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1. Einleitung in:

Bessy Albrecht-Ross

Der Wille zu leben, page 1 - 4

Fragen zum guten Leben bei Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3921-2, ISBN online: 978-3-8288-6730-7, https://doi.org/10.5771/9783828867307-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Diese Studie stellt die Frage nach dem guten Leben. Es wird nach den Möglichkeiten, den Begrenzungen, den Bedürfnissen, den frühen Erfahrungen und den noch unerfüllten Wünschen gefragt. Was fördert ein gutes Leben? Durch was wird es verhindert? Welche Rahmenbedingungen sind nötig, um es zu ermöglichen? Oder ist es womöglich eine Sehnsucht, die sich nie erfüllt? Diese elementaren Fragen werden an Menschen gestellt, die so frühe, so lang anhaltende und so zerstörerische Gewalt erfahren haben, dass sich ihre Persönlichkeit in viele Persönlichkeiten zersplittert hat. Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), ehemals Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), gilt als die schwerste dissoziative Störung, die derzeit bekannt ist. Sie findet sich in allerlei mystischen, pseudowissenschaftlichen und poetisch anmutenden Diskursen wieder. Doch sind es ganz im Gegenteil nüchterne hirnphysiologische Vorgänge, die dem psychischen und physischen Überleben von, potentiell lebensvernichtenden, Erlebnissen dienen. Wie kann hier die Frage nach dem guten Leben gestellt werden, ohne als ignorant gegenüber dem erfahrenen Leid und Schmerz zu gelten? Gilt es nicht vornehmlich, die Vulnerabilität dieser Menschen in den Fokus zu nehmen? Und welche Haltung außer der, dass diese Menschen eine schwere psychische Erkrankung haben, kann noch eingenommen werden? Wie können dabei auf eine respektvolle, die Phänomenologie dieser Persönlichkeitsstruktur achtende Art und Weise eben die Fragen nach dem Guten, dem Frohen, dem Glücklichen gestellt werden? Und dabei nicht Gefahr zu laufen, den Hilfebedarf außer Acht zu lassen, sondern stets auf die Dringlichkeit der Weiterentwicklung und Ausweitung von psychosozialer Versorgung hin zu weisen? Sich diesem Gegenstandsbereich mit den Fragen nach Gesundheitsfaktoren, Zufriedenheit und Wohlbefinden anzunähern und dabei das psychopathologische Verständnis solcher Identitätsstrukturen zu erweitern ist Anliegen dieser Studie. Dabei nähert sie sich dem Gegen- 1. 1 stand angemessen nicht nur einer Persönlichkeit, sondern nimmt durch die Befragung von vier unterscheidbaren Persönlichkeitengruppen verschiedene Sinnstrukturen innerhalb eines Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung in den Blick. Diese explorative Vorgehensweise zeichnet den innovativen Charakter dieser Studie aus. Das Befragen von mehr als einer Persönlichkeit mittels qualitativer Interviews hat bisher in wissenschaftlichen Kontexten nicht statt gefunden und stellt eine Leerstelle in der Erforschung solch komplexer Identitätsstrukturen wie der DIS dar. Der Aufbau der vorliegenden Arbeit orientiert sich dabei an den Prämissen wissenschaftlicher Ausarbeitungen und stellt in Kapitel 2 den Forschungsgegenstand zunächst in aller Ausführlichkeit vor. Der Zusammenhang von Trauma und Dissoziation wird hier ebenso ausgebreitet wie die Definition der Dissoziativen Identitätsstörung, deren Diagnosekriterien, Ätiologie und Prävalenz. Daran anschließend findet sich eine Beschreibung der einzelnen in dieser Studie interviewten Persönlichkeitengruppen (Alltagspersönlichkeit, Kindpersönlichkeit, BeschützerIn1 und tätergebundene Persönlichkeit). Dem folgt eine Nachzeichnung der kritischen Diskurse rund um die DIS. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der theoretischen Rahmung der Studie und stellt die Konzepte Salutogenese und Empowerment in das Zentrum der Diskussion. Es werden inhaltliche Verbindungen zur DIS gezogen sowie daraus resultierende forschungs-praktische Konsequenzen vorgestellt. Daran anschließend findet sich im vierten Kapitel die Darstellung des Forschungsdesigns. Dabei wird zunächst der Forschungsgegenstand weiter ausdifferenziert sowie das Thema Forschungsethik mit den Aspekten der Informierten Einwilligung, Ethischen Achtsamkeit, Vermeidung von Schädigung und Forschen mit Kindern vorgestellt. Es folgt die Darstellung der Datenerhebung, deren Aufbau und Durchführung expliziert werden. Daran schließt sich eine erste Ergebnisdarstellung an, die die Aufgabenbeschreibungen der einzelnen Persönlichkeitengruppen auf Grundlage der erhobenen Daten beschreibt. Dieses Kapitel schließt mit der Vorstellung der hier genutzten Methode der 1 Die geschlechtersensible Schreibweise dieser Studie folgt den Empfehlungen des Leitfadens für gendergerechte Sprache der Frauenbeauftragten LMU München (2011), sowie den Ausführungen des AK Feministische Schreibweise (2011). 1. Einleitung 2 Datenanalyse ab und zeigt an konkreten Beispielen die Umsetzung und Anwendung der Grounded Theory Methode. Das fünfte Kapitel widmet sich der Ergebnisdarstellung. Zunächst wird die herausgearbeitete Kernkategorie Daseinsberechtigung detailliert anhand der hier relevanten Kategorien vorgestellt. Dabei wird auf eine Organisationsstruktur von Analyseergebnissen bei der Verwendung der Grounded Theory Methode rekurriert: Das Paradigmatischen Modell. Dies findet sich als visuelle Darstellung am Ende der Erläuterungen zur Daseinsberechtigung. Diese wird spezifiziert durch die einzelnen interviewten Persönlichkeitengruppen. Den jeweiligen Kernphänomenen entsprechend findet sich zu jeder Persönlichkeit ein Kapitel, welches sich der inhaltlichen Darstellung der Ergebnisse annimmt und an dessen Ende sich ebenfalls eine spezifische Abbildung nach dem Paradigmatischen Modells befindet. An diese Ausführungen anschließend beschäftigt sich dieses Kapitel mit der praktischen Anwendbarkeit der entwickelten Theorie und rekonstruiert ein geführtes Interview mittels des zuvor eingeführten theoretischen Vokabulars. Nach einer Diskussion der Ergebnisse bezüglich der Erhebung des Kohärenzgefühls mittels eines Fragebogens schließt dieses Kapitel mit der Reflexion des Forschungsprozesses ab. Das letzte Kapitel bettet nun die Ergebnisse dieser Studie in bestehende Theorien ein. Dabei werden sowohl psychotherapeutische Behandlungskonzepte, die Salutogenese, das Empowerment-Konzept sowie Modelle der Motivations- und Willensforschung relevant. Es werden Verbindungen zwischen der in dieser Studie erarbeiteten und bereits bestehenden Theorie geschlagen und Ausblick nehmend wissenschaftliche Leerstellen herausgearbeitet, die einer weiteren wissenschaftlichen Betrachtung bedürfen. Eine abschließende Bemerkung rundet diese Arbeit ab. 1. Einleitung 3

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Zusammenfassung

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), ehemals Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), gilt als die schwerste bislang bekannte dissoziative Störung. Von ihr betroffene Menschen haben meist in jungen Jahren anhaltende und zerstörerische Gewalt erfahren, sodass ihre Persönlichkeit in viele unterschiedliche Persönlichkeiten zersplittert ist. Genau an diese Menschen richtet die Autorin die Frage nach dem guten Leben. Welche Faktoren fördern es – und was versperrt ihnen den Weg? Eine Annäherung an die komplexen Identitätsstrukturen der Befragten kann dabei nicht nur über eine der verschiedenen Persönlichkeiten gelingen. Durch direkte Ansprache der Alltags-, Kind-, Beschützer- sowie der tätergebundenen Persönlichkeit adressiert die Autorin die verschiedenen Sinnstrukturen innerhalb eines Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung gleichermaßen.