Content

11. Résumé in:

Marco Preisinger

Zwischen Weltenzeit und Sternenzeit, page 105 - 110

Zeitbegriffe des alten Ägypten und des Hinduismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4032-4, ISBN online: 978-3-8288-6729-1, https://doi.org/10.5771/9783828867291-105

Series: Religionen aktuell, vol. 22

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
105 11. Résumé Das Interesse an der Zeit hat eine beinahe ewig zurückreichende Geschichte, die bereits weit vor dem, was wir als klassische Antike bezeichnen würden, ihren Anfang nahm. Wenn man bedenkt, welche Spanne zwischen der frühen Beschäftigung mit der Zeit und der heutigen Forschung liegt, ist es doch bezeichnend, dass die Zeit nach wie vor weder ontologisch, noch begrifflich genau bestimmt werden kann. Das liegt aber selbstverständlich nicht am Unvermögen der Forschung – das sei hier sehr hervorgehoben, sondern an der Eigenschaft der Zeit, dass sie sich unserem begrifflichen Denken entzieht. Die Zeit kann nur durch Temporalbegriffe beschrieben werden, was ein tieferes Verständnis sehr erschwert. Dass sie nicht exakt bestimmt werden kann, gilt allerdings nur für die Philosophie und die Naturwissenschaften. Die Philosophie kann lediglich begriffliche Annäherungen, aber keine empirisch gesicherten Beweise zur Beschreibung der Zeit liefern. Es ist daher kaum verwunderlich, welche enorm unterschiedlichen Zeitperspektiven innerhalb der Philosophiegeschichte gezeichnet wurden. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass die philosophische Beschäftigung mit der Zeit damit nichts Sinnvolles zur Zeitforschung beigetragen hätte. Es war schließlich, um das hier exemplarisch aufzuführen, die Philosophie, die als erste einen Zeitbegriff formulierte, wie wir ihn heute noch verstehen. Die bloße Annäherung an einen Begriff, nicht aber das exakte Bestimmen desselben, bedeutet ja keine Schmälerung der wissenschaftlichen Arbeit. Das ist nebenbei bemerkt genau der Punkt, den Michaels in seiner kurzen Kritik zur Wissenschaft angebracht hat. Sobald eine wissenschaftliche Disziplin keine überprüf- und nachvollziehbaren Ergebnisse liefert, wird sie in der akademischen Welt häufig nicht ernst genommen. Dass es so viele völlig unterschiedliche philosophische Positionen 106 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit zur Zeit gibt, macht nur einmal mehr deutlich, mit welchem Mysterium man es zu tun hat. Die Zeit ist nicht nur der Taktgeber unseres Alltags, sie ist darüber hinaus auch das Maß der Geschichte. Damit wird sie für uns täglich spürbar und bestimmt seit jeher das Leben der Menschen. Wir verstehen sie als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei sie für uns als unver- änderlich und immer fortwährend empfunden wird. Niemand scheint die Zeit aufhalten zu können und niemand kann ihre Richtung ändern. In einem psychologischen Sinn wird sie zum Teil extrem unterschiedlich wahrgenommen. Für den einen vergeht sie in einer bestimmten Situation wie im sprichwörtlichen Flug, für den anderen scheint sie in derselben Lage ewig zu dauern. Physikalisch gesehen, vergeht sie aber mit konstanter Geschwindigkeit – zumindest sind die Änderungen, die mit der Relativitätstheorie einhergehen, für das alltägliche Leben bei weitem vernachlässigbar. Dass wir in der Lage sind die Zeit zu messen – oder vielmehr glauben sie messen zu können – suggeriert ein besseres Zeitverständnis. Wenn man allerdings mit der Frage konfrontiert wird, was die Zeit genau sei, merkt man schnell, dass dieser Glaube eine Illusion ist. Selbst die exaktesten Uhren, die sogenannten Atomuhren, die unsere Weltuhrzeit bestimmen, geben keine Antworten auf die Frage nach der Zeit. Sogar die großen Physiker, wie beispielsweise Albert Einstein, der erkannte, dass die Zeit nicht, wie es einst Isaac Newton beschrieben hatte, unveränderlich vergeht, sondern relativ ist, konnte nicht genau bestimmen, was die Zeit ist. Die einzige Weltanschauung, die in der Lage ist, ein über das philosophisch oder naturwissenschaftlich hinausreichende Bild der Zeit zu zeichnen, ist die Religion. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Religion ihr individuelles Zeitbild zur Gänze vollendet hätte. Es geht lediglich darum, dass Religionen Antworten auf die essenziellsten Zeitfragen geben können – aber nicht müssen: In welchem Moment begann die Zeit? Wann endet sie? Wer hat sie ausgelöst? Gibt es etwas neben der Zeit? Dabei ist allerdings auch klar, dass die Religionen, sofern sie die aufgeführten Fragen beantworten, selbstverständlich keine exakten Daten liefern, indem sie festlegen, dass am Tag X, im Jahr Y die Welt untergeht. 107 résumé Für das Beispiel der jüdisch-christlichen Tradition beginnt die Zeit mit der Schöpfung – ein im naturwissenschaftliche Sinne exakter Moment wird also auch hier nicht beschrieben – und endet mit der Apokalypse. Gott steht außerhalb der Zeit und führt damit eine zeitlose Existenz. Die Religionswissenschaft, die sich ja die Erforschung der Religionen zur Aufgabe gemacht hat, kann keinen genauen Anfang einer religiösen Zeit, egal welche Religion betrachtet wird, festlegen und zwar gerade weil kein exakter Moment genannt wird. Wenn beispielsweise in der Bibel von der Schöpfung die Rede ist, mit der auch die Zeit in die Welt kam, dann heißt es stets nur „Am X, schuf Gott Y“; „Danach schuf Gott Z“. Damit ist der Zeitpunkt für den Gläubigen völlig klar. Wenn es heißt, um es hier exemplarisch zu machen, „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“268, dann weiß der Gläubige, dass die Schöpfung am Anfang stattfand. Das „Wann?“, im physikalischen Sinn, spielt hier keine wichtige Rolle. Der Anfang und der exakte Zeitpunkt sind hier mit irdischen Mitteln nicht zu fassen. Daher kann die Religionswissenschaft keinen religiösen Anfang setzen, sie kann sich ihm nur durch Interpretation und Analyse annähern. Um über den abendländischen Tellerrand hinauszublicken, sei hier noch auf andere Religionen verwiesen. Diese können selbstverständlich völlig andere Zeitbilder haben, wie anhand der Beispiele des alten Ägypten und der Hindu-Religionen deutlich wurde. Sie zeichnen beide auf ihre ganz spezifische Weise ein gänzlich differenzierteres Zeitbild, als das Unsere. Das alte Ägypten sticht hierbei vor allem durch den leidenschaftlichen, sich durch beinahe sämtliche Lebensbereiche ziehenden Versuch hervor, die Zeit zu überwinden. Den Menschen war permanent bewusst, dass ihr irdisches Leben endlich ist. Diese Aussage mag so banal erscheinen, dass man sicherlich verwundert über sie sein kann. Wenn man aber bedenkt, dass ein enorm großer Teil der altägyptischen Architektur auf die ein oder andere Weise die Funktion eines Grabes erfüllte, wird etwas deutlicher, wieso der Ägypter zeitlebens seine Sterblichkeit vor Augen hatte. Das alte Ägypten zeichnet sich für uns besonders durch die Pyramiden, Mumien und Hieroglyphen aus. Alle diese Dinge repräsentieren die Sehnsucht dieser Kultur nach Ewigkeit. Sie finden ihre Vollendung – selbst die Mumien, die in ihm ruhen sollten – im Stein, der das irdische Medium der 268 Gen 1,1. 108 Marco Preisinger: Zwischen weltenZeit und sternenZeit Ewigkeit ist. Wenn eine Kultur einen solchen Drang dazu hat, sich zu verewigen, ist es auf der einen Seite nicht verwunderlich, dass ihr Zeitverständnis das widerspiegelt und auf der anderen Seite überrascht es ebenso wenig, dass die kulturellen, sowie religiösen Institutionen ihre gesamte Geschichte hindurch annähernd gleichgeblieben sind. Was das Zeitverständnis angeht, so spiegelt es sich in den beiden Aspekten ḏt und nḥḥ wider. Ein Aspekt steht für die ewige und vollendete Fortdauer, der andere repräsentiert die zyklische Wiederholung der Zeit. Durch ḏt ist die ewige und vollendete Existenz in der Ewigkeit gesichert. Durch nḥḥ hat man im irdischen Leben Anteil an der Präexistenz, da dieser Aspekt, wie am Beispiel des Sonnenlaufs gezeigt wurde, einen Teil der Schöpfung immer wieder vollzieht. Die beiden Zeitaspekte sind für den Menschen deswegen heilsbringend, weil sie ihn nach seinem Tod an der außerweltlichen Ewigkeit teilhaben lassen. Auf die Wiederholung der gesamten altägyptischen Zeitthematik wird fortführend verzichtet. Die Frage, die sich hier noch einmal stellen soll ist, wieso es so interessant sein kann, die Zeit des alten Ägypten nach Jan Assmann mit der Zeit der Hindu-Religionen nach Axel Michaels gegenüberzustellen. Wieso macht es Sinn, zwei so völlig unterschiedliche Kulturkreise miteinander in Verbindung zu bringen? Doch zunächst soll noch einmal kurzer, wiederholender Blick auf Axel Michaels‘ Forschungsergebnisse gerichtet werden. Die Zeit in der klassischen Mythologie der Hindu-Religionen ist vor allem zyklisch. Sie war schon immer da und wird durch die Länge der Weltzeitalter bestimmt. Nachdem ein großer Zeitzyklus vollendet ist, endet die Welt und die Zeit tritt in eine Art Stasis über. Dieser Zustand hält so lange an, bis die Welt von neuem erschaffen wird und der Kreislauf, der ewig andauert, von neuem beginnt. Die zyklische Zeit der ewigen Wiederholbarkeit ist für den Hindu aber nicht, wie es für Jan Assmann für die altägyptische nḥḥ feststeht, heilsbringend, sondern geradezu das Gegenteil hierzu – sie ist leidvoll. Für den Hindu ist es kein heilvoller Zustand, wenn sich die Zeit unendlich oft wiederholt. Er möchte aus dem Kreis der ewigen Wiederkehr austreten und in einen Zustand statischer Zeit übertreten. Die bewegungslose, zeitpunktlose, zeitpfeillose, statische Zeit ist für den Hindu das Maß seiner Erlösung. Doch zurück zur Frage nach dem Sinn des Vergleichs. Man hat mit den Ewigkeitsbegriffen, die sowohl Assmann, als auch Michaels für ihr 109 résumé jeweiliges Forschungsgebiet skizzieren, ein hervorragendes Vergleichsmoment. Hierin zeigt sich zum einen erneut, in welchen unterschiedlichen Erscheinungsformen die Zeit auftreten kann. Sie kann als sich ewig wiederholende, zyklische Zeit oder als endlose lineare Zeit erscheinen. Darüber hinaus kann sie, wie im Kapitel zum Assmann‘schen Zeitverständnis dargestellt wurde, als Zeitpunkt, als Zeitstrecke, usw. in Erscheinung treten. Die Formen der Zeit sind scheinbar grenzenlos. Was aus religions- und kulturwissenschaftlicher Sicht wenigstens ebenso grenzenlos zu sein scheint, sind die Interpretationen der Zeit. Wir haben mit dem alten Ägypten und den Hindu-Religionen zwei äu- ßerst unterschiedliche Religionskulturen. Trotzdem kennen beide eine Zeitform, die sich ewig wiederholt und eine, die linear verläuft. Sie entstammen in beiden Fällen einem Teil der kosmischen Schöpfung, die sich ebenfalls bei beiden aus einer durch einen Gott repräsentierten Einheit vollzieht. Beide Kulturen haben ein Verständnis von Ewigkeit, beide haben ein Verständnis von einer Zeit, die für sie als heilsbringend erscheint. Die Interpretation, beziehungsweise schärfer formuliert, der Glaube zieht allerdings zum Teil völlig unterschiedliche Schlüsse aus der Erscheinung der Zeit. Für den Ägypter war die Zeit heilsbringend, wenn sie seine irdische Existenz in die kosmische Ewigkeit transferierte. Für den Hindu war und ist die Zeit heilsbringend, wenn sie statisch ist. Die Zeit wird den Menschen wahrscheinlich noch eine sprichwörtliche Ewigkeit begleiten. Man könnte anhand der eigenen Erfahrungen darauf schließen, dass die Zeit gerade in unserer Epoche eine enorm wichtige Rolle spielt. Das ist selbstverständlich nicht von der Hand zu weisen. Sie bestimmt in Form der messbaren Zeit der Uhren unseren Alltag, unsere Arbeitszeit, ebenso wie unsere Freizeit. Diese Arbeit hat aber den Versuch unternommen, zu zeigen, dass sie in früheren Kulturen einen zumindest ähnlich hohen Stellenwert hatte, der sich allerdings anders äußerte. Die Zeit war, vor allem in einem religiösen Sinn, von hoher Wichtigkeit. Für die hier betrachteten Religionskulturen war sie ausdrücklich zur Erlangung des religiösen Heils bedeutend. Für unsere heutige Epoche gilt, egal ob man die Zeit ernst nimmt oder nicht, egal ob man sein persönliches Heil mit ihr verbindet oder nicht – für den modernen Menschen ist und bleibt sie unbeschreiblich, unvergänglich und unaufhaltsam.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Zeit ist etwas Besonderes – kein Mensch scheint zu wissen, was genau sie ist, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Sie scheint uns selbstverständlich zu sein, dennoch bezeichnet dieser Terminus eine Abstraktion. Den anspruchsvollen Grundbegriff 'Zeit' untersucht Preisinger hinführend in Kultur, Religion und Philosophie, um sich schließlich den Vorstellungen von Zeit in zwei klassischen Hochkulturen zu widmen: dem Alten Ägypten und Indien. Beide Kulturen zeigen dabei je einen ganzen Komplex unterschiedlicher Ebenen von Zeitverständnissen. Die Zeitvorstellungen des Alten Ägypten wie Indiens werden durch zwei namhafte Wissenschaftler ausführlich untersucht. So ist der Ägyptologe Jan Assmann für seine Ausführungen zur Zeit im Alten Ägypten bedeutsam und bekannt. Axel Michaels führt insbesondere in seinem Klassiker 'Der Hinduismus' die Zeitvorstellungen Indiens tiefgründig aus und stellt sie schließlich einem westlich-wissenschaftlichen Zeitverständnis gegenüber. Mit seinen Ausführungen präsentiert Preisinger nicht nur Zeitbegriffe, die für unseren Kulturkreis in der Gegenwart gewöhnlich sind, sondern er führt damit in ein tieferes Verständnis dieser beiden klassischen Hochkulturen ein. Er setzt sich und damit den Lesenden dem nicht immer ganz einfachen, aber umso spannenderen Religionsvergleich zweier so unterschiedlicher Systeme aus. Als kultur- und spezifisch religionswissenschaftlich Interessierter sollte man sich dafür Zeit nehmen.