konnten. Daher beschreiben Anja Peltzer, Kathrin Lämmle und Andreas Wagenknecht die Finanzkrisen- Debatte als mediale Übersetzungsleistung der Journalisten, weil die fachspezifi- 40 Die Begrifflichkeit des Medienereignis wird noch näher zu definieren zu sein. 41 Bösch, Frank: Ereignisse, Performanz und Medien in historischer Perspektive, in: Bösch, Frank/Schmidt, Patrick (Hrsg.): Medialisierte Ereignisse, Inszenierung und Medien seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt 2010a, S. 7-29. 42 Eine Ausnahme ist z.B. der Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der FAS Rainer Hank. 43 Aktanten bilden die in einer Handlung vollzogene Verschmelzung von menschlichen (z.B. Journalist) und nichtmenschlichen Akteuren (z.B. Medieninstitut), die die Handlungsoptionen oder die Reichweite ihrer Handlungen zu beeinflussen. Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt 2007, S. 264. 17 schen Vorgänge der Finanzbranche auf ein für das Massenpublikum verständliches Niveau heruntergebrochen werden mussten.44 1.3 Methodik In einem zunehmend globalisierten Zeitalter mit sukzessiv komplexer werdenden Akteuren, wie weltweit vernetzten Finanzmärkten oder international handelnden Banken, wird die soziale Realität zu bedeutendem Maße von der Berichterstattung der Massenmedien geprägt. Sie stellen den Zugang zum Wissen über „die Welt“ dar. Dabei sind Sprache und Berichterstattung nicht das Mittel um die Welt abzubilden, sondern sind durch ihre vorselektierte und vorinterpretierte Repräsentation automatisch an der Konstitution sozialer Realität beteiligt.45 Niklas Luhmann fasst diese zentrale Rolle der Massenmedien bei der Wissensvermittlung und Meinungsbildung mit folgenden Worten zusammen: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“.46 Soziale Realität entsteht also als ein Resultat von „Deutungs- und Aushandlungsprozessen“47, die sich insbesondere in öffentlichen Diskursen abspielen. So stellte die Berichterstattung der Finanzkrise 2008 einen zentralen Kontaktpunkt zwischen den Bürgern und der Finanzindustrie dar, wodurch erstere vorstrukturierte Einblicke in letzteres gewannen.48 Dies trifft insofern zu, weil der Durchschnittsbürger sich mit den Strukturen hinter dem Finanzsektor in der Regel nur bedingt auskennt und über entsprechend wenig persönliche Erfahrung verfügt. Daher ist die Berichterstattung als Schnittstelle beider Parteien an der performativen Konstruktion 49 der Meinungsbilder über Finanzbranche und Banker maßgeblich beteiligt. 44 Peltzer, Anja/Lämmle, Kathrin/Wagenknecht, Andreas: Die Finanzkrise in den Medien, eine Einleitung, in: Peltzer, Anja (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation: Die Finanzkrise in den Medien, Konstanz, München 2012, S. 10. 45 Angermüller, Johannes: Ein interdisziplinäres Handbuch. Umrisse eines interdisziplinären und internationalen Feldes, in: Keller, Reiner/Hirseland, Andreas/Schneider, Werner/Viehöver, Willy (Hrsg.): Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse, Wiesbaden 2011, S. 18-19. 46 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 2009, S. 9. 47 Angermüller, Johannes: Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse in Deutschland. Zwischen Rekonstruktion und Dekonstruktion, in: Keller, Reiner/Hirseland, Alexander/Schneider, Werner/Viehöver, Willy (Hrsg.): Die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit, Konstanz 2005, S. 29. 48 Bösch, Frank: Umbrüche in die Gegenwart. Globale Ereignisse und Krisenreaktionen um 1979, in: Zeithistorische Forschungen 9 (2012), S. 13. 49 In Anlehnung an Judith Butler wird Performativität als „wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkungen erzeugt, die er benennt“ verstanden. Vgl. Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin 1995, S. 22. 18 Die Konstruktion bzw. die Beeinflussung subjektiver Lebenswelten erfolgt, indem Wissen in Form von diskursiven Regelmäßigkeiten ausgehandelt und strukturiert wird.50 Der Diskurs als solcher wird dabei als soziale Praxis verstanden, indem sich das Subjekt erst durch seine Rolle im Diskurs definiert. So sind beispielsweise Leitmedien und ihre Aushandlungsmöglichkeiten im Diskurs davon geprägt, wie groß ihr gesellschaftlicher Einfluss ist.51 Gleichfalls entstanden die Figur des Bankers und die Vorstellung über die Finanzbranche in der Finanzkrise erst durch ihre Rollen im Diskurs. So beeinflussen ausgehandelte Deutungen, Ursachenbeschreibungen und Erklärungsmuster, d.h. narrative und rhetorische Erzählstrukturen der (massen-)medialen Kommunikation des Ereignisses, die Meinungsbilder, indem sie Informationen für die Rezipienten strukturieren und dem Ereignis somit aufdrücken, weil kausale Zusammenhänge Ereignissen nicht inhärent sind, sondern erst konstruiert werden müssen.52 Die diskursiven Regelmäßigkeiten nach denen der Diskurs funktioniert, umfassen den Zugang zur Konstruktion des Ereignisses Finanzkrise als Medienereignis und die darin enthaltene Rollen der Banker und der Banken. So sollen (1.) mithilfe der Analyse von deiktischen Markern sowie (2.) rhetorischen Funktionen gegenübergestellter Dichotomien die diskursiven Regelmäßigkeiten der Moralisierung des Diskurses herausgearbeitet werden. In einem dritten Schritt werden dann in Anlehnung an Martin Wengelers Topoianalyse53 prototypische Argumentationsmuster (Topoi) formuliert. Der Topoi-Begriff geht auf Aristoteles zurück und wurde von Wengeler in Anlehnung an Manfred Kienpointer54 weiterentwickelt. Topoi bestehen aus „prototypischen Argumentationsverfahren mit einem Dreischritt aus Argument, Schlussregel und Konklusion“55, die sich nicht nur in öffentlichen Diskursen, sondern auch in Talkshows, am Esstisch und auf der Schulbank wiederfinden können. In Texten treten jedoch oft nur Argumente und Konklusionen in Erscheinung, wohingegen die „Schlussregel“ bzw. die argumentative Stütze nur 50 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 1997, S. 152. 51 Ebd., S. 115-127. 52 Vgl. Bösch: Europäische Medienereignisse; Nünning, Ansgar: Wie aus einem historischen Geschehen ein Medienereignis wird. Kategorien für ein erzähltheoretisches Beschreibungsmodell, in: Maag, Georg/Pyta, Wolfram/Windisch, Martin (Hrsg.): Der Krimkrieg als erster europäischer Medienkrieg, Berlin 2010, S. 195; Angermüller: Ein interdisziplinäres Handbuch, S. 18-19. Die mediale Konstruktion einer Krise beschreibt Wengeler folgendermaßen: "Denn (Wirtschafts-)Krisen sind wie andere abstrakte Entitäten wie Globalisierung oder Klimawandel medial und diskursiv erzeugte, konstituierte bzw. organisierte, 'Gegenstände‘.“ Wengeler, Martin: Historische Diskurssemantik, S. 44. Darauf wird im Kontext von Performativität und Medienereignis noch näher einzugehen sein. 53 Wengeler, Martin: Topos und Diskurs. Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960-1985), Tübingen 2003. 54 Kienpointner, Manfred: Alltagslogik. Strukturen und Funktion von Argumentationsmustern, Stuttgart 1992. 55 Wengeler: Topos und Diskurs, S. 179. 19 selten offen kommuniziert wird.56 Aus diesem Grund muss die inhaltliche Schlussregel interpretativ aus einzelnen Diskursfragmenten herausgearbeitet werden, wobei im Analyseteil beachtet werden wird, dass Topoi stets im Zusammenspiel von „Sprache“, „Praxis“ und „Kontext“ zu verstehen sind.57 Jedoch formieren nicht Topoi alleine einen Diskurs, sondern beschränken sich zumeist auf die argumentative Logik einzelner Diskursfragmente und ihre diskursive Regelmäßigkeit. Daher wird die vorliegende Diskursanalyse mit anderen Mitteln wie der Analyse von konnotativen Markern ergänzt.58 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Topoi transtextuelle „Denkfiguren des Herangehens an eine politische Fragestellung“59 sind, die in Form von argumentativen Positionen, Praxen oder Entscheidungen in Diskursen kommuniziert werden und diesen durch ihre diskursive Regelmäßigkeit prägen.60 Im Gegensatz zum Ansatz von Wengeler und Alexander Ziem61 werden im Diskurs verwendete Begriffe, Metaphern und auch Topoi nicht als kollektiv geteiltes Wissen verstanden, weil jegliche Aussagen wissens- und kontextabhängig sind. Sie sind somit stets veränderlich und können nicht gesellschaftsübergreifend determiniert werden. Daher soll auch keine Analyse von sprachlichen Gemeinplätzen oder Frames durchgeführt werden oder allgemeingültige Schlussmuster oder Topoi herausgearbeitet werden62, sondern stattdessen sollen prototypische Deutungs- und Argumentationsmuster eruiert werden, die die 56 Es bietet sich an, anstelle von Argumenten oder Konklusion die Schlussregeln herauszuarbeiten, da je nach Kontext nahezu unendlich viele Argumente oder Konklusionen aufgelistet werden könnten, wobei die Anzahl der Schlussregeln jedoch auf eine geringere Anzahl begrenzt sind. Dadurch verdichten sich Argumente und Konklusion auf einer übergeordneten Ebene zu Topoi, die es ermöglichen diese Facette eines Diskurses systematisch zu untersuchen. 57 Angermüller: Ein interdisziplinäres Handbuch, S. 25. 58 Ziem, Alexander: Begriffe, Topoi, Wissensrahmen. Perspektiven einer semantischen Analyse gesellschaftlichen Wissens, in: Germanistische Linguistik 181 (2005), S. 318. 59 Wengeler: Topos und Diskurs, S. 279. 60 Wengeler unterscheidet zwischen rein formalen Topik bzw. rhetorischen Figuren (bspw. Autoritäts-Topos oder Beispiel-Topos) und materiellen Topik, die inhaltlich-kategoriale Problemzugänge bereithalten und somit nicht Gefahr laufen für eine Diskursanalyse zu allgemein zu sein. Wie auch bei Wengeler wird auch hier darauf verzichtet rein formale Topik zu analysieren, weil diese wenig bis keinen Aufschluss über die jeweils kontextabhängigen diskursiven Argumentationsmuster bereithalten. Wengeler definiert die besonderen Topoi wie folgt: Sie „sind also im Gegensatz zu den allgemeinen formalen Schlussmustern inhaltlich spezifizierte 'Schlussregeln', die entsprechend nur in einem bestimmten inhaltlichen Bereich verwendbar sind, um plausible Argumentationen zu realisieren.“ Wengeler: Topos und Diskurs, S. 183) 61 Wengeler: Historische Diskurssemantik, S. 46; Wengeler, Martin/Ziem, Alexander: „Wirtschaftskrisen“ im Wandel der Zeit. Eine diskurslinguistische Pilotstudie zum Wandel von Argumentationsmustern und Metapherngebrauch, in: Landwehr, Achim (Hrsg.): Diskursiver Wandel, Wiesbaden 2010, S. 337. 62 Ziem: Frames und sprachliches Wissen, S. 367-369. 20 Inhaltsebene des Diskurses komprimiert veranschaulichen. Diese stellen jeweils nur eine mögliche Repräsentation der Inhaltsebene des Diskurses da, ohne den Anspruch darauf zu erheben, dass diese ebenso gebildet werden oder sich gar beim Rezipieren der Presseartikel in den Köpfen der Leser bilden müssten. Das methodische Vorgehen der hier vorgenommenen Diskursanalyse orientiert sich an einer deduktiven Kategorisierung, indem die Analysekategorien aus der Definition von Moral, Verantwortung und Gerechtigkeit gewonnen und diese auf die einzelnen Diskurssegmente angewendet werden.63 Die Spezifizierung dieser und damit zusammenhängender Begrifflichkeiten hin zu analytischen Kategorien erfolgt im ersten Teil dieser Arbeit, um analytische Trennschärfe herstellen zu können. Im Analyseteil werden konnotative Marker herausgearbeitet, da sie jeweils eine Sprecherposition sowie ein Werturteil des Autors kommunizieren und so als Element der Subjektivierung einen Zugang zur Moralisierung des Diskurses darstellen.64 Ergänzt wird dies durch die Analyse narrativer und rhetorischer Strategien, die sich in Dualismen aufspalten lassen. Abschließend mündet dies in eine an Wengelers Konzeption der Topoianalyse angelehnte Argumentationsmusteranalyse prototypischer Argumentationen, die sich jedoch nicht in die einzelnen Argumentationsschritte gliedert oder den Anspruch erhebt, den Diskursiv umfassend zu repräsentieren, sondern durch ihre Verdichtung auf zentrale Punkte die Selektions- und Interpretationsmuster im Diskurs inhaltlich ordnen soll.65 63 Die Codierung der jeweiligen Textsequenzen und Analyseeinheiten wurde mit dem Programm MAXQDA durchgeführt. 64 Konnotative Marken wurden jedoch nur herausgearbeitet, solange sie sich auf in Deutschland verortete Banker bezogen, da im Diskurs zwischen „deutschen“ und „angelsächsischen“ Bankern unterschieden wurde. 65 Vgl. Wengeler: Topos und Diskurs.

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Zusammenfassung

Das Image der Banken und des Bankers ist schon lange negativ belastet, doch reichen die Wurzeln tiefer, als die meisten Menschen es vermuten. Das Neuartige an der Finanzkrisen-Debatte ist, dass sich die Finanzbranche im Allgemeinen seit 2008 in einem anhaltenden Vertrauenstief befindet: Die schwindende Kundenloyalität, erhöhte Fluktuation und die nur geringe Effizienz teurer und aufwändig produzierter Werbekampagnen sind Ausdruck dieses Vertrauenstiefs. Daher behandelt dieses Buch die Frage danach, wie während dem gesellschaftlichen Ausnahmezustand einer Finanzkrise und verdichteten Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit über deutsche Banken und Banker berichtet wurde. Und wann werden Kritik und negative Stereotype offener kommuniziert und brennen sich besser in das Gedächtnis ein als in Stress- und Krisensituationen?