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2. Einleitung in:

Marco Preisinger

Zwischen Weltenzeit und Sternenzeit, page 17 - 20

Zeitbegriffe des alten Ägypten und des Hinduismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4032-4, ISBN online: 978-3-8288-6729-1, https://doi.org/10.5771/9783828867291-17

Series: Religionen aktuell, vol. 22

Tectum, Baden-Baden
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17 2. Einleitung Die Zeit ist etwas Besonderes. Sie ist das Medium, das unseren Alltag taktet und nicht selten bestimmt. Sie hat so viele Dimensionen, dass eine wissenschaftliche Betrachtung beinahe zwangsläufig multiperspektivisch und interdisziplinär angelegt sein muss. Daher ist es die Zeit, die es schafft, als eines der wenigen Forschungsfelder, Philosophie, Religion, Religionswissenschaft und Physik zu vereinen. Kein Mensch scheint zu wissen, was sie genau sei, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Wahrscheinlich ist es gerade dieses Mysterium, das die Zeit in einem wissenschaftlichen Sinn so interessant macht. Das große Problem dabei ist allerdings, dass sich die Zeitforschung, zumindest nicht in der Religionswissenschaft und Philosophie, auf empirische Daten stützen kann, was sie, wie Axel Michaels wohl sagen würde, bedauerlicherweise sehr angreifbar, beziehungsweise „subjektivierbar“ macht.1 Da die Zeit so etwas Rätselhaftes zu sein scheint, versucht die vorliegende Arbeit zunächst einige begriffliche Grundlagen zu schaffen. Die Idee ist, eine systematische Annäherung an die Zeit vorzustellen, worin Ansätze besprochen werden, die sich ihr inhaltlich sowie ontologisch und psychologisch begegnen. Daraufhin wird vom eher allgemeinen philosophischen Teil zur Philosophiegeschichte der Zeit übergeleitet. Hier sollen ausgewählte Philosophen vorgestellt werden, deren inhaltliche Darstellungen unmittelbar mit der Hauptthematik der Arbeit zusammenhängen. Die hier gewählten Beispiele mögen auf den ersten Blick nicht unbedingt als „idealtypische Vertreter“ einer Zeitphilosophie ihrer Epoche erscheinen. Beispielsweise Friedrich Nietzsche wird wohl nicht allzu oft mit der Zeit in Verbindung gebracht. Die Idee der Darstellung 1 Vgl. Michaels, Der Hinduismus, 313. 18 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit beruht aber auf dem Konzept, auf der einen Seite möglichst unterschiedliche Zeitphilosophien darzustellen, um zu zeigen, wie verschieden die Wahrnehmung der Zeit in verschiedenen Epochen sein können und auf der anderen Seite, um sowohl lineare, zyklische und beide Zeitformen vereinende Philosophien zu präsentieren. Die beiden Hauptkapitel, die sich der altägyptischen Zeit nach Jan Assman und der Zeit der Hindu-Religionen nach Axel Michaels widmen, können zum Teil sehr fremd und abstrakt wirken. Bei einigen der vorzustellenden philosophischen Ansätze zur Zeit sind aber deutliche Parallelen zu den beiden religiösen Zeitbegriffen zu finden. Die Funktion des Kapitels zur Philosophiegeschichte liegt also in erster Linie darin, den Leser auf die „Andersartigkeit“ der sakralen Zeitbegriffe einzustimmen. Der erste hier vorzustellende Philosoph ist Platon, der bereits sehr früh eine genaue Definition der Zeit vorgibt. Er ist vor allem durch sein Verständnis von Zeit und Ewigkeit für diese Arbeit wichtig. Danach wird der Frage des Augustinus nachgegangen. Er stellt fest, dass er zwar wisse, was die Zeit sei, er aber, sofern er danach gefragt werde, nicht antworten könne. Damit öffnet er quasi die Augen für eines der Hauptprobleme bei der Beschäftigung mit der Zeit. Anschließend dient Friedrich Nietzsches Ausführung vor allem zur Einstimmung auf die zyklische Eigenschaft der Zeit. Sein Verständnis von der „Ewigen Wiederkunft“ erinnert stark an das zyklische Zeitbild der Hindu-Religionen. Zuletzt wird kurz auf Martin Heideggers Zeitverständnis eingegangen. Seine Auffassung, die Zeit sei das „Dasein zum Tod“ kann durchaus mit dem altägyptischen Zeit- und Jenseitsverständnis in Verbindung gebracht werden. Es ist die Zeit, die der Ägypter, wie später zu zeigen sein wird, überwinden will, weil er sich seines Todes bewusst ist. Nachdem sich ein einleitendes Kapitel der Philosophie der Zeit gewidmet hat, bietet es sich für eine religionswissenschaftliche Arbeit selbstverständlich an, in die spezifisch religiöse Dimension der Zeit einzuführen. Hierin wird es vor allem um Fragen gehen, die sich Religionen über die Zeit stellen: Wo liegt der Anfang der Zeit? Wer hat sie erschaffen, etc. Wesentlich wichtiger ist aber die Grundlegung der begrifflichen Unterscheidung zwischen linearer und zyklischer Zeit. Die hierin auszuführenden Punkte sind für das Verständnis der Hauptkapitel essenziell. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt auf der einen Seite bei dem alt ägyptischen Verständnis der Zeit nach Jan Assmann und auf der 19 einleitung anderen Seite bei dem hindu-religiösen Zeitverständnis nach Axel Michaels. Jan Assmann ist ein deutscher Ägyptologe, der durch seine Klassiker zur Geschichte des alten Ägypten, aber auch durch seine Konnotation von Monotheismus mit Gewalt bekannt ist. Spätestens durch seine jüngste Publikation Totale Religion, in der er die politische Theorie des berüchtigten Carl Schmitt zur Erklärung der für ihn evidenten Verbindung von Monotheismus und Gewalt heranzieht2, regt er zu teils aufgeheiztem wissenschaftlichen Diskurs an.3 Dazu muss man allerdings festhalten, dass die Verknüpfung des Alten Testaments, das Assmann vornehmlich in seine Betrachtungen einbezieht, mit den politischen Theorien eines NS-Staatsrechtlers sicherlich auf den ersten Blick als keine besonders taktvolle Gegenüberstellung erscheint. Es ist aber betontermaßen nicht Assmanns Anliegen die hebräische Bibel in irgendeiner antisemitischen oder diffamierenden Weise zu untersuchen. Er nutzt lediglich Schmitts Theorien, um seine Eigene näher zu erläutern. Das hat auf der einen Seite reges Interesse zutage gefördert und auf der anderen Seite für herbe Kritik gesorgt. Assmann selbst betont allerdings nicht zuletzt in einem YouTube-Vortrag, dass sich wohl jeder, der sich kritisch zum Monotheismus äußert, sich einerseits der Gegenwehr der Theologen stellen müsse, und wer sich darüber hinaus kritisch zu den Quellen der hebräischen Bibel äußert, müsse sich geradezu zwangsläufig gegen den Vorwurf des Antisemitismus erwehren.4 Der zweite hier zu betrachtende Wissenschaftler ist der Indologe Axel Michaels, der neben seiner Beschäftigung mit dem Hinduismus noch durch seine kritische Haltung gegenüber den Wissenschaften – im Speziellen den Geisteswissenschaften – und dem Unverständnis gegenüber der scheinbar existierenden generellen Unwissenheit in Bezug auf die Hindu-Religionen5 aufgefallen ist. Dass eine solche Unkenntnis existiert ist unzweifelhaft. Auf sie wird kurz in der Vorbetrachtung zum Zeitverständnis der Hindu-Religionen nach Michaels eingegangen. 2 Vgl. Assmann, Totale Religion, 112–125. 3 Vgl. hierzu exemplarisch zwei Kurzrezensionen: https://www.perlentaucher. de/buch/jan-assmann/totale-religion.html (Abruf: 22.02.2017; 02:15 Uhr). 4 Vgl. Assmann, Religiöse Gewalt | Jan Assmann, https://www.youtube.com/ watch?v=lrf2jIF_QxM&t=656s; 03:51 Minuten (Abruf: 07.04.2017; 08:25). 5 Scholz, Herr der Rituale, https://www.brandeins.de/archiv/2016/richtigbewerten/axel-michaels-herr-der-rituale-kultur-indien-nepal/ (Abruf: 22.02. 2017; 02:20 Uhr). 20 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Mindestens ebenso interessant erscheint aber Michaels‘ Kritik an der wissenschaftlichen Haltung einiger Fachbereiche gegenüber dem „Nicht-unmittelbar-Greifbarem“. Auch auf diesen Punkt wird der eben genannten Vorbetrachtung eingegangen. Die Position Assmanns zur altägyptischen Zeit wird ebenso wie die Position Michaels’ zur Zeit in den Hindu-Religionen in ihren jeweiligen Kapiteln nachvollzogen. Dabei muss klar sein, dass lediglich eine für diese Arbeit zweckdienliche Rekonstruktion möglich ist. Im Anschluss hieran wird ein Vergleichskapitel sowohl das wissenschaftliche Arbeiten, als auch die Zeitbegriffe selbst gegenüberstellen. Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass durch die Gegenüberstellung zwangsläufig Wiederholungen in das Kapitel einfließen. Das hat den Zweck, die jeweilige Rekonstruktion der Zeitbegriffe zusammenfassend zu verdichten, um den eigentlichen Vergleich zu erleichtern. Das Vergleichskapitel selbst verzichtet daher auf den wiederholten Nachweis im Fußnotenapparat, ebenso wie auf Verweise innerhalb der Arbeit, um Verwirrungen zu vermeiden. Alle im Vergleichskapitel getroffenen Aussagen sind an anderer Stelle in dieser Arbeit zu finden. Bevor allerdings der eigentliche Vergleich stattfinden kann, muss der Vollzug der religionswissenschaftlichen Gegenüberstellung besprochen werden. Die Fragen nach der Absicht und dem Erkenntnisgewinn des Vergleichs, ebenso wie die Frage nach den genauen Vergleichsmomenten, sind immer gegeben und selbstverständlich berechtigt. Um auf sie angemessen antworten zu können, fällt der methodische Teil des Vergleichskapitels relativ großzügig aus. Generell ist es das Anliegen der vorliegenden Arbeit, aufgrund der methodischen, sowie wissenschaftlichen Analyse so genau wie möglich zu arbeiten und sie versucht daher zu Beginn der meisten Kapitel offenzulegen, was deren genaue Aufgabe sein soll. Eine gewisse „Ankündigungsprosa“ ist daher nicht zu vermeiden und sogar gewollt. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit in einem Résumé zusammenfassend dargestellt.

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Zusammenfassung

Zeit ist etwas Besonderes – kein Mensch scheint zu wissen, was genau sie ist, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Sie scheint uns selbstverständlich zu sein, dennoch bezeichnet dieser Terminus eine Abstraktion. Den anspruchsvollen Grundbegriff 'Zeit' untersucht Preisinger hinführend in Kultur, Religion und Philosophie, um sich schließlich den Vorstellungen von Zeit in zwei klassischen Hochkulturen zu widmen: dem Alten Ägypten und Indien. Beide Kulturen zeigen dabei je einen ganzen Komplex unterschiedlicher Ebenen von Zeitverständnissen. Die Zeitvorstellungen des Alten Ägypten wie Indiens werden durch zwei namhafte Wissenschaftler ausführlich untersucht. So ist der Ägyptologe Jan Assmann für seine Ausführungen zur Zeit im Alten Ägypten bedeutsam und bekannt. Axel Michaels führt insbesondere in seinem Klassiker 'Der Hinduismus' die Zeitvorstellungen Indiens tiefgründig aus und stellt sie schließlich einem westlich-wissenschaftlichen Zeitverständnis gegenüber. Mit seinen Ausführungen präsentiert Preisinger nicht nur Zeitbegriffe, die für unseren Kulturkreis in der Gegenwart gewöhnlich sind, sondern er führt damit in ein tieferes Verständnis dieser beiden klassischen Hochkulturen ein. Er setzt sich und damit den Lesenden dem nicht immer ganz einfachen, aber umso spannenderen Religionsvergleich zweier so unterschiedlicher Systeme aus. Als kultur- und spezifisch religionswissenschaftlich Interessierter sollte man sich dafür Zeit nehmen.