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12. 2017: Volksparteien ohne Volk? in:

Manfred Güllner

Der vergessene Wähler, page 217 - 226

Vom Aufstieg und Fall der Volksparteien

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3927-4, ISBN online: 978-3-8288-6727-7, https://doi.org/10.5771/9783828867277-217

Tectum, Baden-Baden
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2017: Volksparteien ohne Volk? Viele Medien und manche Beobachter der politischen Szene in Deutschland sehen das endgültige Ende der Volksparteien im Wahljahr 2017 voraus. Im „Spiegel“ war z.B. im Laufe des Jahres 2016 zu lesen, dass „der Triumph der AfD“ ein „Aufstand gegen Angela Merkel“ sei, weil sie „viele Konservative zu Heimatlosen gemacht“ habe. Die AfD sei durch den „Aufstand der Wutbürger“ zu „einer Partei der Mitte“ und „für die Union existenzgefährdend“ geworden. Insgesamt habe die AfD „die Republik erschüttert“ und die „Tür in ein neues politisches Zeitalter eröffnet“. Ähnlich sehen das Merkel-Kritiker vom konservativen Flügel der CDU, wie z.B. der Fraktionsvorsitzende der CDU im baden-württembergischen Landtag, Wolfgang Reinhart. Der meinte: „Wir haben es mit einer tektonischen Verschiebung im Parteiensystem zu tun“ und bezeichnete die AfD als „Fleisch vom Fleisch der CDU“. Richtig ist, dass sowohl die CDU als auch die SPD in der Summe der 13 Landtags-, Bürgerschafts- und Abgeordnetenhauswahlen, die seit 2013 stattfanden (in den Ländern Sachsen, Brandenburg, Thüringen, Hamburg, Bremen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Saarland, Schleswig- Holstein und Nordrhein-Westfalen) deutlich weniger Stimmen erhalten haben als bei der Bundestagswahl 2013. So erhielt die CDU bei der Bundestagswahl 2013 in der Summe dieser 13 Länder über 11.8 Millionen Stimmen, bei den Landtagswahlen seit 2013 jedoch insgesamt nur noch rund 7.7 Millionen – ein Stimmenrückgang also von über 4.1 Millionen. Die SPD wiederum verlor bei den Landtagswahlen in diesen 13 Ländern im Vergleich zur letzten Bundestagswahl über 1.1 Millionen Stimmen. Zusammen erhielten die beiden „Volksparteien“ bei den Landtagswahlen seit 2013 fast 5.3 Millionen Stimmen weniger als bei der Bundestagswahl 2013. Doch die Verluste von CDU und SPD bei den Wahlen seit 2013 haben nur zu einem geringen Teil etwas mit den Erfolgen der AfD zu 12. 205 tun; denn schon 2013 wurden die Parteien am äußersten rechten Rand des Parteienspektrums (AfD, NPD und Republikaner) in diesen 13 Bundesländern von immerhin 1.9 Millionen Wählern gewählt. Bei den Landtagswahlen nach 2013 konnten die „rechten“ Parteien im Vergleich zur Bundestagswahl etwas mehr als 1.3 Millionen neue Wähler gewinnen. Selbst wenn all diese neu zur AfD gewanderten Wähler von CDU oder SPD gekommen wären – was ja nicht der Fall ist –, hätten fast 4 Millionen CDU- und SPD-Wähler von 2013 diese beiden Parteien nicht nur aufgrund ihrer Sympathie für die AfD bei den Landtagswahlen nicht mehr gewählt, sondern aus anderen, mit der AfD nicht im Zusammenhang stehenden Gründen. Wähler der CDU, der SPD und der „rechten“ Parteien bei der Bundestagswahl 2013 und den Landtagswahlen seit 2013 in den 13 Bundesländern*), in denen seit 2013 Landtagswahlen stattfanden Bundestagswahl 2013 Landtagswahlen seit 2013 Differenz Bundestags-/ Landtagswahlen CDU 11.863.291 7.738.712 - 4.124.579 SPD 7.561.295 6.415.619 - 1.145.676 CDU und SPD 19.424.586 14.154.331 - 5.270.255 „Rechte“ Wähler (AfD, NPD, Republikaner) 1.916.330 3.223.632 + 1.307.302 *) Sachsen, Brandenburg, Thüringen, Hamburg, Bremen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Saarland, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen Die bei den Landtagswahlen seit 2013 zu registrierende Mobilisierungsschwäche der SPD und vor allem der CDU hat also allenfalls am Rande mit dem Sympathiezuwachs für die AfD, viel hingegen mit der Schwäche dieser beiden Parteien vor Ort zu tun. 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 206 So war z.B. auch der große Verlust der CDU bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März 2016 nur zu einem geringen Teil auf den Stimmenzuwachs der AfD im „Ländle“ zurückzuführen. Vielmehr gab es wegen der ausgeprägten Sympathie für Winfried Kretschmann bis ins Lager der CDU-Kernwähler hinein einen regelrechten „Kretschmann-Sog“. Deshalb gewannen die Grünen im Vergleich zur Bundestagswahl 1 Million (!) Stimmen hinzu, während die CDU ebenso viele Stimmen (1.1 Million) weniger erhielt. Die Mobilisierungsdefizite der CDU bei den Landtagswahlen seit 2013 sind im Übrigen nicht neu. Es gibt sie nicht erst seit Merkels Kanzlerschaft - sie waren auch schon zu Adenauers Zeiten in der Anfangsphase der Bundesrepublik zu registrieren, worauf bereits hingewiesen wurde. Und wenn Merkel nicht nur von vielen Medien, sondern auch von Kritikern aus ihrer eigenen Partei für die Verluste bei den Landtagswahlen verantwortlich gemacht wird, wird vergessen, dass die CDU schon bei den Landtagswahlen vor 2013 in den 13 Ländern, in denen seit 2013 Landtagswahlen stattfanden, bei den regionalen Wahlen nicht sonderlich gut abgeschnitten hatte. 2013 aber wurde die „Merkel-CDU“ von fast 4.3 Millionen Wählern mehr gewählt als die regionale CDU bei den vorhergegangenen Landtagswahlen. Dass trotz der Wahlerfolge der AfD das vom „Spiegel“ ausgerufene „neue politische Zeitalter“ noch nicht „eröffnet“ wurde und im Parteiensystem seit 2013 die von Merkel-Kritikern behauptete „tektonische Verschiebung im Parteiensystem“ so nicht stattgefunden hat, zeigt auch ein Blick auf die Anteile, die die rechtsradikalen Parteien bei den Wahlen seit 2013 erhalten haben. So wurden in der Summe der 13 Länder, in denen seit 2013 Landtagswahlen stattfanden, die Parteien am äußersten rechten Rand des Parteienspektrums (AfD, NPD und Republikaner zusammen) noch nicht einmal von einem Zehntel (7,7 %) aller Wahlberechtigten gewählt. Über 90 Prozent aber gaben weder AfD noch NPD oder Republikanern ihre Stimme, sondern anderen Parteien (54,7 %) bzw. blieben der jeweiligen Wahl fern (37,6 %). Wenn 2016 wie vom „Leitmedium“ Spiegel „der Triumph der AfD“ als „Aufstand gegen Angela Merkel“ interpretiert wird, weil sie „viele Konservative zu Heimatlosen gemacht“ habe, wird zudem vergessen, dass es – worauf schon eingegangen wurde - in der Wahlgeschichte der Bundesrepublik regelmäßig auch früher schon rechtsradikale Bewe- 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 207 gungen gab – wie die NPD, die Republikaner, die DVU oder die „Schill- Partei“, die bei der Bürgerschaftswahl 2001 in Hamburg auf einen Anteil von 13,7 Prozent aller Wahlberechtigten kam. Dies alles wird bei der Kommentierung der aktuellen Landtagswahlerfolge der AfD vergessen oder verdrängt. Die AfD kam eben nicht – wie fast gebetsmühlenartig von den Medien verbreitet – „aus dem Stand heraus“ auf ihre Ergebnisse. Vielmehr reihen sich die AfD- Erfolge ein in die bisherigen Wellen rechter Bewegungen in Deutschland seit 1945. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied bei der Behandlung früherer rechtsradikaler Parteien und der heutigen AfD seitens der anderen Parteien sowie von Seiten vieler Medien. Während die NPD, die DVU oder die Republikaner in der Vergangenheit auch als rechtsradikale Parteien charakterisiert und bezeichnet wurden, und keine der anderen Parteien auf die Idee gekommen wäre, mit einer dieser rechtsradikalen Parteien zu koalieren, verhält sich dies bei der AfD anders. Oft wird sie verharmlosend lediglich als „rechtspopulistische“ Partei oder als Partei aus der „Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet, in der sich nur „normale Wutbürger“ gesammelt hätten. Und Politiker der Union meinen nicht nur, die AfD sei „Fleisch vom Fleisch der CDU“, sondern machen ihr sogar Koalitionsangebote, weil sie sie für eine rechte „Volkspartei“ halten. Doch entstammt die AfD ebenso wenig, wie etwa die Grünen aus dem „Fleisch der SPD“ entstanden sind, dem „Fleisch der CDU“. So wollten von 100 Wählern der CDU von 2013, die 2016 nicht mehr CDU wählen wollten, nur 19 der AfD ihre Stimme geben. Ebenso viele wollten SPD oder Grüne – also eher links von der CDU positionierte Parteien – wählen. Ähnlich groß ist auch der Anteil der CDU-Abwanderer zur FDP. Die meisten CDU-Abwanderer aber wollten 2016 gar nicht zur Wahl gehen. Bemerkenswert ist, dass die Abwanderung früherer CSU-Wähler zur AfD höher war, als der Anteil der Abwanderer früherer CDU- Wähler zur AfD. Seehofers Strategie ist also nicht aufgegangen. Mit seinem Amoklauf gegen Merkel hat er potentielle AfD-Wähler nicht an die CSU gebunden, sondern eher dafür gesorgt, dass CSU-Wähler vom rechten Rand zur AfD wechselten, weil die inhaltliche und the- 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 208 matische Abgrenzung zwischen CSU und AfD nicht mehr klar zu erkennen war. CDU- und CSU-Abwanderer 2016 CDU- und CSU-Abwanderer 2016 13 8 7 5 42 25 16 12 8 540 19 SPD Grüne gar nicht CDU FDPAfD Sonstige Von 100 seit der Bundestagswahl 2013 abgewanderten Wählern der SPD Grüne gar nicht CSU FDP AfD Sonstige wollen 2016 wählen Überhaupt lässt sich die These der im konservativen Flügel der Partei angesiedelten Merkel-Kritiker nicht bestätigen, dass wegen Merkels „Links-Kurs“ und ihrer „Sozialdemokratisierung der CDU“ am rechten Rand des Parteiensystems ein Vakuum entstanden sei, das nun von der AfD besetzt werde. Entspräche diese These der Realität, müssten sich ja die CDU-Abwanderer rechts von den CDU-Stammwählern verorten. Doch genau das tun sie nicht. Bei der politischen Selbsteinschätzung auf einer Skala von 1 (= „links“) bis 10 (= „rechts“) verorten sich alle Wahlberechtigten mit einem Mittelwert von 4,7 ungefähr in der politischen Mitte. Die CDU-Stammwähler verorten sich mit einem Wert von 5,3 erwartungsgemäß rechts von der Mitte, die der CSU mit einem Wert von 5,5 noch etwas weiter rechts als die CDU-Stammwähler. Doch die CDU-Abwanderer sehen sich 2016 wie auch schon früher nicht – wie nach den Unterstellungen der Merkel-Kritiker zu vermuten wäre – rechts von den CDU-Stammwählern, sondern mit einem Wert von 5,0 exakt in der Mitte zwischen dem Durchschnitt aller Wahlbürger und den CDU-Stammwählern und somit eher in Richtung des linken Spektrums. 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 209 Politische Selbsteinschätzung*) der CDU- und CSU-Stammwähler sowie der CDU-Abwanderer Politische Selbsteinschätzung *) der CDU- und CSU-Stammwähler sowie der CDU-Abwanderer *) Selbsteinschätzung auf einer Skala von 1 (links) bis 10 (rechts); dargestellt ist jeweils der Mittelwert **) CDU-Wähler von 2013, die derzeit nicht CDU wählen wollen ***) CDU- bzw. CSU-Wähler von 2013, die auch heute CDU oder CSU wählen wollen Links Rechts 4,7 5,0 5,3 5,5 4,0 4,5 5,0 5,5 6,0 Wahlberechtigte insgesamt CDU-Abwanderer **) Stammwähler der CDU ***) Stammwähler der CSU *) Selbsteinschätzung auf einer Skala von 1 (links) bis 10 (rechts); dargestellt i t jeweils der Mittelwert * ) CDU-Wähler von 2013, die derzeit nicht CDU wählen wollen ***) CDU- bzw. CSU-Wähler von 2013, die auch heute CDU oder CSU wählen wollen Nur die kleine Minderheit der CDU-Abwanderer zur AfD verortet sich mit einem Wert von 6,3 deutlich rechts von den CDU-Stammwählern. Die AfD ist keinesfalls – wie oft zu hören ist – eine Art „rechter Volkspartei“. Abgesehen davon, dass die AfD bislang nur von einer Minderheit der Wahlberechtigten gewählt wurde, kann eine Partei nur dann als „Volkspartei“ bezeichnet werden, wenn sie nicht nur die Interessen einer homogenen Klientel, sondern die verschiedener heterogener Wählergruppen vertritt und bündelt. Doch genau dies ist bei der AfD nicht der Fall. Die Anhänger und bisherigen Wähler der AfD zeichnen sich durch große Homogenität aus – insbesondere, was ihre Abneigung gegenüber bestehenden politischen Institutionen anbelangt. Und die AfD vertritt mit ihren Ansichten auch nicht – wie sie vorgibt – „das Volk“. Vielmehr unterscheiden sich die Einschätzungen, Meinungen und Einstellungen der AfD-Anhänger fundamental von denen der überwiegenden Mehrheit aller anderen Bürger. 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 210 Die AfD ist wie schon erwähnt überwiegend eine Männerpartei. Ihre Anhänger misstrauen nicht nur dem „Establishment“ von Politik, Medien und Meinungsforschern, sondern generell auch den meisten Menschen. Sie fühlen sich – obwohl es ihnen objektiv ökonomisch recht gut geht - subjektiv benachteiligt und haben ausgeprägte Statusängste sowie extrem pessimistische Wirtschaftserwartungen. Sie fühlen sich durch Fremde bedroht - insbesondere durch die 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge - und hassen Merkel daher wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Sie haben – anders als die Anhänger der demokratischen Parteien – kaum Vertrauen zu den das demokratische politische System tragenden Institutionen – wie dem Bundespräsidenten, der Kanzlerin, der Bundesregierung oder den Landesregierungen. Ebenso haben sie kein Vertrauen in die meisten politischen Akteure – auch in diejenigen nicht, die bei vielen anderen Bürgern noch recht großes Vertrauen genießen. Die einzige Ausnahme ist Horst Seehofer, zu dem die AfD-Anhänger ein ähnlich großes Vertrauen haben wie zur AfD-Vorsitzenden Frauke Petry. Die AfD ist auch keine Partei, die – wie nach Trumps Wahl zum US-Präsidenten von einigen gemutmaßt – überwiegend von jenen „Abgehängten“ gewählt wird, die in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind. So ist das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen der AfD-Anhänger mit Euro 3.100,-- nicht niedriger, sondern sogar noch etwas höher als das derzeitige durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen aller Wahlberechtigten (Euro 3.060,--). Niedriger als das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen der AfD-Anhänger ist das der Anhänger der SPD (Euro 2.980,--) und der Linkspartei (Euro 2.780,--) sowie das der Nichtwähler (Euro 2.550,--). Die AfD ist alles in allem eine rechtsradikale Partei, die einerseits zum Sammelbecken der Wähler der bisherigen rechtsradikalen Parteien (NPD, DVU oder Republikaner) geworden ist. Sie hat ja auch bewusst dieses „klassische“ rechtsradikale Wählerpotential umworben und die NPD aus den Landtagen in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern herausgedrängt. Darüber hinaus wird sie gewählt von jenem latent immer vorhandenen Potential von Wahlberechtigten, die für rechtsradikales und fremdenfeindliches Gedankengut anfällig waren, bisher aber die eher „dumpfen“ Parteien wie die NPD oder DVU nicht wählen konnten und sich hinter anderen Parteien versteckt hatten 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 211 oder zu den systemkritischen und demokratiefeindlichen Dauer- Nichtwählern zählten. Ob die Volksparteien weiterhin schwächeln werden, hängt also nicht in erster Linie davon ab, ob die AfD nach ihrem Einzug in viele Landtage auch im nächsten Bundestag vertreten sein wird. Eine AfD im deutschen Bundestag mag die Bildung einer neuen Regierung nach der Wahl im Herbst 2017 erheblich schwieriger machen. Doch ob CDU, CSU oder SPD Volksparteien bleiben oder nicht, hängt nicht von der AfD ab. Schließlich ist – wie in den vorigen Kapiteln ausführlich dargestellt – der dramatische Vertrauens- und Bedeutungsverlust der beiden einst großen Volksparteien mit großer Bindekraft schon lange bevor es die AfD gab eingetreten. Nicht zuletzt die Bundestagswahl 2013 hat gezeigt, dass sowohl die CDU als auch die SPD – wenn auch in geringerem Umfang als die CDU - im Vergleich zu vorherigen Wahlen Stimmen hinzugewinnen konnten, obwohl 2013 die AfD schon kandidierte und bundesweit von über 2 Millionen Wählern gewählt wurde. Insofern haben Union und SPD es weitgehend selbst in der Hand, ob sie das endgültige Ende der Volksparteien einläuten oder eine durchaus mögliche Renaissance der Volksparteien einleiten. Für eine solche Renaissance wäre es allerdings erforderlich, dass sich Union und SPD wieder darauf besinnen, dass sie die durchaus unterschiedlichen Interessen der Mehrheit aller Bürger bündeln und in ihrer Politik berücksichtigen. Die zu starke Berücksichtigung von Interessen sich lautstark artikulierender Minderheiten war ja eine der wichtigsten Ursachen für den Vertrauensschwund, den Union und SPD erlitten haben. Dies bedeutet indes keinesfalls, politische Entscheidungen an durch Umfragen ermittelten Mehrheitsmeinungen zu orientieren. Ein solches Vorgehen würde nämlich eher als Opportunismus gebrandmarkt und keinesfalls als Führungsstärke der Parteien gewertet werden. Ein Beispiel hierfür war – wie dargestellt - die abrupte Kehrtwende in der Energiepolitik nach dem Reaktorunfall von Fukushima. Diese abrupte Kehrtwende brachte weder der Union noch der Kanzlerin einen Sympathie- und Vertrauenszuwachs, sondern führte zu einem Glaubwürdigkeitsverlust. Den Beschluss zum schnellen Kernenergieausstieg sah man eher dem Wahlkampf in Baden-Württemberg geschuldet 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 212 denn aus einer tiefen Einsicht heraus gefasst. Erst durch ihr Agieren in der Euro-Krise konnte Merkel diese Glaubwürdigkeitsdelle für sich und ihre Partei wieder wettmachen. Wollen Union und SPD ihren Anspruch, Volkspartei zu sein, aufrechterhalten, dürfen sie überdies nicht mehr in dem Maße wie in der Vergangenheit Modetorheiten nachgeben oder einem vermeintlichen Zeitgeist hinterherlaufen. So hat die Anbiederung an einen vorgeblichen grünen Zeitgeist weder der SPD noch der CDU zu mehr Vertrauen verholfen, sie hat ausschließlich den Grünen genutzt. Auch die Anbiederung von Teilen der Union an die AfD hat der Union geschadet und die Abwanderung des rechten Randes der Union zur AfD befördert und nicht verhindert. Allerdings wird eine Renaissance der Volksparteien nur dann möglich sein, wenn auch die Medien nicht mehr – wie von vielen Wählern, aber vor allem einer großen Zahl von Nichtwählern beklagt – in aller Ausführlichkeit über Aktivitäten und Meinungen von Minderheiten berichten, demgegenüber aber die Interessen, Sorgen und Ängste der Mehrheit der Bürger zu wenig berücksichtigen. Eine die gesellschaftliche Realität oft verzerrende Berichterstattung der Medien hat das Vertrauen zu den klassischen Medien deutlich sinken lassen. So ist etwa das Vertrauen zur Presse und zum Fernsehen in der Bevölkerung geringer als das zu den meisten politischen Institutionen. Die Berichte und Informationen der klassischen Medien, die in der Bundesrepublik trotz aller neuen Medien und sozialen Netzwerken nach wie vor die wichtigsten Informationsquellen für politische Themen darstellen, werden heute von einer beachtlichen Zahl der Leser, Hörer und Zuschauer - nämlich 42 % - für nicht mehr glaubwürdig gehalten. Beklagt wird zudem das Übergewicht negativer Meldungen und Berichte – vor allem im Fernsehen. Dies bedeutet nicht, dass über Probleme und krisenhafte Entwicklungen in Deutschland und der Welt nicht mehr berichtet werden sollte – nur sollten bei problembeladenen Berichten möglichst auch Lösungsansätze aufgezeigt oder doch zumindest angedeutet werden. Beklagt wird darüber hinaus eine oft unverständliche Sprache – nicht nur der Politiker, sondern auch der Medien – etwa wenn von „Gro-Ko“, „R2G“ oder „Hotspots“ die Rede ist. Bei der großen Mehrheit der Bürger in Deutschland hat sich das Gefühl verfestigt, dass ihre Interessen von den Medien und der Politik 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 213 ignoriert werden. Dadurch wächst der Unmut über Medien und Politik. Dieser Unmut führt aber nur bei einer Minderheit auch zu radikalem Wahlverhalten. Zahlreicher aber sind die unzufriedenen Bürger, die ihre Stimme keiner radikalen Partei geben wollen, aber den Wahlen fernbleiben. Wenn die „Volksparteien“ sich aber wieder um die wirklichen Sorgen, Nöte, Ängste und Interessen der großen Mehrheit der Bürger kümmern, sind sie auch 2017 noch nicht am Ende. Allerdings verlieren sie weiteres Vertrauen, wenn sie sich weiterhin zu sehr an den Interessen von Minderheiten orientieren, zu sehr Modetorheiten folgen oder einem vermeintlichen Zeitgeist hinterherlaufen. Noch immer gilt ja die Erkenntnis des alten Dänen Søren Kierkegaard: „Wer den Zeitgeist heiratet, wird schnell Witwer“. 12. 2017: Volksparteien ohne Volk? 214

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Zusammenfassung

Irgendwann – lange bevor es die AfD gab – sind den großen Volksparteien in Deutschland die Wähler abhandengekommen. Die Schrumpfkur für CDU/CSU und SPD war allerdings weitgehend selbstverschuldet. Die Gründe analysiert forsa-Chef Prof. Manfred Güllner in seinem neuen Buch „Der vergessene Wähler“. Er berichtet, wie die Wähler und Nichtwähler die politischen Akteure seit Beginn des zweiten Versuchs, die Demokratie in Deutschland zu etablieren, wahrgenommen und bewertet haben und wie deren Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen von den Parteistrategen der Union wie der SPD über Jahrzehnte missachtet wurden. Die deutsche Politik und auch die Medien kümmerten sich in immer stärkerem Maße um Randthemen und Randgruppen. Die Sorgen und Nöte der großen Mehrheit, der oft beschworenen aber zunehmend vernachlässigten Mitte der Gesellschaft, fanden indes nur noch geringe Beachtung. Das massive Anwachsen der „Partei der Nichtwähler“ ist eine logische Konsequenz.

Güllners Blick auf die Parteiengeschichte der Bundesrepublik nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus zeigt den drastischen Vertrauensverlust der einstigen Volksparteien. Am Ende der Analyse steht die Frage: Ist diese Entwicklung unumkehrbar? Oder kann das lange Siechtum der Volksparteien noch kuriert werden?