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10. Die methodische und inhaltliche Gegenüberstellung der Zeitbegriffe bei Axel Michaels und Jan Assmann in:

Marco Preisinger

Zwischen Weltenzeit und Sternenzeit, page 91 - 104

Zeitbegriffe des alten Ägypten und des Hinduismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4032-4, ISBN online: 978-3-8288-6729-1, https://doi.org/10.5771/9783828867291-91

Series: Religionen aktuell, vol. 22

Tectum, Baden-Baden
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91 10. Die methodische und inhaltliche Gegenüberstellung der Zeitbegriffe bei Axel Michaels und Jan Assmann 10.1 Der wissenschaftstheoretische266 Vergleich Jede Kultur hat ihr eigenes Zeit- und Raumverständnis. Für unsere heutigen, mitteleuropäischen oder noch allgemeiner, abendländischen Verhältnisse scheint dies zwar nur noch teilweise zuzutreffen; der Kern der Aussage ist aber klar: Zeit ist ein Mysterium; Zeit ist relativ. Das stellt den wissenschaftlichen Umgang mit ihr selbstverständlich vor große Probleme. Dies gilt besonders wenn es um die Erforschung früherer oder uns so fremd erscheinender Kulturen geht. Ihr Zeitverständnis scheint, wie durch die beiden in dieser Arbeit dargestellten Gesellschaften klar wird, zum Teil enorm von unserer Zeitauffassung abzuweichen. Dazu kommt noch, dass es sich bei solchen Kulturen nur selten um tatsächlich homogene Gruppen von Menschen handelt – nicht zu sprechen von der zeitlichen Ausdehnung, beispielsweise des Pharaonenreichs, für dessen etwa 3500-jährige Geschichte ein zusammenhängendes Zeitverständnis kaum möglich erscheint – und ein einheitlicher Zeitbegriff nur unter Einschränkungen erforscht werden kann. Die Multidimensionalität der Zeit führt zu ähnlichen Schwierigkeiten. Sie kann von beinahe jedem erdenklichen Standpunkt aus betrachtet werden. So hat sie 266 Wenn hier von Wissenschaftstheorie die Rede ist, dann gilt für dieses Kapitel, was bereits einige Male vorher besprochen wurde: Es kann und soll keine wissenschaftstheoretische Analyse en détail erfolgen. Vielmehr werden die hier wichtig erscheinenden Punkte verglichen. 92 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit beispielsweise soziale, religiöse, physikalische, psychologische, etc. Dimensionen. Kurzum: Die Erforschung der Zeit ist schwierig und kann gewisse Einschränkungen nicht entbehren. Aber gerade deswegen ist es interessant, zwei Herangehensweisen für das Extrahieren eines religiösen Zeitverständnisses aus zwei völlig unterschiedlichen Kulturen gegenüberzustellen. Es ist schließlich völlig klar, dass man weder für das alte Ägypten, noch für die Hindu-Religionen irgendeine Art von Quelle finden wird, in der festgelegt ist, wie man ihr jeweiliges Zeitverständnis zu begreifen habe. Welche Strategien verfolgen also die beiden hier zu betrachtenden Wissenschaftler? Will man das Zeitverständnis einer für den Mitteleuropäer so fremd erscheinenden Kultur erläutern, so stellt sich zunächst die Frage nach der eigenen Zeitvorstellung. Man braucht ganz offenkundig eine Art „sprachliche und intellektuelle Brücke“, um Dinge zu erklären, die einem selbst fremd erscheinen. Zunächst begibt man sich also auf die Suche nach Äquivalenten im eigenen Wortschatz und versucht sich für den Fall, dass es sich beim Untersuchungsgegenstand um etwas handelt, wofür wir keinen eigenen Begriff haben, nach ihnen zu richten. Jan Assmann267 versucht hierzu zunächst so etwas wie unser eigenes Zeitverständnis zu skizzieren. Er meint, dass Kunst und Wissenschaft auf Einmaligkeit ausgerichtet sind und damit in hohem Maß vergänglich sind. Wir richten unser Zeitempfinden also keines Falls auf eine Ewigkeit oder Beständigkeit hin aus. Er braucht diese Beschreibung der Zeit, um später festzustellen, dass das alte Ägypten hier unser genaues Gegenteil gewesen zu sein scheint. Der Ausgangspunkt für ei- 267 Wie bereits mehrfach betont wurde, skizziert die vorliegende Studie keine einzelne Monografie Assmanns. Der Fokus liegt zwar auf seinem Buch „Steinzeit und Sternzeit“ – aber alle in diesem Kapitel folgenden Aussagen vermögen den Anschein zu vermitteln, Assmann verfolge eine chronologische Reihenfolge, in der er seine Interpretation der altägyptischen Zeitbegriffe zu vermitteln sucht. Dem ist allerdings nicht so. Um hier aber Verwirrungen zu vermeiden, versucht der hier folgende Vergleich eine Chronologie zu „simulieren“, indem er einem „virtuellen“ Vergleichsschema folgt, dass immer in etwa gleiche Gegenstände einander gegenüberstellt (A-A; B-B; C-C, etc.). Das bedeutet, dass gleiche Momente des Vergleichs gegenübergestellt werden, die aber nicht zwangsläufig die gleiche Anordnung in den jeweiligen Werken haben müssen. 93 gegenüberstellung der zeitbegriffe bei axel michaels und Jan assmann nen geistigen Zugang zu anderen Kulturaspekten könnte also über die Semantik unseres eigenen Begriffsschatzes führen. Das bestätigt sich auch bei Axel Michaels in ähnlicher Weise. Er verfolgt mit den einleitenden Worten zum Zeitkapitel seines Buches Der Hinduismus sogar einen doppelten Sinn. Einmal weist er genau wie Assmann darauf hin, was wir unter Zeit zu verstehen scheinen. Er würde sie wahrscheinlich als wissenschaftliche Zeit bezeichnen. Allerdings führt er, wie bereits herausgestellt wurde, nicht genau aus, was darunter zu verstehen sei. Man kann lediglich aus dem Kontext schließen, dass es sich hierbei um das Gegenteil der religiösen Zeit handelt. Darüber hinaus nutzt er die Gelegenheit und weist auf offenkundige Missstände innerhalb der Wissenschaften hin. Er betont, dass es eine Art „Trend“ geworden sei, alle nicht empirisch nachvollziehbaren Forschungen wenig oder gar nicht ernst zu nehmen. Die Erforschung der Zeit ist selbstverständlich ein solches nicht empirisch nachweisbares Feld, da sie sich geläufiger Begrifflichkeit und „Greifbarkeit“ entzieht – niemand weiß genau, was die Zeit ist. Damit etablieren beide hier zu betrachtenden Forscher einen Zeitbegriff für unsere Epoche, der sich allerdings kaum ähnelt. Während Assmann seine „moderne Zeit“ auf einer kulturellen Ebene betrachtet, ist Michaels‘ Zeitauffassung sehr allgemein gehalten. Das zeigt nur einmal mehr, wieso die Zeit ein Mysterium ist und wie relativ sie tatsächlich ist. Jedenfalls legen beide mit ihrer Sicht der heutigen Zeit die Grundlage für ihre weitere Betrachtung. Der nächste Schritt, den Jan Assmann geht, ist ein weiterer Zugang über etwas, das uns zunächst nicht allzu fremd erscheint – die messbare Zeit. Er erklärt, wie die alten Ägypter aus seiner Sicht ihren religiösen und profanen Alltag takteten. Das macht vor allem deshalb Sinn, weil er gerade über die Übersetzung für Stunde (die Vergehende) und Jahr (die sich Verjüngende) auf die beiden Zeitaspekte ḏt und nḥḥ hinarbeitet und damit den Leser quasi auf das, was kommt, einstimmt. Michaels hingegen erklärt zwar auch an gegebener Stelle, wie sich das Jahr in den Hindu-Religionen zusammensetzt, allerdings ist für ihn der Zugang über die Zeiteinheiten nicht sehr hilfreich. Stattdessen hat er sich dazu entschieden, das Kapitel zur Zeit mit einem Punkt zu sakralen Räumen einzuleiten. Für unser Verständnis von Raum und Zeit ist klar, dass sich die Zeit nur in einem Raum ausdehnen kann. Welcher Natur der Raum dabei ist, spielt für uns keine große Rolle. Für die 94 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Hindu-Religionen gilt laut Michaels, dass alles Materielle und Nicht- Materielle eine „Sphäre der Existenz“ (loka) benötigt. Er erwähnt es zwar nicht explizit, aber diese Aussage legt nahe, dass auch die Zeit eine solche Sphäre braucht. Damit hat Michaels also schon einmal deutlich gemacht, dass Zeit und Raum in den Hindu-Religionen in einem engen Verhältnis zueinanderstehen. Michaels verfolgt mit der themenübergreifenden Einleitung zum sakralen Raum aber zumindest ein ähnliches Ziel wie Assmann, auch wenn er, wie gesagt, einen anderen Zugang wählen muss. Er arbeitet auf das Zeitverständnis, das er vor allem im Zusammenhang mit religiösen Festen vermitteln will hin und schafft, ebenso wie es Assmann auf seine Weise getan hat, eine Grundlage für das weiterführende Verständnis. Es ist demnach auffällig, dass beide Forscher ihre jeweiligen Forschungsergebnisse nicht einfach in den Raum stellen, sondern versuchen, einen Zugang zu schaffen. Das lässt sich vor allem durch die Andersartigkeit der beiden zu betrachtenden Kulturen erklären. Es ist, um es kurz zu fassen kaum möglich, den Assmann‘schen Zeitbegriff des alten Ägypten, ebenso wenig wie den Zeitbegriff Michaels‘ für die Hindu-Religionen in einer Weise zu verstehen, wie es die beiden Wissenschaftler wohl angestrebt haben, wenn man nicht über das Vorwissen verfügt, das sie skizzieren. Nachdem sowohl Assmann, als auch Michaels eine Grundlage für die Darstellung ihrer jeweiligen Forschung gelegt haben, sind beide bestrebt, das Hauptaugenmerk ihrer Betrachtungen zu erläutern. Dazu wählen beide verblüffend ähnliche Herangehensweisen, die sich zumindest aus methodischer Sicht sehr gleichen. Assmann und Michaels wählen einen Zugang zur Zeit über die jeweiligen Kosmogonien. Da ein inhaltlicher Vergleich im folgenden Unterkapitel vorgenommen wird, soll der Hinweis auf die Betrachtung Weltentstehung an dieser Stelle genügen. Versucht man zu verstehen, wieso die Frage nach der Schöpfung Sinn macht, muss man nach dem Anfang der Zeit suchen. Assmann stellt mit seiner Interpretation der altägyptischen Kosmogonie von Heliopolis eine Verbindung zwischen Präexistenz und Existenz her, da er davon ausgeht, dass die beiden Zeitaspekte ḏt und nḥḥ sowohl innerweltliche Zeit, als auch außerweltliche Ewigkeit darstellen. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil er damit ein „Bindeglied“ zwischen den einleitenden Worten zu den Zeiteinheiten auf der einen Seite schafft, die ja bereits einige Hinweise auf einen Doppelaspekt der alt- 95 gegenüberstellung der zeitbegriffe bei axel michaels und Jan assmann ägyptischen Zeit geben und auf der anderen Seite den Möglichkeiten der Menschen, an den beiden Zeitaspekten Anteil zu haben. Wieder ist zu erkennen, dass Assmann gezielt auf die Vermittlung seiner Zeitinterpretation hinarbeitet und selbstverständlich immer wieder neue Argumente aufbaut, die seine Sicht der beiden Zeitaspekte untermauert. Der gesamte Prozess der begrifflichen und wissenschaftlichen Einführung in die altägyptischen Zeitaspekte führt bei Assmann zu den Begriffen Steinzeit und Sternzeit. Sie sind selbstverständlich bereits lange bekannte Worte, denen der Ägyptologe hier aber einen neuen Sinn verleiht, der seine Interpretation der Zeitaspekte geradezu wörtlich versinnbildlichen. Michaels verfolgt, wie gesagt, einen relativ ähnlichen Ansatz. Er weist zunächst auf verschiedene kosmogonische Ansätze hin, um deutlich zu machen, dass es innerhalb der Hindu-Religionen keinen einheitlichen Schöpfungsmythos gibt. Erst mit dem Hinweis auf die klassische Mythologie beginnt er auf sein eigentliches Augenmerk, nämlich die zyklische Zeitvorstellung, hinzuarbeiten. Hier kann man das Kapitel zur klassischen Mythologie, wie zuvor für Assmann beschrieben, als ein „Bindeglied“ verstehen, das die religiösen Raumvorstellungen mit der komplexen Beschreibung sakraler Feste vereint. Denn Michaels braucht für die heiligen Feste, die für ihn die Vereinigung von Raum und Zeit darstellen und nur dann tatsächlich heilig sind, wenn sie „schon immer“ da gewesen sind und darüber hinaus auch ewig bleiben, ebendieses Bindeglied. Auffallend hieran ist, dass auch Assmann, zumindest für die nḥḥ auf die Feste zu sprechen kommt. Er erwähnt es in seinem Kapitel zur Anteilhabe und Inganghaltung der zyklischen Zeit durch Rituale. Man kann also zusammenfassend sagen, dass sowohl Assmann, als auch Michaels die Ergebnisse ihrer Studien bereits vor Augen hatten und sowohl einführende, als auch argumentativ stützende Kapitel voranstellen. Bei beiden äußert sich diese argumentative Stütze durch sprachliche Rekonstruktionen und den Gebrauch von Quellen. Vor allem wird aber darüber hinaus auch kultur-religiös argumentiert. Assmanns Zeitinterpretation konnte nur vor dem Hintergrund einer gründlichen Kulturanalyse erfolgen. Das beste Beispiel dafür ist die Konnotation der Zeitaspekte mit dem Wunsch der Ägypter die Zeit zu überwinden. Bei Michaels ist die kultur-religiöse Analyse ähnlich deutlich ersichtlich. Der Wunsch der Hindus in einen Zustand statischer Zeit zu treten – die Zeit also ebenso wie die Ägypter in gewisser Weise zu überwinden 96 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit – kann nur über ein gründliches kulturelles Wissen erschlossen werden. Das reine Studium der Texte und Mythologie hätte, vor allem was die Beschreibung der Feste angeht, keine so detaillierten Ergebnisse zu Tage fördern können, wie Michaels sie dargelegt hat. Inhaltlich gesehen unterscheiden sich Michaels und Assmanns Beschreibung ihrer jeweiligen Zeitinterpretation selbstverständlich deutlich. Das erschließt sich allein dadurch, dass zwei völlig unterschiedliche Kulturen betrachtet werden. Auf den ersten Blick mag das kaum erwähnenswert sein, aber für einen methodischen, sowie inhaltlichen Vergleich ist es einfach der Vollständigkeit halber wichtig. Methodisch gesehen ähneln sich die beiden Arbeiten, wie gezeigt wurde, zum Teil sehr. Man muss hier aber ganz klar feststellen, dass Assmann den Vorteil hat, dass er eigenständige Monografien zur Thematik verfasst hat, wohingegen Michaels der hindu-religiösen Zeit „nur“ einen kleinen Abschnitt in seinem Überblicksbuch zum Hinduismus widmen konnte. Das Bild, dass der Ägyptologe gegenüber dem Indologen zeichnen konnte, ist dadurch wesentlich komplexer. Für den Vergleich ist dieser Umstand aber, wie bereits erwähnt wurde, nicht unbedingt abträglich. Es gibt immer noch ausreichend viele Vergleichsmomente, die gleichwertig gegenübergestellt werden können. Eine abschließende Feststellung zum methodischen Vergleich stellt die reine Begrifflichkeit der jeweiligen Zeitaspekte dar. Während Assmann zwei für ihn klar definierte Zeitbegriffe hat, hat Michaels lediglich eine Zeitvorstellung. Das führt aber letztlich nur dazu, dass Assmann zwei klar greifbare Begriffe betrachten und beleuchten kann, während Michaels‘ Interpretation dadurch abstrakter bleibt, dass er eben auf keine Vokabel zurückgreift, sondern die zyklische Zeit der Hindu-Religionen bei ihrer für uns gebräuchlichen Umschreibung belässt. 10.2 Der Vergleich der Zeit als Ewigkeit Der, wie bereits erwähnt wurde, augenscheinlichste Gegenüberstellungspunkt der Zeitkonzepte des alten Ägypten und der Hindu-Religionen ist wohl die Zeit in ihrem Aspekt als Ewigkeit. Die Ewigkeit an sich ist für uns wahrscheinlich ähnlich mysteriös wie die Zeit selbst. Auf der einen Seite verkörpert sie in gewisser Weise einen Aspekt der Zeit als endlose Fortdauer. Auf der anderen Seite hat sie, je nach Interpreta- 97 gegenüberstellung der zeitbegriffe bei axel michaels und Jan assmann tionsansatz, entweder die besagte „Endloseigenschaft“, wobei unklar ist, ob sie ein fortwährender Zeitpunkt ist, beziehungsweise der Zeit gänzlich enthoben ist, oder ob man sie ebenso als das Gegenteil der Zeit verstehen kann. Sowohl die Zeitaspekte des alten Ägypten, als auch die zyklische Zeit der Hindu-Religionen vereinen die Vorstellung von Zeit und Ewigkeit. Religionskulturell betrachtet „verkörpern“ diese aber eine jeweils unterschiedliche Erwartung der Menschen an die Zeit. Für das alte Ägypten, so hat es Assmann herausgestellt, betrifft die Zeit alles Diesseitige und die Ewigkeit alles Jenseitige. Diese beiden Aspekte können aber nicht voneinander getrennt betrachtet werden, da das größte Bestreben der Ägypter darin lag, alles Irdische und damit Vergängliche, der Zeit unterworfene, in die Ewigkeit zu transferieren. Es ging also kurz gesagt darum, das, was wir als Zeit begreifen, zu überwinden und das begrenzte irdische Leben in ein ewiges Leben nach dem Tod überzuführen. Das spiegelt sich schon in der von Assmann dargelegten Umschreibung der beiden altägyptischen Zeitaspekte als „durative Unvergänglichkeit“ (ḏt) und „iterative und regenerative Unvergänglichkeit“ (nḥḥ) wider. Nahezu alle Bereiche der altägyptischen Lebenswelt waren darauf ausgerichtet, diese Ewigkeitstransformation zu vollziehen. Für den hier geplanten Vergleich ist vor allem noch einmal die Gegenüberstellung der Zeitaspekte ḏt und nḥḥ wichtig. Erstere ist die „ewige Dauer des in statischer Unwandelbarkeit vollendeten“. Damit ist ḏt geradezu der Aspekt, der das Leben nach dem Tod, das ja ewig dauern sollte, widerspiegelt. Man sollte diese „statische Unwandelbarkeit“ allerdings nicht wie bei Michaels für die Hindu-Religionen verstehen. „Statisch“, so muss hier aus dem Kontext bei Assmann geschlossen werden, bedeutet, dass die fortschreitende Zeit nicht änderbar ist und nicht wie bei Michaels, eine Art zeitlicher Stillstand, einen zeitpunktlosen Zustand. Man könnte Assmanns Interpretation mit unserer linearen Zeit vergleichen, deren Lauf ja auch unaufhaltsam und letztlich nicht veränderbar ist. Der Aspekt nḥḥ ist ein zyklisches Abbild der Zeit, das sich vor allem an natürlichen Ereignissen orientiert. Alle wichtigen wiederkehrenden Begebenheiten, seien es die überlebensnotwendige Nilschwemme oder die Orientierung im Kalender, werden von nḥḥ bestimmt. Sie ist der Generator, aus dem sich alle Zeiteinheiten speisen und sie ist es, 98 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit durch die rituelle Ereignisse getaktet werden, damit Zeit überhaupt entstehen kann. An früherer Stelle wurde festgestellt, dass die Zeit im alten Ägypten laut Assmann nicht erschaffen wurde, sondern lediglich durch die Schöpfung in die Welt eintrat. Sie war in der Präexistenz, also in der „Vor- bzw. Außerwelt“ die Ewigkeit und manifestiert sich innerhalb der Welt als Zeit. An genau diesem Punkt lässt sich wunderbar für einen Vergleich ansetzen. Denn auch bei Michaels‘ Deutung für die Hindu-Religionen muss davon ausgegangen werden, dass die Zeit „schon immer“ da gewesen sei. Damit gibt es keine absolute, vor allem Anfang stehende Schöpfung, sondern lediglich immer wieder folgende Schöpfungen, nachdem die jeweilige Welt untergegangen ist. Genau betrachtet, unterscheidet der Zeitbegriff bei Michaels aber trotzdem nicht so streng zwischen Zeit und Ewigkeit, wie es Assmann für das alte Ägypten tut. In der klassischen Mythologie der Hindu-Religionen taucht ein zyklisches Zeitbild auf, das sich am ehesten durch die Weltzeitalter zeigt. Diese Weltzeitalter richten sich ihrer Länge nach, nach der Lebenszeit eines Gottes. Zunächst wird die Welt in verschiedenen Schöpfungsmythen erschaffen. Das zeigt zum einen nochmals, dass der Hinduismus keine einheitliche, in sich geschlossene Religion darstellt und zum anderen, dass verschiedene Schöpfungsmythen nebeneinander existieren – und zwar gleichberechtigt. Sobald also die Welt erschaffen wurde, beginnt ein Zyklus, dessen Länge sich wie gesagt, nach der Lebenszeit eines Gottes richtet und insgesamt vier Weltzeitalter umfasst. Mit der Schöpfung kommt die Zeit in die Welt – sie war allerdings schon immer da. Damit hat sie vor, während und nach der jeweiligen Schöpfung gleiche Eigenschaften. Nachdem die besagte Spanne zu Ende ist – sie wird mit 100 Brahmājahren, also ca. 311 Billionen und 40 Milliarden Menschenjahren angegeben – geht die Welt unter und alles tritt in eine Art „Status des Ausgleichs“ über, in dem alles statisch verharrt – also auch, beziehungsweise gerade die Zeit. Bei Michaels ist kein direkter Anfang der Zeit zu finden. Also muss aufgrund des zyklischen Zeitbildes davon ausgegangen werden, dass die Zeit schon immer da war. Damit ist eine Ähnlichkeit zwischen der altägyptischen Zeit, die Assmann vorstellt und der Zeit der Hindu-Religionen, die Michaels darlegt, vorhanden. In beiden Religionskulturen existierte die Zeit vor der eigentlichen Schöpfung. Der Unterschied ist hier qualitativ zu se- 99 gegenüberstellung der zeitbegriffe bei axel michaels und Jan assmann hen. Während für Michaels‘ Zeitbegriff gilt, dass die Zeit zu jedem Zeitpunkt gleiche Eigenschaften hat, gilt für Assmann im alten Ägypten, dass die Zeit mit der Schöpfung eine Transformation erlebt. In dem Augenblick, da sie in die Welt übergeht, ist sie streng genommen nicht mehr die Ewigkeit, als ein zeitpunktloses Konstrukt, sondern sie wird messbar, vergänglich und erhält ihre beiden Aspekte ḏt und nḥḥ. Sie hat damit gleichermaßen die lineare Eigenschaft der Unwiederbringlichkeit und Vergänglichkeit und die zyklische Eigenschaft der Ewigkeit – allerdings mit den bereits mehrfach beschriebenen Einschränkungen, die nḥḥ deutlich von der Ewigkeit abgrenzen. Die von Assmann und Michaels skizzierten Zeitbegriffe sind also keineswegs identisch. Das wäre auch in Anbetracht der Verschiedenheit ihrer jeweils zugrundeliegenden Kulturen sehr überraschend. Aber gerade weil diese so verschieden sind, sind die Parallelen der Zeitbegriffe umso verblüffender und interessanter. Sogar eine von Michaels vorgeschlagene Kosmogonie ähnelt der Kosmogonie von Heliopolis des alten Ägypten sehr. Michaels beschreibt eine der Schöpfungen wie folgt: Ein Gott, der alles verkörpert, also eine Einheit darstellt, entschließt sich ein Zweites zu werden und löst dadurch die Schöpfung aus. Er tritt damit aus dem statischen Zustand der Zeit aus und die Zeit kommt mit der Schöpfung in die Welt. Dazu kommt, dass er durch diesen Prozess in allem enthalten ist. Der Gott ist quasi überall. Ähnliches erfahren wir bei Assmann über das alte Ägypten. Der Gott Atum verkörpert die Präexistenz und wird ebenso als Einheit dargestellt. Durch einen Anstoß beginnt er mit der Schöpfung, indem er aus sich selbst heraus Schu und Tefnut ausspeit. Er wird aus einer Einheit zu einer Dreiheit. Nachdem bereits einige Teile der Schöpfung vollzogen wurden, wurde der Gott zum Sonnengott und unternahm den ersten Sonnenlauf, der sich seitdem immer wiederholt. Damit trat die außerweltliche Ewigkeit in die Welt ein und wurde zur Zeit die sich als ḏt und nḥḥ manifestiert. Man kann also deutliche Parallelen zwischen beiden Kosmogonien und der mit ihnen verbundenen Zeit und Ewigkeit feststellen. Weiterhin auffallend ist, dass die Zeit sich in beiden Religionskulturen einmal in ihrer zyklischen und einmal in ihrer linearen Form zeigt. Die Zyklische manifestiert sich in den Hindu-Religionen durch den Kreis der ewigen Wiederkehr, der die Welt, ebenso wie alle Lebewesen, immer wieder werden und vergehen lässt. Im alten Ägypten zeigt sie 100 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit sich in Form der nḥḥ, die ihrerseits alles zeitlich Wiederkehrende repräsentiert. Die lineare Zeit wiederum ist bei Michaels für die Hindu-Religionen kaum zu finden. Er verortet sie, ähnlich wie bei uns, beispielsweise durch die Wahrnehmung des Alterns. Im alten Ägypten taucht sie in Form der ḏt auf, die vor allem mit dem Gott Osiris verbunden ist und dadurch die Ewigkeit des Lebens nach dem Tod repräsentiert. Dem Ursprung der Ähnlichkeit in den dargestellten Kosmogonien, die jeweils einen Gott zeigen, der sich aus einer Einheit in eine Vielheit wandelt, kann hier nicht nachgegangen werden, da hier wie gesagt lediglich zwei Forschungsmeinungen, die sich jeweils mit völlig unterschiedlichen Religionskulturen auseinandersetzen, miteinander verglichen werden. Es wäre sicherlich interessant zu prüfen, ob diese Ähnlichkeit lediglich zufällig ist, oder ob irgendwelche religionshistorischen Verknüpfungen zu finden sind. Die beiden Aspekte der Zeit, linear und zyklisch, bieten allerdings über ihren Ursprung und ihre Beschaffenheit in den jeweiligen Religionskulturen hinaus eine sehr gute Vergleichsgrundlage für eine religionskulturelle Gegenüberstellung. Obwohl die beiden Schöpfungsmythen, ebenso wie die beiden Manifestationen der Zeit deutliche Parallelen aufweisen, ist nämlich die religionskulturelle Interpretation und Wahrnehmung der Zeit zum Teil sehr unterschiedlich. Da wäre zunächst die Teilhabe an der Zeit, als heilige oder heilsbringende Zeit. Für das alte Ägypten hat Assmann herausgestellt, dass die Menschen sowohl im Leben, als auch im Tod, Anteil an beiden Zeitaspekten, ḏt und nḥḥ haben wollten. Im Leben konnten sie ihren Anteil an ḏt haben, indem sie ein moralisch einwandfreies Leben führten. Das hatte den Zweck, dass sie sich später vor dem Totengericht rechtfertigen konnten und ihr Herz, das mit der Feder der Ma‘at aufgewogen wurde, nicht aufgefressen wurde. Das hätte die für den Ägypter die denkbar allerschlimmste Konsequenz gehabt, denn ihm wäre auf diese Weise ein Leben nach dem Tod unmöglich geworden, er wäre gestorben und damit der Zeit, die er zu überwinden trachtet, erlegen. Eine weitere Möglichkeit, um einen Anteil an ḏt zu haben, war die Errichtung von Monumentalbauwerken. Sie sollten ein „Haus“ für die Ewigkeit sein. Solche Gebäude, die entweder als Tempel oder vornehmlich Grabanlagen in Erscheinung treten, hatten allerdings nicht nur die Funktion, einen toten Körper aufzubewahren oder im Fall der Tempel das „Allerheiligste“ zu betten, sondern sie transferierten Texte und Gedanken in die Un- 101 gegenüberstellung der zeitbegriffe bei axel michaels und Jan assmann endlichkeit. Das perfekte Medium war für den Ägypter der Stein, der unvergänglich und damit ewig erscheint. Eine Grabanlage konnte somit in Form der Hieroglyphenschrift das Leben des Toten aufzeichnen und für die Nachwelt konservieren. Der Verstorbene hatte damit die Möglichkeit, all seine guten Taten auf ewig sichtbar zu machen. Den Anteil an nḥḥ konnte man vor allem durch regelmäßig wiederkehrende Ereignisse, wie beispielsweise der Nilüberschwemmung oder religiösen Festen und darüber hinaus durch die rituelle Inganghaltung des Kosmos haben. Die Welt ist von Natur aus vom Chaos bedroht und muss durch rituelle Unterstützung im wörtlichen Sinn in Ordnung gehalten werden. Dem Ägypter ging es also kurz gesagt um das Überwinden der Zeit und die Anteilhabe an der Ewigkeit. Genau diese Ewigkeit war für den Ägypter etwas heilsbringendes, weil sie ihm dazu verhalf, das irdische Leben in die Unendlichkeit zu transferieren. Für die Hindu-Religionen, so skizziert es Michaels, ist die Lage etwas anders. Alles, was dem Kreis der ewigen Wiederkehr unterworfen ist, ist grundlegend leidvoll. Man möchte also aus der zyklischen Zeit austreten und sein Heil in einer statisch verharrenden, heiligen Zeit suchen. Dazu gibt es, wie bereits an anderer Stelle erwähnt wurde, drei Möglichkeiten. Entweder man versucht selbst zum Gott zu werden; man versucht einen zeitlosen Zustand in der Meditation zu finden oder hat einen Anteil an Opfern, Ritualen und religiösen Festen, die ihrerseits ein statisches Moment in der Zeit sind. Um noch einmal auf die Feste zu sprechen zu kommen, vereinen sie alles, was Michaels in seinem Kapitel zur hindu-religiösen Zeit skizziert hat. Diese Feste sind selbstverständlich als irdische Feierlichkeiten historisch und geographisch zu verorten. Sie finden an festgelegten Punkten in der säkularen Zeit statt und werden an einem bestimmten Ort ausgeführt. Bei einem hindu-religiösen Fest oder allgemeiner gesagt bei allen religiösen Festen geht es aber mit Sicherheit nicht um säkulare Angelegenheiten, sondern um religiöse Dimensionen. Ein Hindu-Fest ist zwar geographisch an einen Punkt gebunden, aber im religiösen Sinn kann es quasi überall – selbst im Herzen der Gläubigen – stattfinden. Darüber hinaus ist es zwar an eine bestimmte irdische Zeit gebunden, allerdings wird das Fest nicht, wie bereits festgestellt wurde, wiederholt, sondern „wieder geholt“. Das macht einen enormen Unterschied aus. Denn nur so ist nachvollziehbar, wieso heilige Feste in den Hindu-Religionen die sakrale Zeit und den sakralen Raum vereinigen. Die Feste 102 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit sind deswegen heilig, weil sie einen zeitlich gesehen statischen Zustand halten. Sie waren schon immer da und sind damit ein Teil der anderen Welt und der anderen Zeit. Diese beiden von Michaels verwendeten Begriffe stehen für das Heilige ihrer jeweiligen Kategorien. Die andere Welt ist der nicht-materielle, nicht-irdische, heilige Ort und die andere Zeit ist jener in Statik verharrende Zustand, der in den Hindu-Religionen als heilig angesehen wird. Wenn man nun den Versuch unternimmt, diese andere Welt und die andere Zeit bei Assmann zu suchen, so stellt man fest, dass die Trennung zwischen irdisch und nicht-irdisch, bzw. inner- und außerweltlich, ebenso wie die Unterscheidung zwischen Zeit und Ewigkeit im alten Ägypten nicht so eindeutig zu verzeichnen ist, wie Michaels es für die Hindu-Religionen beschreiben konnte. Zunächst zum Begriff der anderen Welt: Eine solche nicht-irdische Welt kann im alten Ägypten nur der Zustand vor der Schöpfung, die bereits an früherer Stelle als „Vor-, bzw. Außerwelt“ bezeichnet wurde, sein. Die Verstorbenen Ägypter, die nach ihrem Ableben ein Teil der Ewigkeit geworden sind, ebenso wie die Götter, sind ein Teil der irdischen Welt. Sie leben allerdings in einer Art Parallelexistenz. Sofern man davon ausgeht, dass diese Parallelexistenz trotzdem zum Irdischen zählt, wäre eine Teilhabe an der anderen Welt für einen Ägypter nur dann denkbar, wenn er sich einen Anteil an der „Außerwelt“ oder – hier im Speziellen – der außerweltlichen Ewigkeit sichert. Das war, wie bereits mehrfach angedeutet wurde, durch monumentale Steinbauten (für den Aspekt ḏt) und durch die Anteilnahme an Riten (für den Aspekt nḥḥ) möglich. Damit gewann die innerweltliche Zeit die Qualität einer außerweltlichen Ewigkeit. Mit dieser Aussage lässt sich hervorragend auf die andere Zeit überleiten. Denn dadurch, dass die Zeitaspekte ḏt und nḥḥ für das alte Ägypten immer auch Aspekte der außerweltlichen Ewigkeit sind, gibt es die andere Zeit, so wie Michaels den Begriff verwendet, bei Assmann nicht. Denn für Michaels ist die andere Zeit ja etwas, das sich fundamental von der irdischen Zeit unterscheidet. Bei Assmann ist die Trennschärfe zwischen innerweltlicher Zeit und außerweltlicher Ewigkeit, aufgrund der genannten Punkte, wesentlich geringer zu bewerten. Auf den ersten Blick mag es, aufgrund augenscheinlicher Parallelen, so anmuten, als könne man die andere Welt und die andere Zeit für die Hindu-Religionen und für das alte Ägypten ohne größere Schwie- 103 gegenüberstellung der zeitbegriffe bei axel michaels und Jan assmann rigkeiten miteinander vergleichen. Neben den genannten Punkten, die den Schluss zulassen, dass sich die beiden Begriffe, die Michaels benutzt, nicht ohne weiteres auf das alte Ägypten, wie es Assmann skizziert, übertragen lassen, sei hier aber noch ein letzter Punkt betont: Ein Hindu ist, sofern er die irdische Zeit verlässt und den Status der anderen Zeit erreicht, auch in der anderen Welt. Ein Ägypter konnte hingegen nie in eine andere Welt übertreten. Er konnte lediglich einen Anteil an deren Ewigkeit haben. Eine weitere Dimension der Ewigkeit in den Hindu-Religionen ist die immer wiederkehrende Schöpfung, ebenso wie eine immer wiederkehrende Apokalypse. Dadurch, dass der Kreis der ewigen Wiederkehr selbstverständlich zur Folge hat, dass man immer wiedergeboren wird und dass die Welt, obwohl sie untergehen kann, auch immer wieder neu entsteht, fehlt der Zeit in den Hindu-Religionen der spezifisch moralische Ansatz, der im alten Ägypten zu finden ist. Ginge man von der reinen Zeit und den Möglichkeiten aus ihr zu entfliehen, dann ist nirgends ein Hinweis zu finden, der ein moralisch gutes Leben – was auch immer das im hindu-religiösen Sinn bedeuten mag – voraussetzt. Die Hindu- Religionen verfügen stattdessen über einen anderen „moralischen Generator“, nämlich das Karma. Man könnte hier zunächst vermuten, dass sich die moralische Zeit des alten Ägypten eher mit dem Konzept des hindu-religiösen Dharma vergleichen ließe. Hier wird aber vorgeschlagen, das hindu-religiöse Dharma, als ein Konzept von Ethik und Moral (u. a.), eher der Ma‘at des alten Ägypten, als ein weltumfassendes Ordnungsprinzip, das nicht zuletzt auch Grundgedanken von Ethik und Moral beinhaltet, gegenüberzustellen. Das Karma ist im Vergleich zur altägyptischen moralischen Zeit tatsächlich, wie oben beschrieben, als „moralischer Generator“ zu verstehen. Jede Handlung ist eine Ursache, die entweder zu gutem oder schlechtem Karma führt, das als Wirkung entweder gute oder schlechte Konsequenzen für den Handelnden nach sich zieht. Ähnlich funktioniert die moralische Zeit des alten Ägypten. Die Taten einer Person werden im Hinblick auf das Bestehen vor einem Totengericht, an der Ewigkeit gemessen. Der Ägypter musste also im Idealfall jede Handlung so vollziehen, dass sie zeitlos moralisch gut war. Es lohnt sich, aufgrund der Fülle an Wiederholungen und der recht komplexen Thematik, die Gegenüberstellung der religiösen Zeit als heilbringende Zeit zusammenfassend gegenüberzustellen. Das alte Ägypten hat durch die lineare Ewigkeit eine moralische Komponente, 104 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit die aufgrund der Verantwortung vor dem Totengericht und der damit verbundenen potentiellen vollständigen Auslöschung allgegenwärtig zu sein schien. In den Hindu-Religionen ist eine solche moralische Dimension der Zeit nicht zu finden – sie wird jedenfalls nicht von Michaels erwähnt. Der Vergleich der religionskulturellen Auffassung der Zeit erweist sich in seinem Ergebnis als schwierig, weil er völlig unterschiedlich interpretiert werden kann. Ein Hindu versucht, aus dem Kreis der ewigen Wiederkehr in einen statischen Zustand der Zeit überzutreten. Ein Interpretationsansatz wäre hier, in Bezug auf die Zeitvorstellungen des alten Ägypten, dass beide in gewisser Weise die Zeit überwinden wollen. Während der Hindu versucht, in eine statische Zeit überzutreten, versucht der Ägypter, die ihm gegebene irdische Zeit in die Ewigkeit zu transferieren. Sofern man die Ewigkeit also als zeitpunktlose Fortdauer sieht, könnte man durchaus Parallelen zwischen der hindu-religiösen statischen Zeit und der außerweltlichen altägyptischen Ewigkeit sehen. Damit wären die Zeitaspekte beider Religionskulturen ewig existent und trotzdem nicht mit dem, was wir unter Zeit im Sinne einer linearen Fortdauer verstehen gleichzusetzen. Durch den Aspekt der ḏt, der ja eine immerwährende Fortdauer bedeutet, wird dieser Interpretationsansatz aber relativ unwahrscheinlich. Die ḏt-Zeit ist ja im weitesten Sinn die lineare Zeit und diese ist nicht zeitpunktlos, sondern sie ist fortschreitend und ewig. Der Aspekt der nḥḥ macht eine Parallele zwischen der hindu-religiösen und altägyptischen Ewigkeit sogar noch unwahrscheinlicher. Denn sie ist die zyklische Zeit, die sich durch Wiederkehr – ebendem, was die Hindus zu überwinden versuchen – auszeichnet. Das pointiert zusammengefasste Ergebnis des Vergleichs ist Folgendes: Die Zeit kann sich ähnlich, bis völlig gleich in der Welt manifestieren. Sie kann sehr ähnlich ausgelegt und wahrgenommen werden. Einen gleichen heiligen, beziehungsweise heilsbringenden Charakter hat sie aber trotzdem nicht zwangsläufig. Die religionskulturelle Auffassung vom Heil der Zeit ist daher für die jeweiligen Religionen individuell zu suchen.

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Zusammenfassung

Zeit ist etwas Besonderes – kein Mensch scheint zu wissen, was genau sie ist, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Sie scheint uns selbstverständlich zu sein, dennoch bezeichnet dieser Terminus eine Abstraktion. Den anspruchsvollen Grundbegriff 'Zeit' untersucht Preisinger hinführend in Kultur, Religion und Philosophie, um sich schließlich den Vorstellungen von Zeit in zwei klassischen Hochkulturen zu widmen: dem Alten Ägypten und Indien. Beide Kulturen zeigen dabei je einen ganzen Komplex unterschiedlicher Ebenen von Zeitverständnissen. Die Zeitvorstellungen des Alten Ägypten wie Indiens werden durch zwei namhafte Wissenschaftler ausführlich untersucht. So ist der Ägyptologe Jan Assmann für seine Ausführungen zur Zeit im Alten Ägypten bedeutsam und bekannt. Axel Michaels führt insbesondere in seinem Klassiker 'Der Hinduismus' die Zeitvorstellungen Indiens tiefgründig aus und stellt sie schließlich einem westlich-wissenschaftlichen Zeitverständnis gegenüber. Mit seinen Ausführungen präsentiert Preisinger nicht nur Zeitbegriffe, die für unseren Kulturkreis in der Gegenwart gewöhnlich sind, sondern er führt damit in ein tieferes Verständnis dieser beiden klassischen Hochkulturen ein. Er setzt sich und damit den Lesenden dem nicht immer ganz einfachen, aber umso spannenderen Religionsvergleich zweier so unterschiedlicher Systeme aus. Als kultur- und spezifisch religionswissenschaftlich Interessierter sollte man sich dafür Zeit nehmen.