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3. Eine kurze Annäherung an den Begriff der Zeit in:

Marco Preisinger

Zwischen Weltenzeit und Sternenzeit, page 21 - 38

Zeitbegriffe des alten Ägypten und des Hinduismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4032-4, ISBN online: 978-3-8288-6729-1, https://doi.org/10.5771/9783828867291-21

Series: Religionen aktuell, vol. 22

Tectum, Baden-Baden
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21 3. Eine kurze Annäherung an den Begriff der Zeit Die Zeit beschäftigt den Menschen bereits seit einer sprichwörtlichen Ewigkeit (auch wenn im späteren Verlauf des Kapitels deutlich wird, dass zwischen Zeit und Ewigkeit eine klare Trennlinie gezogen werden muss). Beschäftigt man sich mit der Zeit und versucht sie näher zu erklären, treten zahllose Probleme ans Tageslicht: Sie gibt zunächst keine äußerlich sichtbaren oder wahrnehmbaren Kriterien preis, die eine hinreichende Erklärung ihrer Beschaffenheit erlauben würden. Damit entzieht sie sich nicht nur dem „begrifflichen Denken“6, sondern entbehrt auch einer Antwort auf die Frage nach ihrer Existenz. Aus diesen ersten Überlegungen können zwei Schlussfolgerungen abgeleitet werden: Erstens: Was die Zeit sei, kann kein Mensch zur Gänze wissen oder erfahren. Allein ihre begrifflichen Dimensionen lassen dies nicht zu. Daher ist es insbesondere für ein einleitendes Kapitel, wie das hier Vorliegende, das nur einen kurzen Überblick über den Zeitbegriff geben soll, unmöglich, eine umfassende Untersuchung der Zeit zu liefern – zumal im Unterpunkt „Zeit in der Philosophie“ nur die abendländische Philosophie berücksichtigt wurde. Es musste daher an gebotener Stelle drastisch gekürzt werden und versucht lediglich, eine Hinführung zur eigentlichen Thematik der Arbeit zu sein. Zweitens: Auch wenn es kaum erwähnenswert erscheint, soll hier dennoch Folgendes betont werden: Die aufgeführten Positionen zur Zeit, seien sie philosophischer, religiöser oder selbst physikalischer Natur, können für eine wissenschaftliche Betrachtung nur als begriffliche Annäherung gelten. Sie vermögen kein evidentes Bild dessen zu zeichnen, was im weitesten Sinn unter Zeit verstanden wird. Gerade im 6 Vgl. Simon, Zeit II – Philosophisch (Lexikon für Theologie und Kirche), 1407. 22 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Hinblick auf den Wahrheitsanspruch, den viele Religionen beanspruchen, scheint dies wichtig. 3.1 Zeit in der Philosophie 3.1.1 Systematisches Das wissenschaftliche Interesse an seiner Umwelt, gilt als eine spezifisch menschliche Eigenschaft, die keinem anderen Lebewesen auf der Erde zugeschrieben wird. Für den Umgang mit der Zeit gilt dies in besonderem Maß. Zwar kann man nicht leugnen, dass auch Tiere eine zeitliche Wiederkehr, wie etwa den jährlich stattfindenden winterlichen Flug einiger Vogelarten in Richtung Süden, zu spüren scheinen; sie werden dieses Verhalten, aber weder hinterfragen, noch auf das, was wir als Zeit bezeichnen, beziehen. Somit bleibt die Frage, was Zeit sei, eine Frage, die sich nur der Mensch stellt. Allein aus diesem Grund ist sie immer auch sozial strukturiert und „historisch entstandene symbolische Sinnkonstruktion“.7 In einem wissenschaftlichen Sinn, kann die Frage nach der Zeit nur fächerübergreifend gestellt werden, da sich der Zeitbegriff auf zu viele Bereiche bezieht.8 In der Philosophiegeschichte wurde versucht, durch verschiedenste Methoden zu hinterfragen, was die Zeit sein kann. Dabei spielt bis heute vor allem die Frage nach ihrem ontologischen Status eine wichtige Rolle. Es wird gefragt, ob die Zeit überhaupt existiert oder ob sie lediglich ein gedankliches Konstrukt des Menschen, zur Strukturierung seines Lebens ist. Hat sie einen Anfang? Hat sie ein Ende? Hat sie eine Richtung? Wie wird sie erlebt?9 Spätestens hier wird klar, wieso man die Zeit nur interdisziplinär betrachten kann. Die Physik, ebenso wie die Philosophie10 und einige Religionen fragen nach einem Anfang 7 Vgl. Rüpke, Zeit (Metzler Lexikon Religion), 697. 8 Vgl. Mainzer, Zeit, 7. 9 Vgl. Janich., Zeit (Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie), 827 f. 10 Man wird aber zugeben müssen, dass der Fokus philosophischer Betrachtungen der Zeit weniger nach einem Anfang und Ende derselben fragen, sondern wie oben beschrieben vielmehr nach ihrem Charakter, nach ihrer Existenz und ihrer Auswirkung auf das menschliche Dasein. Generell ist davon abzu- 23 eine kurze annäherung an den begriff der zeit und nach einem Ende der Zeit, genauso wie sie danach fragen, womit sie sich füllt. Im physikalischen Sinn kann die Antwort lauten, dass die Zeit einen Prozess des Werdens und Vergehens von Materie oder besser des Universums beinhaltet.11 Philosophisch gesehen kann die Zeit alles Denkbare sein. Die Positionen sind zahllos und sprechen beispielsweise von der Zeit als einem Abbild der Ewigkeit bis hin zur Gleichsetzung der Zeit mit dem Sein selbst. Damit sind auch Anfang und Ende vom jeweiligen philosophischen Ausgangspunkt abhängig. Im religiösen Sinn gilt beispielsweise für die jüdisch-christliche Tradition, dass die Zeit mit der Schöpfung ihren Anfang nahm und mit dem Tag des Jüngsten Gerichts ihr Ende finden wird.12 Andere Religionen haben wieder völlig andere Zeitkonzepte. Darüber hinaus tauchen viele weitere Untersuchungsschwerpunkte und Fragen gleichermaßen in den verschiedenen Disziplinen auf. Was in jedem Fall deutlich wird, ist die Vielschichtigkeit der Zeit. Da es, wie bereits betont wurde, keine einheitliche Zeittheorie gibt13, kann es auch keine zufriedenstellende einheitliche Definition der Zeit geben. Gerade weil die Zeit aber für niemanden etwas völlig Unbekanntes ist14, es aber trotzdem keinen Menschen gibt, der sie vollkommen beschreiben kann, muss eine begriffliche Annäherung gewagt werden. Die Zeit bezeichnet, je nach etymologischer Herkunft, eine Einteilung natürlicher Verläufe und kultureller Geschehnisse, in eigenständige, voneinander abgegrenzte und qualitativ unterschiedliche Abschnitte.15 Für die deutsche Sprache gilt, dass sich das Wort Zeit vom althochdeutschen zīt ableitet und zumeist mit „aufteilen“ oder „ zumessen“ übersetzt raten von einer allgemein pauschalisierenden „philosophischen Zeit“, ebenso wie von einer „religiösen Zeit“ und von einer „physikalischen Zeit“ zu reden. Solche Begriffe vermögen den Eindruck zu erwecken, dass der Zeitbegriff innerhalb der besagten Disziplinen einheitlich behandelt würde. Dem ist selbstverständlich nicht so. 11 Vgl. exemplarisch hierfür: Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit, 151. Hierin wird Einsteins Postulat der allgemeinen Relativitätstheorie erläutert, worin die Zeit mit der „Singularität des Urknalls“ beginne und einem „Endknall“ oder der „Singularität im Innern eines schwarzen Lochs“ ende. 12 Vgl. Mainzer, Zeit, 26. 13 Vgl. Gloy, Zeit I – Philosophisch (TRE), 504. 14 Vgl. Ströker, Zeit erfahren – Zeit bestimmen, 182. 15 Vgl. Mohn, Zeit I – Religionswissenschaftlich (Religion in Geschichte und Gegenwart), 1800 f. 24 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit wird.16 Die Zeit zählt, ebenso wie der Raum, zu den wesentlichen Kategorien menschlicher Wahrnehmung.17 Sie gilt als vom Menschen nicht beeinflussbares, sich nicht wiederholendes18 Andauern von Prozessen.19 Der zeitliche Ablauf wird klassischer Weise in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilt.20 Die Zeit selbst zu messen, scheint zumindest im alltäglichen Leben, kein substanzielles Problem zu sein.21 Man hinterfragt schließlich nicht täglich, ob das, was die Uhren zu messen scheinen, tatsächlich existiert. Was allerdings gemessen wird, bzw. die zeitliche Dauer im Allgemeinen, wird völlig unterschiedlich wahrgenommen und erfahren. Man unterscheidet daher grundlegend zwischen objektiver und subjektiver Zeit. Die objektive Zeit ist die messbare Zeit der Natur, die von uns so verstanden wird, dass sie systemabhängig gleichförmig ist. Das bedeutet, dass zwar jedes System seine Eigenzeit haben kann, die objektive Zeit des jeweiligen Systems von sich selbst und von einem anderen System aus aber als bestimmbar gilt.22 Die subjektive, oder psychologische Zeit23 ist maßgeblich davon abhängig, wie etwas erlebt wird.24 Werden die Ereignisse als positiv empfunden, vergeht die Zeit zuweilen im sprichwörtlichen Flug. Wird eine Begebenheit aber als negativ empfunden, beispielsweise etwas besonders Langweiliges, so scheint die Zeit nicht vergehen zu wollen.25 Bei der subjektiven Zeit müssen also mindestens drei Faktoren berücksichtigt werden, die dazu führen, dass Zeit individuell wahrgenommen wird: Erstens, die eige- 16 Vgl. Mohn, Zeit I – Religionswissenschaftlich (Religion in Geschichte und Gegenwart), 1801. 17 Vgl. Rüpke, Zeit (Metzler Lexikon Religion), 697. 18 Dies soll hier nur für eine allgemeine Definition der Zeit gelten. Dass sie durchaus zwei „Gesichter“ hat, wird im späteren Verlauf der Arbeit deutlich. 19 Vgl. Hörz, Zeit (Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften), 969. 20 Vgl. ebd. Wobei noch zu ergänzen ist, dass das Lichtjahr, wie im Artikel beschrieben wird, selbstverständlich keine Zeit-, sondern eine Längeneinheit ist, die angibt, welche Strecke eine elektromagnetische Welle in einem Jahr zurücklegt. 21 Vgl. Fahr, Zeit in Natur und Universum, 12. 22 Vgl. Baumgartner, Zeit und Zeiterfahrung, 190 f. 23 Vgl. zum Begriff der „psychologischen Zeit“: Ebd., 189. 24 Vgl. Schmidt, Zeit (Philosophisches Wörterbuch), 659. 25 Vgl. Safranski, Zeit, 19. 25 eine kurze annäherung an den begriff der zeit ne Position zur Zeit, wie beispielsweise das unangenehme Gefühl zu spät zu kommen oder die völlige Gleichgültigkeit demgegenüber; Zweitens, die persönliche „Gemüts- und Seelenlage“, sprich das allgemeine Befinden; und Drittens, der Inhalt des Erlebten, der entweder positive oder negative Emotionen hervorrufen kann.26 Es gibt also gewisse Konstanten, aber die Zeit ist im wörtlichen und übertragenen Sinn relativ. Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass der Mensch ein Gesellschaftswesen ist. Daher muss neben subjektiver und objektiver Zeit auch zwischen einem individuellen und einem kulturell/gesellschaftlichem Zeitempfinden unterschieden werden.27 3.1.2 Philosophiegeschichtliches Da die anthropogene Beschäftigung mit der Zeit keinen Ursprung, quasi einen „absoluten Nullpunkt“ hat, wie es beispielsweise die biblische Geschichte von Adam und Eva suggeriert, darf davon ausgegangen werden, dass sich die ursprünglichsten Zeitvorstellungen aus den Beobachtungen wiederkehrender Phänomene in der Natur generierten, um das eigene Leben an diese anzupassen.28 Der abstrakte Begriff der Zeit, wie wir ihn heute für gewöhnlich gebrauchen, ist eine Konstruktion der griechischen Philosophie.29 Im Denken vorgriechischer Kulturen gibt es, bis auf wenige Ausnahmen, kein Äquivalent zu dem, was wir unter Zeit verstehen. Solche frühen Zivilisationen haben oft wesentlich konkretere und spezifischere Zeitbegriffe, die sich auf besondere Eigenschaften der Umwelt beziehen. Sie haben ferner oftmals die für neuzeitliche, mitteleuropäische Verhältnisse seltsam anmutende Eigenart, die „Vergangenheit vor Augen“ zu haben und mit der „Zukunft im Rücken“ zu leben.30 Das lässt sich dadurch erklären, dass die im „Rücken liegende Zukunft“ durch die „vor Augen 26 Vgl. Gloy, Zeit I – Philosophisch (TRE), 508. 27 Vgl. Hörz, Zeit (Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften), 971. 28 Vgl. Hörz, Philosophie der Zeit, 22. 29 Vgl. Assmann, Zeit I – „Vorgriechische“ Zeit (Historisches Wörterbuch der Philosophie), 1186. 30 Vgl. ebd. 26 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit liegende Vergangenheit“ beispielsweise durch Prophetien vorhersagt werden kann.31 Da sich das Hauptaugenmerk dieser Arbeit aber zumindest auf eine dieser vorgriechischen Kulturen richtet und sich die philosophische Forschung selten dazu hinreißen lässt, etwas das älter als die griechischen Überlieferungen ist, als Philosophie zu bezeichnen32, skizziert der weitere Verlauf des Kapitels nun wieder Teile der abendländischen Philosophiegeschichte der Zeit, die exemplarisch für ihre jeweilige Epoche stehen. Die Forschung geht davon aus, dass die erste philosophische Auseinandersetzung mit der Zeit auf die sogenannten „Vorsokratiker“ zurückzuführen sei.33 Ihr Verdienst war es, die vorherrschende mythologische Betrachtung der Zeit34 auf eine philosophische Ebene zu transferieren. Vor allem Heraklits Beschreibungen eines Flusses, der ständig neues Wasser mit sich bringt und sich deshalb ständig ändert, wird oft als die Entdeckung der irreversiblen Zeit, also der unwiederholbaren Zeit, interpretiert.35 Trotz dieser Interpretation gilt das Zeit-Bild der „Vorsokratiker“ als zyklisch. Erst Platon schuf mit seiner Idee der Zeit einen philosophischen Übergang von einem zyklischen und einem linearen Zeitbild.36 Die Besonderheit bei Platon ist, dass er sich zwar noch der Erzählform des Mythos bedient, es aber dennoch schafft, einen Zeitbegriff zu etablieren, der sich fachlich und ontologisch genau rekonstruieren lässt.37 Ihm gelingt damit der Kunstgriff, den nicht gerade für seine Exakt heit bekannten Rahmen des Mythos zu nutzen – und gleichzeitig zu überwinden. Zu finden ist Platons Lehre von der Zeit in den Dialo- 31 Vgl. Assmann, Zeit I – „Vorgriechische“ Zeit (Historisches Wörterbuch der Philosophie), 1186. 32 Daher stellt diese Studie die beiden im Fokus stehenden Zeitbegriffe entsprechend der beiden ausgewählten Forscher, in einem religiös-kulturellen Sinn vor. 33 Vgl. Theunissen, Zeit II – Antike (Historisches Wörterbuch der Philosophie), 1193. Zu beachten ist die wichtige Anmerkung, dass es sich bei den „Vorsokratikern“ keinesfalls um eine homogene Bewegung handelte, wie das Wort vielleicht zu suggerieren vermag. 34 In Auszügen zusammengetragen in: Ebd., 1190–1194. 35 Vgl. Mainzer, Zeit, 17 f. 36 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 37. 37 Vgl. Poser, Zeit und Ewigkeit, 30. 27 eine kurze annäherung an den begriff der zeit gen: Timaois (37c-39e), Parmenides (2. Position 151e ff.) und Politikos (268d ff.).38 Für ihn gehört die Zeit zum Bereich des Werdenden. Der Raum dient lediglich dazu, der Zeit ihre Ausdehnung zu geben. Dieses Werdende ist auf das Sein selbst ausgerichtet, welches wiederum zeitlos als Idee gedacht wird.39 Die Entstehung der Zeit ist damit eine „sukzessive Erfüllung des Raums“.40 Platon gibt eine genaue Definition der Zeit: Sie ist das „in Zahlen fortschreitende äonische Abbild des im Einen verharrenden Äon.“41 Der Begriff Aion (αἰώνιος) kann entweder mit Unendlichkeit, Unvergänglichkeit oder Ewigkeit übersetzt werden. Aus diesen Übersetzungen können unterschiedliche Überlegungen abgeleitet werden: Einmal kann Aion als die Negation dessen gesehen werden, was wir unter Zeit verstehen. Damit wäre es eine „totale Zeitlosigkeit“.42 Oder es wäre ein „immerwährende[s] Sein in und mit der Zeit“43. Beides können wir mit unserer gefühlsmäßigen Vorstellung von Ewigkeit konnotieren. Sofern man Aion als Ewigkeit betrachtet, muss im Sinne Platons Definition klar sein, dass es, ebenso wie die Zeit, einen Sinn von Lebenszeit bedient.44 Für Aion gilt dann, dass es zum einen die ewig andauernde Lebenszeit der Götter wiederspiegelt, zum anderen steht es für die Ewigkeit des von einem Demiurgen geschaffenen Kosmos, der seinerseits wiederum mit Leben gefüllt ist und ständiger Veränderung unterliegt.45 Durch diese Veränderung wird das Aion des Kosmos zu einer fortwährenden „Lebenszeit“, einer stetig weiterlaufenden Zeit – der Ewigkeit. Es bildet die Zeit quasi aus sich selbst heraus ab. Die kosmische Ordnung, nämlich die immer wiederkehrenden periodischen Bewegungen des Universums, verleihen der Zeit ein Maß und machen sie „messbar“.46 „In Zahlen fortschreitend“ bedeutet also nichts anderes als eine Quantifizierung der Zeit, die ihrerseits voraussetzt, dass die Zeit gleichförmig 38 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 37. 39 Vgl. Simon, Zeit II – Philosophisch (Lexikon für Theologie und Kirche), 1406. 40 Vgl. ebd. 41 Vgl. Timaios, 37d (Übersetzung von Karen Gloy). 42 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 42. 43 Ebd. 44 Vgl. Poser, Zeit und Ewigkeit, 30. 45 Vgl. ebd. 46 Vgl. ebd., 30 f. 28 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit verläuft. Pointiert zusammengefasst, kann man Platons Definition folgendermaßen übertragen: Die Zeit ist eine durch die Veränderungen innerhalb des Kosmos zustande kommende, messbare Analogie, beziehungsweise Abbildung der Ewigkeit. Sie ist Lebenszeit und schreitet endlos voran. Die Ewigkeit wiederum spiegelt sowohl das Leben der Götter, als auch das der Planeten wieder und ist (je nach Übersetzung) zeitlos oder ein immerwährendes Andauern. Die Beschäftigung mit dem Rätsel der Zeit bleibt aber selbstverständlich kein Phänomen der Antike. So formuliert beispielsweise Augustinus47 seine berühmte Überlegung zur Zeit: „Quid est ergo tempus? Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare velim, nescio. “48 Er drückt damit aus, was auch heute noch für viele Menschen gelten dürfte: Man hat zwar eine Vorstellung von der Zeit, was sie aber genau ist, bleibt offen. Für Augustinus beginnt die Zeit mit der Erschaffung der Welt, genau wie im Alten Testament beschrieben, durch Gott.49 Sie hat aber einen grundlegend anderen Charakter, als die Zeit in antiken Theorien, denn sie ist nicht wie beispielsweise bei Platon unendlich, sondern hört, ganz im Sinne des jüdisch-christlichen Glaubens50, mit der Apokalypse auf.51 Augustinus‘ Zeittheorie besagt, dass die Zeit linear verläuft und etwa 6000 Jahre andauert. Er unterteilt sie in drei Epochen: Die Erste ist dabei die Zeit „vor dem Gesetz“ (ante legem), die Zweite ist die Zeit „unter dem Gesetz“ (sub legem) und die Letzte ist die Zeit unter der Gnade [Christi] (sub gratia).52 Da die Zeit mit der Schöpfung der Welt beginnt, 47 Augustinus kann aufgrund seiner Lebensdaten sowohl der Spätantike, als auch dem frühen Mittelalter zugeschrieben werden. Daher wird seine Lehre in diesem Kapitel exemplarisch für das Mittelalter dargestellt. 48 Augustinus, Confessiones XI, 14. „Was ist also die Zeit? Sofern es niemand von mir erfrage, weiß ich [es]; wenn von mir verlangt wird [die Zeit] zu erklären, weiß ich [es] nicht.“ – eigene Übersetzung. 49 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 100. 50 Mit Bezug auf die folgenden Zeilen muss hier klar sein, dass Augustinus Christ war. 51 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 101. 52 Vgl. Assmann, Zeit I – „Vorgriechische“ Zeit (Historisches Wörterbuch der Philosophie), 1187. 29 eine kurze annäherung an den begriff der zeit unterliegt ihr alles Materielle – alles Geschaffene. Das göttliche Werk ist somit der Veränderlichkeit, nämlich dem Entstehen und wiederum der Vergänglichkeit unterworfen. Alles muss im Kontext der Wandlung verstanden werden und nur durch sie ist die Zeit überhaupt erfahrbar und messbar.53 Augustinus‘ Betrachtungen beziehen sich nicht unwesentlich auf die Zeiterfahrung. Da man die Zeit immer nur als Augenblick wahrnehmen kann und keine Zeitspanne im Sinne eines „von-bis“ unmittelbar zu spüren vermag, erlebt man die Zeit nur indirekt über das Erinnerungsvermögen oder als „fehlbare Darstellung“ der Zukunft.54 Zeit wird damit zu einer „inneren Erfahrung“. Die Seele erzeugt nach Augustinus die Zeit im Sinne einer Dauer und gibt ihr damit ihr Maß. Mit moderneren Begriffen könnte man die „augustinische Seelenzeit“ mit dem subjektiven Zeitbewusstsein vergleichen.55 Es sei aber noch angemerkt, dass die Forschung keineswegs eine einheitliche Interpretation der Zeitdarstellung Augustinus‘ hervorgebracht hat. So führt beispielsweise Klaus Mainzer aus, dass Augustinus nicht die individuelle Seele betrachte, um zu erklären woher unser Zeitmaß stammt. Er meine vielmehr eine Art „Weltseele“, die alle Bewegungen des Kosmos ordne. Ohne diese kosmische Bewegung sei Zeit nicht denkbar.56 Während Augustinus die Zeit in Bezug zur göttlichen Schöpfung versteht, kann man dies von Friedrich Nietzsche nicht gerade behaupten. Er nimmt an, dass ausnahmslos alles zeitbedingt ist. Alles hat seine (individuelle) Zeit. Damit kann nichts überzeitlich sein.57 Ein klarer Bruch zur christlich-jüdischen Tradition, in der Gott außerhalb der Zeit steht. Nietzsche versucht die Zukunft als den wichtigsten Zeitmodus zu etablieren.58 Das Ziel hierbei ist, die „erdrückende Macht der Vergangenheit“ zu überwinden und sie selbst als etwas künftig Deutbares zu sehen.59 Die Vergangenheit sollte dem entsprechend von einem simplen Präteritum in etwas, das der Wille eines Subjekts selbst 53 Vgl. Simon, Zeit II – Philosophisch (Lexikon für Theologie und Kirche), 1406. 54 Vgl. ebd. 55 Vgl. ebd. 56 Vgl. Mainzer, Zeit, 26. 57 Vgl. Simon, Zeit II – Philosophisch (Lexikon für Theologie und Kirche), 1408. 58 Vgl. Beuthan; Sandbothe, Zeit VI – 19. und 20. Jh. (Historisches Wörterbuch der Philosophie, 1237. 59 Vgl. ebd. 30 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit schaffen kann, umgedeutet werden können.60 Für diese Überlegung spielt Nietzsches Philosophie der „Ewigen Wiederkunft“, der (endlosen) Wiederholbarkeit aller Ereignisse, eine wichtige Rolle. Er postuliert eine Zeit, in der Vergangenheit und Zukunft nicht durch die Gegenwart getrennt sind, sondern geradezu ineinander überfließen. „Im Gedanken der ewigen Wiederkunft sind die Zeitdimensionen Vergangenheit und Zukunft Bedingungen einer die verfließende Zeit überwindenden Gegenwartsvorstellung.“61 Für ihn gibt es nur eine sich immer gleich wiederholende Zeit, in der der Mensch keine Entwicklung durchleben würde und seine Existenz in der immer gleichen Weise durchleben müsse.62 Das Philosophieren über die Zeit ist immer verbunden mit den Fragen nach dem ursprünglichsten Sein, nach der Beschaffenheit aller Existenz und nach dem Verhältnis von Ruhe und Bewegung.63 Bei Martin Heideggers Untersuchungen zur Zeit, wird diese Verbindung schon im Titel seines berühmtesten Werkes Sein und Zeit klar. Heideggers Zeitphilosophie ist als Fundamentalkritik an der philosophischen Tradition zu Seins- und Zeitfragen seit der Antike zu verstehen.64 Er versucht ein Verständnis der Zeit zu etablieren, bei der die Zeit selbst „freigelegt“ wird, ohne philosophische Begriffe einführen zu müssen.65 Das Sein ist für Heidegger im Wesentlichen das menschliche Dasein und bringt etwas, das er „Sorge“ nennt.66 Damit ist aber nicht der für uns gebräuchliche negativ konnotierte Begriff gemeint, den wir synonym für Betrübnis oder Mühsal, etc. verwenden. Heidegger verwendet den Begriff im Sinne von besorgen oder beschaffen.67 Sein Seins-Begriff hat eine „Sorge-Struktur“: Das „Sich-vorweg-Sein“ ist das Bewusstsein des Todes. 60 Vgl. Simon, Zeit II – Philosophisch (Lexikon für Theologie und Kirche), 1408. 61 Beuthan; Sandbothe: Zeit VI – 19. und 20. Jh. (Historisches Wörterbuch der Philosophie), 1237. 62 Vgl. Nazareth, Den Augenblick im Nacken; Online im Internet: http://www. tabvlarasa.de/19/nazareth.php (Stand: 01.01.2017, 19:00 Uhr). 63 Vgl. Hörz, Zeit (Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften), 973. 64 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 181. 65 Vgl. Simon, Zeit II – Philosophisch (Lexikon für Theologie und Kirche), 1409. 66 Vgl. Hörz, Zeit (Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften), 979. 67 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 184. 31 eine kurze annäherung an den begriff der zeit Das „Immer-schon-Sein-in“ ist die Klarheit, dass man durch die eigene Geburt in eine bereits existierende, bereits vorgegebene Welt und Kultur hineingeboren wird. Schließlich versteht er das „Sein-bei“ als unbewusste, unreflektierte Hingabe und Beschäftigung mit den Dingen.68 Das Dasein bestimmt für Heidegger die Zeitlichkeit. Sie bildet die Zeitrechnung aus, in der Zeit erfahren wird und unser vulgäres Zeitverständnis entsteht.69 Die Zeitlichkeit muss als ontologischer Sinn der „Sorge“ begriffen werden. Somit kann der Sinn des Seins nur im Hinblick auf die Zeit verstanden werden. Der Mensch erfährt die Zeit in der „Sorge“. Gleichzeitig enthält die Zeit die „Sorge“ für die Zukunft jedes Menschen und damit das „Sein zum Tod“.70 Pointiert gesagt, ist die Zeit für Heidegger eine grundlegende Form des menschlichen Daseins, das sich zwischen Geburt und Tod vollzieht und seine kulturellen und individuellen Unterschiede erst durch einen gemeinsamen menschlichen Zeithorizont ermöglicht.71 Betrachtet man den Wandel der philosophischen Auseinandersetzung mit der Zeit, so wird deutlich, wie viele verschiedene Betrachtungsdimensionen dieses Thema zulässt. Allein aus den wenigen hier aufgeführten Beispielen lassen sich derart viele Fragestellungen und Betrachtungsmöglichkeiten ableiten, dass einmal mehr deutlich wird: Die Zeit kann wissenschaftlich nicht vollständig erschlossen werden – man kann sich ihr nur annähern. 3.2 Zeit in den Religionen 3.2.1 Der Zusammenhang zwischen Zeit und Religion Wieso der Zeitbegriff überhaupt unter religiösen Aspekten erfahren und betrachtet aber auch erforscht werden kann, hängt mit dem Begriff Religion selbst zusammen. Jürgen Mohn schlägt folgende Definition für 68 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 185. 69 Vgl. Hörz, Zeit (Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften), 979. 70 Vgl. ebd. 71 Vgl. Mainzer, Zeit, 114. 32 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit den Forschungsgegenstand Religion vor – wohl wissend, dass sie nur eine Annäherung sein kann: „[Religion ist ein] kohärenter, zumeist vorgegebener Versuch, Welt zu ordnen, so dass sich Menschen in dieser Welt auf sinnhafte Weise existentiell und kollektiv orientieren können.“72 Damit sich Menschen orientieren können, brauchen sie bestimmte Bezugsgrößen, wie etwa einen Raum, im Zusammenhang mit den Religionen einen bestimmten Glauben und vor allem die Zeit. Daraufhin entsteht der Verdacht auf einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Zeit und Religion, im Sinne eines Orientierung stiftenden Ma- ßes.73 Das bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, wie das vorangegangene Kapitel gezeigt hat, dass die Zeit, sofern sie für Orientierung sorgt, immer ein religiöses Konzept sein muss. Sie ist es aber dann, wenn sie dafür sorgt, dass sich der Mensch über eine zeitliche Dauer des individuellen und kollektiven Handelns, durch „unbedingte und autoritativ vorgegebene Prinzipien und Unterscheidungen“ im Sinne einer reli giös konstruierten Welt orientieren kann.74 Aus der geradezu zwingenden Verbindung von Religion und Zeit lässt sich ableiten, dass religiöse Zeichensysteme zugleich auch Zeitsysteme oder Zeit ordnende Systeme sind.75 Solche Zeichensysteme ordnen zeitliche Verhältnisse, indem sie bestimmte Ereignisse oder Zeichen dazu nutzen, eine chronologische Ordnung zu schaffen. So beschreibt eine kosmologische Zeit verschiedene Fälle von totaler Veränderung. Der Kosmos oder auch nur die jeweilige Lebenswelt sind nicht immer so gewesen, wie sie im Augenblick erschienen sind und sie werden sich zukünftig auch wieder verändern.76 Die grundlegenden Fragen, die sich aus dem Gewesenen und dem Kommenden generieren, sind Folgende: Wo liegt der Anfang? Wo liegt das Ende? Was ist „dazwischen“?77 Die religiöse Antwort auf 72 Vgl. Mohn, Zur Phänomenologie religiöser Zeitvorstellungen, 320 f. 73 Vgl. ebd., 321. 74 Vgl. Mohn, Zeit II – Religionsgeschichtlich (TRE), 516. 75 Vgl. Mohn, Zeit I – Religionswissenschaftlich (Religion in Geschichte und Gegenwart), 1801. 76 Vgl. Rüpke, Zeit (Metzler Lexikon Religion), 698. 77 Vgl. ebd. 33 eine kurze annäherung an den begriff der zeit die Frage nach dem Anfang wird als Kosmogonie, diejenige, die auf die Frage nach dem Ende antwortet, als Eschatologie bezeichnet.78 Kosmogonien können ganz unterschiedliche Szenarien voraussetzen. Die wohl Klassischste ist aber die Entstehung des Kosmos aus einem Chaos oder einem Nichts heraus. Die Schaffung der Welt ist damit eine Ordnung generierende Handlung.79 Eschatologien wiederum setzen der bestehenden Welt ein zeitliches Ende. Das für Mitteleuropäer offenkundigste Beispiel ist wohl die Apokalypse der christlich-jüdischen Religionen. Sie verheißt das Ende der Welt in einem jüngsten Gericht, das auf der einen Seite zwischen Gut und Böse – also denjenigen, die in das Reich Gottes eintreten dürfen und denjenigen, denen es verwehrt bleibt – unterscheidet und auf der anderen Seite sowohl die bekannte Welt beendet80, als auch den Menschen an einer Neuen, nämlich dem „himmlischen Jerusalem“ oder der „Wohnung Gottes“ teilhaben lässt.81 Dennoch liefern solche Zeitbeschreibungen über Anfang oder Ende nicht unbedingt zufriedenstellende Antworten. Sie beantworten zwar die Frage nach dem Beginn und dem Ende der Zeit, so wie sie im jeweiligen kulturellen und religiösen Kontext verstanden wurden und werden; sie lassen aber gleichzeitig offen, was vor dem Anfang der Zeit war und was nach ihrem Ende kommen wird. Für gewöhnlich wird dieses Problem entweder offengelassen oder als Zeitlosigkeit, beziehungsweise Ewigkeit bezeichnet. Pointiert gesagt, haben religiöse Zeichen- und Symbolsysteme immer einen Zeitfaktor. Sie sind daher in jedem Fall als Zeitsysteme zu verstehen und zu rekonstruieren. Das Problem, das sich hieraus für die Religionswissenschaft ergibt, ist Folgendes: Es ist nicht möglich, einen historischen Anfang für den Beginn des menschlichen Ordnungsdranges, der durch die Zeit geschaffen wird, zu finden.82 Wann und wo dieses Phänomen seinen Lauf nahm, kann daher nicht nachvollzogen werden. 78 Vgl. Rüpke, Zeit (Metzler Lexikon Religion), 698. 79 Vgl. Mohn, Zeit I – Religionswissenschaftlich (Religion in Geschichte und Gegenwart), 1801. Es muss aber klar sein, dass selbstverständlich nicht alle Kosmogonien mit ihrer Vorstellung der Schöpfung einem Nichts oder Chaos entfliehen, wie am Beispiel des Alten Ägypten später deutlich werden wird. 80 Vgl. APK, 21, 1. 81 Vgl. APK, 21, 3. 82 Vgl. Mohn, Zeit II – Religionsgeschichtlich (TRE), 516. 34 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Die Religionswissenschaft kann also keinen „Anfang der Zeit“ setzen, wohl aber die jeweiligen Religionen.83 3.2.2 Lineare, zyklische und rituelle Zeit Die Beschäftigung mit der Zeit fördert häufig die Begriffe linear und zyklisch zutage. Sie vermitteln zuweilen den Eindruck, die Zeit habe lediglich zwei Aspekte, die einerseits als unaufhaltsames Fortschreiten und andererseits als endlose Wiederholung funktionieren. Selbstverständlich sind sowohl die beiden Aspekte, als auch der Zeitbegriff selbst, wesentlich komplexer. Linear (von lat. linea – Linie) und zyklisch (griech. κυκλός– Kreis, Umlauf) sind zunächst geometrische Hilfsumschreibungen, die gemäß ihrer Wortbedeutung Bewegungsabläufe physikalischer Prozesse und Himmelserscheinungen, sowie den Charakter menschlicher Geschichte, als eine Summe von „Erlebnis-und Ausdrucksformen“, darstellen.84 Der dem modernen Mitteleuropäer geläufigste Zeittypus dürfte die lineare Zeit sein. Sie ist die ewig fortdauernde, stets vorwärts gerichtete Zeit, in der alle Ereignisse exakt zeitlich verordnet werden können und sich in ihrer Dauer erstrecken.85 Dabei ist sie ein „leeres objektives Medium“, in welches willkürliche Inhalte und Ereignisse hineinprojiziert werden können.86 Die zyklische Zeit hingegen gilt als natürliche Zeit, von der angenommen wird, dass sie völlig identisch wiederkehrt und damit immer wieder zu ihrem Ursprung zurückfindet.87 Würde man annehmen, dass dem so wäre, so müsste alles, was sich wiederholt, quasi in der Zeit stehen bleiben. Der Sonnenaufgang, der hier als Beispiel dienen soll, müsste sich demnach täglich absolut identisch vollziehen. Dem ist selbstverständlich nicht so. Bei bloßer, unreflektierter Beobachtung mag es zugegebenermaßen manchmal so erscheinen, doch zeigt die Verschiedenheit sich wiederholender Aspekte in Natur und Kultur, 83 Vgl. Mohn, Zeit II – Religionsgeschichtlich (TRE), 516. 84 Vgl. Cancik, Linear/zyklisch (Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Bd. 4), 63. 85 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 30. 86 Vgl. ebd. 87 Vgl. Rüpke, Zeit (Metzler Lexikon Religion), 698. 35 eine kurze annäherung an den begriff der zeit dass die Zeit zwar (wenigstens) zwei Aspekte haben mag, diese aber nie völlig unabhängig, als zwei Extreme, betrachtet werden können. Der Sonnenaufgang mag sich zwar wiederholen – er wird aber heute nicht exakt so sein, wie er gestern war und er wird morgen nicht mit dem Heutigen identisch sein. Die Sonnenaufgänge werden sich also zyklisch wiederholen – aber sie werden sich immer durch Abweichungen, seien sie noch so unscheinbar, unterscheiden. Damit ist das Zyklische, das Wiederkehrende, immer auch in ein unaufhaltsames Fortschreiten der linearen Zeit eingebunden. Man wird also einerseits die lineare und zyklische Zeit nicht unabhängig voneinander betrachten können, da diese beiden Zeitaspekte immer miteinander verwoben sind.88 Andererseits wird man aber ebenso wenig annehmen können, dass die zyklische Zeit eine identische Wiederholung eines Ereignisses ist, wie am Beispiel der Sonnenaufgänge verdeutlicht wurde. Damit verliert sie, zumindest teilweise, den primitiven Charakter, mit dem sie, wie folgend aufgeführt wird, in der Forschung immer wieder konnotiert wird. So meint beispielsweise Thomas Böhm, Wiederholung sei ein grundlegender Aspekt jeder primitiven Zeitauffassung, da sie in natürlichen Rhythmen enthalten ist und somit menschliches und tierisches Leben beeinflusst.89 Das Beispiel Böhm mag hier etwas überspitzt anmuten – schließlich verliert sich im Laufe des Artikels der subjektive Eindruck, dass die zyklische Zeit als urtümlich und rückständig abgestempelt wird.90 Doch ein umso drastischeres Beispiel bietet Jörg Rüpke, der in seinem Artikel ausführt, die zyklische Zeit kehre immer wieder zu ihrem Ursprung zurück und entwerte damit Geschichte und geschichtliches Handeln; sie sei sogar „entwicklungshemmend“ (sic!).91 Das Beispiel zyklischer Zeit, das im Kapitel um Jan Assmanns Zeitbegriff der alten Ägypter dargestellt werden soll, wird Rüpkes These sehr in Zweifel ziehen, der Zeitbegriff der Hindu-Religionen bei Michaels, wird ihn zum Teil bestätigen. Die zyklische Zeit kann selbstverständlich auch weniger abwertend dargestellt werden. Sie muss zunächst als ein Abbild des als Kugel 88 Vgl. Mohn, Zeit II – Religionsgeschichtlich (TRE), 516. 89 Vgl. Böhm, Zeit (Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Bd. 5), 397. 90 Vgl. ebd., 400, speziell der Punkt vom „Anreichern“ der immer dagewesenen Zeit durch Neues. 91 Vgl. Rüpke, Zeit (Metzler Lexikon Religion), 698. 36 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit gedachten Kosmos verstanden werden.92 Die Zeit der Wiederholung kann zudem die Funktion des „ins-Gedächtnis-rufens“ erfüllen, indem sie den Inhalt, der durch sie vermittelt werden soll, durch regelmäßige Wiederkehr erinnert93, beziehungsweise geradezu „einpflanzt“. Das kann anhand regelmäßig wiederkehrender Zeichen in der Natur oder willkürlich gesetzte Punkte, die regelmäßig zelebriert werden, geschehen. (Sich wiederholende) Zeit ist immer bedeutungsgeladen und eignet sich daher sehr gut, um Wissen oder Traditionen zu vermitteln. Ebendiese „Bedeutungsgeladenheit“ entsteht aber nicht durch Ausnahmen, wie beispielsweise zufällige Beobachtungen des Nachthimmels, sondern sie rührt vom Regelhaften her, da die regelmäßige Wiederholung als heilige Zeit erfahren werden kann.94 Hieraus folgt notwendig, dass die zyklische Zeit stets an konkrete Inhalte gebunden ist.95 Sie ist zudem aufgrund der oben genannten Aspekte außerordentlich gut geeignet, um „Vorstellungs- und Darstellungsaktivitäten“ durch rituelle Handlungen oder Spiele zu ermöglichen. Solche Handlungen mit versinnbildlichenden Eigenschaften, können für Zeit und Raum transzendierend wirken.96 Wie bereits mehrfach erwähnt wurde, hat die Zeit in verschiedenen religiösen Kulturen eine Ordnung stiftende Funktion. Diese Ordnung ist aber oftmals keine grundlegende Eigenschaft der Lebenswelt und des Kosmos. Sie muss vielmehr wiederhergestellt oder gepflegt werden. Jan Assmann bringt hierzu das Beispiel des alten Ägypten. Der Grundgedanke der alten Ägypter war, dass die Welt eben gerade kein Hort der Ordnung ist. Der Kosmos ist kein wohlgeordneter Raum und da Raum und Zeit immer zusammenhängend betrachtet werden müssen, ist auch die Zeit, als heilvoller Prozess, ständig vom Scheitern bedroht. Die kosmische Ordnung musste, unter ständiger Bedrohung der Un- 92 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 21. 93 Vgl. Böhm, Zeit (Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Bd. 5), 397 f. 94 Vgl. Assmann, Zeit I – „Vorgriechische“ Zeit (Historisches Wörterbuch der Philosophie), 1186 f. 95 Vgl. Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, 21. 96 Vgl. Böhm, Zeit (Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Bd. 5), 397. 37 eine kurze annäherung an den begriff der zeit ordnung, für die alten Ägypter rituell in Gang gehalten werden.97 Damit gilt, allerdings nicht nur für das Beispiel der altägyptischen Zeitvorstellung, dass die zyklische Zeit auch rituelle Zeit ist. Ritus, Spiel, Mythos und Kult beziehen sich oft auf Wiederholungen und spielen bei allen Kultur und Gesellschaft bildenden Prozessen eine wichtige Rolle.98 Im Kult kommt der Gedanke der Stabilität zum Ausdruck, denn hier werden alle Beteiligten gewissermaßen der Unsicherheit und Komplexität ihrer Lebenswelt enthoben, indem sie eine konstante, vorhersehbare und sich wiederholende „Zeitsphäre“ schaffen.99 Im Ritus werden Menschen in die natürlichen Prozesse integriert. Dieser Integra tionsprozess wurde als heilig empfunden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die zyklische Zeit in archaischen Kulturen, in denen weitaus eher rituelle Handlungen zu erwarten sein dürften, als in späteren Gesellschaften, als heilig, die Lineare aber als profan wahrgenommen wurde.100 Die rituelle Zeit ist allerdings zyklisch und linear. Sie ist im Sinne von Handlungsabläufen lineare „Handlungszeit“ und im Sinne einer Abbildung gleichförmiger natürlicher Prozesse zyklisch.101 Die zyklische Zeit des Ritus ist daher eine „Erneuerungszeit“ zum Begriff Leben; die lineare Zeit ist aufgrund ihrer ewigen Dauer Geschichts- oder „Gedächtniszeit“ zum Begriff Tod und Unsterblichkeit.102 97 Vgl. Assmann, Zeit I – „Vorgriechische“ Zeit (Historisches Wörterbuch der Philosophie), 1187. 98 Vgl. Böhm, Zeit (Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Bd. 5), 398 99 Vgl. ebd. 100 Vgl. Assmann, Zeit I – „Vorgriechische“ Zeit (Historisches Wörterbuch der Phi losophie),1187. 101 Vgl. ebd. 102 Vgl. ebd.

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Zusammenfassung

Zeit ist etwas Besonderes – kein Mensch scheint zu wissen, was genau sie ist, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Sie scheint uns selbstverständlich zu sein, dennoch bezeichnet dieser Terminus eine Abstraktion. Den anspruchsvollen Grundbegriff 'Zeit' untersucht Preisinger hinführend in Kultur, Religion und Philosophie, um sich schließlich den Vorstellungen von Zeit in zwei klassischen Hochkulturen zu widmen: dem Alten Ägypten und Indien. Beide Kulturen zeigen dabei je einen ganzen Komplex unterschiedlicher Ebenen von Zeitverständnissen. Die Zeitvorstellungen des Alten Ägypten wie Indiens werden durch zwei namhafte Wissenschaftler ausführlich untersucht. So ist der Ägyptologe Jan Assmann für seine Ausführungen zur Zeit im Alten Ägypten bedeutsam und bekannt. Axel Michaels führt insbesondere in seinem Klassiker 'Der Hinduismus' die Zeitvorstellungen Indiens tiefgründig aus und stellt sie schließlich einem westlich-wissenschaftlichen Zeitverständnis gegenüber. Mit seinen Ausführungen präsentiert Preisinger nicht nur Zeitbegriffe, die für unseren Kulturkreis in der Gegenwart gewöhnlich sind, sondern er führt damit in ein tieferes Verständnis dieser beiden klassischen Hochkulturen ein. Er setzt sich und damit den Lesenden dem nicht immer ganz einfachen, aber umso spannenderen Religionsvergleich zweier so unterschiedlicher Systeme aus. Als kultur- und spezifisch religionswissenschaftlich Interessierter sollte man sich dafür Zeit nehmen.