Content

4. Das Forschungsdesign in:

Bessy Albrecht-Ross

Der Wille zu leben, page 69 - 134

Fragen zum guten Leben bei Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3921-2, ISBN online: 978-3-8288-6730-7, https://doi.org/10.5771/9783828867307-69

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Das Forschungsdesign In diesem Kapitel wird die Durchführung dieser Studie vorgestellt, wobei weitestgehend darauf verzichtet wird, auf die Grundlagen qualitativer Sozialforschung einzugehen. Dazu findet sich genügend aktuelle Einführungsliteratur (Becker & Kortendiek, 2010; Breuer, 2010; Flick, 2009, 2010, 2011; Mey & Mruck, 2010; Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2010; Strübing, 2013, 2014; Strübing & Schnettler, 2004; Zierer, Speck & Moschner, 2013). Vielmehr wird hier die konkrete Vorgehensweise ausführlich expliziert, um die Nachvollziehbarkeit der daraus resultierenden Ergebnisse so weit wie möglich zu gewährleisten. Die in den folgenden Abschnitten vorgestellte Erhebungsmethode stellt ein Novum dar, zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Arbeit ist keine Studie bekannt, die bei Menschen mit einer DIS mit mehr als einer Persönlichkeit qualitative Interviews durchgeführt hat. Insofern rekurrieren die folgenden Ausführungen auf keine in diesem spezifischen Feld bereits bekannten methodischen Erfahrungen, sondern stellen eine selbst entwickelte Methode der Datenerhebung vor. Damit stellt diese Arbeit eine „Abfolge von Entscheidungen“ (Flick 1995, S.148) dar, die aufgrund ihres innovativen Charakters bewusst zu treffen waren. Den Gütekriterien wissenschaftlichen Arbeitens der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses und der Gegenstandsangemessenheit folgend (Helfferich, 2011, S.167), werden diese Entscheidungen in den folgenden Kapiteln entsprechend transparent nachgezeichnet. Aufgrund des Gegenstandsbereiches ist eine forschungsethische Diskussion von grundlegender Bedeutung und wird zu Beginn geführt. Die aus diesem zunächst theoretisch geführten Diskurs folgenden forschungspraktischen Konsequenzen werden anhand des Kapitels zu den Erhebungsmethoden diskutiert. Dabei wird die gewählte Interviewmethode, die Forschungsfragen und der konkrete Ablauf eines Interview dargelegt. Darauf folgt eine Erläuterung des Interviewsample. Hier werden bereits anhand der Daten einzelne Persönlichkeitengruppen 4. 69 näher beschrieben. Aufgrund des bereits erwähnten explorativen Charakters der Studie liegt es auf der Hand, sich qualitativer Forschungsmethoden für die Datenanalyse zu bedienen. Insbesondere die Grounded Theory (Glaser & Strauss, 1967; Strauss 1987, 2004; Strauss & Corbin, 1990,1996; Corbin & Strauss, 2008) und deren aktuelle methodischen und methodologischen Weiterentwicklungen (Breuer, 2010; Charmaz, 2011; Clarke 2012) bieten sich für wenig erforschte Bereiche aufgrund ihres induktiven Vorgehens und ihrer datengeleiteten Theoriebildung an. Sowohl die der Grounded Theory zugrunde liegende methodologische und methodische Programmatik als auch deren konkrete Anwendung, die zu den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit führen, werden innerhalb dieses Kapitels vorgestellt. Um die Nachvollziehbarkeit der nachfolgenden forschungsethischen Diskussion zu gewährleisten bedarf es bereits an dieser Stelle einer weiteren Konkretisierung des Forschungsgegenstandes sowie einer Begründung der daraus resultierenden Sampleauswahl und Durchführung der Datenerhebung. Konkretisierung des Forschungsgegenstandes Aufgrund der Komplexität des Forschungsgegenstandes wird zunächst die Entscheidung für die Befragung mehrerer Persönlichkeiten eines Personensystems erläutert, um darauf aufbauend die nachfolgenden Schritte der Studie nachzuzeichnen. Wie bereits in Kapitel 2.3.5 diskutiert, können die Persönlichkeiten innerhalb eines Personensystems einzelnen Gruppen hinsichtlich ihrer Merkmale, Affekte und Funktionen zugeordnet werden, wobei bestimmte Charakteristika wiederholt auftreten. Hierzu zählen in der überwiegenden Anzahl der Fälle das Vorkommen einer Alltagspersönlichkeit, einer Kindpersönlichkeit, einer BeschützerInpersönlichkeit und einer tätergebundenen Persönlichkeit (Eckhardt-Henn, 2004, S.18). Das Forschungsinteresse an der subjektiven Wahrnehmung und Realität von mehr als einer Persönlichkeit innerhalb eines Personensystem führte zu der Entscheidung, mit eben jenen Persönlichkeiten zu sprechen, die statistisch gesehen am häufigsten vorkommen. Abgesehen von diesem in der Fachliteratur theoretisch verankerten Umstand 4.1 4. Das Forschungsdesign 70 wurde diese Entscheidung zudem durch Diskussionen mit ExpertInnen des Feldes beeinflusst. Im Vorfeld der Studie geführte Gespräche mit Menschen mit einer DIS, die nicht zu dem Personenkreis der Interviewten gehörten, verdeutlichten die Relevanz der Befragung unterschiedlicher Persönlichkeiten, um dadurch die divergenten Meinungen und Ansichten innerhalb eines Persönlichkeitensystems umfassend zu erheben. Diese Prozesse führten zu der Entscheidung, zur Beantwortung des forschungsleitenden Interesses Interviews mit jeweils vier Persönlichkeiten innerhalb eines Personensystems zu führen: einer Alltagspersönlichkeit, einer Kindpersönlichkeit, einer BeschützerIn und einer tätergebundenen Persönlichkeit. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Studie stellte die Befragung dieser vier Gruppen von Innenpersönlichkeiten eines Personensystems eine Innovation in der Forschung mit Menschen mit einer DIS dar. Hinsichtlich der tätergebundenen Persönlichkeiten ergab sich dabei ein besonderes Interesse. Sowohl in der theoretischen Literatur (Putnam, 2003; Huber, 2013) als auch in Gesprächen mit AkteurInnen innerhalb des Feldes wurde deutlich, dass gerade diese Persönlichkeitengruppe als Störfaktor hinsichtlich eines guten Lebens wahr genommen wird. Diesen Umstand zu beleuchten und sich den subjektiven Sinnstrukturen dieser Persönlichkeiten anzunähern ist zudem Anliegen dieser Arbeit. Doch bevor der konkrete Ablauf der Datenerhebung vorgestellt wird, bedarf es zunächst aufgrund der traumabedingten Entstehung tätergebundener Persönlichkeiten sowie der DIS im Allgemeinen einer intensiven Auseinandersetzung mit forschungsethischen Prinzipien, die die Vulnerabilität dieser Personengruppe in den Blick nimmt. Forschungsethik Das Erheben von Daten in Form von Interviews unterliegt grundsätzlich ethischen Prämissen (von Unger, Narimani & M´Bayo, 2014). Die informierte Einwilligung (Gläser & Laudel, 2010, S.50) gilt es diesbezüglich ebenso zu bedenken wie die Anonymisierung von Daten (Hopf, 2009). Die Punkte der Erhebung, Aufbewahrung, Weitergabe und Ver- öffentlichung erhobener Daten sind jedoch nicht nur forschungs- 4.2 4.2 Forschungsethik 71 ethisch relevant, sondern in Deutschland als Datenschutzgesetz auf Bundes- und Landesebene gesetzlich verankert (Häder, 2009). Zudem konstituiert jede Forschung die jeweilige Wissensgemeinschaft inklusive ihrer ethischen Problematik mit. Roth (2004) fordert diesbezüglich eine verstärkte (kollektive) Reflexion forschungsethischer Herausforderungen, um sie auch hinsichtlich ihrer Angemessenheit weiter entwickeln zu können (Abs. 14). Nun ergeben sich im Zusammenhang mit komplex traumatisierten InterviewpartnerInnen zudem zusätzliche, spezifische ethische Fragen. Somit ist es Anliegen dieses Kapitels zu verdeutlichen, auf welche Weise die speziellen ethischen Anforderungen an diese Forschungsarbeit angegangen und gelöst wurden. Diesbezüglich ist es u.a. von Interesse, ob das Befragen von schwer traumatisierten Menschen per se eine Belastung darstellt und somit unter forschungsethischen Kriterien als äußerst fragwürdig erscheint. Es lassen sich weitere feldspezifische Umstände lokalisieren, wie beispielsweise die Befragung von Innenkindern. Welche besonderen Aspekte sind hier aus forschungsethischer Sicht zu beachten? Wie ist die informierte Einwilligung zu behandeln bei einem Gegenüber, welches die Vorannahme eines kohärenten Subjekts aufgrund der bestehenden Multiplizität grundlegend in Frage stellt? Informierte Einwilligung Das Prinzip der informierten Einwilligung erfordert, dass der/die InterviewpartnerIn vor dem Interview über das Ziel der Untersuchung, den Umgang mit den erhobenen Daten und wie diese geschützt und anonymisiert werden (Gläser & Laudel, 2010, S.144) ausführlich informiert wird. Dies geschah zunächst in Form eines Informationsbogen, der alle relevanten Informationen zum Interviewablauf, zur Datenverarbeitung sowie zum Forschungsvorhaben insgesamt beinhaltete. Zum Abschluss eines jeden Interviews wurde von der Persönlichkeit, deren Name dem des Passnamens entsprach (an dieser Stelle stand die Rechtsperson im Vordergrund), eine Einwilligungserklärung zur weiteren Verarbeitung der erhobenen Daten unterschrieben. Diese Einwilligungserklärung wurde in Anlehnung an die Empfehlungen von Helfferich (2011, S.203) entwickelt und beinhaltete Hinweise auf Da- 4.2.1 4. Das Forschungsdesign 72 tenschutzbestimmungen, den weiteren Umgang mit den erhobenen Daten (Transkription, Anonymisierung, Weiterverarbeitung für wissenschaftliche Zwecke), die Freiwilligkeit und die zu jeder Zeit bestehende Widerrufsmöglichkeit, was die Erlaubnis zur Nutzung der Daten angeht. Diese Einwilligungserklärung wurde im Sinne der informierten Einwilligung bereits vor den Interviews an interessierte Personensysteme verschickt, so dass sich potentielle InterviewpartnerInnen mit diesem Passus auseinander setzen konnten. Zudem konnte dieser bei Bedarf den anderen beteiligten Persönlichkeiten im Vorfeld erklärt werden, um ggfs. auftretende Fragen an die Forscherin bei den nachfolgenden Treffen zu stellen. Nun stellt die informierte Einwilligung bei einem multiplen Personensystem eine besondere Herausforderung dar. Normalerweise wird in qualitativen Befragungen davon ausgegangen, dass pro Person auch nur eine Persönlichkeit befragt wird. Dieses Axiom wurde von dem vorliegenden Gegenstandsbereich subversiv unterlaufen und bedurfte eines entsprechend modifizierten Vorgehens. Da nun innerhalb eines Körpers mindestens vier Persönlichkeiten befragt werden sollten, war dementsprechend eine informierte Einwilligung aller interviewten Personen erforderlich. Zwar wurde am Ende jedes Interviews eine Einwilligungserklärung von jener Persönlichkeit unterschrieben, die als rechtliche Vertreterin den Passnamen trägt, doch wurde zu Beginn jedes Interviews die Informationen zum Forschungsvorhaben, dem Vorgang der digitalen Auf- zeichnungen, der Weiterverarbeitung, der Möglichkeit zur Unterbrechung etc. wiederholt. Der Fokus der Forscherin lag diesbezüglich auf einem dialogischen Verstehensprozess und damit einer jeweils individuellen informierten Zustimmung zum Interview von allen daran beteiligten Persönlichkeiten. Die informierte Einwilligung und die eingeholte Einwilligungserklärung sichert die Forscherin zwar in gewisser Hinsicht rechtlich ab, entlässt sie aber keinesfalls aus ihrer ethischen Verantwortlichkeit (Gläser & Laudel, 2010, S.55), wozu insbesondere die Vermeidung von Schädigung zählt. 4.2 Forschungsethik 73 Vermeidung von Schädigung Ein relevanter Aspekt der Forschungsethik ist die Vermeidung von Schädigung aufgrund der Teilnahme an einer Forschung (Hopf, 2009, S.590). Sowohl die Forschungsdurchführung als auch mögliche belastende Konsequenzen insbesondere für Menschen, die als vulnerabel, also verletzlich, bzw. verletzt, gelten, müssen mit Vorsicht und Voraussicht bedacht werden. Schnell & Heinritz (2006) konkretisieren dies, indem sie besondere ethische Prävention bei Menschen fordern, die „aufgrund ihrer Lebenssituation durch die Teilnahme an einem Forschungsvorhaben in besonderem Maße belastet oder gar gefährdet werden könnten“ (S. 43). Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass die Vorannahme von individueller Verletzlichkeit aufgrund der Zugehörigkeit zu einer vulnerablen Gruppe die Gefahr einer Stigmatisierung enthält. Verletzlichkeit an einer Typik fest zu machen, beinhaltet die Gefahr, dass „die Vulnerabilitätsprüfung in Stigmatisierung (Goffman) umschlägt“ (Schnell & Heinritz, 2006, S.44). Diese Arbeit orientiert sich diesbezüglich an der Empfehlung von Schnell & Heinritz (2006), Stigmatisierungspotential in erster Linie mit der Wahrnehmung der jeweiligen Individualität zu begegnen, bei der „forschungsethisches Verhalten (...) den Menschen nicht hinter einer Typik verschwinden“ (S. 44) lässt. Dieser Standpunkt wird untermauert durch den bei Moser (2007) in ihrem Buch „Von Opfern reden“ geführten Diskurs. Hier wird eben jene potentielle Gefahr der Stigmatisierung thematisiert, die durch voreingenommene Fremdwahrnehmung und ein daraus resultierendes stigmatisierendes Verhalten gegenüber einer vermeintlich vulnerablen Gruppe wie beispielsweise traumatisierten Frauen eine hilflose Opferrolle mitkonstituiert. Demzufolge hat eine Haltung, die von Außen die Vulnerabilität einer, in diesem Fall, multiplen Frau definiert und fremdbestimmt, wie sich diese vermutlich fühlt und was sie ggfs. benötigt, zur Folge, dass sich „(...) als Opfer wahrgenommene und definierte Frauen immer wieder mit den Vorstellungen, wie ein Opfer zu sein hat, herumschlagen“ (S. 66) müssen. Doch ist insbesondere vor dem Hintergrund des bereits diskutierten Empowerment-Konzeptes fest zu stellen, dass Menschen unabhängig von ihrer Verletztheit in der Lage sind, „in produktiver Weise die Belastungen und Zumutungen der all- 4.2.2 4. Das Forschungsdesign 74 täglichen Lebenswirklichkeit zu verarbeiten“ (Herriger, 2010, S.85). Und somit vielmehr eine respektvolle Anerkennung der jeweils individuellen Bewältigungsstrategien und die Wahrung subjektiver Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Diese theoretische Verortung der vorliegenden Studie hat zur Folge, dass, ungeachtet der Tatsache, dass die InterviewpartnerInnen aufgrund der massiven Gewalterfahrungen, die zur Spaltung der Persönlichkeit führten, vulnerabel sind, es dennoch gilt, diesen Blick zu differenzieren. Und die Ausprägung, bzw. den jeweils individuellen Ort der Verletzlichkeit genauer zu erfassen und immer wieder individuell nach möglichen Grenzen und Bedürfnissen hinsichtlich eines Interviews zu erfragen. So wird die Gefahr, stigmatisierende Muster im Diskurs über Opfer und Vulnerabilität unreflektiert zu bedienen, so gering wie möglich gehalten. Gleichwohl darf dieses Vorgehen keinesfalls die ethische Verantwortung einer Forschung ignorieren, die sich mit schwer traumatisierten Menschen beschäftigt. Die Möglichkeit einer triggernden oder sogar retraumatisierenden Gesprächssituation gilt es hierbei ebenso zu bedenken, wie das begrenzte Beziehungsangebot, dass die Forscherin in ihrer wissenschaftlich-professionellen Rolle anbieten kann und darf (Helfferich, 2011, S.152). Diesen Diskussionen folgend, wurden für die Datenerhebung Rahmenbedingungen geschaffen, die eine gelungene ethische Gradwanderung zwischen geforderter Achtsamkeit, möglicher Diskriminierung und zu vermeidender Ignoranz gegenüber der bestehenden Vulnerabilität anstrebten. Für den konkreten Ablauf einer Interviewsituation bedeutete das u.a., danach zu fragen, ob es bestimmte Gerüche, Farben, Situationen oder Worte gab, die triggernd wirken und ggfs. vermieden werden können. So gab es beispielsweise in dem Interview mit einem Personensystem immer wieder die Notwendigkeit der Zusicherung seitens der Forscherin, dass niemand sonst den Raum, in dem das Interview statt fand, betreten würde. In einem anderen Fall stellte das Aufnehmen des Gesprochenen per Diktiergerät eine deutliche Belastung dar. Aufgrund dessen wurde das Interview mit Hilfe virtueller Kommunikation via chat durchgeführt und die gesprochenen Inhalte eines persönlichen Treffen wurden mit Feldnotizen fest gehalten. Somit wurde die Art und Weise der Interviewdurchführung modifiziert und an die individuelle Vulnerabilität angepasst. Stets wurde gemeinsam nach 4.2 Forschungsethik 75 Möglichkeiten gesucht, die Datenerhebung trotz bestehender Einschränkungen durchführen zu können. Hilfreich zusammenfassend erörtert Hageman-White (2013) diesbezüglich die Wichtigkeit der forschungsethischen Aspekte Anerkennung der Gefährdung, Sorge für Sicherheit und informierte Zustimmung, Umgang mit Machtbeziehungen, Empowerment und Vertraulichkeit (S. 13-33). Die Methodik und Durchführung dieser Forschung mit Menschen mit Gewalterfahrung ist unter Berücksichtigung dieser von Hageman-White erörterten Bereiche in Folge so gestaltet worden, dass die Gefahr einer starken psychischen Belastung sowie die Gefährdung von Sicherheit deutlich reduziert wurde. Wie sich dies konkret darstellt wird in den Kapiteln 4.2.3 und 4.3 dargelegt. Es konnte deutlich gemacht werden, dass nicht die Befragung schwer traumatisierter Menschen per se eine Belastung darstellt, vielmehr sind die Rahmenbedingungen sowie die damit zusammenhängenden notwendigen Auseinandersetzungen der Forschenden mit forschungsethischen Fragen relevant. Ethische Achtsamkeit (Warin, 2011) sowie eine angemessene Gesprächsführung sind weitere wichtige Elemente einer sensiblen Interviewrahmung und werden im Folgenden diskutiert. Ethische Achtsamkeit – Das Herstellen einer Vertrauensatmosphäre Warin (2011) fordert die Forschungshaltung einer „Ethical mindfullness“, also einer ethischen Achtsamkeit, die sie, rekurrierend auf Etherington (2007) beschreibt als einen Balanceakt „between our own needs as researchers and our obligations toward care for, and connection with, those who participate in our research” (S. 807). Das Aufbauen einer vertrauensvollen Beziehung zu den InterviewpartnerInnen steht hierbei im Vordergrund der Bemühungen: „This describes the state that the researcher needs to sustain in conducting relational ethical research in order to preserve trusting relationships between researchers and their participants.“ (S. 809). Sich dieser Diskussion anschlie- ßend, wurde für die Situation der Datenerhebung für diese Arbeit besonderer Wert auf einen vertrauensvollen Beziehungsaufbau gelegt. Dieser schlug sich nieder in der Förderung und Herstellung einer Atmosphäre, in der sich Interviewte und Interviewende gleichermaßen 4.2.3 4. Das Forschungsdesign 76 wohl fühlten, was ein entspanntes und offenes Gesprächsklima förderte. Auch Haubl (2003) unterstützt einen Interviewvorgang, der einer vertrauensbildenden Interviewführung (S. 67) dient, die zwar eine klare Strukturierung auf ein leitendes Thema vorgibt, aber zu nichts drängt, damit der/die Interviewte zu jeder Zeit die Definitionsmacht darüber in der Hand hält, worüber gesprochen wird oder eben nicht (S. 67). Damit wird eine Gesprächsatmosphäre hergestellt, die insbesondere in einer Interviewsituation mit Menschen mit traumatischen Erfahrungen ihren Fokus auf Selbstbestimmung und Sicherheit legt (S. 72) und nicht in Gefahr gerät, eine handlungsohnmächtige, resp. fremdbestimmte und damit retraumatisierende Erfahrung zu reinszenieren. Wie wurde nun konkret eine Atmosphäre hergestellt, die zwar Sicherheit und Vertrauen anbietet, allerdings ohne dabei den Charakter eines Interviews zu verlieren? Handlungsleitend hierfür waren die vorgestellten ethischen Grundprinzipien von Sicherheit und Selbstbestimmung, sowie achtsamer Umgang mit den InterviewpartnerInnen. Das dementsprechende Vorgehen wird im Folgenden erläutert. Grundsätzlich wurde der Schwerpunkt darauf gelegt, dass das Interview mehr den Charakter eines gemeinsamen Gespräches denn einer sterilen Befragung bekam. Zwar wurden die in Kaptitel 4.3.2 vorgestellten Fragen als Richtschnur genutzt, doch wurden auch Fragen seitens der InterviewpartnerInnen an die Forscherin durchaus beantwortet. Zeitweise kam es an unterschiedlichen Stellen zu einem Erfahrungsaustausch zu den verschiedensten Themen, die auch dann vertieft wurden, wenn sie nicht in erster Linie der Beantwortung der Fragestellung dienten. Dies geschah jedoch, ohne das leitende Thema aus den Augen zu verlieren. Auch der Ort des Interviews wurde von den InterviewpartnerInnen selbst gewählt. Hierbei wurde davon ausgegangen, dass zum Einen nicht alle sicherheitsrelevanten Aspekte, die eine Räumlichkeit zur Verfügung stellen sollte, seitens der Forscherin mitgedacht werden konnten, da diese die InterviewpartnerInnen nicht kannte. Zum Anderen wurde darüber die Möglichkeit geschaffen, dass sowohl die Selbstsorge der Interviewten angeregt wie auch deren Selbstbestimmung gefördert werden konnte. Allerdings gab es den Hinweis der Forscherin, 4.2 Forschungsethik 77 den Ort so zu wählen, dass es möglich war, mit einem Diktiergerät das Gesprochene aufzunehmen und die Umgebung einer konzentrierten Gesprächsatmosphäre diente. So kam es zu den unterschiedlichsten Gesprächsorten, wie beispielsweise bei der Forscherin zu Hause, bei den InterviewpartnerInnen zu Hause, in einem öffentlichen Café oder in einer kunsttherapeutischen Einrichtung. Auch die Entscheidung, ob alle Interviews an einem Tag, resp. bei einem Treffen oder über mehrere Treffen hinweg durchgeführt werden sollten, oblag in erster Linie der Interviewpartnerin. Allerdings haben diesbezüglich auch forschungspragmatische Umstände wie beispielsweise die Anreise, einen entscheidenden Einfluss gehabt, so dass die Interviews nicht über mehr als zwei Tage geführt wurden, sofern sie vis a vis und vor Ort der Interviewten, aber weit entfernt vom Heimatort der Forscherin statt fanden. Telefonische und elektronische (Email und/oder chat) Nachbesprechungen fanden bei fast allen Personensystemen zusätzlich statt. Zum Einen, um offene Fragen nach zu besprechen, aber auch, um einem eventuellen Leistungsdruck entgegen zu wirken, alle Interviews innerhalb von beispielsweise zwei Tagen lückenlos durchzuführen. Welche der Persönlichkeiten wann sprach, wurde ebenfalls dem jeweiligen Personensystem überlassen. Zwar wurde in den Informationsgesprächen bereits darauf hingewiesen, dass eine personensysteminterne Einigung vor den jeweiligen Interviews statt gefunden haben sollte, doch wurde immer zu Beginn jedes Interviews gefragt, wer nun mit der Forscherin sprechen würde. Somit konnte der Wechsel der Persönlichkeit auch unabhängig von der Veränderung der Mimik und Gestik des Gegenübers von der Forscherin nachvollzogen werden. Der explizite Hinweis darauf, dass das Erfragen traumatischer Erfahrungen nicht zum Forschungsinhalt gehörte, führte erwartungsgemäß zu einer Entspannung der gesamten Interviewsituation. Die InterviewpartnerInnen erwähnten mehrfach, dass es aufgrund dessen einfacher wäre, die einzelnen Innenpersonen zu zeigen. Vor jedem Interview wurde mit einer Alltagsperson abgesprochen, wer zum Abschluss des Interviews wieder übernimmt, so dass kein Innenkind oder eine Persönlichkeit, die sich nicht gut im Alltag bewegen konnte oder wollte, alleine zurück blieb. Somit wurde das Interview sehr deutlich beendet, indem darauf hingewiesen wurde, dass keine 4. Das Forschungsdesign 78 weiteren Fragen mehr folgen würden. Es wurde nun entweder eine Persönlichkeit, die vor dem Interview seitens der Forscherin bereits namentlich erfragt wurde, angesprochen, verbunden mit der Bitte, den Körper wieder zu übernehmen. Oder es wurde die Persönlichkeit, die zum Interview präsent war, gebeten, sich wieder zurück zu ziehen, da nun wieder Jemand übernehmen sollte, die/der nach Hause fahren konnte, bzw. sich im Alltag bewegen konnte und wollte. Mit eben dieser (zumeist) Alltagsperson wurde ebenfalls besprochen, ob es bei Bedarf UnterstützerInnen gab, die ansprechbar und vor Ort waren. Auch die Wahl der Personalpronomen war ein Ausdruck des Respekts und der ethischen Achtsamkeit gegenüber den InterviewpartnerInnen. So hat die Forscherin entweder gefragt, ob das Gegenüber im Singular (du) oder Plural (ihr) bei den organisatorischen Gesprächen, die für alle Beteiligten relevant waren, angesprochen werden wollten, oder sie hat sich entsprechend ihres Gegenübers verhalten. Wenn also eine Persönlichkeit des Systems im Singular sprach, begegnete die Forscherin ihr ebenso, sprach das Gegenüber im Plural, wurde auch diese Ansprache gewählt. Des Weiteren wurde grundsätzlich jedes Interview mit jeder Persönlichkeit mit der Vorstellung der Forscherin, den Fragen nach dem Namen des Gegenübers, seinem oder ihrem Alter und der Rolle innerhalb des Personensystems eingeleitet. Dem lagen verschiedene Überlegungen zugrunde. Grundsätzlich folgte die Frage nach dem Namen den Regeln einer höflichen Konversation für den Umgang mit bis dahin unbekannten Personen, denn bis zu dem jeweiligen Wechsel hatte die Forscherin zumeist nur Kontakt mit einer Alltagspersönlichkeit. Zudem dienten die Fragen dazu, auch für die Forscherin den Wechsel der Persönlichkeit anhand von Alter und Namen nachvollziehbar zu machen. Außerdem sollte vermieden werden, dass aufgrund der Zuordnung einer Persönlichkeit zu einer bestimmten Gruppe gleichsam eine schweigende Einigkeit darüber bestünde, was die inhaltliche Ausformung einer solchen Zuordnung bedeutete. Die Gruppenbezeichnungen (Alltagspersönlichkeit, Kindpersönlichkeit, BeschützerIn, tätergebundene, bzw. täterloyale Persönlichkeit) wurden lediglich als grobe Richtlinien genutzt, ohne allerdings Aussagen darüber machen zu können, auf welche Art und Weise die jeweilige Persönlichkeit diese Zugehörigkeit individuell ausfüllte, bzw. begriff. Es sollte vermieden 4.2 Forschungsethik 79 werden, wenn sich beispielsweise eine Persönlichkeit aufgrund der Bezeichnung „BeschützerIn“ angesprochen gefühlt hatte, unbedacht vorauszusetzen, Forscherin und Interviewpartnerin würden damit dasselbe meinen. Bei Helfferich (2011) findet sich eine theoretische Diskussion dazu, in welcher Weise Vorverständnisse kritisch hinterfragt werden sollten, um auf diese Weise ein „Fremdverstehen“ (S. 84) zu fördern. Ein weiterer Aspekt der Frage nach den Aufgaben innerhalb des Personensystems ergab sich aus der Tatsache, dass, wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln dargestellt, eine detailliertere wissenschaftliche Analyse der Rollen und Funktionen der einzelnen Persönlichkeiten weitgehend aussteht. Eine Ergebnisdarstellung dieser Befragung in Form einer deskriptiven Beschreibung der Selbstdarstellungen der einzelnen Persönlichkeiten findet sich im Kapitel 4.4.2. Ein äußerst spezifischer Gesichtspunkt in der Interviewführung mit Menschen mit einer DIS stellt das Gespräch mit den Innenkindern dar. Dies wird im Folgenden erläutert. Forschen mit Kindern Einen besonderen Aspekt der Forschungsethik stellt die Befragung von Kindern dar. Unabhängig von den Besonderheiten eines Kindes in einem erwachsenem Körper gelten die gleichen ethischen Grundhaltungen bei der Befragung von Innenkindern wie Außenkindern13. Eine forschungsethische Auseinandersetzung in Zusammenhang mit Kindern findet sich vornehmlich in Verbindung mit medizinischer Forschung (Dahl & Wiesemann, 2001). Aus Ermangelung an sozialwissenschaftlichen Richtlinien hinsichtlich der Forschung mit gewaltbelasteten Kindern, sind ForscherInnen auf eine eigene Auseinandersetzung mit forschungsethischen Prinzipien verwiesen (Kindler, 2013). Diesbezüglich wird ein Hybrid (S. 75) der verschiedenen ethischen Standpunkte speziell für den Bereich mit Kindern vorgeschlagen, der den Grundideen der Kindheitsforschung folgt. In der vorliegenden Arbeit wurde darauf rekurrierend dem Prinzip Respekt vor Kindern als 4.2.4 13 Unter dem Begriff Außenkinder werden im DIS-Kontext Kinder, die sich außerhalb des Personensystems befinden sprachlich gefasst. 4. Das Forschungsdesign 80 Person (Kindler, 2013, S.75) besonderer Wert beigemessen. So wurde beispielsweise hinsichtlich der informierten Einwilligung zu Beginn jedes Interviews mit einer Kindpersönlichkeit der Verlauf des Interviews erläutert, das Anliegen der Forscherin wiederholt und auf die Aufnahme durch das Diktiergerät sowie das weitere Verfahren mit den Daten hingewiesen. Auch die Möglichkeiten, jederzeit abzubrechen oder das Diktiergerät bei Bedarf abzuschalten wurden zu Beginn der Interviews mit den Innenkindern erwähnt. Somit wurde konsequent im Sinne des Respekts eine informierte Einwilligung von jeder der interviewten Persönlichkeiten eingeholt und das unabhängig vom ihrem Alter. Erweitert werden diese forschungsethischen Grundhaltungen bezogen auf Kinder um eine Reflexion und Problematisierung des Machtungleichgewichts zwischen wissenschaftlich Tätigen und Forschungssubjekten (Kindler, 2013, S.93). Um den InterviewpartnerInnen dementsprechend so viel Handlungsmacht wie möglich zu überlassen und damit im Sinne des Empowerments zu agieren, wurde bei Bedarf auch die Wahl der Kommunikationsmittel den Kind- wie auch allen anderen Persönlichkeiten überlassen. Da das Internet für Innenkinder eine wichtige Möglichkeit der Kontaktaufnahme zu anderen Innenkindern darstellt, ist eine virtuelle Kommunikation via chat keine Seltenheit und entspricht vielmehr den kindlichen Lebenswelten dieser Persönlichkeiten. Somit wurde beispielsweise auf den Wunsch von K2 hin deshalb das Interview über eine virtuelle Kommunikationsplattform als chat geführt. In diesem Zusammenhang wird ein weiterer forschungsethischer Aspekt, den Trautmann (2010) ebenfalls diskutiert, deutlich: die angemessene und kindgerechte Sprache (S. 144). In dem Interview mit K2 per chat ist es der Forscherin nicht sofort gelungen, auf die Sprachebene des kindlichen Gegenübers zu wechseln, was durch den nicht bestehenden Sichtkontakt zusätzlich erschwert wurde. Dadurch kam es zu einer irritierenden Situation, die durch die bestechende Offenheit des Innenkindes geklärt werden konnte: „I: Gibt es noch mehr, was Dir wichtig erscheint? K2: du fragst aber komisch. bist du schon sehr groß?.... I: Was meinst Du denn damit, ich frage komisch? K2: mm so: „was dir wichtig erscheint“ so das ist als wenn ich schon groß wäre und du mit mir so redest.“ (K2, Interview via chat vom 26.11.2011, S.I-70, Z.10-16) 4.2 Forschungsethik 81 An diesem Zitat wird deutlich, dass die gewählte Sprache der Interviewerin nicht dem lebensweltlichen Ausdruck des Innenkindes entsprach. Auf die Frage hin, was für K2 komisch an der Fragestellung der Interviewerin sei, verwies diese auf ihr Alter und darauf, dass sie sich durch die Ausdrucksweise nicht altersgerecht angesprochen fühlte. Im Sinne der ethischen Achtsamkeit drückte sich die Forscherin im weiteren Verlauf des Interviews kindgerechter aus. Beispielsweise wurden die Fragen länger umschrieben und es wurde intensiver auf Nebenbemerkungen eingegangen. Es zeigt sich an dieser Störung des Interviewverlaufs, wie wichtig eine angemessene Sprache ist, die sich dem zu interviewenden Gegenüber anpasst, um einen Zugang zu den je individuellen Sinnstrukturen zu ermöglichen. Wie sich abgesehen von diesem spezifischen Umstand die weitere Datenerhebung, deren Aufbau und die konkrete Durchführung gestalteten, stellt das nachfolgende Kapitel vor. Datenerhebung – Aufbau und Durchführung In diesem Kapitel wird der weitere konkrete Ablauf der Datenerhebung dieser Studie vorgestellt. Hierzu zählen die Darstellung der gewählten Erhebungsmethode ebenso wie die damit einhergehende Explikation der Forschungsfrage, sowie die Vor- und Nachbereitungen der Interviews. Im Folgenden wird das Interviewsample vorgestellt, wobei hier auf Grundlage der erhobenen Daten die einzelnen Persönlichkeitengruppen, mit denen gesprochen wurde, detaillierter vorgestellt werden. Die Daten wurden mit Hilfe eines qualitativen Interviews erhoben. Es gibt grundsätzlich sehr unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich des epistemologischen Status von Aussagen in Interviews (eine übersichtliche Zusammenfassung dieser findet sich bei Deppermann, 2013). Diese Studie orientiert sich diesbezüglich an der Annahme, dass Interviews als probates Mittel zur Erhebung und Rekonstruktion von subjektivem Sinn und Wirklichkeitskonzepten der Interviewten gelten. Es geht hierbei um kein objektives Verständnis von Wahrheit, ein Interview stellt vielmehr eine retrospektive Neukonfiguration (Strübing, 2013, S.82) von Erlebnissen dar. Dabei wird die soziale Wirklichkeit im 4.3. 4. Das Forschungsdesign 82 Gegensatz zu standardisierter Forschung schon immer als eine interpretierte, gedeutete und damit interaktiv hergestellte begriffen, deren Sinn nicht objektiv gegeben ist. Qualitative Interviews eignen sich besonders für die Erfassung nicht beobachtbarer subjektiver Sinnstrukturen ohne den Anspruch zu haben, dabei eine Wahrheit im objektiven Sinn zu erheben. Vielmehr gilt es, sich den vielfältigen Konstruktionen von Sinn verstehend zu nähern (Helfferich, 2011, S.20). Dabei ist es für die Analyse des auf diese Weise erhobenen Materials von Belang, die Rolle der Interviewerin sowie der Interviewsituation mit einzubeziehen (Strübing, 2013, S.82), da diese an der Erhebung beteiligt sind und die Situation in dem Moment, in dem sie statt findet, ebenfalls mitkonstruieren und mit je individuellem Sinn füllen. Wie eine Reflexion dieses Umstandes in der vorliegenden Studie umgesetzt wurde findet sich in den Kapiteln zu den Präkonzepten der Forscherin (vgl. Kapitel 4.6.1.3) sowie zur Reflexion des Forschungsprozesses (vgl. Kapitel 5.4) wieder. Eine weiterführende Auseinandersetzung innerhalb der qualitativen Sozialforschung zu dieser Thematik findet sich ebenfalls u.a. bei Flick, 2010, 2011; Helfferich, 2011; Kell & Kluge, 2010; Przyborks & Wohlrab-Sahr, 2010; Reichertz, 2015; von Unger & Narimani, 2012; Strübing, 2013. Erhebungsmethode – Leitfadengestütztes Interview Die vorliegende Studie wurde mithilfe eines leitfadengestützten Interviews durchgeführt. Dies mag auf den ersten Blick die Prämissen der qualitativen Sozialforschung von „Offenheit und Kommunikation“ (Strübing, 2013, S.22) verletzen, folgt in diesem Fall jedoch in erster Linie der Forderung nach Gegenstandsangemesenheit (S. 22) und damit ethischen Prinzipien. So wurde trotz des Interesses an biographischen Zusammenhängen kein offenes narratives Interview durchgeführt. Die Gefahr, schwere traumatische Erinnerungen dabei wach zu rufen, erschien als zu groß und der Fragestellung unangemessen. Grundsätzlich stehen strukturierte Interviews jedoch insofern vor einem Problem, als sie aufgrund vorbereiteter Fragen und dem Fokus auf ein bestimmtes Themengebiet in Verdacht stehen, das Interview zu steuern. Die Befürchtung, dass das dazu führen könnte, dass sich die Forschenden nicht genügend auf die Relevanzsysteme der Interview- 4.3.1 4.3. Datenerhebung – Aufbau und Durchführung 83 ten einlassen, mag allerdings weniger an der Strukturierung durch einen Leitfaden liegen, als vielmehr an dem Verhalten und der Haltung der/des InterviewerIn selbst (Kruse, 2004, S.147). Somit zeichnen trotz der Bedenken eine offene und aufmerksame Wahrnehmung für die Themen der InterviewpartnerInnen in Verbindung mit der Formulierung offener Fragen, als auch den Aufforderungen zu freien Erzählungen ein gelungenes leitfadengestütztes Interviews aus. Zusätzlich zu diesen Prämissen war vorbereitend leitend für die Erstellung des Fragebogen neben den Empfehlungen von Helfferich (2011) zur Generierung von Leitfäden schlussendlich die Interviewmethode des episodischen Interviews nach Uwe Flick (2009, 2010, 2011), welche im Folgenden vorgestellt wird. Das episodische Interview – Die Leitfragen Aufgrund der Kombination von narrativer und semantischer Befragung wurde als Rahmung für die Interviewfragen das episodische Interview nach Flick (2011) gewählt, wobei zwischen semantischem und episodischem Wissen unterschieden wird: „Während semantisches Wissen um Begriffe und ihre Beziehungen untereinander herum aufgebaut ist, besteht episodisches Wissen aus Erinnerungen an Situationen. Ersteres ist am besten über Fragen und Antworten zu erheben, letzteres eher über Erzählanstöße und Erzählungen“ (S. 273). Hierbei wird davon ausgegangen, dass Erfahrungen von Subjekten in beiden Wissensformen abgespeichert werden, zum Einen erfahrungsnah (narrativ), zum Anderen abstrahiert und in verallgemeinerten Annahmen und Zusammenhängen (semantisch) (Flick, 2009, S.118). Entsprechend ausgerichtete verschiedene Frageformen, die eine Antwort oder eine Erzählung anregen, eröffnen einen Zugang zu dem jeweiligen Wissensbereich (S. 118). Bezogen auf das Forschungsinteresse ermöglicht somit das episodische Interview einerseits die Erfragung eines ganzheitlichen Wissens zum Thema gutes Leben. Andererseits richtet sich die Aufmerksamkeit insbesondere wenn erzählt wird (Narration) auf eben jene Episoden bzw. Situationen, in denen die InterviewpartnerInnen lebensgeschichtliche Erfahrungen gemacht haben, die für das Forschungsinteresse relevant sind. Damit wird das Risiko einer 4.3.2 4. Das Forschungsdesign 84 der Fragestellung unangemessenen möglicherweise triggernden Gesprächssituation deutlich reduziert. Flick (2009, 2011) empfiehlt für den Einstieg in das Interview zunächst eine Einführung der InterviewpartnerInnen in die Interviewmethode. Dies wurde zum Einen mündlich bereits bei den Informationsgesprächen mit den InterviewpartnerInnen gemacht. Zum Anderen wird ein einleitender Satz vor den Fragen empfohlen, aus dem deutlich wird, dass immer wieder auch narrative Erzählungen von Interesse sind (Flick, 2009, S.119). Dies wurde anhand folgender Einleitung bei jedem Interview, zusätzlich zur nochmaligen Nennung des Namens der Forscherin und dem Hinweis darauf, dass das Interview zu jeder Zeit unterbrochen werden kann, folgendermaßen umgesetzt: Ich werde dich/sie nun immer wieder bitten, mir Situationen zu erzählen, die mit einem guten Leben zu tun haben. Der weitere Fragevorgang hat sich an den Empfehlungen von Flick orientiert, zunächst eine subjektive Definition des Forschungsthemas zu erfragen und im Folgenden eine Erzählung über eine entsprechende Situation anzuregen (Flick, 2009, S.119). Da für die leitende Forschungsfrage auch der prozessuale Charakter, wie sich das Verständnis und die Erfahrungswerte bezogen auf ein gutes Leben entwickelt haben im Fokus stand, wurden die Fragen auf vergangene ebenso wie auf gegenwärtige Erfahrungen ausgerichtet: Was ist das für dich/für sie, ein gutes Leben? Was verbindest du/ verbinden sie mit dem Begriff „gutes Leben“? (Semantisch) Wenn du dich/sie sich zurück erinnerst, wann war das Leben für dich/für sie das erste Mal gut? Erzähle bitte die Situation. (Narrativ) Was bedeutet es heute für dich/für sie ein gutes Leben zu leben? (Semantisch) Kannst du/Können sie mir das bitte an einem Beispiel erzählen? (Narrativ) Rekurrierend auf die Theoriekonzepte Salutogenese (Kapitel 3.2) und Empowerment (Kapitel 3.3) bestand das Forschungsinteresse nicht lediglich an den Erfahrungen und Wissensbeständen hinsichtlich eines guten Leben, sondern auch an der Erhebung von internen und externen Ressourcen, die möglicherweise als hilfreich empfunden wurden oder werden. Entsprechende Fragen wurden im Verlauf des Interviews gestellt (Was war/ist hilfreich dabei, das Leben als gut zu empfinden?). 4.3. Datenerhebung – Aufbau und Durchführung 85 Gleichwohl waren die kontrastierenden Fragen nach weniger hilfreichen, resp. blockierenden Erfahrungen und Bedingungen ebenso Inhalt des Interviews. Zusätzlich zu diesen leitenden Fragen kam eine weitere, zukunftsorientierte Frage aus zweierlei Überlegungen hinzu. Zum Einen wird von Flick (2011) eine Zukunftsfrage empfohlen, die den Blick für künftige mögliche Entwicklungen, bzw. diesbezügliche Phantasien öffnet (S. 275). Zum Zweiten führte sowohl die Feldvorerfahrung der Forscherin als auch die theoretische Auseinandersetzung mit den Ursachen so massiver Dissoziationen, wie sie bei den InterviewpartnerInnen bestehen, zu der berechtigten Überlegung, ob und inwieweit die Frage nach dem guten Leben von den zu interviewenden Persönlichkeiten überhaupt zu beantworten ist. Es erschien zweifelhaft, ob jede/r der InterviewpartnerInnen entweder bereits eine Vorstellung von einem guten Leben hatte oder bereits auf diesbezügliche Erfahrungen zurück greifen konnte. Um trotz dieser Bedenken einen gedanklichen Raum zu eröffnen, der sich dieser Frage zumindest imaginativ nähert, wurde die „Wunderfrage“ (Simon, Clement & Stierlin, 2004, S.352) aus der lösungsorientierten Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer (1985) genutzt. Hierbei wird davon ausgegangen, dass insbesondere bei sehr festgefahrenen und pessimistischen Wahrnehmungen diese Frage Varianz erzeugen kann, weil sie auf spielerische Art und Weise die Verantwortung an eine imaginative Macht in Form eines Wunders abgibt (Simon, Clement & Stierlin, 2004, S.352). Diese Fragetechnik kann den Effekt haben, dass die Aufmerksamkeitsfixierung auf eine unlösbare, resp. unvorstellbare Situation heraus tritt und sich für Neues öffnen kann (Kleve, 2011, S.348). Somit lautete die abschließende Interviewfrage jeweils: Jetzt habe ich noch eine etwas ungewöhnliche Frage: Nehmen wir an, du bist/sie sind wieder zu Hause. Stell dir/stellen sie sich vor du gehst/sie gehen ins Bett und schläfst/schlafen. In dieser Nacht geschieht ein Wunder, Du bemerkst/sie bemerken es aber gar nicht, denn Du schläfst/sie schlafen ja. Du wachst/sie wachen am nächsten Morgen auf und führst/führen ein gutes Leben. Was ist anders als bisher? Das Ziel dieser Fragestellung war nicht die unbedingte Beantwortung der Frage nach einem guten Leben, sondern sie diente vielmehr der 4. Das Forschungsdesign 86 Unterstützung bei der Eröffnung eines alternativen gedanklichen Raumes. Wenn die interviewte Persönlichkeit die Frage nicht beantworten wollte oder konnte, war auch gerade die Unmöglichkeit der Vorstellung eines guten Lebens erkenntnisgenerierend und diente der Kontrastierung und Ausdifferenzierung der zu erwartenden Ergebnisse. An diese Fragen anschließend wurden vertiefende Nachfragen gestellt, die dazu dienten, persönliche Erfahrungen und subjektive Konzepte so substantiell und umfassend wie möglich erläutern zu lassen (Flick, 2009, S.120). Abgeschlossen wurde jedes Interview mit der Frage, ob es von Seiten der Interviewten noch etwas zu dem Thema zu ergänzen gebe, um so die Möglichkeit zu schaffen, jene Themen einzubringen, die vielleicht auch relevant erschienen, aber bisher nicht erfragt wurden (Flick, 2009, S.120). Nach jedem Interview wurde die bereits erwähnte Kurzfassung des SOC-Fragebogens (Kapitel 3.2., 5.3) zur Erhebung des jeweils individuellen Kohärenzgefühls von den InterviewpartnerInnen ausgefüllt. Hierbei war auf Grundlage der Salutogenese unter anderem die Hypothese handlungsleitend, dass zumindest eine der befragten Persönlichkeiten über ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl verfügt. Dies sollte per Fragebogen gemessen werden. Welche weiteren theoretischen Überlegungen diesem Vorgehen zugrunde lagen und wie sich die Ergebnisse dieser Fragenbogenerhebung darstellen findet sich ausführlich diskutiert im Kapitel 5.3. Nachdem nun die konkreten Fragen und ihre erhebungsmethodische Einbettung dargestellt wurden, wendet sich das folgende Kapitel dem Feldzugang ebenso zu wie der Darstellung der Durchführung und Nachbearbeitung der Interviews. Zugang zu den InterviewpartnerInnen Das Kennenlernen der ersten Interviewpartnerin fand 2011 auf einer Tagung zu ritueller Gewalt statt, dort kam es zu einem Gespräch über die geplante Forschung und es ergab sich daraus das erste Interview. Nach einem Aufruf auf der Suche nach weiteren InterviewpartnerInnen über eine interdisziplinäre Mailingliste zum Thema DIS, einem Selbsthilfe-Internetforum und persönlichen Kontakten bei einer weite- 4.3.3 4.3. Datenerhebung – Aufbau und Durchführung 87 ren Fachtagung sowie aufgrund eines daraus entstehenden Schneeballsystems meldeten sich in sehr kurzer Zeit mehrere Interessierte. Der digitale Aufruf beinhaltete in knapper Formulierung die Vorstellung der Forscherin (Name, Alter, Beruf, Forschungsfach), ihre Kontaktdaten, das Thema der Forschung und das Anliegen an die InterviewpartnerInnen, mit vier Persönlichkeiten sprechen zu wollen. Bei einer Interessensbekundung seitens der potentiellen InterviewpartnerInnen wurde ein Informationsbogen (s. nachfolgendes Kapitel) mit dem Hinweis verschickt, dass bitte alle interessierten Persönlichkeiten diesen lesen mögen und die erwachsenen Persönlichkeiten die Inhalte ggfs. kindgerecht den jüngeren an dem Interview beteiligten Persönlichkeiten vorlesen, bzw. erklären sollten. Dieser Hinweis diente dazu, bei einem daran anschließenden Termin zum näheren Kennenlernen möglichst umfassend alle auftauchenden Fragen beantworten zu können. Der Informationsbogen Sowohl den theoretischen Überlegungen zur Forschungsethik als auch den Empfehlungen der Ethikkommission der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg folgend, deren Zustimmung für die vorliegende Forschungsarbeit eingeholt wurde (22.12.2011, Drs. 43/2011), wurde besonderer Wert auf einen Informationsbogen und entsprechende Rahmenbedingungen für das Interview gelegt. Nach einem Erstkontakt wurde der Bogen zum Verbleib bei der potentiellen Interviewpartnerin verschickt. Dieser enthielt ausführliche Informationen zum Forschungsinteresse, zu der Forscherin, der Fragestellung und der Durchführung des Interviews. Nach dem Versenden des Informationsbogens wurde bei weiterem Bestehen des Interesses an einer Teilnahme ein Telefonat zum näheren Kennenlernen vereinbart. Hierfür wurde in Anlehnung an Helfferich (2011, S.197) ein grober Leitfaden entwickelt, der mehr als gedankliche Stütze für die Forscherin denn als Gesprächsfaden für das Kennenlernen diente. Nach einer nochmaligen persönlichen Vorstellung der Forscherin fragte diese nach Unklarheiten hinsichtlich des Informationsbogens, bzw. wurde dieser nochmals detailliert erläutert. Besonderer Wert wurde hier darauf gelegt, dass der Interviewvorgang von allen beteiligten Innenpersonen verstanden 4.3.4 4. Das Forschungsdesign 88 wurde. Bei Bedarf wurde ein weiterer Gesprächstermin ausgemacht, um weitere möglicherweise auftauchende Fragen zu klären. Vor dem Hintergrund der schweren Traumaerfahrungen der InterviewpartnerInnen enthielt der Informationsbogen einige spezifische Elemente, auf die im Folgenden eingegangen wird. So fand sich darauf beispielsweise ein Hinweis, dass es sich um ein Interview handeln wird und nicht um Aufarbeitung oder Beratung, da es nur geringe Möglichkeiten gibt, aufgewühlte Emotionen aufzufangen (Helfferich, 2011, S.152). Diese eindeutige Rahmung der Gesprächssituation diente der Vermeidung einer möglichen Verwechslung mit beispielsweise Therapiegesprächen. Zusätzlich gab es den Hinweis, dass zwar keine Fragen zu traumatischen Erfahrungen gestellt werden sollten, dass jedoch nicht alle möglichen Auslöser im Vorfeld bedacht werden konnten. Diesbezüglich enthielt der Informationsbogen die Anmerkung, die Forscherin bei Bedarf über mögliche zu vermeidende Trigger wie bestimmte Worte, Farben oder Gerüche zu informieren. Auch der Hinweis darauf, dass nach dem Interview ein/e Ansprechpartner/in zur Verfügung stehen sollte, zu der ein Vertrauensverhältnis besteht und der oder die für mögliche Gesprächsbedarfe zur Verfügung stehen würde, war ein Aspekt des Informationsbogen. Dies diente sowohl der Verdeutlichung der Rolle der Forscherin als auch als ein Appell an die Eigenverantwortung bezüglich der psychischen Selbstsorge der InterviewpartnerIn. Dementsprechend fanden sich hier zudem Hinweise auf die eigene psychische Stabilität und ein vorhandenes Hilfenetz als Voraussetzungen zur Teilnahme an dem Interview. Aus dem Informationsbogen ging außerdem hervor, dass eine innere Kommunikation für Absprachen das Interview betreffend unter den beteiligten Persönlichkeiten gewährleistet sein sollte. Diesem Aspekt lagen forschungsethische Überlegungen zugrunde, die die bereits diskutierte Nicht-Schädigung und Sorge für Sicherheit der InterviewpartnerInnen in den Fokus rückten. Diesbezüglich wurde bereits im Vorfeld der Forschung trotz der daraus resultierenden Einschränkung des Samplings die Entscheidung getroffen, nur mit multiplen Systemen zu sprechen, die bereits über die Möglichkeit der Kommunikation untereinander verfügen. Um so die Informationsweitergabe und die Wechsel der Innenpersönlichkeiten für die jeweiligen Interviews zu ge- 4.3. Datenerhebung – Aufbau und Durchführung 89 währleisten. Die psychische Belastung für ein multiples System, bei dem möglicherweise noch Amnesien für die Persönlichkeitenwechsel bestehen, war im Vorfeld nicht abzusehen, daraus resultierende mögliche Konsequenzen entsprachen keinesfalls dem forschungsethischen Prinzip nach Sicherheit und waren zudem der Fragestellung unangemessen. Keinesfalls sollte ein Ohnmachtsgefühl, das durch nicht steuerbare Switches möglicherweise forciert werden konnte, hervorgerufen werden. Somit wurde die bereits vorgestellte Definitionsmacht (Haubl, 2003) seitens der InterviewpartnerInnen über das, was gesprochen wird, erweitert um den Aspekt, wer von dem Personensystem als Stellvertretung für die entsprechende Gruppe (also der Alltags-, Kind-, tätergebundener- oder BeschützerInnenpersönlichkeitengruppe) spricht. Somit legte der Hinweis des Informationsbogen auf die Steuerung der Personenwechsel seinen Fokus auf das Gefühl der Kontrolle über die Interviewsituation und verringerte die Gefahr einer retraumatisierenden und damit schädigenden Situation wesentlich. Zudem gab es den Hinweis, dass eine stabile therapeutische Beziehung vorliegen sollte. Dies geschah insbesondere vor dem Hintergrund der geplanten Interviews mit tätergebundenen Persönlichkeiten. Es sollte im Rahmen der Möglichkeiten sicher gestellt werden, dass eine therapeutische Begleitung mögliche aus diesem Interview resultierende Bedarfe der Nachbearbeitung auffängt. Einige der Interviewpartner- Innen haben ihre Teilnahme an der Forschung im Vorfeld diesbezüglich in einem therapeutischen Setting besprochen. Nachbereitende Gespräche Nach jedem Interview gab es mindestens noch einen Kontakt zu dem jeweiligen Personensystem. Zumeist jedoch waren es mehrere Kontakte via E-Mail oder Telefon. Diese dienten der Nachbereitung des Interviews und damit einhergehend der Beantwortung möglicher Nachfragen seitens der Forscherin oder auch Anmerkungen zum Forschungsthema seitens der InterviewpartnerInnen. Auffällig hierbei war der mehrfache Hinweis einzelner Persönlichkeiten, dass das Interview als äußerst respektvoll wahr genommen wurde und das explizite Interviewen von Einzelnen des Systems als heilsame und in Folge dessen hilfreiche Erfahrung beschrieben wurde. Wenngleich das nicht das 4.3.5 4. Das Forschungsdesign 90 Anliegen der Forschungsarbeit war und ist, wird an diesem Umstand deutlich, wie wichtig eine sorgfältige (auch ethische) Vor- und Nachbereitung solcher Erhebungen ist und der Vorgang, bzw. die Auswirkungen eines Interviews nicht mit dem Ausschalten des Diktiergerätes beendet ist. Die Prozesse davor und danach konnten zudem erkenntnisgenerierend genutzt werden, diesbezüglich wurde für die vorliegende Arbeit auf die Anfertigung von Prä- und Postskripten hoher Wert gelegt. Prä- und Postskript Schon vor den Interviews wurde, den Empfehlungen von Jaeggi, Fass & Mruck (1998) folgend, ein „Präskript“ (S. 6) angefertigt. Dieses enthielt Fakten, Gefühle, Vorwissen, Erwartungen, Widersprüche und Unverständlichkeiten rund um das Interview und den Gegenstandsbereich (S. 6). Diese Notizen waren bei der späteren Analyse insofern hilfreich, als sie Ideen für Interpretationen, Hinweise auf mögliche Voreingenommenheiten und ausgeprägtes Vorwissen der Forscherin beinhalteten. Direkt nach den Interviews wurde zudem ein Interviewbericht angefertigt, um die Eindrücke während und nach dem Interview so unmittelbar wie möglich fest zu halten. Diese „Eindrucksoffenheit“ (Fuchs-Heinritz, 2015, S.275) in Form von ersten Analyseeinfällen, Auffälligkeiten und Assoziationen, die in der folgenden intensiven Materialbearbeitung zumeist nicht mehr in so direkter Form zugänglich sind, wurde auf diese Weise für die nachfolgende Analyse erkenntnisgenerierend nutzbar gemacht. Fuchs-Heinritz empfiehlt hierzu einen Fragenkatalog, den die Forscherin sich selbst direkt nach dem Interview gestellt hat (S. 275-277). Hierbei sind beispielsweise sowohl der Kontext der Befragung als auch die Eindrücke und Inhalte der Gespräche vor und nach dem Einschalten des Diktiergerätes von Belang. Alle so erhaltenen und erhobenen Daten wurden, bestimmten Regeln folgend, transkribiert. 4.3.6 4.3. Datenerhebung – Aufbau und Durchführung 91 Transkription und Aufbewahrung Alle erhobenen Interviews wurden von der Forscherin verbatim und selbst transkribiert. Da keine Gesprächsanalyse (beispielsweise ethnographische Konversationsanalyse) folgen sollte, also weniger die Art und Weise des gesprochenen Wortes als vielmehr der Sinngehalt für die vorliegende Forschungsarbeit von Interesse war, wurde ein weniger komplexes Transkriptionssystem genutzt. Es wurde diesbezüglich den Regeln nach Kallmeyer & Schütze (2002, zitiert nach Kuckartz, 2010, S.45) gefolgt: (.) = Abbruch des Satzes (..) = kurze Pause, unter 3 Sekunden (...) = längere Pause, bis 6 Sekunden (Pause mit Zahl) = Genaue Sekundenangabe der Pause (?) = Frageinotation (`) = Heben der Stimme (;) = Senken der Stimme (h) = Formulierungshemmung, Drucksen sicher = auffällige Betonung & = schneller Anschluss @lachen@ = lachend gesprochen (schmunzeln) = Charakterisierung von nichtsprachlichen Vorgängen (Kommt es?) = nicht verständlich, vermuteter Wortlaut A: Aber da kam ich nicht weiter L und ging gleich = gleichzeitiges Sprechen Die transkribierten Interviews wurden entsprechend den Abkürzungen der nachfolgenden tabellarischen Übersicht über die InterviewpartnerInnen anonymisiert und auf einem Rechner abgespeichert, der passwortgeschützt nur der Forscherin zugänglich ist. Eine Sicherheitskopie befand sich zum Zeitpunkt der Erstellung der Arbeit in einem abschließbaren Aktenschrank, zu dem ebenfalls ausschließlich die Forscherin Zugang hatte. Zum Schutz der InterviewpartnerInnen und im Sinne des von Helfferich (2011) empfohlenen Löschungsgebot (S. 191) werden sämtliche Kontaktdaten nach Abschluss der Arbeit vernichtet 4.3.7 4. Das Forschungsdesign 92 und alle Daten von dem Rechner gelöscht. Eine Sicherheitskopie der bereits anonymisierten Transkripte befindet sich auf einer externen Speicherplatte, die ebenfalls passwortgeschützt ist. Das Interviewsample Die Auswahl der InterviewpartnerInnen orientierte sich maßgeblich an dem „theoretical sampling“ (Strauss & Corbin, 1996), einem methodischen Schritt der hier genutzten Analysemethode Grounded Theory. Dem theoretischen Sampling liegt ein sukzessives Erheben von Daten zugrunde, wobei sich die zu erhebenden Daten an der Analyse der bereits vorliegenden Daten und den sich daraus ergebenden Fragen an das Feld orientieren. Dabei liegt der Fokus auf der Kontrastierung der erarbeiteten Konzepte und Kategorien. Wie sich dieses methodische Vorgehen konkret darstellt findet sich ausführlich im nachfolgenden Kapitel 4.6 beschrieben. An dieser Stelle steht eine Übersicht der InterviewpartnerInnen sowie der entsprechenden Sozial- und Erhebungsdaten im Vordergrund, um einen Eindruck sowie eine übersichtliche Zusammenfassung der interviewten Personensysteme zu ermöglichen. Dabei wurde bewusst darauf verzichtet, zur Anonymisierung neue Namen zu entwickeln, statt dessen wurden eingängige Abkürzungen für die jeweilige Gruppenzugehörigkeit der Persönlichkeiten gewählt. Dabei steht A für Alltagspersönlichkeit, K für Kindpersönlichkeit, B für BeschützerIn und T für tätergebundene Persönlichkeit und Sys für das gesamte Personensystem (vgl. Kapitel 8 „Glossar und Abkürzungen“). Diese Abkürzungen schließen eine Namensähnlichkeit vollends aus und folgen damit dem diskutierten ethischen Prinzip der Vermeidung von Schädigung aufgrund einer möglichen Identifizierung der realen Interviewten. Zum Anderen dienen die pragmatischen Abkürzungen der besseren Nachvollziehbarkeit bei Diskussionen direkt am Material, insbesondere dann, wenn es um einzelne Persönlichkeitengruppen geht. Das Alter und die Berufe werden lediglich allgemein umschrieben und damit vergröbert. Allerdings führt eine Verfälschung insbesondere solch relevanter Sozialdaten wie dem Geschlecht in Folge zu einer Verzerrung der Ergebnisse. Somit wurden alle weiteren Daten, der Diskus- 4.4 4.4 Das Interviewsample 93 sion von Unger (2014) hinsichtlich der Relevanz von „Kontextualität und Kontextualisierungen“ (S. 25) erhobener Daten in der qualitativen Sozialforschung folgend, nicht verändert. Eine Besonderheit des Sample stellt Sys 4 dar. Während des Interviews meldete sich S4, die sich selbst als Sexzurückeroberin bezeichnete, zu Wort. Auch sie wolle interviewt werden und etwas zu dem Thema beitragen. Das Interview wurde zwar analytisch bearbeitet und trug somit zur Erkenntnisgenerierung hinsichtlich der Kernkategorie Daseinsberechtigung bei. Doch erscheint im Folgenden keine konkrete Aufgabenbeschreibung dieser Persönlichkeit, da keine weiteren Persönlichkeiten mit einer solchen inhaltlichen Ausprägung interviewt wurden. Dieser Umstand weist zum Einen auf die ausgeprägte Individualität einzelner Personensysteme sowie auf die Begrenzung normativer Beschreibungen der phänomenologischen Ausprägung der DIS hin, die in erster Linie als grobe Umschreibungen für ein besseres Verständnis des Gegenstandsbereiches begriffen werden müssen. Zum Anderen deutet sich hier eine weitere Leerstelle in der Erforschung der DIS an. Die in der bisherigen Literatur beschriebenen Persönlichkeitengruppen können in Anbetracht der bereits bei dieser kleinen Stichproben auftretenden Ergänzung nur als begrenzt verstanden werden, die einer weiteren systematischen Untersuchung bedarf. Für einen zusammenfassenden Überblick über das Sample dieser Studie findet sich auf der folgenden Seite eine Tabelle, die eine Übersicht über die wesentlichen Sozialdaten der InterviewpartnerInnen bietet. Sowohl das Erhebungsdatum, das Geschlecht, als auch der Berufs- und Familienstand finden sich hier wieder. Daran anschließend findet sich eine auf Grundlagen der erhobenen Daten erarbeitete detaillierte Aufgaben-, bzw. Rollenbeschreibung der interviewten Persönlichkeiten. 4. Das Forschungsdesign 94 Übersicht InterviewpartnerInnen Persönlichkeit Alter zwischen Geschlecht Interview vom Ausbildung/ Beruf Familienstand SYS 1 A1 30-35 w 11.7.2011 Ausbildung, berufstätig verheiratet, Kinder B1 20-25 w 25.7.2011 K1 5-10 w 11.7.2011 T1 k.A. m 25.7.2011 SYS 2 A2 25-30 w 1.11.2011 Ausbildung, selbständig PartnerInnenschaft, keine Kinder B2 15-20 w 29.11.2011 K2 10-15 w 16.11.2011 T2 15-20 w 16.12.2011 SYS 3 A3 20-25 w 28.1.2012 Studium, berufstätig alleinstehend B3 40-45 w 28.1.2012 K3 10-15 w 28.1.2012 T3 15-20 w 28.1.2012 SYS 4 A4 50-55 w 28.2.2012 Studium, arbeitslos verheiratet, Kinder T4/B4 eine Person 15-20 w 28.2.2012 28.2.2012 K4 10-15 w 28.2.2012 R4 k.A. m 28.2.2012 S4 15-20 w 28.2.2012 SYS 5 A5 40-45 w 22.3.2012 Ausbildung, berentet alleinstehend, Kinder B5 15-20 k.A. 22.3.2012 K5 10-15 w 15.5.2012 T5 15-20 m 8.11.2012 SYS 6 A6 30-35 w 28.3.2012 Studium, berufstätig PartnerInnenschaft, keine Kinder B6 k.A. w 28.3.2012 K6 5-10 w 28.3.2012 T6 35-40 m 28.3.2012 Übersicht InterviewpartnerInnen Legende Sys = Personensystem, A = Alltagsperson, B = BeschützerInnenpersönlichkeit, K = Kindpersönlichkeit, T = tätergebundene Persönlichkeit, R 4 = ehemals tätergebundene Persönlichkeit von Personensystem 4, S 4 = Sexzurückeroberin von Personensystem 4 4.4.1 Abbildung 2: 4.4 Das Interviewsample 95 Rollenbeschreibung der interviewten Persönlichkeiten Die nachfolgenden inhaltlichen und detaillierten Beschreibungen der Aufgaben und Rollen der einzelnen interviewten Persönlichkeiten stellen ein Novum in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Menschen mit einer DIS dar. Bis zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich diesbezüglich lediglich grobe Zusammenfassungen finden (Putnam, 2003, S.136). Jede Persönlichkeit wurde, wie bereits beschrieben, zu Beginn jedes Interviews nach ihrer Aufgabe bzw. Rolle innerhalb des Personensystems befragt. Diese Frage wurde gestellt, um keine unausgesprochene Einigung über das Konzept einer Persönlichkeit vorauszusetzen. Sie diente somit der Klärung von geläufigen Begriffen und sollte gleichzeitig Raum für die jeweils individuelle Ausprägung geben. Denn grundsätzlich sind die einzelnen Persönlichkeiten als sehr komplexe Entitäten zu verstehen, die keinesfalls auf ein paar Zeilen zu reduzieren sind: „Alters are complex phenomena not easily encompassed by simple descriptions that may acknowledge some of their features but that fail to adress the full range of their characteristics“ (Kluft, 2006, S.284). Zudem ist jede Persönlichkeit per se, ob nun innerhalb eines multiplen Systems oder eine nicht dissoziierte Persönlichkeit, grundsätzlich als „veränderbar und dynamisch“ (Sautermeister, 2013, S.70) und somit nicht als deterministisch zu begreifen. Trotz dieser Vorbehalte erleichtert eine zusammenfassende Beschreibung der einzelnen Persönlichkeitengruppen allerdings ein inhaltliches Verständnis solch komplexer Personensysteme und soll im Falle der vorliegenden Arbeit zu einer besseren Nachvollziehbarkeit der entwickelten Theorie führen. Methodisch wurde mit dem Kodierschritt des offenen Kodierens (vgl. Kapitel 4.6.2.1) der Grounded Theory gearbeitet, dabei stand die Nachzeichnung des den Daten immanenten Sinngehaltes im Vordergrund. Dementsprechend findet sich jeweils eine auf Grundlage der erhobenen Daten beschreibende Zusammenfassung der Aufgabenbereiche der interviewten Persönlichkeitengruppe. Die schriftlichen Ausführungen werden jeweils eingangs von einem grafischen Modell begleitet. Dieses zeigt in zusammenfassender Weise die wesentlichen Aspekte der nachfolgenden Ausführungen. Diese Grafiken (Abb. 3-6) wurden auf Grundlage der Daten entwickelt und sollen einer besseren 4.4.2 4. Das Forschungsdesign 96 Nachvollziehbarkeit der Beschreibungen der einzelnen Gruppen dienen. Alltagspersönlichkeit – Die Spagat-Organisatorin „Ja, ich mache den Alltag, also ich, ich mache ganz viel Organisatorisches, also koordinier alle Termine, also ich bin praktisch die Managerin der Anderen.“ (A6, Interview vom 28.3.2012, S.I-320, Z.3-4) Der Begriff „Alltagspersönlichkeit“ ergab bei dem Interview grundsätzlich keine Verständnisschwierigkeit, es konnte sich in jedem befragten System jeweils mindestens eine Persönlichkeit diesem Bereich zuordnen. Es wurde mit insgesamt sechs Alltagspersönlichkeiten gesprochen, die alle weiblichen Geschlechts sind und sich im Alter von 20 bis 55 Jahren bewegen, was in den meisten Fällen dem Realalter, also dem Alter des Körpers, entsprach. Drei von ihnen haben ein Studium, drei eine Ausbildung absolviert, vier sind aktuell berufstätig. Drei von ihnen haben Außenkinder, also eigene leibliche Kinder, und die meisten leben in einer festen PartnerInnenschaft. 4.4.2.1 Alltagspersönlichkeit – Spagat-OrganisatorinAbbildung 3: 4.4 Das Interviewsample 97 Der Begriff Spagat-Organisatorin verdeutlicht den Umstand, dass sich die Alltagspersönlichkeiten in erster Linie als die Organisatorinnen des Lebens verstehen. Der Spagat, den sie alle vollziehen, ist der zwischen der Innen- und Außenwelt, also zwischen der Zuwendung zu den inneren Persönlichkeiten und der Auseinandersetzung mit den Menschen und täglichen Anforderungen außerhalb des eigenen Persönlichkeitensystems in Beruf, Familie und sozialem Umfeld. Ein wesentliches Merkmal dieser Organisationsrolle ist das des Zeitmanagements. Hierbei geht es zum Einen darum, die Zeit im Laufe eines Tages in sich zu strukturieren, um Zeit für die alltägliche Arbeit, FreundInnen, Haushalt, PartnerInnenschaft und Außenkinder zu haben. Zum Anderen steht im Mittelpunkt der Organisation, die Bedürfnisse und Anforderungen der verschiedenen Innenpersönlichkeiten zeitstrukturierend zu koordinieren: (....) (...) ich kümmere mich darum, dass die Bedürfnisse (.) oder ich versuche zumindest immer darauf zu achten, dass die Bedürfnisse (h) der verschiedenen Innenpersonen, der Kinder oder (h) die, die im Außen sein wollen, dass das, was sie brauchen da ist, dass ich dafür sorge, dass Zeit über Tag (.), dass ich irgendwie mich darum kümmere, dass auch Zeit da ist, dass ich Freiräume schaffe, nee (?), (..). (A1, Interview vom 11.7.2011, S.I-4 f, Z.45ff) An diesem Zitat von A1 wird die komplexe Leistung dieser Persönlichkeiten deutlich. Das von ihr beschriebene Management erinnert an das einer Großfamilie, bei der die Bedürfnisse und Anliegen unterschiedlicher Generationen, die zusammen leben, im Wesentlichen von einer Person zeitlich und strukturierend organisiert wird. Zudem zeigt sich ein weiterer Aufgabenbereich, der bei allen Alltagspersönlichkeiten zum Tragen kommt; der des Kümmerns um das Innen ebenso wie um das Außen. Das Kümmern bezieht sich beispielsweise sowohl um die Kinder im Außen, als auch um die im Innen. A5 berichtet diesbezüglich von einer Situation, in der Innenkinder des Systems traurig waren und sie dafür gesorgt hat, dass diese einen geschützten Raum, in diesem Fall das eigene Zuhause, zur Verfügung gestellt bekommen, so dass sie da sein können und sich die Alltagspersönlichkeit dort um sie kümmert: „Also ich hab mir angewöhnt, denen zu sagen, ähm, dass sie ihren Raum bekommen, sobald ich eine Möglichkeit dazu habe, also, es ist dann so, dann 4. Das Forschungsdesign 98 geh ich halt nach Hause und dann sind die da, nee, und dann kümmere ich mich da darum.“ (A5, Interview vom 22.3.2012, S.I-258, Z.34-36) Abgesehen von diesen Aspekten fallen insbesondere kommunikative Aufgaben in den Organisations- und Aufgabenbereich der Alltagspersönlichkeit. Dabei lassen sich zwei Schwerpunkte fokussieren: kommunikative äußere Repräsentanz und innere Mediatorin, wobei die beiden Elemente Innen und Außen wieder zum Tragen kommen. Die Alltagspersönlichkeiten agieren bei Bedarf als eine Art Sprachrohr für die anderen Innenpersonen, um deren Anliegen, Kommentare oder Antworten nach Außen zu übermitteln, ohne dass die Einzelnen den Körper übernehmen müssen: „Ja, ich habe die, die Aufgaben, die Aufgabe, das System nach Außen zu vertreten sozusagen und, und ich habe hauptsächlich kommunikative Aufgaben.“ (A4, Interview vom 28.2.2012, S.I-180, Z.39-40) A4 verdeutlicht hier ihre Eigenschaft der Außenrepräsentanz für die Anliegen anderer Innenpersönlichkeiten. Die Analogie zur Großfamilie, bei der eine Person die familiär intern diskutierten Bedürfnisse, Ansichten und Anliegen Einzelner nach Außen vertritt, findet auch an dieser Stelle Verwendung. Ob diese Vertretung auf Grundlage einer demokratischen Aushandlung innerhalb des Personensystem gemeinschaftlich ent-schieden wurde oder diesem Umstand andere Prozesse zugrunde liegen wird aus den erhobenen Daten nicht deutlich. Doch beziehen sich die kommunikativen Aufgaben der Alltagsperson nicht nur auf das Außen, sondern ebenfalls in Form einer Mediation auf das Innen. Hiermit ist sowohl eine unterstützende Rolle bei der Kommunikation untereinander gemeint als auch das lenkende Einschreiten bei Konflikten: „(....) ob man da was klären muss, ob es da ein Problem zwischen Zweien gibt, die das vielleicht gerade nicht hinkriegen, ja, und sonst (?) (...), also eigentlich, ich sehe das immer so wie eine Mediatorrolle.“ (A1, Interview vom 11.7.2011, S.I-4, Z.11-14) Konkrete Anwendungsstrategien dieser Mediatorinnenrolle finden sich im Falle des Sys1 in Form eines Buches, das an einem für alle zugänglichen Platz liegt und in das Einzelne bei Bedarf ihre Anliegen hineinschreiben oder ggfs. zeichnen können. Über dieses Medium 4.4 Das Interviewsample 99 kann A1 ganz konkret mit dem Innen kommunizieren und entsprechend bei Bedarf intervenieren. Ein wesentliches Anliegen der Alltagspersönlichkeiten ist es zudem, möglichst unauffällig in ihrer Vielfältigkeit zu bleiben, also die dissoziierten Persönlichkeiten weitestgehend zu verbergen und im besten Falle von Außen als eine einheitliche Person wahr genommen zu werden. Hierbei geht es, zwar zu einem geringeren Teil aber durchaus auch, um das Verbergen der einzelnen Persönlichkeiten aufgrund von Scham. Allerdings steht hier vielmehr der Schutz der Einzelnen vor möglicherweise diffamierenden, entblößenden und vor allem retraumatisierenden Erlebnissen im Vordergrund der Bemühungen. Das Organisieren der einzelnen Bereiche Zeit, Kommunikation und Kümmern unterstützt in Folge das Bewältigen des Alltags. Die ausgeprägten kommunikativen Fähigkeiten der Alltagspersonen stechen markant hervor, ein ständiges Austarieren zwischen dem Innen und dem Außen steht im Fokus und verdeutlicht die Komplexität der Rolle der Spagat-Organisatorin innerhalb eines Personensystems. Zusammenfassend ist fest zu stellen, dass sich die hier aus den erhobenen Daten abgeleitete Persönlichkeitsbeschreibung deutlich detaillierter als die in der Fachliteratur (s. Kapitel 2.3.5.1) darstellen. Auffällig ist an dieser Stelle der Umstand, dass keine der interviewten Alltagspersönlichkeiten sich als hilflos oder machtlos beschreibt, im Gegenteil steht eine aktive Handlungsfähigkeit im Vordergrund. Diesbezüglich muss allerdings das einschränkende und damit erkenntnislenkende Sample dieser Studie betont werden, das, wie bereits diskutiert, eben jene Systeme anspricht, die über eine gewisse psychische Stabilität sowie interne Kommunikationsmöglichkeiten verfügen. BeschützerInpersönlichkeit – Kritische AußenbeobachterIn mit ausgeprägter Handlungsmacht „Sie werden nix bei uns tun ohne dass ich weiß, was passiert.“ (B3, Interview vom 28.1.2012, S.I-115, Z.43) Es wurde mit insgesamt 6 weiblichen Beschützerinnen im Alter zwischen 15 und 45 gesprochen, wobei sich drei von fünf im jugendlichen Alter bewegen. Eine/r hat keine Angabe zum Geschlecht gemacht, eine Andere keine zu ihrem Alter und eine Interviewpartnerin war ehemals 4.4.2.2 4. Das Forschungsdesign 100 tätergebunden und begreift sich als eine Position dazwi-schen, mit eindeutiger Tendenz zur Beschützerin. BeschützerIn – Kritische AußenbeobachterIn Es wurde deutlich, dass das Hauptanliegen dieser Persönlichkeiten entsprechend ihrer Bezeichnung das Beschützen ist, wobei sich verschiedene Strategien zeigen. Eine Strategie stellt das aufmerksame Beobachten und Abtasten der unmittelbaren Umgebung im Außen auf Bedrohungen jedweder Art dar. Dabei bewegen sich BeschützerInnen vornehmlich im Innen des Personensystems und verfügen dort über einen guten Überblick. Sie bekommen jedoch gleichzeitig alles mit, was im Außen vor sich geht: „Hmm (Pause 6), also, die meiste Zeit ist das so, dass ich im Innen arbeite und, ähm, in der Regel versuch ich halt, ähm, die Kinder abzuschirmen (...), dann, wenn, wenn ich das Gefühl hab, dass von Außen (..) irgendwie Gefahr droht, also sprich, es riecht komisch, es kommen komische Leute mir entgegen oder, ähm, es gibt schwierige Situationen oder so.“ (B5, Interview vom 22.3.2012, S.I-262, Z.6-10) Abbildung 4: 4.4 Das Interviewsample 101 B5 beschreibt hier eindrücklich ihre Fähigkeit einer zweigeteilten Aufmerksamkeit und Beobachtungsfähigkeit, zum Einen die nach Außen hinsichtlich möglicher lauernder Gefahren und gleichzeitig die nach Innen auf die Kinder, die schutzbedürftig sind. An diesem Zitat wird auch der Schwerpunkt dessen deutlich, was, bzw. wer beschützt wird; es handelt sich in erster Linie um die Innenkinder, also den Schutz von Schutzlosen. Zudem lässt sich an dem Zitat von B5 bereits eine von verschiedenen schützenden Handlungen ablesen. Es wird auch von anderen BeschützerInnen mit der Fähigkeit berichtet, andere Innenpersönlichkeiten abzuschirmen und somit einen Schutzraum entstehen zu lassen, der sich in der Grafik als ein breiterer Strich auf der linken Seite darstellt, hinter dem sich der Schutzraum befindet. Offensichtlich können äußere, ungute Einflüsse nicht bis hinter einen so hergestellten Schutzwall dringen. Eine weitere Strategie stellt vorausdenkendes Handeln dar. Situationen, die möglicherweise emotional belastend, resp. triggernd für Einzelne werden könnten, werden im voraus bedacht und ihnen wird aus dem Weg gegangen. Wenn das allerdings aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr möglich ist, wird der Körper übernommen, um die Situation aktiv zu verlassen, bzw. direkt in Handlungen einzugreifen und den Körper in Sicherheit zu bringen: „Und wenn das gar nicht geht, übernehme ich dann einfach auch manchmal und sehe ich zu, dass wir aus dieser Situation irgendwie (,) raus gehen.“ (B1, Interview vom 25.7.2011, S.I-20, Z.30-32) An diesem Zitat von B1 wird zum Einen deutlich, dass sie in Anbetracht von Gefahren handlungsfähig bleibt. Zum Anderen zeigt es auch ihre Macht gegenüber anderen Innenpersönlichkeiten, die es ihr ermöglicht, ungefragt den Körper zu übernehmen und aus einer gefährlichen Situation raus zu gehen. Die Wahl des pluralen Personalpronomen verdeutlicht, dass sie diese Entscheidungen für alle trifft. Eine weitere Handlung, die dazu dient, Sicherheit zu schaffen, hat deutlich zerstörerischere Auswirkungen, indem Handlungen in zwischenmenschlichen Beziehungen bei Bedrohung übernommen, bzw. beeinflusst werden. Die Interviewten berichten diesbezüglich von ihrer Fähigkeit, triggernde Beziehungen abzubrechen, weil sie emotional zu nah kommen oder die Gefahr eines Abhängigkeitsgefühls be- 4. Das Forschungsdesign 102 inhalten. Wenn davon ausgegangen wird, dass, unabhängig von den physischen Traumatisierungen, in erster Linie auch Beziehungstraumata vorliegen, ist eben dieser zwischenmenschliche Bereich der am stärksten verletzte und somit am schützenswertesten. Das geht soweit, dass Beziehungen abgebrochen werden, um das System vor weiteren Verletzungen zu schützen. „Ich pass auf. also das hab ich immer gemacht. pass auf, dass Beziehungen nicht zu eng werden, dass wir nicht zuviel brauchen – was leider nicht funktioniert – aber ich kann abbrechen, wenns reicht. also wenn zuviel verletzt wird oder so.“ (B2, Interview via chat vom 29.11.2011, S.I-82, Z.22-24) Der Fokus von B2 auf unbedingte Unabhängigkeit, die jedoch nicht in Gänze umsetzbar ist, und der unmittelbaren Verbindung von Beziehung und Gefahr wird hier deutlich. Dieses Zitat zeigt in anschaulicher Weise, dass manche Verhaltensweisen einzelner Persönlichkeiten möglicherweise von Außen betrachtet irrational, affektiv und/oder un- überlegt erscheinen, für das Gesamtsystem aber durchaus sinnvoll sind. Der Einsatz dieser schützenden Strategien wiederum setzt voraus, dass die BeschützerInnen sowohl die Innenkinder, resp. Schutzlosen selbst als auch deren (traumatische) Erfahrungen sehr gut kennen müssen, um einschätzen zu können, welche Situation für wen warum gefährlich, bzw. triggernd sein könnte. Hier wird der ausgesprochen große Wissensschatz der Befragten deutlich. In allen Gesprächen mit den Beschützerinnen wurde außerdem eine sehr ausgeprägte Handlungsmacht innerhalb des Systems und über den Körper deutlich. Wenn es eine Gefahrensituation gibt, in der die Involvierten nicht gemäß den Vorstellungen der Beschützerin agieren oder auf ihren Rat hören, besteht ebenso die Möglichkeit, den Körper und damit alle nachfolgenden Handlungen ungefragt zu übernehmen. Dabei findet nicht immer Kommunikation oder Kooperation mit anderen Persönlichkeiten statt. Im Gegenteil wurde davon berichtet, dass ausschließlich die beschützende Person sowohl über die Einschätzung einer Gefahrensituation als auch über die daraus folgende Schutzhandlung entscheidet. Zwar finden sich ebenso Berichte über ausgeprägtere Kooperationshaltungen, bei denen es darum geht, mögliche Handlungen mit anderen Innenpersonen abzusprechen. Dennoch zeigt sich, dass, wenn Gefahr im Verzug ist, die interviewten Beschützerinnen entsprechend ihrer Aufgabe jederzeit in der Lage sind, 4.4 Das Interviewsample 103 die Kontrolle über den Körper und damit über das Gesamtsystem zu übernehmen. Diese direkte Handlungsfähigkeit zeigt sich in der Grafik anhand der lediglich gestrichelten Linie auf der rechten Seite, was die Durchlässigkeit nach Außen optisch hervorhebt. Dass diese, entsprechend der Aufgabe der BeschützerInnen, deutlich ausgeprägte Handlungsmacht mit burschikosem und möglicherweise aggressivem Auftreten einhergehen kann ist vorstellbar. So erklärt sich die von Kluft (2004) in Kapitel 2.3.5.2 beschriebene Feindseligkeit, sie findet jedoch in der hier vorliegenden detaillierten Darstellung eine durchaus nachvollziehbare Rahmung. Kindpersönlichkeiten – Kindlich-ernste Lebensfreude „I: Fällt Dir noch mehr zu der Frage ein? K2: auch dass man keine Angst mehr haben muss. Niemals. I: Ok. Gibt es da noch was? K2: Schokoladenkuchen.“ (K2, Interview via chat vom 16.11.2011,S.I-71, Z.4-7) Es wurde mit insgesamt sechs weiblichen Innenkindern im Alter zwischen 5 – 15 Jahren gesprochen. Alle interviewten Kindpersönlichkeiten strahlten eine grundlegende Lebensfreude und Zugewandtheit aus, die begleitet war von einer Ernsthaftigkeit, die eine Fülle an (traumatischen) Lebenserfahrungen vermuten lässt. Auf dieser Grundlage nehmen sie eine aktive und gestalterische Position innerhalb des Personensystems ein, von der aus sie sowohl mit anderen, meist jüngeren Innenkindern, als auch erwachsenen Innenpersonen in Kontakt stehen. Sie sind in der Lage, Geschehnisse und Vorkommnisse im Au- ßen zu beobachten, ohne selber den Körper zu übernehmen, was sie bei Bedarf allerdings durchaus können. Zumeist gehen sie sowohl im Innen als auch im Außen kindgerechten Aktivitäten und Vorlieben nach. Vom Pizza- und Eisessen wird ebenso berichtet wie vom Spielen mit Playmobil oder mit Kuscheltieren und vom Malen. Das tun sie sowohl alleine als auch mit anderen Innenpersönlichkeiten oder im Außen mit Menschen, zu denen sie in einer Beziehung stehen. Eine hervorstechende Fähigkeit der Innenkinder, mit denen bei dieser Erhebung gesprochen wurde, ist der Zugang zu inneren Ressourcen. Sie wissen davon und können diese nutzen. Hierbei ist die 4.4.2.3 4. Das Forschungsdesign 104 Rede sowohl von eigenen Fähigkeiten als auch von anderen systeminternen Ressourcen. Auf sich selbst bezogen berichten sie von einer ausgeprägten Intuition, Menschen und Situationen gut einschätzen zu können. Dabei sind sie zudem in der Lage, spielerischer und unbelasteter mit dem Leben insgesamt umzugehen: „Ich glaube ich bin manchmal ein bißchen leichter als die anderen. also weil ich nicht so viel überlege. nicht soviel wie die. schon auch aber nicht so viel.“ (K2, Interview via chat vom 16.11.2011, S.I-70, Z.I-17-19) Dieses Selbsteinschätzung von K2 verdeutlicht den Kontakt zu den und das Wissen über die anderen Persönlichkeiten und beschreibt gleichsam eine selbstreflexive Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit, die sich selbst als emotional unbelasteter, resp. leichter beschreibt. Alle interviewten Kindpersönlichkeiten verfügen über diese sich hier andeutende ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion und eine gewisse sprachliche Gewandtheit, was zum Einen sicherlich der Nähe zu den Erwachsenen zu verdanken ist, zum Anderen allerdings auch als Hinweis auf eine aktive Teilnahme am Leben im Außen zu verstehen ist. Des Weiteren haben die Innenkinder ebenso einen (wissenden) Zugang zu anderen systeminternen Ressourcen, wie beispielsweise zu Schutztieren in Form eines Panthers (K4, Interview vom 28.2.2012, Kindpersönlich. – Kindlich-ernste LebensfreudeAbbildung 5: 4.4 Das Interviewsample 105 S.186) oder Fabelwesen, die auch für andere innere Persönlichkeiten hilfreich sein können. Das setzt voraus, dass sie mit diesen in Verbindung stehen. Es gibt demnach innere Vorgänge, die nicht zwangsläufig von den Alltagspersönlichkeiten bemerkt werden, diesbezüglich offenbart sich eine Eigendynamik innerhalb eines multiplen Systems. Weiterhin nehmen die interviewten Kindpersönlichkeiten eine unterstützende Funktion gegenüber anderen Kindern im Innen ein. Sowohl auf körperlicher Ebene (beispielsweise beim Schuhe binden) als auch auf intellektueller Ebene (Sachverhalte kindgerecht Erklären) oder auf emotionaler Ebene (Trösten, wenn eine jüngere Persönlichkeit traurig ist). Gerade bezogen auf emotional belastete Persönlichkeiten kommt der Aspekt des Schutzes hinzu. Dieser wird u.a. über eine Art inneren Raum vollzogen, in dem sich Persönlichkeiten aufhalten, die schutzbedürftig sind. „So dass die nicht so viel vom Alltag mitkriegen die haben ein Zimmer für sich ein gemütliches warmes aber den meisten geht es trotzdem schlecht und ich gucke immer wieder nach denen.“ (K5, Interview via chat vom 15.5.2012, S.I-269, Z.8-10) Der Umgang von K5 mit den anderen Kindpersönlichkeiten erinnert an die Fähigkeiten der Beschützerinnen, einen Schutzraum für die Schutzlosen herstellen zu können. Unabhängig von dieser beschützenden Funktion gestaltet sich der Kontakt zu anderen Innenkindern vielfältig, mit dem Fokus auf Kommunikation und kindgerechter Beschäftigung. Dabei findet das gemeinsame Spielen und Vorlesen ebenso Erwähnung wie schlichtes Beieinander sein und sich gegenseitig Erzählen. Hierbei berichten beispielsweise jene Kindpersönlichkeiten, die sich im Außen bewegen den anderen Kindpersönlichkeiten, die sich im Innen befinden, von schönen Erlebnissen. Gleichzeitig sind die Kindpersönlichkeiten gegenüber AdressatInnen im Außen in der Lage, über systeminterne Vorgänge zu kommunizieren und zu informieren. Zum Einen bezogen auf sich selbst, doch erweitert sich diese Funktion um die einer StellvertreterIn für andere Kindpersönlichkeiten, die im oder zum Außen nicht sprechen können oder wollen: „(....) und bei der Thera spreche ich für die, manchmal wenn die da sind, denn die können nicht reden.“ (K5, Interview via chat vom 15.5.2012, S.I-269, Z.5-6). 4. Das Forschungsdesign 106 K5 berichtet hier davon, dass sie stellvertretend für die, die nicht reden können, spricht und sich in der Therapie („Thera“) mitteilt. Das hat zur Folge, dass die Innenkinder, für Menschen ausserhalb des Personensystems eine wichtige Informationsquelle für systeminterne Vorgänge sind, insbesondere bezogen auf andere Kindpersönlichkeiten. Es wird deutlich, wie komplex eine Kommunikation mit einem multiplen System vonstatten gehen kann und welche Rolle insbesondere die Innenkinder hierbei spielen. Wenn beispielsweise ein Innenkind Informationen von Innen nach Außen weiter geben möchte, kann das auf verschiedene Arten geschehen: durch Informationsweitergabe an eine nach Außen agierende Persönlichkeit, die diese Information wiederum an Menschen im Außen weiter geben kann. Dies wird insbesondere bezogen auf psychotherapeutische Settings beschrieben, in denen zwar die Innenkinder Fragen beantworten, ihre Antworten allerdings an diejenige Persönlichkeit weiter geben, die im Außen in unmittelbarem Kontakt mit der Therapeutin steht. Es ist aber auch möglich, dass die Kindpersönlichkeit selber den Körper übernimmt und in direktem Kontakt mit einer Person im Außen spricht. Oder dass sie sie Informationen aus dem Innen, quasi als systeminterne Information, an beispielsweise eine Alltagsperson weiter gibt, die, auf Grundlage dieser Kommunikation, ihr Verhalten möglicherweise im Außen modifizieren kann. Analog zur Darstellung dieser Persönlichkeitengruppe in der Fachliteratur (s. Kapitel 2.3.5.3) finden sich in den erhobenen Daten ebenfalls Hinweise darauf, dass die Innenkinder TrägerInnen schwerer traumatischer Erinnerungen und Erfahrungen sind. Allerdings fand dieser Umstand lediglich marginal Erwähnung bei der Selbstdarstellung, was zum Einen sicherlich mit dem Schwerpunkt der Forschung zu tun hat. Zum Anderen wird daran deutlich, dass das Selbstverständnis dieser Persönlichkeiten weit über den über sie geführten Diskurs hinaus geht. Tätergebundene Persönlichkeiten – Voraussetzung zum Überleben „(....) also am Anfang ging es ja darum, ähm (..) uns möglichst gut bei den Tätern zu fügen, damit wir nicht noch mehr Gewalt erfahren, also, Druck immer auszuweichen, damit es nicht noch schlimmer wird.“ (T6, Interview vom 28.3.2012, S.I-324, Z.5-7) 4.4.2.4 4.4 Das Interviewsample 107 Es wurde mit insgesamt sechs tätergebundenen Personen gesprochen, die sich im Alter zwischen 15 und 40 Jahren bewegten, wobei zwei keine Angaben zu ihrem Alter machten. Vier dieser Persönlichkeiten definierten sich als männlich, zwei als weiblich. Zum Zeitpunkt der Interviews wurde noch mit dem Begriff „täterloyal“ operiert, der sich erst im Laufe der Analyse und der Auseinandersetzung mit Literatur (vgl. Kapitel 2.3.5.4) wie diskutiert zu der genaueren begrifflichen Fassung „tätergebunden“ entwickelte. Diese Interviewgruppe stellt die divergenteste dar und kann grob in drei Bereiche unterteilt werden: 1. Zum Zeitpunkt des Interviews gab es eine bestehende und nicht hinterfragte Loyalität gegenüber dem gewaltausübenden System und den darin agierenden Menschen; 2. die eigene Rolle ist nicht mehr eindeutig, das ehemalige System, resp. die Menschen und auch die eigenen Handlungen und Überzeugungen werden in Frage gestellt; 3. eine neue Position losgelöst von dem gewaltausübenden System wird gesucht oder wurde bereits gefunden. Deutlich wird diese Divergenz selbst innerhalb einer Persönlichkeit an folgendem Interviewausschnitt, in dem die Interviewerin nach den Aufgaben von T5 fragt: Tätergebundene Persönlichkeiten – Voraussetzung zum Überleben Abbildung 6: 4. Das Forschungsdesign 108 „I: Kannst du mir noch sagen, welche Rolle, was für Aufgaben du in eurer Innenwelt hast? T5: ich glaube ich bin so ein Zwischending T5: meist fühle ich mich als täterloyal absolut und dann manchmal wie ein Beschützer.“ (T5, Interview via chat vom 8.11.2012, S.I-273, Z.26-30) Die Formulierung „Zwischending“ weist darauf hin, dass die persönlichkeitsgebundenen Aufgaben grundsätzlich keine deterministischen sind, sondern Entwicklungsprozessen unterliegen. Das verbindende Element aller tätergebundener Persönlichkeiten ist das der schweren Gewalterfahrungen und der zunächst unausweichlichen Verbindung mit dem gewaltausübenden System bzw. Menschen, die dem Überleben diente. Was die genauen Erfahrungen in dem gewaltausübenden Umfeld waren, wurde nicht genauer beschrieben und blieb in dem Bereich der Andeutungen. Es wurde allerdings deutlich, dass es eine der früheren Aufgaben war, traumatische Situationen im Außen zu übernehmen, die für andere Persönlichkeiten nicht ertragbar gewesen wären. Die Loyalität gegenüber den gewaltausübenden Menschen und deren System war somit überlebenssichernd: „(....) (Name T4) sieht sich halt selber als Beschützerin, weil sie sagt, wenn ich nicht dafür gesorgt hätte, dass immer alle funktionieren, dann hätten die uns abgemurkst.“ (A4, Interview vom 28.2.2012, S.I-200, Z.29-31) An dem Zitat, in dem A4 über T4 spricht, wird deutlich, dass zwar T4 im Sinne der TäterInnen, also in gewisser Form diesen gegenüber loyal, dafür gesorgt hat, dass das Personensystem auf die geforderte Art und Weise „funktioniert“, dies allerdings vor dem Hintergrund einer lebensbedrohlichen Situation tat. Des Weiteren erscheint die Position dieser Persönlichkeiten als eine sehr isolierte, nach Innen zu anderen Persönlichkeiten ebenso wie nach Außen. Der Grund hierfür liegt nach eigenen Angaben in dem Umstand begründet, dass sich diese Personengruppe (noch) nicht als zugehörig zu dem heutigen Alltag empfindet. Sie erleben sich in einer Außenseiterposition, in der sie ihre alte Rolle nicht mehr entsprechend ihren Bedürfnissen erfüllen können oder noch keine neuen Aufgabenbereich gefunden haben. Die diesbezüglichen Schilderungen 4.4 Das Interviewsample 109 erinnern an Berichte von traumatisierten Soldaten, die aus dem Krieg zurück kehren und sich in einem Leben, in dem keine Kriegshandlungen mehr, sondern ein ganz anderer Alltag stattfindet, nicht oder nur schwer zurecht finden (Herman, 1989). Da diese Persönlichkeiten in erster Linie ebenfalls einen gewaltvollen Alltag kennen, ist es nicht verwunderlich, dass sie ein Leben, das nun ganz andere Prinzipien und Schwerpunkte beinhaltet, nicht als das ihre bezeichnen. Diese Haltung verändert sich zwar mit dem Loslösungsprozess von dem gewaltaus- übenden System und wendet sich in Folge sowohl dem heutigen Leben als auch den anderen Persönlichkeiten innerhalb des Systems zu, dennoch berichten alle InterviewpartnerInnen von einer gewissen Isolation. Bei einer bestehenden Loyalität (1.) oder der Bewegung dazwischen (2.) wird deutlich, dass eine Weitergabe täterinduzierter Inhalte sowohl nach Außen als auch an andere Innenpersönlichkeiten statt finden kann. Dazu zählen beispielsweise Drohungen, auch gegen den Willen der Anderen zu den TäterInnen zurück zu kehren oder beleidigende und verletzende Anmerkungen über andere Innenpersönlichkeiten. Diesbezüglich bestätigen die Daten dieser Studie die entsprechenden Ausführungen in der Fachliteratur, werden allerdings erweitert um den prozessualen Charakter des Sich-Loslösens von den gewaltvollen Strukturen. Es lässt sich hier eine Konfliktlinie zwischen den „alten“ (Früher) und „neuen“ (Heute) Aufgaben fest stellen. Verbunden mit einer (noch) unsicheren und suchenden Bewegung hin zu einem neuen, resp. anderen Selbstverständnisses, die noch keine genaue Aussage über die eigene Rolle in der heutigen, gewaltärmeren Zeit treffen kann. Dieser Umstand zeigt sich bei dieser Persönlichkeitengruppe in gewisser Weise identitätsstiftend und findet sich detaillierter ausgeführt in Kapitel 5.1.8.7 wieder. Zunächst beschäftigt sich allerdings das nachfolgende Kapitel mit dem Geschlecht der InterviewpartnerInnen. Das Geschlecht der InterviewpartnerInnen Zu dem Geschlecht der interviewten Persönlichkeiten ist zunächst zu sagen, dass sich dieses nicht zwangsläufig mit dem biologischen Geschlecht der Persönlichkeit, die den Passnamen trägt, deckt. Ob und 4.4.3 4. Das Forschungsdesign 110 inwieweit das je individuelle Geschlecht von den Persönlichkeiten selbst gewählt wird oder dieser Vorgang anderen Kriterien unterliegt wird an den erhobenen Daten nicht deutlich. Nun kann jedoch die Verteilung der Geschlechter Hinweise darauf geben, dass bestimmte Verhaltensweisen „gesellschaftlichen Bedeutungszuschreibungen“ (Fleßner, 2013, S.80) unterliegen, die geschlechtlich konnotiert sind. Es ist auffällig, dass gerade die tätergebundenen Persönlichkeiten, die zum Teil das ehemalige Gewaltsystem verteidigen und in diesem auch als aktiv Handelnde agierten, überwiegend männlichen Geschlechts sind. Dem gegenüber stehen beispielsweise die Innenkinder mit durchgängig weiblichem Geschlecht. Folgt man den theoretischen Ausführungen zu den einzelnen Persönlichkeitengruppen (vgl. Kapitel 2.3.5) ist davon auszugehen, dass insbesondere die Innenkinder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, hingegen die Tätergebundenen vermehrt als Repräsentant einer (ehemals) gewaltausübenden Umgebung fungieren. In Hinblick auf ein Gesellschaftssystem, in dem Frauen nachweislich mehr (sexualisierte) Gewalt als Männer erfahren und damit der Status eines Opfers vermehrt mit dem Geschlecht weiblich verbunden ist (Moser, 2007), kann diese geschlechtliche Verteilung der InterviewpartnerInnen als Repräsentation existierender patriarchaler Gewaltverhältnisse gelesen werden. Nun bestätigt die Geschlechtsverteilung des Samples allerdings zudem auf eindrückliche Weise, dass das Geschlecht und die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht keiner unveränderlichen und naturalistischen Ordnung unterliegen. Gerade die Existenz mehrerer (sozialer) Geschlechter innerhalb einer Person offenbart, dass Geschlecht nicht untrennbar mit dem „sex“, also dem körperlichen Geschlecht, verbunden ist, sondern eine derartige Zuordnung vielmehr ein gesellschaftlich hervorgebrachtes Phänomen ist. In Truman (2002) finden sich detaillierte Ausführungen dazu, wie dieser Umstand der Manifestation sozialer Macht- und Herrschaftsverhältnisse dient und dabei also nicht als ein geschichtsloser Determinismus zu begreifen sei. Wie insbesondere Menschen mit einer DIS gesellschaftliche Zuschreibungen von sex und gender suberversiv unterlaufen zeigt das Geschlecht der BeschützerInnen. Fünf von sechs dieser Persönlichkeiten haben nach eigenen Angaben ein weibliches Geschlecht. Doch gerade die BeschützerInnen zeigen vornehmlich männlich konnotierte Verhaltensweisen: 4.4 Das Interviewsample 111 Überzeugung in die eigene Handlungsmacht und aktive Handlungsfähigkeit zeichnen diese Persönlichkeitengruppe ebenso aus wie die ureigenste Aufgabe des Beschützens. Diese als klassisch männlich verstandenen Verhaltenscharakteristika finden sich in diesem Sample allesamt im Geschlecht Frau repräsentiert. Nun bleibt es jedoch aufgrund der sehr kleinen Stichprobe eine ungeklärte Frage, inwieweit sich hier (vermeintlich) geschlechtsspezifische Merkmale im Individuum manifestieren, die signifikant häufig von Menschen mit einer DIS auf eine diesen (biologischen) Determinismus zersetzende Weise unterlaufen werden oder ob die Zuordnung einer schlichten Zufälligkeit unterliegt. Für eine Validierung der hier andiskutierten Hypothesen braucht es weitere Forschung die sich dieser Fragestellung explizit annimmt. Zusammenfassung Die Datenerhebung mit Menschen mit traumatischen Erfahrungen bedarf einer forschungsethischen Reflexion, um eine voreingenommene Zuschreibung möglicher Persönlichkeitsmerkmale zu reflektieren und um gleichermaßen die Verantwortung einer Forschung, die sich mit vulnerablen Menschen beschäftigt, zu diskutieren. Die Darstellung der forschungsindividuellen Umsetzung der Datenerhebung unter der Prämisse einer Gratwanderung zwischen ethischer Achtsamkeit und Ausschließen von Stigmatisierung stand dabei im Vordergrund der bisherigen Ausführungen. Als ein innovatives Ergebnis dieses Vorgehens wurden die Rollenbeschreibungen der einzelnen Persönlichkeiten bereits vorgestellt. Der auf die Datenerhebung nun folgende Schritt ist der einer weiteren und intensiveren analytischen Bearbeitung des Materials. Hierbei dienen methodische und methodologische Prämissen der Qualitätssicherung einer aus der Empirie abgeleiteten Theorie. Wie sich diese konkret darstellen und in welcher Weise ihnen gefolgt wurde wird im nun folgenden Kapitel eingehend betrachtet. 4.5 4. Das Forschungsdesign 112 Grounded Theory – Methodologie und Methode Für explorative Studien wie diese bietet sich eine qualitative Analysemethode zur Datenbearbeitung an. Die Grounded Theory (Glaser & Strauss, 1967) mit ihren aktuellen Weiterentwicklungen (Breuer, 2010; Charmaz, 2011; Clarke, 2012) entspricht den Bedürfnissen eines noch recht unerforschten Gebietes nach einer offenen und wenig theoriegeleiteten Herangehensweise. Somit dient sie der vorliegenden Arbeit als methodisches Instrument, das gleichermaßen auch einen methodologischen Rahmen anbietet. Eine Methodologie dient der Begründung der gesamten Vorgehensweise von Theoriegenerierung und rahmt die Auswahl der Methode, die Art ihres Einsatzes zur Erzeugung von Daten sowie deren Analyse. Auf diese Weise bindet sie Forschungsverfahren in eine allgemeine Wissenschaftstheorie ein (Heinze, 2001, S.12). Die Grounded Theory stellt diesbezüglich sowohl eine Analyseprogrammatik zur Verfügung als auch eine Methodologie, also eine besondere Art, „über die soziale Wirklichkeit nachzudenken und sie zu erforschen“ (Strauss & Corbin, 1996, S.X). Dabei ist sie handlungstheoretisch fundiert – die Verfasser vereinen hier ihre unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Wurzeln. Die zum Einen auf den Traditionen des amerikanischen philosophischen Pragmatismus in der Linie von Mead (1968) und Dewey (1922) und zum Anderen auf dem symbolischen Interaktionismus nach Blumer (1969) und der Feldforschungspraxis von Hughes (1971) fußen. Die darauf aufbauend konstruktivistischen und pragmatischen „Social Studies of Sciences“ (Strübing, 2008 a, S.279) haben ihren Ausgangspunkt hinsichtlich der menschlichen Erkenntnisfähigkeit bei einer grundlegenden Kritik an einem positivistischen Realitätsanspruch der Naturwissenschaften von der Idee eines universalistischen Wahrheitsbegriffs oder der Vorstellung einer Wahrheit, die es lediglich zu erkennen gelte. Realität, ebenso wie Theorien über sie, befinden sich vielmehr in einem ständigen Herstellungsprozess. Zwar wird die Existenz einer, auch objektiv bestehenden, physisch-stofflichen Natur nicht bestritten, doch wird davon ausgegangen, dass sie nicht in ihrer Gänze wahr genommen und sich auf sie bezogen werden kann. Vielmehr entsteht eine Realität in den „tätigen Auseinandersetzungen mit Elementen der sozialen wie der stofflichen Natur, die da- 4.6 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 113 mit zu Objekten für uns werden und Bedeutungen erlangen“ (Strübing, 2008, S.38). Die AkteurInnen dieser Wirklichkeit befinden sich dabei in divergenten und individuellen Interaktionsmustern, so dass ihnen die Realität in unterschiedlichen Ausschnitten und Intensitäten entgegen tritt. Wirklichkeit ist somit als prozessual und multiperspektivisch zu verstehen, ebenso wie die Handlungen der AkteurInnen in ihr (Strübing, 2008, S.48). Somit kann auch ein theoretisches Verständnis über diese Realität nur ein prozessuales und zeitlich begrenztes sein. Theorien müssen in Folge, um wirklichkeitsangemessen zu sein, gleichsam den beständigen Wandel der Wirklichkeit nachvollziehen, über die sie Aussagen machen (S. 37-49). Das Ziel der auf diese Epistemologie rekurrierenden Grounded Theory liegt konsequenterweise darin, die AkteurInnen und ihre Handlungsstrategien innerhalb dieser prozesshaften Wirklichkeiten durch das Formulieren theoretischer Interpretationen von Daten zu erklären. Hierbei steht die Betonung der Wandelbarkeit sozialer Phänomene ebenso im Vordergrund wie die „Akteursorientierung“ (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2010, S.193), die die Handlungsoptionen und Entscheidungen, Bedingungen und Konsequenzen der Handelnden des Feldes in den Blick nimmt. Verstehen von Handlungen dieser sozialer AkteurInnen und Nachzeichnen, bzw. Explizieren einer dieser Handlungen inhärenten Sinnstrukutur stehen hierbei im Mittelpunkt des Interesses. Das daraus resultierende theoretische Modell ist eine „gegenstandsverankerte Theorie“ (Strauss & Corbin, 1996, S.7), die induktiv aus der Untersuchung eines bestimmten Phänomens abgeleitet wird. Damit versteht sich die Grounded Theory in Abgrenzung zu einer nomologisch-deduktiven Theoriegenerierung, welche eine bereits bestehende Theorie testet und verifiziert (Przyborski & Wohlrab- Sahr, 2010, S.196). Im Sinne der Induktion ist es ein Grundanliegen der Grounded Theory, empirische Forschung und Theoriebildung eng miteinander zu verschränken, um eine Theorie zu generieren, die sich nicht deduktiv und „von oben entfaltet“ (S. 184), sondern in der Empirie begründet und damit gegenstandsbezogen ist. Den Begründern kommt diesbezüglich insofern eine Pionierrolle in der qualitativen Methodenentwicklung zu, als sie sich gegenüber der „Empirie als immunisierenden soziologischen Theorie“ (S. 190) und gegenüber einer an den Naturwissenschaften orientierten Methodologie als empirisch- 4. Das Forschungsdesign 114 induktiv positionierten. Induktion ebenso wie Emergenz wurden dabei als Werkzeuge einer Theorieentwicklung begriffen, die sie in Form einer Analysemethode systematisierten. Diese methodologische Haltung, die eine konzeptuelle Offenheit gegenüber den Daten fordert und das Erkennen theoretischer Strukturen als einen emergenten Prozess begreift, enthält eine komplexe Auseinandersetzung auch mit der Begrenzung dieser methodischen Herangehensweise. An dem Konflikt „Emergence“ vs. „Forcing“ (Kelle, 2011, S.235) schieden sich die Geister von Glaser und Strauss, eine detaillierte Nachzeichnung dieses Disputes findet sich bei Strübing (2014, S.51 f) und Breuer (2010, S.85 f). Trotz dieser methodologischen Divergenz der Begründer bietet die von ihnen seinerzeit gemeinsam propagierte Grounded Theory die Grundlage für Weiterentwicklungen (Strauss & Corbin, 1990,1996; Breuer, 2010), Revisionen (Glaser, 1992 gegenüber Glaser & Strauss, 1967) und aktuellen Anpassungen an verschiedene Schulen und postmoderne Diskurse (Charmaz, 2011; Clarke, 2012). Die Analyse der vorliegenden Arbeit hat sich größtenteils an der Weiterentwicklung und methodischen Ausarbeitung der Grounded Theory durch Strauss & Corbin (1990, 1996) und Strauss (1987, 2004) orientiert. Dabei ist sie, diese erweiternd hinsichtlich der Diskussion zur ForscherInsubjektivität, den methodischen Empfehlungen der reflexiven Grounded Theory nach Breuer (1996, 2010) gefolgt (vgl. Kapitel 4.6.1.3 und 5.4). Bei Bedarf und zur Erweiterung des analytischen Blicks wurden zudem Methodentools aus der postmodernen Schule genutzt (Charmaz, 2011; Clarke, 2012.). Analog zu der von Strübing (2008) geforderten Offenlegung des Forschungsprozesses als Basis jeder externen Güteprüfung (S. 90) werden im Folgenden alle relevanten methodischen Schritte vorgestellt. Dazu zählen zunächst die Umsetzung der Sicherung wissenschaftlicher Gütekriterien. Dem folgen eine Darstellung der methodischen Grundprinzipien sowie eine beispielhafte Nachzeichnung der schlussendlichen Umsetzung der hier durchgeführten Datenanalyse. Sicherung der wissenschaftlichen Gütekriterien Die Trias der wissenschaftlichen Gütekriterien Validität, Objektivität und Realibilität hat eine nomologisch-deduktive Ausgangslage, die 4.6.1 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 115 sich in vielerlei Hinsicht von qualitativ-interpretativen Verfahren unterscheidet. Zu diesem Diskurs findet sich umfangreiche Literatur (Reichertz, 2000; Strübing, 2008, 2015; Breuer, 2010; Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2010; Flick, 2010). Allen Diskussionen gemeinsam ist die Forderung nach der Einhaltung bestimmter Gütekriterien, die eine Überprüfung der Qualität von Forschungsergebnissen ermöglicht. Dies trifft auch auf die Grounded Theory zu, dabei redefiniert und erweitert sie die klassischen Gütekriterien nach der Methode entsprechenden Maßgaben der Forschungslogik und der Zielsetzung. Dabei werden eine Vielzahl die Qualität sichernde Strategien eingesetzt, bezüglich der klassischen Trias findet sich eine ausführliche Darstellung und Diskussion bei Strübing (2008, S.80ff) und Flick (2010, S.395ff). Die der Erkenntnis- und Forschungslogik der Grounded Theory folgenden zentralen Grundprinzipien werden in den nachfolgenden Kapiteln expliziert. Grundprinzip Validierung Das Erarbeiten einer soliden und gegenstandsverankerten Theorie, die in der Lage ist, soziale Prozesse zu erklären, diese auch vorhersagen zu können, und zudem eine praktische Relevanz darstellt, ist ein wesentliches Gütekriterium einer gelungenen Grounded Theory: „Am wichtigsten aber ist, dass sich mit ihr [der entwickelten Theorie] arbeiten lässt, d.h. dass sie uns relevante Vorhersagen, Erklärungen, Interpretationen und Anwendungen liefert“ (Glaser & Strauss, 2010, S.19). Angestrebt wird hier eine Theoriebildung nicht um ihrer selbst willen, sondern mit dem Ziel einer verbesserten Handlungsfähigkeit der AkteurInnen des sozialen Feldes auf das sich die Theorie bezieht. So betrachtet bringt also die Praxis in gewisser Weise den Beleg von der Gültigkeit der Theorie (S. 250). Um eine Sicherung dieser Praxisvalidierung schon während des Forschungsprozesses zu gewährleisten, empfehlen sich verschiedene Mittel zur Kontrolle und Absicherung einer Grounded-Theory-basierten Forschung. Dazu zählen in erster Linie kommunikative Validierungsstrategien in Form von beispielsweise Forschen in Teams und Austausch mit (thematisch) nicht involvierten KollegInnen (Strübing, 2008), Präsentationen von Interpretationen gegenüber Mitgliedern des untersuchten Feldes im Sinne des 4.6.1.1 4. Das Forschungsdesign 116 von Flick (2010 a) diskutierten „member checks“ (S. 398) oder (Selbst-) Reflexivität (Breuer, S.2010). Diesen Empfehlungen folgend wurden bei dieser Studie vielfältige Validierungsstrategien während des Forschungsprozesses durchgeführt: Besuch diverser Methodenworkshops (Berliner Methoden Treffen 2011; Reflexive Grounded Theory bei Franz Breuer 2012 in Berlin und 2015 in Freiburg; Grounded Theory Workshop bei Jan Kruse, 2013, Oldenburg). Aktive Teilnahme mit eigenem Datenmaterial von über 3 Jahren (Ende 2012 – 2016) an einem 14-tägigen Zusammentreffen von ForscherInnen interdisziplinärer Fachgebiete via Skype zur Datenanalyse entlang der Methoden der Grounded Theory. Eine Darstellung der Arbeitsweise dieser Gruppe findet sich bei Albrecht-Ross, Leitner, Putz-Erath, Rego, Rohde & Weydmann (2015). Im Sinne der Selbstreflexivität diente eine in 2011-2013 alle 2 Monate statt findende die Forschung begleitende Supervision bei einer Supervisorin, die auch als Traumatherapeutin mit komplex traumatisierten Menschen arbeitet und somit über eine hilfreiche Feldnähe verfügte, mehreren Aspekten. Zum Einen war die Supervision hilfreich bei der Reflexion der Machtbeziehungen zwischen Forscherin und InterviewpartnerInnen, deren Notwendigkeit bereits im Kapitel zur Forschungsethik diskutiert wurde. Zum Anderen konnte an diesem Ort die eigene emotionale Betroffenheit der Forscherin, die sich aufgrund sowohl der theoretischen Auseinandersetzung als auch des späteren Kontaktes mit dem Feld ergab, reflektiert und besprochen werden. Die damit einhergehende Bewusstwerdung der eigenen emotionalen Verstrickung konnte wiederum erkenntnisgenerierend für die Analyse nutzbar gemacht werden. Dies wird im Kapitel „Reflexion des Forschungsprozesses“ (5.4) vorgestellt. Vorstellung und Diskussion von Ergebnissen mit unterschiedlichen AkteurInnen des Feldes zu verschiedenen Zeitpunkten der Analyse (vgl. Kapitel zum theoretischen Sampling 4.6.1.4). Von 2015-2016 alle 14 Tage statt findender Austausch mit einer Promovendin in einem gegenüber der vorliegenden Arbeit divergenten Fachbereich (Informationswissenschaften) zu den Forschungsprozess betreffenden unterschiedlichsten Themen von der 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 117 Diskussion erster Kapitelentwürfe bis hin zur Vorstellung der eigenen gegenstandsverankerten Theorie. Regelmäßige, sowohl passive als auch aktive, Teilnahme an den Forschungskolloquien der Fachbereiche der jeweiligen Prüferinnen in Oldenburg und München. Schriftliche Explikation der Präkonzepte (vgl. Kapitel 4.6.1.3) sowie der Reflexion des Forschungsprozesses (vgl. Kapitel 5.4) in dieser Arbeit. Die Qualitätssicherung einer entlang der Grounded Theory Methodologie und Methode entsprechend entwickelten Theorie folgt weiteren Grundprinzipien, die im Folgenden sowohl theoretisch als auch exemplarisch am Forschungsprozess entlang nachgezeichnet werden. Grundprinzip theoretische Sensibilität Der Schwerpunkt der Analyse mittels der Grounded Theory liegt zwar auf einer datengeleiteten Theorieentwicklung, doch ist diese Erkenntnisgenerierung weder unabhängig von dem Vorwissen der Forscherin, noch emergiert sie ohne das Zutun dieser aus den Daten (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2010, S.204). Im Gegenteil verfügt jede Forscherin und jeder Forscher über ein gewisses Vorwissen in Form von Kenntnissen über – auch fachspezifischer – Literatur, von beruflichen und persönlichen Vorerfahrungen. Diese von Strauss & Corbin (1996) genannte „theoretische Sensibilität“ (S. 25) wird als eine wesentliche hermeneutische Kompetenz der Forscherin verstanden, die es ermöglicht, Feinheiten und Subtilitäten der Bedeutungen, die den Daten inhärent sind, wahr zu nehmen. Verschiedene Werkzeuge und Maßnahmen sind nützlich, diese theoretische Sensibilität zu schärfen, weiter zu entwickeln und für den Forschungsprozess nutzbar zu machen. Als für diese Arbeit genutzte Techniken zur Erhöhung der theoretischen Sensibilität, die der Annäherung an den den Daten immanenten Sinngehalt dienen, sind folgende zu nennen: das Stellen generativer Fragen an die Daten (Strauss & Corbin 1996, S.57), die Flip-Flop-Technik (S. 64) und das Schwenken der roten Fahne (S. 70). Außerdem fand sowohl die Bedingungsmatrix (S. 132) ihre Anwendung als auch die von Clarke (2012) vorgeschlagene Erweiterung in Form von Erstellung verschiedener Maps. Konkret 4.6.1.2 4. Das Forschungsdesign 118 wurde die Technik der Situationsmap (S. 124) als erkenntnisgenerierendes Werkzeug in dieser Arbeit eingesetzt. Ebenso fand die von Charmaz (2011) empfohlene Schnelligkeit und Spontanität beim „Initial Coding“ (S. 48) seine Anwendung. Doch auch die Aneignung wissenschaftlicher Theorien, das Führen eines Forschungstagebuchs und die Auseinandersetzung mit Mitgliedern von Professionen, die im Untersuchungsfeld tätig sind, dienen der Erhöhung der theoretischen Sensibilität und wurden angewandt. Gleichwohl kann sich Vorwissen, wenn es bereits sehr viel über den Gegenstandsbereich und seine Theorien beinhaltet, einer „plötzlichen Ahnung, einem Geistesblitz, einer brillanten Idee oder einer völlig anderen theoretischen Formulierung“ (S. 13) gegenüber als blockierend auswirken. Dieser Aspekt der theoretischen Sensibilität wird innerhalb der “Reflexiven Grounded Theory“ nach Breuer (2010) in Form von „Präkonzepten“ (S. 26) aufgenommen und diskutiert. Mit diesem Begriff werden eben jene beruflichen, theoretischen und persönlichen Vorerfahrungen bezeichnet, mit denen eine Forscherin oder ein Forscher ins Feld, resp. die Untersuchung geht. Die Reflexion der eigenen Präkonzepten und die Selbstaufmerksamkeit (S. 59) ihnen gegenüber bedarf aufgrund ihrer erkenntnisgenerierenden Auswirkungen auf die Datenanalyse einer näheren Betrachtung. Breuer (2010) plädiert diesbezüglich für eine „Rehabilitation des Vorurteilsbegriffs“ (S. 27) der hermeneutischen Verstehensauffassung, da Erkenntnis ohne apriorische Konzepte, resp. Präkonzepte per se nicht möglich sei. Er empfiehlt eine Sichtweise, der zufolge sowohl die alltagsweltlichen als auch die wissenschaftlich/fachlichen Vorerfahrungen im Sinne einer hermeneutischen Epistemologie positive Voraussetzungen für das Verstehen des anvisierten Gegenstandes sind (Tratter, 1993 in Breuer, 2010). Doch gilt es, Präkonzepte im Sinne einer eigenen Erkenntnisvoraussetzung zu explizieren und zu reflektieren, denn „die bewusste Explikation des eigenen Vorwissens erlaubt auch eine selbstkritische Korrektur dieser Vorannahmen“ (Alheit, 1999, S.9). Diese Überlegungen konkret auf die vorliegende Arbeit anzuwenden ist die Motivation der nachfolgenden Erläuterungen zu den theoretischen und beruflichen Präkonzepten der Forscherin, um diesen zusätzlichen erkenntnisgenerierenden Hintergrund transparent zu machen. Zur stilistischen Unterstützung der Sichtbarmachung der „For- 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 119 scher/innensubjektivität“ (Reichertz, 2015, Abs. 1) und der damit einhergehenden individuellen „Handschrift“ (Abs. 5) der Forscherin wird der Schreibstil in Kontrast zu den bisherigen Ausführungen im folgenden Abschnitt kurz in eine biografische Erzählung zur ersten Person wechseln. Präkonzepte der Forscherin Im Folgenden werde ich diejenigen meiner biografisch-beruflichen Erfahrungen nachzeichnen, die meines Erachtens relevanten Einfluss auf meine Wahrnehmung, mein Verständnis von, sowie den Umgang mit Menschen mit psychischer Erkrankung im Allgemeinen und Menschen mit einer DIS im Besonderen hatten. Meine Ausbildung zur Erzieherin und das Studium der Sozialpädagogik haben mich fachlich und theoretisch für die Soziale Arbeit ausgebildet. Und gleichsam meinen Blick auf die Welt bzw. das pädagogische Feld im Allgemeinen beeinflusst. Meine Schwerpunkte waren bereits zu dieser Zeit Feministische Theorie und Pädagogische Psychologie. Wenngleich mich zu diesem Zeitpunkt vielmehr die strukturelle Benachteiligung von Frauen beschäftigt hatte, setzte ich mich insbesondere in der Phase meiner Diplomarbeit mit subversiven Theorien innerhalb poststrukturalistischer Philosophie (Butler, 1998; Foucault, 1973) auseinander. Der hier auf philosophischer Ebene diskutierte Blick auf Menschen mit psychischer Erkrankung, die als „das Andere“ unverzichtbar sind, um das Normative zu stützen, eröffnete mir einen gedanklichen Raum, der vermeintliche Wahrheiten über sowohl Geschlecht als auch (psychische) Erkrankungen grundlegend in Frage stellte. Parallel zum Studium hat meine beginnende Zusammenarbeit mit einem in der Öffentlichkeit stehenden multiplen Personensystem (Nicki und die Bärenbande) zudem zu relevanten Vorerfahrungen im Feld der vorliegenden Forschungsarbeit geführt. Wir lernten uns auf einer im Rahmen meiner studentischen Tätigkeit im Oldenburger Frauenbuchladen initiierten Veranstaltungsreihe zu Multiplen Persönlichkeiten kennen. Daraus ergab sich eine Zusammenarbeit innerhalb verschiedener Zusammenhänge (s.u.). 4.6.1.3 4. Das Forschungsdesign 120 Nach dem Studium führte mich die Erwerbsarbeit zur „Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V.“ in Bremen, einem Verein, der sich im Zuge der Psychiatrie-Enquete gegründet hatte und entsprechend psychiatriekritisch verwurzelt war. Mir begegneten dort eine parteiliche Arbeitshaltung für Menschen mit psychischer Erkrankung und eine kritische Infragestellung des psychiatrischen Systems. Sowohl meine Arbeit als Projektkoordinatorin mit Menschen mit psychischer Erkrankung als auch die Zusammenarbeit mit verschiedensten Institutionen in Bremen professionalisierten meine parteiliche Haltung für die NutzerInnen dieser Hilfesysteme ebenso wie meine kritische Haltung gegenüber pathologisierenden Diskursen. Diese war zunächst in erster Linie auf einer praktischen Handlungsebene verortet und fand zu Zeiten meiner Arbeit bei der Initiative...e.V. eine lediglich lockere Verankerung innerhalb der theoretischen Gebäude des Recovery und Empowerment. Gleichzeitig hatte sich die Zusammenarbeit mit Nicki und der Bärenbande zu einer ehrenamtlichen Vorstandsarbeit (bis 2012) des bereits gegründeten Vereins Lichtstrahlen Oldenburg e.V. ausgeweitet. Dieser hat sich als eine (Selbsthilfe)-Plattform zum Ziel gesetzt, Aufklärungsarbeit zu dem Thema DIS ebenso zu leisten wie eine Möglichkeit des Austausches für Betroffene untereinander anzubieten. Dadurch ergaben sich im Laufe der Jahre unter der Leitung von Nicki und der Bärenbande unterschiedliche Aktivitäten, die von einzelnen Filmvorführungen bis hin zu einem Kongress zum Thema DIS reichten. Der Umgang mit Viele-Menschen war mir durch den nahen Kontakt nicht unbekannt, wie beispielsweise der Personenwechsel zwischen einem Kind und einem Erwachsenen in einem Körper. Die Zusammenarbeit mit Viele-Menschen war stets begleitet von tiefem Respekt und Ehrfurcht vor der Überlebenskraft eines Personensystems. Diese hier nachgezeichneten Vorerfahrungen hatten sowohl deutlichen Einfluss auf die Forschungsplanung und -durchführung als auch darauf, welche elaborierten Theorien mit meinen bis dahin geprägten Denkstrukturen korrespondierten. Sicherlich sind diese nicht ausschließlich auf die bereits vorgestellten Theorien der Salutogenese, positiven Psychologie und Empowerment zu reduzieren. Dennoch bedarf es zur thematischen Eingrenzung des theoretischen Rahmen dieser Arbeit einer Fokussierung auf jene wissenschaftlichen Auseinan- 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 121 dersetzungen, die sowohl erkenntnisleitend, als auch -generierend wirkten und ebenso den Prozess der Datenerhebung beeinflussten. Diesem Vorgang wird innerhalb der Grounded Theory ebenfalls besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Grundprinzip Theoretisches Sampling Grundsätzlich erfordert das Erarbeiten einer Grounded Theory die Methode des Theoretischen Samplings in Form eines dynamischen Vorgehens bei der Datenerhebung und -analyse. Die erste Analyse erhobener Daten steuert hierbei die Richtung weiterer Erhebungen, dabei ergeben sich thematische „Zuspitzungen“ (Przyborski & Wohrab- Sahr, 2010, S.194), die weiter verfolgt werden, andere wiederum erweisen sich als irrelevant. Dieses Sampling dient der Theoriegenerierung, der Entwicklung von Konzepten und Kategorien. Praktisch stellt sich dieser Vorgang als eine Kette aufeinander aufbauender Auswahlentscheidungen (Strübing, 2014, S.30) entlang des Forschungsprozesses dar, wobei die Auswahlkriterien im Verlauf zunehmend konkreter und eindeutiger werden. Nachdem so bei der ersten Sichtung von Daten bereits erste Konzepte entstanden sind, orientiert sich der Fortgang des Samplings in Form weiterer Datenerhebungen anhand konkretisierter Fragestellung an deren Weiterentwicklung, Prüfung und ggfs. Revision. Nun unterliegt eine Forschungsarbeit gewissen pragmatischen Bedingungen, die ein Theoretisches Sampling in geforderter Weise nicht oder nur eingeschränkt ermöglichen (Dieris, 2006, Absatz 7; Hauser, 2014, S.95; Schreiber, 2013, S.60). Strübing (2008) weist diesbezüglich darauf hin, dass insbesondere in Projektanträgen das „Ideal der Verlaufsoffenheit mit den Sachzwängen einer präzisierten Forschungsplanung“ (S. 33) kollidiert. Merkens (2005) diskutiert zudem mögliche Ursachen einer das theoretische Sampling begrenzenden eingeschränkten Zugänglichkeit (S. 288) zu InterviewpartnerInnen. Auch in der vorliegenden Arbeit wurde dem Prinzip des Theoretischen Samplings im Sinne der Gegenstandsangemessenheit und unter forschungspragmatischen Umständen in modifizierter Weise gefolgt, was im Folgenden ausgeführt wird. Das erste Interview fand in der Anfangsphase mit Exposéentwicklung für eine Stipendiumsbewerbung statt, um im Sinne des Theoreti- 4.6.1.4 4. Das Forschungsdesign 122 schen Samplings eine erste Datenanalyse der konkreteren Formulierung der Fragestellung voran zu stellen. In diesem Interview wurde zwar bereits das gute Leben als Leitthema genutzt und es wurde mit vier Persönlichkeiten gesprochen, doch gestaltete sich dieses Treffen in erster Linie als ein offenes Gespräch. Ebenfalls zum Zeitpunkt der Exposéerstellung wurden zudem freie Gespräche mit Bekannten, FreundInnen ebenso wie mit Fremden (in einem Café) zu dem Thema „gutes Leben“ unabhängig vom anvisierten Gegenstandsbereiches geführt. Dies sollte zum Einen die theoretische Sensibilität der Forscherin fördern, zum Anderen den Fokus auf Menschen mit einer DIS erweitern und möglicherweise umfassendere relevante Themenbereiche heraus arbeiten. Der Feldzugang zu den InterviewpartnerInnen stellte sich aufgrund der sehr geschützten und auf Anonymisierung bedachten Räume als aufwendig dar. Auch die bereits diskutierten im Vorfeld zusammengestellten Auswahlkriterien der InterviewpartnerInnen ließen eine eingeschränkte Resonanz erwarten. Es meldeten sich dennoch recht zeitnah mehrere potentielle InterviewpartnerInnen, von denen allerdings einige in Kürze wieder absprangen. Eine Forcierung von langen Wartezeiten der weiterhin Interessierten, die das methodische Vorgehen des Theoretischen Samplings zwangsläufig zur Folge gehabt hätte, erschien in Anbetracht des diffizilen Feldzugangs, des langwierigen und zeitaufwendigen Prozesses eines angemessenen Beziehungsaufbaus (s. Kapitel 4.2.3) vor dem Interview und vor dem Hintergrund eines möglichen Rückzugs der InterviewpartnerInnen als unangemessen. Auf eine deutliche Fallkontrastierung hinsichtlich der kontrollierten Personenwechsel wurde aus forschungsethischen Gründen verzichtet. Wie bereits in Kapitel 4.3.4 diskutiert, widerspricht das Erheben von Daten einer eindeutig kontrastierenden Personengruppe bei dieser Studie dem forschungsethischen Prinzip der Nicht-Schädigung. Eine Erhebung bei Menschen mit einer DIS, die noch nicht in der Lage sind, bewusst zwischen den einzelnen Persönlichkeiten zu wechseln unterliegt der Gefahr einer wiederholten Erfahrung von Ohnmachtsgefühlen und Verlust der Selbstbestimmung aufgrund unkontrollierter Switches. Diese Überlegungen führten dazu, dass auch bei dem Theoretischen Sampling die Bedingung der kontrollierbaren Switches beibehalten wurde und auf eine diesbezügliche Fallkontrastierung (emo- 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 123 tionale Instabilität und nicht kontrollierbare Persönlichkeitenwechsel, bzw. diesbezügliche mangelnde innere Kommunikation) verzichtet wurde. Die daraus resultierende eingeschränkte Erkenntnisfähigkeit wurde, soweit möglich, im Zuge der Analyse mitgedacht sowie bei der Vorstellung der Ergebnisse in dieser Arbeit und an den entsprechenden, bereits erwähnten, Orten der Validierung dieser Arbeit transparent diskutiert. Zudem wurde bei informellen Gesprächen mit einigen der InterviewpartnerInnen die aus den Daten erarbeiteten Konzepte besprochen, um diese zu erweitern, zu ergänzen oder ggfs. auch zu verwerfen. Das finale Theoriemodell wurde zudem mit der Bremer Psychotherapeutin Bettina Tröger, die über jahrzehntelange Berufserfahrung mit Menschen mit einer DIS verfügt, vorgestellt und ausführlich hinsichtlich seiner Tragfähigkeit bezüglich traumatherapeutischer Praxiserfahrungen geprüft. Entsprechend der Empfehlungen von Truschkat (2005, Abs. 47) fand zusätzlich ein verstärktes Theoretisches Sampling innerhalb bereits bestehender Daten statt. Hierzu wurden zum Einen die bereits erhobenen Interviewdaten genutzt, um sie auf neu auftauchende Fragen bzw. Konzepte hin zu untersuchen. Zum Anderen wurde bereits bestehende Literatur und/oder Internetbeiträge bei Bedarf als vergleichendes Material heran gezogen. Neben den nun bereits dargestellten, die Entwicklung einer Grounded Theory tragenden Elemente ist das Grundprinzip des ständigen Vergleichens ein weiteres. Grundprinzip des ständigen Vergleichens und Erhebungsformen Die Grounded Theory setzt zunächst keine bestimmte Erhebungsform von Daten voraus. Vielmehr wird ausdrücklich eine Vielfalt bei der Datenerhebung, wie sie auch in der vorliegenden Arbeit statt gefunden hat (Interview, chats, Feldnotizen, Telefongespräche) empfohlen: „Aus völlig unterschiedlichen Materialien (Interviews, Transkriptionen von Gruppengesprächen, Gerichtsverhandlungen, Feldbeobachtungen, anderen Dokumenten wie Tagebüchern und Briefen, Fragebögen, Statistiken, usw.) werden in der Sozialforschung unentbehrliche Daten“ (Strauss, 2004, S.429). Voraussetzung hierbei ist allerdings, dass die Daten sich auf die gleiche Sache beziehen (Glaser & Strauss, 2010, 4.6.1.5 4. Das Forschungsdesign 124 S.34). Im Laufe der Analyse innerhalb dieser so erhobenen Daten entdeckte Konzepte bedürfen einer ständigen Überprüfung ihrer „Robustheit“ (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2010, S.204). Das meint, dass jedes Ereignis oder Phänomen, welches sich herauskristallisiert, auf Ähnlichkeiten und Unterschiede mit Hinweisen aus anderen Daten verglichen wird. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht damit also weniger das Erheben der Daten als vielmehr der Prozess des ständigen Vergleichs und der Theoriebildung, der parallel dazu statt findet. So wurde z.B. das Konzept „Draußen spielen“, welches sich bei einem der Innenkinder als ein wichtiges Element des guten Lebens abzeichnete, darauf hin untersucht, ob es sich auch bei den Aussagen anderer Innenkinder finden, resp. bestätigen ließ. Dieser ständige Vergleich präzisiert zum Einen die gefundenen Konzepte, steckt aber gleichzeitig jenen empirischen Bereich ab, den es zur Sättigung der sich entwickelnden Theorie noch zu erheben bzw. auf divergente Weise zu analysieren gilt (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2010, S.195). Bezogen auf das Phänomen „Draußen spielen“ meint dies zum Einen, nach gegenteiligen Aussagen in den Daten zu suchen (beispielsweise „Auf keinen Fall draußen sein“, oder „Kein Bedürfnis nach Spielen“). Oder zum Anderen das Datenmaterial nach Hinweisen zu untersuchen, die das Phänomen präzisieren („Draußen mit Puppen spielen“). Des Weiteren kann aber ebenso der Umstand, dass das Phänomen „Draußen spielen“ in den erhobenen Daten möglicherweise gar nicht mehr aufzufinden ist, ein Hinweis auf den inhaltlichen Schwerpunkt nachfolgender Datenerhebung im Sinne des Theoretischen Samplings sein, welches dann speziell diesen Themenbereich fokussiert. Ziel dieses zirkulären und komparativen Vorgehens ist es, eine Theorie zu entwickeln, die „theoretisch gesättigt“ (Strübing, 2008, S.34) ist, weil weitere Auswertungen und Erhebungen von Daten nichts Neues mehr erwarten lassen. Zum Erreichen dieser theoretischen Sättigung bedarf es weiterer methodischer Teilschritte, die, auch in ihrer konkreten Anwendung in der Studie, im Folgenden erläutert werden. Methodische Schritte der Datenanalyse in dieser Studie Die vorliegende Arbeit orientiert sich, wie bereits erwähnt, vornehmlich an der von Strauss & Corbin (1996) entwickelten Forschungspro- 4.6.2 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 125 grammatik, ergänzt durch Methoden der Datenanalyse der aktuellen Weiterentwicklungen der Grounded Theory. Die Analyse dieser Arbeit folgte somit in vielen Zügen sowohl den Vorschlägen zur reflexiven Grounded Theory nach Breuer (2010) hinsichtlich der Einbeziehung von (Selbst-)reflexivität als auch den Empfehlungen von Charmaz (2011) und Clarke (2012) zur Datenanalyse. Im Zentrum der hier genutzten Analysemethode stehen zunächst drei Formen des Kodierens von Daten: das offene, axiale und selektive Kodieren. Diese Kodierschritte dienen grundsätzlich der (Neu-)Strukturierung der semantischen Ebene des Textes. Der Prozess des Kodierens wird von einem fortwährenden Verschriftlichen erster Analyseeindrücke, Inspirationen, Gedanken und Ideen in Form von „Memos“ (Strauss & Corbin, 1996, S.196) begleitet. Dieses originäre Element des Grounded-Theory-Ansatzes dient dazu, die Rekonstruktion des theoretischen Wissens, was sich im Laufe der Theoriegenerierung bildet, zu ermöglichen. Somit wird der gesamte Forschungsprozess mithilfe von Memos begleitet, reflektiert und dokumentiert. Die nachfolgenden Kapitel geben nach einer kurzen theoretischen Einführung in die einzelnen Schritte in Form von Beispielen einen Einblick in die konkret durchgeführte Analyse der erhobenen Daten dieser Studie. Wenngleich sich die Grounded Theory für jede Art von Material anbietet (Strauss, 2004, S.429), wird im Folgenden die Darstellung der Methode nur auf Textmaterial bezogen, da die erhobenen Daten dieser Studie zum größten Teil aus diesem bestehen. Das offene Kodieren, Kodes und Kategorien Der erste Schritt einer Grounded Theory in der Bearbeitung von Daten stellt das „offene Kodieren“ (Strauss & Corbin, 1996, S.43) dar, dabei „... werden die Daten in einzelne Teile aufgebrochen, gründlich untersucht, auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hin verglichen, und es werden Fragen über die Phänomene gestellt, wie sie sich in den Daten widerspiegeln“ (S. 44). Hierbei geht es darum, eine vermeintlich geschlossene Oberfläche in Form von Textmaterial aufzubrechen und das darin enthaltene Phänomen der Analyse zugänglich zu machen, um theoretische Konzepte zu generieren. Dieser Vorgang beruht auf einer extensiven und sequentiellen Analyse des Materials, die von klei- 4.6.2.1 4. Das Forschungsdesign 126 nen Teilaspekten der Daten, wie beispielsweise einzelnen Wörtern, bis zu gröberen Textausschnitten reicht. Hierbei werden passende Oberbegriffe für den Textinhalt, resp. das darin umschriebene Phänomen gesucht, die einen höheren Allgemeinheitsgrad besitzen, um den vorliegenden Datenausschnitt konzeptuell neuen und weiter gefassten Be- Deutungen zu öffnen. Diese Oberbegriffe werden als „Kodes“ (Strauss & Corbin, 1996, S.80) bezeichnet und können aufgrund der theoretischen Sensibilität der Forscherin von ihr selbst bestimmte, ausgedachte Bezeichnungen sein. Gleichwohl bieten sich aber auch sogenannte „In-Vivo-Kodes“ (S. 78) an, dabei handelt es sich um Ausdrücke, Redeweisen oder Bezeichnungen der InterviewpartnerInnen, die sich in den Daten finden lassen und die das zu fassende Phänomen am treffendsten bezeichnen. In der vorliegenden Arbeit sah eine sequentielle Analyse in Form einer Zeile-für-Zeile Kodierarbeit, beispielhaft an Ausschnitten aus dem Interview mit A1 verdeutlicht, folgendermaßen aus: „Ja, meine Rolle im System ist (.) also überwiegend kümmere ich mich um meine Kinder, viel im Außen.“ (A1, Interview vom 11.7.2011, S.I-3, Z.44-45) Analyse – offenes Kodieren: Überwiegend meint aber nur einen überwiegenden Teil. Das beinhaltet eine Qualität der Zeitebene. Sie spricht von ihren Kindern, nicht über ihren Mann oder die Anderen im Innen. Meint sie ihre Rolle als Mutter? Sie sagt aber nicht Mutter. Rolle als Kümmerin im Außen. Das Außen kommt direkt nach den Kindern. Sie beantwortet die Frage nach der Rolle IM System mit den Aufgaben im Außen. Sie erklärt nicht, was sie mit „viel im Außen“ meint, hier bleibt eine inhaltliche Beschreibung aus, wird das Außen noch inhaltlich gefüllt? An diesem Beispiel zeigt sich, dass zum Einen ein Analysevorgang in Form eines (sehr kurzen) Memos verschriftlicht wurde und dabei die entdeckten Kodes, die auch aus In-Vivo-Kodes (Kümmerin) bestehen, fett geschrieben wurden. Das verdeutlicht, dass die einzelnen methodischen Schritte bereits auf dieser Analyseebene nicht getrennt voneinander, sondern parallel statt fanden. Die Kodes, die sich durch die Analyse dieser Textzeile heraus kristallisierten wurden im nächsten Schritt entsprechend dem Grundprinzip des ständigen Vergleichens zunächst an größeren Textsegmenten, im späteren Verlauf der Analyse auch an Interviews mit anderen Personen auf ihre Robustheit und 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 127 Tragfähigkeit hin überprüft. Aus dieser vergleichenden Analyse entstanden im Laufe des offenen Kodierens eine Vielzahl an Kodes, die sich um den Themenbereich Kümmern sammelten. Dabei erweiterte sich die inhaltliche Fülle einzelner Kodes, so dass sie zu „Kategorien“ (Strauss & Corbin, 1996, S.49) wurden, die ein höheres Abstraktionsniveau erreichten und thematisch passende Kodes beinhalteten. Damit wird eine Klassifikation von Kodes erreicht, die eine höhere Ordnung auf abstrakterer Ebene darstellt. Beispielhaft haben sich Kategorien in dieser Arbeit folgenderma- ßen entwickelt: wie bereits beschrieben war die Kümmerin einer der ersten Kodes beim offenen Kodieren des gezeigten Textausschnittes. Dieser Begriff umfasste nach der Analyse weiterführenden Materials bereits viele verschiedene Subkodes, die sich inhaltlich alle unter dem Begriff Kümmerin subsumieren ließen. Dazu zählten beispielsweise innere Kommunikatorin, Zeitmanagerin, Mutter Innen wie Außen, Schlichterin und Versorgerin. Jeder dieser Kodes war mit den entsprechenden Textstellen verbunden. Diese inhaltliche Fülle führte dazu, dass sich der Begriff Kümmerin zu einer Kategorie weiter entwickelte, somit die entdeckten Kodes abstrakter bezeichnete und einer theoretischen Bündelung diente. Die so heraus gearbeiteten Kodes und Kategorien wurden nun anhand ihrer Eigenschaften, Charakteristika oder spezifischen Kennzeichen dimensionalisiert (Strauss & Corbin, 1996, S.50). Dies dient einem Verständnis über die „Natur“ (S. 51) der entdeckten Phänomene. Im vorliegenden Fall der Kategorie Kümmerin ergab sich bei dem dazugehörigen Kode Um das Innen kümmern die Dimension aktiv und reaktiv. Diese Dimensionalisierung kam hinzu, weil die Daten darauf hinwiesen, dass einige Alltagspersönlichkeiten sich aus eigener Motivation heraus um das Innen kümmerten, andere hingegen nur auf Zuruf anderer Innenpersönlichkeiten oder bei Krisensituationen, die einen kümmernden Eingriff seitens der Alltagspersönlichkeiten erfordern. Als technisches Hilfsmittel wurde für den Vorgang des offenen Kodierens und der Organisation des Datenmaterials das Analyseprogramm Max-QDA (Verbi, 2012) genutzt. Alle weiteren Analyseschritte, insbesondere der nun folgende Vorgang des axialen Kodieren wurde in erster Linie auf handschriftliche Weise (Notizbuch, Flipchart, Klebezettel auf Materialausdrucken, etc.) durchgeführt. 4. Das Forschungsdesign 128 Axiales Kodieren um das Phänomen – Das Paradigmatische Modell Bei diesem Analyseschritt werden die einzelnen Kodes und Kategorien aus dem offenen Kodieren um ein Phänomen in Beziehung zueinander gesetzt. Dies ermöglicht ein systematisches Nachdenken über die Daten (Strauss & Corbin, 1996, S.76). Ein Phänomen bezeichnet „(...) die zentrale Idee, das Ereignis, Geschehnis, auf das eine Reihe von Handlungen/Interaktionen gerichtet sind, um es zu bewältigen oder damit umzugehen oder auf das sich die Reihe bezieht“ [Hervorhebung im Original] (Strauss & Corbin, 1996, S.79). Das Phänomen stellt sich dabei als ein von der Forscherin begrifflich gefasstes Vorkommnis in den Daten dar, dessen Vorhandensein im dazu gehörigen Kontext als relevant genug erscheint, um es in diesem Analyseschritt aufzuarbeiten. Die bereits benannten Kodes und Kategorien werden also in eine neue Beziehung zueinander gesetzt und erhalten damit eine neue Strukturierung: „The purposes of axial coding are to sort, synthesize, and organize large amounts of data and reassemble them in new ways after open coding“ (Charmaz, 2011, S.60). In Abgrenzung zu den von Glaser (1978) entwickelten Kodierfamilien (S. 74), schlagen Strauss & Corbin (1996) für eine methodische Systematisierung dieses Schrittes ein sogenanntes „Paradigmatisches Modell“ (S. 78) vor. Dieses soll die Zusammenhänge zwischen den Ursachen des zu untersuchenden Phänomens, dessen Kontext, den relevanten intervenierenden Bedingungen, den phänomenbezogenen Handlungen und Strategien sowie deren Konsequenzen (Strübing, 2008, S.26) erhellen. Eine detaillierte inhaltliche Darstellung dieser einzelnen Elemente des Paradigmatischen Modells findet sich u.a. bei Strauss & Corbin (1996, S.78ff). Die von Mühlmeyer-Mentzel & Schürmann (2011) entwickelte visuelle und dynamische Darstellung des von Strauss & Corbin (1996, S.75-93) lediglich textlich beschriebenen Paradigmatischen Modells diente der Orientierung bei der Analyse dieser Studie: 4.6.2.2 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 129 Grafische Darstellung des Paradigmatischen Modells nach Strauss & Corbin (1996, S.96) in Mühlmeyer-Mentzel & Schürmann (2011, Absatz 103). Es ist anzumerken, dass die Daten und ihre Sinnstruktur hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, sie nicht in erster Linie einem bestehenden Organisationsmuster anzupassen sind. Die Möglichkeit der Selbstdarstellung der ihnen inhärenten Logik muss bestehen bleiben. Dazu wurde das oben gezeigte Modell entsprechend der inhaltlichen Aussage der Daten modifiziert. Wie sich dieses konkret in der vorliegenden Arbeit darstellte wird im folgenden Kapitel (4.6.2.3) ausgeführt. Somit wurde das Paradigmatische Modell als heuristische Rahmung verwendet, die dazu dient, Fragen zu beantworten, die an das Phänomen gestellt werden, um dieses erklären zu können. Es diente zudem als effektive Sortierungshilfe und ermöglichte eine übersichtliche und kompakte Darstellung der sehr komplexen Ergebnisse. Diese, zunächst grobe schematische Sortierung der Bezüge von Kategorien um ein Phänomen gilt es nun im nächsten Schritt zu konkretisieren und um das Kernphänomen herum neu zu organisieren. Abbildung 7: 4. Das Forschungsdesign 130 Selektives Kodieren – Die Kernkategorie Im Zuge des ständigen Vergleichens, Kontrastierens und Verwerfens der bereits mithilfe des Paradigmatischen Modells in neue Zusammenhänge gebrachten Kategorien kristallisierten sich mehr und mehr die relevantesten heraus. Nun galt es, diese wiederum zu konzeptualisieren und neu miteinander in Beziehung zu setzen, um heraus zu finden, „how the substantive codes may relate to each other as hypotheses to be integrated into a theory“ (Holton, 2010, S.283). Im Zentrum dieses nun finalen Paradigmatischen Modells und der daraus resultierenden gegenstandsbezogenen Theorie befindet sich auf höherer und abstrakterer Ebene als bisher das Kernphänomen, oder die „Kernkategorie“ (Glaser & Strauss, 1996, S.95), die sich als theoretisch gesättigt darstellt, weil sie keiner weiteren Datenerhebung bedarf. In Zusammenhang mit beispielsweise den Innenkindern kristallisierte sich im Zuge der Analyse mittels der hier vorgestellten methodischen Schritte das Kernphänomen „Draußen Kind sein“ heraus. Die folgende Abbildung zeigt die modifizierte Anwendung des Paradigmatischen Modells nach Mühlmeyer-Mentzel & Schürmann (2011) und dient an dieser Stelle lediglich einer beispielhaften Darstellung der forschungspraktischen Anwendung. Eine ausführliche Diskussion und inhaltliche Beschreibung dieses Modells findet sich im Kapitel 5.1.8.3. Folgendermaßen findet sich die Anwendung des Paradigmatischen Modells bezogen auf die Innenkinder in der vorliegenden Arbeit wieder: 4.6.2.3 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 131 Grafische Darstellung des Paradigmatischen Modells zum Kernphänomen der Kindpersönlichkeiten Abbildung 8: 4. Das Forschungsdesign 132 An dieser Grafik wird die Modifikation des vorgestellten Paradigmatischen Modells für die Persönlichkeitengruppen der Innenkinder deutlich. Es genügte nicht, das aus den Daten hervorgehende Zusammenspiel der intervenierenden Bedingungen mit Hilfe der Modellvorgabe darzustellen. Diese musste im Sinne hinreichend berücksichtigter Datenlogik um zusätzliche Pfeile von den intervenierenden Bedingungen zu den Handlungsstrategien erweitert werden. Die hier vorgestellten methodischen Kodierschritte der Grounded Theory führen, entlang der Einhaltung qualitätssichernder Kriterien, zu einer gegenstandsverankerten Theorie, die in der Lage ist, Handlungen von AkteurInnen in dem anvisierten Forschungsfeld zu erklären und bestenfalls in Zügen voraus zu sagen. Eine so entwickelte Theorie findet ihre schlussendliche Validierung in ihrer zweckmäßigen Anwendbarkeit innerhalb des Feldes, über das sie Aussagen macht. Zu welchen Ergebnissen die beschriebene Methode zur Analyse der erhobenen Daten der vorliegenden Arbeit geführt hat wird im nachfolgenden Kapitel vorgestellt. 4.6 Grounded Theory – Methodologie und Methode 133

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), ehemals Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), gilt als die schwerste bislang bekannte dissoziative Störung. Von ihr betroffene Menschen haben meist in jungen Jahren anhaltende und zerstörerische Gewalt erfahren, sodass ihre Persönlichkeit in viele unterschiedliche Persönlichkeiten zersplittert ist. Genau an diese Menschen richtet die Autorin die Frage nach dem guten Leben. Welche Faktoren fördern es – und was versperrt ihnen den Weg? Eine Annäherung an die komplexen Identitätsstrukturen der Befragten kann dabei nicht nur über eine der verschiedenen Persönlichkeiten gelingen. Durch direkte Ansprache der Alltags-, Kind-, Beschützer- sowie der tätergebundenen Persönlichkeit adressiert die Autorin die verschiedenen Sinnstrukturen innerhalb eines Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung gleichermaßen.