2. Medien – Globalisierung – Moralität in:

Nazim Diehl

Banken-Image unter Beschuss, page 21 - 40

Die Moralisierung der Finanzkrisen-Debatte 2008

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3942-7, ISBN online: 978-3-8288-6733-8, https://doi.org/10.5771/9783828867338-21

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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21 2. Medien – Globalisierung – Moralität 2.1 Medienereignis Bevor die Begrifflichkeit „Medienereignis“ näher spezifiziert wird, stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Definition eines (historischen) Ereignisses, welches im Wort Medienereignis enthalten ist. Laut Reinhart Koselleck konstituiert „ein Minimum von Vorher und Nachher“66 den Sinn, der aus einem Geschehnis ein Ereignis macht. Ereignisse sind gleichermaßen ein Augenblick, der zur „kommunikativen Verdichtung“67 führt. Ein (historisches) Ereignis wird von zeitgenössischen Beobachtern meist als Einschnitt gedeutet und kann so die bestehenden Deutungen (Weltbilder) erschüttern.68 Dabei handelt es sich aber nicht zwangsläufig um „genuine Ereignisse“69, sondern die Kommunikation über das Ereignis ist unmittelbar an dessen Konstruktion beteiligt. So benötigt ein Ereignis Berichterstattung und Verbreitung, ansonsten handelt es sich zwar um ein Unglück, aber nicht um ein (historisches) Ereignis. Die Medien70 sind in der Regel unmittelbar an der Ausrufung des Ereignisses und der Deutung von „Vorher und Nachher“ beteiligt. So basiert die Kommunikation eines Ereignisses auf Selektions- und Interpretationsprozessen, die in Deutungs- und Argumentati- 66 Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt 2003, S. 144/145. 67 Bösch, Frank: Europäische Medienereignisse, in: Europäische Geschichte Online (2010b). 68 Bösch: Ereignisse, Performanz und Medien, S. 9. 69 Bösch: Europäische Medienereignisse; Nünning: Historischen Geschehen, S. 191. Bösch thematisiert, dass es im Rahmen der neuesten Geschichte problematisch ist, überhaupt noch den Terminus der „genuinen Ereignisse“ zu benutzen, weil diese zunehmend medial konstruiert werden und nur im Falle von lokalen Erscheinungen einen unmittelbaren Bezug zu den Leben der einzelnen Menschen haben und somit „genuiner“ Natur sind. Bösch: Ereignisse, Performanz und Medien, S. 11. 70 In dieser Arbeit wird ein Medienbegriff im engeren Sinne angelegt, der Medien als Institutionen versteht, die Aussagen an ein potenziell unlimitiertes Publikum herantragen können. 22 onsmuster gekleidet sind und ihren Lesern in Form von kausalen Zusammenhängen präsentiert werden.71 Diese während der Finanzkrisen-Debatte kommunizierten Deutungs- und Argumentationsmuster werden im Analyseteil herausgearbeitet, um die Grenzen abzustecken, in denen sich die diskursive Konstruktion der Banker und der Banken bewegte. Wie lassen sich nun im Zusammenhang mit der vorherigen Begriffsabgrenzung eines Ereignisses Medienereignisse definieren? Medienereignisse zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich von alltäglichen „Ereignissen“ absetzen und ihnen kollektiv ein „hohes Maß an Relevanz sowie eine große Tragweite“72 zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung der Relevanz äußert sich insbesondere darin, dass das Ereignis als Störung der alltäglichen Erfahrung wahrgenommen wird. Infolgedessen kommt es zur gesamtgesellschaftlichen Kommunikation über das Ereignis sowie dessen mögliche Folgen.73 Die Charakteristika eines Medienereignisses lassen sich in Anlehnung an Bösch in folgenden sechs Punkten zusammenfassen: (1) grenzübergreifende, quantitativ verdichtete Aufmerksamkeit, (2) zeitgenössische Wahrnehmung des Ereignisses als historisch relevant, (3) mediale Selbstbeobachtung des Diskurses, (4) Formulierung und Konstruktion von Erwartungen, die ihrerseits jedoch zu Überraschungen oder Enttäuschungen führen können, (5) mediale Übersetzungsformen des Ereignisses in eine sinngebende narrative Erzählstruktur sowie (6) die Ambivalenz zwischen Problemanalyse und Lösungsformulierung.74 Die Finanzkrise 2008 erfüllte die erwähnten Voraussetzung, um als Medienereignis zu gelten; denn die Krise führte zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit auf die Finanzmärkte, indem sie für mehrere Monate hinweg in das Zentrum der medialen Berichterstattung gerückt wurden. Dies führte dann zu einer verdichteten Aufmerksamkeit beziehungsweise erhöhten gesellschaftlichen Beobachtung. Im Laufe der Finanzkrise wurde die öffentliche Debatte zum diskursiven Aushandlungsort zwischen Repräsentanten der Finanzbranche und der Öffentlichkeit, während das Gefährdungspotenzial ersterer für die Gesellschaft diskutiert wurde.75 In emotional wie moralisch aufgeladenen öffentlichen Debatten verdichten sich zahlreiche Erklärungsmuster, Thesen und Schlussfolgerungen oft zu zentralen Begrifflichkeiten wie beispielsweise am Wortkomposita Finanz-Krise exemplifiziert werden kann. Komplexes Diskurswissen kann so durch eine einzelne 71 Bösch: Ereignisse, Performanz und Medien, S. 8. 72 Nünning: Historischen Geschehen, S. 190-191. 73 Lenger, Friedrich: Einleitung. Medienereignisse der Moderne, in: Lenger, Friedrich/Nünning, Ansgar (Hrsg.): Medienereignisse der Moderne, Darmstadt 2008, S. 8-9. 74 Bösch: Europäische Medienereignisse. 75 Reichert, Ramón: Das Wissen der Börse. Medien und Praktiken des Finanzmarktes, Bielefeld 2009, S. 23. Auf die Thematisierung jedes zuvor genannten Kriteriums eines Medienereignissen wurde an dieser Stelle verzichtet, weil diese im Laufe der Arbeit im Abgleich mit der Finanzkrisen-Debatte hinreichend diskutiert werden. 23 Begriffsnutzung evoziert werden.76 Das Wortkomposita wird zwar mit dem eigentlichen Ereignis verknüpft, wird jedoch wesentlich intensiver durch die Art und Weise der Berichterstattung über das Ereignis geprägt, weil es sowohl die Informationsquelle sowie die Erfahrbarkeit des Ereignisses prägt. Die Art und Weise der Berichterstattung ist also die zentrale Komponente eines Medienereignisses. 2.2 Finanzmarkt-Globalisierung Bevor mit der Diskursanalyse begonnen werden kann, werden zentrale Begrifflichkeiten definiert, um sie vom alltagstypischen Gebrauch zu trennen und so der Analyse vorangestellte Annahmen herauszuarbeiten. So lässt sich der Begriff „Globalisierung“ in journalistischen und wissenschaftlichen Artikel schnell wiederfinden, obwohl die Unschärfe der intendierten Bedeutung regelmäßig dazu führt, dass nicht immer ersichtlich ist, welches Globalisierungsverständnis der jeweiligen Begriffsnutzung zu Grunde liegt; denn es existieren zwei konkurrierende Ansätze Globalisierung zu definieren: Im engeren Sinne, laut dem Globalisierung erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann und im weiteren Sinne, laut dem sich die Globalisierung bereits im 19. Jahrhundert ereignete. Globalisierung verstanden als strukturverändernde Verdichtung von Kommunikation, Beschleunigung von Transportwegen, Zunahme von internationalem Kapitalverkehr und Verkürzung von Raum- und Zeitwahrnehmung findet bereits seit dem 19. Jahrhundert statt. Gemäß diesem Verständnis bedeutet Globalisierung also die Zunahme der Verflechtung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Sie führte zur sukzessiv zunehmenden internationalen Abhängigkeit und ging infolgedessen mit dem Bedeutungsverlust der klassischen National- ökonomien einher.77 Dennoch intensivierte sich im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Grad der Vernetzung und die Machtverschiebung zu Gunsten der Wirtschaft in einem so hohen Maße, dass z.B. Ulrich Beck von einer „Zweiten Moderne“78 spricht und somit deutlich wird, dass er den Ansatz der Globalisierung im engeren Sinne vertritt. Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass es einen strukturellen Unterschied zwischen den Entwicklungen im 19. und denen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Form der Irreversibilität der globalen Verflechtung gibt. Auch wenn hier in geschichtswissenschaftlicher Manier das Verständnis der (wirtschaftlichen) Globalisierung im weiteren Sinne vertreten wird, so bildet der Zeitraum des Globalisierungsverständnisses im engeren Sinne 76 Nünning: Historischen Geschehen, S. 191. 77 Osterhammel, Jürgen/Petersson, Niels P: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2003, S. 11-14. 78 Beck, Ulrich: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung, Frankfurt 2007, S. 29. 24 bzw. die sich ab den 80er-Jahren etablierende Neoklassik den historischen Rahmen, in dem sich die Voraussetzungen der Finanzkrise 2008 aufbauen und abspielen.79 Im Zuge der 80er-Jahre wurde der bis dahin vorherrschende Konsens über einen keynesianisch intervenierenden Staat von zahlreichen Regierungen verworfen und spätestens in den 90er-Jahren durch einen neoliberalen Finanzmarkt- Kapitalismus80 ersetzt.81 Dieser beinhaltete die Deregulierung und globale Vernetzung der Finanzmärkte, welches zuerst in den 80er-Jahren von den USA und Großbritannien vollzogen wurde.82 Im Zuge der Neoklassik und der 90er-Jahre erfolgte dann die Internationalisierung des Finanzmarktes auch in Deutschland und es entstand ein globales Transaktionsnetzwerk. Dies beinhaltete ebenfalls die Suche der Finanzmärkte nach Verbindungen zu großen Unternehmen und führte so zur weltweiten Vernetzungen der Finanz- und Realwirtschaft.83 Auf diese Weise wuchs der Einfluss der Finanzmärkte, die Finanzindustrie löste die Manufakturen als primären Wirtschaftssektor ab und stieg zur zentralen Schaltfläche der Weltökonomie auf.84 Nach dem Rückzug des Staates rückte die Wirtschaft vermehrt in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit, weil diese gemäß eines neoklassischen Weltbildes zu mehr gesamtgesellschaftlichen wirtschaftlichen Fortschritt führe und zeitgleich bei staatlicher Nichteinmischung einen gerechten Wettbewerb ermögliche. Demnach sei also die Durchsetzung der Neoklassik im wirtschaftlichen Allgemeininteresse, an dessen Erfüllung sich die Neoklassik fortan vermehrt im öffentlichen Diskurs messen lassen musste.85 Dies hängt damit zusammen, dass die neoklassische Argumentation moralische Ansprüche an den 79 Beck definiert Globalisierung jedoch explizit als „Auffassung, daß der Weltmarkt politisches Handeln verdrängt oder ersetzt, d.h. die Ideologie der Weltmarktherrschaft, die Ideologie des Neoliberalismus. […] Es handelt sich in diesem Sinne, um einen Imperialismus des Ökonomischen, unter dem die Unternehmen die Rahmenbedingungen einfordern, unter denen sie ihre Ziele optimieren können.“ Ebd., S. 27. 80 Der Finanzmarkt-Kapitalismus nach Windolfs Verständnis zeichnet sich dadurch aus, dass ökonomische Ungewissheit in Risiko transferiert wird. Vgl. Windolf, Paul: Finanzmarkt- Kapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45 (2005), S. 20-57. 81 Rödder, Andreas: 21.0, S. 12. 82 Admati, Anat R./Hellwig, Martin: Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schief läuft und was sich ändern muss, München 2014, S. 114; Schranz/Eisenegger: Finanzmärkte in der Medienöffentlichkeit, S. 228-229. 83 Sassen, Saskia: The global city. New York, London, Tokyo, Princeton 2001, S. 5. 84 Ebd., S. 3; Schranz/Eisenegger: Finanzmärkte in der Medienöffentlichkeit, S. 238. Eine detaillierte Analyse der Entwicklung des Bankensektors seit den 80er-Jahren vgl. Honegger, Claudia/Neckel, Sighard /Magnin, Chantal: Berichte aus der Bankenwelt, in: Jelinek, Elfriede/Honegger, Claudia (Hrsg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt, Berlin 2010, S. 15-18. 85 Münnich, Sascha: Von Heuschrecken und Bienen, S. 285. 25 Markt koppelte, weil sie postulierte, dass dieser eine nicht nur effizientere, sondern auch gerechtere Ordnung als der Staat hervorbringen könne. Für Wirtschaft und Gesellschaft bedeutete dies, dass die durch die Neoklassik einsetzende Loslösung der Politik und Wirtschaft dazu führte, dass unternehmerische Entscheidungen wie z.B. Entlassungen, Lohnsenkungen etc. zu Gunsten der Profitmaximierung des Unternehmens keiner politisch-demokratischen Kontrolle mehr unterliegen. Die Legitimierung und Logik solcher Handlungen ergab sich aus dem neoklassisch gewünschten Profitmaximierungsbestreben und war somit im Gegensatz zu vorherigen Wirtschaftsvorstellungen von gesellschaftlichen Moralvorstellungen gelöst. Dies äußerte sich mitunter darin, dass seit den späten 90er-Jahren zunehmend wirtschaftsethische Aspekte in den Mittelpunkt öffentlicher Debatten rückten, wohingegen zuvor vorwiegend ökologische Verstöße von Unternehmen moralisiert und skandalisiert wurden.86 Diese Entwicklung führte jedoch zur vermehrten Evokation moralischer Kritik sowie Negativschlagzeilen über Unternehmen und kulminierte in einer gesellschaftlichen Wahrnehmung einer vermeintlich rücksichtslosen Wirtschaftselite, die Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren würde.87 Infolge dieser Veränderung öffentlicher Debatten waren Forderungen nach beispielsweise sozialer Gerechtigkeit nicht mehr ausschließlich als Interventionsforderungen gegenüber dem Staat zu verstehen, sondern konnten sich ebenfalls gegen die neoklassische Ordnung als Ganzes richten. 2.3 Risiko(-Gesellschaft) Ein zentrales Element der Moderne ist, dass sie vom Gottesprinzip gelöst ist, wodurch nicht länger Religiosität, sondern die Erwartungssicherheiten zur entscheidenden Handlungsressource avancierte.88 Krisen unterbrechen Alltagsroutinen bzw. Erwartungssicherheit oder stellen diese in Frage, indem ein Problem wahrgenommen wird, das mit den herkömmlichen Mitteln nicht gelöst werden 86 Eisenneger, Mark/Imhof, Kurt: Funktionale, soziale und expressive Reputation. Grundzüge einer Reputationstheorie, in: Röttger, Ulrike (Hrsg.): Theorien der Public Relations. Grundlagen und Perspektiven der PR-Forschung, Wiesbaden 2009, S. 258-259. 87 Für genaueres zur Ideologie des Neoliberalismus und dessen Reputationsverlust vgl. Eisenegger, Mark: Reputation in der Mediengesellschaft: Konstitution, Issues-Monitoring, Issues- Management, Wiesbaden 2005, S. 80-85. Engels erklärt im Rahmen seiner Korruptionsforschung, dass sich seit den 70er-Jahren „ein tiefverwurzeltes Misstrauen gegenüber der Integrität der Führungseliten“ verzeichnen lässt, dass sich zweifelsfrei auch auf weitere führende Bereiche und Personen wie die Wirtschaftselite auswirkte. Engels: Die Geschichte der Korruption, S. 369. 88 Imhof, Kurt: Die Krise der Öffentlichkeit: Kommunikation und Medien als Faktoren des sozialen Wandels, Frankfurt 2011, S. 270. 26 kann.89 Dieser Bruch mit der Routine fordert förmlich zur Ursachenanalyse und Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der Krise auf, weil erst durch ihre Deutung Erwartungssicherheit wiederhergestellt werden kann.90 Krisen sind mit der Angst über mögliche nachteilige Zukunftsszenarien verknüpft, die aus erodierten Erwartungssicherheiten resultieren. Angst ist dabei das Störungsphänomen, das einem unvertrauten Bezugspunkt entspringt und als Quelle der Gefahr wahrgenommen wird, wie beispielsweise einer Krise. Gleichzeitig ist sie jedoch auch Handlungsmotor, der zur Eindämmung möglicher zukünftiger Konsequenzen antreibt, woraus der Impuls zur Befreiung von der Krise entsteht.91 So basiert der in Krisenzeiten entstehende Impuls womögliche zukünftige (negative) Folgen abzuwenden oder einzudämmen daraus, dass Krisenteilnehmer oder -beobachter in der „Zweiten Moderne“ davon ausgehen müssen, dass jegliche Handlung oder Unterlassung zu weiteren Schäden führen könnten. Infolgedessen entsteht das Gefühl des Entschlusses in Zeitnot.92 So hat auch die Moderne nicht zum Abbau vom Phänomen Angst geführt und beeinflusst in abstrakter und ungreifbarer Form auch noch gegenwärtig gesellschaftliche Entscheidungen und Handlungen maßgeblich und nimmt insbesondere im Kontext von Risiko-Diskursen eine teilweise handlungsleitende Rolle ein.93 Der Einzug der Ideen des Neoliberalismus und der Deregulierung der Finanzmärkte in die Programmatik der regierenden Parteien ging in Deutschland mittelfristig mit Fragen gesellschaftlicher Risikoverteilung und -wahrnehmung einher, da der Staat seine keynesianische Aufsichtsrolle ablegte und den Markt sich somit selbst überließ. Die gesellschaftliche Legitimität dieses Wirtschaftsmodells basiert hauptsächlich darauf, dass die Gesellschaft in die selbstregulativen Kräfte des Marktes vertraut: schwindet dieses Vertrauen aufgrund von wahrgenommenen Problemlagen wie der Identifizierung einer Krise, kann dies zu öffentlichen Diskursen über den vorherrschenden Ist-Zustand führen. Dieser Prozess äußerte sich im Kontext der Finanzkrise 2008 darin, dass intensiv über „unverantwortliche Risikobereitschaft“94 der Banker und der Banken sowie über das von ihnen ausgehende gesamtgesellschaftliche Gefährdungspotenzial diskutiert wurde. Doch wie kann Risiko in einer zunehmend globalisierten und für den Zeitgenossen unübersichtlich erscheinenden Welt näher bestimmt werden? 89 Kuhn: Alltagswissen, S. 9/10; Weichert: Die Krise als Medienereignis, S. 24/25; Zink/Ismer/Scheve: Zwischen Hoffen und Bangen, S. 24/25; Vgl. Schulze, Gerhard: Krisen. Das Alarmdilemma, Frankfurt 2011. 90 Ebd., S. 24/25; Zink/Ismer/Scheve: Zwischen Hoffen und Bangen, S. 24/25. 91 Ahrens, Jörn: Soziologie der Angst, in: Koch, Lars (Hrsg.): Angst. Ein interdisziplinäres Handbuch, S. 61-70. 92 Koselleck, Reinhart: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt 2010, S. 205. 93 Baumann, Zygmunt: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit, Hamburg 2008, S. 29/30. 94 Kloepfer, Inge: Ein unmoralisches Angebot; in: FAS 42 (2008), S. 36. 27 Luhmann konstatiert, dass jegliche Entscheidungen immer risikobehaftet sind und die Zukunft „immer ein Horizont der Unsicherheit“95 bleibt. Der Terminus „Risiko“ bezieht sich jedoch immer nur auf den Handelnden, wohingegen das risikoreiche Handeln eines anderen für einen selbst oder die Gesellschaft eine Gefahr, jedoch kein Risiko darstellen kann.96 So waren die Verluste des Finanzsektors Risiken für spekulierende Banker und Banken, wohingegen ihre realwirtschaftlichen Folgen und möglichen Kettenreaktionen Gefahren für die Gesellschaft darstellten. Die Wahrnehmung solcher Risiken kann den Zeitgenossen das Bedrohungspotenzial und die Unsicherheit der Zukunft vor Augen führen und so einen Risiko-Diskurs auslösen. Ein Merkmal der modernen funktionalen Gesellschaft ist, dass Risiken nicht als naturwüchsig betrachtet werden, sondern als das historische „Produkt, das Spiegelbild menschlicher Handlungen und Unterlassungen“97 gedeutet werden. In Krisen kann daraus Angst entstehen, die sich aus der in die Lebenswelten der Beobachter eingebrochene Erwartungsunsicherheit speist. Sie wird ihrerseits zum zentralen gesellschaftlichen Bindemittel in Krisenzeiten, weil aus dem Interesse der Problem- bzw. Krisenbeseitigung Solidarität aus Angst erwächst. Dabei entsteht aus der Intention der Eliminierung von Krisen, der Versuch der Überwindung von Konflikten durch kooperative Problemlösungsorientierung, um so die Konsequenzen aus Zivilisationsrisiken einzudämmen. Daher war beispielsweise die Regulierung der Finanzmärkte im öffentlichen Diskurs eine prominente Forderung, weil diese unmittelbar mit dem eigenen Sicherheitsgefühl verbunden war. Neuartig und für die Risikogesellschaft typisch war hierbei, dass es sich nicht mehr um ein positives kooperatives Ziel handelte, sondern der Zusammenschluss ausschließlich versuchte, das Schlimmste zu verhindern. Bei einem Reaktorunglück wäre dies der Versuch der Verhinderung des Super-GAUs und bei einer Finanzkrise die Verhütung des Zusammenbruchs der Finanzmärkte. Beides wäre mit weit über ihre systemischen Grenzen hinaus gehenden Konsequenzen verbunden und führte daher zu einer gesellschaftlichen kooperativen Koalition aus Angst. Daher stellte die Finanzkrise im beckschen Sinne eine der von ihm beschriebenen unbeabsichtigten Nebenfolge aus Zivilisationsrisiken bzw. neuartiger Finanzinstrumente dar, weil die bis vor 2007 als zuverlässig geltenden Subprime-Kredite Kettenreaktionen auslösten, die vielerorts realwirtschaftliche Folgen bedingten oder den Diskurs über deren Eindämmung auslösten.98 95 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, Wiesbaden 2005, S.130. 96 Ebd., S. 140. 97 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt 2015, S. 300. 98 Arnoldi, Jakob: Alles Geld verdampft. Finanzkrise in der Weltrisikogesellschaft, Frankfurt 2009, S. 14-15, 17. 28 Die zunehmende Globalisierung seit den 90er-Jahren führte zu globalen Interdependenzen, die die notwendigen Bedingungen schufen, wodurch sich die US- Immobilienkrise zur transnationalen Finanzkrise ausweiten konnte. Dies erfolgte, indem mögliche Risiken für Kreditausfälle im stereotyp neoklassischen unregulierten Profitmaximierungsbestreben auf viele Gläubiger verteilt wurden.99 Im beckschen Sinne entstehen Krisen also weniger durch einzelne Verantwortliche, als dass sie vielmehr ein Produkt aus gesellschaftlichen Zivilisationsrisiken darstellen;100 aber dies hindert nicht darin, in öffentlichen Diskursen nach Schuldigen zu suchen, um sie als eine Art Sündenbock für die entstandenen ungewisse Erwartungssicherheit und Angst zu nutzen.101 Das geteilte Bedrohungsgefühl und die Not führen zur „Gemeinsamkeit der Angst“.102 Daher ist die Risikogesellschaft bestrebt, die Risiken von Krisen möglichst gering zu halten103, obwohl Zukunft per Definition immer mit Ungewissheit verbunden ist. Ein Krisendiskurs ist daher oft mit der Hoffnung auf Gesundung bzw. mit Normalisierungsbestrebungen verknüpft. Diese können jedoch ebenfalls im Rahmen der Ursachenanalyse der Krise und ihrer diskursiven Aushandlung einen Wandel – wie im Falle der Finanzkrisen-Debatte die Forderung nach Regulierung der Finanzbranche – beinhalten. 2.4 Krise Erlebte Risiken in Form von Krisen basieren unter anderem auf der Wahrnehmung verlorener Erwartungssicherheit. So können sie gebrochenes Vertrauen in einen soliden Ist-Zustand ausdrücken, bis dahingehend, dass die Legitimität der gesellschaftlichen Ordnung hinterfragt wird.104 Krisen setzen Deutungs-, Selektions- und Interpretationsprozesse voraus, die insbesondere massenmedial performativ vermittelt werden. So verdichtete die Finanzkrise 2008 die gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit auf die Finanzbranche und kommunizierte finanzmarktkapitalistische Sachverhalte, die nicht zum Wissensbereich und Erfahrungsraum der meisten Rezipienten gehörten. Nichtsdestoweniger ließen die Bewertung und die Einordnung der finanzmarkttechnischen Entwicklungen diese für ein breites Publikum erfahrbar werden. Aufgrund des obsoleten Fachwissens erfolgte eine Komplexitätsreduktion der Berichterstattung, die den Journalisten die Funktion medialer Übersetzer der Ereignisse an den Finanzmärkten zusprach und gleichzeitig den Finanzmarktexperten und -akteuren Raum zur Inszenierung gab. Erst diese „Übersetzung“ ermöglichte es, dass Laien den Dis- 99 Beck: Risikogesellschaft, S. 52. 100 Arnoldi: Alles Geld verdampft, S. 16-17; Beck: Risikogesellschaft, S. 300. 101 Ebd., S. 101/101. 102 Ebd., Hervorhebung im Original, S. 66. 103 Ebd., S. 65. 104 Beck: Risikogesellschaft, S. 37. 29 kurs verstehen konnten. Jedoch umso gewichtiger wurden dadurch die herangeführten Deutungs- und Argumentationsmuster sowie die Klassifikationen der Journalisten, weil Laien darauf angewiesen waren, an diese vorgegebenen Grundstrukturen anzuknüpfen.105 So ist die Finanzkrise 2008 also im Gegensatz zum Risiko-Diskurs über das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 kein exakt abzubildendes und lokalisierbares Ereignis, sondern es stellte für das breite Publikum ein wesentlich komplexeres und abstraktes Phänomen dar.106 Ein Beispiel dafür ist die Bezeichnung als „Krise“ oder das Wortkompositum „Finanz-Krise“, das die Finanzbranche mit dem Zustand der Krise zusammenführte und es so ermöglichte, ein komplexes Geflecht von Ereignissen und Kausalitäten auf ein erfahrbares Schlagwort zu komprimieren. Beide Begrifflichkeiten konnten auch von Laien verstanden werden, indem durch die Begrifflichkeit „Finanz-Krise“ die Krise an die Finanz-Branche gebunden wurde. Dabei ist zentral, dass die (massenmediale) Bezeichnung der Krise als Krise die Deutung ausgewählter Ereignisse überhaupt erst vor den Augen der Rezipienten performativ konstruiert. Die Verwendung einer entsprechenden Begrifflichkeit kann also performativ den Impuls zur Entschärfung der Krise auslösen.107 Ein oft proklamiertes Rezept zur Problemlösung von Krisenerscheinungen ist der Ruf nach Ethik und Moral, der „in Zeiten des Strukturwandels, der Krise und der Orientierungsunsicherheit besonders laut wird“.108 2.5 Moralisierung 2.5.1 Moral Seit den Anfängen der Soziologie gilt Moral als ein zentraler Untersuchungsgegenstand, dessen frühe Vertreter Durkheim und Simmel sind.109 Grundsätzlich bedeutet Moral, dass Personen die Interessen anderer in ihrem Handeln berücksichtigen. Somit verfolgt Moral wie auch Moralisierung das Ziel der Überwindung egoistischer Interessen. Infolgedessen lässt sich Moral nicht als überindivi- 105 Das Laien auch tatsächlich an diese Grundstrukturen angeknüpften, hat Kuhn herausgearbeitet. Kuhn Alltagswissen, S. 174. 106 Peltzer/Lämmle/Wagenknecht: Die Finanzkrise in den Medien, S. 9/10. 107 Ebd., S. 9/10. 108 Luhmann, Niklas: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1989, S. 443/444. 109 Durkheim, Emile: Erziehung, Moral und Gesellschaft. Frankfurt 1984 [1902/1903]; Simmel, Georg: Einleitung in die Moralwissenschaft: Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Stuttgart 1964 [1892/1893]. Für einen Überblick soziologischer Moralforschung seit dem 19. Jahrhundert vgl. Liebig, Stefan: Theoretische Grundlagen und methodische Zugänge einer erklärenden Soziologie der Moral, in: Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung 6 (2007), S. 1-101. 30 duell, sondern als subjektiv mit den Individuen und ihren Interessen verflochtene Wertkategorie verstehen. Moral nimmt für die moderne funktionale Gesellschaft in institutionalisierter Form kaum eine bis keine Funktion mehr ein, sondern sie bezieht sich auf individuelle Bewertungen des Handelns von konkreten Personen, Gruppen oder Institutionen.110 Dies bedeutet keineswegs, dass sich die gesellschaftliche Relevanz von Moral durch die funktionale Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften verschmälert hätte: Im Gegenteil, denn in öffentlichen Debatten lassen sich insbesondere im Kontext von Krisen- Diskursen von Krisenerscheinungen regelmäßig Moralisierungen auffinden.111 Solch eine diskursive Moralisierung basiert auf individuellen Werthierarchien, die sich aus vorangegangenen Bewertungen, Interpretationen und Selektionen ergeben sowie Teil sozialer Wertsysteme sind, deren Resultat dann dem Leser präsentiert wird.112 In Diskursen nimmt Moral auf diese Weise „eine Art Alarmfunktion“113 ein, die Missstände aufzeigt, die nicht mit den eigenen Mitteln des sozialen Systems gelöst werden können. Für die Finanzkrise 2008 bedeutet dies, dass der Finanzbranche die Kompetenz abgesprochen wurde, die öffentlich als risiko- und folgenreich bewerteten Finanzspekulationen zu unterbinden. So nahm die Moralisierung des Diskurses dann die Funktion ein, aus einer Beobachterperspektive eben vor diesen Spekulationen zu warnen. Doch wie genau lässt sich Moral näher bestimmen, um als Analysekategorie in der Finanzkrisen- Debatte genutzt zu werden? Simmel teilt Moral in eine positive und eine negative Verantwortung ein: Letztere umfasst, dass „wir niemandem beschädigen, uns keinen unrechtmässigen Vortheil verschaffen“ und erstere, dass wir „unseren Mitmenschen so viel wie möglich nützen sollen.“114 Moral umfasst somit einerseits eine negative Verantwortung, die Verantwortung, dass anderen kein Schaden zugefügt wird, und andererseits positive Verantwortung, die Verantwortung, dass dem Allgemeinwohl Gutes getan werden soll.115 Die Moralisierung und die damit verbundene negative sowie positive Verantwortung im Diskurs bezogen sich also immer auf die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und nicht auf die Verantwortung gegenüber den Finanzmarkt-Institutionen und ihren Gewinnerwartungen. 110 Ebd., S. 34-48. 111 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt 1997, S. 400/401. 112 Liebig: Theoretische Grundlagen, S. 36. 113 Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 404. 114 Die Schreibweise wurde aus dem Original übernommen. Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, S. 15. Thome bezeichnet die negative Verantwortung sogar als abstrakten Leitfaden sozialen Handelns. Thome, Helmut: Wandel gesellschaftlicher Wertvorstellungen aus Sicht der empirischen Sozialforschung, in: Dietz, Bernhard/Neumaier, Christopher/Rödder, Andreas (Hrsg.): Gab es den Wertewandel? Neue Forschungen zum gesellschaftlich kulturellen Wandel seit den 1960er-Jahren, München 2014, S. 58. 115 Ebd., S. 179/180. 31 Während ihres Entstehungsprozesses benötigen moralische Grundsätze noch eine Begründung, die sich jedoch mit der Zeit verflüchtigt. Nicht mehr die Ursachen, sondern allein die Grundsätze werden durch Sozialisierung an nachfolgende Generationen weitergegeben. Danach löst die gesellschaftliche Normalität116 der Grundsätze einen Zwang auf das einzelne Individuum oder die Gesellschaft aus, sodass diese sich im Individuum reproduzieren und nicht wie von Durkheim beschrieben, den Individuen „von oben“ aufgedrückt werden.117 Laut Simmel entsteht daraus ein Pflichtgefühl gegenüber der Allgemeinheit, das sich darin äußert, dass ein normalisiertes Verhalten gesellschaftlich gefordert wird. Daraus folgt gesellschaftliches Handeln, das in geregelten Bahnen verläuft und sich in eben diese einordnen lässt.118 Die Moral ist also maßgeblich mit der Sozialisierung verflochten und ihre formale Gestalt, die Forderung nach Normalität und Verantwortung, bleibt über Zeit und Raum hinweg identisch; obgleich sich ihre inhaltliche Besetzung im historischen Zeitverlauf und je nach Kulturkreis unterscheiden kann.119 Auf vergleichbare Weise reproduziert sich Verhalten intern durch die eigene soziale Gruppe, da diese in einem Mikrokosmos Normalität und so die moralische Bewertung der negativen sowie positiven Verantwortung eigener Praktiken schafft. Dies kann zur Etablierung anderer moralischer Bewertungskriterien führen.120 So konnten sich beispielsweise einzelne Banker und Banken wohl nur schwerlich von risikoreichen, aber ertragreichen Spekulationen distanzieren, weil diese aufgrund von gruppendynamischen Prozessen und den Gewinnaussichten der Kunden und der Kreditinstitute erwartet wurden. Die öffentlich kritisierte und wahrgenommene Verantwortungslosigkeit der Banker und Banken gegenüber der Allgemeinheit, enthält wie jeder Vorwurf der Pflichtvergessenheit eine Schuldzuschreibung.121 Hierbei ist es wichtig anzumerken, dass sich die Kritik jedoch zunächst nicht auf eine Person, Gruppe oder Institution bezieht, sondern auf eine spezifische Handlung, die nicht dekontextualisiert werden kann. Die Bewertung der Moral bzw. der Morallosigkeit setzt sich dann aus der Summe einzelner Handlungen zusammen und führt zu einem subjektiven Gesamturteil.122 Daher kann die rhetorische Verwendung von 116 Norm wird verstanden als „einmal dessen, was allgemein, generisch geschieht, dann dessen, was geschehen soll, wenngleich es vielleicht nicht geschieht.“ Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, S. 69. 117 Ebd., S. 16, 173. 118 Liebig: Theoretische Grundlagen, S. 45; Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, S. 174, 178. 119 Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, S. 308. 120 Ebd., S. 180. 121 Ebd., S. 160, 180. 122 Auf vergleichbare Weise erklärt die Corporate Social Responsibility-Forschung (CSR) Verantwortung, indem sie sie zum Moralprinzip erklärt und betont, dass die Nicht- Schädigung des Gemeinwohls in ihrem Zentrum steht. Verantwortung bezieht sich nicht 32 Moral in Vorwürfe erfolgter oder unterlassener Handlungen übersetzt werden. Diese äußerte sich wiederum in der Finanzkrisen-Debatte in Form von Moralisierung der vermeintlichen Schuld der Banker und der Banken.123 Des Weiteren lässt sich Moral auch als Ausdruck der eigenen Achtung bzw. Missachtung einer Person, Gruppe oder einer ihrer Handlungen verstehen, die sich auf lexikalischer Ebene in deiktischen, aber insbesondere in konnotativen Markern ausdrückt. Diese wertenden Stellungsnahmen konstruieren ein dichotomes Bild von „guten“ und „bösen“ Personen, Gruppen oder ihren einzelnen Handlungen.124 Eben solche Marker und ihre dichotomen bzw. rhetorischen Funktionen werden im Analyseteil herausgearbeitet. 2.5.2 Gerechtigkeit In der Finanzkrisen-Debatte 2008 wurde die rhetorische Figur bzw. die Wertekategorie „Gerechtigkeit“ ebenfalls herangeführt. Doch wie funktioniert die Bewertung von Gerechtigkeit beziehungsweise Ungerechtigkeit und worauf basiert sie? Detlef Fechtenhauer hat die kognitiven Heuristiken herausgearbeitet, derer sich Laien125 oft intuitiv bedienen und die in der Regel auf vorhersehbaren Grundsätzen basieren. Das „Status-quo-Bias“ umfasst die Einstellung, dass Individuen für die Aufrechterhaltung des wahrgenommenen Ist-Zustands eintreten und eine Änderung ablehnen, weil der Status quo gemäß der normalisierten Erfahrung als gerecht empfunden wird und deshalb verteidigungswürdig erscheint. So ist die Moralisierung von empfundenen Grenzüberschreitungen auch immer ein Mittel, um indirekt bzw. implizit zur Rückkehr zum Ist-Zustand und ausschließlich auf die Folgen einzelner Handlungen, sondern ist kontextualistisch und berücksichtigt akteursbezogene Eigenschaften sowie situative Handlungsbedingungen. Heidbrink 2010, S. 188. Für den aktuellen Forschungsstand der CSR-Forschung und die historische Entwicklung der Unternehmensverantwortung von der Industrialisierung bis zur Gegenwart vgl. Schultz, Friederike: Moralische und moralisierte Kommunikation im Wandel. Zur Entstehung von Corporate Social Responsibility, in: Raupp, Juliana (Hrsg.): Handbuch CSR. Kommunikationswissenschaftliche Grundlagen, disziplinäre Zugänge und methodische Herausforderungen, Wiesbaden 2011, S. 19–42. 123 Ebd., S. 284-286, 308. 124 Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaft, S. 244; Bergmann, Jörg/Luckmann, Thomas: Moral und Kommunikation, in: Bergmann, Bergmann/Luckmann, Thomas (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral. Struktur und Dynamik der Formen moralischer Kommunikation, Wiesbaden 1999, S. 22/23. 125 Im Kontext von Gerechtigkeit versteht Fechtenhauer fast ausschließlich Ökonomen und Philosophen als Experten, weil ihre Schlussfolgerungen nur selten „aus abstrakten und allgemeinen Gerechtigkeitsprinzipien abgeleitet werden.“ Fechtenhauer, Detlef: Was ist Gerechtigkeit und wie kommt sie zustande? Die psychologische Perspektive, in: Roman Herzog Institut (Hrsg.): Was ist Gerechtigkeit - und wie lässt sie sich verwirklichen? Antworten eines interdisziplinären Diskurses, München 2009, S. 24. 33 somit zur Normalität aufzufordern. Moralisierung kann deshalb ebenfalls als (intuitives) Machtinstrument der Nicht-Mächtigen gegen die Mächtigen verstanden werden, indem empfundene Veränderungen kritisiert und beim Versuch des Erhalts des etablierten Ist-Zustandes in Moralisierung umschlagen und dabei stark mobilisierend wirken kann.126 Ein weiteres Grundprinzip der Gerechtigkeit ist das Nichtbeschädigungsgebot Dritter, das sich mit der zuvor umschriebenen negativen Verantwortung deckt, die beinhaltet, anderen durch eigene Handlungen oder Entscheidungen nicht zu schaden. Wie bei der negativen Verantwortung führt auch die Bewertung der Konsequenzen einer Handlungen erst sekundär zur moralischen Kritik, während primär die ihr vorausgehenden Motive im Bewertungsmittelpunkt stehen.127 Im Kontext der Finanzkrisen-Debatte bedeutet dies, dass das unwissentliche Auslösen einer Finanzkrise wesentlich weniger schwer ins Gewicht fiel, wohingegen die moralische Kritik an der vermeintlich unmoralischen Motivation beispielsweise der Gier der Banker und der Banken wesentlich schwerer wiegt. 128 Diese Interdependenz zwischen Markt und gesellschaftlicher Moralisierung in diskursiven Aushandlungsprozessen kann im Hinblick auf grundsätzliche Fragen der Ökonomie so verstanden werden, dass sich Ökonomie aus dem Streit zwischen Gerechtigkeit und Effizienzkriterien konstituiert; denn auch ökonomisch rationale und effiziente Reformen werden kritisiert, wenn sie den gesellschaftlichen Gerechtigkeits- oder Moralvorstellungen entgegenstehen. Daher ist es auch leicht zu verstehen, wieso sich beispielsweise Managerlohn- Debatten in Staaten mit einer langen sozialdemokratischen Tradition wie z.B. in Deutschland oder in der Schweiz öfter als beispielsweise in den USA wiederfinden lassen. Dies hängt damit zusammen, dass die Bevölkerung ersterer aufgrund ihrer sozialdemokratisch geprägten Tradition einen stärkeren Anspruch auf staatliche Intervention bei wahrgenommener gesellschaftlicher Ungerechtigkeit erhebt als letztere.129 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Moral und Gerech- 126 Ein ähnlicher Prozess wird in der Korruptionsforschung herausgearbeitet. Vgl. Engels: Die Geschichte der Korruption. Rödder erklärt im Rahmen seiner Untersuchungen zum Wertewandel in der Gegenwartsgeschichte, dass Werte – die sich mitunter in Moralisierung ausdrücken – „zentrale handlungsrelevante Faktoren sozialer Ordnung und zugleich Gegenstand von Machtkonflikten“ um Diskurshoheit sind. Rödder, Andreas: Wertewandel in historischer Perspektive. Ein Forschungskonzept, in: Dietz, Bernhard/Neumaier, Christopher/Rödder, Andreas (Hrsg.): Gab es den Wertewandel? Neue Forschungen zum gesellschaftlich-kulturellen Wandel seit den 1960er-Jahren, München 2014, S. 30. 127 Ebd., S. 25/26. 128 Einen Überblick über die interdisziplinäre Gerechtigkeits-Forschung lässt sich hier finden: Roman Herzog Institut (Hrsg.): Was ist Gerechtigkeit - und wie lässt sie sich verwirklichen? Antworten eines interdisziplinären Diskurses, München 2009. 129 Schranz, Mario/Vonwil, Matthias: Öffentlichkeit und politische Entscheidungsfindung- Problemlösungsmechanismen im Spannungsfeld öffentlicher Moralisierung, politischer Gesetzgebung und wirtschaftlicher Selbststeuerung. Eine vergleichende Analyse zum Einfluss der Öffentlichen Kommunikation auf den politischen Entscheidungsfindungsprozessin den 34 tigkeit also mit der gesellschaftlichen Bewertung von Wirtschaft verwoben sind und dementsprechend auch in der Finanzkrisen-Debatte 2008 konfliktiv aufeinandertreffen.130 2.5.3 Vertrauen Vertrauen ist eine zentrale Ressource gesellschaftlicher Interaktion, die insbesondere durch Krisen oder Krisen-Kommunikation beschädigt werden kann. Aufgrund der Interdependenz zwischen Krise und Vertrauen soll letztere im Folgenden analytisch eingegrenzt werden.131 Grundsätzlich lässt sich Vertrauen im Sinne Luhmanns als „riskante Vorleistung“132 bezeichnen, die komplexitätsreduzierend wirkt. Sie nimmt die Ungewissheit der Zukunft vorweg und reduziert die nahezu unendlichen Handlungssituationen auf die Erwartungsbasis, die sich aus bisherigen Erfahrungen ergibt. Dies führt zur Ausklammerung potenzieller Risiken, die ihrerseits wiederum Erwartungssicherheit suggeriert.133 So ergeben die Komponenten der Erwartung, der Erfahrung und der Ungewissheit eine Mischung aus Wissen und Nicht- Wissen, die die Beschaffenheit von Vertrauen ausmacht. Vertrauen lässt sich als spezifische Erwartungshaltung definieren, die die Vorleistung der Erwartung umfasst, dass das Objekt des Vertrauens – Personen, Gruppen oder Institutionen – dies nicht zum eigenem Vorteil ausnutzen bzw. ihre Versprechen in der Zukunft einhalten.134 Dabei wirkt Vertrauen nicht nur komplexitätsreduzierend, sondern schafft auch gleichzeitig gesellschaftliche Kooperationsräume, weil USA und der Schweiz am Beispiel der Managerlohndebatte, in: Imhof, Kurt/Blum, Roger/Bonfadelli, Heinz/Jarren, Otfried (Hrsg.): Demokratie in der Mediengesellschaft, Wiesbaden 2006, S. 34-38. 130 Für einen vertiefenden Einblick in das Verhältnis von Markt und Moral vgl. Suchanek, Andreas: Das Verhältnis von Markt und Moral, in: Aßländer, Michael Stephan (Hrsg.): Handbuch Wirtschaftsethik, Stuttgart 2010, S. 198–208. 131 Grünberg, Patricia: Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Akzeptanz, S. 25. 132 Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Wien 2014, S. 27. 133 Ebd., S. 9, 27, 39; Bentele, Günter/Nothhaft, Howard: Vertrauen und Glaubwürdigkeit als Grundlage von Corporate Social Responsibility: Die (massen-)mediale Konstruktion von Verantwortung und Verantwortlichkeit, in: Juliana Raupp (Hrsg.): Handbuch CSR. Kommunikationswissenschaftliche Grundlagen, disziplinäre Zugänge und methodische Herausforderungen Wiesbaden 2011, S. 50. 134 Beckert, Jens: Die Finanzkrise ist auch eine Vertrauenskrise. Jahresbericht 2009 der Max- Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., in: MPlfG Jahrbuch 2011- 2012, 2013 München, S. 37; Berghoff, Hartmut: Vertrauen als ökonomische Schlüsselvariable. Zur Theorie des Vertrauens und der Geschichte seiner privatwirtschaftlichen Produktion, in: Ellerbrock, Karl-Peter/Wischermann, Clemens (Hrsg.): Die Wirtschaftsgeschichte vor der Herausforderung durch die new institutional economics, Dortmund 2004, S. 59. 35 durch Erwartungssicherheit koordiniertes Handeln ermöglicht wird.135 Ein gutes Beispiel dafür ist das Vertrauen in den Wert des Geldes, weil darin das Vertrauen auf gesellschaftliche sowie staatliche Institutionen und Ordnungen zum Ausdruck kommt;136 denn wenn Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Wertsystems Geld nicht vorhanden wäre, dann wäre wohl auch kaum jemand dazu bereit, Waren gegen Papier zu tauschen.137 Existierendes Vertrauen kann jederzeit beschädigt werden. So kann der als plötzlich empfundene Einbruch von Risiken in die Normalität des Alltags bzw. die Wahrnehmung allgegenwärtiger real existierender Risiken in den Alltag schockartig wirken und kann so zumeist mit einem Verlust von Vertrauen einher. 138 Massenmedien beeinflussen Vertrauensbildung, -erhalt oder -verlust maßgeblich, indem sie einen zentralen Teil des diskursiven Aushandlungsprozess von Wissensbeständen darstellen.139 Auf Vertrauensschäden kann dann mitunter der Ruf nach Kontrollinstanzen und/oder rechtlichen Rahmenbedingungen folgen, um gesellschaftliche Kooperation in zuvor erodierten Kooperationsräume wieder zu ermöglichen. 140 Die beschädigte Erwartungssicherheit wird dann durch regulative Eingriffe wiederhergestellt. So zahlen Individuen Geld auf eine Bank ein, weil sie dem Versprechen Glauben schenken, dass sie das Geld jederzeit ausgezahlt bekommen können. Entstehen Zweifel daran, aus welchen Gründen auch immer, so fordern die Kunden ihr Geld zurück. Eine ähnliche Logik lässt sich auf Finanzmärkten beobachten: Erlischt das Vertrauen in eine Bank oder in ein Finanzprodukt, wird dieser bzw. diesem erst das Vertrauen und dann in unmittelbarer Folge das Geld entzogen.141 Das Vertrauen kann dann beispielsweise dadurch wiederhergestellt werden, indem eine Drittinstitution als Experten- oder Kontrollsystem auftritt und mit ihrer eigenen Vertrauenswürdigkeit bürgt.142 Die Rolle des Kontrollsystems nahm in der Finanzkrise 2008 der deutsche Staat ein, indem die Bundesregierung erst die Sicherheit spezifischer Spareinlagen postulierte und im Oktober die Gesetzesvorlage für einen Rettungsschirm verabschiedete, der die Übernahme umfassender Kreditbürgschaften der Banken umfasste. So bürgte der deutsche Staat mit der eigenen Kredibilität für den Ausfall von Zahlungsverpflichtungen. Dies ermöglichte zuvor erodierte 135 Reichardt, Sven: Soziales Kapital im Zeitalter materieller Interessen. Konzeptionelle Überlegungen zum Vertrauen in der Zivil- und Marktgesellschaft des langen 19. Jahrhunderts, S. 11. 136 Ebd., S. 15. 137 Berghoff erklärt Vertrauen darüber hinaus als soziale „Errungenschaft von höchster ökonomischer Bedeutung.“ Berghoff: Vertrauen als ökonomische Schlüsselvariable, S. 60. 138 Ebd., S. 58. 139 Bentele/Nothhaft: Vertrauen und Glaubwürdigkeit, S. 53. 140 Fiedler, Martin: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist teuer, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 582/583. 141 Beckert: Finanzkrise ist auch Vertrauenskrise, S. 35/36. 142 Fiedler: Vertrauen ist gut, S. 589. 36 Kooperationsräume und Erwartungssicherheiten wiederherzustellen, ohne welche die Bankkunden ihr Geld womöglich von den Banken abgehoben hätten.143 2.5.4 Reputation Seit der Finanzkrise 2008 ist die Berichterstattung über die Finanzbranche einer „skandalisierenden Optik“144 gewichen, wodurch die Vertrauens- und Reputationsschäden der Banker und der Banken befeuert wurden. Die konzeptuelle Verflechtung beider Begrifflichkeiten erschließt sich aus der näheren Betrachtung von Reputation. Die Vertrauenswürdigkeit einer Person, einer Gruppe oder einer Institution basiert auf der Erfüllung der an sie herangetragenen Erwartung. Infolge positiver Erfahrung wird angenommen, dass zukünftige Erwartungen ebenfalls erfüllt werden. Aus einer solchen Erwartungssicherheit in die Vertrauenswürdigkeit eines Bezugsobjekts entsteht Reputation, die als Anerkennung des Rufs der Vertrauenswürdigkeit bezeichnet werden kann. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Vertrauensschäden mit Reputationsschäden einhergehen, weil diese die Akkumulation von Vertrauen schmälern.145 Die der Reputation inhärenten Erwartungen lassen sich auf zwei Ebenen verorten: Zum einen ist die bereits erwähnte funktionale Erfüllung von Erwartungen, zum anderen umfasst die Berücksichtigung bzw. Nicht-Beschädigung gesamtgesellschaftlicher Normen und Werte, wie sie bereits zuvor im Kontext von Moral und Gerechtigkeit diskutiert wurde.146 So ist es nicht überraschend, dass das Themenfeld der Reputation als Forschungsgegenstand mit der in den USA beginnende Bankenkrise 2007 an Relevanz gewann. Infolgedessen erlangte der Reputationsbegriff sowohl im öffentlichen als auch im wissenschaftlichen Diskurs enorme Aufmerksamkeit.147 Gleichzeitig stiegen die gesellschaftlichen Ansprüche insofern, dass mehr Verantwortlichkeit von den Unternehmen und den Branchen gefordert wurde. Dies befeuerte wiederum die Vertrauens- und Reputationsschäden, weil sich die ihr vorausgehenden Erwartungen erhöhten.148 Die Neuartigkeit dieses wiedergefundenen Reputationsverständnisses zeigt sich 143 Vertiefende Einblicke in den wirtschaftlichen Nutzen von Vertrauen (Senkung von Transaktionskosten) und dessen historischer Entstehungsprozess sind hier zu finden: vgl. Berghoff: Vertrauen als ökonomische Schlüsselvariable, S. 58. 144 Schranz und Eisenegger arbeiten dies für die Schweiz heraus, aber ähnliches lässt sich auch in Deutschland verzeichnen. Schranz/Eisenegger: Finanzmärkte in der Medienöffentlichkeit, S. 238. 145 Eisenneger/Imhof: Funktionale, soziale und expressive Reputation, S. 249/250. 146 Ebd., S. 249/250. 147 Ebd., S. 243/244. 148 Eisenegger, Mark: Von der sozialen zur volkswirtschaftlichen Verantwortung. Wie die Finanzmarktkrise die Reputationsdynamik verändert, in: Das Magazin für Wirtschaftspolitik 7 (2011), S. 62. 37 darin, dass die Begrifflichkeit als Phänomen der Moderne klassifiziert wird, weil es sich von dem Verständnis der durch den Stand erteilten Ehre abgekoppelt hat und sich so zu einem kommunikativ evozierbaren sowie infolgedessen gleichzeitig fragilen Phänomen entwickelt hat.149 Im Gegensatz zu den religiös legitimierten Gesellschaftsstrukturen des Mittelalters muss soziale Ungleichheit in der Moderne gesellschaftlich legitimiert werden.150 Daher ist die Legitimation von Ungleichheit und Machtunterschieden eine zentrale Funktion von Reputation, weil sie zur Anerkennung des Status quo seitens der Nicht-Mächtigen führt, die die Kritik daran überflüssig erscheinen lassen. Sinkt jedoch die Reputation, so kann das entstandene Reputationsvakuum zur Delegitimierung der Ungleichheit führen und auf diese Weise in den Forderung nach Sanktionen und Steuerungen kulminieren.151 Für negative Reputationsdynamiken oder eine mediale Skandalisierung, wie diejenigen infolge der Finanzkrise 2008, werden (1.) zunächst darstellbare moralische Defizite von Personen, Gruppen oder Institutionen identifiziert, die dann (2.) insbesondere massenmedial verbreitet werden. Eine Voraussetzung für die erfolgreiche Skandalisierung ist, dass die medial kommunizierte Divergenz zwischen Erwartung und Erfahrung gegenüber einem Objekt, beispielsweise der Finanzbranche, (3.) in Form von Moralvorstellung von Beobachtern geteilt wird bzw. seitens der Medien mobilisierend abgerufen oder aktualisiert werden kann.152 Ist dies der Fall, so bildet die Moralisierung des Diskurses ein Mittel, das nicht nur erhebliche Vertrauensschäden, sondern auch Reputationsschäden verursachen kann. 2.5.5 Legitimität von Profit Moralisierungsprozesse lassen sich insbesondere in öffentlichen Debatten über die als legitim bewertete Löhnhöhe der Wirtschaftselite wiederfinden. Solche regelmäßig aufkommenden Lohn-Debatten sind in der Neoklassik insofern bemerkenswert, da die neoliberale Ideologie nicht zwischen Profitmaximierungsbestreben und illegitimer Maßlosigkeit unterscheidet und dementsprechend Gier legitim sein müsste.153 Das dies im öffentlichen Diskurs nicht der Fall ist, lässt sich anhand einer zentralen Lohn-Debatte aufzeigen, die sich ausschließlich auf die Finanzbranche fokussierte – die Heuschrecken-Debatte 2005. Diese soll in Grundzügen andiskutiert werden, weil dabei ebenfalls eine 149 Die historische Entwicklung von Ehre wird von Eisenegger mitunter durch den Rückgriff auf die Werke von Simmel und Weber ausgearbeitet. Eisenegger: Reputation in der Mediengesellschaft, S. 25-29. 150 Imhof: Die Krise der Öffentlichkeit, S. 14. 151 Eisenegger: Reputation in der Mediengesellschaft, S. 35/36. 152 Eisenneger/Imhof: Funktionale, soziale und expressive Reputation, S. 260. 153 Streeck, Wolfgang: Taking Capitalism Seriously. Toward an Institutionalist Approach to Contemporary Political Economy, Köln: MPlfG Discussion Paper 15, S. 13. 38 Moralisierung des Diskurses stattfand. Obwohl sie fast ausschließlich die Problematisierung angelsächsischer „Heuschrecken“154 umkreiste, erlaubt sie es, an den einschlägigen Forschungsstand anzuknüpfen, da sich zentrale Zuschreibungen mit denen innerhalb der Finanzkrisen-Debatte überschneiden. Im Jahr 2005 bezeichnete Müntefering explizit Private-Equity-Firmen und Hedgefonds als „Heuschrecken“, indem er sie beschuldigte „keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten [, zu verschwenden]. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter“.155 Seine Kritik bemängelte also die vermeintlich obsolete Verantwortung gegenüber der Gesellschaft einzelner Finanzmarktakteure, die keine Kapitalismuskritik – verstanden als die Überwindung des Kapitalismus – darstellte, sondern vielmehr eine Wertedebatte über die Legitimation von Profit innerhalb der Funktionsmechanismen des Kapitalismus war. 156 Die infolgedessen ausbrechende Heuschrecken-Debatte versteht Sascha Münnich als Abwehrreaktion auf die Umsetzung des Finanzmarkt-Kapitalismus und den Versuch, die „soziale Marktwirtschaft“ zu erhalten. Die beschuldigten Finanzmarkt-Akteure argumentierten, dass ihre Profite legitim seien, weil sie der Realwirtschaft durch Wachstum und Arbeitsplätzen nützten.157 Eine ähnliche Argumentation erfolgte bereits im 19. Jahrhundert, als sich die Börse langsam von ihrem öffentlichen Glückspiel-Charakters distanzierte und sich durch eine vergleichbare Argumentation als fester Bestandteil der als legitim empfundenen Wirtschaftsordnung etablierte.158 Es lässt sich also konstatieren, dass der Anspruch des erfolgreich wirtschaftlichen Handelns die Frage nach dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen daraus miteinbrachte. Die Leistung der Akteure sowie ihrer Gemeinwohlorientierung sind also zentrale Bestandteile der Legitimation von Profiten. Diese bilden eine Konstante in der Auseinandersetzung zwischen Gesellschaft und Finanzmarkt-Öffentlichkeit.159 154 Ziem: "Heuschrecken" in Wort und Bild, S. 118. 155 o.V.: Die Namen der "Heuschrecken", in: Stern 28. April 2005. Online abrufbar unter: http://www.stern.de/politik/deutschland/kapitalismusdebatte-die-namen-der--heuschrecken- -5351566.html – Stand 22.7.2016. 156 Urban: Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken, S. 224; Vgl. Schallmayer, Peter: Kapitalismuskritik. Theorie und Praxis bei Marx, Nietzsche, Mann, Müntefering und in der Heuschreckendebatte, Würzburg 2009. Für die Kontextualisierung und Analyse der Heuschrecken-Metapher; Ziem, Alexander: Diskurse, konzeptuelle Metaphern, Visiotype. Formen der Sprach- und Bildkritik am Beispiel der Kapitalismus-Debatte, in: Aptum 5 (2009), S. 18–37. Ziem: Frames und sprachliches Wissen; Ziem: „Heuschrecken“ in Wort und Bild, S. 108-120. Oppenhäuser: Mit Darwin ins Kasino, S. 38–50; Leggewie: Hässliche Feindbilder gesucht, S. 96-107. 157 Münnich: Von Heuschrecken und Bienen, S. 291. 158 Stäheli: Spektakuläre Spekulation, S. 31–52. 159 Münnich arbeitet im Rahmen seiner Inhaltsanalyse der Heuschrecken-Debatte vier grundlegende Rechtfertigungsmuster legitimer Profite heraus. Münnich: Von Heuschrecken und Bienen, S. 296-299. 39 In der Moderne werden Profite primär durch Leistung legitimiert, doch welche Aufgaben und Pflichten diese „Leistung“ umfasst, stellt eine Leerstelle dar und kann daher unterschiedlich mit Inhalt versehen werden. So wird den Private- Equity-Firmen in der Heuschrecken-Debatte unmoralisches Verhalten vorgeworfen, das sich in Gier und Skrupellosigkeit äußern würde. Es lässt sich beobachten, dass solche Kritikpunkte insbesondere dann herangeführt werden, wenn trotz entsprechenden Gewinnen, Arbeitsplätze abgebaut oder Lohnkürzungen vorgenommen werden, da diese Handlungen der gesellschaftlichen Forderung nach positiver unternehmerischer Verantwortung diametral gegenüber stehen. So wird ebenso die kurzfristige Profitmaximierung bemängelt, wenn diese auf Kosten anderer oder der Nachhaltigkeit erfolgt.160 Hier ist jedoch anzumerken, dass beispielsweise die Kritik an hohen Gewinnen der Investmentbanken stärker ausfällt, als dieselbe Gewinnmarge der Automobilindustrie.161 Darin zeigt sich, dass moralische Kritik nicht dekontextualisiert werden kann, da die Reputation einzelner Akteure unmittelbar mit ihrer gesamtheitlichen Bewertung als moralisch oder unmoralisch zusammenhängt. Die Durchschlagskraft und das gesellschaftliche Mobilisierungspotenzial von Moralisierung zeigt sich in der nachhaltigen Wirkung der nur dreiwöchigen Heuschrecken-Debatte; denn die Bezeichnung „Heuschrecke“ hat sich gesellschaftlich etabliert und darüber hinaus zu einem sprachlichen Stereotyp entwickelt.162 Dies äußert sich darin, dass sich diese Bezeichnung bis in die Gegenwart hinein in primär journalistischen Texten wiederfinden lässt und im Jahr 2006 sogar in Form eines Eintrag im Duden als „Heuschreckenkapitalismus“ in den deutschen Wortschatz aufgenommen wurde.163 160 Urban: Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken, S. 241, 245. 161 Münnich: Von Heuschrecken und Bienen, S. 283. 162 Ziem: Diskurse, konzeptuelle Metaphern, Visiotype, S. 33. 163 Im Duden wird die Autorschaft explizit Müntefering zugesprochen.

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References

Zusammenfassung

Das Image der Banken und des Bankers ist schon lange negativ belastet, doch reichen die Wurzeln tiefer, als die meisten Menschen es vermuten. Das Neuartige an der Finanzkrisen-Debatte ist, dass sich die Finanzbranche im Allgemeinen seit 2008 in einem anhaltenden Vertrauenstief befindet: Die schwindende Kundenloyalität, erhöhte Fluktuation und die nur geringe Effizienz teurer und aufwändig produzierter Werbekampagnen sind Ausdruck dieses Vertrauenstiefs. Daher behandelt dieses Buch die Frage danach, wie während dem gesellschaftlichen Ausnahmezustand einer Finanzkrise und verdichteten Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit über deutsche Banken und Banker berichtet wurde. Und wann werden Kritik und negative Stereotype offener kommuniziert und brennen sich besser in das Gedächtnis ein als in Stress- und Krisensituationen?