3. Hochphase des Diskurses in:

Nazim Diehl

Banken-Image unter Beschuss, page 41 - 80

Die Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte 2008

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3942-7, ISBN online: 978-3-8288-6733-8, https://doi.org/10.5771/9783828867338-41

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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41 3. Hochphase des Diskurses 3.1 Gegenstand der Debatte 3.1.1 Diskursverlauf Im Zuge der Deregulierung in den 90er-Jahren entstand innerhalb der deutschen Finanzbranche der Allgemeinplatz, sich am amerikanischen Modell des Finanzwirtschaften zu orientieren.164 Seit der Jahrtausendwende ist die Finanzbranche im Rahmen verschiedener finanzmarktwirtschaftlicher Krisen verstärkt in die öffentliche Aufmerksamkeit geraten, was insbesondere seit der Internetblase 2003 beobachtet werden kann.165 Das neuartige an der Finanzkrise 2008 war jedoch, dass Finanzmarktkrisen in der jüngsten Geschichte bis dahin in der Regel auf das jeweilige betroffene Land beschränkt waren.166 Diesen Erfahrungen folgend wurde die Subprime-Krise 2007 dementsprechend zunächst als regional beschränkte US-amerikanische Bankenkrise eingestuft.167 Doch die am 15. September 2008 erfolgte Insolvenz der Lehman Brothers löste die öffentliche Krisenwahrnehmung in Deutschland überhaupt erst aus.168 Die öffentliche Beurteilung und Wahrnehmung lässt sich so beschreiben, dass aus anerkannten Finanzprodukten und aus einer relativ soliden „deutschen“ Finanzbranche schlagartig ein Herd der Unsicherheit wurde.169 164 Honegger et al.: Berichte aus der Bankenwelt, S. 22; Westermeier: A Crisis of Trust. 165 Langenohl, Andreas/Wetzel, Dietmar J.: Finanzmarktpublika. Eine Agenda zur Erforschung der Verknüpfungen von Finanzmärkten und Öffentlichkeit, in: Langenohl, Andreas/Wetzel, Dietmar J. (Hrsg.): Finanzmarktpublika. Moralität, Krisen und Teilhabe in der ökonomischen Moderne, Wiesbaden 2014, S. 19. 166 Admati/Hellwig: Des Bankers neue Kleider, S. 112. 167 Ziem: Kollokationen, Konkordanzen und Metaphern, S. 163/165. 168 Kuck/Römer: Metaphern und Argumentationsmuster, S. 79. 169 Honegger et al.: Berichte aus der Bankenwelt, S. 18. 42 Vor der Insolvenz Lehman Brothers und der US-staatlicherseits unterlassenen Rettung galten Banken solch einer Größe als „Too Big To Fail“, daher wurde davon ausgegangen, dass solche „systemrelevanten Banken“170 in Notsituationen vom Staat gerettet werden würden, weil ihr Bankrott aufgrund ihrer gesellschaftlichen Vernetzung mit eklatanten Schäden einhergehen würde.171 Zu diesen Schäden kam es auch und der Zusammenbruch Lehman Brothers wurde zum Wendepunkt des deutschen Diskurses; wodurch für die Beobachter die Tragweite, deutsche Verstrickung und mögliche weltweite Folgeerscheinungen erkenntlich wurden – denn nicht nur angelsächsische Banken hatten mit den jetzt ausfallenden Subprime-Krediten gehandelt, sondern in Deutschland angesiedelte Banken waren ebenso betroffen.172 Auf die gleiche Art und Weise gerieten auch deutsche Anleger zunehmend in Aufregung um ihre Bankeinlagen. Dies äußerte sich bereits im September 2008 in der Zunahme von Bargeldabhebungen.173 Mit dem Zusammenbruch Lehman Brothers wurde also aus der Subprime-Krise eine Finanzkrise, die gemäß der Berichterstattung aus deutschen Beobachtern Betroffene werden ließ.174 Im öffentlichen Diskurs war eine zunehmende Entspezifizierung und Generalisierung im unmittelbaren Zeitraum vor der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers zu verzeichnen, indem vorher noch von einzelnen krisengebeutelten Banken berichtet wurde, während sich die Berichterstattung dann vielmehr der gesamten Branche widmete und oftmals nicht mehr in einzelne Kreditinstitute unterschied. Symptome wurden nun viel schneller als Anzeichen für systemische Fehlentwicklungen und als ausstehende Gefahren interpretiert und kommuniziert. Es war nicht mehr die Frage danach, wer wieso in Liquiditätsschwierigkeiten geraten war, sondern es wurde vermehrt über die Banken, Finanzindustrie sowie Banker im Allgemeinen berichtet. Dies folgte der Logik, dass wenn sogar ein so prestigeträchtiges Institut wie Lehman Brothers plötzlich zusammenbrechen konnte, sich die Frage danach stellte, welche Bank überhaupt noch als sicher bzw. stabil bezeichnet werden könnte.175 Die Insolvenz Lehman Brothers hinterließ also Unsicherheit, die sich durch Generalisierung und Entspezifizierung im Diskurs und durch den Vertrauensbruch der Banken un- 170 Deutsches Pendant zu „Too Big To Fail“. 171 Peltzer/Lämmle/Wagenknecht: Die Finanzkrise in den Medien, S. 9. 172 Hintergründe hierzu lassen sich hier finden: Jaecker, Tobias: Hass, Neid, Wahn. Antiamerikanismus in den deutschen Medien, Frankfurt 2013, S. 137/138. 173 Beckert, Jens: Finanzkrise ist auch eine Vertrauenskrise, S. 35. 174 Für eine ausführliche Einordnung und Kontextualisierung der Ereignisse Roubini, Nouriel/Mihm, Stephen: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft. Crisis Economics, München 2011; Stiglitz, Joseph: Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft, München 2011. 175 Langenohl, Andreas: Die Ausweitung der Subprime-Krise. Finanzmärkte als Deutungsökonomien, in: Kessler, Oliver (Hrsg.): Die Internationale Politische Ökonomie der Weltfinanzkrise, Wiesbaden 2011, S. 79, 93. 43 tereinander ausdrückte. Infolgedessen wurde das Kerngeschäft der Banker und der Banken – die Vertrauensbildung – beschädigt. Keine Bank konnte oder wollte einer anderen Bank vertrauen, weil die Erwartungssicherheit, dass der Vertragspartner in Zukunft liquide bleiben wird, beschädigt war.176 Die unmittelbare Folge war der Reputationsverlust einer ganzen Branche, da intern niemand das von Lehman Brothers hinterlassene Vakuum eines prestigeträchtigen Kreditinstituts übernehmen konnte und sich so die Vertrauensschäden der Finanzbranche potenzierten.177 Abschließend soll die Hochphase des Diskurses von September bis Oktober 2008 in drei Stadien eingeteilt werden, in die sich ebenfalls die Chronologie der Analyse gliedert: erstens die Internationalisierung der Krise in der öffentlichen Debatte infolge der Insolvenz Lehman Brothers, die ebenfalls die Auswirkungen auf den deutsche Finanzbranche umfasste, und zweitens die Diskussion über die daraus resultierenden Folgen für die Realwirtschaft. Dies kulminierte drittens in der Ratifizierung des Bankenrettungsgesetzes der Bundesregierung im Oktober 2008 und die Debatte über diesen Beschluss. 3.1.2 Typologie der Diskursakteure Die professionellen Kommentatoren der Finanzkrisen-Debatte waren in erster Linie Schreiber, Redner, Journalisten, Berufspolitiker (insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel, Finanzminister Peer Steinbrück und vereinzelt Schäuble, Steinmeier, Lafontaine und Müntefering), Wissenschaftler, Finanzexperten und Beteiligte (z.B. Deutsche Bank Chef Josef Ackermann), die aufgrund ihrer Ausbildung sowie ihrer gesellschaftlichen Stellung dem kapitalistischen Wirtschaftssystem im Diskurs größtenteils nicht grundsätzlich abgeneigt waren.178 Insbesondere Wirtschaftsjournalisten sind in der Regel betriebswirtschaftlich ausgebildet, was häufig mit einer neoliberalen Gesinnung korreliert.179 Des Weiteren attestierte Schmidt-Beck den Journalisten größtenteils Expertenhörigkeit und „Herdentrieb“180, wodurch sie ihrer Funktion als Frühwarnsystem nicht entsprachen, sondern Krisensymptome übersahen.181 So ließ sich weniger Systemkritik in überregionalen Zeitungen finden, als kapitalistische bzw. neoliberale 176 Peltzer/Lämmle/Wagenknecht: Die Finanzkrise in den Medien, S. 13/14. 177 Langenohl: Die Ausweitung der Subprime-Krise, S. 81. 178 Schmidt-Beck, Kerstin: Schwierige Verhältnisse? Financial community und Medien 2000ff., in: Langenohl, Andreas/Wetzel, Dietmar J. (Hrsg.): Finanzmarktpublika. Moralität, Krisen und Teilhabe in der ökonomischen Moderne, Wiesbaden 2014, S. 162/163. 179 Meier, Christian/Winterbauer, Stefan: Die Finanzkrise und die Medien. Nagelprobe für den Wirtschafts- und Finanzjournalismus. Online verfügbar unter: http://www.medienforum.ru/wp-content/uploads/14-mediendisput-die-finanzkrise-und-diemedien2.pdf – Stand 23.07.2016, S. 17/18. 180 Schmidt-Beck, Kerstin: Schwierige Verhältnisse?, S. 162/163. 181 Meier/Winterbauer: Die Finanzkrise und die Medien, S. 17/18. 44 Denkmuster182, die jedoch eine systemkonforme Moralisierung und Skandalisierung nicht ausschlossen. Die Suche und Thematisierung von vermeintlichen Ursachen waren dabei das gebräuchlichste Mittel, um die abstrakte Krisenerscheinung „Finanzkrise“ für einen großen Teil der Bevölkerung erfahrbar zu machen. 183 Dabei wurden Verantwortlichkeiten zugeteilt, Akteure kontextualisiert, woraus sich die Krisenerzählung der Finanzkrise konstituierte.184 Veronika Zink, Sven Ismer und Christian von Scheve haben herausgearbeitet, dass während der Debatte Sprachbilder kommuniziert wurden, die sich insbesondere der Emotion Angst zuordnen lassen, während die Krise gleichzeitig als ungewisse Bedrohungssituation gerahmt wurde.185 Diese Rahmung einer Krise als ungewiss, unberechenbar, neuartig und potenziell gefährlich trat jedoch 2008 im Zuge der Finanzkrisen-Debatte nicht erstmalig auf. Im direkten Vergleich mit anderen Krisendebatten zeichnet sich vielmehr eine Kontinuität in einigen Punkten ab, die die jeweilig gegenwärtige Situation mitunter von den Journalisten als besonders prekär eingestuft und deshalb eine Aktion zur Bekämpfung der Krise gefordert wurde. Diesen Topos nennt Wengeler „Topos der düsteren Gegenwart“ und attestierte ihn für zahlreiche Krisen-Debatten der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Topos trat oft gepaart mit dem „Singularitäts- Topos“ auf, der beschreibt, dass die Situation noch nie so schlimm gewesen sei wie gegenwärtig und sie alleinig deswegen besonders sei.186 Für die folgende Analyse ist hierbei wichtig, dass diese Art der Berichterstattung bzw. der Gegenwartsinterpretation bei den Rezipienten zu einem Alarmzustand führen konnte, der vorher ausgeschlossene Handlungen – wie ein Bankenrettungs-Gesetz in 182 Nordmann, Jürgen: Grenzen aktueller Krisendebatten. Über Konstruktionen der öffentlichen Meinung und das Verhältnis von Sach- und Grundsatzdiskussionen in (neo)liberalen Demokratien, in: Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hrsg.): Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein fortwährend aktuelles Phänomen, Bremen 2013, S. 54/55. 183 Kuck/Römer: Metaphern und Argumentationsmuster, S. 78. 184 Peltzer/Lämmle/Wagenknecht: Die Finanzkrise in den Medien, S. 9. 185 Zink/Ismer/Scheve: Zwischen Hoffen und Bangen, S. 42-45. Scholz und Wengeler bezeichnen den September und Oktober 2008 als Hochphase der Finanzkrisen-Debatte und untersuchen die diachrone Entwicklung des deutschen Pressediskurses in diesem Zeitraum lexikologisch vgl. Scholz, Ronny/Wengeler, Martin: "Steuern runter macht Deutschland munter" und "Kriegen die Pleitebanker auch noch einen Bonus?" Zwei Wirtschaftskrisen in BILD, in: OBST 81 (2012), S.155–176. Ferner nimmt ebenfalls Cetin eine Diskursanalyse für den Zeitraum September bis Oktober 2008 vor, er beschränkt sich dabei jedoch primär auf Tageszeitungen, um den Diskurs so in übergeordnete Diskursstränge einteilt. Cetin, Emel: "Denn sie wissen nicht, was sie tun." Eine Diskursanalyse über die Finanzkrise 2008 in deutschen Tageszeitungen, in: Peltzer, Anja (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien, Konstanz 2012, S. 95–110. 186 Wengeler/Ziem: „Wirtschaftskrisen“ im Wandel der Zeit, S. 43; Wengeler: Historische Diskurssemantik, S. 48. 45 einem neoliberalen Wirtschaftssystem – erst möglich werden ließ und zeitgleich förmlich zur Suche nach Schuldigen und Zuständigkeiten aufforderte. 3.2 Diskursive Konstruktion des „Bankers“ 3.2.1 Zentrale Charakteristika des „Bankers“ Insbesondere in Krisen-Diskursen werden verstärkt Bewertungsdichotomien entwickelt und medial verbreitet. Diese drücken sich als dichotome Unterscheidung in Gut und Böse oder Opfer und Täter aus, wodurch Entscheidungen und Handlungen einzelner Akteure bewertet werden. So wurden auch während der Hochphase der Finanzkrisen-Debatte 2008 im September und Oktober vermehrt Dualismen konstruiert. Dabei wurde mitunter die Frage der Schuld an der Finanzkrise diskutiert.187 Im Kontext der im Zuge der Finanzkrise 2008 entstehenden Vertrauens- und Reputationsschäden der Finanzbranche im Allgemeinen ist es wichtig anzumerken, dass nur vereinzelt als schuldig wahrgenommene Akteure, ausgenommen ranghohe Banker, benannt wurden, sondern im Diskurs eher von Bankern und Banken im Allgemeinen berichtet wurde. Die vermeintlich schuldigen Akteure, Banker und Banken, hatten aber in den meisten Fällen keine Gesetze gebrochen, sodass sie nicht juristisch belangt werden konnten, sodass die Konstruktion der Schuld über Moral erfolgte.188 Dem zentralen diskursiven Erklärungsmuster folgend seien die Banker und Banken Schuld an der Finanzkrise gewesen, weil sie das Geld ihrer Kunden „leichtsinnig“ verloren hätten.189 Der Tenor der Berichterstattung über die Banker und die Banken lässt sich auf folgende Weise abbilden: Banker wurden im Diskurs u.a. als „Spekulanten“190, „Zocker“191 und „Bankenschnösel“192 bezeichnet. „Ihr Himmel [sei] nach oben offen, was die Boni betrifft“193 und so hätten sie sich durch „haltlose[...] Zockerei“ 194 sowie „unverantwortliche Risikobereitschaft“ 195 auf Kosten der 187 Peltzer/Lämmle/Wagenknecht: Die Finanzkrise in den Medien, S. 14. Wengeler: Historische Diskurssemantik, S 56. 188 Link: "Ein 11. September der Finanzmärkte", S. 14. 189 Lüdeker, Gerhard: Der Spekulant als Sündenbock und als Erlöser. Die Finanzkrise in Magnussons Das war ich nicht und Hasletts Union Atlantic, in: Anja Peltzer (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien, Konstanz 2012, S. 196. 190 Siedenbiedel, Christian: Jetzt geht es den Spekulanten an den Kragen; in: FAS (38) 2008, S. 52. 191 Straubhaar, Thomas: Markt oder Staat. Wer hat versagt?, in: WiWo 41 (2008), S. 36-40. 192 Kurbjuweit, Dirk: Zeit der Krokodile, in: Der Spiegel 41 (2008), S. 52. 193 Tichy, Roland: Volk von Bürgen, in: WiWo 43 2008, S. 3-5. 194 Katzensteiner, Thomas: Allein gegen alle, in: WiWo 42 (2008), S. 66-73. 195 Kloepfer: Ein unmoralisches Angebot, S. 36. 46 Gesellschaft die „Taschen vollgestopft“.196 Aus der Finanzbranche sei so eine „Spielhölle“197 geworden, deren „Exzesse bei Risiken und Gehältern“198 auf „faulen Krediten“199 basieren würden. Die Konklusion der Artikel, die regelmäßig explizit oder implizit erfolgte, war, dass die gesamte Finanzkrise samt ihrer wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Folgen „ein Werk von Spielern“200 gewesen sei. Das Bild einer kausalen Erklärung der Ursachen der Finanzkrise wurde mitunter durch die Verwendung konnotativer Marker kommuniziert. In den meisten Fällen wurden dadurch Handlungen und vermeintliche (Fehl-)Entscheidungen der Banker und der Banken kritisiert. Eine umfassende Sammlung über die in Bezug auf die Banker und die Banken verwendeten Klassifikationen und konnotativen Markern – aus den Wochenblättern FAS, WiWo und dem Spiegel im Zeitraum von September 2008 bis Oktober 2008 – sind in Tabelle 1 zusammengetragen, um ein systematisiertes Bild über die lexikalische Stereotypen-Konstruktion zu geben. 196 Von Petersdorff, Winand: Die neue Finanzwelt, in: FAS 39 (2008), S. 35. 197 Tichy, Roland: Banken-Kapitalismus, in: WiWo 40 (2008), S. 5-7. 198 Balzli, Beat/Fleischhauer, Jan/Hornig, Frank/Jung, Alexander/Mahler, Armin/Pauly, Christoph/Reiermann, Christian/Reuter, Wolfgang/Sauga, Michael: Der Schwarze Herbst, in: Der Spiegel 42 (2008), S. 37. 199 Schwägerl, Christian: Faule Kredite. Finanzkrise und Umweltausbeutung, in: Der Spiegel 43 (2008). Es handelt sich hierbei um ein essayistischen Artikel, S. 176. 200 Kurbjuweit: Zeit der Krokodile, S. 48. 47 Kategorie Klassifikationen und konnotative Marker in den Wochenblättern Branchensynonyme Aggressive Finanzwelt, Bankenszene, Casino, Casino-Produkte, Spielcasino, Spielhölle Berufsbezeichnung Achtundzwanzigjährige, Bankenschnösel, Ichling, Herrscher der Welt, hohe Herren, Finanzhai, Finanzjongleur, Finanzspieler, Meister der Globalisierung, Nutznießer des Überdruss, Staatsverächter, Spekulant, Spieler, Zocker, Profiteure des Systems Äußerlichkeiten Gutgekleidet, wohlfrisiert, Anzug, Hemd, Krawatte, Bankerzwirn, topgestylte, glatt rasiert, Glastürme, Spiegeltürme Branchenintern Exzesse, Konkurrenzkampf, unfairer Wettkampf um Profite, wetteifern Bezahlung Eigenkapitalrendite von mehr als 25 Prozent, hochbezahlt, hohe Gewinne, (zu) hohe Gehälter, Millionen-Boni, satte Erträge, üppige Bonuszahlungen, Reichtum, steinreich Charakterisierung Abgehobene (Führungselite), Arroganz, biedere Landesbanken, Egoismus, kein Interesse am Allgemeinwohl, Kurzfristigkeit, Kurzsichtigkeit, Leichtsinn, Maßlosigkeit, Materialismus, Morallosigkeit, Geldgeilheit, Geldgier, Gier, Profitgier, Raffgier, Spielsinn, Risikobereitschaft, Risikofreude, risikohungrig, Verantwortungslosigkeit Geschäftspraktiken Dreistes Vorgehen, kriminelle Machenschaften, faule Kredite, Quatschpapier, infizierte/toxische Papiere, Jagd nach Geld, missratene Geschäfte, Monopoly spielen, (Kunden-)Täuschung, Risiken, Risiko, Spekulation, Tricks, Wetten, Zockerei, Zockerpapiere Transparenz Unübersichtlichkeit, Intransparenz, verschachtelte Rechtsansprüche, komplexe Finanzkonstruktionen Tabelle 1: Zuschreibungen in der FAS, WiWo und in dem Spiegel Die Finanzbranche wurde durch Bezeichnungen wie „Casino“, „Spielcasino“ oder „Spielhölle“ in die Nähe des Glücksspiels gerückt, wie dies bereits im 18. Jahrhundert der Fall gewesen ist.201 Solche Bezeichnungen kommunizierten und akzentuierten zugleich die vermeintlich willkürlich verteilten Gewinnchancen an den Finanzmärkten, die das zentrale Elemente des Glücksspiel ausmachen. Diese Betrachtungsweise führt dazu, dass beispielsweise Wertpapier-Spekulationen nur im Zuge von Attributen wie „Gier“ und „Risikofreude“ Sinn ergeben zu scheinen, weil bei einem Glücksspiel Gewinne und Verluste nicht rational kalkuliert werden können. Daher würde sich nur eine risikofreudige und gierige Person auf solche Geschäftspraktiken einlassen. Gier war jedoch nicht nur ein zentraler Kritikpunkt gegenüber den Bankern und Banken im Allgemeinen, sondern ist 201 De Goede: Finanzen, Spiel, Spekulation, S. 31–52. 48 auch im christlichen Glauben einer der schlimmsten Sünden, derer man sich schuldig machen kann.202 Die Identifizierung und Benennung einer Sünde konnte daher die Aufforderung zur Bestrafung oder Sühne des Sündigenden transportieren, wobei sie diese jedoch in jedem Fall nahelegte.203 Dementsprechend zeichne sich ein solches Verhalten durch „Maßlosigkeit“ aus, das übrigens ebenfalls auf eine in der Bibel thematisierte Tugend rekurriert. Insgesamt zeichnete sich bereits durch die konnotativen Marker auf lexikalischer Ebene das Bild ab, dass die Banker moral- und verantwortungslos gehandelt haben sollen, weil sie eben nicht nur ihr eigenes Geld einsetzten, sondern das ihrer Kunden leichtfertig verspielt hätten. Die Kritik wog schwerer, wenn erwähnt wurde, das die Geschäftspraktiken der Banker und der Banken über den Kundenkreis hinaus zu gesamtgesellschaftlichen Schwierigkeiten führen könnten. Hierbei bezog sich die öffentliche Kritik auf die negative Verantwortung, die besagt, dass Niemandem geschadet werden soll, wobei die Intentionen der Akteure in die Bewertung miteinbezogen wurden. So verstärkte der Verlust des Geldes der Kunden auf Grundlage der den Bankern und Banken zugeschriebenen Maßlosigkeit, Gier und Risikofreude die moralischen Kritikpunkte weiter. Bereits an dieser Stelle lässt sich ein prototypisches Deutungsmuster bzw. Erklärungstopoi aufstellen, das die Moralisierung der Geschäftspraktiken der Banker und der Banken umfasst. Der Topos der Gier der Banker und der Banken, dem zufolge ihre Maßlosigkeit und Gier sowie die daraus folgenden Entscheidungen und Handlungen die Krise verursacht haben.204 Die Reduktion der Geschäftspraktiken der Banker und der Banken auf Gier und diese einseitige Schuldzuschreibung resultierte aus einer Beobachterperspektive, die nach einer widerspruchslosen Interpretation suchte und die Krise auf eine monokausale Ursache zurückzuführen probierte. Dadurch beanspruchte dieser Topos Allgemeingültigkeit im Diskurs bzw. postulierte in einigen Fällen Alternativlosigkeit, da er anderen möglichen Topoi, wie beispielsweise dem Topos der Intransparenz, vorausging und sie somit in seiner eigenen monokausalen Erklärungsweise mit einschloss.205 Nachdem dieser Topos erst einmal diskursiv etabliert war, ließen sich sämtliche Handlungen der Banker und der Banken durch Gier bzw. Maßlosigkeit determinieren, die erst aus dieser Charaktereigenschaft heraus zu weiteren moralischen Vergehen geführt haben sollen. So kann dies bis dahin weitergedacht werden, dass Intransparenz als Folge der Gier der Banker und der Banken verstanden wird, womit sie versuchen, ihre Geschäftspraktiken zu verschleiern, um so Kunden zu täuschen und mögliche Profite zu maximieren. Auf diese Weise nahmen Zuschreibungen wie Gier und Egoismus die diskursive Funktion ein, 202 Link: "Ein 11. September der Finanzmärkte", S. 11. 203 Krasni: Schuld und Krise, S. 40. 204 Dieser Topos wird ebenfalls von weiteren Autoren formuliert vgl. beispielsweise Krasni: Schuld und Krise; Kuck/Römer: Metaphern und Argumentationsmuster, S. 71-93. 205 Krasni: Schuld und Krise, S. 29-33. 49 komplexe Ursachen der Finanzkrise auf vermeintlich moralische Vergehen zu reduzieren. Dadurch wurde nicht nach strukturellen Fehlentwicklungen gesucht, weil diese bereits in Form des allgemein gefährlichen Verhaltens der Täter bereits identifiziert wurden und ihren Charakterzügen inhärent zu sein schienen. Die Zuschreibung der Gier und des Egoismus war dabei multifunktional und konnte als Erklärung für sämtliche Krisenerscheinungen und Verfehlungen herangeführt werden, ohne auf systemische Eigenschaften der Finanzbranche eingehen zu müssen. Die teils implizit, teils explizit formulierte Kritik lautet dann, dass es die moralische Verantwortung der Banker und der Banken gewesen wäre, eigene Profitinteressen zu zügeln, um somit der Allgemeinheit nicht zu schaden.206 Die retrospektiv als riskante und teilweise als irrationale Wertpapiergeschäfte gebrandmarkten Finanzprodukte wurden ebenfalls mit der Gier der Banker und der Banken erklärt, indem Gier als Antrieb und notwendige Bedingung für solche Geschäftspraktiken dargestellt wurde. Insofern ist der Topos der Gier mit dem Risiko-Topos verknüpft. Dieser besagte, dass risikofreudige Geschäfte der Banker und Banken zur Krise geführt haben. Banker wurden nicht immer als Banker bezeichnet, sondern Begrifflichkeiten wie „Zocker“ und „Spekulanten“ wurden synonym mit der Berufsbezeichnung benutzt. Diese Bezeichnungen akzentuierten jeweils andere Zuschreibungen, die stets negativ waren. Auffallend ist hierbei, dass im Diskurs vermehrt männliche Bezeichnungen gewählt wurden wie beispielsweise „Bankenschnösel“, „Finanzspieler“, „Herrscher der Welt“ sowie „hohe Herren“, während von Frauen in der Finanzbranche nur vereinzelt die Rede gesprochen wurde. Dies drückte sich nicht nur in der Zuschreibung von Charaktereigenschaften aus, sondern fand auch Eingang in die Berufsbezeichnungen, indem beispielsweise die ironische Verwendung von „hohe Herren“ auf die Arroganz der (männlichen) Banker verwies. Die gesamte Finanzbranche wurde also als primär männerdominierter Bereich beschrieben, der mit Egoismus und Arroganz unterlegt sei. Doch es blieb nicht dabei, dass Banker negativ charakterisiert wurden, sondern ihnen wurde gleichzeitig unterstellt, trotz dieser Kritikpunkte „Nutznießer des Überdruss“ und „Profiteure des Systems“ zu sein. Dieser Vorwurf wiegt umso schwerer, da er auf Ungerechtigkeit verwies, indem diejenigen als Profiteure dargestellt werden, die sich auf Kosten anderer bereicherten – denn bei fehlerhaften Kalkulationen zahlte laut öffentlichem Diskurs nicht der Banker oder die Bank, sondern der Kunde oder die Gesellschaft. Die Beschreibung der brancheninternen Verhältnisse untereinander ging bedingt mit der Zuschreibung von Maßlosigkeit einher. Das brancheninterne Klima sei von Konkurrenzkampf geprägt, der zum Ziel hat, die größtmöglichen Vorteile für sich selbst herauszuschlagen. Dementsprechend seien die Banker 206 Kuhn: Alltagswissen in der Krise, S. 381–382 50 von „Konkurrenzdenken, Deadlines und Leistungsdruck“ 207 gestresst. Dabei wurden die führenden Banker bereits als hochbezahlte und mit Millionen-Boni ausgestattete Personen beschrieben, wodurch trotz ihres relativen Reichtums ihre (unbeschränkte) Gier nach mehr und die dem inhärente Maßlosigkeit akzentuiert wurde. So wurde die Thematisierung der Bonuszahlungen an Banker im Diskurs negativ konnotiert und war somit ein zentraler Bestandteil der Zuschreibung von Gier und Maßlosigkeit.208 Banker sollen auf der vermeintlichen „Jagd nach Geld“209 auch nicht vor Tricksereien, (Kunden-)Täuschungen bis hin zu „kriminellen Machenschaften“ zurückgeschreckt haben. Dies wurde zusätzlich durch die zugeschriebenen Brancheneigenschaften begünstigt, die sich durch Intransparenz und komplexe Finanzkonstruktionen auszeichnen und dieses Verhalten so erst ermöglichten. Die daraus entstandenen Finanzprodukte seien so komplex gewesen, dass „bei deren Bewertung selbst Fachleute überfordert sind. […] Nur die Verkäufer, die die verbrieften Pakete zusammenstellen, wissen in etwa, was sie verkaufen.“210 Hier wurde der Experte als rhetorischer Beweis dafür herangeführt, dass es sich tatsächlich um überaus komplexe Finanzprodukte handelte, weil selbst ein Fachkundiger nicht zu adäquaten Bewertung fähig war. Die Umformulierung solcher Deutungsmuster zu einem für den Diskurs prototypischen Erklärungstopos (Intransparenz-Topos) lautet, dass die vorherrschende Intransparenz in der Finanzbranche (mitunter) zur Finanzkrise geführt hat. An dieser Stelle soll noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass sich die Topoi nicht untereinander ausschließen, sondern vielmehr miteinander verflochten sein können, jedoch nicht sein müssen. So stellt es beispielsweise keinen Widerspruch dar sowohl die Maßlosigkeit der Banker und der Banken als auch die Intransparenz der Branche zu kritisieren. Im Gegenteil dazu wird in einigen Fällen sogar so argumentiert, dass erst die Intransparenz die Möglichkeiten für eine unbeschränkte Gier ermöglichte.211 In einigen Fällen wurden Banker auch optisch beschrieben, sodass von einem stereotypen äußeren Erscheinungsbild gesprochen werden kann. Dieses schloss bedingt an alltagstypische Erfahrungswerte an und befüllte so inhaltliche Leerstellen. Daher wurden die beschriebenen äußeren Erscheinungsbilder ebenfalls in die Tabelle aufgenommen, obwohl es sich dabei nicht in jedem Fall um konnotative Marker, sondern lediglich um Zuschreibung handelte. Die folgende 207 Tönnesmann, Jens: Auf dem Karrieretrip, in: WiWo 43 (2008), S. 136-143. 208 Krasni: Schuld und Krise, S. 29-30. 209 Fehr, Benedikt: Retter und Moral, in: FAS 41 (2008), S. 26. 210 Sinn, Hans-Werner: Ende des Verwirrspiels, in: WiWo 42 (2008), S. 64-65. Hans-Werner Sinn war 2008 Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München und hat sich insbesondere mit der Erforschung von Risikotheorien beschäftigt. 211 Ein Beispiel für solch eine zusammengeführte Argumentation ist folgender Artikel: Kurbjuweit: Zeit der Krokodile, S. 48-52. 51 Textsequenz bringt viele der erwähnten Aspekte zusammen und vermittelt einen komprimierten Eindruck über das Erscheinungsbild der diskursiven Figur des Bankers und wie es beschrieben wurde: „Man hat da [bei dem Wort neunundzwanzigjährige Bankenschnösel] sofort ein Bild vor Augen: gutgekleidete Menschen, wohlfrisiert, intelligent und sehr hungrig danach, ihrer Welt etwas hinzuzufügen.“212 Ferner wurde der Banker ebenfalls als „glatt“ beschrieben, was eine doppelte Bedeutung von bartlos bis hin zu stromlinienförmig transportieren konnte.213 So kommuniziert die Redewendung „glatt wie ein Aal“ weniger etwas über die obsoleten oder vorhandenen Barthaare einer Person, sondern verweist vielmehr auf ihren opportunistischen Charakter. Ferner überschneidet sich die Beschreibung des Erscheinungsbilds der Banker mit der alltagstypischen Vorstellung ihres Äußeren: Der stereotype Banker trägt einen Anzug, ein Hemd, eine Krawatte und ist stets „top-gestylt“.214 Dies hängt einerseits damit zusammen, dass für Angestellte in der Finanzbranche in der Regel Kleidungsordnungen existieren, die eben solch eine Kleidung und bedingt auch einen rasierten Bart vorschreiben. Andererseits könnte die Erwähnung des Kleidungsstil aber auch so gedeutet werden, dass eine Person, die sich immer entsprechend anzieht, auch wenn dies nicht nötig erscheint, sich womöglich mithilfe ihrer Kleidung bzw. ihres Äußeren von anderen abzuheben versucht, um sich so als etwas höherwertiges darzustellen. Die Zuschreibung dieser ursprünglichen Intention bei der Kleidungswahl hinge somit implizit mit den Eigenschaften eines „Bankenschnösels“ zusammen, der in erster Linie arrogant sei. Dieser Kleidungsstil und solch ein äußeres Erscheinungsbild sind übrigens Symbole einer Wirtschaftselite, da es nur in bestimmten Branchen oder in Führungspositionen gängig ist, im Berufsalltag einen Anzug zu tragen. Des Weiteren lassen sich Parallelen auch zu der negativen Figur des Kapitalisten ziehen, der ebenfalls immer in einem Anzug erscheint und dem regelmäßig vorgeworfen wird, gierig zu sein, sowie häufig auch bemängelt wird, dass dieser sich auf Kosten anderer bereichere.215 Das diese Rückbindung an das im letzten Jahrhundert populäre Feindbilder des Kapitalisten nicht zu weit geht, sondern sich auch noch im 21. Jahrhundert wiederfindet, zeigt die von einem FAS-Journalisten hergestellte Parallele zwischen Ackermann und dem stereotypen Bild des prototypischen Kapitalisten: „Sie [die Deutschen 212 Ebd., S. 48-52. 213 Taleb, Nassim Nicholas: Gefährliche Banker, in: WiWo 39 (2008), S. 130-133. Nassim Nicholas Taleb ist Finanzmathematik und Autor von Büchern über den Finanzsektor. 214 Hergert, Stefani/Welp, Cornelius: Das Duell, in: WiWo 38 (2008), S. 58-63. 215 Kämpfer, Frank: "Der rote Keil". Das politische Plakat Theorie und Geschichte, Berlin 1985, S. 147/148. 52 und ihre Politiker] halten ihn [Ackermann] für den Prototypen des kalten Kapitalisten.“216 Die hierarchische Position der Banker und der Banken wurde ebenfalls durch ihre räumliche Verortung in den „Spiegeltürme[n]“217 transportiert, gemeint sind damit die Frankfurter Zentralen der einzelnen Bankinstitute. Der Turm weist als Herrschaftssymbol eine lange Tradition auf, das sich in der Bibel wiederfinden lässt und sich im Kontext der Geschichte um den Turmbau von Babel widerspiegelt. Im Zuge der Finanzkrise wurden den Bankern und den Banken also nicht nur Vergehen vorgeworfen, sondern ihr äußeres Erscheinungsbild sowie ihre räumliche Verortung wurde ebenfalls an ihre negativen Charakteristika gekoppelt. Vergegenwärtigt man sich die bisher erwähnten Zuschreibungen und reflektiert ihre Bedeutungen sowie ihre Bezüge zueinander, dann fällt auf, dass die einzelnen konnotativen Marker ein zusammenhängendes Bild ergeben, das das Grundgerüst des gesamten Diskurses bildet und so die diskursive Figur des Bankers konstituiert. In dessen Zentrum stehen die vermeintliche Gier, die Maßlosigkeit, die Morallosigkeit, die Verantwortungslosigkeit, der Egoismus und die Arroganz der Banker und der Banken. Diese führten im Diskurs zu den jeweiligen Klassifikationen, die die Ursachen der Finanzkrise zu einer monokausalen Ursache verdichteten – die mithilfe von Moralisierung erfolgte Schuldkonstruktion der Banker und der Banken. Die Frage, die sich nunmehr stellt, ist: wie wird die Moralisierung in Form von rhetorischen Funktionen und/oder Dichotomien bei der Charakterisierung der Banker und Banken benutzt und welche weiteren prototypischen Topoi lassen sich daraus formulieren? 3.2.1.1 Allgemeinwohl Im Rahmen der Berichterstattung über die Banker und die Banken nimmt die Gegenüberstellung von Allgemeinwohl und Egoismus eine zentrale rhetorische Funktion im Diskurs ein. Im Kontext von Verantwortung, Moral und/oder Gerechtigkeit handelt es sich bei solcher Kritik um die Bemängelung der Vakanz positiver Verantwortung der Banker und der Banken gegenüber der Gesellschaft, solange ihnen nicht vorgeworfen wurde der Gesellschaft Schaden zugefügt zu haben (negative Verantwortung). Nicht in allen Fällen müssen die rhetorischen Funktionen und Dichotomien herausgearbeitet werden, da sie vereinzelt auch 216 Mahler, Armin: Die Welt des Josef A., in: Der Spiegel 44 (2008), S. 58. Die Anonymisierung Ackermanns Nachnamen kommt den Lesegewohnheiten des Publikums entsprechend einer Kriminalisierung seiner Person gleich, weil die Nachnamen Krimineller oder Angeklagter aufgrund von Persönlichkeitsrechten in der Regel auf diese Weise anonymisiert werden. Ackermanns Name erscheint im Fließtext jedoch mehrfach vollständig, sodass die Anonymisierung ihre anonymisierende Funktion verfehlt und das stilistische Mittel der Kriminalisierung Ackermanns schließen lässt. 217 Kloepfer: Ein unmoralisches Angebot, S. 36. 53 ausformuliert wurden, wie in folgender Textsequenz: „Bankmanager bei der Moral zu packen hat noch nie funktioniert. Es geht ihnen ums Geld.“218 Hier wurde die vermeintliche Morallosigkeit der Banker explizit kommuniziert und dies damit untermauert, dass sie sich ausschließlich für Profite interessieren würden. Anderes verbirgt sich im nächsten Beispiel. „Dem Allgemeinwohl haben sich die Herren in den Spiegeltürmen seit jeher nur verpflichtet, wenn es ihnen auch persönlich nützt.“219 So wird in dieser Textsequenz des gleichen Artikels dem abstrakten sowie unspezifischen Konzept des Allgemeinwohls der Egoismus der Banker gegenübergestellt, die in diesem Fall noch abwertend als „Herren in den Spiegeltürmen“ bezeichnet werden. Hierbei wird jedoch nicht thematisiert, ob die Banker in diesem konkreten Fall einer dritten Person oder einer dritten Gruppe (wie der Gesellschaft, repräsentiert durch die Bezeichnung Allgemeinwohl), Schaden zugefügt haben. Diese Kritik beschränkt sich also auf den Vorwurf der obsoleten positiven Verantwortung, einen gesellschaftlichen Nutzen zu erfüllen. Vergleichbares lässt sich auch in folgender Textsequenz zeigen: „Banker investieren, wo Kapital den größten Nutzen bringt – für sie, nicht für die Volkswirtschaft.“220 Abgesehen davon, dass der zuvor erwähnte Gegensatz von Egoismus und Allgemeinheit ebenfalls kommuniziert wird, tritt die Allgemeinheit diesmal in Form der Volkswirtschaft in Erscheinung; denn würden Banker dort investieren, wo dies einen „volkswirtschaftlichen“ Nutzen erfülle, dann würden sie einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen erfüllen, was nicht der Fall war. Bemerkenswert ist die Bezeichnung „Volkswirtschaft“, weil darin bereits das Volk als das Bezugsobjekt des Allgemeinwohls enthalten ist. Gleichzeitig wurde diese Bezeichnung im Diskurs aber regelmäßig synonym mit der Bezeichnung Realwirtschaft verwendet, sodass keine eindeutige Antwort darüber gegeben werden kann, ob an dieser Stelle durch die Verwendung des Wortes Volkswirtschaft bereits auf lexikalischer Ebene eine Dichotomie aufgebaut wurde. Insgesamt bezieht sich die moralische Kritik in dieser Textsequenz also wie auch im Beispiel zuvor auf die Nichtberücksichtigung der positiven Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Dies äußerte sich im Diskurs mitunter in Form eines argumentativen Gegensatzes zwischen dem Egoismus der Banker und dem Interesse an bzw. ihrer Verantwortung vor der Allgemeinheit, wobei Allgemeinheit die Schädigung eines unspezifischen wie auch abstrakten Gruppe beinhalten kann.221 Ein damit unmittelbar verflochtenes diskursives Grundmuster war der Verweis auf die Allgemeinheit in Form von öffentlichen Steuereinnahmen oder dem 218 Kloepfer: Ein unmoralisches Angebot, S. 36. 219 Ebd., S. 36. 220 Böschen, Mark/Doll, Frank/Henry, Andreas/Esterhazy, Yvonne/Welp, Cornelius/Schürmann, Christof: In Trümmern. Wall-Street-Cash, in: WiWo 39 (2008), S. 116- 127. 221 Kuhn: Alltagswissen in der Krise, S.276. 54 öffentlichen Haushalt. Bei solch einer Argumentation nahmen Steuern die rhetorische Funktion des Mindestmaßes positiver gesellschaftlicher Verantwortung ein. Obwohl diese zwar nicht freiwillig entrichtet werden, dafür jedoch das Kollektivsymbol Staat begünstigen. So kann die Nichtentrichtung von Steuern bereits als eine Steigerung des Vorwurfs der Morallosigkeit verstanden werden, weil nicht einmal das juristisch festgelegte Mindestmaß erfüllt wurde oder versucht wurde sich dieser Mindestanforderung durch Tricks zu entziehen. Dieses Mindestmaß wurde jedoch nicht erfüllt, wenn die Gewinne ausschließlich im Besitz der Banker und der Banken blieben und ihre Verluste durch staatliche Mittel kompensiert würden. Nachsicht in Bezug auf diese Punkte wäre demnach gleichbedeutend mit einer Schädigung des Allgemeininteresses, weil ansonsten ungleiche bis ungerechte Verhältnisse vorherrschen würden, in denen die Banker unbeschwert ihren Eigeninteressen folgen könnten und gleichzeitig dem Allgemeinwohl gegenüber keine Verantwortung existieren würde. „Die Renditen von zwanzig Prozent und mehr, auf die die Händler spekuliert haben, wären ja nicht für uns gewesen. Das örtliche Finanzamt hätte nicht allzu viel davon gesehen, nehme ich mal an.“222 In dieser Textsequenz werden nicht nur die horrenden Gewinne von zwanzig Prozent Eigenkapitalrendite den örtlichen bzw. öffentlichen Steuereinnahmen gegenübergestellt, sondern der Journalist stellt sich mit dem Possessivpronomen „uns“ auf die Seite des Lesers und dem Allgemeinwohl. Dieser Zusammenschluss zu einer Gruppe wird mit der Institution des örtlichen Finanzamts verknüpft und als zentraler Ort konstruiert, an dem das Allgemeinwohl in Form von Steuereinnahmen zu verorten ist. Die spekulierenden Banker werden auf der gegen- überliegenden Seite verortet, wodurch sich so eine Abgrenzung konstruiert, die die Handlungen des Bankers und deren Folgen als selbstverschuldet darstellt.223 So wurden Steuern im gesamten Diskurs als gängiges rhetorisches Mittel verwendet, um Entscheidungen oder Praktiken einzelner Akteure moralisierend zu kritisieren, dass „mit dem Geld der Steuerzahler“224 unangemessen umgegangen wurde oder die Kosten am Ende zu Lasten der Steuerzahler oder des öffentlichen Haushaltes gehen. Die Steuern, der Steuerzahler und der öffentliche Haushalt repräsentieren dabei die Allgemeinheit, deren Wohl unberücksichtigt blieb. In der folgenden Textsequenz werden Steuern mit den Charaktereigenschaften sowie den Geschäftspraktiken der Banker konfrontiert: 222 o. V.: Ich möchte dieses Geld lieber nicht bezahlen, in: FAS 42 (2008), S. 31. 223 Wengeler argumentiert auf vergleichbare weise und konstatiert, dass die Banker und Banken im Diskurs die Rolle der „Schurken“ einnehmen. „Deren Probleme, deren Reaktionen auf die staatlichen Bemühungen um ihre Rettung sowie die Folgewirkungen ihres 'Versagens' auf den 'kleinen Mann', auf 'den Steuerzahler', stehen im Mittelpunkt der Krisen- Inszenierung.“ Wengeler: Historische Diskurssemantik, S. 55. 224 Hank, Rainer: Der Einsatzleiter, in: FAS (40) 2008, S. 48. 55 „Milliarden an Steuergeldern in die Hand zu nehmen, um damit für die Verluste leichtsinniger, gieriger und steinreicher Banker und Spekulanten gerade zu stehen – das ist auch in Deutschland höchst unbeliebt.“225 Auch hier wird eine Dichotomie konstruiert: Auf der einen Seite lassen sich die Steuergelder der Gesamtheit verorten, während demgegenüber selbstverschuldete Verluste aufgrund von Leichtsinn und Gier der Banker thematisiert werden. Ferner werde hierbei betont, dass es sich um „steinreiche“ Banker handelt und wird somit eine grundsätzliche Problematik der Finanzkrisen-Debatte angesprochen: Dass denjenigen, die wenig besitzen, in Form von staatlichen Sozialausgaben oder ähnlichem geholfen wird, ist bis zu einem bestimmten Grad gesellschaftlich nachvollziehbar, doch ein Kernproblem entstand daraus, wieso Wohlhabenden staatlicherseits ebenfalls geholfen werden sollte. Diese Problematik wurde im Diskurs durch die Gegenüberstellung von Kollektivsymbolen des Allgemeinwohls und vermeintlich reichen Bankern ausgedrückt. In einigen Fällen wurden beispielsweise die Bürger oder der Staat auch als Opfer der Geschäftspraktiken der Banker und Banken dargestellt: „Bedrückend, wie es Banken geschafft haben, aus uns Bürgern ein einig Volk von Bürgen für ihre missratenen Geschäfte zu machen.“226 Wie in vorherigen Beispielen stellt sich der Journalist hier ebenfalls mit dem Possessivpronomen „uns“ auf die Seite der Bürger, die allesamt zu passiven Opfern der aktiven Täter, in diesem Szenario den Banken, geworden seien. Somit steht hier wieder einmal das Allgemeinwohl dem Egoismus der Banker und Banken gegenüber. Es fällt auf, dass die Geschäfte der Banken als „missraten“ bezeichnet werden. Dies drückt die subjektive Sprecherposition aus, dass es sich eben nicht um Geschäfte handelt, die einen gesellschaftlichen Nutzen erfüllt hätten oder in ihrer Qualität als neutral zu bewerten seien, sondern vielmehr negativer bzw. „missratener“ Natur sind. Dies verschlimmere die Aufgabe des Staates bzw. der Gemeinschaft, die Kosten zu übernehmen. Die Verwendung der Allgemeinheit wurde also jeweils an den konkreten Fall angepasst und unterstellte den Bankern eine Schuld, die sich als Übertretung gesellschaftlicher negativer oder positiver Verantwortung konstruiert, und wodurch die Kritik moralisiert wurde. Die Thematisierung dieser wahrgenommen Krisenursachen lässt sich auf die journalistische wie gesellschaftliche Intention zurückführen, die Ursachen der Finanzkrise zu identifizieren, um sie anschließend beheben zu können.227 Nicht nur die Allgemeinheit wird dem vermeintlichen Egoismus der Banker und Banken gegenübergestellt, sondern tritt an ihrer Stelle ebenfalls das Kundeninteresse in Erscheinung: „Die Zahl der Kunden ist so hoch wie nie, die sich falsch beraten fühlen, denen Bankberater unter hohem Vertriebsdruck flaue 225 Wettach, Silke/Ramthun, Christian: Staatlicher Pilot, in: WiWo 41 (2008), S. 48/49. 226 Tichy: Volk von Bürgen, S. 3-5. 227 Krasni: Schuld und Krise, S. 29-33. 56 Produkte aufgedrängt haben.“228 Hier wird zwar bemängelt, dass sich relativ viele Bankkunden falsch beraten fühlen, jedoch wird dieser Kritikpunkt dadurch relativiert, dass in der Branche hoher Vertriebsdruck herrscht. Dennoch wird wie zuvor auch an dieser Stelle explizit kommuniziert, dass es sich um „missratene“ bzw. „flaue“ Produkte gehandelt haben soll. Die Gegenüberstellung des Kundeninteresses und des Egoismus des Bankers bzw. der Bank bleibt dennoch das strukturgebende Element dieser Textsequenz. Eine noch weitreichendere Relativierung der Geschäftspraktiken von Bankern bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Gegensatzes zwischen Egoismus bzw. Unternehmensnutzen und Kundeninteresse, ist folgendes Beispiel: „Bankberater, deren Leistung sich ausschließlich an den Ertragserwartungen des eigenen Instituts messen lassen muss, erliegen nicht selten der Versuchung, die Kennzahl eher im Blick zu behalten als das Bedürfnis des Kunden.“ In dieser Textsequenz wird erklärt, wieso es für Banker nicht immer einfach sei, die Kundeninteressen in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen. Dies gipfelt darin, dass von einer latent existierenden „Versuchung“ gesprochen wird, die das Unternehmensinteresse über das Kundeninteresse zu stellen versucht, derer sich dann die Banker erwehren müssten. Im Diskurs wurde die vermeintliche Schuld der Banker also auch vereinzelt milder bewertet, weil es sich demnach vielmehr um einen Kreislauf hoher Gewinnerwartungen handelte, in denen der Banker nur die ausführende Instanz war und seine alleinige Beschuldigung daher eine Verkürzung der Tatsachen dargestellt hätte. 3.2.1.2 Arroganz Bereits aus der Analyse der konnotativen Marker ist abzulesen, dass sich die Zuschreibung der Arroganz immer wieder in Diskursfragmenten der Finanzkrise finden lässt. Deren diskursive Erscheinungsformen werden nun anhand von Einzelnachweisen herausgearbeitet. „Hatten die hohen Herren aus der Finanzbranche nicht all die Jahre auf sie [die Politiker] herabgeblickt? Auf die kleinen Büros. Auf die kleinen Gehälter. Auf die schlechtsitzenden Anzüge.“229 In diesem Fall wird nicht die Allgemeinheit, sondern es werden die Politiker als Opfer der Banker konstruiert, die die Arroganz in Form von Herabwürdigung erdulden mussten. Dieses Bild der überheblichen Banker führt dazu, dass ihre Rufe nach staatlichen Hilfen im Oktober 2008 als „flehen“ oder „betteln“ bezeichnet werden und als Umpolung der Machtverhältnisse gedeutet werden. So lassen sich diese Zuschreibungen zu einer diskursiven Meistererzählung zusammensetzen, dass das Bild der unmoralischen Banker als eine homogene Gruppe 228 Bergermann, Melanie: Falsch getrimmt, in: WiWo 44 (2008), S. 72-75. 229 Feldenkirchen, Markus/Nelles, Roland/Neukirch, Ralf: Eintracht Berlin, in: Der Spiegel 43 (2008), S. 35. 57 zeichnete, die auf dem Höhepunkt ihrer Macht andere verspottete und sich nicht für das Allgemeinwohl interessierte, jedoch in der Not lautstark nach eben dieser Unterstützung „schreite“ oder „bettelte“. Die Umkehrung dieser Machtverhältnisse drückt sich in folgender Textsequenz im Abgleich zwischen politischen Handlungsträgern und der Finanzmarkt-Öffentlichkeit aus: „Schließlich werden sie [die Politiker] von der versammelten globalen Hochfinanz geradezu angebettelt, ihnen jetzt doch rasch und mit viel Geld aus der Patsche zu helfen.“230 Einen Schnittpunkt zwischen Ungerechtigkeit, Allgemeinwohl und Arroganz bildet folgende Textsequenz: „Sie [Bankmanager] waren nie bescheiden, warum dann jetzt? […] So tanzen sie frech auf der Bühne, die sie selbst angesägt haben […]. So wird den größten Staatsverächtern nun Staatshilfe zuteil. […] Aber warum gibt es jetzt keine Demut bei denen, keine Bescheidenheit, keine Entschuldigung für all diese Ungeheuerlichkeiten?“231 Der anfängliche Verweis darauf, dass Banker nie zuvor bescheiden gewesen seien, lässt sich als Andeutung ihrer Arroganz verstehen, die im gleichen Diskursfragment an vorherigen Stellen auch explizit kommuniziert wird. Doch bei der Zuschreibung von Arroganz bleibt es nicht, denn Banker würden die Zuschauer, gemeint ist hierbei die beobachtende Allgemeinheit, die ihnen bei ihrem Stück auf der Bühne zusieht, mit ihrer Dreistigkeit verspotten. Ferner wird es als ungerecht deklariert, dass diejenigen, die sich zuvor gegen den Staat gerichtet haben, nun in Folge der Bankenrettung von eben diesem gerettet werden sollen. Dennoch würden die Banker ihre Charaktereigenschaften nicht überdenken oder gar ihre Geschäftspraktiken bereuen, obwohl sie der Allgemeinheit diese Lasten zugemutet haben. An diese Lasterhaftigkeit knüpft das nächste Beispiel an, indem in einer Analogie kommuniziert wird, dass Gewinne bzw. Bonuszahlungen unbegrenzt seien sowie privatisiert werden, wohingegen Verluste von der Allgemeinheit getragen werden: „Ihr Himmel ist nach oben offen, was die Boni betrifft; sanft aber gleiten sie an goldenen Fallschirmen herab,“ wenn´s schiefgeht: Davon kann ein mittelständischer Unternehmer nur träumen.“232 Die Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln der Banker wird darüber hinaus mit dem der mittelständischen Unternehmer verglichen. Dieser verfügt nicht über die gleichen Möglichkeiten, erst Risiken einzugehen und Gewinne zu erhalten, um in Zahlungsnot von dem Staat bzw. der Allgemeinheit 230 Hank, Rainer: Komplott der Krisenmanager, in: FAS 40 (2008), S. 14. 231 Kurbjuweit: Zeit der Krokodile, S. 51. 232 Tichy: Volk von Bürgen, S. 3-5. 58 Hilfe gestellt zu bekommen. Die Möglichkeiten des mittelständischen Unternehmens und des Bankers werden in Verhältnis zueinander gesetzt, um somit die ungleichen Voraussetzungen zu kritisieren, die den Banker bevorzugen. Dies entspricht nicht der Gerechtigkeitsvorstellung, dass für alle gleiche Rechte gelten und somit bildete die Ungleichheit von Handlungsoptionen einen moralischen Kritikpunkt. 3.2.1.3 Grauzonen Einzelne Beiträge zum Diskurs bemängelten, dass Banker teilweise gesetzliche Regelungen übergangen oder sich bewusst in einer Grauzone bewegt hätten, um somit ihre eigenen Interessen oder die der Bank über die der Kunden zu stellen. In solchen Fällen wird entweder die Allgemeinheit oder es werden die betroffenen Kunden als Opfer der Banker dargestellt. „Doch ist in den vergangenen Jahren eingerissen, dass allzu viele Banker die Regeln, die dem Schutz der Allgemeinheit dienen, auf der Jagd nach Millionen-Boni umgangen und ausgehebelt haben, zum Beispiel durch Gründung außerbilanzieller Zweckgesellschaften.“233 Hier entsteht (wie bereits in vorherigen Beispielen) eine Dichotomie zwischen den Bankern und der Allgemeinheit. Neu ist jedoch die explizit kommunizierte Kritik, dass die Banker bewusst Regeln umgangen haben sollen, um ihre Gewinne zu steigern. Sie vernachlässigten den Schutz der Allgemeinheit und erfüllten somit ihre negative Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht, indem sie sich auf Kosten anderer bereichert haben sollen. In dieser Textsequenz fällt insbesondere die Wortwahl „Jagd nach Millionen-Boni“ auf. Sie kommuniziert einerseits, dass es sich um horrende Summen handelt, die im Diskurs als charakteristisch für die Finanzbranche dargestellt werden. Ferner wird gleichzeitig das Bild einer aggressiven Finanzbranche vermittelt, die im Rausch der Jagd nach Geld ebenfalls dazu bereit sei, gesellschaftliche Regeln zu übertreten. „Das System [der Verkauf der Lehman-Zertifikate], dass Bankberater ihren Kunden Produkte als 'absolut sicher' verkauften. Während sie den – sogar gesetzlich vorgeschriebenen – Hinweis auf die Ausfallrisiken solcher Papiere systematisch den Prospekten überließen. Mit dem Wissen, dass diese verklausulierten Broschüren ohnehin keiner liest.“234 In diesem Beispiel wird bemängelt, dass Banker den Verweis auf mögliche Ausfallrisiken systematisch unterlassen haben sollen. Betont wird, dass sogar eine gesetzliche Regelung existiert, die dies vorschrieb, doch die Banker und die Banken hätten diese Pflicht lediglich auf ihre Broschüren ausgelagert. Dadurch 233 Fehr: Retter und Moral, S. 26. 234 Oberhuber, Nadine: Beraten und für dumm verkauft, in: FAS 40 (2008), S. 49. 59 wird die Dichotomie des unwissenden Kunden als Opfer und des wissenden Bankers als Täter, der seine Kunden bewusst nicht informiert, konstruiert. Damit ist die negative Verantwortung von den Bankern verletzt worden, da sie die Kunden absichtlich nicht informiert haben sollen und somit die Rahmenbedingungen der Verluste ihrer Kunden im Zuge der Lehman Brothers Insolvenz geschaffen hätten. Die Krise wurde im Rahmen der Schuldzuschreibung gegenüber der Bankern und der Banken also nicht als eine Naturkatastrophe ohne menschliche Einwirkung dargestellt, sondern es haben vielmehr Banker mit dem Geld der Kunden gespielt, ohne sie umfassend über die Risiken aufgeklärt zu haben. Die moralische Kritik bezog sich dabei nicht darauf, dass die Banker die Erwartung der Gewinnsteigerung seitens der Banken zu erfüllen versucht haben, sondern darauf, die Verantwortung gegenüber ihren Kunden systematisch vernachlässigt zu haben. 3.2.1.4 Kompetenz Die Kritik der „Grauzone“ wurde regelmäßig mit der Thematisierung einer ungenügenden Risikoprävention und/oder -messung ergänzt, die letztlich die Kompetenz der Banker und der Banken, sich souverän in ihrer eigenen Branche zu bewegen hinterfragte, indem sie beispielsweise regulative Eingriffe des Staates forderte oder das Selbstbild des Bankers beschädigte.235 So attestieren Beobachter Bankern während der Krise Ratlosigkeit236, Orientierungslosigkeit oder auch handfeste Sinnkrisen: „Zusammenbrüche wie die jetzigen [treffen] das Selbstgefühl des Bankers bis ins Mark. Es ist nicht nur die Angst um den Arbeitsplatz, die ihn belastet, sondern mehr noch die Zerstörung des eigenen Ideals.“237 Diese Textsequenz drückt aus, dass mit der Finanzkrise das bisherige Selbstbild der Banker ins Bröckeln gerät, weil dieses mit den Erfolgen an den Finanzmärkten verknüpft ist und nun unerwartete gesamtgesellschaftliche Folgen bewirkt. Dadurch geriet „eine Berufsausübung à la Gekko“238 ins Schwanken, die nur nach höheren Gewinnen strebt, dabei moralische Gesichtspunkte unberücksichtigt lässt und auch nicht davor zurückschreckte ihre Geschäftspraktiken bis zur Kriminalität zu treiben. Eine zentrale Aufgabe der Banker und der Banken ist die Bewertung von Risiken und ihr adäquater Umgang damit. Diese Kompetenz wird ihnen aber im Diskurs gelegentlich abgesprochen: „Dabei haben die Banker in ihrem Kernge- 235 Krasni: Schuld und Krise, S. 31-33. 236 Tuma, Thomas: Von der Würde der Unschuld, in: Der Spiegel 43 (2008), S. 42. 237 Platthaus, Andreas: Der Gekko, in: FAS 38 (2008), S. 12. 238 Gemeint ist hier der Börsenmarkler Gordon Gekko aus dem Film Wall Street, aus dem Jahr 1987, der für die Finanzbranche zur Ikone und zum Leitbild geworden sei. Ebd. 60 schäft versagt, nämlich bei der Beurteilung von Risiken.“239 Ausführlicher auf diesen Sachverhalt geht die nächste Textsequenz ein: „Die Banken waren zu leichtsinnig und hatten keine ausreichende interne Risikokontrolle. Der naive Glaube, man könne durch das Verpacken vieler kleiner Kredite […] das Risiko von Kreditausfällen vermindern oder gar ausschalten, entpuppte sich als Irrtum.“240 Hier wird argumentiert, dass sich die Geschäftspraktik der Risikokontrolle durch Risikoverteilung auf die Schulter Vieler als Irrtum herausstellte und an der den Bankern und den Banken zugesprochener Kompetenz kratzt; weil dieser Logik folgend bei gründlicher Prüfung der internen Risikokontrolle, diese Fehlschlüssen erst gar nicht hätten zustande kommen dürfen. Betont wird dies durch die Verwendung der konnotativen Marker „leichtsinnig“ und „naiver Glaube“, wodurch die Sprecherposition transparent wird, dass eine adäquate Risikomessung die heraufziehenden Folgen hätte bemerken müssen. So führt die Infragestellung der Risikoprävention und -messung zur diskursiven Beschädigung der den Bankern und den Banken zugesprochen Kompetenz. Die folgende Textsequenz transportiert zweierlei: Einerseits lässt sich die dem Diskurs inhärente Zukunftsunsicherheit herausarbeiten, die sich darin äußert, dass die Ungewissheit der Zukunft thematisiert und mögliche Schreckensszenarien angedeutet werden. Andererseits ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie sich die von Andreas Langenohl beschriebene Entspezifizierung im Diskurs nach der Lehman Brothers Insolvenz ausdrückte; denn es wurden weniger finanzmarkttechnische Entwicklungen auf einzelne Kreditinstitute bezogen, sondern es wurde fortan vielmehr generalisiert, indem einzelne Symptome als mögliches Anzeichen für systemische Krisenerscheinungen der gesamten Finanzbranche gedeutet wurden.241 „Plötzlich scheint alles möglich. Niemand weiß, welche Bank noch in die Luft geht und wie die Folgen für die Realwirtschaft sind. Niemand weiß, wie groß das Spiel der Finanzspieler war. Das macht die Lage so unheimlich.“242 Alles war also möglich, gewiss sei nur, dass keiner wüsste, wie es weitergehen und welche Wellen die Finanzkrise schlagen würde. Solche Deutungsmuster können in einer übergeordneten diskursiven Kategorie der Unsicherheit komprimiert gesammelt werden, die an den Einstellungen und Meinungen der zeitgenössischen Rezipienten mit Sicherheit nicht spurlos vorbeizog. „Hätte. Könnte. Wür- 239 Tichy: Volk von Bürgen, S. 3-5. 240 Hoyer, Niklas/Schmergal, Cornelia/Hergert, Stefani/Wettach, Silke/Fischer, Malte/Schürmann, Christof/Gerth, Martin: Was Sie wissen müssen, in: WiWo 41 (2008), S. 52/53. 241 Langenohl: Die Ausweitung der Subprime-Krise, S. 93. 242 Kurbjuweit: Zeit der Krokodile, S. 49. 61 de. Noch kann niemand exakt voraussagen, welche Folgen die Finanzkrise wo haben wird.“243 Der Ausgang der Finanzkrisen schien also vielen Journalisten ungewiss und dies wurde entsprechend kommuniziert. Gleichzeitig konnte dies jedoch Spuren in Form von Meinungen und Einstellungen zu Bankern und Banken bei einer verschreckten Öffentlichkeit hinterlassen. 3.2.1.5 Exkurs: Anti-Amerikanismus In diesem Exkurs wird die in der Einleitung erwähnte im Diskurs konstruierte Unterteilung in „angelsächsische“ und in Deutschland angesiedelte bzw. „deutsche“ Banker und Banken näher thematisiert. Sie entspricht oftmals einem Anti- Amerikanismus244 und lässt sich in zahlreichen journalistischen Artikeln ausfindig machen.245 Dabei wurde die Schuld für die Finanzkrise ausschließlich den 243 Bovensiepen, Nina/Hawranek, Dietmar/Müller, Martin U./Neubacher, Alexander/Reiermann, Christian/Tietz, Janko: Tickende Bombe, in: Der Spiegel (42) 2008, S. 96. 244 Anti-Amerikanismus verstanden als „performative Bedeutung (Kontext- und Situationsgebunden) von Sprechakten (einzelnen Äußerungen), denen bestimmte Amerikabilder in bestimmten Funktionskontexten rhetorisch gebraucht werden." Knappertsbusch, Felix: Antiamerikanismus in Deutschland. Über die Funktion von Amerikabildern in nationalistischer und ethnozentrischer Rhetorik, Bielefeld 2016, Hervorhebung im Original, S. 80. Dabei werden sie als Negativfolie verwendet, wodurch sich der Sprecher abgrenzt, erhöht oder als Opfer Amerikas darstellt. Knappertsbusch, Felix/Kelle, Udo: "Mutterland des nomadisierenden Finanzkapitals". Zum Verhältnis von Antiamerikanismus und Antisemitismus vor dem Hintergrund der Finanzkrise, in: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände, Berlin 2010, Anmerkungen im Original, S. 147. Diese Definition ermöglicht die Unterteilung in legitime Amerika-Kritik und Anti-Amerikanismus. Für eine Typologisierung Antiamerikanischer Stereotype vgl. Ebd., S. 148-149. Obgleich Anti-Amerikanismus mit Anti- Semitismus korreliert, wie es mitunter Knappertsbusch herausgearbeitet hat, muss dies jedoch nicht immer der Fall sein, da Anti-Amerikanismus nicht zwangsläufig die vermeintlich „jüdische“ Verstrickung zwischen Kapital, Wall Street und USA beinhalten muss, aber kann. Ebenso wenig wie die Kritik an „gierigen Banker und Banken“ Ausdruck antisemitischer Einstellungen sein muss, weil diese vom zeitgenössischen Sprecher des 21. Jahrhunderts ebenfalls nicht mit dem Judentum verknüpft werden müssen, obgleich diese Zuschreibung selbstverständlich antisemitische Wurzeln hat. So besteht beispielsweise zwar eine Kontinuität in den Zuschreibungen gegenüber („jüdischen“) Kapitalisten, wodurch sich aber aufgrund dieser inhaltlichen Kontinuität der Charakterisierung noch lange keine Kontinuität des Anti-Semitismus in den Äußerung jeglicher Zuschreibungen dieser Art widerspiegelt. So ergeben sich beispielsweise ebenfalls zwischen einem anti-semitischen Weltbild und einem anti-amerikanischen zahlreiche Schnittstellen, die jedoch keineswegs die Charakterisierung einer anti-amerikanischen Äußerung als anti-semitisch erlaubt. Jaecker: Hass, Neid, Wahn, S. 364, 373. 245 Für Geschichte und Entstehungshintergründe sowie verschiedene Ausprägungen des Anti- Amerikanismus in Deutschland vgl. Behrends, Jan C./Klimó, Árpád von/Poutrus, Patrice G. (Hrsg.): Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert. Studien zu Ost- und Westeuropa, Bonn 2005. Ursprünge und Wandlung des deutschen Anti-Amerikanismus bis zur Wiedervereinigung lassen sich hier finden: Schwaabe, Christian: Antiamerikanismus. Wandlungen eines Feindbildes, München 2003. 62 USA zugesprochen, um somit die Unschuld der „deutschen“ Finanzbranche zu konstruieren. Die gegenseitige Vernetzung der globalen Finanzmärkte wurde damit regelmäßig ausgeklammert, während die Rolle der USA überhöht wurde.246 Inhaltlich ähnliches lässt sich in dem klassisch anti-amerikanischem Vorwurf finden, dass Globalisierung als eine Art „Amerikanisierung“ verstanden werden kann, die die einseitige US-amerikanische Prägung anderer Staaten beschreibt. Unberücksichtigt blieb dabei, dass die Globalisierung in Form von Veränderungs- und Anpassungsprozessen sich ebenso auf die USA auswirkt und nicht von dort zentral gesteuert wird.247 So wurde in vielen Fällen die ausschließliche Schuld der Finanzkrise den USA zugesprochen, obwohl dieses Bild im Zuge der Auswirkungen nach der Lehman Brothers Insolvenz bedingt relativiert wurden, indem die globale Vernetzung der Finanzmärkte stärker thematisiert wurde.248 Die USA wurde im Diskurs oft als Negativbeispiel eines „angelsächsischen Turbokapitalismus“ 249 benutzt, während insbesondere die USamerikanische Wall Street als die Heimat von Profitgier, Geiz und Skrupellosigkeit beschrieben wurde. Dadurch wurde Europa oder Deutschland im direkten Abgleich als eher konservativ dargestellt und insbesondere Deutschland wurde mitunter durch Bezeichnungen wie die mit „Skrupel“ assoziierte „soziale Marktwirtschaft“250 als moralisch hochwertiger klassifiziert.251 Dabei wurde übergangen, dass in Deutschland ebenso wie in den USA keine soziale Marktwirtschaft herrscht, sondern der Kapitalismus.252 Diese künstliche Gruppierung ging mit der Konstruktion des Selbstbildes als anders bzw. besser einher, dass somit die Funktion der Selbstaufwertung erfüllte, indem die USA oder die Angelsachsen im Allgemeinen abgewertet wurden.253 Die FAS lässt in einem ihrer Artikel einen Frankfurter Investmentbanker über die Geschehnisse und Zustände der Finanzmärkte berichten, der ganz im Sinne des beschriebenen Anti-Amerikanismus die 246 Diese wird im Zuge der Lehman Brothers Insolvenz und den ersten Hilferufen der deutschen Finanzbranche und Realwirtschaft vermehrt relativiert, indem zunehmend auf die internationalen Verstrickungen verwiesen wird. 247 Hahn, Michael: Einleitung. Notwendige Verunsicherung, in: Hahn, Michael (Hrsg.): Nichts gegen Amerika. Linker Antiamerikanismus und seine lange Geschichte, Hamburg 2003, S. 10. 248 Jaecker beschäftigt sich diskursanalytisch mit Anti-Amerikanismus in der deutschen Finanzkrisen-Debatte. Vgl. Jaecker: Hass, Neid, Wahn, S. 137- 156. Knappertsbusch und Kelle kommen anhand von eruierten Aussagen, dass anti-amerikanische Erklärungsmuster unter den „Deutschen“ verbreitet sind. Vgl. Knappertsbusch/Kelle: "Mutterland des nomadisierenden Finanzkapitals", S. 144–163. 249 Von Balzli et al.: Der Schwarze Herbst, S. 25. 250 Ebd. 251 Jaecker: Hass, Neid, Wahn, S. 140, 264. 252 Vgl. Hall, Peter A./Soskice, David: Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford 2001. 253 Markovits, Andrei S.: Amerika, dich hasst sich's besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg 2004, S. 235. 63 angelsächsischen Finanzmetropolen als Negativfolie zur moralischen Aufwertung des Frankfurter Finanzstandortes nutzt: „Wenn ich eine Hitparade der Gier aufstellen müsste, dann finge es mit New York an, danach käme London und dann der Rest von Europa. Gerade hier in Frankfurt sind wir doch relativ langweilig. Die Exzesse und Übertreibungen sind im angelsächsischen Investmentbanking viel größer.“254 Ferner wurde im Diskurs die Gesamtheit der „amerikanischen Wirtschaft“ oftmals im Gegensatz zur deutschen und europäischen Wirtschaft mit Gewinnorientierung und Spekulation beschrieben, die wiederum Hand in Hand mit der Zuschreibung der Gier einzelner Akteure, insbesondere in der angelsächsischen Finanzbranche, einhergeht.255 Dementsprechend fallen die (moralischen) Kritikpunkte wesentlich härter aus, wenn sie sich auf „Angelsachsen“ oder „angelsächsische Zustände“ beziehen, als wenn sie „deutsche“ thematisieren. So wurde „deutsches“ Wirtschaften im Abgleich mit „amerikanischem“ als reguliert und maßvoll, d.h. – im Sinne der klassischen Stereotypie des Anti-Amerikanismus – als kultiviert beschrieben, wohingegen im angelsächsischen Raum vor allem „Maßlosigkeit“, „Spielsinn“ und „Risikofreude“ herrsche.256 „Deutsches Wirtschaftsgebaren kam in den Ruch von Biederkeit und Beschränktheit. Als sexy galten Maßlosigkeit, Spielsinn, Risikofreude. Lasst uns wie Amerikaner sein, wurde zur Devise für die deutschen Banken- und Unternehmenselite.“257 Laut dieser Textsequenz ist die Ursache der Krise also das moralisch fragwürdige „amerikanische Wirtschaften“, das ausgehend von den USA in Form der Deregulierung und steigenden Gehälter auch in Deutschland Einzug hielt. Auf diese Art und Weise stellt die Darstellung der US-amerikanischen Wirtschaft sowie ihrer Akteure als egoistisch, profitgierig und gefährlich ein diskursives Grundmuster der Berichterstattung über US-Amerika im Gegensatz zu Europa oder Deutschland dar, das in einer Selbsterhöhung gipfelt.258 Die Moralisierung des Diskurses äußerte sich darin, dass Geschäftspraktiken und vermeintliche Lasterhaftigkeit zwar angeprangert wurden, diese wurden jedoch im Bezug zum angelsächsischen Raum umfassender kritisiert, während eben auch dort die Ursprünge für die Finanzkrise gesucht wurden. Infolgedessen 254 Höfinghoff, Tim: „Wir haben Mist gebaut“, in: FAS 40 (2008), S. 40. 255 Jaecker: Hass, Neid, Wahn, S. 156. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die 2005 erfolgte Heuschrecken-Debatte in Deutschland, in der Private-Equite-Unternehmer bzw. „Heuschrecken“ als ausländisch jedoch primär angelsächsisch dargestellt wurden. Münnich: Von Heuschrecken und Bienen, S. 284. 256 Jaecker: Hass, Neid, Wahn, S. 356-357. 257 Kurbjuweit: Zeit der Krokodile, S. 51. 258 Jaecker: Hass, Neid, Wahn, S. 262. 64 entstand eine Unterscheidung im Diskurs, die Banker und die Banken in in Deutschland und in im Ausland angesiedelte Banker und Banken einteilen lässt. Das Ausmaß der Kritik passte sich dabei an die jeweilige lokale Verortung an. So wurden angelsächsische Banker und Banken in der Finanzkrisen-Debatte wesentlich stärker kritisiert als „deutsche“. 3.3.3 Diskursive Aushandlungsprozesse 3.3.3.1 Verflechtung Bevor näher systematisch auf die Moralisierung des Diskurses eingegangen werden kann, ist es an dieser Stelle notwendig, grundlegende diskursive Erklärungsmuster der transnationalen Verflechtung der Finanzkrise herauszuarbeiten. Diese waren eine notwendige Bedingung der Schuldkonstruktion der in Deutschland angesiedelten Banker und Banken und bildeten das Erklärungsmuster, warum auch Deutschland von der Finanzkrise betroffen war. Die erste öffentliche Bank, die von der Finanzkrise in Deutschland betroffen war und aufgrund von Liquiditätsengpässen mit staatlichen Kreditbürgschaften unterstützt werden musste, weil sie ansonsten hätte Ende September 2008 Insolvenz anmelden müssen, war die Hypo Real Estate (HRE).259 Sie kann auch als innerdeutscher diskursiver Beschleunigungsmotor betrachtet werden, nachdem vorherige Spekulationen über mögliche Auswirkungen der Lehman Brothers Insolvenz auf die deutsche Finanzbranche zur Realität wurden und sich auch auf die öffentlichen Banken ausweitete. Es folgte die Krisenanalyse, dass sich die Finanzkrise ausgehend von den USA weltweit ausbreitete und deren Ursprünge mit dem Siegeszug des Neoliberalismus und der daraus folgenden Deregulierung der Märkte nach „amerikanischem Vorbild“260 verflochten seien. So wurde die Krise fortan nicht mehr als auf den US-amerikanischen Raum beschränkt wahrgenommen, sondern vielmehr als eine Krise charakterisiert, „die so fundamental ist wie keine zuvor, weil sie das gesamte Finanzsystem der Weltwirtschaft infiziert hat“261 – und folglich systemischen Charakter habe. Ausformuliert wird solch eine Kriseninterpretation im folgenden Beispiel: 259 Balzli, Beat/Brzoska, Ina/Hornig, Frank/Jung, Alexander/Mahler, Armin/Pauly, Christoph/Reiermann, Christian/Reuter, Wolfgang/Sauga, Michael/Schmidt, Caroline: Angst vor der Apokalypse, in: Der Spiegel 41 (2008), S. 53-66. 260 Balzli, Beat/Brinkbäumer, Klaus/Hornig, Frank/Hoyng, Hans/Mahler, Armin/Neubacher, Alexander/Reuter, Wolfgang/Pauly, Christoph/Sauga, Michael: Der Offenbarungseid, in: Der Spiegel 40 (2008), S. 28. 261 Von Balzli et al.: Der Schwarze Herbst, S. 24. 65 „Noch vor wenigen Monaten galt der Euro-Raum mit seiner Konjunkturlokomotive Deutschland als Kraftpaket der Weltwirtschaft. Die Finanzkrise schien ein auf Amerika begrenzter ökonomischer GAU zu sein, eine Spätfolge ungehemmter Finanzspekulationen an der Wall Street. Doch nun befinden sich alle großen Euro-Länder [darunter auch Deutschland] auf dem Weg in die Rezession.“262 In dieser Textsequenz wird ein Gegensatz zwischen der früheren Wahrnehmung Europas als Wirtschaftsmacht mit einem wirtschaftlich starken Deutschland und der vergangenen Kriseninterpretation der Finanzkrise als US-amerikanisches Symptom „ungehemmter Finanzspekulation“ thematisiert. So wird die Geschwindigkeit der Krisenbewertung und ihr gesamtgesellschaftliches Ausmaß akzentuiert, die sich in der Konklusion der drohenden Rezession, zuspitzt. Die Auswirkungen der Finanzkrise auf Europa und Deutschland stellten also keine Zukunftsprognose mehr dar, sondern hatten sich vielmehr bereits real verwirklicht, und die Deutung der Finanzkrise als US-amerikanisches Problem war überholt. Im Diskurs wurden diese Auswirkungen im Abgleich mit anderen Staaten teilweise relativiert, indem die deutschen Finanzmärkte und/oder die Industrie als solider als andere dargestellt werden. So heißt es in der WiWo: „Allerdings fallen die Verwerfungen hierzulande noch glimpflich aus: Weil die deutschen Immobilienpreise im internationalen Vergleich noch nicht überhitzt waren, sinken sie nur moderat.“263 Die deutsche Wirtschaft verfügt demnach über eine bessere Grundlage, um mit den Konsequenzen der Finanzkrise umgehen zu können als andere Staaten. Doch diese Bewertung beschränkt sich nicht auf die Finanzbranche und wird folgendermaßen ergänzt: Auch „die deutsche Volkswirtschaft könnte glimpflicher davonkommen als gedacht. Während in den gebeutelten Staaten USA, Spanien und Irland der Finanzsektor die produzierende Wirtschaft immer weiter zurückgedrängt hat, verfügte Deutschland nach wie vor über einen soliden industriellen Kern.“264 Spezifische Konsequenzen der Finanzkrise werden nur in konkreten Einzelfällen thematisiert, ansonsten wird sich vermehrt einem internationalen Abgleich bedient, um zu einem generalisierenden Urteil zu kommen, das die deutsche Industrie lobt und ihre Vorzüge bezüglich der Begrenzung der Finanzkrise akzentuiert. Umso schwerer wiegen die nur wenige Wochen später einsetzenden 262 Inacker, Michael/Bergermann, Melanie/Wettach, Silke/Ramthun, Christian /Fischer, Malte/Losse, Bert/Welp, Cornelius/Schürmann, Christof/Hajek, Stefan: Kein Vertrauen, nirgends, in: WiWo 42 (2008), S. 22. 263 Schwerdtfeger, Heike/Willershausen, Florian/Schumacher, Harald/Henry, Andreas/Gerth, Martin: Jeder hat Angst, in: WiWo 41 (2008), S. 96-102. 264 Balzli et al.: Angst vor der Apokalypse, S. 66. 66 Schwierigkeiten deutscher Vorzeigekonzerne, die mitunter mit dem Wirtschaftswachstum Deutschlands verbunden werden sowie eine lange Zeit als Arbeitsplatzgaranten gelten wie beispielsweise die Automobilindustrie, jedoch im Zuge der Finanzkrise im Oktober 2008 erste Probleme wie BMW und Daimler melden musste.265 Dies legt die Annahme nahe, dass die Finanzkrise ebenfalls nicht vor „grundsoliden Firmen“266 halt macht, weil diese einerseits mit Nachfrageeinbruch rechnen müssen sowie andererseits ihre Ausgaben schlechter durch Fremdmittel der Banken finanzieren können, weil die Banken selbst in Liquiditätsprobleme zu schlittern drohen. So wird diskursiv vermittelt, dass die Krise der Finanzmärkte sich auf die Realwirtschaft auswirken könnte267 und verführt zur Konklusion, dass die Welt „von der Finanzdepression in die Wirtschaftsrezession“ rauscht.268 An dieser Stelle ist zu betonen, dass solch eine Berichterstattung über mögliche negative Zukunftsszenarien wirtschaftlich nachteilige Folgeerscheinungen performativ bestärkt, indem die öffentliche Kommunikation darüber, den drohenden Nachfrageeinbruch beschleunigt, da sie potenzielle Käufer erst alarmieren kann, sich gegen einen Kauf zu entscheiden. Diese Inhalte bilden also das Gerüst der Finanzkrise, das die moralischen Kritikpunkte gegen- über der Banker und der Banken auf ein höheres Level hebt, weil es erklärt, dass mit deren Entscheidungen und Geschäftspraktiken nicht nur Schwierigkeiten der Finanzmärkte zu erwarten wären, sondern auch der Einbruch der gesamten Weltwirtschaft sowie der Nationalökonomien einhergehen könnte. Entsprechend schwer lastet der Vorwurf, dass „viele deutsche Geldinstitute269 beim großen Monopoly kräftig mitgespielt haben – einschließlich der Landesbanken. Nicht zuletzt deshalb gerät das deutsche Finanzsystem in Mitleidenschaft.“270 Hier wird die Nähe der Finanzbranche zum Spiel akzentuiert, indem die Geschäftspraktiken der Banker und der Banken als ein transnationales „Monopoly-Spiel“ klassifiziert und damit abgewertet wurden. Diese Verflechtung „leichtsinniger“ Wertpapiergeschäfte und die daraus resultierende (Teil-)Schuld der in Deutschland angesiedelten privaten sowie öffentlichen Banker und Banken führte demnach erst zu den Schwierigkeiten am deutschen Finanzmarkt. 265 Bovensiepen et al.:: Tickende Bombe, S. 94-96. 266 Klesse, Hans-Jürgen: Im Bombenhagel, in: WiWo 43 (2008), S. 58/59. 267 Kiani-Kreß, Rüdiger/Hielscher, Henryk/Schumacher, Harald/Schnitzler, Lothar: Altmodisch üppig, in: WiWo 42 (2008), S. 43-45. 268 Schmergal, Cornelia/Inacker, Michael/Wettach, Silke/Ramthun, Christian/Augter, Stefanie/Inacker, Michael: Neues Deutschland Finanzkrise - Kommen wir noch mal davon?, in: WiWo 43 (2008), S. 20. 269 Wie eingangs erwähnt (S. 4), lässt sich an solchen Textsequenzen sehr gut verdeutlichen, dass im öffentlichen Diskurs zwischen in Deutschland und im Ausland angesiedelten Banken unterschieden wird; denn hier stellt sich die grundsätzliche Frage, welche Geldinstitute als „deutsch“ zu bezeichnen sind, obgleich diese doch fast alle auch international verstrickt sind und größtenteils Zweigstellen im Ausland haben. 270 Lohse, Eckart: Der Blitz im Sparschwein, in: FAS 39 (2008), S. 3. 67 Der diesbezügliche prototypische Topos, der vielen weiterführenden Argumentationsmustern oder Interpretationsstrukturen zugrunde liegt, lautet: Die internationale Verflechtung des deutschen Finanzmarkts insbesondere die mit dem USamerikanischen führt zu (systemischen) Konsequenzen für ersteren. Ergänzt wird dieser Topos durch die daran anknüpfende Argumentation, dass, weil Finanzund Realwirtschaft verflochten sind, sich die Finanzkrise auch auf die Realwirtschaft auswirkt. 3.3.3.2 Landesbanken Die Kritik gegenüber den Entscheidungen und Geschäftspraktiken der privaten sowie öffentlichen Banken fiel bis ziemlich genau eine Woche nach der Insolvenz von Lehman Brothers verhältnismäßig seicht aus, obwohl erste Verstrickungen bereits damals aufgegriffen wurden: „Auch deutsche Banken, unter ihnen die biederen Landesbanken, sitzen noch auf infizierten Papieren – und leiden unter der Lehman-Pleite, wenn auch nicht existenzbedrohend.“271 Es wurde zwar über „infizierte Papiere“ und die hiesigen Konsequenzen der Lehman Brothers Insolvenz berichtet, jedoch hielten sich Schuldzuschreibungen und Moralisierungen noch in Grenzen, während die Landesbanken im Gegensatz zu den privaten Banken konnotativ als „bieder“ markiert wurden. Diese Einstellung gegenüber den öffentlichen Banken änderte sich jedoch unmittelbar mit der Geldüberweisung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) über 320 Millionen Euro an die nicht mehr am Zahlungsverkehr teilnehmende Lehman Brothers.272 Schlagartig erhielt sie von der Boulevardzeitungen den Ruf der „dümmsten Bank Deutschlands“273 aufgedrückt und wurde von vielen Diskursteilnehmern als Vorzeigebeispiel dafür herangezogen, dass die staatliche Aufsicht keine Lösung der Schwierigkeiten am Finanzmarkt darstellt: „Eigentlich müssen wir der Staatsbank KfW dankbar sein. Sie hat zwar unser öffentliches Vermögen um 320 Millionen Euro dadurch geschmälert, dass ihre Vorstände im Wochenende weilten und Montag frühmorgens vor Dienstantritt automatisch Geld an die Pleite-Lehman-Bank überwiesen wurde. Überzeugender kann der Beweis nicht geführt werden, dass zwar private Banken skandalös versagt haben – aber staatliche Banken nicht die Alternative sind.“274 In dieser Textsequenz wird das vermeintliche Versagen der privaten Banken zwar explizit betont, jedoch steht die Fehlüberweisung der KfW im Zentrum, weil sie 271 Böschen et al.: In Trümmern, S. 116-127. 272 Appel, Holger: Der arme Banker, in: FAS 39 (2008), S. 48. 273 Bastian, Nicole: Wie die KfW "Deutschlands dümmste Bank" wurde, in: Handelsblatt 15. September 2009. 274 Tichy: Banken-Kapitalismus, S. 5-7. 68 die Grundlage zur Konklusion bildet, während die Bewertung privater Banken nur eine Nebeninformation darstellt, die dementsprechend beiläufig in einem Nebensatz erwähnt wird, um dann durch den Negationsoperator „aber“ die staatliche Intervention zu kritisieren. Des Weiteren akzentuiert das Possessivpronomen „unser“, dass sich der Journalist samt den deutschen Steuerzahlern auf der gegenüberliegenden Seite der Banker verortet und dass sich diese Koalition über die gemeinschaftsspende Symbolfigur der Steuergelder als Opfer und die KfW als Täter darstellt. Mitunter aufgrund dieses Fauxpas der KfW folgte in einem Artikel die vorverurteilende Konklusion, dass sobald die nächste Welle der Finanzkrise entsteht, „es die Landesbanken sein [werden], die für die nationale Bankenkrise verantwortlich sind.“275 Landesbanken im Allgemeinen oder einzelne öffentliche Banken, die sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, wie beispielsweise die Bayern LB werden so oder auf vergleichbare Weise regelmäßig als Negativbeispiel staatlicher Intervention in den Finanzmarkt benutzt. Die Kritik an den Landesbanken begrenzt sich aber nicht nur darauf, dass sie nicht die solideren Banken seien; sondern da sie als Staatsbanken im öffentlichen Auftrag handeln, fielen dementsprechend die Vorwürfe an ihren finanziellen Verlusten aufgrund von vermeintlich egoistischem gewinnorientierten Handeln heftiger aus. So hat beispielsweise Krasni herausgearbeitet, dass im Diskurs über Bonuszahlungen deutscher online-Medien die Manager der Landesbanken am heftigsten kritisiert werden. Vergleichbares zeigt sich im September bis Oktober 2008 der Finanzkrisen-Debatte276: „Jeder Bürger und jeder Unternehmer muss genau rechnen, was kann er sich leisten und was nicht. Nur die Banken nicht, am allerwenigsten die sieben deutschen Landesbanken. Wenn ihnen das Geld ausgeht, holen sie sich einfach neues bei ihren Eigentümern, den Bundesländern und den Sparkassen.“277 Den Landesbanken werden Bürger und Unternehmer gegenübergestellt, die sich für ihre eigenen Entscheidungen und Handlungen verantworten müssen, indem sie exakt kalkulieren müssen, um ihre anfallenden Kosten begleichen zu können. Demgegenüber ist es ungerecht, dass für Landesbanken anscheinend andere Regeln gelten würden, weil diese eben nicht dafür verantwortlich gemacht werden würden, sondern sich das Geld einfach aus öffentlichen Haushalten oder von den Sparkassen holen könnten. Diese obsolete Eigenverantwortlichkeit wurde hier als rhetorisches Mittel benutzt, um zweierlei zu kommunizieren; erstens die bereits erwähnte Ungerechtigkeit der Ungleichbehandlung sowie zweitens das damit verbundene Fehlen von Verantwortung der Konsequenzen für eigenes Handeln, die eine Schädigung auf Kosten Dritter (öffentlicher Haus- 275 Ebd., S. 5-7. 276 Krasni: Schuld und Krise, S. 307 277 Bergermann, Melanie: Erhoffte Kettenreaktion, in: WiWo 44 (2008), S. 66/67. 69 halt) verursachen. Diesem Argumentationsstrang folgend verlieren öffentliche Banken ihr eingesetztes Kapital und bedienen sich anschließend an öffentlichen Gelder, um die Kosten zu begleichen. Somit stellt diese Beschädigung einer Dritten Instanz einen moralischen Kritikpunkt dar. Es lässt sich also konstatieren, dass die Berichterstattung über Landesbanker und -banken nicht signifikant besser ausfällt als über private Banker, während diesen moralisierend vorgeworfen wurde, ihren öffentlichen Auftrag übergangen sowie Steuergelder vernichtet zu haben, ohne dafür am Ende entsprechende Verantwortung übernehmen haben zu müssen. Der Diskurs konstruiert so das Bild, dass anscheinend sämtliche Banker und Banken, unabhängig davon ob privat oder öffentlich Banker und Banken unmoralisch gehandelt hätten, obwohl dies von privaten noch eher zu erwarten gewesen wäre als von öffentlichen, sodass diese daraus resultierenden Vertrauensschäden wohl schwerer lasten dürften.278 Eine kleine Ausnahme stellen die Sparkassen dar, die als einzige Entität der Finanzbranche im Diskurs als „noch vergleichsweise sicher“279 bewertet werden. So werden die Sparkassen mitunter als „finanzielle Trutzburg des kleinen Mannes“280 mit entsprechend hohen Kapitalreserven bezeichnet, die den Anschein erwecken, der letzte sichere Hafen der Finanzkrise zu sein. Diese Berichterstattung hängt performativ damit zusammen, dass im Zuge aufkommender Unsicherheiten während einer als überaus komplex wie ebenso unkontrollierbar kommunizierten Finanzkrise viele Sparer ihre Konten bei ihren Banken leeren und ihr Vermögen bei den vermeintlich „sichereren“ Sparkassen unterbringen.281 3.3.3.3 Schuld und Verantwortung Ethik und Moral fordern dazu auf, für die Konsequenzen eigener Entscheidungen und Handlungen die Verantwortung zu übernehmen. Ist dies nicht der Fall, müssen folglich andere für die Konsequenzen einstehen; somit wäre die negative Verantwortung nicht eingehalten, wodurch moralische Kritik evoziert und gleichzeitig Schuld konstruiert werden kann. Dies war in der Finanzkrisen- Debatte der Fall, indem die vermeintliche Verantwortungslosigkeit der Banker und der Banken bemängelt wurde. 278 Im Rahmen der im Oktober einsetzenden staatlichen Bankenrettung wird dann über die Landesbanken berichtet, vom Stabilisierungsfond Gebrauch nehmen, während die privaten Banken aufgrund verschiedenster Ursachen erst einmal zögern. Doch diese Inanspruchnahme zementiert die prekäre Lage vieles Landesbanken vor der Augen der Öffentlichkeit nochmal. (o.V.: Berlin wird das Geld nicht los, in: FAS 43 (2008), S. 1; Von Petersdroff, Winand: Der Staat verliert alle Hemmungen, in: FAS 43 (2008), S. 35; Mahler, Armin: Die Welt des Josef A., S. 58-61. 279 Balzli et al.: Angst vor der Apokalypse, S. 60. 280 Lohse, Eckart: Der Blitz im Sparschwein, S. 3. 281 Von Balzli et al.: Der Schwarze Herbst, S. 36. 70 „[D]ie Banker, die noch nie Lust verspürten, für ihr Risiko zu haften, sind jetzt fein aus dem Schneider. Auch sie sind Profiteure ihrer eigenen selbsterfüllenden Prophezeiung: In der Not und wenn die Bank nur laut genug weint, wird schon die Allgemeinheit haften. Die Strafe fällt glimpflich aus.“282 In dieser Textsequenz taucht ein strukturgebendes Element der diskursiven Schuldkonstruktion auf, indem den Tätern, den Banken, das abstrakte Konstrukt der Allgemeinheit gegenübergestellt wird, die die Konsequenzen der Finanzkrise durch öffentliche Gelder abfedern müssten. Die Banker und die Banken wurden dabei so beschrieben, dass sie zwar hohe Risiken eingehen, die Konsequenzen im Zweifelsfall jedoch nicht zu tragen bereit seien. Sie würden sich bei finanziellen Ausfällen lautstark an die Allgemeinheit richten, um die Folgen ihrer eigenen Risiken auf Kosten aller einzudämmen. Ergänzt wird dies dadurch, dass Banker und den Banken im Verhältnis zu ihren Vergehen nur „glimpflich“ bestraft werden. Diese Aspekte transportieren zentrale Elemente einer moralischen Kritik, weil Banker und Banken erstens nicht umfassend für die Folgen ihrer Handlungen einstehen müssen und zweitens, weil sie sich so auf Kosten der Gesellschaft bereichern. „Wer der Allgemeinheit solche Lasten aufzwingt, ist ihr eine Erklärung schuldig. Warum reden in den letzten Tagen eigentlich nur Politiker und Experten, die für diese Lage überhaupt nichts können? Warum kommen die Vertreter der notleidenden Banken283 nicht nach vorne und stehen Rede und Antwort?“284 Hier wird kritisiert, dass es eben nicht die als Täter identifizierten Banken sind, die entsprechende Verantwortung durch „Rede und Antwort stehen“ übernehmen, sondern Unbeteiligte die Situation aufzuklären versuchen. Die Thematisierung oder die bildliche Inszenierung der Flucht, wird in vielen Diskursfragmenten als Argumentationsmuster benutzt, um den Bankern und Banken Verantwortungslosigkeit bezüglich des Schuldeingeständnisses zuzuschreiben. Die Flucht oder das Abtauchen von der Bildfläche wird als Praktik der Verantwortungslosigkeit (durch Verstecken) inszeniert, sodass die Konsequenzen weiterhin existieren und sich womöglich potenzieren, während das Fehlen der Täter dazuführt, dass andere sich um die Behebung der entstandenen Schäden kümmern müssen, damit die Probleme behoben werden können bzw. sich nicht noch verschlimmern. Das in vielen Texten auf vergleichbare Weise formulierte prototypische Argumentationsmuster lautet: Weil Banker und Banken an der Finanzkrise Schuld sind, sollten sie entsprechend für die Konsequenzen eintreten. Die 282 Hank: Komplott der Krisenmanager, S. 14. 283 Der Begriff „notleidende Bank“ wurde zum Unwort des Jahres 2008 gewählt. 284 o. V.: Ich möchte dieses Geld lieber nicht bezahlen, S. 31. 71 Schuldkonstruktion im Diskurs erfolgt dadurch, dass die alleinige Verantwortung nicht kausal geprüft werden kann, sondern ausgehend von Vorannahmen vorausgesetzt werden muss. Diese nimmt an, dass die Täter über die Optionen verfügten, die Krise zu verhindern und wodurch ihnen dafür die Schuld zugesprochen wurde. Solch ein Schuldspruch fällt unter moralischen Gesichtspunkten heftiger aus, wenn die Intentionen der Täter bereits als moralisch verwerflich eingestuft werden, wie beispielsweise die „maßlose Bereicherung auf Kosten Dritter“. Gleichzeitig nimmt aber die Identifizierung und Anprangerung der Täter die diskursive Funktion ein, die Krise als lösbar darzustellen, indem Verantwortlichkeiten zugewiesen werden, wodurch konstruierte Schuldige dann zur Rechenschaft gezogen werden könnten, während das Handeln, das zur Krise geführt hat, in Zukunft untersagt wird.285 Die Finanzkrise stellt jedoch kein monokausales Phänomen dar, das ausschließlich mit der alleinigen Schuld der Banker und der Banken umfassend erklärt werden könnte. Die Moralisierung ist hierbei ein Machtmittel der Nichtmächtigen, das die Grenzüberschreitung einzelner Akteure anprangert, um dadurch zum vorherigen Nichtkrisen- bzw. Ist- Zustand zurückkehren. Sie dient ebenfalls als Mittel, um das Ausmaß, der als gerecht bewerteten Strafe anhand der Schwere des moralischen Vergehens abzustecken. Die Zementierung des medialen Schuldspruchs erfolgte dann mit dem staatlichen Eingriff, der mit regulativer Intervention in die Finanzbranche verbunden war, und so den Kritikern auf höchster institutioneller Ebene Recht zusprach.286 Sozial Schwache sowie Sozialhilfe-Empfänger wurden im Diskurs erwähnt, um wie im folgenden Beispiel die ungleichen Verhältnisse zwischen ihnen und den (mächtigen) Bankern und Banken anzukreiden: Die Banker, „[d]ie einmal oben sind, können tief fallen; aber landen werden sie immer oberhalb von Hartz IV. Wenn der Schaden groß genug ist, räumen ohnehin andere auf“.287 Im Diskurs wird so oftmals die Stellung der Nichtmächtigen bezogen und die Legitimation der Ungleichheit in Frage gestellt, indem deren Grundlage – beispielsweise die individuelle Leistung der Einzelnen und/oder deren integres Verhalten – hinterfragt wird. Der Ideologie des Neoliberalismus ist Ungleichheit jedoch inhärent, indem derjenige der mehr „leistet“, entsprechend höher dafür belohnt werden soll, wodurch größere Anreize für höhere Leistungen geschaffen werden sollen. Die inhaltliche Besetzung und Bewertung von Leistungen wird jedoch diskursiv ausgehandelt, weil dafür kein festes Regelwerk besteht, das angelegt werden könnte. So werden Banken im Zuge der Finanzkrise beispielsweise mit 285 Kuhn: Alltagswissen in der Krise, S. 70 286 Krasni: Schuld und Krise, S. 33 287 Streeck, Wolfgang: Lektion zum Kapitalismus, in: FAS 39 (2008), S. 38. Wolfgang Streeck war 2008 Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung und beschäftigte sich insbesondere mit Wirtschaft und Gesellschaft sowie ihren Interdependenzen. 72 „gescheitert“288 attribuiert, um somit ihre mangelhafte Leistung konnotativ zu markieren, die wiederum ihrerseits an der Legitimation von Ungleichheit und Hierarchien kratzen. Die Frage die zurückbleibt ist, wieso Banker gesellschaftlich so privilegiert sind, dass sie nicht wie andere Bevölkerungsschichten auf das finanzielle Hartz-IV-Niveau fallen können. Nicht zuletzt wird dadurch mitunter die Rolle der Banker und der Banken als Wirtschaftselite beschädigt, indem die Anerkennung dieser zur Disposition steht. An dieser Stelle lässt sich zusammenfassen, dass die Gleichheit der Menschen, die hierarchische Ungleichheit sowie die Heranziehung einige abstrakten Gemeinwohls eines der zentralen Grundelemente des Diskurses bilden.289 Die Verantwortung wird jedoch nicht ausschließlich einseitig bei den Bankern und den Banken gesucht, sondern werden solche Täterkonstruktionen auch von anderen Diskursteilnehmern bemängelt. „Viele Banker haben Mist gebaut. Aber in ihrem Ärger übertreiben die Leute auch. Natürlich sind nicht alle Banker dumm oder schlecht.“290 Hier wird, wie in vielen anderen Fällen der Relativierung der Schuldzuschreibung, erst einmal die Sichtweise derjenigen geschildert, die die alleinige Schuld bei den Bankern und den Banken verorten, danach wird diese jedoch abgeschwächt, indem sie als absolut oder einseitig klassifiziert wird, da sie sich beispielsweise nur „an der Oberfläche des Geschehens“291 bewege. Auf diese Weise stellt sich der Sprecher über die Kritikpunkte anderer und beansprucht durch die Relativierung einen differenzierten Blick auf die Ursachen der Krise, welchen er seinem Publikum gleichwohl nahelegt. Bemerkenswert ist, dass sich solche Textsequenzen ausschließlich in der FAS und WiWo haben finden lassen, eine Relativierung der Schuld der Banker und der Banken im Spiegel jedoch nicht zu finden war. Dies ist jedoch nicht weiter verwunderlich, wenn sich die Zielgruppen der jeweiligen Wochenblätter vor Augen gehalten werden, die im Falle der WiWo wohl mehrheitlich eine neoliberale Weltanschauung besitzen, während das FAS-Publikum als eher konservativ eingestuft werden kann. Grundsätzlich bedeutet dieser Unterschied aber, dass sich Journalisten der FAS und WiWo zwar auf die Presse übergreifende einseitigen Schuldzuschreibungen bezogen, die zusätzlich von zahlreichen ranghohen Politikern durch die Kritik an der Finanzindustrie befeuert wurden. Der Spiegel jedoch schätzte die diskursive Gegenseite als gesellschaftlich nicht relevant genug ein, um sich wiederum darauf zu beziehen. Dies ist ein Indiz dafür, dass die einseitige Schuldzuschreibung Deutungsmacht im öffentlichen Diskurs erhielt und nur von einzelnen Sprechern relativiert wurde. Ein anderes Erklärungsmuster zur Relativierung der Konstruktion der Banker und der Banken als alleinige Täter, erfolgt auf den Verweis falscher 288 Ebd., S. 38. 289 Kuhn: Alltagswissen in der Krise, S. 273 290 o.V.: Warum…, in: FAS 42 (2008), S. 58. 291 Sinn: Ende des Verwirrspiels, S. 64. 73 Anreizsysteme in der Finanzbranche, die zur Finanzkrise geführt haben sollen. Die persönlichen Vergehen werden dadurch zwar keineswegs explizit entschuldigt, jedoch werden sie durch den Verweis auf systemische Zwänge bedingt von individueller Verantwortung entlastet. Die Kritik erfolgt somit weniger an den einzelnen Akteuren oder der Branche als vielmehr an einzelnen systemischen Fehlentwicklungen oder Problemlagen, wobei selbst dabei die explizite Forderung nach deren Begrenzung ausbleibt: „Das Anreizsystem der jährlich ausgezahlten Boni förderte eine gefährliche Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität.“292 An eben diesem Punkt setzt ein anderer Artikel an: „Diese Asymmetrie [von mangelhafter Risikohaftung gegenüber hohen Gewinnen] erzeugt Wagemut und Risikovorliebe.“293 Es existierten also auch Stimmen, die die konstruierte Schuld der Banker und der Banken zu relativieren versuchten, auch wenn diese keine Deutungsmacht gewannen. 3.3.3.4 Regulierung Im Rahmen von Regulierungsforderungen wird nicht immer explizit auf Banker und Banken Bezug genommen, wobei der Verweis auf das „Marktversagen“294 und die oft damit zusammenhängende Kritik an der mangelnden Selbstregulierung dies implizit kommuniziert. Infolge dieser Diagnose wurde in der Konklusion regelmäßig zur regulativen Intervention von außen aufgefordert. Dieser Umstand wurde nicht in jedem Fall, aber in zahlreichen moralisiert. „Schon immer war bekannt, dass die Banken streng reguliert und überwacht werden müssen. Denn zum einen tragen sie mit der ihnen eingeräumten Möglichkeit, Kredite zu vergeben und Geld zu schöpfen, besonders große Verantwortung. Zum anderen kann das Fehlverhalten einzelner Bankmanager schlimme Kettenreaktionen auslösen, die völlig Unbeteiligte bis hin zu unbedarften Kleinsparern mit in den Abgrund ziehen.“295 In dieser Textsequenz wird wieder einmal eine Dichotomie zwischen den „unbedarften“ Opfern (Unbeteiligte sowie Kleinsparer) und den Tätern (Banker), hergestellt. Einzelnen Banken wurde hierbei eine solch große Macht zugesprochen, dass sie dazu in der Lage seien Kettenreaktionen auszulösen und Dritte in den Abgrund zu ziehen. Folglich würde dadurch das Nichtschädigungsgebot Dritter unberücksichtigt, woraus sich das Fundament dieser moralischen Kritik ergibt. So missbrauchen die Banker und die Banken die ihnen von der Gesellschaft „eingeräumten Möglichkeiten“, indem sie an der Beschädigung einzelner Mitglieder der Gesellschaft beteiligt sind. Bemerkenswert ist übrigens, dass 292 Böschen et al.: In Trümmern, S. 116-127. 293 Sinn: Ende des Verwirrspiels, S. 64. 294 Straubhaar: Markt oder Staat, S. 36-40. 295 Fehr: Retter und Moral, S. 26. 74 diejenigen, die Lehman-Papiere von Banken erworben haben und somit einen Teil der Finanzkrise ausmachen, hier als Unbeteiligte dargestellt werden. Dass die vorläufigen Erträge aus den Wertpapieren erst teilweise durch die Geschäftspraktiken der Banker und der Banken ermöglicht wurden, bleibt außen vor. Die Identifikation der potenziellen Gefährdung unbeteiligter Dritter und die den Bankern und den Banken zugesprochene Macht führen zur Regulierungsforderung ihrer Handlungsspielräume, weil ansonsten gesamtgesellschaftliche Folgen aus den Entscheidungen und Handlungen Einzelner entstehen könnten. Banker und Banken stellten also eine potenzielle Gefahrenquelle dar, die es laut diskursiv ausgehandelter Meinung zu regulieren galt. Neben Journalisten sind es primär Politiker und darunter insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück, die mitunter die Regulierung des Finanzmarktes fordern und diesbezüglich im Diskurs rezipiert werden.296 Im Gegensatz zum Spiegel wird in der WiWo und FAS vereinzelt gegen solche Regulierungsforderungen argumentiert, indem ihre wirtschaftliche und regulative Effizienz hinterfragt wird. Dabei werden Gier und Verluste zu wirtschaftlich effizienten Elementen einer selbstregulativen Wirtschaftsordnung umgedeutet, die das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre überhaupt erst ermöglicht haben sollen. „Weder strengere Gesetze noch schärfere Kontrollen können menschliches Fehlverhalten verhindern. Sie können auch kein tugendhaftes Verhalten erzwingen. Gier und Neugier gehören zu den Grundlagen einer kapitalistischen Ordnung. Die Gier nach Gewinn stimuliert die Neugier. Sie lässt Menschen nach besseren Ideen suchen. Niemand weiß im Voraus, wer Erfolg haben und wer scheitern wird. Deshalb ist der Weg zum Ziel im Kapitalismus mit Konkursen und Verlusten gepflastert.“297 In solchen Argumentationen wird im Gegensatz zu vorherigen Textsequenzen Gier als etwas Positives dargestellt, weil sie einen wirtschaftlichen Nutzen erfülle und dem Menschen als Antriebskraft diene. Darüber hinaus wird Gier als eine anthropologische Konstante hochstilisiert, die nicht durch Regelwerke aufgehalten werden könne. Die Forderung nach Moralisierung einzelner Geschäftspraktiken verliere dadurch ihre angestrebte Wirkung, weil demgemäß der Regelbruch in dem Menschen selbst angelegt sei und der Regelerhalt somit seiner Natur widerspreche. Ferner wird darauf Bezug genommen, dass Gier kein legitimer Kritikpunkt an einem Akteur im Kapitalismus darstellt, weil sie vielmehr das Grundgerüst des Kapitalismus bilde und ein zentraler Motor des Wirtschaftswachstums sei. Im Wettbewerb um knappe Güter wie beispielsweise Geld würden demnach Verluste und Risiken keine Sonderfälle, sondern Normalität reprä- 296 o.V.: Die Finanzmärkte sollen an die Kette, in: FAS 38 (2008), S. 1; Germis, Carsten: In welchem Staat leben wir eigentlich?, in: FAS 42 (2008), S. 4. 297 Straubhaar: Markt oder Staat, S. 36-40. 75 sentieren, weil sich dadurch die ökonomisch „bessere“ Idee auf einem freien Markt durchsetze.298 Es wird also eine Verkehrung der Argumente vorgenommen, indem versucht wird, die Forderung nach Regulierung und die grundierende moralische Kritik als unvernünftig darzustellen. Die Argumente der Gegenseite werden also herangezogen, um sie – in einen anderen Kontext stellend – zu de-plausibilisieren. Aus den vorherigen Argumentationen lassen sich folgende Regulierungs-Topoi entwickeln: Weil Deregulierung einen wirtschaftlichen Nutzen bzw. Regulierung keinen sinnvollen Nutzen erfüllt, sollten regulative Eingriffe in die Wirtschaft unterlassen werden. Die dagegen argumentierende Position kann so zusammengefasst werden, dass die ungenügende Regulierung der Finanzbranche zur Finanzkrise geführt hat und diese daher stärker reguliert werden sollte. Die folgende Gleichung aus einem journalistischen Artikel spiegelt die Bewertung der Regulierungsgegner wider und referiert dabei auf das neoliberale Gedankenhaus, indem die Begrifflichkeit Risiko synonym mit Gier gedacht werden kann: „Der Lohn des Risikos heißt Wachstum. Je offener die Finanzmärkte, desto mehr wächst der Wohlstand.“299 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Moralisierung der Gier als zentraler Kritikpunkt gegenüber den Entscheidungen und Geschäftspraktiken der Banker und der Banken herangezogen wurde, wohingegen vergleichbare Textsequenzen Gier im Sinne einer neoliberalen Argumentationsstruktur als Motor wirtschaftlicher Effizienz (re- )legitimieren wollen und somit die diesbezügliche Ent-Moralisierung des Diskurses verfolgen. 3.3.3.5 Vertrauen und Misstrauen Die Erfahrung der Lehman Brothers Insolvenz hat das Vertrauen der einzelnen Banken in die Solidität anderer Marktteilnehmer grundlegend erschüttert. Diese Dynamik der Vertrauensschäden wurde zusätzlich durch die Berichterstattung performativ verstärkt.300 Es wurde ausführlich darüber berichtet, dass Banken sich untereinander kein Geld mehr leihen, weil kein Beobachter und kein Marktteilnehmer mit Sicherheit sagen konnte, welcher Vertragspartner liquide bleibt. Ergänzt wurden diese Befürchtungen mit der Angst der Kunden, die infolgedessen ihre Konten räumten und so zum Zusammenbruch einzelner Banken maßgeblich beitragen konnten.301 So beeinflusste die Berichterstattung über Vertrauensverluste eine performative Abwärtsspirale, indem sie schwindendes Vertrauen bzw. obsoletes Vertrauen in die Finanzbranche, aber auch interne 298 Die Verknüpfung zwischen Kapitalismus bzw. Neoliberalismus und Gier sowie ihrem dem Kapitalismus inhärenten Charakter wurde an vorherigen Stellen dieser Arbeit thematisiert. 299 Hank, Rainer: Marx hat Recht, in: FAS 38 (2008), S. 12. 300 Böschen, Mark/Riedl, Anton/Schwerdtfeger, Heike /Schürmann, Christof/Hajek, Stefan: Keiner will der Dumme sein, in: WiWo 41 (2008), S. 136-141. 301 Tuma: Von der Würde der Unschuld, S. 42. 76 Vertrauensschäden (re-)präsentierte und dadurch die Vertrauensschäden verstärkte bzw. sie erst erzeugte. So konnten infolge der Berichterstattung auch die noch vertrauenden Personen, misstrauisch werden. Dadurch wurde die vermeintliche Schuld der Banker und der Banken an der Finanzkrise implizit geschmälert, indem die WiWo Anfang bis Mitte November die Finanzkrise vereinzelt auf die Vertrauensschäden untereinander zurückführte und somit systemische und nicht akteursbezogene Ursachen zur Erklärung der Krise nutzte.302 Das sich die einsetzenden Vertrauensschäden nicht nur auf die Vertrauenswürdigkeit der Banken richteten, sondern auch an der Glaubwürdigkeit sowie der Vertrauenswürdigkeit und der Kompetenzbeurteilung kratzten, kommuniziert folgende Textsequenz mit der an die Bevölkerung gestellte Aufforderung, ihre Bankkonten nicht zu leeren, um den Zusammenbruch des Zahlungssystems zu verhindern: „Doch warum sollen die Kunden ihren Banken vertrauen, wenn die sich nicht einmal untereinander vertrauen? Und wie können die Bürger den Bankern […] vertrauen, wenn die ständig sagen, das System sei stabil – und kurz darauf die nächste Bank fällt?“303 Nicht nur dass hier die eingangs erwähnte Abwärtsspirale thematisiert wird, dass Beobachter aus dem internen Misstrauen der Branche eigenes Misstrauen schlussfolgern, sondern es wird ebenfalls kritisiert, warum es nun gerade die Bürger sein sollen, die den Banken vertrauen, wenn dies sonst keiner mehr tut. Der zweite Satz könnte auf zweierlei Weisen interpretiert werden: Erstens sei die Vertrauenswürdigkeit der Banker zu hinterfragen, weil diese wissentlich falsche Informationen über den weiteren Verlauf der Finanzkrise kommunizieren oder zweitens, dass die Kompetenz der Banker hinterfragt wird, weil diese anscheinend nicht in der Lage sind, die Finanzkrise adäquat zu bewerten, dass sich ihre Bewertungen und Prognosen nachträglich als falsch herausstellen. Eins ist jedoch sicher: dass Unsicherheit darüber kommuniziert wurde, welchen Bewertungen überhaupt noch vertraut werden könnte bzw. welche Bank womöglich als nächste Pleite gehen wird. 302 Hier ein Beispiele: „Denn es war der Verlust von Vertrauen, der diese Krise – jenseits aller technischen Erklärungen – vor allem ausgelöst hat.“ Inacker et al.: Kein Vertrauen, nirgends, S. 22. 303 Balzli et al.: Angst vor der Apokalypse, S. 54. 77 3.3.3.6 Alternativlosigkeit Die internen wie auch externen Vertrauensschäden ließen den Ruf nach der Staatsintervention lauter werden und führten zu einem breiten Konsens von Journalisten bis zu dem Großteil der Bundestagsabgeordneten, die sich darin einigen waren, dass die staatliche Bankenrettung eingeleitet werden müsste.304 In dieser als Ausnahmezustand wahrgenommen Situation wurden skeptische Stimmen in den Leitmedien nicht repräsentiert, während die Staatsintervention als alternativloser Sachzwang dargestellt wurde. Solche Argumentationslinien konstituierten sich so, dass regelmäßige Schreckensszenarien mit drastischen Bildern und eklatanten Konsequenzen für die Realwirtschaft gezeichnet wurden, die bei ausbleibender Intervention eintreffen könnten: „Der Geldkreislauf kollabiert, die Wirtschaft trocknet aus, der Absturz in Depression und Deflation droht.“305 Demnach ist die staatliche Bankenrettung, wie schmerzlich diese auch dargestellt werden wird, eine logische Schlussfolgerung aus der noch schlechter ausfallenden Zukunftsprognose, falls diese ausbleiben sollte. „So wird den größten Staatsverächtern nun Staatshilfe zuteil, und wahrscheinlich ist das sogar richtig, weil niemand weiß, was passiert, wenn ein großes deutsches Geldhaus zusammenbricht.“306 Die Banker und die Banken werden zwar immer noch als Täter dargestellt, die nun von ihren Opfern (dem Staat und/oder den Bürgern) gerettet werden sollten, jedoch wurde dies als Wahl des kleineren Übels dargestellt, weil die Konsequenzen ansonsten unkalkulierbare Ausmaße annehmen könnten und somit folgenschwerer als die staatliche Nichtintervention wären. Der dem zugrundeliegende prototypische Topos lautet: Weil sich die Finanzkrise bei staatlicher Nichtintervention intensiv auf die Realwirtschaft auswirke, müsse der Staat nun intervinieren. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Entscheidungen und die Geschäftspraktiken der Banker und der Banken weniger moralisiert wurden, da sie weiterhin als Täter dem Gemeinwohl gegenübergestellt wurden, obgleich ihre Rettung als Wahl des kleineren Übels nun ebenfalls im Interesse des Allgemeinwohls sei. Im Diskurs wurde sich gerade bei der Umschreibung der gegenwärtigen Notstandssituation an Metaphern und Analogien bedient. Das folgende Beispiel stellt eine Analogie zwischen der Bankenrettung und einem Brand her, die eine schnelle Löschung losgelöst von ihren Kosten als Lösung des Problems evoziert und so stilistisch nutzt. „Klar, es ist ungerecht, die Fehler der Banken auf Staatskosten zu beheben. Aber über die Wasserpreise sollte man erst reden, wenn die Löschaktion gelungen ist, nicht vorher.“307 Die empfundene Ungerech- 304 Westermeier arbeitet für die politischen Handlungsträger heraus, dass insbesondere die Sorge vor „bank runs“ Politiker zur Zustimmung bewegt. Vgl. Westermeier: A Crisis of Trust. 305 Inacker et al.: Kein Vertrauen, nirgends, S. 22. 306 Kurbjuweit: Zeit der Krokodile, S. 51. 307 Tichy, Roland: Sparen beim Löschen, in: WiWo 42 (2008), S. 3-7. 78 tigkeit der Rettung wird in diesem und in vergleichbaren Textsequenzen zwar angesprochen, jedoch wird mit der Bedrohlichkeit der Situation argumentiert. Diese Notsituation führte zur dringend benötigten Rettungsaktion, die eine Kettenreaktion verhindern und die infolgedessen mittel- und langfristig im Sinne der Allgemeinheit zu handeln sollte. Aus diesem Grund seien die gegenwärtig wahrgenommene Ungerechtigkeiten bis zur geglückten Rettung als vorläufig nebensächlich einzustufen. Im Diskurs wurde so der Impuls zur Notrettung konstruiert oder die staatliche Bankenrettung nachträglich begründet. 3.3.3.7 Auf Kosten Dritter Die Kritik an einer möglichen Bankenrettung brach erst verstärkt mit der Verabschiedung des Bankenrettungsgesetzes ein und konzentrierte sich auf die gesellschaftlichen Konsequenzen der Entscheidung zur Rettungsaktion. Dabei wurde ebenfalls die Rolle der Banker und der Banken ausgehandelt. So wurde die Umsetzung des Gesetzes moralisierend kritisiert und als ungerecht bewertet. Dabei wurde das Allgemeinwohl in Form von Steuern oder öffentlichen Geldern als Kollektivsymbol diskursiv konstruiert. Dieses sei angeblich durch das Bankenrettungsgesetz beschädigt worden. Ferner wurde bemängelt, dass die von der Sozialhilfe abhängigen Schichten aufgrund der zusätzlichen Staatsausgaben zukünftig darunter leiden müssten, weil Sparmaßnahmen folgen könnten: „Nachdem Hunderte Milliarden hart erarbeiteter Steuern umgebucht werden sollen, um den Wahnsinn von Bankern und Investoren einzudämmen“, sei nun kein weiteres Geld für „zusätzliche Belastungen“ vorhanden.308 Hier wird ein Gegensatz zwischen den Leistungen der Opfer und dem „Wahnsinn von Bankern“ hergestellt, der sich darin äußert, dass nun andere die Schäden der Banker übernehmen müssten. Dies widerspricht der negativen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft sowie dem zentralen Gerechtigkeitsprinzips der Nichtbeschädigung Dritter. Der Steuerzahler wurde also als Gläubiger der von den Banker und den Banken selbstverschuldeten Finanzkrise dargestellt. Dies geht wiederum mit dem moralischen Dilemma einher, dass die als unschuldig charakterisierten Steuerzahler für die Vergehen vermeintlich Schuldiger bezahlen müssten. Abgerundet wird diese Kritik mit dem alltagstypischen Verständnis der Aufgabe von Steuergeldern: Diese sollen einen Nutzen für die Bürger, den Staat und die Gesellschaft erfüllen. Daraus entstand ein neues Problem, weil im Falle des Bankenrettungsgesetzes, das die Verwendung von Staatsgeldern einbezog, ein scheinbar eindeutig unrentables Geschäft durchgeführt werden würde. Ein weiterer Kritikpunkt der zwar nur implizit angedeutet wird, jedoch in diese Textsequenz hineininterpretiert werden kann, weil er an vielen anderen Stellen im Diskurs ausformuliert wird, ist, dass Banker viel Geld erwirtschaften können, ohne dafür die 308 Schwägerl: Faule Kredite, S. 176. 79 entsprechenden Leistungen erbringen zu müssen. So werden Gehälter von (Finanz-)Managern oft im Kontext ihrer wirtschaftlichen oder gesamtgesellschaftlichen Leistung bewertet, um auf diese Weise die daraus resultierende Ungleichheit zu legitimieren oder zu delegitimieren.309 Im öffentlichen Diskurs wurde regelmäßig versucht, eine volksnahe Argumentation aufzubauen, indem eine Mikroperspektive auf einzelne Sachverhalte wie das Rettungsgesetz eingenommen wurde. Dabei werden verbindende Symbolelemente wie Steuern, Staatsbürgerschaft oder öffentliche Gelder systematisch benutzt, um aus einem heterogenen sowie anonymen Publikum eine Einheit zu bilden. Dies wird durch die Positionierung des Eigenen auf Seiten der Rezipienten akzentuiert, indem Possessivpronomen wie „uns“ ein Kollektiv konstruieren, das in der Finanzkrisen-Debatte in der Regel exklusiv ist, da es Banker und Banken ausschließt und von der Gruppenkonstruktion ausschließt: „Dieses Rettungsgesetz ist nicht neutral, es macht etwas mit uns. Dieses Gesetz zwingt mich, als Steuerzahler, Robin Hood umgekehrt zu spielen. [...] Dieses Gesetz zwingt mich dazu, jemand zu sein, der ich nicht sein will: jemand, der den Armen nimmt, um den Reichen zu geben. Das ist mir zuwider.“310 Robin Hood wird in dieser Argumentation als stilistische Ikone der Gerechtigkeit herangezogen, um dann die Verkehrung seiner Handlungen – von der Umverteilung von „oben nach unten“ zur Verteilung von „unten nach oben“ durch das Bankenrettungsgesetz – als ungerecht zu kritisieren. Die fehlende Neutralität des Gesetzes entstehe daraus, dass eine zweier Personengruppen, die reichen Banker (Täter), von der Regierung zu Ungunsten sozial-schwacher Bevölkerungsschichten (Opfer) bevorzugt wurden. Dadurch würde die Gleichberechtigung verletzt; denn die Folge der Rettung der Einen geht mit der Vernachlässigung anderer einher, weil der Staat nicht über unbegrenzte Ressourcen verfügt, und daher über einen kurzen Umweg das Nichtbeschädigungsgebot unbeteiligter Dritter verletzt. Der Staat wird dabei als eine Art Schiedsrichter dargestellt, dessen Aufgabe es wäre, auf Neutralität und Gleichberechtigung zu achten, wobei diese Verantwortung mit dem Rettungsgesetz übergangen wird, weil es die Bereicherung der Banker und der Banken auf Kosten der Bürger, des Staates und/oder sozial-schwacher Schichten zementiere.311 309 Münnich: Von Heuschrecken und Bienen, S. 298; Krasni: Schuld und Krise, S. 22. 310 o. V.: Ich möchte dieses Geld lieber nicht bezahlen, S. 31. 311 Ein an dieses Kapitel anknüpfender Topos wird im Diskurs formuliert, jedoch bezieht dieser sich auf die konkrete politische Entscheidung und Gesetzesvorlage, sodass nicht die Rolle der Banker und Banken thematisiert wird, sondern die politischen Handlungsträger kritisiert werden. Daher nimmt folgender Topos hier nur die Funktion einer Randbemerkung ein: An der Rettungsaktion wird moralisierend kritisiert, dass Politiker zuvor soziale Projekte mit dem Verweis darauf ausschlugen, dass kein Staatsgeld verfügbar wäre, obwohl die Banken nun plötzlich mit mehreren Milliarden unterstützt werden können. Daraus resultiere Un- 80 glaubwürdigkeit, weil das Geld in Notsituationen anscheinend doch verfügbar war und die Knappheit zuvor scheinbar nur als rhetorisches Mittel benutzt wurde, um Forderungen nach finanzieller Unterstützung kleinzureden. „Wer soll noch glauben, dass für irgendein pädagogisches, ökologisches oder soziales Projekt kein Geld da ist, wenn man über Nacht Trillionen für Quatschpapiere finden kann?“ Minkmar, Nils: Alle Kassen im Schrank, in: FAS 38 (2008), S. 25.

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References

Zusammenfassung

Das Image der Banken und des Bankers ist schon lange negativ belastet, doch reichen die Wurzeln tiefer, als die meisten Menschen es vermuten. Das Neuartige an der Finanzkrisen-Debatte ist, dass sich die Finanzbranche im Allgemeinen seit 2008 in einem anhaltenden Vertrauenstief befindet: Die schwindende Kundenloyalität, erhöhte Fluktuation und die nur geringe Effizienz teurer und aufwändig produzierter Werbekampagnen sind Ausdruck dieses Vertrauenstiefs. Daher behandelt dieses Buch die Frage danach, wie während dem gesellschaftlichen Ausnahmezustand einer Finanzkrise und verdichteten Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit über deutsche Banken und Banker berichtet wurde. Und wann werden Kritik und negative Stereotype offener kommuniziert und brennen sich besser in das Gedächtnis ein als in Stress- und Krisensituationen?