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7. Vorüberlegungen zu den Zeitbegriffen der Hindu-Religionen nach Axel Michaels in:

Marco Preisinger

Zwischen Weltenzeit und Sternenzeit, page 67 - 70

Zeitbegriffe des alten Ägypten und des Hinduismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4032-4, ISBN online: 978-3-8288-6729-1, https://doi.org/10.5771/9783828867291-67

Series: Religionen aktuell, vol. 22

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
67 7. Vorüberlegungen zu den Zeitbegriffen der Hindu-Religionen211 nach Axel Michaels 7.1 Grundlegendes zu den Hindu-Religionen aus abendländischer Sicht Die Hindu-Religionen sind wohl für die meisten von uns ein großes Mysterium. Die enorme Göttervielfalt und die generelle „Andersartigkeit“ dieser religiösen Strömungen sind der offenkundig perfekte Nährboden für esoterische Konnotationen. Inzwischen kommt kaum eine Buchhandlung mehr ohne einen „Karma-Ratgeber“ oder eine mit Śiva- Statuen und Klangschalen versehene „Räucherecke“ aus. In den Supermärkten gibt es allerlei Speisen nach „indischer Art“ und der Trend, Yoga zu praktizieren, reißt derzeit auch nicht ab – auch wenn viele wahrscheinlich nicht wissen, dass die religiöse Praxis so gut wie überhaupt nichts mit dem „populären Yoga“ zu tun hat. Die größte Verbindung der Hindu-Religionen zur abendländischen Welt dürfte wohl die Hippie-Bewegung der späten sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts darstellen. Als die berühmtesten Vertreter dieser Hindu-Hippie- Vermischung sind der Beatles-Gitarrist George Harrison und der Gitarrist Jimi 211 Hier und im Folgenden wird bewusst auf den Begriff „Hinduismus“ verzichtet. Er ist zwar selbst in den Wissenschaften gebräuchlich und weit verbreitet, vermag aber zuweilen den Eindruck vermitteln, dass es den einen Hinduismus gäbe – dem ist allerdings nicht so. Daher wird das Konzept aus Axel Michaels Raum- und Zeitkapitel übernommen, statt von Hinduismus, von Hindu-Religionen zu sprechen, da hier eine begriffliche Grundlage geschaffen wurde, die auch der Kritik, dass es keinen einheitlichen Hinduismus gäbe, standhält. 68 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Hendrix zu nennen. Ersterer durch seine Verbindung zur Kṛṣṇa- Bewegung, Letzterer durch psychedelische Einflüsse in seiner Musik. Es gibt sicherlich noch unzählige weitere Berühmtheiten, die den Hindu- Hippie-Trend geradezu verkörpern – an dieser Stelle nicht zu vergessen Led Zeppelins Robert Plant. Der Punkt soll hier aber ein anderer sein:  Es ist nämlich gerade diese Vermischung von Esoterik und religiösem Halbwissen, das die religionswissenschaftliche Beschäftigung mit den Hindu-Religionen vor nur schwer überwindbare Klischees stellt. Axel Michaels, dessen Zeitbegriff für die Hindu-Religionen im folgenden Kapitel vorgestellt wird, kann ein sprichwörtliches Lied darüber singen. Er spricht sogar von „westlicher Ignoranz“ und dass das Bildungsdefizit in Bezug auf Indien „skandalös“ sei.212 Es ist daher nicht allzu verwunderlich – wie noch zu zeigen sein wird – wenn er an verschiedenen Stellen klare Trennlinien zwischen wissenschaftlichen und religiösen Raum- und Zeitbegriffen zieht. Abgesehen von Theologie und Philosophie, habe die moderne Wissenschaft ihren Blick für das nicht unmittelbar empirisch Nachweisbare verloren. Die Moderne würde sogar andere lebensweltliche Orientierungen degradieren und bestenfalls als subjektiv g ültig auffassen. Meistens würde eine solche Orientierung aber nicht ernstgenommen werden, denn die Wissenschaften, vor allem die Geisteswissenschaften, fragen oftmals nur nach einem historischen Entstehungsprozess und verschließen die Augen vor anderen Weltvorstellungen und der mit ihnen verbundenen religiösen und lebensweltlichen Orientierung.213 7.2 Methodisches Vorgehen Um einen Beitrag zu den von Michaels aufgeführten Missständen innerhalb der Wissenschaften zu leisten, soll im Folgenden sein Zeitverständnis der Hindu-Religionen erläutert werden. Das methodische Vorgehen lehnt sich dabei an die vorangegangenen Kapitel zu Jan Assmanns Zeitbegriffen des alten Ägypten an. Michaels‘ Beitrag wird also eben- 212 Vgl. Scholz, Herr der Rituale, https://www.brandeins.de/archiv/2016/richtigbewerten/axel-michaels-herr-der-rituale-kultur-indien-nepal/ (Abruf: 06.02. 2017; 13:21 Uhr). 213 Vgl. Michaels, Der Hinduismus, 313. 69 Vorüberlegungen zu den zeitbegriffen der hindu-religionen nach axel michaels falls als Primärliteratur verwendet, was dazu führt, dass die weitere Forschung außen vorgelassen werden soll. Aufgrund der ungleichen Verteilung an Texten, sprich dem etwa 33 Seiten langen Beitrag Michaels zur hindu- religiösen Zeit gegenüber den mehrere Monografien und unzählige sonstige Beiträge umfassenden Abhandlungen Assmanns, fällt das nachfolgende Kapitel zwangsläufig kürzer und etwas allgemeiner aus. Das würde für eine Vergleichssituation im Normalfall bedeuten, dass die beiden Vergleichsmomente ungleich verteilt sind. Hier ist dieser Umstand allerdings vernachlässigbar, beziehungsweise: er bedeutet keine Einschränkungen, da die Zeitverständnisse zweier Forscher zu den Kulturen ihrer jeweiligen Spezialgebiete verglichen werden. Es geht um das Extrahieren dieser Begriffe und die Ergebnisse der Forschung. Die rein quantitative Zufuhr von Literatur ist daher nicht relevant. Ebenfalls wie im Kapitel zu den Assmann‘schen Zeitbegriffen, kann auch hier keine vollständige Aufarbeitung des Zeitbegriffs bei Michaels erfolgen. Bei ihm entsteht zudem die Schwierigkeit, dass von einem hindu- religiösen Zeitverständnis zwar die Rede ist, aber ein expliziter Zeitbegriff, so wie Assmann ihn etabliert hat, nicht unmittelbar greifbar wird. Es muss daher versucht werden, aus den vielen Beispielen ebenso wie aus den verschiedenen Bezeichnungen von Zeitmodellen (religiöser und wissenschaftlicher Zeitbegriff), die Michaels aufführt, einen möglichst komprimierten und fassbaren hindu-religiösen Zeitbegriff zu formulieren. Für unsere abendländische Vorstellung vom abstrakten Begriff der Zeit ist klar, dass sie ohne einen dazu gehörigen Raum keine Ausdehnung haben kann und damit entweder nicht existieren kann oder statisch ist und damit eher unserer Vorstellung von Ewigkeit, als einem zeitpunkt- und zeitpfeillosen Konstrukt, entspricht. Es darf vermutet werden, dass Axel Michaels in seinem Kapitel zur hindu-religiö sen Raum- und Zeitvorstellung genau dies im Hinterkopf hatte, um die für uns relativ abstrakten Begriffe und Vorstellung erklärbar zu machen. Zwar ist diese hier aufgestellte Hypothese nicht in seinem Buch Der Hinduismus festgeschrieben; sie lässt sich aber anhand des Aufbaus ableiten, der eine logische Kette bildet, indem zuerst die hindu-religiösen Raumvorstellungen und dann erst die Zeitvorstellungen erläutert werden. Folgend wird daher auch dem Raum ein knapper Abschnitt gewidmet, obwohl er für den explizit hindu-religiösen Zeitbegriff nicht 70 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit unbedingt nötig wäre. Ergänzend und für ein besseres Verständnis des Kapitels zu sakralen Festen, ist er aber dennoch sinnvoll.

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Zusammenfassung

Zeit ist etwas Besonderes – kein Mensch scheint zu wissen, was genau sie ist, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Sie scheint uns selbstverständlich zu sein, dennoch bezeichnet dieser Terminus eine Abstraktion. Den anspruchsvollen Grundbegriff 'Zeit' untersucht Preisinger hinführend in Kultur, Religion und Philosophie, um sich schließlich den Vorstellungen von Zeit in zwei klassischen Hochkulturen zu widmen: dem Alten Ägypten und Indien. Beide Kulturen zeigen dabei je einen ganzen Komplex unterschiedlicher Ebenen von Zeitverständnissen. Die Zeitvorstellungen des Alten Ägypten wie Indiens werden durch zwei namhafte Wissenschaftler ausführlich untersucht. So ist der Ägyptologe Jan Assmann für seine Ausführungen zur Zeit im Alten Ägypten bedeutsam und bekannt. Axel Michaels führt insbesondere in seinem Klassiker 'Der Hinduismus' die Zeitvorstellungen Indiens tiefgründig aus und stellt sie schließlich einem westlich-wissenschaftlichen Zeitverständnis gegenüber. Mit seinen Ausführungen präsentiert Preisinger nicht nur Zeitbegriffe, die für unseren Kulturkreis in der Gegenwart gewöhnlich sind, sondern er führt damit in ein tieferes Verständnis dieser beiden klassischen Hochkulturen ein. Er setzt sich und damit den Lesenden dem nicht immer ganz einfachen, aber umso spannenderen Religionsvergleich zweier so unterschiedlicher Systeme aus. Als kultur- und spezifisch religionswissenschaftlich Interessierter sollte man sich dafür Zeit nehmen.