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6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick in:

Bessy Albrecht-Ross

Der Wille zu leben, page 253 - 306

Fragen zum guten Leben bei Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3921-2, ISBN online: 978-3-8288-6730-7, https://doi.org/10.5771/9783828867307-253

Tectum, Baden-Baden
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Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick Grundsätzlich besteht bei Theoriemodellen wie dem der Daseinsberechtigung die Gefahr der Simplifizierung komplexer psychischer Vorgänge. Kriz (2015) weist diesbezüglich in seinem Artikel zur aktuellen Psychotherapieforschung darauf hin, dass es ein schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen darstellt, innerhalb komplexer psychischer Prozesse nach isolierbaren Wirkfaktoren zu suchen (S. 101). Der Versuch, differenzierte intrapsychische Vorgänge auf ein vereinfachtes Ursache-Wirkung-Modell zu reduzieren kann somit lediglich den Versuch darstellen, vielschichtige Realitäten abzubilden. In diesem Sinn ist die Prüfung der Anschlussfähigkeit solcher Theorien wie der Daseinsberechtigung an bestehende Theorien ebenso relevant wie weitergehende Forschung, die der Validierung und Kritik dieses Modells dient. Somit wird in dem vorliegenden Kapitel die auf Grundlage der Daten entwickelte Theorie in den aktuellen Fachdiskurs eingebettet und gleichermaßen Leerstellen heraus gearbeitet, die einer weiteren wissenschaftlichen Betrachtung bedürfen. Die Daseinsberechtigung steht als das zentrale Phänomen im Fokus der Ergebnisse. Wie sich gezeigt hat, beschreibt sie den Standort, von dem aus erst über ein gutes, bzw. besseres Leben nachgedacht werden kann und beinhaltet das Loslösen von der Du bist nicht – Ich bin nicht Indoktrination ebenso wie das Ringen um das Da-sein der je einzelnen interviewten Persönlichkeiten. Den eigenen Lebens- und Beziehungsraum auszufüllen und zu besetzen mit den je individuellen Bedürfnissen, Wünschen und Lebenserfahrungen erscheint als Grundlage eines guten Lebens. Dabei zeigen sich innere und äußere Konfliktlinien ebenso wie Bedingungen und Handlungsstrategien rund um die Daseinsberechtigung. Die Aspekte Räume und Orte, Menschen im Außen, innere Kommunikation und Kooperation sowie intrapersoneller (Überlebens-)Wille sind hier relevant. Zudem sind als Themen der in- 6. 253 neren Kommunikation und Kooperation, Akzeptanz vs. Verleugnung und Krisenerfahrungen wichtig. Gleichzeitig zeigt sich eine der Daseinsberechtigung immanenten Widersprüchlichkeit, denn die Tatsache der Existenz mehrerer Persönlichkeiten in einem Körper, die jede/r für sich den Anspruch eines (mehr oder weniger) individuell gestalteten Lebens hat, stößt an die Grenzen sozialer, psychologischer und gesellschaftlicher Anerkennung und kann zu Stigmatisierungserfahrungen führen. Darzustellen, wie sich dieses komplexe Zusammenspiel in bereits bestehende Theorien einbetten lässt, wo Aspekte davon anschlussfähig sind und Widerstände in aktuellen Fachdiskursen berühren, ist Anliegen dieses Kapitels. Grundsätzlich findet sich keine äquivalente Theorie, die die Komplexität der hier vorgestellten Daseinsberechtigung abbildet. Doch lassen sich verschiedene Teilaspekte in bestehende theoretische Konstrukte einsortieren. Dabei sind in erster Linie psychotherapeutische Konzepte zu nennen, deren Vorgehen der Forderung nach Daseinsberechtigung entspricht. Diese finden sich jedoch immer wieder mit Rechtfertigungsdiskursen rund um die DIS konfrontiert, die inklusive der Ursachen dafür in diesem Kapitel nachgezeichnet werden. Daran anschließend wird die Anschlussfähigkeit der Ergebnisse dieser Studie an die Motivations- und Volitionsforschung sowie an das Empowerment-Konzept dargestellt, dabei sind Viktimisierungsdiskurse ebenso von Belang wie philosophische Überlegungen zum menschlichen Willen. Daran anschließend werden einzelne Kategorien der Daseinsberechtigung aufgrund ihrer inhaltlichen Nähe zur Salutogenese übersichtlich aufgearbeitet und offene Fragen werden vorgestellt. Abschließend finden sich eine Zusammenfassung aller in diesem Kapitel aufgeworfenen offenen Fragen und ein Ausblick. In der thematischen Darstellung wird analog zu den Ergebnissen zwischen der äußeren und inneren Daseinsberechtigung unterschieden. Diese sind grundsätzlich nicht trennscharf voneinander abzugrenzen, da sich die jeweiligen Faktoren gegenseitig beeinflussen, hemmen und unterstützen können. Auch Martha Nussbaum weist (positivistisch im Sinne von Möglichkeiten) auf diesen Umstand in der Ausformulierung des Capability Approach als einer Theorie der Gerechtigkeit verbunden mit dem Versuch einer Operationalisierung des guten Lebens folgendermaßen hin: “In other words, they are not just abilities residing inside a person 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 254 but also the freedoms or opportunities created by a combination of personal abilities and the political, social and economic environment“ (Nussbaum, 2011, S.20). Doch zugunsten einer systematischen und nachvollziehbaren Aufarbeitung der vielfältigen Diskussions- und Themenstränge, die die Daseinsberechtigung berühren, bietet sich eine analytisch-theoretische Trennung der Ebenen Innen und Außen an, wenngleich die gegenseitige Beeinflussung dieser Ebenen als ein beständig mitschwingender Hintergrunddiskurs in den folgenden Ausführungen deutlich werden wird. Die Daseinsberechtigung im Außen Im Folgenden steht die Einbettung der Daseinsberechtigung in entsprechende Fachdiskurse im Fokus. Hierbei stehen zunächst nicht die intrapersonellen Prozesse eines Personensystems im Zentrum, sondern die mit Hilfe der Bedingungsmatrix (s. S. 148) dargestellten Bezüge zum Außen. Dabei werden zunächst jene Fachdiskurse vorgestellt, die die Daseinsberechtigung der einzelnen Persönlichkeiten in therapeutischen Kontexten in den Fokus nehmen. Wie bereits heraus gearbeitet, sollte insbesondere der psychotherapeutische Kontext einen wertfreien Schutzraum darstellen, in dem die Einzelnen gehört werden und die Möglichkeit bekommen sollten, ihre je eigenen Anliegen zu besprechen. Doch zeigt sich diesbezüglich ein widersprüchliches Bild. Trotz differenziert ausgearbeiteter therapeutischer Konzepte, insbesondere der Ego-State-Therapie, und darauf aufbauender Konzepte der Teile- Arbeit, sowie der validen Diagnose DIS werden Diskurse deutlich, die weitere notwendige (wissenschaftliche) Auseinandersetzungen mit dem Themenfeld komplex traumatisierter Menschen behindern. Wie nun diskutiert die Fachliteratur die Forderungen nach Anerkennung von und der aktive Umgang mit den einzelnen Persönlichkeiten im Sinne der Daseinsberechtigung? Gibts es diesbezüglich (Be-)Handlungsempfehlungen und theoretische Wissensbestände? Wie stellen sich Widerstände und Divergenzen dar und was sind die Ursachen dafür? Neben einer Zusammenfassung der möglichen Gründe findet eine Auseinandersetzung zu den tätergebundenen Persönlichkeiten sowie zu ihrer vermeintlich brisanten Forderung nach Daseinsberechtigung 6.1 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 255 innerhalb dieses Kapitels statt. Diesbezügliche Diskussionen lassen sich zunächst vornehmlich in therapeutischen Bezügen finden. Die Ergebnisse der Studie legen allerdings die Relevanz der Daseinsberechtigung der einzelnen Persönlichkeiten im nahen sozialen Umfeld ebenso nahe: diese bisher lediglich am Rande und vornehmlich innerhalb von Selbsthilfekontexten geführte Diskussion wird ebenfalls nachgezeichnet. Im Anschluss daran findet sich eine Auseinandersetzung hinsichtlich einer potentiellen „Viktimisierung“ (Barry, 1993) komplex traumatisierter Menschen und zeigt darauf aufbauend die Anschlussfähigkeit an Empowerment-Diskurse sowie die diesbezüglichen Grenzen auf. Das multidimensionale Selbst: Ego-State-Therapie und Teile-Arbeit „The ways of thinking evolved by psychiatrists in order to understanding the family as a system will come to be applied in understanding the individual as a system. This will be a fundamental change within the home territory of psychology.“ (Bateson, 1970, S.243) Im Diskurs der postmodernden Subjekttheorien und der aktuellen Selbstkonzeptforschung wird die Annahme einer kohärenten Persönlichkeitsstruktur zunehmend grundlegend in Frage gestellt. Mittlerweile stehen differenzierte Ansätze einer „Multidimensionalitätsannahme“ (Moschner & Dickhäuser, 2010, S. 760) im Vordergrund, wobei davon ausgegangen wird, dass das Selbst vielmehr „netzwerkartig strukturiert ist und je nach Situation verschiedene Aspekte des Selbst in den Vordergrund rücken“ (S. 760). Auch in der Psychotherapieforschung ist die Personalisierung intrapsychischer Dynamiken nicht neu, die therapeutische Arbeit mit einzelnen Persönlichkeitsanteilen ist weder fremd noch ungewöhnlich. Der Grundgedanke eines Selbst, das aus verschiedenen Teilen besteht, wurde im Laufe der Zeit „in verschiedenen Kontexten zu komplexen und differenzierten Systemen der menschlichen Psyche ausgearbeitet“ (Kumbier, 2013, S.103). Dazu zählen u.a. die Transaktionsanalyse (Berne, 1970, 2006) und die Gestalttherapie (Perls, 1976). Auch Richard Schwartz übertrug das Wissen der Systemischen Therapie (Palazzoli, 1996) über familiäre Dynamiken auf die „Innere Familie“ (Schwartz, 1997). Diese Konzepte, die 6.1.1 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 256 von Hesse (2003) zusammenfassend als „Teilearbeit“ (S. 9) bezeichnet werden, implizieren die Annahme, dass die Persönlichkeit eines Menschen grundsätzlich aus mehreren Anteilen zusammengesetzt ist (Fritzsche & Hartman, 2010, S.9). Bei traumatischen Erfahrungen nun verstärkt sich die Spaltung zwischen den verschiedenen Anteilen, wie schon Pierre Janet (1889) fest stellte, als er diesbezüglich den Begriff der Dissoziation einführte (vgl. Kapitel 2.1.1). Sich diesen Erkenntnissen annehmend und zudem rekurrierend auf die psychoanalytisch konnotierte Theorie von Selbstkonzepten nach Paul Federn (1956) erarbeitete John Watkins (1978) eine Theorie von unterschiedlichen Ich-Zuständen innerhalb einer Person. In Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau Helen Watkins entwickelte er darauf aufbauend einen therapeutischen Ansatz und nannte ihn Ego-State- Therapie (Watkins & Watkins, 1997, 2003). Der Begriff Ego-State wird dabei synonym zu den Begriffen „Persönlichkeitsanteil“, „Selbstanteil“ oder „Ich-Zustand“ verstanden (Fritzsche & Hartman, 2010, S.9). Dabei machten Watkins & Watkins keine Unterschiede in der qualitativen Ausprägung dieser Persönlichkeitsabspaltungen und gingen vielmehr davon aus, dass dissoziative Vorgänge stark verbreitet sind und sich auf einem Spektrum von normalen Persönlichkeitsstrukturen bis hin zu Menschen mit einer DIS als Fähigkeit zur Stressverarbeitung wieder finden lassen. Und dass sie zwar in erster Linie zum Schutz der Psyche da sind, aber auch zu intrapersonellen Konflikten führen können, die es zu verstehen und ggfs. zu behandeln gilt. Im Zentrum der therapeutischen Bemühungen der Ego-State-Therapie steht somit zum Einen das Verstehen der einzelnen Persönlichkeitsanteile und zum Anderen das Fördern ihrer Zusammenarbeit. Um mit Hilfe einer gelingenden Kommunikation dieser Anteile innere Konflikte kooperativ und erfolgreich zu lösen (Watkins & Watkins, 1997, S.201).Wesentlich bei dieser Therapieform sind ein aktiver Umgang und die Kontaktaufnahme mit den dissoziierten Anteilen einer Persönlichkeit, sowie, diese „ernst zu nehmen, sie zu respektieren, von ihnen zu lernen und sie zu unterstützen“ (Fritzsche & Hartman, 2010, S.36). Das, was die PatientInnen mitbringen wird nicht mehr „bekämpft, analysierend und womöglich besserwisserisch in Frage gestellt, sondern sorgsam genutzt“ (Reddemann, Vorwort in Watkins & Watkins 2012, S.9). Nicht die psychopathologische Sicht auf Dissoziation steht im Vordergrund, viel- 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 257 mehr wird diese in der psychotherapeutischen Arbeit als kreatives Potential und Fähigkeit verstanden. Dabei geht es darum, diese Ego-States wirkungsvoll und unterstützend mit in die Behandlung einzubeziehen sowie eine Integration zu erzielen, deren Schwerpunkt auf einer funktionierenden Kommunikation liegt: „Das Ziel der Ego-State-Therapie ist die Integration. Ego-State-Therapie definiert die Integration als Zustand, in dem die einzelnen Ego-States in vollständiger Kommunikation miteinander stehen, mentale Inhalte teilen und in harmonischen und kooperativen Beziehungen miteinander existieren.“ (Trenkle in Peichl, 2010, 48 f) Kern der Bemühungen ist hierbei, die divergenten Bedürfnisse und sich widerstreitenden Emotionen den einzelnen Persönlichkeitsanteilen zuordnen zu können und diese „in einen harmonischen Fluss“ (Hesse, 2003, S.17) zu bringen. In Anbetracht des Zusammenhangs von traumatischen Erfahrungen und in Folge dessen psychischen Abspaltungen hat die Anwendung der Ego-State-Therapie, die die so entstandenen Dissoziationen sinnhaft in therapeutische Prozesse mit einbezieht, insbesondere innerhalb der Psychotherapie von traumatisierten Menschen stark an Bedeutung zugenommen. Reddemann (2011) entwickelte diese weiter zu einer psychodynamisch imaginativen Traumatherapie (PITT) für Menschen mit komplexen Traumatisierungen. Hierbei geht sie analog zu Watkins & Watkins davon aus, dass „das Aufspüren von ressourcenvollen States wie die Zuordnung von Belastenden und Unerwünschten zu verschiedenen States“ (S. 111) zu einer deutlichen Entlastung der PatientInnen führen kann. Auch Peichl (2010, 2012, 2013) rekurriert auf die Ego-State-Therapie und baut diese zu einer hypnoanalytischen Teilearbeit weiter aus. Dabei überträgt er seine therapeutischen Erkenntnisse auch auf die Arbeit mit Menschen mit einer DIS (Peichl, 2013, S.113). Es liegt auf der Hand, dass die der Teilearbeit zugrundeliegenden Konzepte der Annahme eines multidimensionalen Selbst insbesondere in der therapeutischen Arbeit mit Menschen mit einer DIS erfolgsversprechend nutzbar zu machen sind. Hinsichtlich der Ausprägung der Dissoziation wird zudem keine wesentlich veränderte Herangehensweise postuliert. Ein Blick auf die aktuelle Fachliteratur zeigt vielmehr, dass das wertschätzende Ansprechen und Auffordern zu einer aktiven 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 258 Mitarbeit der Persönlichkeiten bei Menschen mit einer DIS dem state of the art psychotherapeutischer Behandlung entspricht. Sowohl detaillierte Beschreibungen entsprechender thera peutischer Vorgehen als auch weiterführende theoretische Auseinandersetzungen finden sich u.a. bei Deistler & Vogler, 2002; Howell, 2011; Huber, 2010, 2011, 2013; Kluft, 2006, 2009; Peichl, 2010, 2012, 2013; Reddemann, 2011; Reddemann & Gast, 2011. Unabhängig von methodisch variierenden Herangehensweisen sind sich die AutorInnen der aktuellen Fachliteratur zudem in einem einig: Der erste Schritt in der Auseinandersetzung mit den vielen Persönlichkeiten eines Menschen mit DIS ist der Aufbau einer inneren Kommunikation. Nach dem Aufbau einer tragfähigen und vertrauensvollen Beziehung (Gast, 2011, S.31) strebt auch die therapeutische Arbeit das in der Daseinsberechtigung enthaltene Netzwerken sowie eine gelingende innere Kommunikation und Kooperation als Ziel an. Hierzu wird zunächst beispielsweise ein „mapping“ (Putnam 1986, 2003) durchgeführt, bei dem die KlientInnen zeichnerisch darstellen, welche Persönlichkeiten bekannt und vorhanden sind und welche Funktionen diese im System erfüllen. Um im nächsten Schritt eine Kommunikation zu und zwischen den Persönlichkeiten herstellen zu können. Die Ziele dabei sind, die „unterschiedlichen Bedürfnisse optimal zu regulieren, Zeitpläne zu erstellen, Alternativprogramme zu entwerfen, Beschwichtigungs- und Schiedsverfahren einzuleiten und Time-Out-Regeln auszuhandeln, und zwar so intelligent und kommunikativ, dass sie dann auch im Alltag greifen“ (Hantke, 2011, S.454). Dabei gilt es, eine bessere Wahrnehmung und Kommunikation unter den Persönlichkeiten untereinander anzustreben. Dieses aktive und bewusste Kennenlernen der Einzelnen führt zu dem Ausbau einer stabilen und nach innen kommunizierenden Außenrepräsentanz (S. 453) und vermindert damit Symptome der Dekompensation. An welchen Punkten die Daseinsberechtigung an diese Konzepte der Teile-Arbeit anschlussfähig ist und bestehende Wissensbestände erweitert, wird im Folgenden diskutiert. 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 259 Die Daseinsberechtigung in der Tradition der Teile-Arbeit. Anschlussfähigkeit und Erweiterungen Als erstes Resümee der Übersicht über die bis hierher vorgestellten Diskurse wird die inhaltliche Nähe der Daseinsberechtigung zu den Konzepten der Teile-Arbeit und der Denktradition der Ego-State-Therapie bereits deutlich. Die dezidierte Auseinandersetzung mit den Einzelnen eines Personensystems erweist sich auch in den Ergebnissen dieser Studie als gesundheitsfördernd und den Heilungsprozess stärkend. Dabei werden die Persönlichkeiten als Ressourcen und sinnhafte Bewältigungsstrategien verstanden, die es einzubinden und zu respektieren gilt. Die Daseinsberechtigung und darauf aufbauend das Da-Sein in Form eines wertschätzenden Umgangs sowie der Bereitstellung eines wertfreien und respektvollen Beziehungsraumes steht persönlichkeitenübergreifend im Zentrum der Analyseergebnisse. Sichere Räume und Orte zu schaffen, in denen die Einzelnen ihren Bedürfnissen nach gehen, sich mitteilen können und als Individuen wahr genommen werden ist dabei entscheidend für einen Heilungsprozess. Ergänzend dazu konkretisieren die Ergebnisse dieser Studie das Da-Sein der Einzelnen um die jeweilige spezifische Ausprägung der Daseinsberechtigung. Draußen Kind sein bedeutete dies bei den Innenkindern, ein zentrales Ergebnis. Das Bedürfnis der BeschützerInnen mehr als das zu sein wurde ebenso deutlich wie der Fokus der Alltagspersönlichkeiten darauf, das Netz zu knüpfen. Die Bewegung vom TäterIn-Du zum Ich kristallisierte sich bei den tätergebundenen Persönlichkeiten als die spezifische Ausprägung der Daseinsberechtigung heraus. Die in dieser Studie analytisch aufgearbeiteten Einsichten in die jeweils individuellen Sinnstrukturen stellen ein Novum in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Menschen mit einer DIS dar. Es ist davon auszugehen, dass diese Ergebnisse in Folge zu einem detaillierteren und besseren Verständnis und einer den einzelnen Persönlichkeiten gerechter werdenden Annäherung in psychotherapeutischen und anderen psychosozialen Behandlungskontexten beitragen. In der Konsequenz des Da-Seins der Einzelnen steht nun grundsätzlich weniger das Verschmelzen der Einzelnen zu einer Gesamtpersönlichkeit im Vordergrund, vielmehr sind das Da-Sein der Einzelnen und der Aufbau einer gelingenden inneren Kommunikation und Ko- 6.1.1.1 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 260 operation als Voraussetzungen für eine integrative Zusammenarbeit der einzelnen Persönlichkeiten relevant. An dieser Stelle kann der Definition von Integration im Sinne der Ego-State-Therapie zugestimmt werden (vgl. S.239). Auch diese Studie kommt zu dem Schluss, dass eine auf diese Weise verstandene Zusammenarbeit zum Einen eine konfliktfreiere Daseinsberechtigung der Persönlichkeiten fördert und in Folge einen wesentlichen Beitrag zum guten Leben jedes/r Einzelnen sowie des gesamten Personensystems leisten kann. Zudem weisen die Ergebnisse dieser Studie auf einen entscheidenden intrapsychischen Bereich schwer traumatisierter Menschen hin, der sich elementar auf die Nutzbarmachung von äußeren (ebenso wie inneren) Ressourcen auswirken kann. Bei Seidler (2004) findet sich ebenfalls der Hinweis, dass traumatisierende Gewalteinwirkungen ihre „Spuren in der Physiologie des beschädigten Individuums“ hinterlassen (S. 322). Diese „mental imprints“ (S. 322) als Folge traumatischer Erfahrungen werden in dieser Studie als die vom Subjekt introjizierte Erfahrung des Du bist nicht – Ich bin nicht sprachlich gefasst. Die Intensität der intrapsychischen Verhaftung mit dieser Position kann sich lähmend auf die Handlungsmotivation auswirken, denn das Nutzen einer Daseinsberechtigung setzt zunächst das Bewusstsein davon voraus, dass es dieses Recht gibt. Selbst die fundierteste traumatherapeutische Vorgehensweise einhergehend mit der Einbindung der einzelnen Persönlichkeiten muss sich daher nicht zwangsläufig als hilfreich heraus stellen. Es gilt, das Anerkennen der Du bist nicht – Ich bin nicht Erfahrungen sowohl in psychotherapeutischen Prozessen als entscheidende Einflussfaktoren mit einzubeziehen sowie diese Einflussnahme in die Psychotherapieforschung und der Frage nach ihrer Wirksamkeit entsprechend mit einzubinden. Nun stellt insbesondere die Gruppe der tätergebundenen Persönlichkeiten eine besondere Herausforderung dar. Die vorliegende Studie kommt auch hier zu dem Schluss, dass die Daseinsberechtigung sowie ein wertschätzender und respektvoller Umgang hier ebenso gilt wie das bei allen anderen InterviewpartnerInnen der Fall ist. Der Grad der Verbundenheit mit den realen TäterInnen spielt hierbei keine Rolle, da diesen Persönlichkeiten vielmehr die Möglichkeit einer Entwicklung vom TäterIn-Du zum Ich inhärent ist. Wie dieses Ergebnis sich in ak- 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 261 tuelle Fachdiskurse einbetten lässt und welche Divergenzen sich daraus ergeben diskutiert das nachfolgende Kapitel. Daseinsberechtigung und tätergebundene Persönlichkeiten – Eine brisante Allianz? Täterintrojektionen, die sich bei Menschen mit einer DIS bis hin zu tätergebundenen Persönlichkeiten ausformen, standen lange unter dem Generalverdacht der Schädigung für das gesamte Personensystem (Deistler & Vogler, 2002; Huber, 2011 a, 2013; Peichl, 2013; Putnam, 2003; Ross, 2011, 2012; Watkins & Watkins, 1997, 2012). Bei einem Auftreten dieser Persönlichkeiten in psychotherapeutischen Kontexten wurden sie durchaus als „schreckliche und widerliche dämonenartige Wesen“ (Putnam, 2003, S.245) wahr genommen, deren selbstzerstörerisches Handeln, sowie sie selbst in erster Linie verschwinden sollten. Sie wurden innerhalb therapeutischer Prozesse weg gesperrt, isoliert oder schlicht ignoriert: „Such alters have been locked in internal boxes, exorcised, feared, accused of ongoing participation in satanic human sacrifices..., defined as ´programmed by the cult´, and otherwise hated“ (Ross, 2013). Angesichts der Reproduktionen täterinduzierter Inhalte und der damit einhergehenden schädigenden Verhaltensweisen wie beispielsweise Selbstverletzung, Wiedergabe rechtsextremer Parolen oder positiv konnotierter Aussagen über das (sexualisierte) Benutzen von Kindern erscheint ein solches Vorgehen nachvollziehbar. Selbst bei Watkins & Watkins (2012) findet sich die Empfehlung für eine “bösartige“ (S. 93) Persönlichkeit bei PatientInnen mit einer DIS, diese entweder zu „eliminieren, seinen Einfluss zu reduzieren“ (ebd.) oder aber die Ziele, die sie verfolgt, zugunsten der Gesamtpersönlichkeit zu modifizieren. Was in diesem Zusammenhang eine bösartige Persönlichkeit genau ausmacht bleibt unausgesprochen, doch kann davon ausgegangen werden, dass aufgrund der zunächst zerstörerisch wirkenden Reproduktion täterinduzierter Inhalte tätergebundene Persönlichkeiten diesem Personenkreis hier zuzuordnen sind. Wenngleich Watkins & Watkins (2012) zu jeder Zeit die Erleichterung quälender Symptome ihrer PatientInnen im Blick hatten, war von einem partnerschaftlichen Prozess, der diese Persönlichkeiten demokratisch in den gesamten Entwicklungsprozess des Systems eingebun- 6.1.2 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 262 den hätte, nicht die Rede. Im Gegenteil findet sich eine Fallbeschreibung der „Beseitigung von nicht angepassten, bösartigen oder anachronistischen Ich-Zuständen“ (S. 94). Diesbezüglich weisen die Ergebnisse der vorliegenden Studie hinsichtlich der Daseinsberechtigung auf einen anderen Umgang mit diesen Persönlichkeiten hin. Hier stehen Wertschätzung der überlebenssichernden Leistung dieser Persönlichkeiten und ein aktives, einladendes Zugehen auf sie und ihre Sinnstrukturen im Vordergrund. Ein ähnlicher Ansatz findet sich bei Ross (2013), der in einem Essay über tätergebundene Persönlichkeiten (persecutory alters) eine freundschaftliche Allianz mit ihnen empfiehlt und Abstand nimmt von der Haltung, diese Persönlichkeiten als diejenigen zu sehen, die das Problem in einem Personensystem darstellen: „One of the key interventions is making friends with persecutory alters. Too often these alters have been rejected, devalued, and hurt by the host personality and the referring therapist..... They have been defined as the problem, and usually the host [engl. für Alltags-persönlichkeit] personality regards the alters as the cause of her problems.“ (Ross, 2013) Ross entwickelt in Folge eine Sichtweise, die das Verhalten dieser Persönlichkeiten nicht problematisiert, sondern vielmehr als lösungsorientiert versteht: Aufgabe der TherapeutInnen ist es seines Erachtens, heraus zu finden, welches Problem diese Persönlichkeiten zu lösen versuchen. Um sie in ihrer inneren Logik zu begreifen und ihre Handlungen zu verstehen. Denn, und das bezieht das überlebenswichtige Entstehen der Tätergebundenen ein, „the alters were created, originally, to solve a problem, which was the overwhelming impact of the trauma on the organism's defenses, so they are the solution and not the problem“ (Ross, 2013). Dieser Diskussion folgend schlägt auch Peichl in seinem Praxishandbuch „Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer“ (2013) einen erweiterten Blick auf diese Persönlichkeiten vor und betont den Umstand, dass sie da sind, um „seelisch und körperlich zu überleben“ (S. 77). Weder ihre Eliminierung noch ihre Vernichtung ist von psychotherapeutischer Relevanz. Vielmehr empfiehlt Peichl, die Handlungen dieser Persönlichkeiten als positive Absichten umzudeuten, um in Folge dessen das gesamte Personensystem „von einem Funktionszustand des Bürgerkrieges auf ein Niveau der Verhandlungsstrategien zu 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 263 bringen“ (Peichl, 2013, S.120). Hierfür schlägt er verschiedene Therapiestrategien vor (S. 118ff), dabei folgt er dem Paradigma der Verwandlung eines „Verfolger-Introjekt“ (S. 122) in einen „Helfer-Part“ (S. 122)14. Doch gibt Peichl auch die Grenzen dieser Strategie für traumatische Introjektionen zu bedenken. Er diskutiert dafür zunächst die Ausprägung des dissoziativen Grades aufgrund gewaltvoller „Täter-Implantation“ (Peichl, 2013, S.80). Hierzu sind vertiefend die differenzierten Ausführungen des Ehepaares Vogt (2007, 2012) zu empfehlen, die eine sehr komplexe Theorie über die Regulationszustände der Seele nach wiederholten massiven Traumaeinwirkungen entwickelt haben und u.a. zwischen Introjektions-, Implantat-, Programm- und Dual- States (Vogt, 2012, S.47) unterscheiden. Wobei der Grad der dissoziativen Ausprägung „kategorial in Abhängigkeit vom Traumatisierungsgrad“ (S. 47) ist. Nicht jede dieser auf diese gewaltsame Weise entstandenen Persönlichkeiten ist nach Peichl zugänglich für die Versuche der Verwandlung in einen Verbündeten. Ein Umstand, der seines Erachtens in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der von Vogt diskutierten Ausprägung an Gewalterfahrungen steht. So haben manch „perfide Konditionierungen, Dressurakte mit Reiz-Reaktions-Kopplungen“ (Peichl, 2013, S.122) und anderweitige Gewalttaten psychopathisch krimineller Täter Persönlichkeitsabspaltungen zur Folge, deren gute Absichten nicht mehr erkennbar sind. Doch selbst in diesen Fällen weist Peichl darauf hin, dass die Entstehungsgeschichte dieser einzelnen Teile eine Überlebenssicherung darstellt. Er empfiehlt diesbezüglich eine Herangehensweise, bei der die Botschaft an Persönlichkeiten mit derartigen Erfahrungen und Ansichten keine „geheime Anleitung zur Veränderung“ (S. 123), sondern eine wertschätzende Einladung zum Dialog bei gleichzeitiger Vermeidung von Kampf beinhalten sollte. Es zeigt sich hier die Anschlussfähigkeit der Daseinsberechtigung an Peichls Vorgehen. Unabhängig von ihrem Standort auf dem Kontinuum zwischen TäterIn-Du und Ich stellt eine Bereitstellung eines 14 Ob diese mehr oder weniger verdeckten Behandlungszielen das Ergebnis einer partnerschaftlichen und empowernden Beschäftigung auf Augenhöhe sind oder hier vielmehr ein von außen diktiertes Normalisierungsprinzip für tätergebundene Persönlichkeiten verfolgt wird, wird an Peichls Ausführungen nicht deutlich. 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 264 wertfreien Raums und eine partnerschaftliche Begegnung auf Augenhöhe eine hilfreiche Grundhaltung von Menschen im Außen in der Kontaktaufnahme mit tätergebundenen Persönlichkeiten dar. Die Ergebnisse dieser Studie weisen zudem darauf hin, dass die Daseinsberechtigung einen Veränderungsprozess der Selbst- und Außenwahrnehmung dieser Persönlichkeiten zur Folge haben kann. Offen bleibt allerdings die Frage nach der Entwicklungsfähigkeit in Verbindung mit dem Grad der Abhängigkeit von den TäterInnen, wie sie Peichl anspricht. Auch in dieser Studie zeigte sich das Stabile Du als eine unerschütterliche Verhaftung mit den alten Denk- und Handlungsstrukturen. Dennoch ringen auch diese Persönlichkeiten um einen Raum der Daseinsberechtigung, in dem ihnen Gehör geschenkt wird (vgl. Kapitel 5.1.8.7). Inwieweit das Veränderungspotential, das bei den interviewten tätergebundenen Persönlichkeiten deutlich wurde, auf das begrenzte Sample zurück zu führen ist, kann an dieser Stelle nicht mit Gewissheit fest gestellt werden. Deutlich wird allerdings der Bedarf an weiterer Forschung zu diesen Persönlichkeiten, um die Ergebnisse dieser Studie weiter auszudifferenzieren. Zumal Menschen im Außen diesbezüglich lediglich einen Faktor in einem komplexen Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren darstellen. Auch Huber (2013) folgt in ihrem aktuellen Handbuch zur Psychotherapie mit Täterintrojekten einer Diskussionslinie, die Akzeptanz und Wertschätzung dieser Persönlichkeiten in den Vordergrund stellt und von gewaltvollen Metaphern, die der Vernichtung dienen, abrät (S. 143). Sie schlägt eine Verhandlung vermittelnde und respektvolle Grundhaltung vor, bei der „Wandel durch Annäherung“ (S. 143) das Ziel der psychotherapeutischen Bemühungen darstellt. In einem Interview mit Huber stellt auch Van der Hart (2013) die Relevanz einer wertschätzenden Zusammenarbeit mit den tätergebundenen Persönlichkeiten, von ihm täterimitierende Anteile genannt, für das Gelingen einer Therapie und in Folge dessen eines besseren Lebens heraus: „Es ist unerlässlich, dass die TherapeutIn den täterimitierenden Anteilen hilft, Verbündete des therapeutischen Prozesses zu werden. Gelingt dies, so können sie wesentliche Beiträge zum Gelingen der Therapie leisten; misslingt es, dann können diese Anteile weiterhin die Therapie sabotieren und das Leben der KlientIn sehr unglücklich machen.“ (Van der Hart im Interview mit Huber, 2013, S. 208) 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 265 Sowohl Huber als auch Van der Hart bestätigen damit die Ergebnisse dieser Studie, dass die tätergebundenen ebenso wie alle anderen Persönlichkeiten zu einem guten Leben entscheidend beitragen. Dafür bedarf es einer Daseinsberechtigung, die es ihnen ermöglicht zu sprechen und sich ohne Befürchtung vor möglichen Repressalien zu zeigen. Es wird deutlich, dass, wenngleich lediglich am Rande, so dennoch ein detailliert geführter psychotherapeutischer Fachdiskurs um diese Persönlichkeitengruppe besteht. Um so erstaunlicher ist es, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung rudimentär und wenn, dann vornehmlich in klinisch-quantifizierenden Studien statt findet (Nijenhuis, 2006; Kluft, 2006). Dies hat zur Folge, dass, wenngleich sich insbesondere im psychotherapeutischen Kontext eine Beschäftigung mit Täterintrojekten im Allgemeinen sowie tätergebundenen Persönlichkeiten bei Menschen mit einer DIS im Speziellen finden lässt, der wissenschaftliche Diskurs diesbezüglich eine Leerstelle aufweist. Vogt (2012) weist hier für den therapeutischen Behandlungskontext darauf hin, dass „wir es im hochdissoziativen Komplextraumabereich mit gewaltigen persönlichkeits-psychologischen Zerstörungszuständen zu tun haben, für welche wir dringend geeignete Theorie-, Diagnostik-, und Behandlungsmodelle brauchen“ (Vogt, 2012, S.30). Dieser Forderung folgend gewährt die vorliegende, explorative Studie den so dringend benötigten wissenschaftlich aufgearbeiteten Einblick in die intrapersonellen Sinnstrukturen tätergebundener Persönlichkeiten. Um diese ersten Ansätze für die Entwicklung der psychotherapeutischen Theoriebildung und entsprechender Behandlungskonzepte nutzbar zu machen bedarf es weiterer wissenschaftlicher Auseinandersetzung speziell mit diesem Persönlichkeitenkreis. In Anbetracht der Erfahrungen mit der lediglich eingeschränkten Brauchbarkeit des SOC-L9 Fragebogens bieten sich dafür in erster Linie qualitative Interviews an. Dabei sind forschungsethische Überlegungen von großer Relevanz sowie eine sensible Vorgehensweise, auch bei der Auswahl des Interviewsettings, um einen Zugang zu diesen Persönlichkeiten zu bekommen. Hier ist eine Zusammenarbeit von universitären und expert by experiences ForscherInnen sicherlich erfolgsversprechend, da so verschiedene Wissensbestände für diesen diffizilen Gegenstandsbereich zusammen getragen und für weitere Forschung nutzbar gemacht werden können. 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 266 Nun gibt es unabhängig von derlei noch zu füllenden Leerstellen grundsätzlich für die psychotherapeutische Arbeit mit Menschen mit einer DIS durchaus differenziert ausgearbeitete und erfolgreich angewandte Konzepte (Deistler & Vogler, 2002; Fliß & Igney, 2008; Howell, 2011; Kluft, 2004, 2006, 2009; Putnam, 1986, 2003; Sachsse, 2004). Umso irritierender wirkt die Tatsache, dass sich das Ringen um Daseinsberechtigung auch auf struktureller Ebene als ein Ergebnis der Analyse zeigt. Es finden sich sowohl in den erhobenen Daten, in inoffiziellen Feldgesprächen, als auch in (auto-)biografischer- und Selbsthilfeliteratur zahlreiche Hinweise auf einen Umgang mit einzelnen Persönlichkeiten, der von Ablehnung, Unglauben, Ignoranz bis hin zu Maßnahmen zur Vernichtung Einzelner reicht. Das Ringen um Daseinsberechtigung in psychotherapeutischen Kontexten, sowie innerhalb des psychosozialen Hilfesystems (Betreutes Wohnen, SozialarbeiterInnen, etc.) machen hier einen nicht zu unterschätzenden Anteil dieser Berichte aus und lässt auf einen im Hintergrund divergent geführten Fachdiskurs schließen. Es ist diesbezüglich fest zu stellen, dass sich selbst die Diagnose DIS immer wieder in eine Rechtfertigungsposition hinsichtlich Ihrer Existenz gezwungen sieht und sich auch führende SpezialistInnen dieses Faches mit der Frage nach der Wahrhaftigkeit der DIS und damit einhergehend ihrer täglichen Arbeit auseinander setzen müssen. Viele Persönlichkeiten und deren Daseinsberechtigung – Die DIS im Rechtfertigungsdiskurs Obwohl die vorliegenden Daten, die theoretischen Abhandlungen über Trauma und Dissoziation und die daraus resultierenden entsprechenden psychotherapeutischen Empfehlungen ein aktives Zugehen auf die Einzelnen eines Personensystems und ihre Einbeziehung postulieren, unterliegt dieses Vorgehen ganz offensichtlich keiner Selbstverständlichkeit. Dabei steht weniger die Kritik an der Sinnhaftigkeit der Konzepte, die ein multidimensionales Selbst zu Grunde legen, im Vordergrund, vielmehr entzünden sich fachliche Dispute an der Frage nach der Wahrhaftigkeit und tatsächlichen Existenz der einzelnen Persönlichkeiten (Gast, 2003 a). Die DIS befindet sich immer wieder in einem Rechtfertigungsdiskurs, in dem die Existenz dieser validen Diagnose 6.1.3 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 267 sowohl gesellschaftlich als auch fachlich in Frage gestellt wird. Ironischerweise findet sich somit auf struktureller Ebene das selbe Phänomen wieder, wie auf der individuellen Ebene der einzelnen Persönlichkeiten. Das Ringen um die Daseinsberechtigung der Diagnose an sich steht hier im Mittelpunkt. Beispielhaft werden im Folgenden anhand der Argumentationen dreier prominenter VertreterInnen des Fachs (Sachsse, Kluft und Howell) des Faches diese Konfliktlinien nachgezeichnet. Sachsse (2003) wurde in einem Interview mit der Zeitschrift Gehirn&Geist mit der Frage konfrontiert, ob die Diagnose DIS seines Erachtens eine Notlösung darstelle und ob er an die Existenz einer derartigen Störung glaube (S. 38). Hierzu stellte Sachsse fest, dass eine Richtigkeit von Diagnosen im naturwissenschaftlichen Sinne grundsätzlich nur vermeintlich ist und Wandlungen unterliegt. Sie können sich den vielfältigen Realitäten von Menschen in erster Linie lediglich annähern und heute bestehende Diagnosen werden in einigen Jahren womöglich nicht mehr existieren. Sehr viel wesentlicher erschien ihm der Umstand, ob „ein Konzept therapeutisch hilfreich ist“ (S. 38), was seines Erachtens bei der Diagnose DIS der Fall ist. Auf ihrer Grundlage sind Menschen mit entsprechenden dissoziativen Zuständen nicht nur am besten zu verstehen, sondern auch therapeutisch besser zu behandeln als mit anderen Konzepten (S. 39). Damit nahm Sachsse den Rechtfertigungsdiskurs hinsichtlich der Wahrhaftigkeit der DIS nicht in den Fokus, sondern legte das Gewicht seiner Aussagen auf die Forderung nach bestmöglichen Hilfe- und Unterstützungsangebote für schwer traumatisierte Menschen. Kluft (2006) nimmt sich, wenngleich mit anderer Konnotation, des Rechtfertigungsdiskurses rund um die DIS ebenfalls an und stellt zunächst plakativ fest, dass Menschen, die Viele sind, sich eben dadurch auszeichnen, dass sie mehrere Persönlichkeiten sind: „[...] the personality of a patient with DIS is to have multiple personalities“ (Kluft, 2006, S.282). Damit nimmt er deutlicher als Sachsse Stellung und lässt kein Infragestellen hinsichtlich der Wahrhaftigkeit der DIS zu. Doch auch er bemerkt, dass MitarbeiterInnen des psychosozialen Hilfesystems oftmals diese Tatsache ignorieren oder eine direkte Zusammenarbeit mit den einzelnen Persönlichkeiten verweigern (Kluft, 2006, S.281). Er beobachtet, dass diese Umgangsweise zum Teil so weit 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 268 geht, dass die einzelnen Persönlichkeiten als Hindernis verstanden und möglichst umgangen oder aber lediglich indirekt angesprochen werden: „Such colleagues prefer to understand the alters as obstacles, distractions, or artifacts to be bypassed or surpressed; they may endeavor to address the isues rised by the alters and their activities obliquely, employing allusive circumlocutions but without dealing directly with the alters.“ (Kluft, 2006, S.281) Der Grund für eine solche den fachlichen Empfehlungen zuwider laufende Praxis liegt nach Kluft zum Einen darin begründet, dass diesem Verhalten die Überlegung zugrunde liegt, dass die DIS durch unangemessene therapeutische Beeinflussungen entsteht und das Ignorieren dieser Zustände für ihr Verschwinden sorgt: „[...] it is reasonable to propose that alters have (usually) emerged in response to inappropriate therapeutic pressures, subtle or overt, and if their manifestations do not receive attention, then they will cease to exist“ (S. 281). Ein weiterer Grund liegt seines Erachtens in der Befürchtung der TherapeutInnen vor der Förderung einer insgesamt psychischen Instabilität, wenn sie ihre Konzentration auf einzelne Persönlichkeiten legen. Den Fokus auf die Dissoziation zu legen würde dieser Logik zufolge zu einer Verstärkung eines klinischen Problems führen (S. 281). Dass allerdings das Gegenteil der Fall ist hebt Kluft hervor, indem er ausführt, dass es nicht nur therapeutisch nutzlos ist, sondern sich zudem schädigend auf die KlientenInnen auswirken kann, die einzelnen Persönlichkeiten zu ignorieren: „Therefore, despite the support voiced for treatments that avoid working with the alters in DID, those who follow such plans of action are implicitly following an experimental path that is likely to prove therapeutically futile and may expose the patient to danger and excess morbidity... These approaches deny, dismiss, and disavow the nature of DID phenomenology and the subjective world of the DID patient.“ (Kluft, 2006, S.281) Dieses Vorgehen übergehe nicht nur die Phänomenologie der DIS, so Kluft, zudem kann das Ignorieren der einzelnen Persönlichkeiten retraumatisierende Folgen haben. Er geht davon aus, dass insbesondere Vernachlässigung und Zurückweisung traumatische Erfahrungen sind, die viele DIS PatientInnen gemacht haben (Kluft, 2006, S.295). Nun kann in einem vermeintlich geschützten therapeutischen Rahmen das 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 269 Umgehen der einzelnen Persönlichkeiten zu einer Reinszenierung des traumatischen Erlebens der Zurückweisung und damit zu einer psychischen Instabilität führen (ebd.). Ein problematischer Theorie-Praxis-Transfer wird hier überdeutlich, denn „no substantial scientific literature or major series of successfully treated cases has been published, that describes the definitve psychologic treatment of DID [...] without adressing the alters“ (Kluft, 2006, S. 281). Ganz im Gegenteil gelten gerade die Therapien, die die einzelnen Persönlichkeiten ansprechen und adressieren, als die erfolgreichen. Dies belegt Kluft mit den Ergebnissen einer Längsschnittstudie (Kluft, 1985, 2006), die zu dem Schluss kommt, dass 97% der PatientInnen mit DIS-Diagnose, die in einer klinischen oder therapeutischen Behandlung waren, die nicht direkt mit den Persönlichkeiten gearbeitet hat, nach dieser Behandlung weiterhin den diagnostischen Kriterien einer DIS entsprachen. Im Gegensatz dazu sind erfolgreiche Behandlungen vielmehr jene, die mit den einzelnen Persönlichkeiten direkt arbeiten: „In contrast, available reports of successful treatments have involves therapies in which the alters are adressed“ (Kluft, 2006, S.281 f). Auch Howell (2011) bestätigt Kluft in ihrer aktuellen Veröffentlichung zur Behandlung von Menschen mit einer DIS. Ihr zufolge gehört es zu den üblichen Erfahrungen von Menschen mit einer DIS, dass die einzelnen Persönlichkeiten ignoriert werden oder den PatientInnen schlicht nicht geglaubt wird. Daraus resultiert, dass eine therapeutische Arbeit mit den einzelnen Persönlichkeiten zu den entscheidenden Erfahrungen im Leben von Menschen mit einer DIS führen kann: „In my experience as a DID therapist and a frequent consulting to therapists with dissociative patients, it makes all the difference in the life of a person with DID to have a therapist who can recognize their dissociated parts and work with them.“ (Howell, 2011, S. 16) Erst diese Zusammenarbeit mit den Einzelnen führt zu einer erfolgreichen inneren Kommunikation und Kooperation und damit zu einer Entlastung der KlientInnen, bestätigt Howell. Anhand der nachgezeichneten fachlichen Diskussionen lassen sich zwei Rechtfertigungsdiskurse in Verbindung mit der DIS lokalisieren. Zum Einen wird die Diagnose DIS, resp. das Vorhandensein verschie- 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 270 dener Persönlichkeiten innerhalb eines Körpers in gesellschaftlichen, fachspezifischen ebenso wie wissenschaftlichen Auseinandersetzungen grundsätzlich in Frage gestellt (ein historisch aufbereiteter und interdisziplinärer Überblick dieser Diskurse findet sich bei Hacking, 2001). Zum Anderen wird die therapeutische Vorgehensweise, sich mit den Einzelnen dezidiert zu beschäftigen und diese in die Behandlung mit einzubeziehen kritisch diskutiert bzw. den entsprechenden Empfehlungen innerhalb des psychosozialen Versorgungssystems wird schlicht nicht gefolgt. Wie kommt es dazu, obwohl die Fachdiskurse entsprechend differenziert und ganz im Sinne der Daseinsberechtigung geführt werden, die Diagnose ausreichend validiert ist und die Prävalenz insbesondere im klinischen Bereich nicht unerheblich ist? Welche Gründe lassen sich feststellen, die dieses Phänomen erklären? Das Vergessen der Gesellschaft und das falsche Erinnern der Opfer Igney (2010) zufolge ist ein Problem die „Dialektik des Traumas“ (S. 25), ein strukturelles Phänomen: wertvolle Erkenntnisse über Trauma und Traumaforschung können in Vergessenheit geraten und müssen dann mühsam wieder gefunden werden. Demnach kann nicht zu jeder Zeit auf einen bestehenden Wissensstand zum Themenbereich Trauma und Dissoziation rekurriert werden. Im Gegenteil unterliegen diese Erkenntnisse einem Prozess des Verschüttens, Ausgrabens und wiederholten Verstehens. Igney versteht diese Widersprüchlichkeit als einen Ausdruck gesellschaftlichen Wankens zwischen Verleugnung und Anerkennung einer gewaltausübenden Realität und ihrer Folgen von Traumatisierungen (Igney, 2010, S.25ff). Mit den Gründen für dieses Wanken und dem in Folge dessen immer wieder kehrenden backlash der (Nicht-)Anerkennung massiver Gewalt an Kindern (und Frauen) hat sich vornehmlich die feministische Theorie und Wissenschaft beschäftigt. Eine ausführliche Diskussion und Analyse patriarchaler Machtverhältnisse, die ein solche Dialektik begünstigen findet sich bei u.a. bei Dackweiler, 2002; Deistler & Vogler, 2002; Herman, 1989, 2015; Huber, 2010; Moser, 2007; Rode, 2009; Vielfalt, 2009. Dieser dort einer Analyse unterzogene uneinige und von Konflikten durchzogene gesellschaftliche Prozess hat zur Folge, dass die vielfältigen Gewalterfahrungen von Menschen mit einer DIS zum Teil eine ge- 6.1.4 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 271 sellschaftliche Nicht-Anerkennung erfahren. Diesbezüglich prägte Keilson in Zusammenarbeit mit Sarphatie (1979) den Begriff der sequentiellen Traumatisierung. Rekurrierend auf Untersuchungen kindlicher Traumatisierungen bei jüdischen Kriegswaisen wirken demzufolge nicht nur die ursprünglichen Gewalterfahrungen an sich, sondern auch die „Umstände der gesellschaftlichen (Nicht-)Anerkennung des Unrechts“ (Hensel, 2014, S.29) traumatisierend. Diese Nicht-Anerkennung des Leids und komplexen Traumatisierungen auch bei Menschen mit einer DIS hat zur Folge, dass nicht nur die Ursachen der Diagnose immer wieder gerechtfertigt und validiert werden müssen. Sondern ebenso entsprechende Behandlungskonzepte unter erschwerten Bedingungen Einzug in eine alltägliche Praxis halten. Unterstützt werden diese strukturellen Widerstände von konkret und medial präsenten Vereinigungen wie der False-Memory-Foundation (FMSF). AnhängerInnen dieser Foundation (www.fmsfonline.org) vertreten die Annahme, dass Erinnerungen an sexualisierte Gewalt sowie die daraus resultierende Dissoziative Identitätsstruktur (sowie andere dissoziative Strukturen) durch Suggestion induziert werden und in Folge dessen zu einem False-Memory-Syndrom führen (www.fmsfonline.org/about.html). Hierbei wird davon ausgegangen, dass Erinnerungen an solch gravierende Erfahrungen wie sexualisierter Gewalt in der Kindheit nicht vergessen werden und somit auch nicht wieder erinnert werden können. Und wenn dies dennoch geschieht, dann aufgrund therapeutischer Einflussnahme. Auch die Annahme, dass es organisierte TäterInnenstrukturen gibt, die ihre Opfer bedrohen und aus entsprechenden (religiösen) Kulten, Zuhälter- oder Porno-Ringen ihren (finanziellen) Profit ziehen, wird von der FMSF als „übertrieben und paranoid“ (Eckhardt-Henn & Hoffmann, 2004, S.454) abgetan. Bei den Anhängern der FMSF handelt es sich um zumeist von ihren erwachsenen Kindern des Missbrauchs angeklagte Familien. Diese werden von einer sie unterstützenden Gruppe von WissenschaftlerInnen und JuristInnen begleitet. Die Ziele der FMSF sind die Suche nach den Ursachen für die Verbreitung des False-Memory-Syndroms, hierzu werden insbesondere die Ergebnisse der Gedächtnisforscherin Elisabeth Loftus (1994) genutzt und medial breit gestreut (Eckhardt- Henn & Hoffmann, 2004, S.453). Des Weiteren steht die FMSF dafür ein, das False-Memory-Syndrom zu verhindern und bieten diesbezüg- 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 272 lich Hilfen für Betroffene an, um sich mit ihren Familien auszusöhnen (ebenfalls unter www.fmsfonline.org). Erstaunlicherweise erscheint das von der Vereinigung postulierte Syndrom in keinem der eingangs genannten relevanten Diagnosemanualen. Die Position der FMSF führt vielmehr, insbesondere in den USA, zu „teilweise sehr unwissenschaftlichen, stark emotional gefärbten Auseinandersetzun-gen“ (Eckhardt-Henn & Hoffmann, 2004, S.453), die zu einer deutlichen Beeinträchtigung einer besonnenen und kritischen Forschung führt. Nähere Ausführungen zu den Zielen und inhaltlichen Setzungen der FMSF findet sich auf fmsfonline.org; eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Annahmen führen u.a. Brügge, 1999; Deistler & Vogler, 2002; Gast, 2003, 2003 a; Heiliger, 2000 und Vielfalt e.V., 2009. Eckhardt-Henn & Hoffmann, HerausgeberInnen des Übersichtsbandes zu Dissoziativen Bewusstseinsstörungen (2004) betonen diesbezüglich, dass die Kontroversen um das False-Memory-Syndrom und die damit einhergehenden Sensationsprozessen um falsche Erinnerungen an rituellen Missbrauch „die Wissenschaftlichkeit des Dissoziationskonzeptes potentiell beschädigen“ (S. 6). Das hat zur Folge, dass eine weiterführende Etablierung und wissenschaftliche Auseinandersetzung zu den Themen Trauma, Dissoziation und sexualisierter Gewalt bestenfalls verzögert und schlimmstenfalls blockiert werden. Die daraus resultierende immer wiederkehrende Rechtfertigung auf struktureller Ebene hat zur Konsequenz, dass eine benötigte praktische ebenso wie die theoretische weiterführende Beschäftigung mit der DIS behindert wird. Und, bezogen auf die Daseinsberechtigung, das Bereitstellen der benötigten Räume und Orte für die Einzelnen dadurch blockiert wird, dass diese sich zunächst auf abstrakter Ebene damit auseinander setzen müssen, ob sie überhaupt als existent wahr genommen werden. Dass das wiederum zu einer Blockierung des Erstreitens eines guten Lebens führt, liegt auf der Hand. Hieran wird deutlich, dass die Konfliktlinien um die DIS sowohl die Etablierung hilfreicher Behandlungskonzepte in die psychosoziale Praxis als auch weitere fundierte Forschung einschränken und behindern. Dass diese jedoch notwendig ist, wird deutlich an den Leerstellen, die einer weiterführenden wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Auseinandersetzung bedürfen. Davon werden im Folgenden beispiel- 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 273 haft jene vorgestellt, mit denen diese Studie sowohl im Arbeitsverlauf als auch anhand der Ergebnisse unmittelbar in Berührung kam. Eine Annäherung an die Leerstellen Die Entwicklung einer einheitlichen Terminologie hinsichtlich der Phänomenologie der DIS steht nach wie vor aus, was sich im Verlauf dieser Studie bereits an der schwierigen Begriffsfindung für die tätergebundenen Persönlichkeiten gezeigt hat. Eine weitere zu Verwirrungen führende Auffälligkeit ist, dass der im Amerikanischen genutzte Begriff „alter“ im Deutschen synonym für die einzelnen Persönlichkeiten genutzt wird. Diese unscharfe Bezeichnung ignoriert jedoch einen „so aufwändigen Sachverhalt wie das Bestehen von autonomen Persönlichkeitszuständen“ (Eckhardt-Henn & Hoffmann, 2004, S.7). Wie in dem Kapitel 2.3.1 ausgeführt wurde, finden sich zudem weitere, scheinbar willkürlich und aus völlig unterschiedlichen Schulen adaptierte Begriffe für dieses grundlegende Phänomen der DIS. Dieser derart divergent genutzte Fachterminus weist auf eine noch ungenügende theoretische Aufarbeitung und auf durch weitere Forschung zu füllende Leerstellen hin. Eine weitere stellt, wie bereits in Kapitel 2.2.4 erörtert, die ungenügende Differentialdiagnostik dar. Die Abbildung der dissoziativen Störungen in den aktuellen Manualen erscheint als „unzureichend und teilweise irreführend“ (Eckhardt-Henn & Hoffmann, 2004, S.7). Dies führe zu einer Erschwerung der konzeptuellen Abgrenzung zu anderen dissoziativen Phänomenen und erschwere gleichermaßen das Erkennen einer DIS. Ungenügende Diagnostikwerkzeuge führen zu ungenauen Diagnosen, die wiederum unpassende Behandlungen nach sich ziehen. Wenn die DIS als solche nicht erkannt wird, kann das den Aufbau einer inneren Kommunikation und Kooperation und der Daseinsberechtigung der Einzelnen deutlich blockieren. Einige der InterviewpartnerInnen berichteten diesbezüglich in inoffiziellen Gesprächen darüber, dass sie bereits mindestens drei Diagnosen erhalten hätten, die sich alle als unpassend heraus stellten. Sie wurden jeweils darauf behandelt, allerdings ohne entlastende Wirkung. Nun kann dies sicher keine repräsentative Aussage darstellen, dennoch zeigen sich hier un- 6.1.5 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 274 mittelbare Erfahrungen, die vermutlich eine Folge von ungenügenden differentialdiagnostischen Werkzeugen sind. Sachsse (2003) weist zudem darauf hin, dass es von Vorteil wäre, wenn TherapeutInnen sich einer Vielzahl an therapeutischen Methoden und Diagnosen bedienen könnten. Damit wäre der Gefahr Vorschub geleistet, dass Symptome der PatientInnen lediglich dem Kenntnisstand der TherapeutInnen entsprechend einsortiert werden, ohne dass eine gründliche Differentialdiagnostik durchgeführt worden wäre. Er plädiert insbesondere bei derart komplexen Identitätsstrukturen wie der DIS dafür, „dass Therapeuten flexibel verschiedenste Therapieformen beherrschen. Erst dann sind sie auch innerlich in der Lage, die Vielfalt der Diagnosen zuzulassen“ (Sachsse, 2003, S. 38). Somit bedarf es zum Einen einer weiteren Ausarbeitung der Differentialdiagnostik hinsichtlich der DIS und zum Anderen einer Vermittlung von entsprechenden Wissensbeständen in Ausbildung und Lehre. Howell (2011) diskutiert diesbezüglich, dass es an professionellem (und öffentlichem Wissen) um diesen Themenbereich mangelt: „One of the obstacles is the paucity of accurate professional, as well as public, knowledge about DID“ (S. 16). Eckhardt-Henn (2004) ergänzt diesen Verweis und stellt fest, dass in Folge dessen unzureichend ausgebildete und unerfahrene PsychotherapeutInnen den speziellen Anforderungen hoch dissoziierter Menschen nicht genügen und eine therapeutische oder sozialarbeiterische Zusammenarbeit in Folge „oft unverantwortlich und nicht selten gefährlich ist“ (S. 6). Sicher ist diese ungenügende Ausbildung in Trauma und Dissoziation auch dem Umstand geschuldet, dass bislang eine traumazentrierte Ausbildung in den Bereich der individuell zu organisierenden Weiterbildung fällt. In ihrem Leitlinienreport zu Posttraumatischen Belastungsstörungen plädieren Flatten et al (2013) diesbezüglich angesichts der hohen Prävalenz dissoziativer Persönlichkeitsstrukturen für eine zunehmende Integration der entsprechenden Wissensbestände in die psychologische und ärztliche Ausbildung (S. 33). Die 1988 gegründete Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT), die unter dem internationalen Dach der International Society for Traumatic Stress Studies (ISTSS) eingebunden ist, setzt diesbezüglich wichtige Impulse für Ausbildung, Forschung und weitere Versorgungsnetzwerke (DeGPT, 2016). In Folge ermöglichen zwar mittlerweile eine Vielzahl von Ausbildungsinsti- 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 275 tuten eine von der DeGPT zertifizierte Ausbildung in traumaspezifischer Psychotherapie. Allerdings steht eine standardisierte Integration traumaspezifischer Aspekte sowohl in die universitäre Ausbildung von PsychologInnen als auch in die Weiterbildung zu PsychotherapeutInnen noch aus. Es konnte bislang nachgezeichnet werden, dass die Daseinsberechtigung sich grundsätzlich mit dem state of the art für die Behandlung von dissoziativen Identitätsstrukturen und den theoretischen Diskussionen dieser Behandlung deckt. Zudem konnten diese persönlichkeitenspezifisch weiter ausdifferenziert werden. Dabei ist deutlich geworden, dass in der Konsequenz insbesondere der Blick auf die tätergebundenen Persönlichkeiten erweitert werden konnte. Dennoch zeigten sich auch hier in den Daten Hinweise auf einen Rechtfertigungsdiskurs auf struktureller Ebene. Nicht nur die Daseinsberechtigung der Einzelnen eines Personensystems wird hierbei in Frage gestellt, sondern auch die Diagnose DIS an sich. Mögliche Ursachen dieses Umstandes wurden diesbezüglich ebenso heraus gearbeitet wie auch weitere Leerstellen, die es zu füllen gilt. Doch haben sich die bisherigen Ausführungen und Nachzeichnungen der aktuellen Fachdiskurse und der Widerstände in Bezug auf die Daseinsberechtigung in erster Linie auf therapeutische Behandlungsprozesse und eine Begleitung durch das soziale Hilfesystem insgesamt bezogen. Dabei liegt den bisher diskutierten Beziehungen eine Struktur zugrunde, an der eine hilfebedürftige und eine helfende Person beteiligt sind, wobei bisher nahezu qua natura davon ausgegangen wurde, dass der Mensch mit einer dissoziativen Identitätsstruktur den hilfesuchenden Part besetzt. An dieser Stelle lassen sich auf Grundlage der Daten die Beziehungskonstellationen um einen weiteren wesentlichen Bereich erweitern. Die Ergebnisse der Studie weisen auf die Relevanz der Menschen im Außen auch in nahen sozialen Liebes-, Freundschaftsbeziehungen sowie Bekanntschaften hin, in der eine Beziehung auf Augenhöhe und nicht auf Grundlage von Bedürftigkeit im Vordergrund steht. Nicht nur in therapeutischen und anderweitigen helfenden Beziehungen ist ein offener und wertschätzender Umgang mit den einzelnen Persönlichkeiten eines Personensystems von Bedeutung, sondern ebenso in all jenen sozialen Kontakten, in denen sich einzelne Persönlichkeiten zu erkennen geben (wollen). 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 276 Die Daseinsberechtigung im sozialen Umfeld Die Relevanz des nahen sozialen Umfeldes speziell bei Menschen mit einer DIS findet in der Fachliteratur kaum Erwähnung. Seine Bedeutung wird allenfalls erwähnt im Zusammenhang mit Selbsthilfeliteratur, von der es im deutschsprachigen Raum eine übersichtliche Anzahl von Veröffentlichungen gibt (Boon, Steele & Van der Hart, 2013; Marya, 1999, 2005; Marya & Lindewald, 2009; Schäfer, Rüther & Sachsse, 2009; Striebel, 2008; Vielfalt e.V. 2009) erwähnt. Auch innerhalb von Peergroups, wie beispielsweise Internetforen für Menschen mit einer DIS (vgl. Lichtstrahlen e.V., 2015), werden die Auswirkungen, Herausforderungen und Besonderheiten der DIS innerhalb des nahen sozialen Umfeldes diskutiert. Einen äußerst interessanter und spannender Einblick in die Erfahrungen des direkten Umfeldes von Menschen mit einer DIS findet sich beispielsweise bei Striebel (2008, S. 206-215). Hier berichten PartnerInnen, Vorgesetzte, Außenkinder und FreundInnen von ihren Erlebnissen, dem Zusammenleben und/oder den intimen Beziehungen mit Viele-Menschen. Die Angehörigen weisen zwar im Sinne der Daseinsberechtigung darauf hin, dass jede Persönlichkeit mit Respekt und entsprechend ihres Alters zu behandeln sei: „Wenn ich mit einem Innenkind zu tun habe, behandle ich es wie ein Kind. Man muss jeden ernst nehmen und jeden akzeptieren“ (Eine Arbeitskollegin in Striebel, 2008, S. 210). Trotz ihrer Relevanz für den Heilungs- und Bewältigungsprozess finden sich jedoch auch in einschlägiger Selbsthilfeliteratur lediglich Randkapitel für die Angehörigen. Diesbezüglich ist als einziges deutschsprachiges Selbsthilfebuch, dass sich dezidiert an die PartnerInnen, FreundInnen und BegleiterInnen von Frauen mit einer DIS wendet, „Hand in Hand“ von Sabine Marya (2005) zu nennen. Hier wird der therapeutische Beziehungskontext um den des nahen sozialen Umfeldes der Viele-Menschen erweitert. Marya legt auch bei Freundschaft- und Liebesbeziehungen den Fokus auf einen aktiven und einladenden Umgang mit den einzelnen Persönlichkeiten eines Personensystems. Sie macht auf eindrückliche Weise darauf aufmerksam, dass die Aufspaltung in mehrere Persönlichkeiten einen nicht unbedeutenden Teil der eigenen Identität darstellt. Sie fordert dazu auf, sich mit den Einzelnen einer (in diesem Fall 6.1.6 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 277 weiblichen) Person mit DIS auseinander zu setzen: „Jede Innenperson hat ihre Bedeutung und ihren Platz, mag er auch von außen noch so unbedeutend wirken (....) Eine Ausgrenzung von Innenpersonen würde dazu führen, der Frau das Recht auf einen Teil ihres Seins abzusprechen“ (Marya, 2005, S.65 f). Anschließend an diesen Appell gibt sie konkrete Ratschläge zum Umgang mit den jeweiligen Persönlichkeiten. Bezogen auf die Kindpersönlichkeiten beschreibt sie einen Gewöhnungsprozess für den Partner oder die Begleiterin, sich auf ein Kind in einem erwachsenen Körper einzulassen: „Es ist ein Lernprozess, sich der Anwesenheit von Kindern in diesem Frauenkörper bewusst zu sein und mit ihnen so zu kommunizieren, wie es mit ihnen und für ihr Alter angebracht ist“ (S. 168). Zudem weist Marya darauf hin, dass dieser grundsätzlich respektvolle Umgang mit den Einzelnen einen wesentlichen Beitrag zur Heilung leisten kann: „Es ist Teil der Heilung, dass die Innenpersonen erleben können, dass es im Heute eine andere Form des Umgangs mit ihnen gibt als in der Vergangenheit!“ (S. 50). Dieser Appell bestätigt die der Daseinsberechtigung immanente Kategorie der Erfahrungserweiterung durch Menschen im Au- ßen und die damit einhergehende Ermöglichung neuer und positiver Erfahrungen. Sowohl die Ergebnisse der Studie als auch die Beschäftigung mit einschlägiger Selbsthilfeliteratur legen den Schluss nahe, dass sich die Relevanz der Daseinsberechtigung von einem therapeutischen Kontext auf das nahe soziale Umfeld erweitern lässt. Auch Rüppel (2008) konstatiert, dass das soziale Netzwerk bei der Bewältigung traumatischer Erfahrungen nicht nur einen entscheidenden Faktor, sondern auch zeitlich den größeren Teil darstellt (S. 269). Dennoch lassen sich diesbezügliche Ausführungen lediglich in randnotizartigen Abhandlungen finden. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Wichtigkeit, Wirksamkeit oder Art der Einflussnahme des (nahen) sozialen Umfeldes speziell auf Menschen mit einer DIS findet sich gar nicht. Dieser Umstand verdeutlicht eine bestehende Leerstelle in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und unterstreicht den explorativen und innovativen Charakter der Ergebnisse dieser Studie. Wenngleich die Qualität der Beziehungen innerhalb des nahen sozialen Umfeldes bereits eine andere ist als im therapeutischen Kontexten, so stehen dennoch der Hilfebedarf und die Vulnerabilität von 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 278 Menschen mit DIS nach wie vor im Vordergrund. Die Ergebnisse der Studie weisen allerdings erweiternd darauf hin, dass sich die InterviewpartnerInnen nicht lediglich darauf reduzieren lassen, Überlebende von Gewalt zu sein (vgl. Kapitel 5.1.5.6). Vielmehr wird eine sich der eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusste Selbstwahrnehmung, die einem normativen Opferdiskurs kritisch und reflexiv gegenüber steht, ebenso deutlich. Die Daseinsberechtigung im Empowerment- und Viktimisierungsdiskurs Auch wenn sich innerhalb der bereits rezipierten fachspezifischen Diskurse zur DIS immer wieder der Hinweis auf die Ressourcen, Stärken und Fähigkeiten von Viele-Menschen finden lässt, so liegt der Fokus der Auseinandersetzungen doch zumeist auf dem Unterstützungs- und Hilfebedarf dieser Personengruppe. Dieser ist keinesfalls von der Hand zu weisen, insbesondere nicht angesichts der Tatsache, dass es nach wie vor zu wenige kompetent ausgebildete TraumatherapeutInnen gibt, das psychotherapeutische und klinische Versorgungsangebot ungenügend ist (Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V., 2016) und sich, wie diskutiert, die DIS in aller Regelmäßigkeit in einem Rechtfertigungsdiskurs hinsichtlich ihrer Existenz wieder findet. Die folgenden Überlegungen stellen insofern keine Entweder-Oder-Dichotomie auf, sondern sind ein Plädoyer für eine Integration von Konzepten, die ihren Fokus auf Selbstbestimmung und Lebensstärke richten (vgl. Kapitel 3.3) in die dringend auszubauenden Unterstützungs- und Hilfeangebote für komplex traumatisierte Menschen mit hoch dissoziativen Persönlichkeitsstrukturen. Doch um diesen Schritt zu gehen, bedürfte es zunächst einer kritischen (Selbst-) Reflexion der AkteurInnen innerhalb des psychosozialen Versorgungssystems, welches auf der Annahme einer Spaltung zwischen Opfer und HelferIn, Betroffenheit und Professionalität aufbaut (Moser, 2007, S.64). Dabei erscheint die eine Seite als die handlungsfähige und die andere als die ohnmächtige, hilfebedürftige, traumatisierte und in Folge dessen mit Problemen und Leid behaftete. Diese Spaltung unterliegt der Gefahr, einen Mechanismus zu implizieren, der Opfer von Gewaltsituation auch über das traumatische Ereignis hinaus 6.1.7 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 279 als das handlungsunfähige und hilfebedürftige Subjekte fort schreibt. Die nachträgliche und zusätzliche Schaffung einer solchen Opferrolle bezeichnet die US-amerikanische Soziologin Barry (1993) als „Viktimismus“ (S. 58). Sie versteht darunter zudem die Zuweisung eines Status, der auf einer Fremdbeurteilung der Erfahrungen des Opfers beruht und Gewaltüberlebende auf eben jene traumatische Erlebnisse und auf das damit einhergehende Leiden reduziert. Diesen Überlegungen nimmt sich Becker (2009) in seinem, durchaus kritischen, Artikel über Traumatheorie an und weist darauf hin, dass diese immer auch einen Hinweis auf bestimmte politische Verhältnisse beinhaltet, innerhalb derer Mitgliedern einer Gesellschaft von anderen Mitgliedern schweres Leid angetan wird. Dabei erscheint ihm als Grundsatzfrage, „ob dieses Leid anerkannt wird und ob die Anerkennung etwas am Opferstatus der betreffenden Person ändert oder diesen festschreibt. Aus diesem Blickwinkel hat eine Traumatheorie dann Berechtigung, wenn sie die Viktimisierung nicht nur nicht verschärft, sondern ihr auch potentiell entgegen wirkt.“ (Becker, 2009, S.23f) Um dies zu vermeiden, steht für Becker die Förderung und Anerkennung der Handlungsfähigkeit im Vordergrund, die unter keinen Umständen abgesprochen werden sollte. Je „ohnmächtiger und je verzweifelter Menschen sind, umso wichtiger ist es, dass wir ihr Leid zwar anerkennen, ihnen deshalb aber die Handlungsfähigkeit nicht absprechen“, so Becker (S. 32). Das Anerkennen und Würdigen einer zu jeder Zeit bestehenden potentiellen Handlungsfähigkeit von Menschen erinnert an die bereits geführte forschungsethische Diskussion. Diesbezüglich wurde bereits auf die Gefahr einer Stigmatisierung aufgrund einer normativen Vulnerabilitätsannahme in der Forschung mit schwer traumatisierten Menschen hingewiesen (vgl. Kapitel 4.2.2). Doch wie kann eine helfende Kultur aussehen, die Unterstützungsund Hilfebedarf zur Verfügung stellt, dabei das Leiden nicht ignoriert und gleichzeitig den Opferstatus nicht fort schreibt? Eine Kultur, die den benötigten Bedarf ernst nimmt, (finanzielle und strukturelle) Ressourcen zur Verfügung stellt und dabei die (Fach-)Kompetenz im Sinne der bereits diskutierten expert by experiences (vgl. Kapitel 3.3.2) nicht nur anerkennt sondern fördert und in psychosoziale Hilfesysteme einbindet? Auch Moser (2007) stellt diese Überlegungen an und 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 280 fragt nach der Balance zwischen strukturellen Begrenzungen und einer Grundannahme von Handlungsfähigkeit: „Wie können ethische Grundüberzeugungen, dass niemand ohne Handlungsmöglichkeiten ist, und die Einschränkungen durch Rahmenbedingungen (Bewusstseinslagen, gesellschaftliche und sozioökonomische Strukturen, in Beziehungsgeflechten immer gegebene und nicht notwendiger Weise negative Abhängigkeiten) ausbalanciert werden?“ (Moser, 2007, S.66). Eine Antwort liegt möglicherweise in den zu Beginn dieser Arbeit vorgestellten Konzepten Empowerment, Positive Psychologie und Salutogenese sowie deren Weiterentwicklungen. Die Anschlussfähigkeiten sind vor dem Hintergrund der Diskussionen zur Förderung der Handlungsfähigkeit und Vermeidung von Viktimisierung augenscheinlich. Das Empowermentkonzept sowie der darauf basierende Ansatz des Recovery (also dem Wiedererlangen von Handlungsfähigkeit und -macht) (vgl. Knuf, 2016) sind an dieser Stelle insbesondere für den traumatheoretischen, sozialen und psychotherapeutischen Sektor hervorzuheben15. Diese Verbindung schlägt auch Judith Herman, die sich bereits 1989 mit der deutschsprachigen Ausgabe von „Narben der Gewalt“ für eine selbstbestimmte und die eigenen Stärken in den Vordergrund stellende Begleitung von traumatisierten Menschen einsetzte. Sie wiederholt diese Forderung in einer 2015 aktualisierten Ausgabe ihres erstmals 1992 erschienenen Titels „Trauma and Recovery“. Dort empfiehlt sie Empowermentstrategien in der Zusammenarbeit mit (schwer) traumatisierten Menschen und stellt diese als die wichtigsten Prinzipien auf dem Weg der (Rück-)Gewinnung der eigenen Handlungsmacht und Selbstbestimmung dar. Dabei können andere Menschen diesen Prozess zwar durchaus begleiten, unterstützen oder dabei assistieren, aber sie können keinesfalls heilen (Herman, 2015, S.133). Im Gegenteil, müssen diejenigen, die ihrerseits traumati- 15 Mit Handlungsmacht setzt sich neben den hier genannten Theorien auch das Konzept der Agency nach Lucius-Hoene & Deppermann (2013) auseinander. Das Hauptaugenmerk der aktuellen Forschung zur Agency liegt zwar auf der Ausprägung der Handlungsmacht sozialer Akteure, dabei werden allerdings vornehmlich semantische und grammatikalische Sprachstrukturen von Interviewten hinsichtlich der sprachlichen Repräsentation von Handlungsmacht in ihren Aussagen untersucht. 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 281 sche Erfahrungen gemacht haben, als „the author and arbiter of her own recovery“ (S. 133) verstanden werden. Nun bedarf es an dieser Stelle eines kritischen Hinweises, dass der Appell an die eigene Herrschaft über das Heilen nicht in eine plakative und den Hilfebedarf ignorierende Motivations- und Durchhalteparole im Sinne von „Jede/r ist /ihres seines/ihres Glückes Schmied/in“ umschwenken darf. Becker (2007) eröffnet mit dem Verweis auf die VertreterInnen des posttraumatischen Wachstums (Tedeschi, Park & Calhoun, 1998) diesbezüglich eine kritische Diskussion. Das Konzept des „posttraumatic growth“ (ebd.) konzentriert sich weniger auf die die Psyche eines Menschen zerstörenden Aspekte eines Traumas als vielmehr auf das potentielle Reifen und Wachsen im Anschluss an solche Erfahrungen (Becker, 2007, S.24). Der Fokus liegt hier auf den Ressourcen und Stärken der Seele und darin, sich verstärkt mit Schutzmechanismen zu beschäftigen, die dazu führen, dass manche Menschen stärker und reifer aus Katastrophen hervor gehen (ebd.). Dass dem durchaus so sein kann, zeigt die kraftvolle und beeindruckende Ausstrahlung der InterviewpartnerInnen dieser Studie als auch ihrer Aussagen. Becker weist allerdings darauf hin, dass der ausschließliche Blick auf das Potential zum posttraumatischen Wachstum und damit einhergehend auf die Fähigkeiten und Stärken der (ehemaligen) Opfer die Gefahr impliziert, dass das Schrecken und die Zerstörung zwar überwältigend und umfassend war, aber die Genesung doch nun rasch, effizient und mit dem Ziel einer gestärkten und gesundeten Person erfolgen soll. Ihm erscheinen ressourcenorientierte Konzepte grundsätzlich sinnvoll, diese kommen jedoch dann an ihre Grenzen, wenn mit ihnen „die Legitimität einer Technik beschworen wird, die sich für die Inhalte des Leides der Personen nicht interessiert und versucht sie mechanizistisch von diesen zu befreien und das alle Techniken, die sich für das Leid der Menschen interessieren als ressourcenfeindlich abqualifiziert werden.“ (Becker, 2007, S.25) Becker weist darauf hin, dass Selbstermächtigung, wie es das Empowerment-Konzept anvisiert, durch ausschließlich positive Verstärkung und das Ausklammern von Zerstörung und Leid nicht statt finden kann. Vielmehr muss es um die Anerkennung der ganzen Person gehen und um eine „Nicht-Verleugnung der extremen Dimensionen 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 282 des Unglücks“ (Becker, 2007, S.28). Dabei steht erst im Vordergrund, das erlebte Disempowerment anzuerkennen und emotional zu verstehen, so dass es in der Folge möglich wird, die eigenen Kräfte wieder zu entdecken und nutzbar zu machen. Insbesondere in Zusammenhang mit den tätergebundenen Persönlichkeiten bekommt diese Diskussion zusätzliche Relevanz. Die Möglichkeit der Daseinsberechtigung dieser Persönlichkeiten ist untrennbar mit einem (Sprech-)Raum über und der Anerkennung von den grausamen und traumatischen Erlebnissen verbunden. Es bedarf ZuhörerInnen, die bereit sind, sich diese anzuhören, und sich, im Sinne Beckers, emotional berühren zu lassen. Wie in Kapitel 5.4 zur Reflexion des Forschungsprozesses deutlich geworden ist, kann insbesondere der Kontakt mit dieser Persönlichkeitengruppe das Bedürfnis nach „Nicht-wahr-haben-Wollen“ motivieren und beinhaltet somit das Potential einer sequentiellen Traumatisierung. Die VertreterInnen des Empowerment-Konzepts setzen sich durchaus mit diesem kritischen Hinweis hinsichtlich einer möglicherweise reduktionistischen Arbeitsweise auf Ressourcenaktivierung auseinander und führen hinsichtlich möglicher Begrenzungen dieses Ansatzes entsprechende Diskussionen (Glaser, 2015; Herriger, 2010, S. 216-232; Knuf & Seibert, 2000; Quindel & Pankofer, 2000; Vossebrecher & Jeschke, 2007). Bezogen auf den Gegenstandsbereich dieser Studie wird die diffizile Bewegung zwischen einem adäquaten Hilfeangebot für Menschen mit einer DIS im Sinne der Daseinsberechtigung bei gleichzeitiger Vermeidung der Reduktion auf Opfer und deren potentielle Viktimisierung deutlich. Es bedarf durchaus eines kompetenten, professionellen und vor allem gut informierten sozialen und entsprechend ausgebildeten psychotherapeutischen Netzes, welches die benötigten Räume, Orte und Beziehungsangebote zur Verfügung stellt. Jedoch sollten dessen AkteurInnen angesichts der massiven Gewalterfahrungen von Viele- Menschen nicht der Verlockung nachgeben, diesen auf so kreative Weise Überlebenden nur die Subjektposition eines Opfers und hilfebedürftigen Menschen zuzuschreiben. Nicht der Anspruch einer Verantwortungsübernahme der Heilung von Außen sollte im Vordergrund der unterstützenden Handlungen stehen, als vielmehr eine wohlwollende und stärkende Begleitung auf dem Weg zu einem besseren Leben. Dabei geht es um die gleichzeitige Anerkennung des erfahrenen Leides 6.1 Die Daseinsberechtigung im Außen 283 im Rahmen einer Begegnung auf Augenhöhe mit den einzelnen Persönlichkeiten. Es gilt, dass, wenngleich diese Persönlichkeiten entstanden sind aufgrund der vernichtenden Du bist nicht – Ich bin nicht Erfahrung und damit einhergehend des Verlusts ihres Subjektseins, dieser Umstand nicht unreflektiert und unbedacht fortgeschrieben wird. Moser (2007) fasst diese Grundhaltung zusammen, indem sie die Gleichzeitigkeit dieser Subjektpositionen heraus arbeitet: „Es geht um die Gleichzeitigkeit des Seines-Subjektseins-beraubt-Werdens in Opfer- Situationen und des Kampfes um eben dieses Subjekt-sein“ (Moser, 2007, 66). Zusammenfassung Einbettung der Daseinsberechtigung im Außen in aktuelle Fachdiskurse Es wurde deutlich, dass sich verschiedene Aspekte der Daseinsberechtigung im Außen in aktuelle Fachdiskurse einbetten lassen. Wenngleich es keine äquivalente Theorie gibt, so ist die Anschlussfähigkeit an diverse Konzepte und Diskussionsstränge heraus gearbeitet worden, wobei die Denk- und Behandlungstradition der Ego-State-Therapie am umfassendsten der Forderung nach Daseinsberechtigung der Einzelnen entspricht. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, die Einzelnen eines Personensystems wahr zu nehmen und als individuelle Persönlichkeiten zu behandeln. Auch die diesen Erfahrungen der InterviewpartnerInnen entsprechenden divergenten Umgangsweisen mit ihnen ließen sich in aktuelle Fachdebatten einbetten. Das damit auf struktureller Ebene einhergehende Ringen um Daseinsberechtigung der Diagnose DIS selbst und das daraus folgende Verhindern und Blockieren weiterer dringend benötigter (wissenschaftlicher wie gesellschaftlicher) Auseinandersetzungen mit diesem Themenbereich wurde ebenso nachgezeichnet. Anhand der vorliegenden Daten ergab sich zudem eine kritische Diskussion hinsichtlich einer potentiellen Viktimisierung komplex traumatisierter Menschen und endete mit dem Hinweis der Anschlussfähigkeit und Grenzen von Konzepten, die ihren Fokus auf die Handlungsmacht und Ressourcen legen. Nun legen die Daten dieser Studie unabhängig von dieser komplex geführten Diskussion zudem die Überlegung nahe, dass es eines intrapersonellen Korrespondenzpunktes bedarf, an dem die äußeren Fakto- 6.1.8 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 284 ren gewissermaßen andocken können, um ihre Wirkung zu entfalten. Es zeigt sich, dass die zerstörerischsten Erfahrungen nicht zwangsläufig zur Vernichtung eines eigenen Willens führen. Gleichermaßen können aber ebenso alle Bemühungen des sozialen Umfeldes um das Wiedererlangen der Handlungsfähigkeit und der Selbstbestimmung ins Leere laufen. Intrapersonelle Dynamiken haben hier einen entscheidenden Einfluss sowohl auf die Nutzbarmachung von lebensbejahenden Ressourcen als auch auf das Erkämpfen einer Daseinsberechtigung jenseits der gewaltvollen und vernichtenden Erfahrung des Du bist nicht – Ich bin nicht. Die Daseinsberechtigung im Innen Es haben sich in der Analyse verschiedene, auch innere, Handlungsstrategien heraus kristallisiert (innere Kommunikation und Kooperation, Akzeptanz vs. Verleugnung, Sicherheit und Orte und Räume schaffen, Erkennen und Nutzen der eigenen Handlungsmacht, Überwindung von Nullpunkterfahrungen), die im Sinne der Daseinsberechtigung angewandt werden. Der Aufbau einer inneren Kommunikation und Kooperation zeigt sich diesbezüglich beispielsweise als das primäre Ziel einer persönlichen wie therapeutischen Intervention, um in Folge dessen ein stabiles und miteinander verbundenes Netz ausbilden zu können, was wiederum belastende Dekompensationserfahrungen reduziert. In der Konsequenz werden Kräfte frei gesetzt, die für das Erstreiten eines besseren bzw. eines guten Lebens eingesetzt werden können. Dabei unterscheiden sich die Definitionen dessen, was das gute Leben ausmacht, je nach der interviewten Persönlichkeit und bedarf wiederum des Einsetzens und Nutzens individueller Handlungsstrategien, die u.a. vom Draußen Spielen der Innenkinder bis hin zum Erweitern der eigenen Rolle der BeschützerInnen reichen. Bei der Umsetzung dieser Strategien steht der Wille in mehrfacher Hinsicht im Zentrum. Neben den möglichst förderlichen Rahmenbedingungen für die Daseinsberechtigung im Außen stellt er einen entscheidenden motivationalen Aspekt für zielgerichtete Handlungen dar. Er offenbart sich in den Daten als ein Wille zur Veränderung, der sich bewusst steuern und einsetzen lässt. Neben diesem bewusst steuerbaren Willen zeigt 6.2 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 285 dieser sich auf eine zweite Art: in Form des Ursprünglichen Lebenswillen, der ausschlaggebend für das Überleben war. Wie lassen sich diese Willensstrukturen und die damit einhergehenden motivationalen Faktoren, die zielorientierte Handlungen zur Folge haben, in Modelle bestehender Fachdiskurse einbinden? Über den Willen hinaus zeigen sich weitere intrapersonelle Aspekte, die die Widerstandsfähigkeit der InterviewpartnerInnen gestärkt haben und nach wie vor stärken. Hierbei spielen intellektuelle Erkenntnisprozesse, dass das heutige Leben ein anderes ist als das frühere ebenso eine Rolle wie das Erkennen und Wissen um die eigene Handlungsmacht. Hier erscheinen die salutogenen Faktoren der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit wieder und erweisen sich inhaltlich als anschlussfähig und werden zum Abschluss dieses Kapitels diskutiert. Der Wille zu leben „Wird damit der Wille zum Garanten des sich erfüllenden Lebenssinns?“ (Weinert, 1987, S. 23) Der Wille zeigt sich als ein essenzieller Bereich der intrapersonellen Prozesse in den Daten zunächst insofern, als der Ursprüngliche Lebenswille (vgl. Kapitel 5.1.3.3) zum Überleben beitrug. Doch abgesehen von diesem lebenssichernden Kontext erscheint der Wille zudem als entscheidender Faktor bei der Veränderung von Denken, Fühlen und Handeln, wie das Kapitel „Wille zur Veränderung“ (vgl. Kapitel 5.1.3.5) bereits diskutierte. Zudem stellt er einen wesentlichen motivationalen Aspekt bei der Überwindung der Du bist nicht – Ich bin nicht Botschaft dar um sich auch jenseits der traumatischen Lebenserfahrungen das Recht auf ein gutes Leben zu erstreiten. Grundsätzlich haben sich verschiedene Disziplinen mit dem Willen als einem komplexen psychischen Bereich des Menschen beschäftigt, es finden sich hierzu Ausführungen in der Philosophie, Biologie, Psychologie, Soziologie und aktuell auch in den Neuro-wissenschaften. Es empfehlen sich diesbezüglich die interdisziplinären Beiträge bei Petzold (2001) und Petzold & Sieper (2003, 2004), eine Nachzeichnung der historischen Entwicklung des Willensbegriffs findet sich bei Heckhausen (1987). Dieses Kapitel wird sich nun auf die Daseinsberechti- 6.2.1 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 286 gung konzentrieren und der Frage nachgehen, inwieweit diese sich innerhalb der Diskurse zum Wille kontextualisieren lässt. In diesem konkreten Zusammenhang bieten sich vornehmlich einige der Auseinandersetzungen zu dem Thema innerhalb der Psychologie und Philosophie an. Folgt man den Ausführungen bei Weinert (1987), erscheint der Wille zunächst als Motivation, um einen Widerstand zu überwinden und eine Handlung auszuführen. Er kann in diesem Zusammenhang als eine Kraft verstanden werden, die in die Lage zur Bewegung versetzt: „Der Wille, der seinen Ursprung in sich selbst hat, wurde zur Kraft, die etwas bewegt, verändert und überwindet“ (S. 13). Damit wird der Wille analog zu dem Ursprünglichen Lebenswillen und dem Willen zur Veränderung als ein der Person inhärenter Bereich verstanden. In Zusammenhang mit den Ergebnissen dieser Studie kann der Wille somit als eine Kraft im Sinne einer Motivation verstanden werden, um sich ein besseres Leben zu erstreiten und Lebenskrisen zu überwinden. Bei genauerer Betrachtung erweist sich der Wille jedoch gleichermaßen als eine Fähigkeit. Er repräsentiert nicht nur eine Handlungsmöglichkeit, sondern erfordert ebenso eine Bemühung, wenn sie wirksam sein will. Der Wille impliziert zudem ein Können, so dass „die Person als Ursprung und Akteur des Wollens in ihrer Leibhaftigkeit auch das Selber-Können des Wollens (im Wortsinne) verkörpert“ [Hervorhebungen im Original] (Graumann, 1987, S.57). Es bedarf einer Kraftanstrengung, das Wollen in eine Tat umzusetzen und den Wunsch in eine zielführende Handlung zu übersetzen. Somit genügt es beispielsweise nicht, zu wünschen, dass die Einzelnen Räume und Orte der Daseinsberechtigung im Außen wie Innen zur Verfügung haben. Es bedarf einer Übersetzung dieser Vorstellung in eine entsprechende Handlung. Diesen Prozess untersucht die Motivationsund Volitionsforschung, die an dieser Stelle anschlussfähig ist. Den Rubikon überwinden – Motivations- und Volitionsforschung Eine Motivationstendenz alleine genügt noch nicht, um ein Handlungsziel so verbindlich zu machen, dass dieses beharrlich und aktiv verfolgt wird. Als Volition werden jene regulativen Prozesse bezeichnet, die entscheiden, welcher Motivation bei welcher Gelegenheit und auf 6.2.1.1 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 287 welche Weise nachgegangen wird. Die Volitionsforschung beschäftigt sich mit der Frage nach der Kontrolle bei dieser handelnden Umsetzung von Zielen (Heckhausen, Gollert & Weinert, 1987; Heckhausen & Heckhausen, 2010). Dafür wird der Zusammenhang von Störungen, Hemmungen und Widerständen bei der Umsetzung einer Motivation in eine Handlung untersucht (Petzold, 2001, S.31). Die Formulierung eines Wunsches oder eines Wollens zieht nicht zwangsläufig eine auf das Erfüllen zielgerichtete Handlung nach sich, vielmehr gilt es, Hindernisse zu überwinden. Auch in den Daten dieser Studie zeigt sich, dass beispielsweise das Erkennen der eigenen Handlungsmacht nicht unbedingt ein Nutzen dieser nach sich zieht. Oder dass dem Wunsch nach einem besseren Leben nicht unmittelbar Handlungen folgen, um diesem Ziel entsprechend ausgerichtete Veränderungen im eigenen Leben vor zu nehmen. Auch die Erkenntnis, sich mit den anderen Innenpersönlichkeiten auseinander zu setzen und Raum und Zeit im Sinne der Daseinsberechtigung zu schaffen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass dies in aller Regelmäßigkeit und mit Beharrlichkeit geschieht. Was geschieht an diesem Punkt eines Prozesses, oder vielmehr, was geschieht nicht? Zur Beantwortung dieser Fragen erscheint die Motivations- und Volitionsforschung mit der Ausarbeitung des Rubikon-Modells (Achtziger & Gollwitzer, 2010; Heckhausen & Heckhausen, 2010; Weinert, 1987) als anschlussfähig, weil es eine Brücke schlägt zwischen Wunsch, Wille und Handlung. Folgt man dem Konzept des Rubikon-Modells sind verschiedene Handlungskontrollstrategien notwendig, um von einer Wunschvorstellung hin zu einer Zielformulierung zu kommen, die wiederum in eine Handlung mündet, die sich dann dem gewünschten Ziel nähert und es erreicht. Eine Verbindung zwischen den einzelnen Schritten schlägt das Rubikon-Modell, indem es den Prozess vom Abwägen verschiedener Wünsche hin zum Planen konkreter Strategien in vier Phasen unterteilt. Die erste, sogenannte „prädezisionale Handlungsphase“ (Achtziger & Gollwitzer, 2010, S.310), stellt die motivationale Phase dar, die zu einer Entscheidung beiträgt, welche der existierenden Wünsche innerhalb einer Person ggfs. in einer Realisierung enden könnten. Sie dient dem Abwägen der Machbarkeit einer Zielerreichung. Damit ein Wunsch nicht nur im Bereich der Fantasie bleibt, sondern sich einer Realisierung nähert, bedarf es der Umwandlung des Wunsches in ein 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 288 konkretes Ziel. Dieser Prozess wird als Rubikonüberschreitung bezeichnet, bei der das konkrete Entwickeln einer Zielintention das Wünschen ablöst: „Das Ergebnis der Umwandlung des Wunsches in ein verbindliches Ziel bzw. in eine Zielintention ist auf der phänomenologischen Seite ein Gefühl des Entschlossenseins und der Handlungsgewissheit“ (S. 312). Die nachfolgende Volitionsphase ist gekennzeichnet durch das Wollen des spezifizierten Zielzustandes, wie beispielsweise in dieser Studie der Ausbau einer gelingenden inneren Kommunikation und Kooperation oder die Annäherung an ein besseres Leben. In dieser Phase gilt es, konkrete Handlungsschritte zu planen, die der Zielannäherung dienen, um dann in der schlussendlichen „aktionalen Phase“ (S. 312) in einer Durchführung zu enden. Dabei werden die Ausdauer und Beharrlichkeit, die zur schussendlichen Handlungsdurchführung benötigt werden, von der sogenannten Volitionsstärke (Willensstärke) bestimmt: „Die Höhe der Volitionsstärke stellt sozusagen einen Grenzwert für die Anstrengungsbereitschaft dar“ (Achtziger & Gollwitzer, 2010, S.313). Dieser bewussten Selbststeuerung der eigenen Handlungen bedarf es, um trotz möglicher Erschwernisse das gesteckte Ziel zu erreichen. Handlungsbarrieren innerhalb dieses Selbststeuerungsprozesses werden nun mithilfe der Willenskraft (Weinter, 1987, S.13), deren Merkmale u.a. Hartnäckigkeit, Ausdauer, Entschlossenheit oder Zielstrebigkeit darstellen, überwunden. Als ein bewusster Vorgang ermöglichen diese beispielsweise den Umgang auch mit unangenehmen Emotionen, die möglicherweise auf dem Weg zur Zielerreichung auftreten (Heckhausen, 2010, S.8). Als eine in den Daten erscheinende wesentliche Blockade der eigenen Handlungsfähigkeit, auf die Daseinsberechtigung bezogen, ist die internalisierte Du bist nicht – Ich bin nicht Botschaft zu nennen. Es hat sich gezeigt, dass sich die traumatisierenden Grenzüberschreitungen seitens der TäterInnen als aktive und auf das heutige Leben Einfluss nehmende Introjektionen bei den InterviewpartnerInnen wieder finden lassen. Diese Blockade stellt eine nicht zu unterschätzende, da grundlegend und eng mit der eigenen Identität verwobene Grund- überzeugung, Handlungsbarriere hinsichtlich der Realisierung der Daseinsberechtigung dar. Eine ausgeprägte Volitionsstärke wird benötigt, um diese zu überwinden. Ein weiteres Hindernis kann im Sinne der inneren Kommunikation und Kooperation außerdem bedeuten, dass 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 289 das Ziel einer guten Zusammenarbeit der Einzelnen untereinander auch das Einbeziehen von tätergebundenen Persönlichkeiten beinhaltet. Dies kann aufgrund der Reproduktion täterinduzierter Verhaltensweisen und Gedankenstrukturen auch als eine Auseinandersetzung mit unangenehmen Gefühlen verstanden werden, die auf dem Weg zu einem inneren Netzwerk aber nötig ist und dementsprechend ebenfalls einer gewissen Willensstärke bedarf. Diese Volitionskraft nun ist der Antrieb, der, wie oben beschrieben, sowohl den Übertritt von der reinen Wunschvorstellung hin zu einer Zielformulierung initiiert als auch den Langlauf bis hin zur Zielerreichung inklusive des Überwindens der auftretenden Barrieren antreibt. Eine Klärung der Entwicklungsursprünge dieses Selbstregulationsprozesses steckt zu diesem Zeitpunkt noch in den Anfängen der empirischen Untersuchung (Heckhausen, 2010, S.8). Deutlich ist jedoch, dass es sich dabei um einen kontextbezogenen Prozess handelt, bei dem individuelle Fähigkeiten und Ressourcen in einem Zusammenspiel mit den Bedingungen und Voraussetzungen der Umwelt wirksam werden. Das Rubikon-Modell bietet also eine theoretische Rahmung für einen bewusst steuerbaren und zielgerichtet einsetzbaren Wille, wie er als Wille zur Veränderung in den Daten auftaucht. So bedarf beispielsweise das aktive Auseinandersetzen mit belastenden inneren Prozessen einer Motivation und einer daraus resultierenden Handlung wie der inneren Kommunikation. Dabei spielt die Volitionsstärke eine Rolle, um trotz innerer Widerstände das Ziel des Aufbaus eines inneren Netzwerks zu verfolgen und das eigene Leben hin zu einem besseren zu verändern. Nun zeigt sich der Wille jedoch zudem auf eine zweite Art in den Daten. Der Ursprüngliche Lebenswille wird als ein dem Bewusstsein nicht zugänglicher Bereich der Psyche beschrieben, der den Antrieb zum Überleben beinhaltet (vgl. Kapitel 5.1.3.3). Dieser nicht bewusst steuerbare Teil erscheint als eine Lebenskraft, die sich nicht zerstören ließ und sich als ein ureigenster Teil der Persönlichkeit darstellt, der mit Hilfe der Dissoziation geschützt werden konnte. Um sich diesem Bereich der menschlichen Psyche theoretisch zu nähern, sind philosophische Diskurse am anschlussfähigsten. 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 290 Der Wille als (Über-)Lebensantrieb Die Annäherung Schopenhauers (1819) an den Willen im Sinne des Ursprünglichen Lebenswillen erscheint an dieser Stelle am fruchtbarsten. Dort erscheint der Wille ebenfalls als „Ursache des Wollens“ (Lindworsky, 2015, S.44). Der Fokus liegt hierbei allerdings nicht auf dem Willen als ein aus bewusster Entscheidung kommendes Vermögen: vielmehr ist er eine „bewußtlose [sic], den Menschen blind treibende Kraft“ (Finke, 2003, S.249). Dieser unbewusste Wille als Trieb zum Leben dient zwar dem Drang zum Wohlsein, wird in diesem Zusammenhang aber aufgrund der damit verbundenen blinden Rastlosigkeit letztlich als zerstörerisch begriffen (Petzold & Sieper, 2004, S.133). Nietzsche (nach Colli & Montenari, 1989) nahm sich dieses Konzeptes einer den Menschen beherrschenden Macht in Folge an. Er gab diesem jedoch einen weniger pessimistischen Gehalt als Schopenhauer. So operierte er mit dem Willensbegriff als Antrieb, „in dem der Mensch sich nicht nur erhalten, sondern sich auch zu steigern sucht“ (Finke, 2003, S.249). Damit erscheint der Wille als eine Art von positiver Lebensenergie und nicht als ein primär lebenserhaltendes Streben. Nietzsches diesbezügliche Ausführungen zum Leid als dem zu integrierenden Schreckliche und Grausamen erinnern an das Konzept des posttraumatischen Wachstums. Das Nutzbarmachen des eigenen Willens ist bei Nietzsche eng verbunden mit der Deutung des Lebens und der darin gemachten Erfahrungen. Erst durch die Integration leidvoller Erlebnisse wirken diese nicht mehr als eine Einschränkung der eigenen Freiheit (Figal, 1999; Winteler, 2014). Es lassen sich diesbezüglich durchaus Hinweise in den Daten finden, die den Schluss nahe legen, dass eine aktive Bearbeitung der Vergangenheit und ihrer Integration in die eigene personale Geschichte zu einer gewissen Befreiung von bis in die Gegenwart quälenden Erfahrungen beiträgt. Und damit eine Steigerung der Lebensqualität sowie eine zum positiven veränderte Sich auf das Leben einhergehen kann. Doch können diese Aussagen lediglich im hypothetischen Bereich bleiben, denn um validiert und jenseits von potentiellen Normierungen und Vereinfachungen fest zu stellen, ob diese philosophische Annahme auch für den vorliegenden Gegenstandsbereich zutrifft bedarf es weiterer explizit diese Fragestellung betreffender Forschung. 6.2.1.2 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 291 Für eine weitere wissenschaftliche Annäherung an diesen komplexen Bereich ist an dieser Stelle zudem der Umstand problematisch, dass die Erforschung eines so verstandenen unbewussten Willens ein schwieriges Unterfangen aufgrund seiner Unbeobachtbarkeit darstellt. Kuhl (2010) schlägt aufgrund dessen vor, den Willen in zwei voneinander unterscheidbare Modi zu unterteilen: einen bewussten und steuerbaren Bereich, wie er im Sinne des Rubikon-Modells bereits diskutiert wurde und eine „weitgehend unbewusste, nicht sprachpflichtige Selbstregulation“ (S. 347). Mit dieser Unterteilung bestätigt Kuhl die Ergebnisse der Studie, denn auch hier erscheint der Wille in diesen voneinander unterscheidbaren Formen als ein bewusst steuerbarer und als ein nicht bewusst zugänglicher intrapsychischer Bereich. Wenngleich die Quelle dieser beiden Willensformen die gleiche zu sein scheint (vgl. Kapitel 5.1.3.5). Eine Veranlassung des Handelns durch solche internen Systeme bedingungsanalytisch zu untersuchen bleibt eine Herausforderung für die psychologische Theoriebildung, die zum jetzigen Zeitpunkt unabgeschlossen ist (Kuhl, 2010, S.346). Der Wille kann letztendlich nur als ein äußerst komplexes und sehr individuelles Zusammenspiel verstanden werden, „welche die einzigartigen Interaktionsmuster von Eigenschaften innerhalb jeder einzelnen Person und deren Interaktion mit Umweltvariablen betont“ (S. 68). Denn, soweit lässt sich eine Übereinkunft der verschiedenen Diskurse über den (unbewussten wie bewussten) Willen fest stellen, das eigene Wollen ist kein lediglich subjektiver Prozess. Dieser muss in Verbindung mit gesellschaftlichen Normen und Werten zusammen gedacht werden. Graumann (1987) stellt diesbezüglich fest, dass „unser Wollen und damit alles i.e.S. Willentliche unseres Handelns in einer reziproken Beziehung steht zu einem unserer individuellen Willkür weitgehend entzogenen Wert- und Normgefüge des Gesellschaftssystems, innerhalb dessen wir handeln“ (Graumann, 1987, S. 63). Dieser hier beschriebene Determinismus berührt den divergenten Diskurs um die grundlegende Frage, inwieweit Menschen über einen freien Willen verfügen und in welchem Ausma- ße dieser in Interaktion mit sämtlichen Umwelteinflüssen steht. Diese Diskussion wird neu entfacht durch Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die zu dem Schluss kommen, dass bewussten Willensentscheidungen neuronale Bereitschaftspotentiale zeitlich voraus gehen. 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 292 Damit wird eine Ebene der neurophysiologischen Vorbestimmung er- öffnet. Für eine Vertiefung dieser auch andere Fachbereiche berührende Diskussion empfiehlt sich das mit interdisziplinären Beiträgen ausgestattete Buch von Fink & Rosenzweig (2006). Es stellt sich nun die Frage, ob und in welchen Zusammenhängen der Wille der Menschen mit einer DIS, also einer Gruppe von Menschen, die sich durch einen ausgesprochen unbeugsamen Überlebenswillen auszeichnen, diskutiert wird. Sollte nicht insbesondere in traumatherapeutischen Kontexten davon ausgegangen werden, dass diese (un-)bewussten und lebensbejahenden Selbststeuerungsprozesse als Ressourcen nutzbar eingesetzt werden? Der Wille – Eine wissenschaftliche und therapeutische Leerstelle Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass hier eine Absicht verfolgt würde, alle inneren Prozesse einer direkten Verwertbarkeit oder einer wissenschaftlichen Analyse zuzuführen. Ganz im Gegenteil stellt gerade der Wille einen Bereich der menschlichen Psyche dar, der sich diesem ökonomischen Ansinnen aufgrund seiner Unbestimmtheit und Unbeobachtbarkeit weitestgehend entzieht. Vielmehr geht es hier um die Eröffnung neuer Gedankenhorizonte und Überlegungen zum Willen innerhalb von Kontexten, die von psychischer Entwicklung, Veränderung von Verhalten sowie extrapersoneller Unterstützung geprägt sind. Der (unbewusst wie bewusst einsetzbare) Wille als ein motivationaler Antrieb für das Verändern von Denken und Handeln sollte so verstanden insbesondere in der Psychotherapieforschung von Belang sein. Dass dem erstaunlicherweise nicht so ist, stellen Petzold & Sieper (2003) fest, indem sie konstatieren, dass der Wille, trotz seiner zentralen Funktion in der Psychotherapie nicht nur ein vernachlässigtes Gebiet in der Psychotherapieforschung praktisch aller Orientierungen darstellt. Sondern zudem auch nicht auf der Wirkfaktorenliste von psychotherapeutischen Behandlungsprozessen auftaucht (S. 8). Das erscheint irritierend, denn ohne den Willen als eine wesentliche Funktion der menschlichen Selbststeuerung sind, wie bereits diskutiert, Ver- änderungen im Verhalten schwerlich zu erreichen. Um sich dieser Leerstelle zunächst theoretisch zu nähern, laden Petzold & Sieper in 6.2.1.3 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 293 einem Sammelband unterschiedliche psychotherapeutische Schulen ein, sich mit der Willensproblematik auseinander zu setzen. Die zwei Bände beinhalten sowohl verhaltenstherapeutische, systemische und integrative Verfahren (Petzold & Sieper, 2003) als auch tiefenpsychologische und humanistische (Petzold & Sieper, 2004). Doch trotz dieser interdisziplinären Bandbreite findet irritierenderweise keine Verbindung zur Psychotraumatologie statt. Möglicherweise ist als eine Ursache dafür zu nennen, dass der Terminus Wille die Konnotation eines zielgerichteten Strebens und einer gewissen Disziplin nahe legt und als ein Gegenspieler von Leidenschaftlichkeit und Unabsichtlichkeit gelesen wird. Ein so verstandener Wille muss wie ein Gegenprinzip für eine einsichtsorientierte Psychotherapie erscheinen, in der es darum geht, die (auch unbewussten) Sollensforderungen zu beheben und den Menschen für sich selbst frei zu machen (Finke, 2003, S.249). Dass die Befreiung von solchen Sollensforderungen in Form von lebensverachtenden Introjektionen und einer aktiven Macht der TäterInnen über das eigene Leben und dessen Inhalte gerade komplex traumatisierten Menschen zugute kommen muss ist offensichtlich. Somit erstaunt es nicht, dass das Empowerment-Konzept die Wichtigkeit des Willens für das (Wieder-)Erlangen von Selbstbefähigung anerkennt. Der Wille des Menschen wird hier als Ausdruck seiner Selbst und seiner Identität hoch wertgeschätzt (Pankofer, 2000 a, S.172). Somit erkennen empowernde Strategien den Willen als grundlegenden Antrieb zwar an, bleiben jedoch in der theoretischen Diskussion uneindeutig hinsichtlich der Art und Weise, ob und wie dieser Bereich der menschlichen Psyche für Recovery-Prozesse nutzbar gemacht werden kann. Zudem bleibt der Begriff in diesem Zusammenhang unscharf und undifferenziert und findet seine Erwähnung lediglich in der Liste der personalen Fähigkeiten (Pankofer, 2000, S.27). Nun finden jedoch sowohl empowernde als auch therapeutische Prozesse, den Ergebnissen dieser Studie folgend, mit Hilfe des intrapersonellen Willens statt. Damit verdeutlicht sich die Relevanz dieser menschlichen Selbststeuerung gerade bei der Überwindung und Aufarbeitung traumatischer und fremdbestimmter Lebenserfahrungen. Somit stellt dieses Kapitel ein Plädoyer dar, sich dem Willen als einer entscheidenden (Über)Lebenskraft gedanklich zu öffnen und diesen 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 294 Umstand in weitere Untersuchungen zum Thema als einen Wirkfaktor mit einzubeziehen. Die Beschäftigung mit den zwei in den Ergebnissen dieser Studie auftauchenden Willensvarianten hat einen unbewussten sowie einen bewussten Bereich deutlich werden lassen. Übertragen auf die Daseinsberechtigung ist der Wille als eine Lebensenergie zu begreifen, die trotz widrigster Umstände und lebensvernichtender Erfahrungen das Überleben gesichert hat. Und als eine ausdauernde Motivation, um die Erkenntnis, welche Handlungsstrategien im Sinne der Daseinsberechtigung anzuwenden sind, in eine zielorientierte Aktion zu übersetzen. In jeder Hinsicht kann der Wille somit als intrapersonelle Ressource verstanden werden, die sich als ausgesprochen prägnant im Zusammenhang mit einem guten Leben zeigt. Ob und inwieweit diese auch für psychotherapeutische Prozesse nutzbar gemacht werden kann, bleibt eine offene und noch zu beantwortende Frage. Ebenso ist die Erforschung der Quelle der benötigten Volitionsstärke, um Hindernisse bei der Ausführung zielgerichteter Handlungen zu überwinden, unabgeschlossen. Jenseits dieser allgemeinen Überlegungen zur Willensstärke bleiben bezogen auf den Gegenstandsbereich dieser Studie zudem die Frage offen, inwieweit sich die Ausprägung der Volition möglicherweise von Persönlichkeit zu Persönlichkeit qualitativ unterscheidet. Und inwieweit bei dem Erreichen von Zielen, die für das gesamte Personensystem relevant sind, eine unterschiedlich ausgeprägte Volition gebündelt eingesetzt werden kann. Oder diese Kräfte bei unterschiedlichen Zielsetzungen möglicherweise gegeneinander arbeiten. Auch könnte überlegt werden, inwieweit sich Strategien entwickeln lassen, um die Ressource des Ursprünglichen Lebenswillens als Kraftquelle bewusster einzusetzen. Dabei steht auch hier nicht das Prinzip der ökonomischen Verwertbarkeit aller Ressourcen im Vordergrund der Überlegung, als vielmehr die Frage nach der Förderung dementsprechender Bewusstwerdungsprozesse, um die Wahrnehmung und Wertschätzung für diesen Willensbereich zu sensibilisieren. Der Wille kann in Folge dieser Ausführungen als eine Widerstandsfähigkeit gegen äußere wie innere Widrigkeiten bei einer handlungsorientierten Zielerreichung verstanden werden. Nun werden daneben in den Daten weitere intrapersonelle Faktoren relevant, die die Widerstandsfähigkeit der InterviewpartnerInnen gestärkt haben und 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 295 weiterhin stärken. Diese weisen wiederum eine deutliche inhaltliche Nähe zu den salutogenen Faktoren des SOC auf. Wie diese sich darstellen, diskutiert das folgende, abschließende Kapitel dieser Arbeit. Die salutogenen Faktoren der Daseinsberechtigung Nun stellt die Salutogenese nicht das alleinige theoretische Modell für die Verarbeitung von Stress zur Verfügung. Neben dem kognitiv-phänomenologischen Konzept der Stressbewältigung nach Lazarus (1978), sind das der internalen und externalen Kontrollüberzeugungen nach Rotter (1966) oder auch das Konzept der Resilienz (Werner, 1971) als Konzepte menschlicher Widerstandsfähigkeit zu erwähnen. Aktuell sind diesbezüglich zudem insbesondere neurobiologische Erkenntnisse hirnphysiologischer Vorgänge bei Stressverarbeitung zu nennen (Esch, 2011; Hüther, 2012). Wenngleich sich sowohl die kognitiven als auch die wissenschaftstheoretischen Paradigmen hier stark voneinander unterscheiden, bieten alle Theorien eine Annäherung an ein Verstehen von menschlichen Stressverarbeitungsprozessen. Trotz dieser Vielfältigkeit an Theorien zeigt sich, dass einzelne Kategorien der Daseinsberechtigung eine deutliche inhaltliche Nähe speziell zu den salutogenen Faktoren aufweisen. Damit tritt eine Anschlussfähigkeit an die Salutogenese deutlich hervor. Wie bereits diskutiert können hinsichtlich der Ausprägung des Kohärenzgefühls bei den befragten Persönlichkeiten die Ergebnisse dieser Studie aufgrund der eingeschränkten Anwendbarkeit des SOC-L9 keine gesicherten Aussagen machen (vgl. Kapitel 5.3). Wenngleich das Kohärenzgefühl nicht die Komplexität der Daseinsberechtigung erklären kann, weisen dennoch einzelne Kategorien eine deutliche Nähe zu den drei bereits in aller Kürze vorgestellten Komponenten (vgl. Kapitel 3.2.2) des Kohärenzgefühls auf. Dabei sollen diese drei Bereiche keinen Determinismus postulieren, Antonovsky selbst weist darauf hin, dass möglicherweise weitere Komponenten identifiziert werden können (Antonovsky, 1997, S.34). Dies geschah bisher nicht, also wird sich die folgende Diskussion an den bis heute gut validierten Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit orientieren. Diese werden in Folge in aller Kürze definiert; daran anschließend werden 6.2.2 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 296 die entsprechenden Kategorien der Daseinsberechtigung mit ihnen kontextualisiert. Verstehbarkeit Die Verstehbarkeit wird von Antonovsky (1997) als eine kognitives Merkmal des Kohärenzgefühls beschrieben, bei dem es darum geht, inwieweit ein Mensch innere wie äußere Stimuli als kognitiv sinnvolle Reize annehmen, strukturieren und sortieren kann. Menschen, die erwarten, dass Stimuli, denen sie in der Zukunft begegnen, bis zu einem gewissen Maße vorhersehbar sind und davon ausgehen, dass sie diese einordnen und erklären können, verfügen über ein hohes Maß an Verstehbarkeit (Antonovsky, 1997, S.34). In Folge dessen werden Erlebnisse als kontrollierbar wahr genommen. Eine weiterer Aspekt der Verstehbarkeit betrifft das soziale Umfeld und das Gefühl, dass die Anderen sowohl Handlungen als auch die eigenen Sinnstrukturen in gewisser Weise verstehen und nachvollziehen können (Grabert, 2009, S.26). Die Ausprägung der Verstehbarkeit steigt mit der quantitativen Anzahl von Lebenserfahrungen, in denen sich beispielsweise etwas Unbekanntes zufriedenstellend aufklären lässt oder sich Erlebnisse nach Mustern ordnen lassen und sich unter psychischen Belastungen der Überblick für die eigene Lage bewahrt wird (S. 26 f). Einzelne Kategorien der Daseinsberechtigung sind anschlussfähig an diese Komponente des Kohärenzgefühls. Insbesondere der kognitive Aspekt findet sich in vielfacher Hinsicht in den Daten wieder. Auf der Ebene der inneren Daseinsberechtigung zieht das Erkennen und aktive Wahrnehmen der eigenen Multiplizität einen wichtigen und grundlegenden Prozess des Verstehens der eigenen Identität nach sich (vgl. Kapitel 5.1.5.2). Das Nachvollziehenkönnen der eigenen inneren Strukturen und damit einhergehend auch des eigenen Verhaltens bzw. der Symptome der DIS trägt einen wesentlichen Teil zum Verständnis von bis dahin unkontrollierbaren und unerklärlichen Vorgängen bei. Zu Begreifen, dass mehrere Persönlichkeiten innerhalb der eigenen Psyche existieren, ermöglicht ein aktives Zugehen auf diese und zieht den Aufbau einer inneren Kommunikation und Kooperation nach sich. Daraus können, wie bereits diskutiert, im besten Falle eine innere wie äußere Kongruenz und eine psychische Stabilität folgen. Gerade bei 6.2.2.1 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 297 den Alltagspersönlichkeiten zeigt sich das Verstehen- und Begreifenkönnen der eigenen inneren Prozesse als grundlegend für das Knüpfen eines Netzes (vgl. Kapitel 5.1.8.1). Auf lange Sicht führt dies zu einer Selbstbemächtigung und Stabilisierung aufgrund der Reduktion von unkontrollierbaren Switches zwischen den Persönlichkeiten. Hier wird besonders deutlich, dass ein Einordnen können der inneren Stimuli zu einer Stärkung der salutogenen Komponente Verstehbarkeit und damit zu einer Stärkung des Kohärenzgefühls im Sinne einer Widerstandsfähigkeit insgesamt führen kann. Dieser Umstand weist neben allen anderen bereits diskutierten Aspekten ebenfalls auf die Notwendigkeit der Verbreitung und Integration von Wissensbeständen über traumabedingte Dissoziationen wie die DIS in Ausbildung und Wissenschaft hin. Dies kann in Folge zu einer besseren Verstehbarkeit dissoziativer Phänomene durch BegleiterInnen ebenso wie Betroffene und damit einhergehend zu einer Stärkung von gesundheitsfördernden Faktoren führen. Abgesehen von dieser allgemeinen Verstehbarkeit von dissoziativen Vorgängen zeigt sich ein kognitiver Verständnisprozess auch speziell bei den tätergebundenen Persönlichkeiten. Hier ist der Erkenntnisprozess, dass das heutige Leben ein anderes als das Frühere ist und damit einhergehend auch die ehemalige Rolle nicht mehr in dem gewohnten Maße ausgefüllt werden muss, von Bedeutung (vgl. Kapitel 5.1.8.7). Die in der Erfahrungswelt dieser Persönlichkeiten bisher neuen und verwirrenden Stimuli eines unbekannten Lebens erfahren in Folge eine Neusortierung und sinnvolle Strukturierung. Die Verwirrung darüber, dass alte Verhaltensweisen heute nicht mehr in gewohnter Manier von Nutzen sind, kann sich auflösen. Dieses Verstehen zieht eine Möglichkeit der Veränderung von Verhaltensweisen und des Loslösens von Indoktrinationen nach sich, was zu einer Entlastung für das gesamte Personensystem führen kann. Die Relevanz der salutogenen Komponente Verstehbarkeit zeigt sich deutlich und unterstreicht die Wichtigkeit der Daseinsberechtigung der tätergebundenen Persönlichkeiten. Erst durch das Ermöglichen und Anregen eigener Verstehensprozesse können diese gesundheitsstärkende Veränderungen nach sich ziehen. 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 298 Handhabbarkeit Antonovsky stellte fest, dass die Handhabbarkeit in hohem Maße vom Verstehen abhängt. Das Gefühl, eine Situation handhaben zu können stellt sich in dem Maße ein, wie die gestellten Anforderungen verstanden werden können (Antonovsky, 1997, S.37 f). Wenngleich alle Bestandteile des Kohärenzgefühls sich gegenseitig beeinflussen und in einer reziproken Beziehung zueinander stehen, kann Verstehbarkeit tendenziell als Schlüssel zur Handhabbarkeit verstanden werden (Grabert, 2009, S.29). Unter dieser wird das Ausmaß verstanden, inwieweit wahr genommen wird, dass geeignete innere wie äußere Ressourcen zur Bewältigung der Anforderungen des Lebens zur Verfügung stehen (Antonovsky, 1997, S.35). Diese Hilfsquellen können entweder selbst mobilisiert werden oder durch legitimierte Andere zugänglich gemacht werden (Grabert, 2009, S.27). Die Mobilisierung dieser Kraftquellen ist dabei entscheidend, aber nicht zwangsläufig die Kontrolle über sie: „Es bedeutet, dass Macht nicht in den eigenen Händen liegen muss, mit Ausnahme jener Macht, anderen die Legitimität zu erteilen oder zu entziehen“ (Antonovsky, 1997, S.62). Dabei steht das Vertrauen in diejenigen, denen man die Kontrolle über eine Situation übergibt im Vordergrund. Es muss mindestens so stark ausgeprägt sein wie das Vertrauen in sich selbst (Antonovsky, 1997, S.35). Menschen mit einer stark ausgeprägten Kohärenzgefühlskomponente Handhabbarkeit lassen sich nicht vorschnell in eine Opferrolle drängen und gehen davon aus, dass sie in der Lage sind, auch schlimme und unerwartete Erfahrungen zu bewältigen. Die inhaltliche Nähe der Handhabbarkeit zur Kategorie der handlungsorientierten Macherin bei den BeschützerInnen ist offensichtlich (vgl. Kapitel 4.4.2.2). Das Wissen um die eigene Handlungsmacht und die damit einhergehenden zielorientierten Handlungen weisen auf eine deutliche Ausprägung der Komponente Handhabbarkeit hin. Die BeschützerInnen zeigen sich überzeugt von der Schutzwirkung ihrer eigenen Handlungen, dabei beziehen sie das Umfeld mit ein und sorgen für sichere Räume und Orte für die anderen Innenpersönlichkeiten. Zudem geht es auch um das Entwickeln von Vertrauen in die Fähigkeiten der anderen im Innen oder der Menschen im Außen, so dass 6.2.2.2 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 299 diese ebenso von den BeschützerInnen legitimierte Quellen von Sicherheit und Hilfe in prekären Situationen sein können. Abgesehen von dieser persönlichkeitsspezifischen Ausprägung der Handhabbarkeit zeigt sich diese Komponente ebenso in der Kategorie „Erkennen und Nutzen der eigenen Handlungsmacht“ (vgl. Kapitel 5.1.4.3). Das von Antonovsky fest gestellte Zusammenspiel von Verstehbarkeit und Handhabbarkeit wird hier ebenfalls deutlich. Das Begreifen, dass die eigenen Handlungen nun nicht mehr fremdbestimmt sind, führt dazu, dass selbstbestimmte Entscheidungen für das eigene Leben getroffen werden können. Damit einhergehend können interne wie externe Ressourcen als Hilfsquellen zur Bewältigung belastender Lebenssituationen nutzbar gemacht werden. Das Nutzen der eigenen Handlungsmacht kann in emotional belastenden Situationen dazu führen, dass mit Hilfe der inneren Kommunikation die anderen Innenpersönlichkeiten um Unterstützung gebeten werden. Damit wird die Dissoziation als Ressource nutzbar gemacht und das Gefühl der Handhabbarkeit für schwierige Situationen steigt. Wenn also davon ausgegangen wird, dass die Daseinsberechtigung der Einzelnen dazu führt, dass diese sich aktiv und hilfreich an problematischen Lebenssituationen beteiligen können, liegt der Schluss nahe, dass die Daseinsberechtigung sich durchaus förderlich auf die salutogene Komponente Handhabbarkeit auswirkt. Sinnhaftigkeit Die Sinnhaftigkeit repräsentiert in Antonovskys Ausführungen das motivationale Element. Sie bezieht sich auf das Ausmaß, in dem man das Leben emotional als sinnvoll erachtet und dass wenigstens einige der vom Leben gestellten Aufgaben und Anforderungen es wert sind, sich diesen zu stellen und Energie in sie zu investieren (Antonovsky, 1997, S.35 f). Würde das Leben nicht mit Sinn gefüllt, wären diese Herausforderungen lediglich Lasten, derer es sich zu entledigen gilt. Doch Neugierde auf das Leben inklusive seiner Hürden und dabei von der eigenen Bedeutsamkeit überzeugt zu sein zeichnen Menschen mit einer stark ausgeprägten Sinnhaftigkeit aus (Grabert, 2009, S.28). Dieser salutogenen Komponente misst Antonovsky den größten gesundheitserhaltenden Einfluss zu, da sie als motivationaler Antrieb für die 6.2.2.3 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 300 Verstehbarkeit und Handhabbarkeit fungiert. Eine „gefühlsstabilisierende Weltanschauung“ (ebd.) hat demnach mehr Gewicht als die eher kognitiv konnotierten Fähigkeiten haben, Ereignisse zu überschauen, zu ordnen und zu bewältigen. Die Bedeutsamkeit kann in diesem Zusammenhang verschiedentlich ausgefüllt werden, die Spannweite reicht von einem bestimmten religiösen Glauben, einer möglichen Gruppenzugehörigkeit bis hin zu anderen, privaten Lebensinhalten, die einem Menschen etwas bedeuten und deshalb sinnstiftend sind (Antonovsky, 1997, S.59). Die Verbindung zu der bereits geführten Diskussion zum Willen wird hier deutlich. Die in den Daten auftauchenden Willensvarianten dienen ebenfalls als motivationaler Antrieb auf eine überlebenssichernde wie handlungsanregende Weise gleichermaßen. Insbesondere der Ursprüngliche Lebenswille weist eine deutliche Verbindung zur Sinnhaftigkeit auf. Dieser Wille dient als Kraftquelle und vermittelt einen Lebenssinn und -antrieb. Auch der Wille zur Veränderung zeigt, dass dieser als eine sinnstiftende Motivation dient, sich mit inneren Prozessen auseinander zu setzen und verstehen zu wollen, was vor sich geht. Daraus resultieren dann bestenfalls Handlungen, die dazu dienen, belastende Lebenssituationen zu bewältigen. Dabei ist beispielsweise von einer neuen Berufswahl seitens einer Alltagspersönlichkeiten ebenso die Rede wie von der Überwindung von Symptomen der psychischen Dekompensation. Abgesehen von diesem gewissermaßen das gesamte Personensystem betreffenden Lebenssinn lassen sich zudem individuelle Ausprägungen der Sinnhaftigkeit bei den einzelnen Persönlichkeitengruppen bis hin zu den einzelnen Persönlichkeiten finden. So speisen beispielsweise die BeschützerInnen ihren Sinn aus der Aufgabe des Schutzes für das Personensystem (vgl. Kapitel 4.4.2.2). Diese Rolle zwar auf selbstbestimmte Weise erweitern, aber dennoch auch weiterhin ausfüllen zu können, ist wichtiger Bestandteil des eigenen Selbstwerts dieser Persönlichkeitengruppe. Ein einzelnes Innenkind hingegen berichtet von seinem unerschütterlichen Glauben an Gott und speist daraus die Kraft, sich mit den anderen Kindpersönlichkeiten, die sehr traurig sind und von furchtbaren Erfahrungen berichten, zu beschäftigen. Eine Alltagsperson führte in dem Interview aus, dass sie Gegenstände 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 301 bei sich trägt, die ihr Kraft geben und die ihr dabei helfen, schwierige Situationen im Alltag zu überwinden. Dass die Sinnhaftigkeit sich auch auf intellektueller Ebene befinden kann wurde deutlich in dem Gespräch mit einer ehemals tätergebundenen Persönlichkeit, die zu jeder Zeit wusste, dass das Erlebte nicht richtig war und dass es etwas anderes bzw. besseres als diese Erfahrungen im Leben geben musste. Diese Erkenntnis hat ihr die Kraft gegeben, weiterhin einen Sinn in ihrem Leben zu sehen. Die Nähe der hier ausgeführten Beispiele zu der Komponente Sinnhaftigkeit ist unübersehbar und verdeutlicht, wie lohnenswert ein Blick auf die individuellen Ausprägungen von salutogenen Elementen der je einzelnen Persönlichkeiten eines Personensystems sein kann. Es wurde deutlich, wie gewinnbringend die Verbindung der salutogenen Faktoren mit der Daseinsberechtigung ist. Auch wenn sich der SOC-L9-Fragebogen für die Anwendung bei Menschen mit einer DIS als unpassend heraus gestellt hat, ist die inhaltliche Nähe einzelner Kategorien der Daseinsberechtigung zu den Faktoren des Kohärenzgefühls Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit offensichtlich geworden. Zwar bleibt die Frage nach der Qualität der jeweiligen Ausprägung bei den einzelnen Persönlichkeiten oder auch einem Personensystem insgesamt unbeantwortet. Auch konnte auf Grundlage der Daten nicht abschließend geklärt werden, ob es einzelne Persönlichkeiten gibt, bei denen der SOC stark ausgeprägt ist, in welcher Weise dies Einfluss auf das gesamte Personensystem hat, oder inwieweit ein starker SOC Einzelner nutzbar gemacht werden könnte für alle Persönlichkeiten. Ist es möglicherweise der Fall, dass durch die Daseinsberechtigung und damit einhergehend die innere Kooperation und Kommunikation salutogene Faktoren der Einzelnen erst zugänglich für das gesamte Personensystem werden und in Folge dessen der SOC insgesamt ansteigt? Es wurde deutlich, dass für eine Annäherung an derartige Fragestellungen der SOC-L9-Fragebogen ungeeignet ist und sich qualitative Interviews anbieten. Diese können Hinweise auf die inhaltliche Ausformung salutogener Faktoren bei den einzelnen Persönlichkeiten geben, denn die Ergebnisse dieser Studie lassen die Vermutung 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 302 zu, dass die Daseinsberechtigung das Kohärenzgefühl von Menschen mit einer DIS stärkt16. An dieser Stelle bleibt die Frage offen, warum sich die Anwendung salutogener und empowernder Modelle noch so wenig im psychosozialen Versorgungssystem finden lässt. Möglicherweise ist auch hier ein Wechsel der Blickrichtung von Nöten, wie ihn Schulze-Steinmann (2002) diskutiert: „Das Problem liegt darin, dass die MitarbeiterInnen, meist sind es SozialarbeiterInnen und Pflegekräfte, sich nicht als Gesundheits-UnterstützerInnen verstehen. [....]. In den Berufsausbildungen wird nicht vorrangig auf Gesundheit fokussiert. Es steht die Krankheitslehre im Vordergrund. Ebenso ist Sozialarbeit kein Heilberuf. Dennoch erfordert eine ganzheitliche lebensweltorientierte Wahrnehmung und Unterstützung der/s KlientIn auch den Blick auf die Gesundheitsunterstützung.“ (Schulze-Steinmann, 2002, S. 439 f) Noch haben diese gesundheitsorientierten Konzepte nicht für einen grundlegenden Perspektivenwechsel in der Defektorientierung des psychosozialen Versorgungssystems gesorgt. Dennoch zeigen sich Anfänge eines eingeleiteten Strukturwandels, beginnend in der psychiatrischen Versorgung und mit dem Modell des expert by experience. Doch in Anbetracht der Ergebnisse dieser Studie, die zu dem Schluss kommt, dass auf dem Weg in ein gutes Leben ein Umfeld, das seinen Fokus auf die Selbstbestimmung und die gesundheitsorientierten Aspekte der einzelnen Persönlichkeiten bei Menschen mit einer DIS legt, von entscheidender Bedeutung ist, ist eine zunehmende Etablierung von gesundheitsfördernden Konzepte in die psychosoziale Praxis ausgesprochen empfehlenswert. 16 Diesbezüglich diskutiert auch Wiesmann (2013) einen möglichen Zusammenhang von Traumatherapie und Salutogenese und kommt zu dem Schluss, dass eine dreistufige Traumatherapie, bestehend aus den Phasen Stabilisierung, Konfrontation und Integration der traumatischen Erfahrungen schlussendlich darauf ausgerichtet ist, den SOC und damit die psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken. 6.2 Die Daseinsberechtigung im Innen 303 Zusammenfassung und Ausblick Zunächst bedarf es der wiederholten Anmerkung, dass das Sample dieser Studie aufgrund forschungsethischer Überlegungen eingeschränkt ausgewählt worden ist und damit auch der Erkenntnishorizont entsprechend eingegrenzt war. Der Fokus bei der Auswahl der InterviewpartnerInnen lag unter anderem auf der Fähigkeit der inneren Kommunikation, allerdings nicht notwendigerweise Kooperation, zwischen den einzelnen zu interviewenden Persönlichkeiten. Diese Entscheidung diente einer Vermeidung retraumatisierender Erfahrungen aufgrund unkontrollierbarer Persönlichkeitenwechsel und der Vermeidung einer der Forschungsfrage nicht angemessenen potentiell belastenden Interviewsituation. Trotz dieser Einschränkungen konnten tiefe intrapsychische Einblicke in die Sinnstrukturen einzelner Persönlichkeitengruppen von Menschen mit einer DIS gegeben werden. Die erwiesen sich nicht nur als ausgesprochen anschlussfähig, sondern zudem als erweiternd auf fachspezifische Diskurse, wobei die Daseinsberechtigung das verbindende Element zwischen ihnen darstellt. Wie bei derart explorativen und innovativen Studien üblich, ist auch diese als hypothesengenerierend zu begreifen. Sie eröffnet neue Fragestellungen und bietet eine fundierte Grundlage für weiterführende Forschungen. So findet sich die Daseinsberechtigung in der Denk- und Behandlungstradition der Ego-State-Therapie wieder und erweitert diese um Einsichten in die Sinnstrukturen einzelner Persönlichkeitengruppen. In Bezug auf die tätergebundenen Persönlichkeiten geben die Ergebnisse dieser explorativen Studie differenzierte Hinweise auf die Relevanz der Daseinsberechtigung auch dieser Persönlichkeiten. Wenngleich mit Hilfe der Resultate eine Annäherung an diese statt finden konnte, ist deutlich geworden, dass es für die Entwicklung von in der Praxis dringend benötigten Theorie-Diagnostik-und Behandlungsmodellen weiterer Forschung bedarf. Diese sollte zum Einen danach fragen, inwieweit sich ein Veränderungspotential auch bei den Persönlichkeiten finden lässt, die dem Stabilen Du verhaftet sind. Und zum Anderen heraus arbeiten an welche Grenzen die Theorie der Daseinsberechtigung an dieser Stelle stößt. Zudem ist es von Interesse, inwieweit sich die Daseinsberechtigung auch auf andere als die hier befragten Persönlichkeitengruppen anwenden lässt. Es hat sich deutlich gezeigt, 6.3 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 304 dass sich die kontextuelle Erfahrung des Du bist nicht als internalisierte Botschaft von Ich bin nicht bis in das heutige Leben als lähmende Introjektion auswirken und in Folge die Nutzbarmachung von außen (wie innen) angebotener Hilfsangebote blockieren kann. Diese innere Einflussnahme gilt es in die Psychotherapieforschung und der Frage nach ihrer Wirksamkeit einzubinden. Es wurde des Weiteren fest gestellt, dass sich trotz der Validität der Diagnose und differenzierter Fachdiskussionen zu Trauma und Dissoziation die DIS wiederholt in Rechtfertigungsdiskursen wieder findet. Die Dialektik des Traumas ebenso wie die FMSF haben hier einen deutlichen Einfluss und zeigen sich als Widerstände in einer weiterführenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der DIS. Zu den bestehenden Leerstellen zählen die Entwicklung einer einheitlichen Terminologie sowie die Ausarbeitung differentialdiagnostischer Konzepte, die die Symptome der DIS detailliert und nachvollziehbar beschreiben können. Ebenso steht eine breite öffentliche wie fachliche Auseinandersetzung mit der DIS und ihren Ursachen aus. Zudem bedarf es einer Implementierung wissenschaftlicher Erkenntnisse über Trauma und Dissoziation in das Curriculum entsprechender Berufszweige. An diese Ausarbeitung offener Fragen wurden die vornehmlich psychotherapeutischen und klinischen Diskurse, die sich der DIS annehmen um die Kategorie des nahen sozialen Umfeldes im Sinne der Daseinsberechtigung erweitert. Hier wurde die Relevanz der Anwendung des Empowerment-Konzepts sowie die Gefahr potentieller Viktimisierung von Menschen mit einer DIS hervor gehoben. Bezogen auf die innere Daseinsberechtigung sind es überraschenderweise nicht mehr die spezifischen Fachdiskurse, die sich als anschlussfähig zeigten. Die hier vorgestellten Theorien nehmen nicht mehr originär die DIS in den Blick, vielmehr geht es um grundlegende menschliche Prozesse wie die Handlungsmotivation, den Willen und die gesundheitserhaltenden Faktoren. Erst in der Verbindung mit der Daseinsberechtigung zeigten sich diese Theorien als anwendbar auch in diesem spezifischen Bereich. Dieser Umstand ist insbesondere in dem Zusammenhang mit der Salutogenese und den drei Aspekten des SOC zu Tage getreten. Es ist deutlich geworden, dass die Ergebnisse dieser Studie eine ausgesprochene inhaltliche Nähe zu den salutogenen Faktoren aufweisen, die jedoch erst bei der Analyse der Daten der halb- 6.3 Zusammenfassung und Ausblick 305 strukturierten Interviews zu Tage trat. Im Folgenden gilt es nun heraus zu arbeiten, inwieweit es sinnvoll sein kann, diese Erkenntnisse in entsprechend gesundheitsorientierte Behandlungskonzepte zu implementieren, um die Komponenten der Salutogenese Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit und Verstehbarkeit bei Menschen mit einer DIS zu stärken. Ein weiteres zentrales Ergebnis dieser Studie sind die zwei Willensformen. Diesbezüglich wurde heraus gearbeitet, dass dem Willen in psychotherapeutischen Kontexten insbesondere in der Arbeit mit schwer traumatisierten Menschen zu wenig Beachtung geschenkt wird. Wille sollte als für therapeutische Prozesse nutzbar zu machende Motivation seitens der Psychotherapieforschung deutlicher in den Blick genommen werden. Ausblick nehmend hat sich gezeigt, dass die DIS ein noch vielfältig zu erforschendes Feld mit deutlichen Leerstellen ist. Die Dringlichkeit von Forschungen, die die beschriebenen Widerstände überwindet und dabei nicht mehr die Rechtfertigung dieses Überlebensmechanismus in den Blick nimmt, sondern sich Detailfragen zuwenden kann, ist deutlich geworden. Die Ergebnisse dieser Studie weisen darauf hin, dass eine weiterschreitende Etablierung gesundheitsfördernder Konzepte in der Zusammenarbeit mit komplex traumatisierten Menschen empfehlenswert ist. Wenn zudem verstärkt davon ausgegangen wird, dass das psychosoziale System grundsätzlich das Ziel eines besseren Lebens seiner NutzerInnen verfolgt, dann gilt es, den störungsorientierten Blick (auch) auf die DIS zu verändern und den Fokus auf Selbstbestimmung und Wiedererlangen der eigenen Handlungsmacht zu legen. Und der Phänomenologie der DIS entsprechend den einzelnen Persönlichkeiten Räume und Orte der Daseinsberechtigung zu ermöglichen. So stellen die vorgestellten Ergebnisse eine explorative und innovative Annäherung an die individuellen Sinnstrukturen von Kindpersönlichkeiten, BeschützerInnen, Alltagspersönlichkeiten und tätergebundenen Persönlichkeiten dar. Draußen Kind zu sein, mehr als BeschützerIn werden zu können, dabei das Netz zu knüpfen und eine Bewegung vom TäterIn-Du zum Ich zu initiieren können hierbei erste Schritte weg von den lebensverachtenden Erfahrungen hin zu einem guten Leben bedeuten. 6. Die Daseinsberechtigung im aktuellen Fachdiskurs – Diskussion und Ausblick 306

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References

Zusammenfassung

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), ehemals Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), gilt als die schwerste bislang bekannte dissoziative Störung. Von ihr betroffene Menschen haben meist in jungen Jahren anhaltende und zerstörerische Gewalt erfahren, sodass ihre Persönlichkeit in viele unterschiedliche Persönlichkeiten zersplittert ist. Genau an diese Menschen richtet die Autorin die Frage nach dem guten Leben. Welche Faktoren fördern es – und was versperrt ihnen den Weg? Eine Annäherung an die komplexen Identitätsstrukturen der Befragten kann dabei nicht nur über eine der verschiedenen Persönlichkeiten gelingen. Durch direkte Ansprache der Alltags-, Kind-, Beschützer- sowie der tätergebundenen Persönlichkeit adressiert die Autorin die verschiedenen Sinnstrukturen innerhalb eines Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung gleichermaßen.