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3. Theoretische Rahmung in:

Bessy Albrecht-Ross

Der Wille zu leben, page 45 - 68

Fragen zum guten Leben bei Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3921-2, ISBN online: 978-3-8288-6730-7, https://doi.org/10.5771/9783828867307-45

Tectum, Baden-Baden
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Theoretische Rahmung Die Frage nach dem guten Leben findet sich als eine der ältesten Fragen der Menschheit bereits in den Schriften der antiken Individualethik wieder (Fenner, 2007). Der griechische Philosoph Aristoteles beispielsweise verstand jedwedes menschliche Handeln als ein Streben nach einem bestimmten Gut oder Ziel (Wolf, 1999, S.11). Der anvisierte Zielpunkt des Handelns erscheint hier bei allen Menschen gleich; es gilt die „Eudaimonia“ (Fenner, 2007, S.17), das gute Leben, welches mit dem Erreichen von Glückseligkeit gleich gesetzt wird, zu erreichen. Trotz unterschiedlichster Erklärungsversuche der verschiedenen philosophischen Epochen bleibt dennoch unklar, was genau es ist – das gute Leben. Einig ist man sich heute lediglich darin, dass die inhaltliche Ausformung eine stets subjektive und individuelle ist (S. 44). Wie aktuell die Frage nach dem guten Leben auch in zeitgenössischen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen ist, zeigt sich an einer Umfrage der Bundesregierung zu dem Thema. Bürgerinnen und Bürger werden derzeit gefragt, was sie unter Lebensqualität in Deutschland verstehen, wie das gute Leben genau zu definieren sei und welche Kriterien (z.B. gute Schulen, ausreichendes Pflegepersonal) dafür ausschlaggebend sind (Bundesregierung, 2014). Auch bei Martha Nussbaum (2000, 2011) findet sich im Rahmen des Konzeptes des Capability Approach und der damit einhergehenden Formulierung einer Gerechtigkeitstheorie die Frage nach dem guten Leben als zentral. Sie entwirft eine spezifische Liste menschlicher Fähigkeiten mit der (politischen) Forderung nach Schaffung von Lebensbedingungen, die es ermöglichen, eben diese Fähigkeiten auszubilden und zu stärken. Bei ihr verschränken sich Politik und Ethik, indem sie zwar einen individualistischen Ansatz verfolgt, bei dem das einzelne Subjekt in seiner Handlungsmacht erscheint (Nussbaum, 2000, S.247) jedoch bei gleichzeitiger Forderung an eine politische Herrschaft, die “es sich zum Ziel setzt, die Ausbildung und Erhaltung 3. 45 der Bedingungen eben jenes guten Leben umfassend zu fördern bzw. zu gewährleisten“ (Nathschläger, 2014, 17 f). Die leitende Fragestellung dieser Arbeit knüpft an die hier deutlich werdende Aktualität dieser Frage an und kontextualisiert sie neu, indem sie nach dem guten Leben speziell von Menschen mit einer DIS fragt. Hierzu finden sich zunehmend Diskussionen in psycho- und traumatherapeutischen Kontexten um Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und das Vergnügen am Leben an sich (Dick, 2011). Der rein medizinische Blick, der psychotherapeutische und andere helfende Berufe als eine Art „seelisches Arzneimittel“ (S. 44) zum Verringern von seelischen Leiden begriffen hat, erscheint mittlerweile als reduktionistisch. Der Nutzen von helfenden Interventionen wird deshalb immer stärker daran gemessen, inwieweit sie zum Erreichen von oder der Annäherung an ein subjektiv definiertes gutes Leben beitragen. Dabei steht ein verändertes Verständnis von (psychischer) Gesundheit im Vordergrund. Diese wird nicht mehr nur unter dem Aspekt der Abwesenheit von Leid diskutiert, sondern zeichnet sich vielmehr durch Elemente wie Wohlbefinden, Selbstakzeptanz, Sinnfindung und wirksame Umweltkontrolle aus (S. 44). Wenngleich diese Diskurse in psychotherapeutischen Kontexten bereits verstärkt zu finden sind, so ist es doch augenscheinlich, dass insbesondere im Zusammenhang mit komplexen Traumaerfahrungen die Auseinandersetzung mit diesen Themen bisher lediglich am Rande geführt wird (Frank, 2011). Möglicherweise fällt es schwer, diese Lebensbereiche bei Menschen mit schweren Gewalterfahrungen zu denken. Und das wohl verstärkt bei jenen, die eine der schwersten dissoziativen Störungen in Form einer DIS vor dem Hintergrund chronischer Traumatisierungen ausgebildet haben. Hier finden sowohl wissenschaftliche als auch gesellschaftliche Diskurse zum größten Teil innerhalb eines pathogen denkenden und behandelnden Umfeldes statt, welches sich auf Diagnostikmanuale bezieht und in defizitären Modellen denkt, bzw. seine Konzentration auf die aus der DIS resultierenden Belastungen und problematische Symptomatik legt. Der Fokus in Verbindung mit dieser Diagnose wird nicht selbstverständlich auf ein gutes Leben oder die intrapsychischen Ressourcen gerichtet, die ein solches ermöglichen. 3. Theoretische Rahmung 46 Dennoch lassen sich Berichte und Selbstdarstellungen von Betroffenen finden (Fischer, 2005; Huber & Frei, 2009; Marya, 1999, 2005), aus denen hervor geht, dass Menschen mit einer DIS sich durchaus in die Lage versetzen können, sich mit der Vergangenheit auf eine konstruktive Weise auseinander zu setzen und trotz möglicher Beeinträchtigungen ein frohes und zufriedenes Leben führen. Aufgrund dessen und einer entsprechenden theoretischen Einbettung in jene aktuelle Fachdiskurse, die sich mit dem Thema gutes Leben und Trauma beschäftigen, nimmt sich diese Arbeit der Frage nach dem guten Leben speziell bei Menschen mit einer DIS an. Bevor diese jedoch ausführlich ausbuchstabiert wird bedarf es einer Kontextualisierung dieser Studie in wissenschaftliche Fachdiskurse, die sich mit dem guten Leben in Verbindung mit Traumaerfahrungen auseinandersetzen. Diese sind leitend sowohl für die forschungspraktische Herangehensweise in Form der konkreten Konzeptualisierung der Fragestellung als auch hinsichtlich der Datenerhebung und -analyse. Im Nachfolgenden wird zunächst dargestellt, wie eine Veränderung des störungsorientierten Blickes aussehen kann, welche konzeptuellen, theoretischen und handlungsorientierten Modelle diesbezüglich entwickelt wurden und in welcher Weise diese die Forschungsarbeit rahmen. Den störungsorientierten Blickwinkel wechseln Die bisherigen Ausführungen rund um die DIS haben sich an der klinischen Psychologie und an den innerhalb dieser Disziplin genutzten Diagnosemanualen orientiert. In diesen wird in erster Linie die Symptomatologie, also die störenden und negativ auffälligen Symptome einer Diagnose fokussiert. Dieser fast naturgemäß anmutende Umstand ignoriert die Tatsache, dass Kanfer und Saslow (1965) bereits vor mehr als 50 Jahren darauf hinwiesen, dass neben störenden Verhaltensaspekten auch immer die Aktivposten und das Ressourcenguthaben von PatientInnen mit zu diagnostizieren seien (Kanfer & Saslow, 1965 in Frank, 2011, S.4). Diese Erweiterung des diagnostischen Blickes soll dazu führen, jenen Faktoren Aufmerksamkeit zu schenken, 3.1 3.1 Den störungsorientierten Blickwinkel wechseln 47 die ein direktes (Wieder-)Erlangen von „Wohlbefinden“ (Frank, 2011, S.4) begünstigen bzw. unterstützen. Nachdem die Psychologie sich im vorangegangenen Jahrhundert vor allem mit negativem Befinden und psychischem Leid beschäftigt hat, zeichnet sich in den letzten Jahrzehnten nun die von Kanfer & Saslow geforderte Abkehr von einem einseitigen Krankheitsmodell ab. Eine Hinwendung zu Gesundheit und positivem Befinden findet vermehrt statt (Mayring, 2007, S.52). Diese Erweiterung des pathologischen Blickes auf menschliches Verhalten wird in der aktuellen fachlichen Psychologiedebatte insbesondere innerhalb der „Positiven Psychologie“ geführt. In den USA ist dieser Forschungs- und Arbeitsbereich der Psychologie bereits etabliert (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000; Linley & Joseph, 2004), in Deutschland finden sich mittlerweile sowohl Netzwerke Positiver Psychologen (ENNP Germany, 2016) als auch verschiedenste wissenschaftliche Anschlüsse an die Positive Psychologie (Esch, 2011; Brandstädter 2011). Martin Seligman (2003), als Mitbegründer dieser Bewegung innerhalb der Psychologie, bringt deren inhaltliche Ausrichtung folgendermaßen auf den Punkt: „Psychology is not just the study of disease, weakness, and damage. It also is the study of happiness, strength, and virtue“ (Seligman, 2003, S.XIV)12. Es ist das erklärte Ziel der Positiven Psychologie, Menschen dabei zu unterstützen, zufriedener und glücklicher zu sein und ihre Talente und Tugenden zu stärken (Frank, 2011). Wright & Lopez (2009) betonen, dass eine der größten Herausforderungen dabei darin besteht, sich einem grundlegenden Denkfehler der Psychologie zu stellen: „In positive psychology, we must challenge a common error of professional psychology, today: making diagnostic, treatment, and policy decisions primarily on deficiencies of the person instead of giving serious consideration to 'deficits' and 'strengths' of both person and environment.“ Die Forderung, Defizite ebenso wie Stärken und Ressourcen sowohl innerhalb eine Person als auch der (psychosozialen) Umgebung zu betrachten, bringt auch Frank (2011) zu der Aufforderung, den Blick- 12 Diesem Anliegen folgend nimmt sich insbesondere die psychologische Glücksforschung (Argyle, 2001) der Herausforderung an, eine einheitliche Theorie des Glücks zu entwickeln und zu etablieren. 3. Theoretische Rahmung 48 winkel nicht nur zu erweitern, sondern ihn grundlegend zu wechseln. Und zwar auf jene Merkmale und Bedingungen, die es Menschen ermöglichen, sich wohl zu fühlen und ein gutes und zufriedenes Leben zu leben (S. 4). Somit befindet sich auch die Psychologie mittlerweile auf der Suche nach den „Orten des guten Lebens“ (Mayring, 2007, S.52). Nun haben sich verschiedene WissenschaftlerInnen diesem erweiterten Blick angenommen und ihn entweder konzeptuell oder theoretisch weiter ausgearbeitet. Als theoretische Rahmung für die vorliegende Arbeit sind diesbezüglich insbesondere die Salutogenese und das Empowerment Konzept, auf welche im Folgenden eingegangen wird, zu nennen. Salutogenese Der amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky veröffentlichte mit seinem Werk „Health, Stress and Coping“ (1979) sein Konzept der Salutogenese und damit einen „signifikant und radikal anderen Ansatz der Erforschung von Gesundheit und Krankheit“ (S. 18) als den der Pathogenese. Der Begriff Salutogenese leitet sich von dem lateinischen Wort salus ab, welches für Gesundheit steht und sich damit am gegen- überliegenden Ende der Pathogenese befindet, die sich wiederum vom griechischen Pathos, dem Leiden und dessen Entstehung ableitet (Sandritter & Beneke, 1981). Als Israeli befand sich Antonovsky zwischen dem Spannungsfeld von Vertreibung und Vernichtung, damit bildet der Entwurf der Salutogenese „in eindrucksvoller Weise seine Suche nach sinnerfüllenden Bewältigungsmöglichkeiten des Menschen ab“ (Lorenz, 2005, S.13). Antonovsky nahm nun nicht mehr die krankmachenden Faktoren in den Fokus, sondern fragte nach Gesundheit und gesunderhaltenden Aspekten, auch und gerade unter Stresseinwirkung. Er prägte damit die Vorstellung eines Gesundheitskontinuums, auf dem sich Menschen befinden. 3.2 3.2 Salutogenese 49 Das Konzept der Salutogenese – Ein Gesundheitskontinuum In einem seiner Forschungsprojekte beschäftigte sich Antonovsky in der Zeit von 1960-1970 mit dem Verhalten von Frauen in der Menopause und ging hierbei davon aus, dass jene Frauen, deren Leib und Leben durch die Schoah bedroht war, wesentlich größere Schwierigkeiten mit dem Eingang in die neue Lebensphase haben müssten (Lorenz, 2005, S.19). Diese Annahme wurde in Teilen bestätigt, eine nicht unerhebliche Anzahl der untersuchten Frauen allerdings hat sich trotz der grauenhaften Erfahrungen recht stabil und problemlos auf die Menopause einstellen können. Diese Entdeckung veranlasste Antonovsky zu der Frage, wie es diesen Frauen trotz der traumatischen Erlebnisse gelungen war, sich an diesen neuen Lebensabschnitt auf solch unproblematische Weise anpassen zu können. In Folge waren die leitenden Fragen, denen Antonovsky in den nachfolgenden Studien nachgegangen ist, die nach den Faktoren, die Gesundheit und Wohlbefinden bei jenen begünstigen, die ein schweres Trauma erlitten haben. Damit wandte er den Blick von der Frage nach krankheitsverursachenden Faktoren, also der pathogenen Denkstruktur ab und führte eine „salutogene“ (Antonovsky, 1997, S.23) Blickrichtung ein. Das salutogene Verständnis plädiert dafür, PatientInnen nicht auf ihre Krankheiten und Leiden zu reduzieren, bzw. ausschließlich diese zu diagnostizieren, sondern sich auf die Frage zu konzentrieren, welche „Coping-Ressourcen“ (Lorenz, 2005, S.26), also Bewältigungsstrategien, dabei hilfreich sind, die Belastungen des Lebens zu bewältigen. Erfolgreiches Bewältigen wird hier als die Aktivierung jener individuellen Möglichkeiten verstanden, die in der jeweiligen Situation angemessen und effektiv sind und nicht zwangsläufig innerhalb der Grenzen der Pathophysiologie zu finden sind: „Wenn man nach effektiver Adaption des Organismus sucht, kann man sich über den postkartesianischen Dualismus hinausbewegen und sich Phantasie, Liebe, Spiel, Bedeutung, Willen und soziale Strukturen ansehen, die die Adaption fördern. Oder, wie ich es am liebsten sage, die Theorien erfolgreichen Copings.“ (Antonovsky, 1997, S.27) Somit steht nicht mehr ein dichotomes Verständnis von Krankheit und Gesundheit im Vordergrund, bei dem ein Mensch in ein entweder/ oder dieser Zustände einsortiert wird. Antonovsky eröffnet vielmehr 3.2.1 3. Theoretische Rahmung 50 das Bild eines multidimensionalen Kontinuums, in dem ein Mensch nie ganz gesund oder ganz krank ist, sondern das jeweilige Element des Einen jederzeit auch in das Andere hinein fließt, ein gesunder Mensch also auch immer kranke Anteile in sich hat und umgekehrt (Grabert, 2009, S.17). Somit begreift Antonovsky Gesundheit weniger als einen vollständigen, absoluten Zustand sondern spricht hier vielmehr von einem individuellen Wohlbefinden, resp. Missempfinden oder Unbehagen als von objektiv anlegbaren Massstäben (Bengel, Strittmatter & Willmann, 1998, S.32). Unter einer Abkehr von der bis dahin mehrheitlichen Meinung, dass spezifische Stressoren (psychische und physische) Störungen hervor rufen, entstand nun eine Theorie, die davon ausgeht, dass Stress nicht grundsätzlich krank macht, sondern vielmehr eine psychophysische Anspannung verursacht. Der Mensch wiederum verfolgt nun das Ziel, diese Anspannung zu lösen. So betrachtet, rückt die „psychologische Komponente individueller Stressverarbeitung bei unterschiedlicher dispositioneller Vulnerabilität in den Vordergrund“ (Lorenz, 2005, S.19). Zudem geht Antonovsky von der grundsätzlichen Annahme einer Heterostase, also Unordnung und einem ständigen psychischen Druck aus, dem ein Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist, so dass die Bewältigung von Stress weniger eine Seltenheit als vielmehr die Normalität darstellt. Und in Folge dessen auch Krankheit, „wie auch immer sie definiert sein mag, keineswegs ein unübliches Ereignis ist“ (Antonovsky, 1997, S.22). Er plädiert somit dafür, Stressoren nicht als etwas zu betrachten, was reduziert und ausgelöscht werden muss, sondern vielmehr als etwas Allgegenwärtiges und die Konsequenzen aus deren Bewältigung nicht notwendigerweise als pathologisch zu beurteilen, sondern als möglicherweise sehr gesund (S. 30). Diesbezüglich merkt Antonovsky zudem an, grundsätzlich nicht von PatientInnen zu sprechen, sondern von Menschen, die sich auf einem Kontinuum befinden und die, so lange ein Hauch von Leben in ihnen ist, sie in einem gewissen Ausmaß auch gesund sind (S. 23). Dennoch stellt er gleichermaßen fest, dass es deutliche Unterschiede in der je individuellen Möglichkeit gibt, mit Stressoren umzugehen. Nicht jede stressreiche Situation wird von jedem Menschen gleich verarbeitet. Diese individuelle Fähigkeit zur Stressverarbeitung nannte Antonovsky den „sense of coherence“ (Antonovsky, 1979, S.160-182), in der deut- 3.2 Salutogenese 51 schen Übersetzung wird vom „Kohärenzgefühl“ (Franke, 1997) gesprochen. Das Kohärenzgefühl – SOC Die jeweilige Ausprägung des sense of coherence (SOC) ist entscheidend für eine gelingende oder auch nicht gelingende Stressbewältigung. Damit liegt der Fokus auf der individuellen Verarbeitungsmöglichkeit und nicht auf einer objektiven Beurteilung, resp. einem vereinfachten Ursache-Wirkungs-Modell von Stressoren. Drei zentrale Komponenten füllen das Kohärenzgefühl aus: Die Verstehbarkeit (1), die Handhabbarkeit (2) und die Bedeutsamkeit (3) (Antonovsky, 1988, S.34). Personen mit einem starken SOC verfügen über eine deutliche Ausprägung dieser Komponenten, die im Folgenden erläutert werden. Die Verstehbarkeit (1) zeichnet sich durch das Ausmaß aus, in welchem ein Mensch interne und externe Stimuli als kognitiv sinnhaft wahrnimmt, als „geordnete, konsistente, strukturierte und klare Information und nicht als Rauschen – chaotisch, ungeordnet, willkürlich, zufällig und unerklärlich“ (Antonovsky, 1988, S.34). Nicht die Erwünschtheit dieser Stimuli ist dabei ausschlaggebend, sondern der Umstand, dass Gewalt, Tod oder traumatische Erfahrungen durchaus eintreten können, aber erklärbar bleiben. Die Handhabbarkeit (2) bezieht sich darauf, dass eine Person wahr nehmen kann, dass geeignete Ressourcen innerhalb oder ausserhalb ihrer Selbst zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, bzw. den Stimuli des Lebens zu begegnen und diese zu bewältigen. Die Bedeutsamkeit (3) versteht Antonovsky als die motivationale Komponente, da sie diejenige ist, die dem Leben einen Sinn verleiht (Antonovsky, 1997, S.35). Im deutschen Raum wird statt von der Bedeutsamkeit auch von der Sinnhaftigkeit (Tameling, 2014, S.59) gesprochen. Sinnhaftigkeit trägt dazu bei, dass eine Bewältigung der Herausforderungen des Lebens als grundsätzlich lohnenswert erachtet wird. Das Leben wird mit Bedeutung und Sinn gefüllt, auch wenn ein Mensch mit Erlebnissen konfrontiert wird, die schmerzhaft oder zerstörerisch sind (Antonovsky, 1997, S.36). Ein spiritueller Glaube kann als ebenso sinnstiftend erlebt werden wie eine sich selbstgestellte Aufgabe im Leben. 3.2.2 3. Theoretische Rahmung 52 Das in dieser Weise inhaltlich gefüllte Kohärenzgefühl versteht Antonovsky als die entscheidende Determinante dafür, wo sich ein Mensch auf dem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit befindet. Es besteht ein dynamischer und wechselseitiger Zusammenhang zwischen den drei Komponenten, die ausschlaggebend für die Ausprägung des SOC sind. Dabei versteht Antonovsky die motivationale Komponente der Bedeutsamkeit als die wichtigste. Ohne sie ist ein hohes Ausmaß an Handhabbarkeit und Verstehbarkeit vermutlich von kurzer Dauer, da dann die Motivation zur Bewältigung der Belastungen nicht ausreichend vorhanden ist (Antonovsky, 1997, S.38). Der Zusammenhang von Kohärenzgefühl und der daraus resultierenden gelingenden oder weniger gelingenden Verarbeitung von Stresszuständen konnte auch in aktuellen Studien weiterhin empirisch bestätigt werden (Grabert, 2009, S.34). Entwicklungstheoretisch ist die Ausbildung des Kohärenzgefühls ab dem 30. Lebensjahr beendet (Antonovsky, 1988, S.91). Die Lebensabschnitte des Säuglingsalters, der Kindheit und der Adoleszenz haben hierbei einen entscheidenden Einfluss. Die hier gemachten Erfahrungen können modifizierenden Einfluss auf die Stärke, bzw. Schwäche des Kohärenzgefühls haben. Lediglich radikale Veränderungen der sozialen und/oder kulturellen Einflüsse oder der strukturellen Lebensbedingungen wie beispielsweise Wohnortwechsel, Veränderung des Familienstandes oder der Beschäftigungsverhältnisse können zu einer Veränderung des SOC führen. Eine Veränderung ist in erster Linie durch jene „Muster von Lebenserfahrungen“ (Antonovsky, 1997, S.117) herbei zu führen, die über mehrere Jahre bestehen, wie Z.B. eine liebevolle Beziehung, langjährige Psychotherapie oder eine neue Arbeit. Auch Interventionen seitens helfender Berufe beurteilt Antonovsky als möglicherweise SOC-fördernd oder -schwächend, insofern sie dafür sorgen, dass ein/e Klient/in die Hilfsangebote „als konsistent erlebt, dass die Belastungen ausgeglichen sind und daß [sic] er [/sie] die Bedeutung versteht“ (Antonovsky, 1997, S.119). Gleichwohl hält Antonovsky die Wirksamkeit solcher Interventionen nur bei lang andauernder Begleitung für möglich. Auf Grundlage seiner Forschungsergebnisse und vor dem Hintergrund seiner wissenschaftlichen Verortung in der Umfrageforschung (Antonovsky, 1997, S.71) legte Antonovsky 1987 eine Skala zur Mes- 3.2 Salutogenese 53 sung des SOC mit 29 Items vor, 11 davon beziehen sich auf die Verstehbarkeit, zehn auf die Handhabbarkeit und acht auf die Bedeutsamkeit (Singer & Brähler, 2007, S.20). Die Skala liegt zusätzlich in einer Kurzfassung von 9 Items (SOC-L9) vor (Schumacher & Brähler, 2004). Die vielfach überprüfte Reliabilität und Validität sowohl der Lang- als auch der Kurzform des Fragebogens findet sich ausführlich dargestellt bei Singer & Brähler (2007). Dennoch schränkt Antonovsky die Nutzung des Fragebogens grundsätzlich ein und weist darauf hin, dass andere Erhebungsverfahren wie beispielsweise qualitative Tiefeninterviews wünschenswert seien, um Differenzierungen in den Ergebnissen zu ermöglichen. Hier verweist er insbesondere auf die von Glaser und Strauss (1967) entwickelte Grounded Theory und „wäre erfreut, wenn ihre Perspektive und ihre Techniken auf die salutogenetische Fragestellung angewendet würde“ (Antonovsky, 1997, S.71). Wie diese forschungsmethodische Empfehlung in der vorliegenden Arbeit umgesetzt wurde und an welche Grenzen insbesondere eine Fragebogenerhebung bei Menschen mit einer DIS stößt, wird im Kapitel 5.3 diskutiert. Zunächst sollen nach einer zusammenfassenden Erörterung der kritischen Diskurse um die Salutogenese die Konsequenzen einer salutogenen Betrachtungsweise auf Menschen mit einer DIS erörtert werden. Kritik am Modell der Salutogenese Schneider (2015) stellt fest, dass die bisherigen Ausarbeitungen des Salutogenese-Konzeptes die Wechselwirkung der gesellschaftlichen und der individuellen Ebene unzureichend beleuchtet haben (S. 176). Faktoren wie Geschlechtszugehörigkeit, soziokulturelle Wurzeln, Bildung oder Schichtzugehörigkeit wurde bisher zu wenig Beachtung bei der Diskussion um die Ausbildung des SOC geschenkt. Bezugnehmend auf den Fragebogen zur Messung des SOC fragt auch Faltermaier (2000) kritisch, ob dieser überhaupt in der Lage sei, die äußerst komplexen Zusammenhänge, die das Kohärenzgefühl beeinflussen, zu erfassen (S. 192). Ein weiterer und äußerst relevanter Kritikpunkt bezieht sich auf die Entwicklungsmöglichkeit des SOC. Höfer (2000) kommentiert Antonovskys Annahme des Kohärenzgefühls als eine recht stabile Persön- 3.2.3 3. Theoretische Rahmung 54 lichkeitseigenschaft als zu statisch. Sie plädiert dafür, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, die die Identitätsarbeit von Subjekten als unabgeschlossen bleiben lassen, noch stärker mit zu denken und damit auch das Kohärenzgefühl als dynamisch und veränderbar im Laufe des Lebens zu betrachten, auch unabhängig von radikalen und langjährigen Veränderungsprozessen (S. 66). Damit wäre eine Modifikation des Verständnisses vom SOC an die Bedingungen einer gesellschaftlichen Realität sich permanent verändernder Lebenswelten anzupassen. Zu diesem Thema ist ein ergänzender und erweiternder Blick auf das Konzept der Resilienz lohnenswert. Das Konzept der Resilienz Sehr zeitnah zu Antonovskys Werk erschien Werners (1971) Veröffentlichung ihrer Langzeitstudie über BewohnerInnen der Insel Kauai und über das auf dieser Grundlage entwickelte Konzept der Resilienz. Die leitenden Fragen für die Forscherin waren fast analog zu denen Antonovsky jene nach gelingender Lebensbewältigung und der Erlangung von Lebenszufriedenheit, hier allerdings mit Fokus auf dem Zusammenleben mit anderen Menschen (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.7). In diesem Zusammenhang ist das Konzept der Resilienz entstanden und wird bis heute weiter entwickelt (ebd.). Resilienz wird verstanden als eine „psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“ (Wustmann, 2004, S.18). Die Interaktionsprozesse von Individuum und Umwelt und die damit einhergehenden Schutz- bzw. Risikofaktoren stehen bei der Resilienz deutlicher als bei der Salutogenese im Fokus (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.10). Ebenso wie die Annahme, dass sich die Widerstandsfähigkeit im Laufe des Lebens eines Menschen verändert und damit eine variable Größe darstellt. So kann ein Mensch im Laufe seines Lebens resiliente Phasen ebenso erleben wie verwundbare. Zudem wird hier davon ausgegangen, dass die Resilienz sich nicht auf alle Lebensbereiche gleichermaßen bezieht. Resiliente Kompetenz in der Schule beispielsweise bedeutet nicht gleichermaßen eine ebensolche Widerstandsfähigkeit in privaten sozialen Beziehungen (S. 11). 3.2.4 3.2 Salutogenese 55 Die Kernannahmen der Modelle Salutogenese und Resilienz sind sich sehr ähnlich, lediglich Akzente werden unterschiedlich gesetzt. Das Salutogenese-Modell setzt wie dargestellt den Schwerpunkt zur Erhaltung von Gesundheit auf Schutzfaktoren in Form von Kohärenz. Das Resilienz-Konzept konzentriert sich mehr auf Prozesse der Anpassung und Bewältigung, ist somit mehr an Methoden (insbesondere in der Prävention) interessiert. Es lässt sich sinnvoll in das Salutogenese- Modell integrieren und kann dieses sinnvoll ergänzen (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.14). Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die bisher diskutierten Konzepte nicht als Beschreibungen einer lediglich individuellen Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben misszuverstehen sind, bei der die jeweilige Person schlicht nicht über genug Widerstandsfähigkeit verfügt, um mit den gemachten Erfahrungen umgehen zu können. Pauline Boss (2008) schreibt dazu: „Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, dass Resilienz des Menschen die einzige Antwort ist. Das entscheidende Kriterium individueller Resilienz ist zwar die persönliche Gesundheit, aber wir müssen auch die Gesundheit der Gesellschaft und Umwelt fördern, in der Menschen gedeihen können.“ (S. 85) Krieg, Gewalt, Armut, Missbrauch von Kindern und andere Formen von Gewalt und Ausbeutung dürfen nicht akzeptiert, bzw. mit den Theorien von Widerstandsfähigkeit und Gesundheitsfaktoren legitimiert werden. Hier gilt es, gesellschaftliche Verantwortung und strukturelle Gegebenheiten, die ein traumatisierendes Umfeld begünstigen, mit zu denken. Diese Aspekte werden in Zusammenhang mit den Analyseergebnissen in den Kapiteln 6.1.4 und 6.1.7 näher beleuchtet. Es stellt sich nun die Frage nach der Passung der Salutogenese mit dem hier fokussierten Interessenbereich DIS. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem vorgestellten salutogenen Blick für das Verständnis von Menschen mit einer DIS? Dieser Frage wendet sich das nachfolgende Kapitel zu. Salutogenese und DIS Die Perspektive der Salutgenese eröffnet wie diskutiert unabhängig von den Erkrankungen eines Menschen den Blick auf dessen gesunde 3.2.5 3. Theoretische Rahmung 56 Anteile und damit auf einen erweiterten Handlungsspielraum. Mehr noch, versteht die Salutogenese die Coping-Strategien eines Menschen bei Stress grundsätzlich als sinnvoll. Somit kann bezugnehmend auf die bisherigen Ausführungen zu Trauma und Dissoziation unter einer salutogenen Prämisse das Ausbilden einer dissoziierten Gesamt-Persönlichkeit als eine angemessene und zudem äußerst effektive (psychophysische) Möglichkeit verstanden werden, vorangegangene traumatische Situationen zu bewältigen. Die in den vorherigen Kapiteln zur Diagnostik vorgestellte Lesart, die die DIS als eine pathologische Störungssymptomatik begreift, kann dadurch erweitert werden, dass die Ausbildung solch massiver Dissoziationen darüber hinaus als eine gesund- und lebenserhaltende Antwort auf eine ungesunde Umwelt begriffen werden kann. Auch Huber (2010) spricht diesbezüglich von einem „Überlebensmechanismus eines extrem gequälten Kindes“ (S. 238). Es wird deutlich, dass die Dissoziation auch hier zunächst eher als ein hilfreicher Mechanismus denn als Störung verstanden wird. So kann der psychopathologische Blick auf die DIS um einen salutogenen erweitert werden, der nicht den Fokus auf die Spaltung der Identität als Störung vornimmt, sondern im Sinne von Bohlen (2010) von einer „Dissoziativen Identitätsstruktur“ spricht. Die Abkürzung DIS ist in diesem Sinne im weiteren Verlauf der Arbeit als Abkürzung für Dissoziative Identitäts Struktur gemeint. Dieses Kürzel stellt hier wie bei Bohlen also nicht weiter die Störung in das Zentrum von Identität, der Fokus wird nun vielmehr auf die Coping-Fähigkeit der Dissoziation gelegt. Das ignoriert keinesfalls mögliche (psychische und/oder physische) Belastungen, die aufgrund der Symptome entstehen können, sondern verändert lediglich den ausschließlich psychopathologischen Störungsblick. Fragen nach individuellen Strategien der Gesundheitsförderung und -erhaltung sowie Gesundheitsressourcen, die Menschen mit einer DIS in sich selbst oder in ihrem sozialen Umfeld zur Verfügung stehen, rücken auf diese Weise deutlicher in den Vordergrund (Grabert, 2009, S.19). Die hier geführte Darstellung und Nachzeichnung eines salutogenen Verständnisses hat wie gezeigt Auswirkungen auf ein theoretisches Verständnis von DIS (nun S = Struktur), was gleichermaßen einen deutlichen Einfluss auf die Fragestellung dieser Studie nimmt. 3.2 Salutogenese 57 Forschungspraktische Konsequenzen – Erhebung des SOC und die Frage nach dem guten Leben Die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Salutogenese führte in der Konsequenz zu der Annahme, dass zumindest eine der zu interviewenden Innenpersonen über einen hohen SOC verfügt, da das Konzept der DIS im salutogenetischen Sinn als effektive Coping-Strategie auf massive Stressoren begriffen wurde. Da dies allerdings nicht im Mittelpunkt des Interesses stand, wurde am Ende jedes Interviews lediglich die Kurzfassung des SOC-L9 Fragebogens, zur Erhebung des Kohärenzgefühls vorgelegt (s. Anhang). Eine Diskussion der Ergebnisse findet sich in Kapitel 5.3. Wesentlich entscheidender war die Auswirkung der vorgestellten theoretischen Rahmung auf die Ausrichtung der Fragestellung. Den (salutogenen) Blick ausschließlich auf die individuellen Gesundheitsstrategien zu legen führte in der Konsequenz dazu, diese Haltung ebenso konsequent in der Fragestellung bei zu behalten. Damit war die Frage nach dem guten Leben und den je individuellen Strategien zur Erhaltung resp. Erlangung von Wohlbefinden eine logische Schlussfolgerung. Nun bleibt trotz der differenzierten Ausarbeitung und den stets weiter führenden Untersuchungen zu Themen der Salutogenese diese dennoch in erster Linie ein theoretisches Konzept, das insbesondere in der klinischen Ressourcendiagnostik in Form von SOC-Fragebogenerhebungen seine Anwendung findet (Brähler, 2008). Somit eröffnete die Salutogenese für die vorliegende Forschung zwar ein erweitertes theoretisches Konstrukt bezüglich der DIS, bot jedoch für die Frage nach Handlungskonsequenzen zu wenig Spielraum. Insbesondere im psychosozialen Bereich finden sich diesbezüglich konzeptualisierte Handlungsstrategien, die innerhalb des Modells der Salutogenese kontextualisiert werden. In diesem Rahmen ist, neben der Salutotherapie (Linden & Weig, 2009), vornehmlich das Empowerment-Konzept (Herriger, 2010) zu nennen, mit dem darin verankerten Verständnis, dass Menschen mit „psychischen Erkrankungen“ in erster Linie als ExpertInnen aus Erfahrung (Freimüller & Wölwer, 2012) wahr zu nehmen und zu behandeln sind. Diese veränderte Haltung nimmt derzeit insbesondere in Psychiatriekontexten immer mehr an Bedeutung zu 3.2.6 3. Theoretische Rahmung 58 (Helfrich, 2013). Wie diese Konzepte sich darstellen und wie sie fruchtbar für die vorliegende Forschung gemacht wurden, wird in den folgenden Kapiteln diskutiert. Empowerment Empowerment als Handlungsstrategie findet zwar in erster Linie in psychosozialen Arbeitsfeldern (Herriger, 2010) Anwendung, doch wenden sich zunehmend auch andere Disziplinen diesem Modell zu. Insbesondere jene, in denen ein Strukturwandel fest zu stellen ist wie generell in der Krankenversorgung, in der nicht mehr die zu versorgende Schäden, vielmehr der Gedanke der Prävention und des Case Management im Vordergrund stehen (Sambale, 2010). Doch auch in Kontexten der Personalführung (Dupont, 2011) und sogar im Tourismusmanagement (Berchtold, 2008) finden Empowerment-Strategien ihre Anwendungsfelder. Was beinhaltet das Empowerment-Konzept nun konkret und wieso erscheint es insbesondere an jenen Stellen sinnvoll, an denen ein Umdenken von der Defizitorientierung hin zu einer Ressourcenstärkung von Menschen unabhängig vom Anwendungsbereich statt findet? Definition Empowerment Die Geburt des Empowerment als „Stärkung der Eigenmacht“ (Knuf & Seibert, 2000, S.18) vollzog sich im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung der schwarzen Minderheitsbevölkerung in den USA der 1950er und 60er Jahre. Das Empowerment-Konzept als eine „neue Kultur des Helfens“ (Herriger, 2010, S.21) legte seinen Fokus erstmals auf die Selbstermächtigung und die Eroberung von Stolz und Selbstbewusstsein in schwarzen Ghettos. Die feministische Bewegung kann mit ihrem Kampf um die Selbstbestimmung der Frauen in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen als zweiter Entstehungsrahmen und einer weiterführenden Professionalisierung der Empowerment-Diskurse verstanden werden (S. 25). Abgesehen von seinem gesamtgesellschaftlichen Nutzen hinsichtlich der individuellen Bewältigung immer komplexer werdender Veränderungsprozesse einer Gesellschaft, die ver- 3.3 3.3.1 3.3 Empowerment 59 mehrt von Offenheit und Individualisierung (Beck, 1986) geprägt ist, gilt das Empowerment-Konzept aktuell als besonders zukunftsweisendes Modell in der Theorie- und Praxisentwicklung für die Arbeit mit Menschen, die unter chronischen psychischen Belastungen leiden (Pankofer, 2000, S.7). Mit Empowerment ist, auf eine kurze Formel gebracht, die Stärkung der salutogenen Ressourcen (Kaimer, 2011, S.101) von Menschen gemeint. Es verfolgt damit einhergehend das Ziel des Abbaus von Strukturen der Entmündigung sowohl in medizinischen als auch in psychosozialen Kontexten (Herriger, 2010, S.31). Hierbei sollen Menschen konkret dabei unterstützt werden, ein Optimum an Kontrolle über das eigene Leben (zurück) zu erlangen, wobei das besonders sensible Gleichgewicht zwischen der Anerkennung bereits vorhandener Ressourcen und einer Bereitstellung von Unterstützung durch psychosoziale HelferInnen gefunden werden soll (Kaimer, 2011, S.102). Der Fokus liegt nunmehr auf den Selbstgestaltungs- und Selbstbewältigungskräften von Menschen, insbesondere von jenen in deprivierenden Lebenssituationen. Nun bedarf eine Veränderung der Perspektive auf Menschen in vermeintlich aussichtslosen Situationen ebenso eines veränderten Verständnisses von professionellen HelferInnen und ExpertInnen (Pankofer, 2000, S.7). Die Kritik an paternalistischen Versorgungs-, Behandlungs- und Betreuungsstrukturen im medizinischen und psychosozialen System hat dazu geführt, neu über die Beziehung von Ärztin-Patient oder Helfer-Klientin Beziehungen nach zu denken (Röh, 2005, S.45). Für Herriger (2010) besteht hier ein Herrschaftsverhältnis einhergehend mit einer von den Professionellen erzeugten „Inszenierung von Hilfebedürftigkeit“ (S. 65). Die Konsequenzen dieser Inszenierung können nach Saleebey (1992) soweit reichen, dass von Außen getroffenen Zuschreibungen subjektivierende Konsequenzen haben können: „Soziale Arbeit, wie so viele andere helfende Berufe auch, hat viele Bestände ihrer Theorie und Praxis auf der Annahme aufgebaut, dass Klienten zu Klienten werden, weil sie Träger von Defiziten, Problemen, Pathologien und Krankheiten sind, dass sie – in kritischem Maße – beschädigt oder schwach sind. (...) Die Sprachformen und Symbolismen der Schwäche oder des Defizits zeichnen das Bild der Klienten in den Augen der anderen, sie konturieren die Selbstwahrnehmung der Klienten.“ (Saleebey 1992, S.3) 3. Theoretische Rahmung 60 Als eine “dehumanising professional practice“ nennt McNamee (2016) diesen Umgang, bei dem professionell Helfende bei allen guten Absichten das Gegenüber dennoch auf anzuwendende diagnostische und therapeutische Interventionen, Techniken und Defizite reduzieren. Damit einhergehend kann es zu einer Rollenzuweisung von Betroffenen kommen, die eine Haltung eines passiven „Hilfe- oder Rezeptempfänger[s]“ (Röh, 2005, S.48) fördert, der/die lediglich darauf wartet, was der Experte oder die Expertin ihm/ihr rät. Aus dieser „erlernten Hilflosigkeit“ (Seligman, 1972) beiderseitig auszusteigen und Menschen zu befähigen sich mit den „somato-psycho-sozialen“ (Röh, 2005, S.55) Belastungen selbstbestimmt auseinander zu setzen sind hier die Ziele des Empowerment-Konzeptes. Dabei stehen die Wünsche nach Selbstbestimmung, Autonomie und einem Lebensgelingen im Vordergrund. Menschen bei der (Wieder-)Entdeckung ihrer eigenen und oftmals verschütteten Stärken zu ermutigen und diesen Prozess auf Augenhöhe zu begleiten sind weitere Anliegen (Pankofer, 2000, S.7). Dabei steht im Vordergrund, dass die Bedingungen bereit gestellt oder erarbeitet werden, welche ein gutes Leben ermöglichen (Röh, 2005, S.131). Das Empowerment-Konzept versteht sich diesbezüglich gerade in jenen Lebenssituationen als anschlussfähig, in denen die Ressourcen und Selbsthilfestrategien der AdressatInnen (sozialer) Hilfe „unter einer Schicht von Abhängigkeit, Resignation und ohnmächtiger Gegenwehr verschüttet“ (Herriger, 2010, S.73) sind und ein gutes Leben nicht mehr denkbar erscheint. Rekurrierend auf die „Philosophie der Menschenstärken“ (Weik, Rapp, Sullivan, & Kisthardt, 1989) wird hier jedoch von einem grundsätzlichen Vertrauen in die Stärke und Lebenskraft des Menschen ausgegangen und von dessen Fähigkeit, sich aus eigener Kraft ein Mehr an Autonomie, Selbstverwirklichung und Lebenssouveränität (Herriger, 2010, S.73) zu erstreiten, um das eigene Leben, wenngleich nicht unmittelbar gut, so doch besser zu gestalten. Somit liegen im Fokus der Aufmerksamkeit nun die Stärken und Fähigkeiten von Menschen gerade in jenen Lebensetappen, die von Schwäche, Verletzlichkeit und Deprivation geprägt sind. Der Schwerpunkt wird auf die Suche nach guten „Lebensräumen und Lebenszukünften“ (Pankofer, 2000, S.7) gelegt, die einen Zugewinn an Autonomie, selbstbestimmter Lebensregie und sozialer Teilhabe bieten und eine langwierige Begleitung durch 3.3 Empowerment 61 das psychosoziale Helfersystem auf die Dauer überflüssig machen. Au- ßerdem wird ein gesamtgesellschaftliches Ziel verfolgt, das darauf ausgerichtet ist, Menschen mit gleichen Interessen und Anliegen zu vernetzen, um mehr demokratische Teilhabe an unterschiedlichsten Orten des Gesundheitssystems zu erlangen (S. 55). Damit werden unterschiedliche Ebenen von Empowerment-Strategien deutlich. Neben der individuellen Ebene, wird Empowerment ebenso auf der Ebene der kollektiven Selbstorganisation, innerhalb institutioneller Strukturen, sowie innerhalb sozialräumlicher Kontexte wie beispielsweise in Stadtteilen verstanden und umgesetzt (Herriger, 2010, S.86-182). Unabhängig von der jeweiligen Ebene wird auf lange Sicht das Ziel verfolgt, auf „entmündigende Expertenurteile“ (Herriger, 2010, S.77) zu verzichten, die von Außen die Definitionsmacht über Lebensprobleme, deren Lösungen sowie die wünschenswerten Lebenszukünfte haben. Das Recht auf die individuelle Definitionsmacht dessen, was ein gutes Leben ausmacht und was möglicherweise mit einem Anders- Sein einhergeht, steht bei der Abkehr von einem Normierungsprinzipes ebenso im Vordergrund wie das offene und machtgleiche Aushandeln von Lebensperspektiven (S. 77). Die NutzerInnen des Hilfesystems, resp. „Betroffene“ werden nun verstärkt als ExpertInnen ihres eigenen Lebens, ihrer Symptome und Lösungsstrategien verstanden. Hierzu finden sich Empfehlungen für konkrete Handlungsstrategien bei Herriger, 2010; Röh, 2005 und Knuf & Seibert, 2000. Auf diesem Grundverständnis aufbauend hat sich zudem ein (Ausbildungs-)Konzept entwickelt, das zu einem neuen Verständnis von professionellem Wissen und Machtverteilung führt. Im Folgenden wird dieses Modell vorgestellt, um dann den Gegenstandsbereich der vorliegenden Arbeit in die hier vorgestellte theoretische Rahmung einzubetten. Expert by experiences Bereits die Sozialpsychiatrie (Wollschläger, 2010) hat sich im Zuge der Psychiatriereform (beginnend mit der Psychiatrieenquete von 1975) der Idee angenommen, Menschen mit psychischer Erkrankung nicht mehr nur als zu behandelndes Objekt zu begreifen. Sie forderte stattdessen eine verstärkte Integration der individuellen Erfahrungen, Er- 3.3.2 3. Theoretische Rahmung 62 kenntnisse und Bewertungen der Betroffenen (Bombosch, Hansen & Blume, 2004, S. 11). Aus diesem Verständnis entstand der Trialog, in dem professionell Tätige (z.B. PsychiaterInnen und SozialarbeiterInnen) sowie Angehörige und Menschen mit psychischer Erkrankung gemeinsam beispielsweise Hilfeplanungen erarbeiten (Freimüller & Wölwer, 2012, S.53). Dennoch blieb im Schwerpunkt auch hier das ExpertInnenwissen ungleich verteilt auf Seiten der Professionellen. Eine Erweiterung des Trialogs ist das aktuell diskutierte Konzept des „expert by experiences“ (Basset & Stickley, 2010, S.4). Dieses Modell, bekannt in der deutschen Übersetzung als „Experten aus eigener Erfahrung“ (Freimüller & Wölwer, 2012, S.46) beinhaltet vorrangig die Unterscheidung in ExpertInnen aufgrund Ausbildung und ExpertInnen aufgrund eigener Erfahrung. Damit wird die vom Empowerment anvisierte Abkehr von der Ungleichverteilung von Wissens- und Definitionsmacht zwischen Hilfesuchendem und HelferInnen bereits sprachlich gefasst. Die Anerkennung der Verteilung von unterschiedlichen Wissensformen steht nun im Vordergrund – zum Einen die des theoretisch angeeigneten und innerhalb der eigenen Profession angewandten Wissens, zum Anderen das Wissen derjenigen, welche eigene Lebenserfahrungen mit Erkrankungen und Krisen gemacht haben: „The doctor maybe considered the expert in terms of education and the experience of implementing that education in practice, doctors can never be fully expert until they have experienced the disease themselves. Thus, there are two experts – one by education and training, the other by experience.“ (Basset & Stickley, 2010, S.4) Hauptanliegen der VertreterInnen dieser Sichtweise ist es, das Wissen der ExpertInnen aus Erfahrung kollektiv nutzbar zu machen und von einem singularen und individuellen „Ich-Wissen“ (Jahnke, 2012, S.48) zu einem breit aufgestellten „Wir-Wissen“ (S. 48) zu gelangen. Dazu bedarf es in erster Linie Selbstreflexivität der eigenen Lebenserfahrungen sowie der Explikationsfähigkeit, diese mitteilen und weiter geben zu können. Diese Fähigkeiten auszubilden und gemachte Erfahrungen mit psychischen Krisen ebenso wie mit den verschiedenen Institutionen innerhalb des Hilfesystems zu teilen und zu professionalisieren ist die Idee einer Ausbildung, die aus einem EU-Projekt entstanden ist und seit 10 Jahren in Deutschland angeboten wird (Sielaff, 2015). Das Ziel einer beruflichen Teilhabe von ExpertInnen aus Erfahrung inner- 3.3 Empowerment 63 halb des psychosozialen Hilfesystems wird hierbei verfolgt. Eine Darstellung der Grenzen und Möglichkeiten dieser Ausbildung aus der Perspektive einer Ex-In Absolventin findet sich bei Jahnke, 2012. Eine europäische Perspektive auf die Ausbildung zeichnen Bethmann & Hilgeböcker (2013) in ihrem Artikel nach, indem sie Erfolge und Hindernisse des Berufseinstiegs der AbsolventInnen in den ersten Arbeitsmarkt vorstellen. Wie findet nun aktuell eine Verknüpfung sowohl der Empowerment-Diskurse als auch den neueren Entwicklungen der expert by experiences Bewegung mit schwer traumatisierten Menschen, die eine DIS ausgebildet haben, statt? Nach einer Übersicht über die bisher geführten Auseinandersetzungen werden die Einflüsse und forschungspraktischen Konsequenzen dieser theoretischen Rahmung auf die vorliegende Arbeit beleuchtet. Empowerment, expert by experiences und DIS Die Förderung von Selbstermächtigung ist insbesondere in psychotherapeutischen Zusammenhängen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen nicht neu, wenngleich der Begriff Empowerment hier wenig genutzt wird (Reddemann, 2011, S.78). Reddemann betont diesbezüglich, dass alle Interventionen, die empowernd sind und damit die Selbstermächtigung stärken, das Erleben von Würde und zudem die Resilienz stärken (S. 74) und somit hilfreich dabei sein können, ein gutes Leben zu leben, bzw. sich zu erstreiten, so es denn ein erklärtes Ziel der KlientInnen ist (S. 18). Auf diesem Verständnis aufbauend sind mittlerweile verstärkt Therapie- und Gruppenarbeitskonzepte entwickelt worden, deren Fokus auf Empowerment und der Förderung salutogener Ressourcen von (schwer) traumatisierten Menschen gerichtet ist. Für den US-amerikanischen Raum ist diesbezüglich das von Harris (1998) entwickelte Trauma Recovery and Empowerment Modell (TREM) für die Arbeit mit traumatisierten Frauen in klinischen Kontexten zu erwähnen. Im deutschsprachigen Raum ist aktuell die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) nach Reddemann (2011) zu nennen, auf der aufbauend Krüger (2015) Manuale speziell für traumatisierte Kinder entwickelt hat (PITT-KID). 3.3.3 3. Theoretische Rahmung 64 Das erklärte Ziel dieser Manuale ist die Förderung von Resilienz und Wohlbefinden- und zwar unabhängig vom individuellen Standort auf dem dissoziativen Kontinuum (Reddemann, 2011, S.250). Somit unterscheidet Reddemann in der Anwendung dieser empowernden Arbeit nicht grundsätzlich zwischen leicht und hoch dissoziativen KlientInnen, wenngleich sie für die Arbeit mit DIS eine Zusatzausbildung empfiehlt, um sich der deutlichen Trennung zwischen den dissoziierten Anteilen bewusst zu werden (S. 255). Dabei stellt sie fest, dass sie früher gegebene Empfehlungen, das Auftreten verschiedener Persönlichkeiten zu ignorieren für überholt hält (S. 252) und empfiehlt vielmehr das Stärken und Empowern eben jener Persönlichkeiten, die gerade anwesend sind (S. 253). Dennoch ist anzumerken, dass die Selbstreflexion der professionellen BegleiterInnen hinsichtlich ihrer Definitions- und Behandlungsmacht in Bezug auf traumatisierte Menschen lediglich marginal, und wenn, dann vornehmlich in feministischen Kontexten (Boothe & Riecher-Rössler, 2013, S.382) diskutiert wird. Hier stehen eine Verarbeitung und Implementierung wichtiger Ergebnisse von Genderforschung in psychotherapeutische Konzepte ebenso wie in wissenschaftliche Diskurse in Deutschland noch weitestgehend aus (S. 391). Im englischsprachigen Raum finden sich weitaus differenzierte und kritischere Diskurse hinsichtlich der Machtverteilung innerhalb helfender Beziehungen (Budryte, Vaughn & Riegg, 2009). Dieser Umstand zeigt sich ebenfalls in der fachlichen Auseinandersetzung mit DIS-ExpertInnen aus eigener Erfahrung. So treten diese auf internationalen Kongressen, beispielsweise der European Society of Trauma and Dissociation (ESTD), nicht nur als schmückendes Beiwerk zum Zeichen der Abkehr von paternalistischen Strukturen auf. Im Gegenteil wird explizit um die Teilnahme von experts by experiences seitens der ESTD aufgerufen (ESTD, 2014 & 2016). Auch innerhalb der fachlichen Diskurse treten DIS-ExpertInnen aus eigener Erfahrung nicht in erster Linie als AnbieterInnen von Selbsthilfe in Erscheinung, sondern bieten, wie beispielsweise in England, Trainingsprogramme für die Zusammenarbeit mit Menschen mit DIS an (FirstPersonPlural, 2015). Die Anfänge eines solchen Strukturwandels deuten sich, wie diskutiert, in Deutschland ebenfalls an und finden auch erste Konsequenzen in dem (Selbst-)Verständnis von Menschen mit einer DIS, was an 3.3 Empowerment 65 etablierten online-Portalen wie beispielsweise Lichtstrahlen e.V. deutlich wird (Lichtstrahlen e.V., 2015). Doch steht eine breit geführte öffentliche, fachliche und wissenschaftliche Diskussion dieser Modelle in diesem Zusammenhang weitestgehend aus. Somit kann die Entscheidung, die hier vorgestellten und diskutierten Konzepte die Forschungsplanung und -durchführung dieser Studie beeinflussen zu lassen, als ein innovativer und notwendiger Schritt hin zur Etablierung eines erweiterten ExpertInnenverständnisses verstanden werden. Wie sich diese Einflüsse konkret darstellen wird im folgenden Kapitel vorgestellt. Forschungspraktische Konsequenzen Der hier vorgestellte theoretische Rahmen hatte wesentlichen Einfluss auf die Planung und insbesondere die Durchführung der Datenerhebung sowie auf den Umgang mit den InterviewpartnerInnen. Unabhängig von einer zusätzlichen Verortung der leitenden Forschungsfrage nach dem guten Leben in dem diskutierten Empowerment-Konzept hatte diese theoretische Rahmung zudem Auswirkungen auf die grundlegende Haltung der Forscherin, mit der Vorbereitung und Durchführung der Datenerhebung angegangen wurde. Diese theoretischen Implikationen hatten zur Folge, dass die InterviewpartnerInnen nicht als psychisch Kranke, sondern vielmehr als ExpertInnen in eigener Sache verstanden wurden und somit forschungsleitend das Interesse an einer Erhebung des fundierten Fachwissens der Menschen mit DIS war. Diese Haltung erforderte eine Herangehensweise, die dem Gegenüber und seinen Kompetenzen respektvoll und achtsam begegnete, ohne die Verletzlichkeit, die ohne Frage bei Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen vorhanden ist, zu ignorieren. Der Fokus wurde auf die Selbstbestimmung und Selbstsorge der InterviewpartnerInnen gelegt, was sich in vielfältiger Weise bei der forschungspraktischen Umsetzung zeigte (vgl. Kapitel 4.2 & 4.3). Somit wurden beispielsweise äußere Bedingungen für die Erhebung nicht seitens der Forscherin im Vorfeld definiert, sondern jeweils von System zu System, bis hin von Persönlichkeit zu Persönlichkeit neu erfragt und ggfs. verhandelt. Zwar wurde hierbei die leitende Fragestellung nach dem guten Leben nicht aus den Augen verloren, doch die Umgebungen, Grenzen und beispielsweise Orte der Gespräche 3.3.4 3. Theoretische Rahmung 66 wurden immer wieder neu besprochen. Ebenso wie die Erhebungsmethode selbst, die von einem vis-a-vis Gespräch, über chats bis hin zu Gedächtnisprotokollen reichte, weil es Persönlichkeiten gab, die zwar über das Thema sprechen wollten, dabei aber das Gesprochene nicht mit einem Diktiergerät aufgezeichnet werden sollte. Es ergab sich ein positives Gesprächsklima, das zwar einen gleichgerichteten Fokus auf die leitenden Forschungsfragen ermöglichte, aber gleichwohl einen Raum eröffnete, sich diesem Thema auf je individuelle Art und Weise zu nähern. Daraus resultierte bei einem Personensystem beispielsweise die Situation, dass sich im Laufe des gemeinsamen Gespräches noch mehr Innenpersonen meldeten, die sich zu dem guten Leben äußern wollten, als ursprünglich miteinander vereinbart, und somit ein umfangreicheres ExpertInnenwissen erfragt werden konnte als zunächst geplant. Welche methodischen Konsequenzen aus diesem Umstand resultieren, wird im Kapitel 4.4 diskutiert. Auch war beispielsweise nicht die Begleitung eines studierten oder anderweitig ausgebildeten Professionellen während der Interviews ausschlaggebend, sondern vielmehr die Entscheidung der Interviewten selbst, wen sie als Unterstützung vor, während und/oder nach dem Interview für sich am hilfreichsten empfanden. In welcher Weise die Erhebung konkret durchgeführt wurde, inwieweit sich die Gratwanderung zwischen einer Haltung, die das Gegenüber als ExpertIn aus eigener Erfahrung wert schätzt ohne dabei ignorant mit der bestehenden Vulnerabilität umzugehen sowohl in der Erhebungsphase als auch in der Analyse wieder fand, wird in den nachfolgenden Kapiteln ausführlich expliziert. Zusammenfassung Wenngleich nun also die Psychologie der Suche nach dem guten Leben und dem Wohlbefinden durchaus ihre Aufmerksamkeit schenkt, so ist die Verbindung insbesondere zu schwer traumatisierten Menschen bisher marginal, zu Menschen mit einer DIS im deutschsprachigen Raum gar nicht zu finden. Zwar ist das erklärte Ziel verschiedener traumatherapeutischer Konzepte eine psychotherapeutische Unterstützung bei der Steigerung des persönlichen Wohlbefindens, doch auch 3.4 3.4 Zusammenfassung 67 diese beziehen sich verstärkt auf traumatisierte Menschen im Allgemeinen und denkt Menschen mit einer DIS mit, führt dies aber lediglich am Rande aus. Eine der Phänomenologie der DIS entsprechende Forschung, die die je subjektive Sichtweise, Strategien und Vorstellungen der einzelnen Innenpersonen, resp. bestimmter Persönlichkeitengruppen hinsichtlich eines guten Lebens erfragt, erscheint als eine Leerstelle und wird mit der vorliegenden Arbeit, wenngleich aufgrund der begrenzten Kapazitäten einer singularen Forschungsarbeit nicht gefüllt, so doch aber in ihren Anfängen ausgeleuchtet werden können. Das Anliegen dieser Arbeit folgt somit der Forderung von Mayring (2007), der für die Psychologie feststellt: „Wir müssen verstärkt auch nach den subjektiven Bedingungen für Wohlbefinden suchen, den vermittelnden intrapsychischen Faktoren, die für Glück und Zufriedenheit verantwortlich sind“ (S. 53). Diesbezüglich sind in dieser Arbeit sowohl deskriptive Beschreibungen als auch narrative Erzählungen hinsichtlich des guten Lebens von Belang. Hierbei wurde die Grounded Theory bei der Erhebung und Auswertung der Daten als methodologische und methodische Rahmung genutzt. Wie die Fragestellung sich nun konkret darstellt, welche forschungsethischen Diskussionen sich aus der Befragung schwer traumatisierter Menschen ergibt, wie diese durchgeführt wurde und wie die Grounded Theory in dieser Arbeit ihre Anwendung fand wird in den nachfolgenden Kapiteln vorgestellt. 3. Theoretische Rahmung 68

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Zusammenfassung

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), ehemals Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), gilt als die schwerste bislang bekannte dissoziative Störung. Von ihr betroffene Menschen haben meist in jungen Jahren anhaltende und zerstörerische Gewalt erfahren, sodass ihre Persönlichkeit in viele unterschiedliche Persönlichkeiten zersplittert ist. Genau an diese Menschen richtet die Autorin die Frage nach dem guten Leben. Welche Faktoren fördern es – und was versperrt ihnen den Weg? Eine Annäherung an die komplexen Identitätsstrukturen der Befragten kann dabei nicht nur über eine der verschiedenen Persönlichkeiten gelingen. Durch direkte Ansprache der Alltags-, Kind-, Beschützer- sowie der tätergebundenen Persönlichkeit adressiert die Autorin die verschiedenen Sinnstrukturen innerhalb eines Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung gleichermaßen.