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5. Zeitkonzepte des alten Ägypten nach Jan Assmann I – Zeiteinheiten und Zeitspannen in:

Marco Preisinger

Zwischen Weltenzeit und Sternenzeit, page 45 - 50

Zeitbegriffe des alten Ägypten und des Hinduismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4032-4, ISBN online: 978-3-8288-6729-1, https://doi.org/10.5771/9783828867291-45

Series: Religionen aktuell, vol. 22

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
45 5. Zeitkonzepte des alten Ägypten nach Jan Assmann I – Zeiteinheiten und Zeitspannen Die erste Frage, die sich für eine religionswissenschaftliche Arbeit stellt, die sich die Zeit zum Forschungsgegenstand gemacht hat, fragt zwangsläufig Folgendes: Wieso ist die Zeit hier ein spezifisch religiöser Betrachtungsgenstand. Wieso soll die altägyptischen Zeitvorstellungen hier nicht unter philosophischen oder gar physikalischen Gesichtspunkten untersucht werden. Um das vorwegzunehmen: Man könnte sie sicherlich mit Hilfe der beiden genannten Disziplinen untersuchen, beziehungsweise ins Verhältnis setzen – also vergleichen. Die altägyptischen Zeitvorstellungen haben aber einen dezidiert religiösen Sinn, da sie ein umfassendes Daseinsverständnis widerspiegeln.121 Assmann erklärt hierzu, dass sich die Raumvorstellung der Ägypter in „Diesseits“ und „Jenseits“ gliedert und dass man daher auch die Zeit als dem Raum unabdinglich in „Zeit“ und „Ewigkeit“ gliedern müsse. Die „Zeit“ bezeichne hierbei alles, was zum „Diesseits“ gehört und „Ewigkeit“ alles „Jenseitige“.122 5.1 Die messbare Zeit Die Zeit ist, wie bereits an verschiedenen Stellen betont wurde, ein kompliziertes, abstraktes und zuweilen schwer greifbares Phänomen. Unser abendländisches Zeitverständnis scheint auf Schnelligkeit und sowohl auf den Augenblick, als auch auf das Zukünftige ausgerichtet zu 121 Vgl. Assmann, Zeit und Ewigkeit im alten Ägypten, 10. 122 Vgl. ebd. 46 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit sein. Wir erleben die Zeit als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei gerade Erstere für uns Deutsche manchmal als Last empfunden wird. Man wird aber ohne große Einschränkungen feststellen dürfen, dass die Zeit das Leben in unserem Kulturkreis zutiefst prägt und bestimmt. „Zeit ist Geld“ und „Dem Wartenden scheinen Minuten Jahre zu sein“ sind nur zwei von unzähligen Phrasen, die den meisten geläufig sein dürften und bestätigen, dass die Zeit unseren Alltag bestimmt. Jeder hat eine Uhr; alle Termine richten sich nach einem festen Wert, den wir von ihr ablesen. Nach ihr richten wir unseren Tagesablauf – nach ihr richten wir unseren Schlafrhythmus. Es ist nicht verwunderlich, wenn der Zeitforscher Karlheinz Geißler in einem Interview mit Zeit online verlauten lässt: „Uhren sind moderne Diktatoren“.123 Darüber hinaus helfen uns unsere Terminkalender, dass man sich in Jahr, Monat und Tag zurechtfindet und man vergisst nur allzu leicht, dass die Natur um uns herum ebenfalls ihre zeitlichen Kennzeichen hat. Wir erschaffen uns quasi eine künstliche, eine eigene Zeitsphäre, die sich nicht mehr zwingend an der Umwelt orientiert. Selbstverständlich richten sich die Tages-, Monats- und Jahreszeiten nach wie vor an kosmischen Vorgängen aus. 24 Stunden geben immer noch die Zeit an, die die Erde für eine Rotation um ihre eigene Achse benötigt. Dennoch orientieren wir uns wenn überhaupt nur noch selten an den natürlichen Vorgängen. Kurz gesagt: Unsere kulturelle Zeit, wie sie hier bezeichnet werden soll, ist das Maß unserer Epoche. Damit gilt auch, was Jan Assmann für unseren Kunst- und Wissenschaftsbegriff andeutet. Beide sind auf Einmaligkeit ausgerichtet und repräsentieren in ganz spezifischer Weise ihre jeweilige Entstehungszeit.124 Wobei man zugeben muss, dass Kunstwerke gegebenenfalls doch auf eine gewisse Dauer hin angelegt sind. Das ist aber nicht der Kern, der hier gemeint ist. Es geht darum, dass selbst die Dinge, die auf ebendiese Dauer angelegt sind, nur im Spiegel ihrer jeweiligen Zeit gesehen und verstanden werden. Man wird, um nur ein Beispiel zu nennen, heute keinesfalls mehr, wie man es im Dritten Reich getan hat, von „entarteter Kunst“ sprechen, sondern man bezeichnet sie beispielsweise als expressionistisch oder kubistisch, 123 Coen; Stephan, „Uhren sind moderne Diktatoren“ (Zeit online), http://www. zeit.de/2017/02/zeit-empfinden-uhren-stress-zeitforscher-karlheinz-geissler/ komplettansicht (Abruf: 22.01.2017; 15:55 Uhr). 124 Vgl. Assmann, Stein und Zeit, 32. 47 zeitkonzepte des alten ägypten nach Jan assmann i etc. Was heute als ästhetisch ansprechend gilt, ist es morgen vielleicht schon nicht mehr. Ebenso verhält es sich mit Kultur und Wissenschaft. Gebräuche ändern sich, Theorien entwickeln sich – nichts ist für die Ewigkeit konzipiert. Das Bild unserer kulturellen Zeit soll an dieser Stelle aber weder abwertend, noch pauschalisierend wirken. Dass viele unserer kulturellen Errungenschaften nicht unbedingt auf Dauer angelegt sind, muss erstens nichts Negatives sein und zweitens gibt es genügend Ausnahmen, die hier die Regel ein wenig relativieren. Nie hatten Menschen mehr Zeit – nie war sie individueller. Das alte Ägypten ist hier unser geradezu exaktes Gegenbild. Seine Kultur und ihre Institutionen der Frühzeit waren zu Beginn des 3. Jahrtausends v.Chr. noch in beinahe gleicher Form vorhanden, wie sie es zum Ausgang der Antike waren.125 Die grundlegendste Frage, die sich für ein Interesse am Zeitverständnis der alten Ägypter stellt, muss zunächst prüfen, ob es Unterschiede zu unserer eigenen Zeitauffassung gibt. Das hat den Zweck, dass zunächst die Charakteristik unserer eigenen Zeitvorstellung reflektiert wird, um damit die Basis für einen intellektuellen Zugang zum komplexen Zeitverständnis der alten Ägypter nach Assmann zu schaffen. Zur Lösung dieses Problems schlägt der Ägyptologe vor, sich zunächst auf einer sprachlichen Ebene an ein Zeitverständnis anzunähern.126 Hierzu werden alle Begriffe, die zeitliche Abläufe bezeichnen aufgeführt, mit dem wichtigen Hinweis, dass die alten Ägypter kein Wort für unseren abstrakten Zeitbegriff hatten.127 Assmann führt also zunächst Begriffe auf, die mit der für uns messbaren Zeit zu tun haben. Er merkt an, dass sein Vorhaben nur die wichtigsten Wörter beinhaltet und strebt an, einen tieferen Einblick in die Bedeutung der Zeitbegriffe zu geben.128 Die alten Ägypter maßen ihre Zeit in Stunden, Tagen, Dekaden, Monaten, Jahreszeiten und dem Jahr. Bezeichnenderweise existierte keine Einheit, die über die Länge eines Jahres hinausging. Das Jahr war damit sogar in einem doppelten Sinn die größte Zeiteinheit. Einmal, weil es keinen Zeitwert über ihm gab und einmal, weil man Jahre nicht summierte.129 Nachdem ein Jahr 125 Vgl. Assmann, Stein und Zeit, 32. 126 Vgl. ebd. 35. 127 Vgl. ebd. 128 Vgl. ebd. 129 Vgl. ebd. 48 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit vorbei war, begann die Zeit erneut, also von Beginn an, abzulaufen. So wurde auch jede neue Königsherrschaft stets mit dem Jahr 1 begonnen. Die ägyptische Vokabel für das Jahr wird treffenderweise mit „die sich Verjüngende“ übersetzt.130 Man teilte die Tage in zweimal zwölf Stunden ein, wobei allerdings zu beachten ist, dass die Stundenlängen je nach Jahreszeit variierten. Im Sommer waren die Tagesstunden länger und die Nachtstunden kürzer; im Winter genau umgekehrt. Die Vokabel für Stunde wird mit „die Vergehende“ übersetzt.131 Sie steht hier im selben Verhältnis zum Jahr wie die beiden später vorzustellenden Aspekte der Zeit zueinanderstehen. Eine als unendliche Dauer, eine als sich wiederholende Ewigkeit. Die Stunden „verjüngen“ sich nicht wie das Jahr, sondern müssen zunächst den 23 Folgenden ihren Platz einräumen, bevor sie erneut vergehen.132 5.2 Zeitpunkte und Zeitspannen Neben den Begriffen für die Zeiteinheiten, weißt Assmann den Leser auch auf die Vokabeln für die „Zeit von etwas und Zeit für etwas“133 hin. Man geht grundlegend davon aus, dass die alten Ägypter ihrer irdischen Lebenszeit keinen allzu großen Wert beigemessen haben. Trotzdem galt es ebendiese mit „rechten Tätigkeiten“ zu erfüllen. Wir würden wohl am ehesten – auf der Grundlage der traditionellen abendländischen Philosophie – sagen: man solle ein tugendhaftes Leben führen. Die Vokabel #t (‘at) bezeichnet daher den „Augenblick“ oder „Moment“ und gibt an, zu welchem Zeitpunkt sich etwas für seine jeweilige Charakteristik am vollsten entfaltet.134 Der Begriff tr (ter) bedeutet einmal so viel wie „Jahreszeit“ und gibt gleichzeitig die rechte Zeit für etwas an.135 Assmann führt zur Untermauerung seiner Aussage bezüglich der Bedeutung der irdischen Zeit für die Ägypter eine Quelle an. Die „Lehre 130 Vgl. Assmann, Stein und Zeit, 35. 131 Vgl. ebd., 36. 132 Vgl. ebd. 133 Vgl. ebd., 37. 134 Vgl. ebd. 135 Vgl. ebd. 49 zeitkonzepte des alten ägypten nach Jan assmann i des Ptahhotep“136 wird hier kurz zusammengefasst: Man soll seine Erdenzeit nicht damit verschwenden mehr zu tun als notwendig ist. Die rechte Zeit soll nicht dadurch geschmälert werden, dass man seinem Herzen folgt. Über das Bestellen des Hauses hinaus, sollen keine Bedürfnisse gestellt werden. Letztlich heißt es, dass auch der Besitz desjenigen wachse, der seinem Herzen folgt. Reichtümer aber taugten nichts, wenn das Herz vernachlässigt werde. Es mag hier etwas seltsam anmuten, wenn einerseits davon die Rede ist, nicht dem Herzen zu folgen und auf der anderen Seite heißt es, dass keine Reichtümer etwas nützen, wenn das Herz vernachlässigt werde. Die Pointe kann hier aber keine andere sein, als dass das Folgen des Herzens in der Quelle, als ein Wunsch nach Reichtum verstanden werden muss. Es soll schließlich nichts über das Bestellen des Hauses hinaus unternommen werden. Sein Herz nicht zu vernachlässigen bedeutet tugendhaft zu handeln und im Sinne des ägyptischen Totengerichts zu leben.137 Assmann kürz die Interpretation ab, indem er feststellt, dass die Lehre eine Aufforderung zum rechten Gebrauch der Gegenwart und vor allem der dem Menschen gegebenen Zeit ist. Man solle keine Zeit verschwenden und nicht in Sorge um die Zukunft leben.138 Die Frage, die sich diese Arbeit nun stellt, ist die nach dem Sinn der Aufführung solcher Vokabeln. #t und tr sind für Assmann ein Spiegel des altägyptischen Verständnisses von Leben und Tod – vor allem aber des Bewusstseins der Sterblichkeit.139 Die kurze Zeit, die den Menschen in ihrem irdischen Leben bleibt, muss nach Assmann einerseits als Chance verstanden werden und andererseits darf sie unter keinen Umständen vertan werden. Die Lebenszeit ist etwas Unwiederbringliches und etwas Kostbares. Der Tod ist zwar nicht das absolute Ende, sondern eher eine Art parallele Existenzform. Er entbehrte allerdings – wahrscheinlich gerade weil ebendiese Existenzform als ewig galt – nicht einer großen Ehrfurcht. 136 Vgl. Assmann, Stein und Zeit, 37 unten, mit einem Hinweis auf Anmerkung 20. 137 In dessen Sinn zu Leben bedeutet nichts anderes, als ein Leben zu führen, welches der Prüfung des Totengerichts standhalten kann. 138 Vgl. Assmann, Stein und Zeit, 38. 139 Vgl. ebd. 50 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Assmann merkt noch an, dass aus den Gräbern zu entnehmen ist, dass Tod und Ewigkeit ständig gegenwärtige Bilder für die alten Ägypter gewesen sein müssen.140 Das Grab war einerseits die „Meisteraufgabe“ des Lebens derjenigen, die über die nötigen Mittel verfügten es zu bauen und andererseits die größte Hoffnung, die ein Ägypter haben konnte, die Zeit zu überwinden und sich ein unvergängliches Monument zu errichten.141 Mit dem ständigen Bild eines unvergänglichen Grabes vor Augen, das die eigene Lebensgeschichte durch Inschriften erzählt, ist es nicht verwunderlich, dass Tod und Jenseits, vor allem aber die Aspekte der Zeit, im Leben der Ägypter einen solch großen Platz eingenommen haben. 140 Vgl. Assmann, Stein und Zeit, 38 f. 141 Vgl. Assmann, Tod und Jenseits im alten Ägypten, 479.

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Zusammenfassung

Zeit ist etwas Besonderes – kein Mensch scheint zu wissen, was genau sie ist, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Sie scheint uns selbstverständlich zu sein, dennoch bezeichnet dieser Terminus eine Abstraktion. Den anspruchsvollen Grundbegriff 'Zeit' untersucht Preisinger hinführend in Kultur, Religion und Philosophie, um sich schließlich den Vorstellungen von Zeit in zwei klassischen Hochkulturen zu widmen: dem Alten Ägypten und Indien. Beide Kulturen zeigen dabei je einen ganzen Komplex unterschiedlicher Ebenen von Zeitverständnissen. Die Zeitvorstellungen des Alten Ägypten wie Indiens werden durch zwei namhafte Wissenschaftler ausführlich untersucht. So ist der Ägyptologe Jan Assmann für seine Ausführungen zur Zeit im Alten Ägypten bedeutsam und bekannt. Axel Michaels führt insbesondere in seinem Klassiker 'Der Hinduismus' die Zeitvorstellungen Indiens tiefgründig aus und stellt sie schließlich einem westlich-wissenschaftlichen Zeitverständnis gegenüber. Mit seinen Ausführungen präsentiert Preisinger nicht nur Zeitbegriffe, die für unseren Kulturkreis in der Gegenwart gewöhnlich sind, sondern er führt damit in ein tieferes Verständnis dieser beiden klassischen Hochkulturen ein. Er setzt sich und damit den Lesenden dem nicht immer ganz einfachen, aber umso spannenderen Religionsvergleich zweier so unterschiedlicher Systeme aus. Als kultur- und spezifisch religionswissenschaftlich Interessierter sollte man sich dafür Zeit nehmen.