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4. Vorüberlegungen zu den Zeitbegriffen des alten Ägypten nach Jan Assmann in:

Marco Preisinger

Zwischen Weltenzeit und Sternenzeit, page 39 - 44

Zeitbegriffe des alten Ägypten und des Hinduismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4032-4, ISBN online: 978-3-8288-6729-1, https://doi.org/10.5771/9783828867291-39

Series: Religionen aktuell, vol. 22

Tectum, Baden-Baden
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39 4. Vorüberlegungen zu den Zeitbegriffen des alten Ägypten nach Jan Assmann 4.1 Grundlegendes zum alten Ägypten aus abendländischer Sicht103 Das alte Ägypten erfreut sich seit jeher ungebrochener Begeisterung. Bereits in der Antike ist man vom Leben, von der Kultur und der Weisheit dieses Landes fasziniert. Die griechisch-römische Tradition sieht hier ein politisch und wirtschaftlich enorm stabiles Land, das sich insbesondere durch seine religiösen, wissenschaftlichen und philosophischen Errungenschaften, ebenso wie durch seine Bauwerke und seine Frömmigkeit hervortat.104 Als exemplarisch für den Einfluss des alten Ägypten auf die antike Welt dürfte Platon gelten. Zwar ist in der philosophischen Forschung strittig, ob Platon tatsächlich selbst eine Reise in das Land der Pharaonen antrat – es ist aber unzweifelhaft, dass sein 103 Die vorliegende Arbeit sieht ein kurzes Einführungskapitel zum alten Ägypten vor. Das mag verwundern, da sich das Augenmerkt ja wie bereits erwähnt wurde, auf das Zeitbild Assmanns und Michaels‘ und deren Vergleich in verschiedenen Momenten richtet. Da aber im Anschluss Jan Assmanns Zeitbegriffe für das alte Ägypten erläutert werden, erscheint es sinnvoll, einen kurzen Einblick in das Verständnis um das alte Ägypten vorzulegen. Selbstverständlich hat das Teilkapitel aber nicht den Anspruch, umfassende Kenntnis zum alten Ägypten zu vermitteln. Das wäre in Anbetracht der extrem knappen Darstellung nicht einmal im Ansatz zu realisieren. Es soll den Leser lediglich auf die Inhalte der folgenden Teilkapitel einstimmen. 104 Vgl. Assmann, Ägypten, 477. 40 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Werk nicht gewisser Analogien entbehrt, die auf das alte Ägypten zurückzuführen sind.105 Das Besondere am Reich der Pharaonen ist aber, dass es sich seine Faszination nicht nur über Epochen positiver Bewertung, sondern gerade auch über Negativdarstellungen und „kulturelle Lücken“ hinweg bewahrt hat. Solche negativen Auseinandersetzungen sind zwar nicht besonders häufig, aber im Fall der hier exemplarisch dienenden Exodus-Geschichte, jenem berühmten Auszug aus Ägypten des Alten Testaments, für das Abendland, aufgrund des religiös-kulturellen Zusammenhangs, enorm bedeutend. Hierin wird Ägypten als die sklaventreibende Macht dargestellt, die Gottes auserwähltes Volk knechtet106, woraufhin JHWH, der Gott der Hebräer, Land und Volk der Ägypter durch zehn Plagen heimsucht und sein Volk letztlich aus der tyrannischen Herrschaft befreit. Das hier vermittelte Ägyptenbild ist also eindeutig negativ.107 Die Faszination Ägypten bricht aber dennoch nie wirklich ab. Selbst dann nicht – um schließlich auf die oben genannte „kulturelle Lücke“ zurück zu kommen – als sich die Kenntnis über die Schrift und damit der direkteste Zugang zu Kunst, Kultur und Wissenschaften des Pharaonenreiches verflüchtigte.108 Wenn man bedenkt, dass zwischen dem Ende des 4. Jahrhunderts, das für das Vergessen der Schriftkenntnis datiert wird und der zufälligen Wiederentdeckung eines „Schlüsselsteins“ – dem legendären Stein von Rosette – unter napoleonischer Expedition, etwa 1400 Jahre liegen, darf man daraus schließen, dass das alte Ägypten auch ohne direkte Kenntnis der Hieroglyphen im kulturellen Gedächtnis des Abendlandes geblieben ist. Wahrscheinlich ist es gerade das Geheimnisvolle, das in so vielen Bereichen, wie Schrift, Architektur, Götterkult, etc. eine ungeheure Faszination auszuwirken vermag. Die Vertreter der Präastronautik, sowie sämtliche Theorien, die Nährboden für „Übersinnliches“ in Verbindung mit dem alten Ägypten schaffen, sind wohl die populärsten 105 Vgl. Nawratik, Platon in Ägypten, 598. 106 Vgl. Ex 20, 2–3. 107 Vgl. zum Exodusdiskurs und Ägyptenbild: Amin, Ägyptomanie und Orientalismus, 47. 108 Vgl. Assmann, Ägypten, 475. 41 Vorüberlegungen zu den zeitbegriffen des alten ägypten nach Jan assmann Beispiele hierfür.109 Gleiches gilt aber selbstverständlich auch für Wissenschaftler und generell Interessierte. Doch auch über Verschwörungstheorien hinaus, hat das alte Ägypten etwas, das unmittelbar beim Betrachten der Landschaft ins Auge sticht und die Zeit im wahrsten Sinn überdauert zu haben scheint: Die Tempel, Pyramiden und Grabanlagen. Es ist also nicht verwunderlich, wenn Hegel das alte Ägypten als „das Land der Ruinen überhaupt“ bezeichnet.110 Um aber zur Wiederentdeckung der Schrift zurückzukommen, sei diese kleine Ausschweifung zunächst beendet. Auf das Überdauern von Monumenten wird später noch eingegangen werden. Nachdem es also dem Franzosen Jean Fançois Champollion 1822 gelungen war, mit Hilfe des Steins von Rosette die Hieroglyphenschrift zu entziffern, war einem Aufschwung ägyptologischer Forschung, die mit diesem Ereignis ihren Anfang nahm, nichts mehr entgegenzusetzen.111 Sie hatte wohl einen ihrer Höhepunkte mit der Entdeckung der von Grabräubern verschont gebliebenen letzten Ruhestätte des Tutanchamun. Dieses Ereignis löste in der Folgezeit und bis heute eine regelrechte Ägyptomanie aus. Die Begeisterung jedenfalls scheint auch heute noch nicht gebrochen zu sein. Die jüngsten Spekulationen um eine verborgene Kammer im Grab des „Kindkönigs“ bestätigen dies.112 Generell ist noch zu erwähnen, dass das alte Ägypten nicht nur für den Orient eine bedeutende Rolle eingenommen hat. Da es in unmittelbarem Kontakt zu den kulturellen Polen des Abendlandes, nämlich der griechisch-römischen und der jüdisch-christlichen Tradition stand, hat es auch eine herausragende Bedeutung für die westliche Welt.113 Was aber letztlich im Kopf der meisten Menschen über das alte Ägypten hängen geblieben sein dürfte, sind die Pyramiden, Mumien, Gold und Schätze, Hieroglyphen und Abenteuerlust. Was Letzteres 109 Auf einen Verweis auf einschlägige Literatur wird an dieser Stelle verzichtet, da solche Theorien bestenfalls semi-wissenschaftlich aufgearbeitet werden und daher wenig zu dieser Arbeit beitragen können. Sie wurden lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt. 110 Hegel, Philosophie der Geschichte, 242. 111 Vgl. Schlögl, Das alte Ägypten, 32. 112 Vgl. z. B. Gehlen, Irgendjemand schläft neben Tutanchamun (Zeit online), http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2016-03/nofretete-tutanchamun-grabradarmessung-aegypten-ausgrabung-pharao (Abruf: 02.02.2017; 00:15 Uhr). 113 Vgl. Amin, Ägyptomanie und Orientalismus, 39 42 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit betrifft, dürfte der Entdecker des eben genannten Grabes, Howard Carter, als populärstes Beispiel gelten. Ebenso wie diverse Reiseberichte, die im Laufe der Geschichte verfasst wurden nahelegen, dass Ägypten immer wieder mit Abenteuern konnotiert wurde.114 Was die Pyramiden, Mumien, Hieroglyphen und das Gold betrifft, so halten sie dem modernen Menschen doch eines ganz deutlich vor Augen: Die alten Ägypter hatten offenkundig ein enormes Bedürfnis, sich bis in alle Ewigkeit zu bewahren – auch oder besser gerade über den Tod hinaus. Damit ist völlig klar, dass die Zeit in ihrer Kultur eine überaus wichtige Rolle gespielt haben muss. Allerdings mit der Anmerkung, dass es immer um ihre Überwindung geht.115 Jan Assmann formuliert hierzu treffend: „Es gibt wohl keine zweite Kultur auf der Welt, die sich der Zeit als Vergänglichkeit mit solcher Leidenschaft entgegengestemmt hat.“116 4.2 Methodisches Vorgehen Will man also das altägyptische Bedürfnis, die Zeit zu überwinden verstehen, dann ist es hilfreich, das Zeitverständnis aufzuarbeiten. Das Interesse der vorliegenden Arbeit darf aber als etwas unkonventionell gesehen werden, da es quasi als ein Doppeltes gelten darf. Einmal fragt es nach dem Zeitbegriff selbst und einmal nach der Rekonstruktion desselben. Damit liegt der Fokus auf den Zeitbegriffen Assmanns, ebenso wie auf seinem religionswissenschaftlichen117 Arbeiten. Damit kehrt sich gewissermaßen der gewöhnliche Gebrauch der Literatur um. Assmanns Beiträge zur altägyptischen Zeit werden nicht als Sekundärliteratur ver- 114 Die Reiseberichte sind in der Dissertation von Amin, Ägyptomanie und Orientalismus detailliert aufgearbeitet worden. 115 Vgl. Assmann, Steinzeit und Sternzeit, 15. 116 Ebd. 117 „Religionswissenschaftliches Arbeiten“ sollte hier im weitesten Sinn gedacht werden. Der Einleitung in Assmanns „Steinzeit und Sternzeit“ ist zu entnehmen, dass er seine Arbeit als eine Kulturwissenschaftliche versteht (Vgl. S. 9–11). Wie sich aber in Kapitel 1 dieser Arbeit zeigte, ist die Arbeit mit dem Begriff der Zeit nur interdisziplinär möglich. Deswegen macht es wenig Sinn hier in engen begrifflichen Kategorien zu denken. „Religionswissenschaftliches Arbeiten“ kann hier synonym für „wissenschaftliches Arbeiten“ verwendet werden. Es ging lediglich darum zu zeigen, dass der Zeitbegriff Assmanns nahezu immer eine religiöse Dimension hat. 43 Vorüberlegungen zu den zeitbegriffen des alten ägypten nach Jan assmann wendet, um einen Beitrag zur Forschung zu leisten, sondern sie werden hier als Primärliteratur verwendet, um zu zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, einen Zeitbegriff aus einer Kultur zu extrahieren, damit im Anschluss seine Ergebnisse mit denen Axel Michaels‘ verglichen werden können. Dabei ist selbstverständlich einiges zu beachten. Einmal zeigt sich, was hier eingehend mit „doppeltem Interesse“ gemeint war. Zwar wird das Zeitverständnis Assmanns und damit des alten Ägypten aufgearbeitet – es muss aber als mehr oder weniger einseitige Schilderung betrachtet werden. Das ergibt sich daraus, dass weder Pro- noch Contra-Argumente zur Position Assmanns vorgestellt werden. Die Forschung wird sozusagen außen vorgelassen, da sie für die Fragestellung dieser Studie wenig beizutragen hätte.118 Der Blick richtet sich also autonom und gleichsam „von außen“ auf die Beiträge Assmanns. Es liegt daher auf der Hand, dass die hier gebotene Darstellung keinen „Wahrheitsanspruch“ (im weitesten Sinne) haben kann – sofern das in einer an Objektivität orientierten Wissenschaft überhaupt möglich sein sollte. Die vorliegende Arbeit soll darüber hinaus ebenso wenig eine Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten, speziell zum Extrahieren eines Zeitbegriffes sein. Es wird an dieser Stelle nochmals ausdrücklich betont, dass die Zeit kulturell, sowie individuell derart unterschiedlich wahrgenommen wird, dass ein „allgemeines Muster“, eine Art Schablone, die „aufgelegt“ werden könnte, um einer Kultur ihr Verständnis der Zeit abzugewinnen, nicht existieren kann. Des Weiteren müssen noch kurz einige inhaltliche Einschränkungen besprochen werden. Jan Assmanns Zeitbegriff nährt sich aus jahrzehntelanger Forschung. Sein wohl erster Beitrag, der sich auf die alt- ägyp tische Zeit bezieht, ist in einem kleinen Bändchen im Jahr 1975 mit dem Titel Zeit und Ewigkeit im alten Ägypten erschienen. Seine letzte Monografie zum Zeitverständnis der alten Ägypter erschien im Jahr 2011 unter dem Titel Steinzeit und Sternzeit. Somit formt sich sein Zeitverständnis über etwa vier Jahrzehnte und taucht in zahlreichen seiner Publikationen – meist als Ergänzung für ein besseres Verständnis der jeweiligen Thematik – auf. Es ist daher nicht sinnvoll, das gesamte 118 Dennoch sei hier auf Ina Hegenbarth-Reichardts Arbeit zu den ägyptischen Zeitbegriffen verwiesen, da sie eine kurze Zusammenfassung der maßgeblich am Diskurs beteiligten Ägyptologen zusammenfasst: Vgl. Hegenbarth- Reichardt, Von Zeiten und Räumen, 3–8. 44 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Werk en détail darzustellen. Einmal, weil sich viele Erklärungen notwendigerweise wiederholen; da Werke wie die beiden zuletzt genannten zweifellos aufeinander aufbauen, beziehungsweise sich ergänzen119 und weil eine Berücksichtigung sämtlicher Beiträge schlicht und einfach den Rahmen der vorliegenden Studie sprengen würde. Daher ist die quasi „primärste Literatur“, das Zentrum dieses Kapitels, das Buch Steinzeit und Sternzeit, das auf der einen Seite der jüngste und umfangreichste Beitrag Assmanns zum ägyptischen Zeitkonzept ist und auf der anderen Seite viele seiner vorherigen Studien und Überlegungen mit einbezieht. Dennoch ist es auch hier nicht möglich, das gesamte Buch mit in diese Studie einzubeziehen. Der Fokus liegt auf den beiden Begriffen ḏt (Djet) und nḥḥ (Neheh).120 Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich ausschließlich auf diese beiden Vokabeln bezogen wird, weshalb versucht wird, das dargestellte Bild möglichst ergänzend und mit Anmerkungen seiner früheren Arbeiten abzurunden. Aus der hier beschriebenen Vorgehensweise muss notwendigerweise folgen, dass der Anmerkungsapparat häufig auf die gleichen Stellen der gleichen Titel verweist – es ist also beabsichtigt, wenn auf einer Seite mehrfach auf die exakt gleiche Stelle verwiesen wird. 119 Man muss hierzu lediglich die Inhaltsverzeichnisse vergleichen. Sogar einige Passagen sind völlig identisch. 120 Vgl. zur Schreibweise: Assmann, Zeit und Ewigkeit im alten Ägypten, 12 (u. a.). Die Schreibart ist selbst in den Werken Assmanns nicht einheitlich. Daher wird hier festgelegt, dass alle Begriffe in der Umschrift der Hieroglyphen in den Text eingebunden. Beim erstmaligen Erwähnen, werden die Vokabeln in lateinischen Buchstaben, mit Klammern versehen angehängt.

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Zusammenfassung

Zeit ist etwas Besonderes – kein Mensch scheint zu wissen, was genau sie ist, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Sie scheint uns selbstverständlich zu sein, dennoch bezeichnet dieser Terminus eine Abstraktion. Den anspruchsvollen Grundbegriff 'Zeit' untersucht Preisinger hinführend in Kultur, Religion und Philosophie, um sich schließlich den Vorstellungen von Zeit in zwei klassischen Hochkulturen zu widmen: dem Alten Ägypten und Indien. Beide Kulturen zeigen dabei je einen ganzen Komplex unterschiedlicher Ebenen von Zeitverständnissen. Die Zeitvorstellungen des Alten Ägypten wie Indiens werden durch zwei namhafte Wissenschaftler ausführlich untersucht. So ist der Ägyptologe Jan Assmann für seine Ausführungen zur Zeit im Alten Ägypten bedeutsam und bekannt. Axel Michaels führt insbesondere in seinem Klassiker 'Der Hinduismus' die Zeitvorstellungen Indiens tiefgründig aus und stellt sie schließlich einem westlich-wissenschaftlichen Zeitverständnis gegenüber. Mit seinen Ausführungen präsentiert Preisinger nicht nur Zeitbegriffe, die für unseren Kulturkreis in der Gegenwart gewöhnlich sind, sondern er führt damit in ein tieferes Verständnis dieser beiden klassischen Hochkulturen ein. Er setzt sich und damit den Lesenden dem nicht immer ganz einfachen, aber umso spannenderen Religionsvergleich zweier so unterschiedlicher Systeme aus. Als kultur- und spezifisch religionswissenschaftlich Interessierter sollte man sich dafür Zeit nehmen.