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2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 in:

Manfred Güllner

Der vergessene Wähler, page 27 - 52

Vom Aufstieg und Fall der Volksparteien

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3927-4, ISBN online: 978-3-8288-6727-7, https://doi.org/10.5771/9783828867277-27

Tectum, Baden-Baden
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Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 Die Etablierung der Kanzlerdemokratie „Im Anfang war Adenauer“ – so beginnt der Historiker Arnulf Baring sein 1971 erschienenes Werk über die Anfänge der Bundesrepublik. Diese Feststellung ist zugleich richtig und falsch. Richtig, weil Adenauer schon als Vorsitzender des Parlamentarischen Rates konsequent darauf hingearbeitet hatte, zur wichtigsten Figur der entstehenden Bundesrepublik zu werden und diese Bemühungen mit seiner Wahl zum Bundeskanzler krönte. Falsch aber ist diese Aussage, wenn man die Wahrnehmung und Bewertung Adenauers in der Bevölkerung als Maßstab nimmt. So war Adenauer 1949 bei der Bundestagswahl viel unbekannter als sein Kontrahent Kurt Schumacher. Wegen dieses geringen Bekanntheitsgrades spielte er bei der Wahlentscheidung der Bürger in der ersten Bundestagswahl auch so gut wie keine Rolle. Und seine Partei, die CDU im Bündnis mit der CSU, lag mit 31 Prozent der gültigen Stimmen nur knapp vor den deutschen Sozialdemokraten. Und schließlich wäre vielen Deutschen und auch einer Mehrheit der CDU- Mitglieder ein Bündnis der Union mit der SPD lieber gewesen, als die von Adenauer per Handstreich durchgesetzte „kleine“ Koalition. Doch Adenauer nutzte von Anbeginn seiner Kanzlerschaft an die im neuen Grundgesetz festgeschriebene starke Stellung des Kanzlers aus und formte das Kanzleramt zur Machtzentrale der neuen Republik. Mit Hilfe von Hans Globke und Otto Lenz (beide übernahmen bis 1953 – Lenz – bzw. nach 1953 – Globke – das Amt eines Staatssekretärs im Bundeskanzleramt und damit die Leitung des Amtes) wurde im Kanzleramt durch ein Referentensystem eine Querschnittsverwaltung zur Kontrolle und Lenkung des gesamten neuen Regierungsapparats aufgebaut. Außerdem wurde von Anfang an darauf geachtet, eine umfassende und systematische Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Dazu diente das Bundespresseamt, das vielfältige Instrumente für eine 2. 2.1 15 effiziente „Kontaktpflege“ mit dem Volk entwickelte und unterhielt. Unterstützt wurden diese Bemühungen auch sehr früh (ab 1950) durch die moderne Meinungsforschung. Doch trotz aller gezielten und systematischen Propaganda gelang es zunächst nicht, die Popularität von Konrad Adenauer wesentlich zu steigern. Mehr als zwei Jahre nach seiner Wahl zum Bundeskanzler war 1952 nur ein Drittel aller Bundesbürger mit seiner Politik einverstanden. Von Ludwig Erhard, Adenauers Wirtschaftsminister, hatten sogar noch weniger Bürger eine gute Meinung. Erhard, dessen Fähigkeiten und Wirken bis heute von vielen überschätzt werden, hatte von sich allerdings zeitlebens eine äußerst hohe Meinung. So meinte er nach der Wahl 1949, er sei im Wahlkampf „wirklich das große Ass“ gewesen, „um das sich alles drehte“. Und der Wahlkampf wurde – so Erhard – „ausschließlich für oder gegen die Erhard‘sche Wirtschaftspolitik geführt“. Doch die Bürger sahen das anders. 1951 hatte von ihrem Wirtschaftsminister die Hälfte aller Bürger eine schlechte Meinung. Er war – wie Volker Hentschel in der wohl besten Erhard-Biografie zutreffend feststellt – „der unpopulärste aller Minister“. Er hatte – so Hentschel – „in den beiden Jahren seiner Ministertätigkeit weder seinen Kanzler und die Kollegen, noch die Bevölkerung überzeugt“.2 Einer Entlassung durch Adenauer entging er nur dadurch, dass die oppositionelle SPD seinen Kopf forderte. Angesichts dieser in der deutschen Bevölkerung in der ersten Zeit der Regierung Adenauers vorherrschenden eher kritischen Stimmung zur Regierung gingen die Sozialdemokraten auf einen totalen Gegenkurs zur Adenauerschen Politik und forderten vor der für 1953 vorgesehenen turnusgemäßen zweiten Bundestagswahl vorgezogene Neuwahlen, um eine neue Regierung unter ihrer Führung bilden zu können. Anders als in der Weimarer Republik waren im Grundgesetz große Hürden aufgerichtet worden, um eine leichtfertige Auflösung des Bundestages zu verhindern. So musste sich die SPD bis zum Wahltermin 1953 gedulden. Dann konnte sie ihren harten Oppositionskurs gegen Adenauer mit Hilfe eines totalen „NEIN-Wahlkampfs“ propagieren. 2 Brief von Erhard vom 25.10.1949 an Arthur Wolkiser, zitiert in: Hentschel, Volker. Ludwig Erhard – Ein Politikerleben, Berlin 1998, S. 113 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 16 Der NEIN-Wahlkampf der SPD 1953 Der NEIN-Wahlkampf der SPD 1953 NICHT Stempelschlangen und Elendsquartiere NICHT Steuerwirrwarr zum Nutzen der Reichen NICHT Freibeutertum und Kartelldiktatur NICHT Herrschaft der Manager und Großaktionäre Was die SPD allerdings dabei übersah, war, dass sich die zunächst eher nicht sonderlich positive Stimmung für die Adenauer-Regierung im Wahljahr 1953 zu drehen begonnen hatte - vor allem wegen der sich langsam bessernden Lage der deutschen Wirtschaft. So sank die Arbeitslosenquote, die 1950 noch 12 Prozent betragen hatte, bis 1953 unter 10 Prozent. Und: Ein für die Meinungsbildungsprozesse der Wähler im Vorfeld der Bundestagswahl 1953 wichtiger Faktor war, dass die Preise nicht mehr stiegen. Um die bei den Bürgern weit verbreitete Furcht vor steigenden Preisen zu mildern, hatte die Regierung zudem die Verbrauchssteuern für Tabak, Tee und Kaffee rechtzeitig vor der Wahl im Juni und August gesenkt. Entsprechend sank der Anteil der Bundesbürger, die befürchteten, dass die Preise im nächsten Jahr steigen würden, von 38 Prozent im November 1952 kurz vor dem Wahltermin im August 1953 auf 14 Prozent. Wegen dieser verbesserten Wirtschaftslage wurde auch die Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage immer weniger pessimistisch. Hatte noch 1951 mehr als die Hälfte aller Bundesbürger (57 %) angegeben, es ginge ihnen im Vergleich zu einem Jahr zuvor schlechter, sank dieser Anteil im Mai 1953 auf 19 Prozent. Parallel dazu stieg die Akzeptanz der freien Marktwirtschaft. 1951 befürwortete nur eine Minderheit von 37 Prozent das System einer freien Marktwirtschaft mit nicht vom Staat kontrollierten Preisen. Bis zum Sommer 1953 stieg dann der Anteil der Marktwirtschaft-Befürworter auf 54 Prozent. 2.1 Die Etablierung der Kanzlerdemokratie 17 Die größer gewordene Zufriedenheit mit der allgemeinen und persönlichen wirtschaftlichen Lage führte schließlich auch zu einem Anstieg der Bürger, die mit der Politik Adenauers einverstanden waren. Von 1951 bis 1953 stieg der Anteil der mit Adenauers Politik Zufriedenen von 23 auf 48 Prozent. Und selbst vom damals eher unbeliebten Wirtschaftsminister Erhard hatten vor der Wahl 1953 mehr eine gute (37 %) als eine schlechte (18 %) Meinung. Zufriedenheit mit Adenauer und Erhard Anfang der 1950er Jahre Zufriedenheit mit Adenauer und Erhard Anfang der 1950er Jahre 38 32 19 Mit der Politik Adenauers sind einverstanden 23 34 48 ja nein 49 29 18 Von Ludwig Erhard haben eine gute Meinung 14 26 37 ja nein 1951 1952 1953 1951 1952 1953 Quelle: Repräsentativerhebungen des Instituts für Demoskopie Allensbach 1951, 1952, 1953 Quelle: Repräsentativerhebungen des Instituts für Demoskopie Allensbach 1951, 1952, 1953 Die SPD konnte deshalb bei der sich bessernden Wirtschaftslage nicht mehr mit rein klassenkämpferischen Parolen Wähler an sich binden. Hinzu kam, dass Erich Ollenhauer, der nach dem Tod von Kurt Schumacher den SPD-Vorsitz übernommen hatte und auch Kanzlerkandidat war, keine von den Bürgern akzeptierte personelle Alternative zu Adenauer war. Auf die Frage nach den fähigsten deutschen Politikern wurde er im Juni 1953 – kurz vor der Wahl zum Zweiten Deutschen 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 18 Bundestag – nur von 6 Prozent aller Bundesbürger genannt. Adenauer jedoch hielten 51 Prozent aller Bundesbürger für den fähigsten deutschen Politiker. Selbst von den SPD-Anhängern hielten mehr – 30 Prozent – Adenauer für den fähigsten Politiker als den Vorsitzenden „ihrer“ Partei: Von Ollenhauer glaubten dies nur 25 Prozent der SPD- Anhänger. Bei der Bundestagswahl am 6. September 1953 konnte die Union nach einem voll auf die Person Adenauer abgestellten Wahlkampf die Zahl ihrer Wähler um über 5 Millionen von 7.4 Millionen bei der ersten Bundestagswahl 1949 auf über 12.4 Millionen steigern. Das entsprach 45,2 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen oder 37,6 Prozent aller Wahlberechtigten. Der Zuwachs der SPD im Vergleich zu 1949 fiel deutlich geringer aus. Sie konnte ihren Stimmenanteil nur um eine Million von 6.9 auf 7.9 Millionen steigern. Das entsprach 28,8 Prozent der gültigen Stimmen oder 24 Prozent der Wahlberechtigten. Wähler und Nichtwähler bei den Bundestagswahlen 1949 und 1953 Wähler und Nichtwähler bei den Bundestagswahlen 1949 und 1953 *) einschließlich ungültige Stimmen 23,6 37,6 22,2 24,0 9,1 7,9 21,2 13,7 23,9 16,8 1949 1953 CDU/CSU SPD FDP Sonstige Nichtwähler *) *) einschließlich ungültige Stimmen Die FDP erhielt 1953 nur wenige Stimmen weniger als 1949 (200.000). Doch bei der im Vergleich zur ersten Bundestagswahl deutlich höheren Wahlbeteiligung (die stieg von 78,5 auf 86,0 Prozent) entsprach die fast gleiche Stimmenzahl 1953 nur noch einem Anteil von 9,5 Prozent (im Vergleich zu 11,9 Prozent 1949). Deutlich zurück ging 1953 der Anteil der sonstigen Parteien: Nur noch 13,7 Prozent der Wahlberechtigten gaben einer der sonstigen Parteien ihre Stimme. Der Rückgang der Nichtwähler deutet darauf hin, dass das neue politische System langsam höhere Akzeptanz als in den ersten Jahren nach Kriegsende hatte. 2.1 Die Etablierung der Kanzlerdemokratie 19 Der Verlauf der Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse vor der Wahl von 1953 zeigt, dass die CDU die jeweilige Stimmung in der Bevölkerung offenbar besser und richtiger eingeschätzt hat als die SPD. Dabei nutzte es der CDU und Adenauer, dass sie sich der Hilfe der Meinungsforschung intensiv bediente. Die mit Hilfe der Umfragen und der Beratung durch das Institut für Demoskopie in Allensbach erfolgten Rückschlüsse aus den ermittelten Bevölkerungsmeinungen für die Führung des Wahlkampfes dürften einen nicht unerheblichen Einfluss auf das gute Ergebnis der Union gehabt haben. Die SPD hingegen schätzte schon 1953 – wie auch noch bei einer Reihe späterer Bundestagswahlen – die Stimmung der Bevölkerung falsch ein – so wenn sie auf die Personalisierung des CDU-Wahlkampfes mit einem Plakat mit dem Slogan reagierte: „Statt Adenauer – Ollenhauer“. Plakat Ollenhauer Plakat Ollenhauer 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 20 Das System Adenauer Mit dem Wahlergebnis von 1953 war Adenauer endgültig nicht nur die wichtigste Figur, die im Hintergrund die Weichen für die politische Entwicklung stellte, sondern er war jetzt auch in der Bevölkerung populär und anerkannt. Über die Hälfte aller Bundesbürger war in den beiden auf die 1953er Wahl folgenden Jahren 1954 und 1955 mit seiner Politik einverstanden. Nur eine Minderheit von rund einem Fünftel war nicht damit einverstanden. Seine Macht und seine Verankerung in der Wählerschaft versuchten Adenauer und die CDU vielfach abzusichern. Im Bundestag sicherte sich Adenauer eine breite Mehrheit, indem er eine Koalition mit FDP, DP und dem GB/BHE („Gesamtdeutscher Block/Bündnis der Heimatvertriebenen und Entrechteten“) bildete. Zusammen verfügte das zweite Kabinett Adenauers über 333 der 487 Sitze im Bundestag (CDU/CSU 243, FDP 48, GB/BHE 27 und DP 15 Mandate) und damit über eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Diese Mehrheit brauchte Adenauer, um die für die Wiederbewaffnung Deutschlands im Rahmen der Pariser Verträge notwendigen Änderungen des Grundgesetzes durchsetzen zu können. Das Kanzleramt war 1953 endgültig zur Machtzentrale der Republik ausgebaut. Und das „Bundespresse- und Informationsamt“ mit einem Stab von über 500 Mitarbeitern koordinierte die vielfältigen Propagandaaktivitäten. Dazu zählten eine Reihe von direkt und indirekt vom Kanzleramt („Reptilienfond“) finanzierte Organisationen – von der SPD anklagend als „Tarnorganisationen“ der herrschenden Regierung bezeichnet. Eine der wichtigsten dieser „Tarnorganisationen“ mit einer großen propagandistischen Wirkung war die „Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise (ADK)“, die 1951 gegründet wurde. Ausgangspunkt war, dass die Bevölkerung – wie der damalige Leiter des Kanzleramtes Otto Lenz zutreffend feststellte – der Regierung „teilnahmslos“ oder sogar „ablehnend“ gegenüberstand. Um dies zu ändern, wurde Hans-Edgar Jahn engagiert, der nach Gründung der ADK Leiter und Präsident dieser Organisation war. Diese mit Steuergeldern finanzierte faktische Vorfeldorganisation der CDU/CSU hatte die Aufgabe, im vorpolitischen und vorparlamentarischen Raum die Akzeptanz der Regie- 2.2 2.2 Das System Adenauer 21 rungspolitik durch „staatsbürgerliche Bildungsarbeit“ zu erhöhen. Eine der ersten wichtigen Aufgaben war, die Bevölkerung auf die von Adenauer eingeleitete neue Sicherheitspolitik und die Wiederaufrüstung vorzubereiten. Laut Angaben von Hans-Edgar Jahn hat die ADK zwischen 1951 und 1963 über 50.000 Tagungen und Diskussionsveranstaltungen mit Hilfe von 104.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern (1963) durchgeführt. Bei Bildung der Großen Koalition 1966 verlangte dann die SPD, dass diese „Tarnorganisation“ der Union aufgelöst wird – was 1969 auch geschah. Der damalige Staatssekretär im Kanzleramt Otto Lenz war aber nicht nur an der Gründung der ADK beteiligt, sondern an einer Vielzahl von weiteren Organisationen und Unternehmen, die Öffentlichkeitsarbeit für die Regierung (und damit für die CDU/CSU) betreiben sollten. Dazu zählte neben der „Deutsch-Atlantischen Gesellschaft“, der „Bundeszentrale für Heimatdienst“, der „Gesellschaft Freies Europa“ und der „Deutschen Korrespondenz GmbH“ auch eine Werbeund Reklamefirma namens „Mobilwerbung“. Alle diese vielen Schachtelunternehmen wurden aus dem Haushaltsverfügungstitel des Bundeskanzleramtes („zur Verfügung des Bundeskanzlers für Förderung des Informationswesens“) finanziert. Zur Verfügung standen 1949/50 DM 450.000,--, bis 1955 pro Jahr 11.23 Millionen DM und zwischen 1955 und 1965 pro Jahr 13 Millionen DM.3 Dieses Konglomerat von aus Steuermitteln finanzierten Propagandaunternehmen zur Verbreitung der Adenauerschen Regierungspolitik war für die Öffentlichkeit völlig undurchsichtig. Erbetene Auskünfte von Medien oder auch Wissenschaftlern wurden in der Regel nicht erteilt. So beklagte auch Klaus Schütz, später u.a. Regierender Bürgermeister von Berlin, in der zusammen mit Wolfgang Hirsch-Weber verfassten Analyse der Bundestagswahl 1953, dass der Geschäftsführer der „Mobilwerbung“ zu irgendwelchen Stellungnahmen über Ziele, Arbeitsweise und Finanzierung seines Unternehmens nicht bereit war.4 3 Kunczik, Michael und Astrid Zipfel. Die Entwicklung der staatlichen Öffentlichkeit in Deutschland, in: Becker-Sonnenschein, Stephan und Manfred Schwarzmeier (Hrsg.). Vom schlichten Sein zum schönen Schein? Wiesbaden 2002, S. 21 ff 4 Hirsch-Weber, Wolfgang und Klaus Schütz. Wähler und Gewählte. Eine Untersuchung der Bundestagswahlen 1953. Berlin und Frankfurt am Main 1957, S. 24 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 22 Gesteuert wurde dieses Konglomerat der Propagandaunternehmen von einem „Brain-Trust“, dem neben Staatssekretär Otto Lenz der Leiter der ADK, Hans-Edgar Jahn, die Journalisten Ernst Friedländer und Peter von Zahn sowie Erich Peter Neumann angehörten. Erich Peter Neumann war aber nicht nur einer der – wie es Jahn beschreibt – „entscheidenden Dirigenten“ des Propagandainstrumentariums der Adenauer-Regierung, sondern auch derjenige, der zusammen mit Otto Lenz Konrad Adenauer davon überzeugt hatte, das Instrument der Meinungsforschung zur Optimierung der Regierungspropaganda zu nutzen. Erich Peter Neumann konnte dies tun, weil er seit ihrer gemeinsamen Zeit beim „REICH“, der Renommier-Wochenzeitung der Nationalsozialisten unter Obhut von Joseph Goebbels, mit Elisabeth Noelle liiert und seit 1946 auch verheiratet war. Neumann war Journalist und von Beginn an unter dem Namen „Hubert Neun“ für das „REICH“ tätig – erst als Leiter des Innen-Ressorts, dann bis zur letzten Ausgabe des „REICHS“ 1945 als Kriegsberichterstatter. Elisabeth Noelle arbeitete als Journalistin ebenfalls zunächst beim „REICH“, danach bis zu deren Einstellung 1943 bei der Frankfurter Zeitung und schließlich bis zum Ende des Krieges beim „Illustrierten Blatt“, beim „Frankfurter Anzeiger“ und einer Propagandazeitschrift des Auswärtigen Amtes namens „Tele“. Wegen ihrer Tätigkeiten für nationalsozialistische Publikationen suchten beide nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus eine neue berufliche Tätigkeit – sicherheitshalber in der französischen Besatzungszone, da dort die Entnazifizierung nicht so streng wie in der amerikanischen Zone durchgeführt wurde. Elisabeth Noelle bzw. Noelle-Neumann, wie sie sich nach ihrer Heirat mit Erich Peter Neumann nannte, konnte dabei auf Kenntnisse über die moderne amerikanische Meinungsforschung zurückgreifen, die sie sich während eines Studienaufenthaltes 1936/37 an der University of Missouri angeeignet und 1940 in ihrer Doktorarbeit „Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse“ verarbeitet hatte. Den Nutzen dieses Instruments für die Politik hatte Noelle schon 1940 erkannt und Joseph Goebbels in ihrer Dissertation darauf aufmerksam gemacht: „... die durch die Massenbefragungen ... eröffnete Aussicht, in die Gedanken, Gewohnheiten und Stimmungen einer ... Menge Menschen einzudringen .... wäre nicht nur wertvoll als eine Kontrolle der eigenen 2.2 Das System Adenauer 23 Wirksamkeit, sondern auch als ein Hilfsmittel der Einfühlung in das wahre Wesen der Geführten“.5 Für das dann 1947 von beiden gegründete Institut wählten sie den von einem US-Soziologen irgendwann einmal verwendeten Begriff „Demoskopie“, um Meinungsforschung in Deutschland salonfähig zu machen. Die wurde ja nicht nur von den Nazis als „jüdische Wissenschaft“ verteufelt, sondern war auch dadurch diskreditiert, dass die amerikanische Besatzungsmacht Umfragen als Instrument der „Re-Education“ nutzte. Der Begriff „Demoskopie“ wird allerdings zur Bezeichnung von Meinungsforschung nur in Deutschland, sonst aber kaum irgendwo benutzt. Ihre Leistungen boten Noelle und Neumann zunächst der SPD an, die jedoch kein Interesse daran hatte. Die SPD war ja zutiefst davon überzeugt, dass das deutsche Volk den Sozialdemokraten die Führung des Landes übertragen würde. Vom Nutzen der Meinungsforschung für die Politik konnte Neumann zusammen mit Otto Lenz jedoch Konrad Adenauer überzeugen, der durch seine von ihm während seiner ersten Amtszeit als Kölner Oberbürgermeister vorangetriebenen Neugründung der Universität zu Köln durch das dortige Soziologische Seminar von Leopold von Wiese rudimentäre Kenntnisse von Sozialwissenschaft erlangt haben dürfte. Seit 1950 beobachtete das „Institut für Demoskopie“ im Auftrag des Bundespresseamtes und der dort angesiedelten Propagandaunternehmen regelmäßig die Entwicklung der politischen Stimmung in Deutschland. Und Erich Peter Neumann war das Scharnier zwischen der in Allensbach durchgeführten Forschung und der Bonner Politik, die daraus Nutzen zog. Außerdem trug er durch seine Tätigkeit in den Schachtelunternehmen des Otto Lenz zur Finanzierung des Instituts am Bodensee bei. Erich Peter Neumann dürfte außerdem der im Vergleich zu seiner Partnerin sensiblere Beobachter des politischen Geschehens und deshalb zur Beratung von Adenauer und seiner Mannschaft besser geeignet gewesen sein – obwohl Elisabeth Noelle auch noch mehr als 30 Jahre nach Neumanns Tod in ihren „Erinnerungen“ der Meinung war, Adenauer hätte viel lieber mit ihr gesprochen – was aber Erich Peter systematisch verhindert hätte. 5 Noelle, Elisabeth. Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse, Limburg an der Lahn 1940, S. 133 f. 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 24 1957: Absolute Mehrheit für die Union Aber trotz dieser exzellenten Beratung durch Erich Peter Neumann und trotz des gewaltigen Propagandaapparates, den sich die Adenauer- Regierung geschaffen hatte, kam es ein Jahr vor der Bundestagswahl 1957 zu einem drastischen Rückgang der Sympathien für Adenauer und seine Partei. Zum ersten Mal seit der Wahl von 1953 lag die Union im August 1956 nicht mehr vor der SPD, sondern beide Parteien lagen gleichauf. Dieses Patt von CDU/CSU und SPD im Sommer 1956 wurde zudem öffentlich bekannt. Das war seinerzeit ein Novum; denn Umfragen wurden in der Bundesrepublik sehr lange nur von den „Herrschenden“, nicht aber wie heute auch von Medien in Auftrag gegeben. Umfrageergebnisse wurden von den „Herrschenden“ – so auch von der Adenauer-Regierung – nur dann veröffentlicht, wenn sie sich dadurch taktischen Nutzen versprachen. Dass 1956 das Ergebnis einer Umfrage bekannt wurde, bei der Union und SPD mit jeweils 40 Prozent Kopf-an-Kopf lagen, war eine Sensation, die entsprechend große Resonanz in den Medien hatte. Auch mit der Politik Adenauers waren im Frühjahr 1956 nur noch 40 Prozent einverstanden. Ebenso viele (39 %) aber waren mit seiner Politik nicht mehr einverstanden. Und als das Institut für Demoskopie Anfang 1957 fragte, ob „Adenauer noch einmal für vier Jahre Bundeskanzler bleiben“ solle, befürworteten dies nur noch 36 Prozent. Mehr (41 %) hielten es für besser, „wenn ein anderer Mann(!!) an die Spitze der Regierung käme“. An dieser Fragestellung ist im Übrigen ganz bemerkenswert, dass 1957 noch niemand auf die Idee kam, dass auch eine Frau Bundeskanzlerin werden könne. Zum Popularitätsverlust Adenauers hatten 1956 mehrere Faktoren beigetragen - so die Durchsetzung der Wiederbewaffnung Deutschlands und die Verabschiedung der dafür notwendigen Änderungen des Grundgesetzes im Bundestag, obwohl zwei Drittel der Deutschen die Wiederbewaffnung Deutschlands ablehnten. Weiterhin trugen zum Vertrauensverlust auch die durch die Spaltung der FDP im Frühjahr 1956 ausgelösten Turbulenzen für die Regierung bei. Und schließlich machte eine längere Krankheit Adenauers den Deutschen bewusst, wie 2.3 2.3 1957: Absolute Mehrheit für die Union 25 alt Adenauer war und wie begrenzt deshalb seine Regierungszeit sein könnte. Bei dieser für die Union ungünstigen Großwetterlage kam es für die CDU umso mehr darauf an, den Wahlkampf zur Bundestagswahl 1957 optimal vorzubereiten, um die negative Stimmung wieder zu drehen. Mit tatkräftiger und überaus professioneller Hilfe gelang dies auch. Gerhard Schmidtchen, nach seiner Zeit bei Allensbach Professor in Zürich, beschreibt in seiner Publikation „Die befragte Nation“ ausführlich auch die damaligen Leistungen des Allensbacher Instituts. Die Ergebnisse der zahlreichen quantitativen und qualitativen Untersuchungen des Instituts für Demoskopie (so zahlreiche Tests der geplanten Anzeigen, vertiefende sozialpsychologische Akzeptanzanalysen, Untersuchungen marginaler Wählergruppen mit unterschiedlichen Bindungen an die CDU, etc.) führten zu folgenden Schlussfolgerungen: – Um die Ängste einiger Wählergruppen, Adenauer sei zu alt und regiere zu autoritär, abzubauen, wurden unter dem Slogan „Adenau- CDU/CSU und SPD: Kopf an Kopf (August 1956) CDU/CSU und SPD: Kopf an Kopf (August 1956) 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 26 er und seine Mannschaft“ eine Reihe anderer bekannter und z.T. auch recht populärer Politiker der CDU neben Adenauer auf Wahlplakaten gezeigt – so Karl Arnold, ein Vertreter des Gewerkschaftsflügels der CDU und von 1947 bis 1956 Ministerpräsident im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen, Heinrich von Brentano, seit Erlangung der Teilsouveränität der Bundesrepublik 1955 Bundesaußenminister, Fritz Schäffer, seit 1949 amtierender Bundesfinanzminister, der mit dem Slogan „Hüter der Währung“ plakatiert wurde oder Bundesinnenminister Gerhard Schröder und Eugen Gerstenmaier, dem damaligen Bundestagspräsidenten, den Vertretern der Protestanten in der CDU und schließlich auch Franz-Josef Strauß, damals – bis zur SPIEGEL-Affäre – Bundesverteidigungsminister, nebst Ludwig Erhard. Fritz Schäffer Fritz Schäffer 2.3 1957: Absolute Mehrheit für die Union 27 – Um die Angst vor steigenden Preisen, die im Gegensatz zur Wahl von 1953 vor der Wahl 1957 wieder aufflammte, zu reduzieren, leistete Adenauer offenen Widerstand gegen Preiserhöhungspläne der Industrie und der Landwirtschaft. Mit der Industrie wurden „Stillhalte-Absprachen“ getroffen, um geplante Preiserhöhungen bis nach der Wahl zurückzustellen6 und eine Reihe von bekannten Unternehmen verpflichteten sich – öffentlich durch Anzeigen kundgetan – die Preise stabil zu halten. – Im Mai 1957 wurde eine Rentenreform durchgeführt, die 6 Millionen Rentnern höhere Renten und Nachzahlungen brachte. Damit wurde die Angst vor Preiserhöhungen weiter gedämpft. Und es stieg der Anteil derer, die der Meinung waren, die wirtschaftliche Lage habe sich im letzten Jahr gebessert oder sei zumindest gleich geblieben, bis zum August 1957 auf 90 Prozent.7 – Erhards Popularität hatte 1956 einen Höchststand erreicht: 50 Prozent hatten von ihm (mehr als zu diesem Zeitpunkt von Adenauer) eine gute, nur noch 11 Prozent keine gute Meinung. Flankierend zur CDU-Wahlpropaganda wurde das gute Image von Erhard durch eine Kampagne der „WAAGE“ („Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs“), einem 1952 gegründeten Verein von Unternehmern (u.a. Philipp F. Reemtsma) gefördert. Die Waage, die schon den CDU-Wahlkampf 1953 unterstützt hatte, plakatierte 1957 zusätzlich zu der CDU-Werbung Portraits von Ludwig Erhard. – Die Niederschlagung des Volksaufstands in Ungarn durch die Sowjetunion konnte genutzt werden, um die Akzeptanz der Adenauerschen Sicherheitspolitik, die Wiederaufrüstung und die Integration ins westliche Militärbündnis angesichts der sich abzeichnenden Bedrohung durch die Sowjetunion zu erhöhen. 6 Schmidtchen , Gerhard. Die befragte Nation, überarbeitete Ausgabe, Frankfurt am Main 1965, S. 87 f. 7 Schmidtchen, 1965, a.a.O. S. 89 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 28 Die Waage e.V. 1957 Die Waage e.V. 1957 All das führte dazu, dass sich die Stimmung im Laufe des Wahljahres 1957 für die Union verbesserte, während die Sympathiewerte der SPD wieder unter die 40-Prozent-Marke fielen. 2.3 1957: Absolute Mehrheit für die Union 29 Präferenzen für CDU/CSU und SPD 1955 bis 1957 Präferenzen für CDU/CSU und SPD 1955 bis 1957 0 10 20 30 40 50 60 11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 CDU/CSU SPD 1955 1956 1957 Monat Quelle: Repräsentativerhebungen des Instituts für Demoskopie Allensbach 1955, 1956, 1957 Quelle: Repräsentativerhebungen des Instituts für Demoskopie Allensbach 1955, 1956, 1957 Der konsequent auch auf Umfrageergebnissen aufgebaute Wahlkampf der CDU 1957 – wohl einer der besten, den die Union je geführt hat – kulminierte in der Endphase in dem genialen Plakat, das den alten Kanzler als eine Art jugendlichen Helden zeigte – kombiniert mit dem Slogan: „Keine Experimente“. Der Erfolg der Union bei der dritten Bundestagswahl am 15. September 1957 war vor dem Hintergrund der schlechten politischen Stimmung für die Union im Jahr vor der Wahl zwar überraschend, aber überwältigend im Ergebnis: Die Union erhielt 50,2 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen. Damit gelang es zum ersten und bisher einzigen Mal einer Partei in Deutschland, die absolute Mehrheit der Stimmen zu erhalten. Die Zahl der CDU/CSU-Wähler (über 15 Millionen) hatte sich damit im Vergleich zur ersten Bundestagswahl 1949 mehr als verdoppelt. 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 30 Konrad Adenauer bedankte sich mit einem Schreiben vom 28. September 1957 ausdrücklich bei Erich Peter Neumann: „Es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, Ihnen nach dem glänzenden Erfolg, den die Christlich Demokratische Union bei der Bundestagswahl erhalten hat, für Ihren vielfältigen Rat und für Ihre unermüdliche Hilfe zu danken, die Sie uns bei der Vorbereitung der Wahl zur Verfügung gestellt haben“.8 Trotz des für sie enttäuschenden Ausgangs der Wahl 1957 erhielt aber auch die SPD im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Wahlen mehr Stimmen. Die Zahl der SPD-Wähler stieg im Vergleich zu 1953 um 1.5, im Vergleich zu 1949 um fast 2.6 Millionen. 8 zitiert nach Schmidtchen, 1965, a.a.O. S. 84 Plakat Adenauer 1957 Plakat Adenauer 1957 2.3 1957: Absolute Mehrheit für die Union 31 Dass Union und SPD beide – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – von Wahl zu Wahl mehr Wähler an sich binden konnten, dürfte auf die im Laufe der Etablierung der neuen Republik zunehmende Akzeptanz des demokratischen Systems zurückzuführen sein. So stieg der Anteil derer, die ein politisches System mit mehreren Parteien im Gegensatz zu einem Einparteiensystem befürworteten, von 61 Prozent 1951 auf 76 Prozent im August 1957.9 Entsprechend sank die Zahl der Nichtwähler von 1949 bis 1957 von 6.7 auf 4.3 Millionen. Durch die gestiegene Bindekraft von Union und SPD ging die Zahl derer, die eine andere Partei als CDU, CSU, SPD oder FDP wählten, zwischen 1949 und 1957 von 6.6 Millionen auf 3.1 Millionen zurück. Wähler und Nichtwähler bei den Bundestagswahlen 1949, 1953 und 1957 Wähler und Nichtwähler bei den Bundestagswahlen 1949, 1953 und 1957 *) einschließlich ungültige Stimmen 23,6 37,6 42,4 22,2 24,0 26,8 9,1 7,9 6,5 21,2 13,7 8,7 23,9 16,8 15,6 1949 1953 1957 CDU/CSU SPD FDP Sonstige Nichtwähler *) *) einschließlich ungültige Stimmen Dieser Konzentrationsprozess war auch an der Zahl der im Bundestag vertretenen Parteien abzulesen. Im ersten Bundestag nach der Wahl 1949 waren noch 10 Parteien vertreten (CDU und CSU als eine Partei gezählt), im zweiten Bundestag 1953 waren es noch 6, nach der Wahl 1957 noch 4 Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP und DP). Die Union kann 1957 schon als „Volkspartei“ charakterisiert werden, der es gelang, neben dem traditionell katholischen Bereich der Wählerschaft (bis heute bilden die katholischen Kirchgänger die Kernwählerschaft der Union) auch kirchlich gebundene Protestanten sowie 9 Schmidtchen. 1959, a.a.O. S. 55 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 32 den alten Mittelstand und viele Angehörige aus der ungebundenen politischen und soziologischen Mitte an sich zu binden. Die SPD hingegen blieb bei den ersten Wahlen in der neuen Bundesrepublik im eher linken Wählermilieu der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter sowie der institutionell nicht gebundenen Arbeiterschaft verhaftet. Sie war auf dem Weg zu einer Volkspartei, die unterschiedliche heterogene Wählergruppen bündelt, noch nicht so weit vorangekommen wie die Union. Die SPD auf dem Weg zur Volkspartei Trotz der – im Vergleich zur Union allerdings eher bescheidenen – absoluten Stimmengewinne war es für die deutschen Sozialdemokraten ein Schock, dass die Union 1957 die absolute Mehrheit der Stimmen gewann. Die innerhalb der Partei noch immer vorhandene Hoffnung, vom Volk die politische und moralische Führerschaft in Deutschland übertragen zu bekommen, war endgültig zur Illusion geworden. Der SPD blieb 1957 wiederum nur die Rolle der Opposition im Bundestag. Zudem hatte sich der Rückstand zur Union seit 1949 laufend vergrö- ßert. 1949 lag die SPD - bezogen auf die gültigen Stimmen – nur 1,8 Prozentpunkte hinter der CDU/CSU. 1953 vergrößerte sich der Rückstand auf 16,4, 1957 auf 18,4 Prozentpunkte. Die SPD begann nun endlich, aus den nicht zufriedenstellenden Wahlergebnissen Schlussfolgerungen zu ziehen. Zunächst lösten in der Fraktion, dann auch in der Parteiführung, Reformer die Traditionalisten ab. In der Bundestagsfraktion ersetzten Herbert Wehner, Fritz Erler und Carlo Schmid die eher als klassische Funktionäre geltenden Erwin Schoettle und Wilhelm Mellies. In der Parteiführung wurde das sogenannte „Büro“, der Parteiapparat der hauptamtlichen Funktionäre, durch das aus der Mitte des Parteivorstandes gewählte Präsidium ersetzt. Stellvertreter des Parteivorsitzenden wurden Herbert Wehner und Waldemar von Knoeringen. Es setzte sich die Erkenntnis von Carlo Schmid, dem wohl brillantesten Rhetoriker in den ersten Jahren des neuen Bundestags, durch, dass die Partei „Ballast abwerfen“ und sich von einer bloßen Arbeiterpartei zur „Partei des Volkes“ weiterentwickeln müsse. Dieser ideologi- 2.4 2.4 Die SPD auf dem Weg zur Volkspartei 33 schen Entrümpelung diente das Godesberger Programm, das auf dem Parteitag in der Godesberger Stadthalle vom 13. bis 15. November 1959 diskutiert und am 15. November mit 324 zu 16 Stimmen verabschiedet wurde. Es hatte bis 1989 Gültigkeit. Mit der mit dem Godesberger Programm vollzogenen ideologischen Entrümpelung hatte die SPD die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sie über das Arbeitermilieu hinaus auch für Wähler aus dem bürgerlichen Lager wählbar wurde. Neben dem „Genossen Trend“ konnte in den nächsten Jahren auch der „Bürger Trend“ wirksam werden. Eine weitere Konsequenz, die die SPD aus dem Schock der 1957er Wahl zog, war, sich mit infas auch ein Institut zuzulegen, das wie das Institut für Demoskopie in Allensbach der CDU, der SPD Zugang zu wahlsoziologischen Daten und Erkenntnissen liefern sollte. Die SPD-Führung vergewisserte sich der Dienste der in Bad Godesberg ansässigen Außenstelle des DIVO-Instituts, die für die durchgeführte Begleitstudie zur Bundestagswahl 1957 verantwortlich war. DIVO – „Deutsches Institut für Volksbefragung“ – war aus der von 1945 bis 1955 von der amerikanischen Besatzungsmacht durchgeführten Forschung im Rahmen des in Potsdam beschlossenen Demokratisierungsprozesses hervorgegangen und seinerzeit das wohl beste der nach 1945 neu gegründeten Umfrageinstitute. Die drei Mitarbeiter der DIVO-Außenstelle in Godesberg – Klaus Liepelt, Wolfgang Hartenstein und Günter Schubert – bildeten den Kern des zunächst unter dem Namen „ifas“ – Institut für angewandte Sozialwissenschaft – agierenden Instituts. Auf Druck des Marktforschungsinstituts Ifak musste „ifas“ dann seinen Namen wegen der möglichen Verwechslungsgefahr in „infas“ umbenennen. Bei der Gründung des Instituts 1959/1960 hatte die SPD sich noch zu infas als einem ihr gehörenden Institut bekannt. So war in den Ruhr- Nachrichten vom 26. Mai 1960 zu lesen: „Die SPD hat ein eigenes Institut für Meinungsforschung in Bad Godesberg errichtet. Mit seiner Hilfe will sie ständig ihre Chancen für die Bundestagswahl 1961, die Wirksamkeit der Wahlparolen, die Popularität ihrer Spitzenpolitiker und ihre Resonanz in den verschiedenen Bevölkerungsschichten tes- 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 34 ten“.10 Doch in späteren Jahren wurde die Tatsache, dass infas ein SPDeigenes Institut war, weitgehend verschleiert. Die Nähe von infas zur SPD wurde allerdings auch in späteren Jahren immer wieder thematisiert, zumal infas die SPD bei vielen Wahlkämpfen - so wie schon zuvor das Institut für Demoskopie die CDU beraten hatte – zuerst bei der Bundestagswahl 1961. Diese Wahl war für die deutschen Sozialdemokraten eine Zäsur. Anders als bei den vorhergehenden Wahlen verließ sie den Kurs der totalen Konfrontation zur amtierenden Bundesregierung unter Führung der CDU. Sie akzeptierte die von Adenauer eingeleitete Westintegration der Bundesrepublik und das System der Marktwirtschaft. Mit ihrem in Godesberg eingeschlagenen Reformkurs wollte sie ihr Image beim Wähler verbessern. Damit dieser Reformwille auch zum gewünschten Erfolg kommen konnte, tauschte sie auch den farb- und glücklosen Erich Ollenhauer durch den seit 1957 in Berlin amtierenden Regierenden Bürgermeister Willy Brandt als Spitzenkandidaten aus. Brandt wurde in Anlehnung an die amerikanischen „Präsidentschaftskandidaten“ als „Kanzlerkandidat“ präsentiert – ein Begriff, der 1961 von der SPD zum ersten Mal verwendet wurde, sich seither aber bei allen weiteren Wahlen bis heute eingebürgert hat. Willy Brandt – mit tatkräftiger Unterstützung von Herbert Wehner als neue Führungsfigur der deutschen Sozialdemokratie etabliert – konnte den Reformkurs der SPD optimal verkörpern. Aufgrund seiner Berliner Erfahrungen war er es gewohnt, im Konsens und nicht mit Konfrontation zu regieren. Entsprechend stand im Mittelpunkt des SPD-Wahlkampfes 1961 nicht mehr der totale Gegenkurs zur Regierung, sondern die Propagierung von Gemeinschaftsaufgaben. Dazu zählten unter anderem Forderungen nach einer staatlichen Mindestrente, einem Radiogerät für jeden Rentner oder einem blauen Himmel über der Ruhr. 10 zitiert nach Krebs, Thomas. Parteiorganisation und Wahlkampfführung, Wiesbaden 1996, s. 79 2.4 Die SPD auf dem Weg zur Volkspartei 35 Blauer Himmel über der Ruhr Blauer Himmel über der Ruhr Willy Brandt war 1961 – also lange vor der Entstehung der Grünen – Vorreiter in Sachen Umweltpolitik. So erklärte er im April 1961 in der Beethovenhalle in Bonn: „Erschreckende Untersuchungsergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit der Verschlechterung von Luft und Wasser eine Zunahme von Leukämie, Krebs, Rachitis und Blutbildveränderungen sogar schon bei Kindern festzustellen ist. Es ist bestürzend, dass eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, bisher fast völlig vernachlässigt wurde. Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden“. Willy Brandt passte als Kandidat zu dem von den Reformern in der SPD – die Idee vom „blauen Himmel über der Ruhr“ stammte von Heinrich Deist, einem der SPD-Reformer aus dem Ruhrgebiet – vollzogenen Kurswechsel: weg von der Konfrontation zur Regierung hin 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 36 zu einer größeren Konsensorientierung. Die starke Konzentration des Wahlkampfes auf seine Person war somit an sich richtig. 1961: Eine Wahl unter dem Schock der „Mauer“ Um ihre Wandlung von einer Klassen- zu einer Volkspartei auch in ihrem Erscheinungsbild sichtbar zu machen, wechselte die SPD zudem von ihrer angestammten Farbe Rot zur Farbe Blau (auch dazu passte der „blaue Himmel“ über der Ruhr). Selbst die SPD-Mitgliedsbücher gab es lange Jahre in der Farbe Blau und nicht mehr in Rot. Der Reformkurs und die Personalisierung des Wahlkampfes brachten der SPD im Vorfeld der Wahl 1961 zunächst Vorteile. So lag Willy Brandt bei der Kanzlerpräferenz während des Jahres 1960 bis zum November vor Konrad Adenauer. Adenauers Ansehen hatte vor allem durch die „Präsidentenkrise“ 1959 stark gelitten. 1959 lief die Amtszeit des aus der FDP stammenden überaus beliebten ersten Bundespräsidenten der neuen Republik, Theodor Heuss, ab. Die SPD schlug deshalb als Nachfolger den in der Bevölkerung ebenfalls recht populären Carlo Schmid vor. Doch die Union wollte das Amt des Bundespräsidenten nicht nochmals einer anderen Partei überlassen. Der als Nachfolger von Heuss ausgeguckte Heinrich Krone, als ausgleichender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion allseits geachtet, zog aber das Fraktionsamt dem Amt des Präsidenten vor. Daraufhin brachte der damalige Bundesminister Gerhard Schröder Ludwig Erhard als Heuss-Nachfolger in die Diskussion. Doch das hinterließ in der Öffentlichkeit den fatalen Eindruck, als ob Konrad Adenauer seinen seit jeher ungeliebten Wirtschaftsminister abschieben und damit als seinen Nachfolger im Kanzleramt und im Amt des Parteivorsitzenden verhindern wollte. Adenauer beschloss daraufhin, selbst Präsident zu werden – offenbar in der Hoffnung, ein ähnliches Präsidialsystem wie sein Freund Charles de Gaulle in Frankreich etablieren zu können. Doch die daraufhin einsetzende öffentliche Diskussion „Adenauer dankt ab“ und ein Blick in das von ihm selbst entscheidend mitgeprägte Grundgesetz, das dem Bundespräsidenten nur eine weitgehend repräsentative Aufgabe zuweist, ließ ihn von die- 2.5 2.5 1961: Eine Wahl unter dem Schock der „Mauer“ 37 sem Plan schnell wieder abrücken. Er blieb Kanzler; Bundespräsident wurde der eher biedere Sauerländer Heinrich Lübke. Dieses Hickhack um die Nachfolge von Theodor Heuss schadete dem Ansehen Adenauers sehr. Er wurde nun als alterstarr, wankelmütig, verschlagen, sprunghaft und willkürlich wahrgenommen. Damit verlor er auch seine bis dahin nicht in Zweifel gezogene Fähigkeit, die CDU als noch nicht festgefügter Partei, die ein eher lockerer Zusammenschluss vieler Gruppen mit sehr unterschiedlichen Interessen war, zusammenzuhalten. Die Union konnte ihren Wahlkampf nicht mehr wie schon 1953 und in der Endphase 1957 voll auf die Person des Kanzlers abstellen. Stattdessen versuchte sie mit dem Slogan: „Adenauer, Erhard und die Mannschaft“ zu zeigen, dass die CDU außer Adenauer auch andere fähige Führungsfiguren in ihren Reihen hat. Von all dem konnte die reformierte SPD mit ihrer neuen Leitfigur Willy Brandt profitieren – bis zu ihrem Parteitag im November 1960 in Hannover, wo Willy Brandt offiziell zum Kanzlerkandidaten seiner Partei gekürt wurde. Während die Person des Regierenden Bürgermeisters in Berlin bis dahin als eher über den Parteien stehende neue Hoffnung wahrgenommen wurde, in der manche durchaus den kommenden Kanzler sehen konnten, wurde nun vielen klar, dass Willy Brandt ohne die SPD nicht zu haben war. Der SPD aber trauten viele den von ihr eingeleiteten Wandlungsprozess nicht zu. Brandts Werte bei der Kanzlerpräferenz sanken unmittelbar nach dem Parteitag in Hannover. Im Juni 1961 lag Adenauer mit 41 zu 28 Prozent trotz seiner Ansehensverluste wieder vor Brandt. Doch dann gab es ein Ereignis, das den Ablauf des Wahlkampfes 1961 „störte“: Der Bau der „Berliner Mauer“. Während die Presse im Ausland über die Zuspitzung der Lage in Berlin ausführlich berichtet hatte, waren die Bürger und die Parteien in Deutschland auf diese Krise nicht vorbereitet. Entsprechend ratlos waren die Reaktionen der meisten Politiker. Eine Ausnahme war Willy Brandt, der durch seine konsensorientierte politische Rolle in Berlin die durch den Mauerbau ausgelösten Ängste der Bevölkerung richtig und glaubwürdig aufgriff. Adenauer hingegen setzte seine schon während des ganzen Wahlkampfes getätigten Angriffe auf die Person von Willy Brandt auch unmittelbar nach 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 38 dem Mauerbau unvermindert fort. Das aber wurde ihm in der öffentlichen Diskussion und auch von den Bundesbürgern eher übel genommen. 74 Prozent der Bundesbürger bescheinigten Willy Brandt, dass er sich in der Berlin-Krise richtig verhalten hätte. Von Adenauer meinten dies nur 31 Prozent.11 Entsprechend lag Willy Brandt bei der Kanzlerpräferenz nach dem Mauerbau wieder mit 42 Prozent vor Konrad Adenauer mit 31 Prozent. Trotz der Kritik an Adenauer nutzte der Mauerbau letztlich jedoch der Union, weil auch Willy Brandts richtige Reaktion auf den Bau der Mauer nichts an der Einschätzung der Mehrheit der Bundesbürger änderte, dass die Union und nicht die SPD in Krisenzeiten mehr Sicherheit böte. Und Willy Brandt wurde als Mensch zwar sympathisch gefunden, doch alles in allem wurden die Repräsentanten der Union doch für fähiger gehalten als die der SPD, die Auseinandersetzungen in der harten Wirklichkeit bestehen zu können. Kurz vor dem Wahltermin hielten 57 Prozent Ludwig Erhard, 52 Prozent Konrad Adenauer und 48 Prozent Heinrich Lübke für einen Politiker mit besonderen Fähigkeiten. Erst danach folgte Willy Brandt mit 45 Prozent. Und vor der Wahl lag Adenauer bei der Kanzlerpräferenz wieder – wenn auch knapp – mit 35 Prozent vor Brandt mit 30 Prozent. Bei der Wahl am 17. September 1961 verlor die Union zwar ihre absolute Mehrheit, erhielt mit 45,3 Prozent der gültigen Stimmen aber genauso viele Stimmen wie bei der Wahl 1953. Von den Verlusten der Union (-4,9 Prozentpunkte im Vergleich zu 1957) profitierte die FDP, die ihr Ergebnis um 5,1 Prozentpunkte von 7,7 auf 12,8 Prozent verbessern konnte. Die FDP erzielte deshalb so viele Stimmen, weil sie sich vor der Wahl wie schon in der Zeit von 1949 bis 1956 wieder auf eine bürgerliche Koalition mit der Union festgelegt hatte – aber ohne einen Kanzler Adenauer. Damit war das „bürgerliche“ Wählerlager aus CDU, CSU und FDP 1961 mit zusammen 49 Prozent aller Wahlberechtigten genauso stark wie schon 1957, als Union und FDP zusammen auf einen Anteil von 48,9 Prozent aller Wahlberechtigten kamen. 11 Schmidtchen, 1965, a.a.O. S. 104 2.5 1961: Eine Wahl unter dem Schock der „Mauer“ 39 Die SPD nach Godesberg erhielt 1961 fast 2 Millionen Stimmen mehr als 1957. Mit ihrem Konsenskurs und dem Kanzlerkandidaten Willy Brandt hatte sie somit zwar wieder – wie schon bei den Wahlen 1953 und 1957 – das Vertrauen neuer Wähler gewonnen, doch zu dem von der SPD verhofften Machtwechsel war es auch diesmal nicht gekommen. Der SPD blieb auch im 4. Bundestag nur die Rolle der Opposition – sie musste sich weitere vier Jahre gedulden, um erneut darum zu kämpfen, Regierungsmacht ausüben zu können. 2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961 40

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Zusammenfassung

Irgendwann – lange bevor es die AfD gab – sind den großen Volksparteien in Deutschland die Wähler abhandengekommen. Die Schrumpfkur für CDU/CSU und SPD war allerdings weitgehend selbstverschuldet. Die Gründe analysiert forsa-Chef Prof. Manfred Güllner in seinem neuen Buch „Der vergessene Wähler“. Er berichtet, wie die Wähler und Nichtwähler die politischen Akteure seit Beginn des zweiten Versuchs, die Demokratie in Deutschland zu etablieren, wahrgenommen und bewertet haben und wie deren Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen von den Parteistrategen der Union wie der SPD über Jahrzehnte missachtet wurden. Die deutsche Politik und auch die Medien kümmerten sich in immer stärkerem Maße um Randthemen und Randgruppen. Die Sorgen und Nöte der großen Mehrheit, der oft beschworenen aber zunehmend vernachlässigten Mitte der Gesellschaft, fanden indes nur noch geringe Beachtung. Das massive Anwachsen der „Partei der Nichtwähler“ ist eine logische Konsequenz.

Güllners Blick auf die Parteiengeschichte der Bundesrepublik nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus zeigt den drastischen Vertrauensverlust der einstigen Volksparteien. Am Ende der Analyse steht die Frage: Ist diese Entwicklung unumkehrbar? Oder kann das lange Siechtum der Volksparteien noch kuriert werden?