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Grundlegung Kritischer Theorie in:

Christian Greis

Die Pädagogik der Frankfurter Schule, page 5 - 70

Kritisch pädagogische Perspektiven im Denken von Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm, Habermas und Negt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4007-2, ISBN online: 978-3-8288-6726-0, https://doi.org/10.5771/9783828867260-5

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 44

Tectum, Baden-Baden
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5 Teil 1: Grundlegung Kritischer Theorie Max Horkheimer Horkheimer gilt als Begründer der kritischen Theorie. 1931 übernahm er den Posten des Direktors am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Unter seiner Leitung wurde die Ausrichtung des Instituts neu ausgearbeitet. Ziel war es eine am Marxismus ausgerichtete Interdisziplinäre Forschungstradition zu begründen, die philosophische, psychologische, soziologische, politische und ökonomische Fragestellungen miteinander verbindet. Es galt zu untersuchen warum der Klassenkampf und mit ihm die Revolution im Sinne von Marx ausblieb. Dessen historisch materialistische Gesellschaftsanalyse wurde durch die Untersuchung kultureller und psychischer Anpassungsmechanismen ergänzt. Hierzu zählen die „Studien zu Autorität und Familie“ und „Studien zum Autoritären Charakter“, die zu einem späteren Zeitpunkt erläutert werden. Zentrales Publikationsmedium des Instituts war die Zeitschrift für Sozialforschung, in der neben den Institutsmitarbeiter auch externe Intellektuelle publizierten. Horkheimer selbst publizierte zahlreiche Aufsätze in der Zeitschrift für Sozialforschung und war in den 30iger Jahren außerordentlich produktiv. Seine Ideen waren zu dieser Zeit von den unterschiedlichsten Denkern beeinflusst, hierzu zählen unter anderem Kant, Hegel, Marx und Schopenhauer. Einen besonderen Einfluss auf die gesamten Mitglieder des Instituts hatten Marx, Freud und Weber, deren Gedanken in unterschiedlichen Ausprägungen in den Theorien Platz finden. Durch den Aufstieg des Nationalsozialismus war das gesamte Institut zur Emigration gezwungen und die Publikation der Zeitschrift für Sozialforschung war somit einigen Schwierigkeiten ausgesetzt. In den USA tat sich das Institut anfangs sehr schwer sich zu etablieren und Fuß zu fassen. Im Einzelnen waren die Denker der Frankfurter Schule zu dieser Zeit jedoch äußerst produktiv und es erschienen einige Schlüsselwerke der Kritischen Theorie, unter anderem die von Horkheimer und Adorno 6 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe verfasste „Dialektik der Aufklärung“ und die „Studien zum Autoritären Charakter“. Nach dem zweiten Weltkrieg gerieten Horkheimers publizistische Leistungen immer mehr in den Hintergrund. Es erschien noch seine in Amerika gehaltene Vorlesung „Zur Kritik der Instrumentellen Vernunft“, danach übernahm er vorwiegend öffentlich repräsentative Aufgaben. Adorno wurde immer mehr zur Schlüsselfigur der kritischen Theorie und trat 1958 offiziell die Leitung des Instituts an (vgl. Gertenbach et al. 2009, S.199). Entwurf einer Theorie kritischer Sozialforschung Horkheimer konstatiert für eine kritische an Marx orientierte Gesellschaftstheorie die Distanzierung und Ablehnung des orthodoxen Marxismus und dessen deterministischen Geschichtsbegriffs. Vielmehr strebt er die Überwindung einer bloß an der marxschen Ökonomie ausgerichteten Sozialforschung an. Um dieses Ziel zu erreichen errichtete er das Institut auf der Basis Interdisziplinärer Sozialforschung, die Philosophie, Ökonomie, Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaften verbindet und die dadurch entstandene Theorie empirisch überprüfen soll. Mit der interdisziplinären Ausrichtung will er die Abspaltung der Theorie in einzelne isolierte Sphären verhindern: „Die traditionelle Vorstellung der Theorie ist aus dem wissenschaftlichen Betrieb abstrahiert, wie er sich innerhalb der Arbeitsteilung auf einer gegebenen Stufe vollzieht. Sie entspricht der Tätigkeit des Gelehrten, wie sie neben allen übrigen Tätigkeiten in der Gesellschaft verrichtet wird, ohne dass der Zusammenhang zwischen den einzelnen Tätigkeiten unmittelbar durchsichtig wird. In dieser Vorstellung erscheint daher nicht die reale gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft, nicht was Theorie in der menschlichen Existenz, sondern nur, was sie in der abgelösten Sphäre bedeutet, worin sie unter den historischen Bedingungen erzeugt wird“. (Horkheimer 2011, S. 214) Wichtig für Horkheimer war es in seinem Konzept ökonomische, politische und kulturelle Herrschaftsmechanismen, die auf die Psyche wirken und zur Aufrechterhaltung der bestehenden Gesellschaftsstruktur beitragen, zu identifizieren. Die Verbindung von Theorie und Praxis 7 Max horKheIMer nimmt hiermit einen besonderen Stellenwert in Horkheimers Konzept ein. Damit will er einen weitläufigen Trend seiner Zeit entgegenwirken, in dem theoretisch philosophische Forschung und Empirie getrennt wurden. Als Maßstab für die Kritische Theorie gilt die Totalität der Gesellschaft, d.h. deren sozialen Entstehungszusammenhang als Ganzheit zu überblicken. Um die Totalität der Gesellschaft erkennen zu können ist geschichtliche Reflexivität unverzichtbar. Geschichte ist als gesellschaftlicher Prozess des Wandels zu verstehen, der für die Konstitution der gesellschaftlichen Eigenheiten verantwortlich ist. Aufgabe einer Gesellschaftstheorie, die immer auch ihren soziohistorischen Kontext reflektiert, ist es unter der Oberfläche der gesellschaftlichen Totalität wurzelnden Widersprüche zu identifizieren. Es gilt diese dialektischen unserer Zivilisation inne wohnenden Missstände herauszuarbeiten und im Hinblick auf eine bessere Gesellschaft zu überprüfen. Der Anspruch auf eine emanzipierte Gesellschaft speist dabei die Kritik an den herrschenden Zuständen. Hierin wird auch auf die marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“ vermehrt Bezug genommen um gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Klassenstrukturen aufzudecken. „Der Kampf gegen die harmonistischen Illusionen des Liberalismus, die Aufdeckung der ihm einwohnenden Widersprüche und der Abstraktheit seines Freiheitsbegriffs wird an den verschiedensten Orten der Welt dem Wortlaut nach übernommen und zur reaktionären Phrase verdreht. Dass die Wirtschaft: anstatt die Menschen zu beherrschen, ihnen dienen solle, führen eben die im Munde, die seit je unter der Wirtschaft bloß ihre eigenen Auftraggeber verstanden wissen wollten. (…) Im Begriff des »heiligen Egoismus« und des Lebensinteresses der eingebildeten »Volksgemeinschaft« wird das Interesse der wirklichen Menschen auf ungehinderte Entfaltung und glückliche Existenz mit dem Machthunger der ausschlaggebenden Gruppen vertauscht.“ (ebd., S. 264 – 265) Im Mittelpunkt der Zurückweisung Horkheimers stehen zwei weitläufige Forschungsdisziplinen bzw. theoretische Konzepte, die als Ideologie bezeichnet werden. Auf der einen Seite die Metaphysik des Idealismus, des Neukantianismus und die Ontologie Heideggers, auf der andern Seite der Positivismus. Die Metaphysik fragt nach dem Ontos, 8 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe dem Sein als Grundkonzept der bestehenden Wirklichkeit, unabhängig von gesellschaftlichen und historischen Strukturen postuliert sie deren abgeschlossene wahrhafte Gültigkeit. Metaphysik mit einem transzendentalen Weltverständnis kommt deshalb in Versuchung gesellschaftliche Kategorien mit idealistischen Positionen zu mischen, dies führt zu einem teils mystischen Gesellschaftsverständnis. Auf der anderen Seite steht der Positivismus, der abgelehnt wird weil er das den Naturwissenschaften entlehnte Falsifikationsprinzip auch auf soziale wie gesellschaftliche Prozesse stülpen will, deren Prozesse abstrahiert und zu messen versucht. Er gibt sich dabei ahistorisch, antiphilosophisch, nicht sozialreflexiv (eigene Wissenschaft als Gegenstand des Sozialen) und Faktenfixiert (vgl. Schweppenhäuser 2010, S.19). Beide Disziplinen, Metaphysik sowie Positivismus gehen von dem verwerflichen Gedanken aus, dass die Gesellschaft eine natürliche oder von Gott gewollte Ordnung darstelle. Dem gegenüber stellt Horkheimer seinen Materialismus, der die Gesellschaft als vom Menschen in seiner expliziten historischen Wirklichkeit gemacht sieht. Dialektisch ist dieser im Sinne, dass er durch die Negation gesellschaftlicher Widersprüche über das Bestehende hinausweist. Teil der Ideologiekritik ist es vom Kapitalismus produzierte Missstände aufzudecken: • Hierzu gehört die Analyse des im Kapitalismus alles verdeckende Warenfetischismus, der wie ein Schleier gesellschaftliche Produktionsprozesse umgibt. • Die Verdinglichungsmechanismen, die den Menschen von sich selbst, seiner Arbeit, dem Produkt seiner Arbeit, der Natur, der Gesellschaft und anderen Menschen entfremdet. • Die Verwarenförmigung von Beziehungen und Austauschverhältnissen in denen sich die Menschen selbst als Waren begegnen und sich und die Natur nach dem Mittel der instrumentellen Vernunft ausnutzen. • Sowie die Rationalisierung ganzer Gesellschaftsschichten, die zur völligen Verwaltung durch Politik und Ökonomie führen, die von der Kritischen Theorie als Staatskapitalismus bezeichnet werden. • Die Autoritären Strukturen, die von einer kapitalistischen in eine faschistische Zivilisation mündeten. • Die Kulturindustrie als Erzeuger von Ideologie als Beeinflussung und Manipulation des Massenbewusstseins. 9 Max horKheIMer • Und die Aufdeckung kapitalistischer und kultureller Krisen, die dazu führen, dass sich das Individuum in faschistische Verhaltensweisen flüchtet. Faschismus als Konsequenz der kapitalistischen Wirtschaftsform Horkheimer geht in seinen sozialphilosophischen Untersuchungen davon aus, dass der Kapitalismus nicht zufälligerweise in den Faschismus führte. Vielmehr würden sich Kapitalismus und Faschismus gegenseitig bedingen. Der Faschismus ist somit als Konsequenz der kapitalistischen Wirtschaftsform zu verstehen, der durch das Versagen des ökonomischen Liberalismus in den totalitären Staat mündete (oder immer wieder neu münden kann). „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ (Horkheimer 2009, Bd4; S. 308- 309), postuliert Horkheimer in seinem Aufsatz „Die Juden und Europa“. Um seine Gedankengänge zu verstehen gilt es seinen Begriff vom Liberalismus, totalitären Staat sowie sein Geschichtsverständnis der Moderne zu rekonstruieren. Referenzpunkt seiner theoretischen Überlegungen ist dabei die marxsche Kapitalismusanalyse. Im Gegensatz zum Liberalismus in dem das Prinzip der Klassenherrschaft gegenwärtig ist, habe sich diese im Faschismus nur zu einer Form der Volksgemeinschaft weiterentwickelt. Der Liberalismus hat in seiner Grundform und Organisationstruktur eine faschistische Gesellschaft unterstützt, da dieser durch freie Verträge Herrschaftsverhältnisse, die durch die Ungleichheit des Eigentums erzwungen werden mussten, reproduzierte (vgl. ebd., S. 309). „Dieselben ökonomischen Tendenzen, die durch den Konkurrenzmechanismus zur immer höheren Produktivität der Arbeit treiben, schlagen in Kräfte sozialer Desorganisation um. Der Stolz des Liberalismus, die technisch äußerst entfaltete Industrie, macht sein Prinzip zuschanden, indem der Verkauf der Arbeitskraft für große Teile der Bevölkerung unmöglich wird.“ (ebd., S. 309) 10 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Horkheimer sieht den Faschismus in der Krise des liberalen Kapitalismus begründet und nimmt Bezug auf die tiefe Depression, die sich Ende der Zwanziger Jahre entfaltet hat und mit dem Schwarzen Freitag ihren Anfang nahm. Das Bürgertum des Liberalismus war vor dem Faschismus durch Konkurrenzkampf, der die Vergrößerung des Betriebs durch den Zwangsfaktor des Profits und des Mehrwerts anstrebte, organisiert. Die Arbeiter wurden als Dreh- und Angelpunkt in der zwischenbetrieblichen Konkurrenz gebraucht. Mit dem Aufkommen des Monopolkapitalismus verspricht das Kapital durch vermehrte Investitionen keine hohen Profite mehr, und der Mehrwert als vom Arbeiter erzeugtes Mehrprodukt sinkt im Vergleich zur Größe des Produktionsapparats. Dieser Prozess erzeugt Arbeitslosigkeit. Waren für Arme oder Arbeitslose zu produzieren, um deren Bedürfnisse zu stillen widerspricht den Prinzipien des Kapitalismus, dieser produziert nicht für den Menschen sondern für den Umsatz. „Ohne Arbeit kein Brot“ (ebd., S. 310) schlussfolgert Horkheimer. Das verzweifelte Ende des liberalen Kapitalismus zeigt sich durch Kompensation, in der staatliche Aufträge zur Ankurbelung der verfallenden Marktwirtschaft durchgeführt werden, da dieser nicht in der Lage ist die arbeitslos gewordenen Menschen zu ernähren. Die Gegebenheit, dass Unternehmer besteuert werden um den Armen zu helfen, verkehrt die Verhältnisse. Kapitalistisch Schwache werden zu Ausbeutern der Kapitalisten (Industriebesitzer). Doch die spätliberalistische Wohlfahrtspolitik konnte sich nicht gegen die Produktionsverhältnisse des Monopolkapitalismus durchsetzen, es entstand die totalitäre Herrschaft die Unterwürfigkeit und Zwang dem Sozialcharakter der Menschen auferlegte. Anstelle des Wohlfahrtsstaates wurde die totale Bürokratie gesetzt, in der die Menschen den letzten Ausweg sahen um von der deregulierten und Krisen durchseuchten liberalistischen Ökonomie gerettet zu werden. Der autoritäre Staat ist die Konsequenz der Kompensation des in der liberalistischen Wirtschaftsordnung entwurzelten Menschen. Somit gilt der Faschismus als Endstadium des Kapitalismus. Diese Entwicklung gleicht nach Horkheimer dem geschichtlichen Wandel eines mittelalterlichen Handwerksmeisters in einen protestantischen Bürger (vgl. ebd. S. 311-312). „Im Spätkapitalismus verwandeln sich die Völker zuerst in Unterstützungsempfänger und dann in Gefolgschaften. (…) Nur kann 11 Max horKheIMer man sie nicht wie damals in die Manufakturen pressen, die Zeit der privaten Unternehmung ist vorbei. Der faschistische Agitator fasst seine Leute zum Kampf gegen die demokratischen Regierungen zusammen. Wenn es während des Übergangs immer weniger lockt, Kapital in die nützliche Produktion zu investieren, so wird das Geld in die Organisation der Masse gesteckt, die man der aufgeklärten vorfaschistischen Regierung entreißen will.“ (ebd., S. 312-313) Die Transformation vom Kapitalismus in den Faschismus, bedeutete nicht dessen Aufhebung, sondern bloß die Änderung der Vorzeichen in seiner Struktur, die von Horkheimer Staatskapitalismus genannt wird. Dieser zeichnet sich in seiner Organisationform durch totale Kontrolle, Bürokratisierung und ökonomische Konzentration aus. Der Parteiapparat vereint Politik und Wirtschaft in ihrer reinsten Form, politische Gegner werden verfolgt und hingerichtet. Die Kulturindustrie im Faschismus konstruiert Propagandamaterialen um den Führerkult und die Stärke der Partei nach innen und nach außen zu repräsentieren. Der totalitäre Staat ist repressiv und fordert die Unterwerfung der Menschen in jeglicher Hinsicht. Der Machtapparat macht jegliche Regung der Individuen hin zur Eigeninitiative unmöglich. Im Gegensatz zum Staatssozialismus, der sich am konsequentesten von der Herrschaft des Privatkapitals befreit hat, gilt der Faschismus als Mischform. „Auch hier wird der Mehrwert zwar unter staatlicher Kontrolle gewonnen und verteilt, er fließt jedoch unter dem alten Titel des Profits in großen Mengen weiter an die Industriemagnaten und Grundbesitzer.“ (Horkheimer 2003, Bd. 5, S. 300) Kritik der Instrumentellen Vernunft Horkheimer rekonstruiert in seinem Werk „Kritik der Instrumentellen Vernunft“ die Geschichte der Vernunft. Er unterscheidet dabei zwischen objektiver und subjektiver Vernunft. Unter Objektiver Vernunft versteht Horkheimer „eine allumfassende oder fundamentale Struktur des Seins“ (Horkheimer 2007, S. 25) aus der menschliche Bestimmungen abgeleitet werden können (vgl. ebd., S. 25). 12 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Von der Antike bis zur Aufklärung sieht Horkheimer Systeme objektiver Rationalität vorherrschen. Subjektive Vernunft zeichnete sich in dieser Zeit dadurch aus, dass sie sich an den Maßstäben Objektiver Vernunft orientierte. Im 19. und 20. Jh. wurde die Objektive Vernunft von der Subjektiven Vernunft abgelöst, der Nutzen des einzelnen in der Gesellschaft rückte in den Vordergrund. Als erstes großes System der Objektiven Vernunft nennt Horkheimer den Platonismus. Platon versuchte durch seine Ideenlehre und seinen idealistischen Staat einen Objektiven Bezugsrahmen des Handelns zu schaffen, der ein glückliches und erfolgreiches Leben, das sich im Dienste des höchsten Gutes und der menschlichen Bestimmung stellt, zu ermöglichen. Im Mittelalter wurde Vernunft und Religion verbunden, Denken und Handeln galt als vernünftig wenn es an religiösen Werten und Pflichten orientiert war. Im 17. und 18. Jh. in der Zeit der Aufklärung wurde eine Trennung von Vernunft und Religion angestrebt. Nicht die Objektive Vernunft an sich sollte abgeschafft werden, sie sollte nur durch ein rationales System ersetzt werden. Dadurch gewannen besonders das Rechtsystem und der Nationalstaat an Bedeutung. Im Laufe des 19. Jh. und besonders im 20. Jh. löste sich die Subjektive Vernunft von der Objektiven Vernunft. Gründe dafür waren die Ideologie des Liberalismus der Vernunft auf reine Selbsterhaltung reduzierte und der Relativismus der Vernunft einzig auf rational begründete Argumente festschrieb. Hier kann man vom Aufkommen der Instrumentellen Vernunft sprechen, deren Aufgabe es ist „Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und dadurch einem gegebenen Zweck die richtigen Mittel zuzuordnen.“ (ebd., S. 29) Gleichwohl kritisierte Horkheimer auch den Pragmatismus als eine der Instrumentellen Vernunft angehörenden Philosophie, da sie durch ihre Ausrichtung auf die Nützlichkeit einer Praxis, die Philosophie als Selbstzweck des Denkens verneine: „Wenn wahre Urteile über Objekte und damit der Begriff des Objekts selbst einzig in auf das Handeln des Subjekts bestehen, ist es schwer einzusehen, welche Bedeutung dem Begriff ›Objekt‹ noch zugeschrieben werden könnte. Nach dem Pragmatismus ist Wahrheit nicht um ihrer selbst Willen wünschenswert, sondern insofern, als sie am besten funktioniert, als sie uns zu etwas führt, das der Wahrheit selbst fremd ist“. (ebd., S.63) 13 theodor W. adorno Die schlimmste Konsequenz der Instrumentellen Vernunft, die auf Selbsterhaltung bzw. Maximierung des Nutzens und Relativismus basiert, zeigt sich in dem sie durch ihren subjektiven Charakter kein Vernünftiges Argument gegen menschenverachtende Ideologien aufbringen kann: „Wenn sich aber die Lage ändert, wenn mächtige ökonomische Gruppen es nützlich finden, eine Diktatur zu errichten und die Herrschaft der Mehrheit abschaffen, kann ihrem Handeln kein auf der Vernunft begründeter Einwand entgegengesetzt werden. (…) Die einzige Erwägung, die sie davon abhalten könnte, wäre die Möglichkeit, daß ihre eigenen Interessen gefährdet würden und nicht die Sorge, eine Wahrheit oder die Vernunft zu verletzen.“ (ebd., S. 42) Den Nationalsozialismus kann man als Versuch deuten, die Subjektivierung der Vernunft durch eine neue Objektive Ordnung rückgängig zu machen. Horkheimer warnt deshalb auch davor sich wieder in religiöse oder philosophische Dogmen zu flüchten um die Subjektivierung der Vernunft zu umgehen. Auch am Festhalten an dem Positivismus sieht Horkheimer keine Alternative, da sich dieser durch die Zerstörung von Mythen selbst in einen Mythos verwandelt hat, „der die Menschheit an das anzupassen versucht was die Theorie als wahr ansieht.“ (vgl. ebd., S. 103) Theodor W. Adorno Adorno war Philosoph, Soziologe, Musikkritiker und Komponist. Seine Schriften in der Zeitschrift für Sozialforschung kreisten um das Phänomen der Massenkultur in Kunst und Musik. Sein Denken war neben Marx, Freud und Weber, vor allem von Walter Benjamin und Siegfried Kracauer inspiriert. Besonders der Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von Benjamin und der Essay „Das Ornament der Masse“ von Kracauer haben Adorno maßgeblich beeinflusst. Die Theorie der Kulturindustrie wäre ohne diese fundamentalen Werke nicht denkbar gewesen. Erst genanntes Werk behandelt den Verlust der Aura in der Kunst durch technische Vervielfältigung, letzteres die Fähigkeit durch Kulturmedien wie Film, Fernsehen, Radio 14 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe und Musik das Massenbewusstsein zu beeinflussen. Durch das Zusammendenken beider Theorien und deren negative Umdeutung durch die Verdinglichungstheorie Lukács gelingt es Adorno die Theorie der Kulturindustrie zu konstruieren. Sehr großen Einfluss auf ihn hatte sein Freund Kracauer gerade deshalb, weil er ihn in seiner Freizeit die Theorien Kants näher brachte. Adorno war vor der Aufnahme ins Institut in einer Kompositionslehre bei Alan Berg und Arnold Schönberg (vgl. Wiggershaus 2010, S. 90 – 93). Zu jener Zeit war er hin und her gerissen sich für eine philosophische oder eine musikalische Karriere zu entscheiden. Schriftstellerisch verfasste er Artikel über Kultur, Musik und Kompositionen. Nach seiner Habilitation bei Paul Tillich hielt er 1931 seine Antrittsvorlesung für das Fach Philosophie und war von nun an als Privatdozent tätig. 1933 wurde ihm die Lehrerlaubnis durch die Nazis entzogen (ebd. S.111-112). Nach mehreren Zwischenstopps im Exil emigrierte Adorno 1938 zu den anderen Institutsmitgliedern nach New York. Im Exil entstanden zwei seiner wichtigsten Werke, die „Dialektik der Aufklärung“, die er zusammen mit Horkheimer entwarf und die „Minima Moralia“. Des Weiteren fanden dort die „Studien zum Autoritären Charakter“ statt, die unter der Leitung Adornos durchgeführt wurden. Zurück im Nachkriegsdeutschland sah sich Adorno für die Aufarbeitung des Antisemitismus verantwortlich und hielt im Radio und Rundfunk Vorträge. In diesem Zusammenhang erstanden auch die Vorträge „Erziehung zur Mündigkeit“ und „Erziehung nach Ausschwitz“, in denen er Ansprüche an die Pädagogik formulierte. Seine Intellektuelle Schaffensphase im Nachkriegsdeutschland beeinflusste darüber hinaus indirekt viele Studenten und Studentinnen der 68er Bewegung. Die „Negative Dialektik“, die als sein philosophisches Hauptwerk gilt, erschien 1966, sein zweites großes Werk die „Ästhetische Theorie“ erschien im Nachlass in unvollendeter Form. Letzteres wird in dieser Abhandlung nicht thematisiert. Dialektik der Aufklärung Obwohl zusammen mit Horkheimer verfasst, wird die Dialektik der Aufklärung hier unter Adornos Namen genannt, weil er die darin entwi- 15 theodor W. adorno ckelten Gedanken in seinen darauf folgenden Schriften erweiterte. Adorno und Horkheimer versuchten in ihrem Werk nicht weniger als zu ergründen „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei“ (Horkheimer/ Adorno 2011, S.1) versank. Ihre Antwort darauf ist, dass die Barbarei (Nationalsozialismus) der Vernunft inne wohnt und in unserer Zivilisation eingeschrieben ist. Aus diesem Grund habe sich die Aufklärung einer Selbstkritik zu unterziehen: „Die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt das Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten.“ (ebd., S.1) Horkheimer und Adorno versuchen in ihrem Werk die Geschichte der Vernunft zu rekonstruieren. Am Anfang als der Mensch aus dem Naturzyklus hinaustrat war seine Beziehung zur Natur durch Mimesis gekennzeichnet. Er konnte sich den Naturphänomenen nur anpassen und war ihnen ausgeliefert. Im Laufe der Zeit wurden diese Naturphänomene mystisch aufgeladen und personifiziert. Diesen beseelten Ereignissen der Natur wurden Opfer dargebracht, um sie zu besänftigen oder um sie den Menschen nutzbar zu machen. Aus diesen Mythen entwickelte sich der Polytheismus, der Teile der Opfergaben beibehielt und unterschiedlichen Göttern verschiedene Eigenschaften zusprach. Dieser mündete schließlich in den Monotheismus der den Mensch auf eine Ebene mit Gott stellte (vgl. Schwandt 2010, S. 91 – 92). Der Glaube sollte im Zeitalter der Aufklärung letztendlich von der Vernunft ersetzt werden und objektive Erkenntnis der Natur ermöglichen. An diesem Punkt wenden Horkheimer und Adorno ein, dass die Aufklärung den Mythos nicht überwunden hat sondern in diesem verstrickt ist: „Aber die Mythen, die der Aufklärung zum Opfer fallen, waren selbst schon deren eigenes Produkt. In der wissenschaftlichen Kalkulation des Geschehens wird die Rechenschaft annulliert, die der Gedanke in den Mythen einmal vom Geschehen gegeben hatte. Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären. (…) Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie. Allen Stoff empfängt sie von den Mythen, um sie zu zerstören, und als Richtende gerät sie in den mythischen Bann.“ (Horkheimer/ Adorno 2011, S. 14) 16 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Der Mythos will selbst schon über Geschehnisse aufklären, der Unterschied zu der modernen Vernunft ist nur die Art und Weise wie dies geschieht. Der Vernunftbegriff der Aufklärung ist durch Berechnungen und Abstraktionen gekennzeichnet. An den Platz wo früher Worte waren sind Zahlen getreten, die Mensch und Natur zu reinen Dingen machen. Um diesen Gedankengang zu verstehen ist es wichtig, die Theorien von Freud, Weber, Marx und Lukacs zusammenzudenken. Der Abstraktionsprozess des Geldes (Marx) führt zur Rationalisierung der Produktionsabläufe (Weber), diese führt wiederum zur Triebunterdrückung und Disziplinierung des Menschen, welche ein kulturelles Unbehagen zur Folge haben (Freud). Dieser Verdinglichungsprozess (Lukacs) führt letztendlich dazu, dass Menschen in einer instrumentellen Beziehung zueinander und zur Natur treten. So ist Verdinglichung die Abstraktion des Menschen zu einem reinen Marktwert, Subjektivität wird dadurch negiert: „Nicht bloß mit der Entfremdung der Menschen von den beherrschten Objekten wird für die Herrschaft bezahlt: mit der Versachlichung des Geistes wurden die Beziehungen der Menschen selber verhext, auch die jedes Einzelnen zu sich. Er schrumpft zum Knotenpunkt konventioneller Reaktionen und Funktionsweisen zusammen, die sachlich von ihm erwartet werden. Der Animismus hatte die Sache beseelt, der Industrialismus versachlicht die Seelen. Der ökonomische Apparat stattet schon selbsttätig, vor der totalen Planung, die Waren mit den Werten aus, die über das Verhalten der Menschen entscheiden.“ (ebd., S. 34) Diesen Prozess versuchen Horkheimer und Adorno durch den Mythos des Odysseus zu veranschaulichen. Odysseus muss sich auf seiner Reise vielen Gefahren und Aufgaben stellen, die er nur durch Vernunft und List lösen kann. Dabei muss er seine Gefühle und Gelüste unterdrücken und das Leben seiner Gefährten opfern. Er verleugnet sich selbst um ans Ziel zu kommen. (Schwandt 2010, S .93) Als Odysseus und seine Gefährten an den Sirenen vorbeifahren, verstopft er ihnen die Ohren mit Wachs und lässt sich selbst an einem Mast binden, um dem Gesang der Sirenen lauschen zu können. Odysseus wird „im Leiden mündig.“ (Horkheimer/ Adorno 2011, S39) Um an sein Ziel zu kommen unterwirft er sich seiner Vernunft und benutzt seine Gefährten als Instrumente. Damit die Natur ihn nicht beherrschen kann muss er sich und 17 theodor W. adorno andere beherrschen, dadurch entfremdet er sich zuletzt auch von der Natur: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“ (ebd., S. 56) Die Theorie der instrumentellen Vernunft, die in einem der vorherigen Kapitel erläutert wurde, ist an dieser Stelle sehr wichtig. Adorno und Horkheimer erklären, dass Aufklärung im Kantschen Sinne nicht zur Mündigkeit geführt hat sondern zu einer reinen subjektivistischen Vernunft der Selbsterhaltung. Besonders Nietzsches Philosophie und De Sades Romanfiguren seien das Gegenbild zur kantischen Vernunft. Bei Nietzsche und De Sade verwandelt sich die Aufklärung zu einer Antireligiosität, die zur Verneinung aller in der Religion enthaltenen Prinzipien führt. Moralische Werte werden bei De Sades Romanfigur Juliette einfach umgekehrt oder verneint. Sie verehrt das Laster und benutzt die Vernunft zur Schaffung von Vorteilen. Nietzsche hingegen kehrt die christliche Mitleids Ethik in ihr Gegenteil um und feiert eine neue Herrenmoral: „Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Nietzsche 2012 ,S. 821) Horkheimer und Adorno erwähnen dazu: „Die Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen, nicht vertuscht, sondern in alle Welt geschrien zu haben, hat den Haß entzündet, mit dem gerade die Progressiven Sade und Nietzsche heute noch verfolgen. (…) Indem die mitleidlosen Lehren die Identität von Herrschaft und Vernunft verkünden, sind sie barmherziger als jene der moralischen Lakaien des Bürgertums.“ (Horkheimer/ Adorno 2011, S. 127) Eine weitere Thematik, die im Buch Dialektik der Aufklärung entfaltet wird ist die Theorie der Kulturindustrie. Die Kulturindustrie ist in erster Instanz ein geschichtlicher Moment, der erst dann auftauchte als die Produktivkräfte des Kapitalismus soweit entwickelt waren, dass Produkte als Massenwaren verkauft werden konnten. Durch eine solche Entwicklung wurde die materielle Kultur von der geistigen Kultur getrennt, d.h. die Produktion von kulturellen Werten und Gebrauchsgegenständen lief nicht mehr simultan ab. Die Industrie war nun in der Lage kulturelle Produkte von außen an die Bevölkerung zu brin- 18 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe gen. Der Gebrauchswert der kulturellen Produkte verwandelt sich in einen Tauschwert. Nicht mehr der kulturelle Nutzen war wichtig für die Produktion sondern das Geld, dass diese veräußerte. Deswegen drückte sich der Wert eines Kulturgutes nicht mehr dadurch aus, dass es gebraucht sondern wie oft es verkauft wurde. Die Qualität wurde durch Quantität ersetzt. Kultur wird zum standardisierten Konsumgut. Durch Massenproduktion gleicht sich die materielle Kultur überall auf der Welt an. Darum wird auch Kunst zum reinen Konsumgegenstand und verliert ihren Wert an sich: „Was man den Gebrauchswert in der Rezeption der Kulturgüter nennen könnte, wird durch den Tauschwert ersetzt, anstelle des Genusses tritt Dabeisein und Bescheidwissen, Prestigegewinn anstelle der Kennerschaft. Der Konsument wird zur Ideologie der Vergnügungsindustrie, deren Institutionen er nicht entrinnen kann. Alles hat nur Wert, sofern man es eintauschen kann, nicht sofern es selbst etwas ist. Der Gebrauchswert der Kunst, ihr Sein, gilt ihnen als Fetisch, und der Fetisch, ihre gesellschaftliche Schätzung, die sie als Rang der Kunstwerke verkennen, wird zu ihrem einzigen Gebrauchswert, der einzigen Qualität, die sie genießen. So zerfällt der Warencharakter der Kunst, indem er sich vollends realisiert.“ (ebd., S. 167) Kultur wird zur reinen Unterhaltungsindustrie um die Dynamik des Kapitalismus am Laufen zu halten. Nun hat die Kulturindustrie eine zusätzliche Funktion welche Adorno und Horkheimer als Massenbetrug bezeichnen. Dadurch, dass die Industrie Kultur von außen an die Menschen bringen kann, kann sie sie auch manipulieren. Von außen an den Menschen bringen bedeutet, dass Kultur durch die Industrie entwickelt wird und durch den Verkauf erst in die Gesellschaft gelangt. Kultur also nicht in gesellschaftlichen Situationen des Bedarfs entsteht, sondern von jenen losgelöst in den verdinglichten Verhältnissen der Fabrik. Die Manipulation erfolgt dadurch, dass mit der Produktion von Waren auch Werte oder Lebensstiele entäußert werden können, um Menschen zu beeinflussen oder sie zum Kauf zu bewegen. Dies geschieht zum Beispiel durch Werbung, Effekte oder den vorproduzierten Lachern in Fernsehserien. Kulturindustrie kann aber nicht nur materielle Kultur an den Menschen bringen, sondern auch neue kulturelle Werte produzieren. Das beste Beispiel dafür ist der Weihnachtsmann der als 19 theodor W. adorno Werbeprodukt von Coca Cola erfunden wurde um Waren zu veräußern und sich dann zu einem Teil der geistigen Kultur in vielen Ländern entwickelt hat. Ideologie und Entfremdung werden in diesem Sinne Teil der Konsumsphäre. Fortschrittskritik und Positivismusstreit Der Positivismusstreit der deutschen Soziologie fand 1961 in Tübingen statt und benennt eine sozialwissenschaftlich methodologische Auseinandersetzung zwischen Popper und Adorno. Ersterer vertrat die Theorie des kritischen Rationalismus, die an dem der Naturwissenschaften entlehnten Falsifikationsprinzip orientiert ist. Nach Popper gilt es sich durch die Falsifikation von Hypothesen immer weiter an die objektive Realität anzunähern. Adorno hingegen vertrat eine kritisch dialektische Methode die versucht die Gesellschaft in ihrer Totalität wahr zunehmen und auf ihren soziohistorischen Kontext zu reflektieren. So müssten empirische Daten und Beobachter selbst immer auf ihre gesellschaftlich und historische Enstehungszusammenhänge rückbezogen werden und dürften nicht als Objektiv gültiges Gesetz stehen bleiben. Kritik beziehe sich nach Adorno immer auf den Gegenstand selbst und auf dessen gesellschaftliche Bezogenheit. Er lehnt es ab Kritik als Verfahren von Versuch und Irrtum zu verstehen so wie es Popper in seinem Konzept des kritischen Rationalismus tut, vielmehr habe diese im Verhältnis von Theorie und Praxis gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen. Hieraus rührt auch die Kritik an der Theorie der Wertefreiheit von Weber. Nach Adorno sind gesellschaftliche Positionen immer schon durch Werte vorgeprägt, jene sollten nicht einfach ignoriert werden. Eine objektive positivistische Theorie ohne Werturteil ist mit Verdinglichung gleichzusetzen, da diese durch ihren Anspruch auf Objektivität, kritikunfähig wird und deshalb die herrschenden Verhältnisse stützt. Wissenschaft hat durch ihren Anspruch auf Wertefreiheit eine eigene Fortschrittsdynamik angenommen in der der Fortschritt um des Fortschritts Willen am Laufen gehalten wird. Ganz nach den Prinzipien der instrumentellen Vernunft wurden die Mittel wichtiger als die Zwecke. Adorno erwähnt dazu, dass die Wissenschaft durch den Fortschritt erzeugte Katastrophen immer wieder durch denselben Fortschrittswahn beseitigen will. Fortschrittskritik habe infolgedessen an der Dynamik 20 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe des Fortschritts selbst anzusetzen. Wirklicher Fortschritt ist für Adorno die Beendigung des Fortschritts selbst: „Fortschritt heißt: aus dem Bann heraustreten, auch aus dem des Fortschritts, der selber Natur ist, in dem die Menschheit ihrer eigenen Naturwüchsigkeit innewird und der Herrschaft Einhalt gebietet, die sie über Natur ausübt und durch welche die der Natur sich fortsetzt. Insofern ließe sich sagen, der Fortschritt ereigne sich dort, wo er endet“ (Adorno 1984, S. 103). „Dann verwandelt sich der Fortschritt in den Widerstand gegen die immerwährende Gefahr des Rückfalls. Fortschritt ist dieser Widerstand auf allen Stufen, nicht das sich Überlassen an den Stufengang.“ (ebd., S. 118) Das Individuum im Spätkapitalismus In Adornos späteren Schriften geht es vor allem um das Verschwinden des Individuums und den durch den gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang produzierten verdinglichten Verhältnissen. Der Verblendungszusammenhang gilt als gesellschaftliches Faktum, das durch den Warenfetischismus hervorgerufen wird. Der Fetisch führt zu einer allgemeinen Verblendung der Warenproduktion und deren Entstehungsprozesse. Die vollständige Verdinglichung der Gesellschaft durch den Kapitalismus produziert eine verzerrte Wirklichkeit, die von niemandem restlos durchschaut werden kann. Kritiker haben besonders Adorno vorgeworfen er sehe sich selbst im Gegensatz zum Rest der Menschheit als privilegiert an gesellschaftliche Verblendungsprozesse durchschauen zu können. Eine solche Kritik führt jedoch auf ein Missverständnis seiner Theorie zurück. Adorno versucht zwar die Funktion von gesellschaftlichen Verdinglichungsprozessen zu beschreiben, nicht aber den Produktionsprozess der unterschiedlichen Waren selbst, hier ist auch Adorno Opfer des Verblendungszusammenhangs, da er nicht in der Lage ist das Faktum des Warenfetischismus zu durchschauen. Die Ware selbst tritt mit einem Preis versehen vor Adorno und verrät nichts von ihrem Produktionsprozess. Die Theorie des Warenfetischismus wird von Adorno durch die Theorie der Kulturindustrie ergänzt. Diese ist wie in der Dialektik der Aufklärung beschrieben, in der Lage Ideologie zu produzieren, die Käu- 21 theodor W. adorno fer maßgeblich beeinflusst. Sie besitzt die Fähigkeit das gesamte Bewusstsein der Menschen zu verändern und ihnen ganze Lebensstile, Moden, Trends und Meinungen vorzuproduzieren. Dies geschieht wie oben ausführlich geschildert, durch das Faktum, dass Kultur und Waren nicht nach dem innersten Bedarf der Gesellschaft produziert werden sondern um den maximalen Profit zu veräußern. Adorno deutet die Theorie des Verdinglichten Bewusstseins von Lukács soweit um, dass er dem heutigen Individuum die Ich-Fähigkeiten abspricht. Anstatt sie zu fördern verkümmern sie vielmehr in der gegenwärtigen Gesellschaft „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen“ (Adorno 2003, S. 55), entgegnet Adorno in seiner Schrift „Minima Moralia“. Die gesellschaftliche Erscheinung nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete er im Anschluss an Werner Sombart als Spätkapitalismus. Trotz der Industrialisierung ganzer Lebensbereiche verteidigt Adorno die Theorie des Spätkapitalismus gegenüber dieser der Industriegesellschaft, da die gegenwärtige Gesellschaft immer noch nach kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten produziere. Nach diesen Gesetzmäßigkeiten ist der Profit immer noch wichtiger als der Bedarf. Dieser habe darüber hinaus zu einer alles durchdringenden Steuerung des Menschen geführt (Adorno 1975, S. 158-175). Die spätkapitalistische Gesellschaft ist in ihrer Totalität vom Waren- und Tauschprinzip durchdrungen, alles Individuelle ist von der Kulturindustrie vorprogrammiert, das alltägliche Leben wird zum beschädigten Leben. Die verwaltete Welt des Staatskapitalismus löst das Individuum auf. „Der Mechanismus der Reproduktion des Lebens, seiner Beherrschung und seiner Vernichtung ist unmittelbar der gleiche, und demgemäß werden Industrie, Staat und Reklame fusioniert.“ (ebd., S. 59) Die Kulturindustrie, der Staatsapparat und die verdinglichte Situation in der das Arbeitsverhältnis stattfindet führen zur vollständigen Determinierung menschlichen Lebens. „Der materielle Produktionsprozess als solcher offenbart sich am Ende als das, was er in seinem Ursprung im Tauschverhältnis, als einem falschen Bewusstsein der Kontrahenten voneinander, neben dem Mittel zur Erhaltung des Lebens zugleich immer schon war: Ideologie. Umgekehrt aber wird zugleich das Bewußtsein mehr stets zu einem bloßen Durchgangsmoment in der 22 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Schaltung des Ganzen. Ideologie heißt heute: die Gesellschaft als Erscheinung.“ (ebd., S. 60) Die kapitalistische Sozietät wirkt als natürliche Gegebenheit, Anthropologie ist in ihrem ursprünglichen Sinne gar nicht mehr möglich (Schwandt 2010, S. 103). Adorno verfolgt die Auswirkungen des Tauschprinzips in seiner „Minima Moralia“ bis ins Innere der Gesellschaft. So verändert sich das gesamte Wesen des menschlichen Zusammenlebens. In der „Minima Moralia“ geht es vor allem um die Verdinglichung der Alltagserfahrungen der Menschen und deren Beziehungen untereinander. Selbst die alltägliche Moral sieht Adorno im Antlitz des Kapitalismus dahinscheiden, an deren Stelle rekonstruieren sich Zweck-Mittel Beziehungen. In der vollständigen Verwaltung des Lebens gilt nach Adorno deshalb nur noch eins „der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten.“ (ebd. S. 283) Mit dieser Aussage verweist Adorno bereit auf sein philosophisches Hauptwerk die „Negative Dialektik“ die im folgenden Abschnitt behandelt wird. Negative Dialektik Mit der „Negativen Dialektik“ versuchte Adorno seine philosophische Methode darzulegen. Sie gilt als sein philosophisches Hauptwerk, da er darin seine erkenntnistheoretischen Überlegungen ausformuliert. Es zeigt sich die Darstellung seiner Philosophie als summa summarum seines Denkens in dem sich seine Heidegger Kritik, seine Positivismus Kritik, seine Hegel Kritik und seine Kant Rezeption vereinigen. Die „Negative Dialektik“ ist Adornos Versuch Kritische Theorie philosophisch und methodisch zu begründen, seine soziologischen Arbeiten, seine zusammen mit Horkheimer verfasste „Dialektik der Aufklärung“, die „Minima Moralia“, sowie seine „Ästhetische Theorie“ können alle unter dem Gesichtspunkt der „Negativen Dialektik“ gelesen werden. Am Anfang seines gewichtigen Werkes wendet er sich direkt an Marx und dessen Konstituierung von Theorie und Praxis. „Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“ (Adorno 2003b, S. 15) Hier nimmt er auf die nicht Verwicklung der marxistischen Utopie Bezug, auf die mo- 23 theodor W. adorno derne Zivilisation die statt in eine wahrhaft humanen Gesellschaft in Barbarei mündete, auf den sowjetischen Marxismus der Marxens Ideen pervertierte. Es stellt sich für Adorno nun die Frage, was bleibt von der marxschen Philosophie nach dieser barbarischen Wendung der Vernunft? Wie kann eine Philosophie aussehen, die nicht in die Instrumentelle Vernunft mündet, sich nicht dem Positivismus unterwirft, ist Philosophie im Angesicht von Ausschwitz überhaupt noch möglich? Adorno gibt auf die letzte Frage eine klare Antwort, ja Philosophie ist möglich aber nur nach dem negativen Gesichtspunkt der alles umfassenden Kritik. Aus dieser Überlegung heraus unterzieht er Hegels Dialektik einer radikalen Umdeutung, will aber am Konzept der dialektischen Methode angesichts des alles abstrahierenden Positivismus festhalten. Von Marx übernimmt Adorno die Ansicht, dass die ökonomische Entwicklung der Produktivkräfte die treibenden Kräfte des Fortschrittsprozesses sind, lehnt sein geschichtsdeterministisches Weltbild jedoch ab. Hegels Dialektik in der das Positive vor dem Negativen gestellt wird, weil es eine Identität in der Wirklichkeit besitzt, wird von Adorno die Dialektik der Nichtidentität gegenübergestellt. Er richtet sich gegen Theorien, die sich selbst als Maß des absoluten Wahrheitsanspruches bezeichnen. Er sieht im begrifflichen Denken, selbst schon Verdinglichung, alles identifizierende denken ist eine Form von Entfremdung. Die Negation der Negation kann nicht erzwungen werden, sonst schlägt diese Zwangsmäßig in Barbarei um (vgl. Klein/ Kreuzer/ Müller-Doohm 2011, S. 319 – 321). „Es handelt sich um den Entwurf einer Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt und auch nicht in ihm terminiert, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, und ihre Unversöhntheit artikulieren will.“ (Adorno 2007, S. 15f) Oder mit der Umdeutung von Hegel ausgedrückt, „das Ganze ist das Unwahre“ (Adorno 2003a, S.55). Adorno schließt deshalb das Dialektik sich nicht in der Synthese von These und Antithese aufheben muss. Vielmehr solle die Aufhebung nicht durch den Anspruch auf Kausalität erzwungen werden, denn dadurch berge diese die Gefahr durch Spekulation nicht zu einer positiven Aufhebung, sondern in eine neue totali- 24 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe täre Gesellschaft zu führen. „Auch im Äußersten ist Negation der Negation keine Positivität.“ (Adorno 2003b., S. 385) Hierher rührt auch der Unwille Adornos eine neue Utopie für die moderne Gesellschaft zu entwerfen. Er will durch seine negative Dialektik viele mehr in der Negativität der Wirklichkeit verharren und deren Widersprüchlichkeit in ihrem vollen Ausmaß darlegen. Die negative Dialektik bleibt in der Negation der Position bestehen ohne sich in eine neue Position zu transzendieren, vielmehr will sie durch die Negation auf etwas mögliches besseres außerhalb des Denkens hindeuten. Die Nichtidentität gilt deshalb als Verteidigung der Objektivität, die diese vor der instrumentellen Identitätswerdung beschützt. „Philosophie ließe, wenn irgend, sich definieren als Anstrengung, zu sagen, wovon man nicht sprechen kann; dem Nichtidentischen zum Ausdruck zu helfen, während der Ausdruck es immer doch identifiziert.“ (Adorno 1963., S. 336) Mit dem Vorrang aufs Objekt nimmt Adorno auf die Metaphysik Kants Bezug. Er ist mit ihm soweit einig indem er die Welt als Konstruktion des Ichs begreift. Also, dass das Objekt nur vom Subjekt aus gedacht werden kann. Daran anschließend bezeichnet er die Metaphysik Kants als „Guckkastenmetaphysik“ (Adorno 2003b, S.143), die die Welt nur aus der Sicht eines Guckkastens erfassen kann, nie als allumfassende Objektivität. Wirklichkeit kann nicht als logische Beschreibung von Erfahrung abgetan werden. Hier wird auch seine Kritik an Heideggers Fundamentalontologie sichtbar, der die Welt vom Sein aus als Wesen aller Dinge beschreiben will. Dabei sind seine Wesensschau und seine Konstruktionen neuer Begrifflichkeiten von Ideologie behaftet. Seine neu eingeführten Begriffe zur Beschreibung des Seienden „klingen, wie wenn sie ein Höheres sagten, als was sie bedeuten“ (vgl. ebd., S. 419); sie versprechen die „Himmelfahrt des Wortes, als wäre der Segen von oben in ihm zu lesen.“ (vgl. ebd., S. 420) Wie ist Metaphysik dann laut Adorno möglich? Metaphysik kann nur unter dem Gesichtspunkt gesellschaftlicher Prinzipien angewandt werden. Sie verwirklicht sich durch Nichtidentität gesellschaftlicher Erfahrung oder anders gesprochen, in unserer modernen Gesellschaft im Angesicht des Faktums von Ausschwitz ist Metaphysik nur unter der Negation traditioneller Metaphysik möglich. Wahre Sinnsuche kann in 25 herbert Marcuse einer verdinglichten Gesellschaft, wie sie sich in der moderne Zivilisation zeigt nicht funktionieren, also kann nach Adorno gesprochen Metaphysik nur als Sinnsuche im falschen Leben beschrieben werden (vgl. Schweppenhäuser 2010, S. 50 – 53). Die „Metaphysische Erfahrung erhält sich negativ am Leben, zum Beispiel in der jedem wohlvertrauten Frage ist das denn alles?“ (ebd., S. 52) Herbert Marcuse Versucht man Marcuses theoretischen Werdegang nachzuzeichnen ist dieser unmittelbar mit drei Namen verbunden: Heidegger, Freud und Marx. Zu Beginn seines philosophischen Schaffens muss man Marcuses Beziehung zu Martin Heideggers Philosophie darlegen, dieser war in den 20iger Jahren neben Edmund Husserl sein philosophischer Lehrer. Marcuse begann jedoch schon früh die Theorie Heideggers umzudeuten und sie aus einem historisch dialektischen Blickwinkel zu betrachten. Er übernimmt Heideggers Begriff der Existenz und lenkt diesen in materialistisch, geschichtsphilosophische Bahnen, die von Marx und Hegel beeinflusst sind. Durch diesen Versuch wurde Marcuses Philosophie oft als Heideggermarxismus bezeichnet. Dieser Begriff wird Marcuse keines Falls gerecht, vernachlässigt jener doch den Einfluss eines anderen großen Lehrers, nämlich von Freud. Waren die Schriften vor dem Zweiten Weltkrieg besonders von Hegel, Marx und Heidegger beeinflusst, waren jene nach dem Weltkrieg durch den Versuch einer Synthese von Marx und Freud gekennzeichnet. Nichts destotrotz behielten seine Gesellschaftsanalysen immer auch Elemente der heideggerschen Philosophie. „Triebstruktur und Gesellschaft“ kann man als Versuch lesen die Metapsychologie Freuds auf die westliche Gesellschaft anzuwenden. Sie kann auch als indirekte Huldigung der Theorie Freuds angesehen werden, da Marcuse sein Buch als Studie zu Freuds Psychoanalyse verstand. Freuds Thesen wurden darin radikalisiert und soweit gedehnt bis sie mit der marxschen Entfremdungstheorie übereinstimmten. Dadurch, dass er die Theorien Freuds so radikal interpretierte kam er auch in Kontroversen mit Fromm, diesen warf er vor Freuds Psychoanalyse zu einer konformistischen Theorie umgewandelt zu haben. Für Marcuse ist die Psychoanalyse in ihrer Grundausrichtung schon Gesellschaftstheorie und bedarf keiner soziologischen Revidierung wie sie 26 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Fromm vornimmt. Die Triebtheorie, die bei Fromm größtenteils durch gesellschaftliche Beziehungen ersetzt wird, ist nach Marcuse der Sitz der Radikalität in Freuds Lehre. Des Weiteren konstatiert er Fromm eine mystisch idealistische Aufladung in seiner psychoanalytischen Theorie, in dem er besonders in späteren Werken mit Begriffen wie gut und böse oder produktiv und unproduktiv Teile westlich Ideologischen Denkens übernimmt. Marcuse tat Fromm mit seiner Kritik jedoch überwiegend unrecht, da dessen Theorie besonders durch den Gehalt von Marx und seiner Psychoanalyse als Lehre des Menschen eine kritische Gesellschaftsanalyse beibehielt. Fromm betonte in der Antwort auf Marcuses Kritik er habe mit seiner produktiven Charakterorientierung, niemals eine Idealistische Position einnehmen wollen, seine Konzeption weise selbst schon auf eine bessere Gesellschaft hin, da der produktive Charakter nur in einer solchen zur freien Entfaltung kommen kann. Des Weiteren wirft Fromm Marcuse vor Freud nicht richtig verstanden und dessen Kulturtheorie selbst revisionistisch umgeformt zu haben. Marcuse spiele mit den Begriffen der Repression oder Regression ohne sich mit den klinischen Grundlagen oder den empirischen Forschungen zu Freud beschäftigt zu haben. Trotz Differenzen der beiden Denker gibt es einige Übereinstimmungen in deren Theorien, die von beiden nicht beachtet wurden. Marcuse ist darüber hinaus der einzige der hier dargestellten Denker der sich intensiv mit dem Sowjet Marxismus auseinandergesetzt hat und diesem eine Studie widmete in der er die Gründe für seinen Zusammenbruch schon vorausahnte. Sein gesamtes gesellschaftskritisches Denken kommt in der Schrift „Der Eindimensionale Mensch“ zur Vollendung, in dem er eine konsumkritische perspektive einnimmt. Konsumkritisch deshalb weil er der fortgeschrittenen Industriegesellschaft die Möglichkeit der Manipulation durch Massenkultur zuschreibt. Diesem Werk geht eine intensive Studie Max Webers voraus. Unverkennbar hat dessen Theorie der Rationalisierung Marcuse darin maßgeblich beeinflusst. Marcuse gilt als Vordenker der Studentenbewegungen der 60iger Jahre, der er besonders mit „Triebstruktur und Gesellschaft“ und dem Werk „Der Eindimensionale Mensch“ zwei radikale Manifeste der gesellschaftlichen Umwälzung vorgelegt hat. Er hielt viele verschiedene Vorträge vor den Studenten und nahm auch Themen wie Frauenbefreiung in sein 27 herbert Marcuse Denken auf. Mit den Aufsätzen „Repressive Toleranz“ und „Über die Befreiung“ lieferte er Analysen die besonders für die Studenten in deren Praxis der Revolte und deren Umgang mit den herrschenden Verhältnissen auf große Resonanz stießen. Auf die Pädagogik der 68iger hatte Marcuse nur indirekten Einfluss, d.h. aus seiner Gesellschaftsanalyse wurde nicht direkt eine pädagogische Theorie entwickelt. Unter anderem wurde die Theorie der sexuellen Befreiung aus seinen Schriften abgelesen, die jedoch an statt in eine emanzipierte in eine ökonomisierte Sexualität führte. Triebstruktur und Gesellschaft In seinem Werk „Triebstruktur und Gesellschaft“ zeichnet Marcuse das „Unbehagen in der Kultur“, welches von Freud beschrieben wurde, nach. In dieser Theorie entwickelt der Mensch Kultur durch Unterdrückung seiner Triebe. Das Lustprinzip, welches nach vollständiger Befriedigung seiner Triebe strebt wird durch das Realitätsprinzip das sich aus Normen, Kultur und soziale Beziehungen zusammensetzt, unterdrückt. In der Ontogenes werden die libidinösen sexuellen und die Ich- Selbsterhaltungstriebe, durch die gesellschaftliche Herrschaft zurückgedrängt. Die Unterdrückung des Lustprinzips führt zu einer Schwächung des Eros (Lebenstrieb) und den damit einhergehenden aufkommen des Thantos (Todestrieb) der für menschliches Unheil und Krieg verantwortlich ist. „Die freie Befriedigung der Triebansprüche der Menschen ist unvereinbar mit einer zivilisierten Gesellschaft: Triebverzicht und Aufschub der Befriedigung sind die Voraussetzungen des Fortschritts.“ (Marcuse 2004, Bd. 5, S. 11) Im Gegensatz zu Freud ist für Marcuse „das Unbehagen der Kultur“ aber nicht ausnahmslos in der menschlichen Natur eingeschrieben. Das heißt deren Triebunterdrückung ist nicht automatisch Konsequenz der Kulturaneignung des Menschen. Vielmehr ist dieses Unbehagen einzig Voraussetzung der modernen Gesellschaft und deren zivilisatorischen Prinzipien. Diese Annahme gewinnt er durch eine geschichtsreflexive Lesart Freuds. Marcuse gelingt es damit auch die Philosophie Adornos und Horkheimers zu überschreiten, da er die von ihnen dargeleg- 28 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe te „Dialektik der Aufklärung“ epochenhistorisch umdeutet. So kommt er auch zur Erkenntnis, dass in der Geschichte verschiedene Formen des Realitätsprinzips vorherrschten. Damit ihm diese Interpretation der Gedanken Freuds vollständig gelingt muss er aber noch zwei neue Begrifflichkeiten in dessen Kulturanalyse einfügen: das Leistungsprinzip und die Surplus Repression. Ersteres ist die historische Erscheinungsform des westlichen Realitätsprinzips, „das auf der Effizienz und der Fähigkeit beruht, in der Konkurrenz erfolgreich zu bestehen.“ (Marcuse 2004, Bd. 9, S. 131) Teil des Leistungsprinzips ist somit auch die Entfremdung des Menschen in der Arbeit und die verdinglichten Verhältnisse der Beziehungen der Menschen untereinander. Sie arbeiten für einen Produktionsapparat, den sie nicht selber lenken oder kontrollieren können, viel mehr beherrscht dieser sie aus den Prinzipien des Kapitals heraus. Während der Arbeit werden nicht die eigenen Bedürfnisse befriedigt, vielmehr wird darin das Lustprinzip stark unterdrückt. Die dadurch entstandene Unterdrückung der Triebe wirkt nicht durch Entladung auf den Aggressionstrieb, vielmehr Empfindet der Mensch diese als äußere objektive Gesetzmäßigkeit die das Leben des Individuums bereichert. Außerhalb der entfremdeten Arbeit gibt es nach Marcuse die Möglichkeit nach dem Lustprinzip zu leben. Jedoch lässt sich das Lustprinzip nicht durch die Zerstückelung der Zeit beherrschen es ist vielmehr zeitlos. Die mechanischen Arbeitsleistungen des langen Arbeitstages führen vielmehr zu einer Abspannung und Erholung von der Arbeitszeit in der Freizeit. Das Individuum wird dadurch passiv und kann sich nichtmehr oder nur zum Teil auf die Befriedigung der Triebe des Lustprinzips konzentrieren. In der industriellen Zivilisation der Massenkultur geht die Entladung des Lustprinzips auf die Lenkung der Unterhaltungsindustrie über. Somit haben Markt und Staat auch die Lenkung der Triebe in der Freizeit übernommen. Der Todestrieb kann gesellschaftlich nicht so stark kontrolliert werden wie der Lebenstrieb, er zeigt sich in seinen abgeleiteten Manifestationen in der Herrschaft des Menschen über den Menschen im Zustand des Sadomasochismus und als Herrschaft des Menschen über die Natur in Form der positivistischen Wissenschaft. Daran knüpft auch Marcuses Konzept der Surplus Repression an, hierunter summiert er alle „durch die soziale Herrschaft notwendig gewordene Beschränkungen. Sie unterscheiden sich von der (Grund) Unterdrü- 29 herbert Marcuse ckung, der Triebmodifizierung, die für das Fortbestehen der menschlichen Rasse in der Kultur unerlässlich ist.“ (Marcuse Bd. 5, S. 38) Er definiert diese als die zusätzliche Lenkung und Machtausübung über Menschen durch besondere Institutionen der Herrschaft (vgl. ebd., S. 40). In der Surplus Repression manifestiert sich die Herrschaft von Menschen über Menschen, hierzu zählt er unter anderem die hierarchische Arbeitsteilung, die patriarchale Familienstruktur und die öffentlich oder private Kontrolle des Einzelnen. Alle Modifikationen und Ablenkungen von Triebenergien, die einer Institution, die einem bestimmten Realitätsprinzip zugehörig ist, zur Aufrechterhaltung dienen, sind Ausdruck zusätzlicher Unterdrückung. (vgl. ebd., S. 40) In diesem Sinne könnte man auch die Schule als Institution reiner Surplus Repression deuten. Freud hat die Ananke(Lebensnot) als Ursprung des Realitätsprinzips begründet. Die Repression der Triebe sei deshalb gerechtfertigt, weil die Subjekte deren Befriedigung nicht ohne Arbeit erreichen können. So ist das Realitätsprinzip nur unter einem ökonomischen Gesichtspunkt sinnvoll, da jedes der Gesellschaftsmitglieder arbeiten muss um Lebensmittel zu erhalten. Hier legt Marcuse Einspruch ein und erklärt, dass Freud aus einer historischen Begebenheit auf die Natur des Realitätsprinzips geschlossen hat. Marcuse sieht die Gesellschaft viel mehr in einer Entwicklung angelangt in der nur mehr ein Minimum an Arbeit nötig ist um das Realitätsprinzip aufrechtzuerhalten. Deshalb skizzierte er eine Gesellschaft jenseits des Realitätsprinzips. „Gerade der Fortschritt der Kultur und Zivilisation unter dem Leistungsprinzip hat einen Stand der Produktivität mit sich gebracht, angesichts dessen die Ansprüche der Gesellschaft auf Verausgabung von Triebenergie in entfremdeter Arbeit um ein Beträchtliches vermindert werden könnte(n). Infolgedessen erscheint die fortgesetzte unterdrückende Organisation der Triebe weniger durch den »Kampf ums Dasein« erzwungen als durch ein Interesse an der Verlängerung dieses Kampfes – ein Interesse der Herrschaft.“ (ebd., S. 129) Marcuse verweist also auf eine Welt in der die Entfremdung in der Arbeit durch den Stand der Produktivkräfte bis zu einem gewissen Grade vermieden werden könnte und auf das Notwendigste reduzierbar ist. 30 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Der Eros wäre in einer solchen Gesellschaft in großem Ausmaß von der Triebunterdrückung befreit. Nun sieht er sich vor der Aufgabe gestellt zu klären wie auch die Surplus Repression als Zeichen gesellschaftlicher Herrschaft verändert werden kann. Er zeichnet deshalb mit Hilfe der ästhetischen Phantasie eine andere neue Form des Realitätsprinzips nach. In Orpheus und Narziss sieht er die Prinzipien dieser neuen Kultur verwirklicht. Diese Urbilder stehen für die neu erworbene Einigkeit mit der Welt ohne den Rückfall in den Naturzustand, sie markieren die große Weigerung von der aus eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit möglich ist. Sie treten in Kontakt mit der Welt durch das Spiel und feiern eine befreite Sexualität und einen vollendeten Eros. Marcuse spricht in diesem Zusammenhang von Selbst-Sublimierung. Arbeit könnte nach dem frei werden solch großer Mengen an Freizeit den Charakter des Spiels annehmen und der Mensch könnte sich durch ästhetische Welterfahrung wie wir sie von der künstlerischen Betätigung kennen, in einer neuen Form menschlicher Arbeit verwirklichen. Marcuse entwirft hier ein utopisches Bild der Gesellschaft das nur schwer in die Praxis umgesetzt werden kann, jedoch ist ihm mit „Triebstruktur und Gesellschaft“ eine Gesellschaftsanalyse gelungen die den negativen Charakter der „Dialektik der Aufklärung“ überwindet. Der eindimensionale Mensch Marcuse schließt mit „Der eindimensionale Mensch“ an die kritischen Untersuchungen in „Triebstruktur und Gesellschaft“ an, richtet darin jedoch vermehrt das Augenmerk im Sinne Webers auf Rationalisierung und auf die Manipulation des Individuums durch vorproduzierte Massenkultur. Die Gesellschaft und mit ihr die Individuen und die Wissenschaft zeichnen sich durch eine Eindimensionalität im Denken aus. Dies bedeutet, dass sich die Menschen keine andere, bessere Gesellschaft mehr vorstellen können und ihr Denken immer geradeaus in eine Richtung verläuft. Die fortgeschrittene Industriegesellschaft ist eine Gesellschaft ohne Opposition. Die Wissenschaft verharrt in ihrem positivistischen Weltbild das sich auf Quantität des empirischen Denkens ohne Werturteilt stützt und somit irrationale Rationalität produziert. Der soziale Wandel wird dem Fortschritt untergeordnet und nimmt immer rascher sich reproduzierende Dynamiken an. Bestimmt 31 herbert Marcuse wird die Richtung von der alles durchdringenden ökonomisch technokratischen Rationalität der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Marcuse skizziert in seiner Gesellschaftstheorie zuerst die Konstitution der bestehenden eindimensionalen Gesellschaft und verbindet diese mit dem von ihr produzierten eindimensionalen Denken in den Individuen. Sozialrepressive Faktoren werden dargestellt um darauf folgend in der Psyche wirkende gesellschaftliche Manipulationstendenzen im Denken der Subjekte zu benennen. Die eindimensionale Gesellschaft wird dabei durch vier Faktoren Opfer totaler Verwaltung: • Durch die technokratische Maschinerie der Massenmedien, die ihre Logik aus der Zweckrationalität der Ökonomie speist. Hierzu zählt der durchrationalisierte kapitalistische Apparat der entfremdeten Arbeit. Die Gesellschaft ist dazu in der Lage immer neu Bedürfnisse zu erschaffen oder bestehende Bedürfnisse die nach Befriedigung streben umzuwandeln. • Durch die Abriegelung des politischen, die sich durch den Wohlfahrts- und Kriegsstaat präsentiert. „Ein solcher Staat scheint imstande, den Standard des verwalteten Lebens zu heben, ein Vermögen, das allen fortgeschrittenen Industriegesellschaften innewohnt, bei denen das Funktionieren des hochmodernen technischen Apparats – als getrennte Macht gegenüber den Individuen aufgerichtet – von der intensivierten Entwicklung und Expansion der Produktivität abhängt. (…) Bei all seiner Rationalität ist der Wohlfahrtsstaat jedoch ein Staat der Unfreiheit, weil seine totale Verwaltung eine systematische Beschränkung a) der »technisch« verfügbaren freien Zeit ist38; b) der Quantität und Qualität »technisch« für lebenswichtige individuelle Bedürfnisse verfügbarer Güter und Dienstleistungen; c) der (bewußten und unbewußten) Einsicht, die imstande wäre, die Möglichkeiten der Selbstbestimmung zu begreifen und zu verwirklichen.“ (Marcuse 2004, Bd. 7, S. 68f.) Der Kriegsstaat agiert durch den Wettstreit mit den kommunistischen Ländern als Antriebsmechanismus des Fortschritts und beeinflusst massiv Individuen durch Hochrüstung und ständige Bereitschaft auf Krieg (diese Entwicklung läuft in der heutigen Zeit 32 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe verdeckter ab als zu Marcuses Zeiten, da es den direkten kommunistischen Feind nicht mehr gibt.) • Durch die „repressive Entsublimierung“, in der er besonders die menschliche Sexualität verfallen sieht. In der fortgeschrittenen Industriegesellschaft gibt es eine merkliche Liberalisierungstendenz der Sexualität, sie wird nicht mehr direkt unterdrückt sondern indirekt durch die Manipulation der technokratischen Rationalität in Bahnen geleitet. Die frei gewordenen sexuellen Fantasien werden von der Kulturindustrie vorprogrammiert und unter die Verwertung ökonomischer Prinzipien gestellt. „Diese Sozialisierung widerspricht der Enterotisierung der Umwelt nicht, sondern ergänzt sie. Das Sexuelle wird in die Arbeitsbeziehungen und die Werbetätigkeit eingegliedert und so (kontrollierter) Befriedigung zugänglich gemacht. Technischer Fortschritt und ein bequemeres Leben gestatten, die libidinösen Komponenten in den Bereich von Warenproduktion und – austausch systematisch aufzunehmen.“ (ebd., S. 94) • Durch die Vereinnahmung der Sprache, die auf Grund von Funktionalisierung, Vereinheitlichung und Abkürzung der Kommunikation eine Verkürzung des Denkens fördert, das sich zu Eindimensionalität entwickelt. Hierzu zählt auch die abstrakte Vereinheitlichung der Sprache in der Wissenschaft, die durch Wertefreiheit und Empire ein quantifizierbares Denken fördert. Nun gilt es die gesellschaftliche Entwicklung im Denken der Menschen darzustellen, die psychogenetische Reaktionen auf die oben dargestellt Prinzipien der totalen Verwaltung im Individuum nachzuzeichnen. Um diese Entwicklung zu skizzieren muss man negatives von positivem Denken unterscheiden. Ersteres definiert sich durch zweidimensionale Entfaltung. Es kann die Wirklichkeit negieren und ist in der Lage diese zu überschreiten. Das Denken erfasst die Wirklichkeit in ihrem Sein und kann sie in ihrem Sollen transzendieren. Phantasie als aktive Erfahrungsinstanz und Verwirklichungspotential, welche in dialektischer Beziehung zu Wirklichkeit tritt und die Konflikte von Sein und Sollen zu lösen versucht. Eben dieses Denken sieht Marcuse durch die gesellschaftliche Rationalisierung im Auflösen begriffen. Ökonomische quantifizierbarkeit 33 herbert Marcuse und Mathematisierung, abstrahierende Empirie in der positiven Wissenschaft lenken das Denken in eindimensionale Bahnen. Dazu kommt die Konsumindustrie, die vorproduzierte Bedürfnisse in den Individuen einpflanzt und somit auch ihre Freizeit verwaltet. Das Denken ist Opfer totaler Verwaltung. „Die gegebene Wirklichkeit hat ihre eigene Wahrheit; die Anstrengung, sie als solche zu begreifen und über sie hinauszugehen, setzt eine andere Logik, eine widersprechende Wahrheit voraus. Sie gehören Denkweisen an, die ihrer ganzen Struktur nach nichtoperationell sind; sie sind dem wissenschaftlichen operationalismus ebenso fremd wie dem gesunden Menschenverstand. Ihre geschichtliche Konkretheit widersetzt sich der Quantifizierung und Mathematisierung auf der einen Seite, dem Positivismus und Empirismus auf der anderen. So erscheinen diese Denkweisen als ein Überbleibsel der Vergangenheit wie alle nichtwissenschaftliche und nichtempirische Philosophie. Sie weichen einer wirksameren Theorie und Praxis der Vernunft.“ (ebd., S.158) Das Ich der Menschen in der eindimensionalen Gesellschaft schrumpft auf ein Minimum und verkümmert, es ist nicht mehr in der Lage etwas außerhalb der gegebenen Gesellschaft zu denken. Durch die Verdinglichungswirkung der technologischen Rationalität werden Mensch und Natur ersetzbare Objekte in der Maschinerie des Apparats der totalen Verwaltung. Durch Konsum, der als vorproduziertes Bedürfnis Genuss bereitet, ordnen sich Individuen widerspruchslos ins System ein und übersehen dessen Ungerechtigkeiten. Marcuse sieht angesichts des total verwalteten und in seinem Ich verkümmert Subjekts immer noch eine kleine Chance auf Befreiung, die er mit dem Begriff der großen Weigerung zu umschreiben versucht. Dazu bedarf es der Bewusstmachung gesellschaftlicher Ideologie und deren Negation im Denken und Handeln. Diese beinhaltet die Kritik am Bestehenden und die bewusste Verweigerung die gesellschaftliche Maschinerie aufrecht zu erhalten und zu stützen. Vielmehr soll die Suche nach einem qualitativen anderen beginnen. Marcuses Philosophie der Befreiung ist umgeben von einem pessimistischen Unterton, der die gesellschaftliche Änderung der Verhältnisse als schwer zu erreichendes Ziel beschreibt. Durch die affirmative Kraft des eindimensionalen Denkens könne jeder frei erkämpfte Raum und jede Handlung zur Errich- 34 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe tung einer neuen Gesellschaft wieder unter die Logik der ökonomisch Technokratischen Rationalität suggeriert werden. Selbst die Kommunikation ist vollkommen verwaltet und kann nur noch durch die Abnormen der Dichtung und Ästhetik gerettet werden. „Die Philosophie der Gegenwart ist selten zu einer authentischeren Formulierung des Konflikts zwischen ihrer Absicht und ihrer Funktion gelangt. Das sprachliche Syndrom aus »Schönheit«, »ästhetischer Sinn« und »Wüstenlandschaft« beschwört die befreiende Atmosphäre von Nietzsches Denken und durchbricht Gesetz und Ordnung, während die »Brutstätte für unordentliche Elemente« zu der Sprache gehört, die von Fahndungs- und Nachrichtenbehörden gesprochen wird. Was vom logischen Gesichtspunkt als unschön und unordentlich erscheint, kann durchaus die schönen Elemente einer anderen Ordnung umfassen und damit ein wesentlicher Teil des Materials sein, aus dem philosophische Begriffe gebildet werden“. (ebd., S. 228) Erich Fromm Erich Fromm war ein sehr eigenständiger Denker der Frankfurter Schule. Er verband Marx und Freud in einer einzigartigen Weise und entwickelte daraus sein eigenes Konzept der Psychoanalyse. Deshalb wurde ihm in den 40iger Jahren, vor allem von Adorno (später auch von Marcuse) Revisionismus der Psychoanalyse Freuds vorgeworfen. Dies führte letztendlich zum Bruch mit der Frankfurter Schule, Fromm jedoch arbeitete an seinem eigenen Konzept der Kritischen Theorie bis an sein Lebensende weiter. Im Gegensatz zu den restlichen Theoretikern der Kritischen Theorie nimmt Fromm verstärkt auf religiöse und humanistische Themen Bezug. In den Anfangsjahren der Frankfurter Schule war er dafür verantwortlich die sozialpsychologische Charakterologie des Instituts für Sozialforschung auszuarbeiten. Nach Fromm beeinflussen die sozioökonomischen Verhältnisse die Psyche des Menschen und ergeben einen spezifischen, die herrschenden Verhältnisse stützenden Gesellschaftscharakter. Dieser umfasst im Gegensatz zum individuellen Charakter, „nur eine Auswahl von Zügen: den Wesenskern der Charakterstrukturen der 35 erIch FroMM meisten Gruppenmitglieder, welcher sich als Ergebnis der dieser Gruppe gemeinsamen Lebensweise und Grunderlebnisse entwickelte“ (Fromm 2012a, S. 200). Der Sozialcharakter formt sich also nach gesellschaftlichen, klassen- und milieuspezifischen Grundlagen. Die Gesellschaft reproduziert dabei den Charakter den sie für ihren Fortbestand braucht. Jede Wirtschaftsform benötigt darauf aufbauend einen speziellen Charaktertyp. An diesem Punkt nimmt Fromm auf Weber Bezug und betont das besonders der Kapitalismus des 19 Jh. einen sparsamen, fleißigen, asketischen Menschen brauchte. Die Religion des Protestantismus die solche Werte hochhielt, spielte dadurch bei der Formierung dieses Charaktertyps eine Maßgebende Rolle: „Dem Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts ging es noch hauptsächlich um die Akkumulation von Kapital und daher um das Sparen. Er musste daher Disziplin und Stabilität durch autoritäre Grundsätze in Familie, Religion, Industrie, Staat und Kirche untermauern. (…) Der heutige Gesellschafts-Charakter ist ein ganz anderer. Die gegenwärtige Wirtschaft gründet sich nicht auf Konsumeinschränkung, sondern auf einen größtmöglichen Konsum. (…) Der Gesellschafts-Charakter des neunzehnten Jahrhunderts ist heute nur noch in den rückständigen Schichten Nordamerikas zu finden. Das wichtigste Ziel dieses Gesellschafts- Charakters ist das Haben, das des heutigen das Verbrauchen.“ (Fromm 2006, S. 88f) Für Fromm kommt der Familie die Aufgabe zu, den von der Gesellschaft benötigten Charaktertyp zu erzeugen. Sie wird zum psychologischen Agens der Gesellschaft in dem Werte und Normen der Gesellschaft vermittelt werden. In der sekundären Sozialisation, halten Staatsapparat, Religion, Justiz, Wirtschaft und Arbeitsverhältnis diesen aufrecht: „Der Charakter des Kindes wird durch den Charakter der Eltern geformt, deren Art entsprechend es sich entwickelt. Der Charakter der Eltern und ihre Erziehungsmethoden werden wiederum durch die gesellschaftliche Struktur ihres Kulturraumes bestimmt. In der Regel ist die Familie das ‚psychische Agens‘ der Gesellschaft.“ (Fromm 2011a, S. 55) 36 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe (Fromm 2006, S. 97) Hier ist zu betonen, dass sich in der Gesellschaft nicht nur ökonomische Charakterstrukturen reproduzieren, sondern auch geschlechtsspezifische. Fromm beschäftigt sich in einzelnen Werken auch mit Geschlechterkonstruktionen, die er im Sinne weberscher Idealtypen ausarbeitet. Er untersucht die Familienstruktur im Sinne geschlechtsspezifischer Rollen die in dieser eingenommen werden und schreibt dem Vater und der Mutter unterschiedliche Aufgaben in der Erziehung zu. Fromm erklärt jedoch, dass die Bildung des Sozialcharakters kein Prozess ist, der nicht beeinflusst werden kann, er betont, dass Menschen auf gesellschaftliche Verhältnisse einwirken können, in dem sie sich nicht nur passiv den herrschenden Verhältnissen fügen, sondern sie in einer produktiven Weise mitbestimmen. Fromm entwickelt im Laufe seines Denkens verschiedene Charaktertypen: den autoritären (Sadomasochismus) Charakter, den Marketingcharakter, den nekrophilen Charakter und weitere an Freuds Psychoanalyse anschließende Charaktertypen. Die Furcht vor der Freiheit In seinem Werk „Die Furcht vor der Freiheit“ versucht Fromm zu beantworten, warum sich Menschen in faschistische und totalitäre Ideologien flüchten. Fromm sieht den Grund dafür in dem dualistischen Prozess der Freiheit. Auf der einen Seite macht sie autonom und unabhängig, auf der anderen Seite hat man Angst vor Verantwortung und sozialer Isolierung. Er erkennt diesen Prozess außerdem in der kindlich psychischen Entwicklung verwirklicht und versucht diesen durch die Unterscheidung von primäre und sekundäre Bindung darzustellen. 37 erIch FroMM „In dem Maße, wie der einzelne – bildlich gesprochen – die Nabelschnur, die ihn mit der Außenwelt verbindet, nicht völlig durchtrennt hat, ist er noch nicht frei; andererseits verleihen ihm diese Bindungen Sicherheit und Verwurzelung. Ich möchte die Bindungen, die bestehen, bevor der Prozess der Individuation zur völligen Loslösung des Individuums geführt hat, als ‚primäre Bindungen‘ bezeichnen.“ (Fromm 2012a, S. 25) Also versteht Fromm die primären Bindungen als vor individuelles Stadium, in dem das Kind zwar von der Mutter getrennt ist, aber durch physiologische und neurologische Entwicklungen noch nicht unabhängig agieren kann. In diesem Stadium spielt der Erziehungsprozess eine besondere Rolle, den Fromm als Hilfe zur autonom Werdung versteht. Erziehung sollte den Unterschied zwischen Ich und Du hervorheben. Je mehr sich das Kind von der primären Bindung trennt desto freier und unabhängiger wird es. Dieser Entwicklung sind individuelle und besonders gesellschaftliche Grenzen gesetzt. Während der Individuation des Kindes, treten Angst vor Autonomie und Unsicherheit auf. Diese Ängste kann das Bedürfnis nach Symbiose auslösen, das in eine sekundäre Bindung mündet, in der das Subjekt seine Auflösung in der Umwelt anstrebt und sich dadurch in neue Abhängigkeit begibt. Außerdem können gesellschaftliche (autoritäre Gesellschaft) und individuelle Grenzen diesen Prozess verstärken und die produktive Entfaltung des Menschen verhindern. Unter produktiver Entfaltung versteht Fromm die „aktive Solidarität mit allen Mitmenschen und sein spontanes Tätig sein, Liebe und Arbeit, die ihn wieder mit der Welt einen.“ (ebd., S. 32) Diesen dualistischen Prozess der Freiheit überträgt Fromm auf die Geschichte des Menschen. Im Mittelalter war das Individuum nur über das Kollektiv definiert, die Subjektivität existierte noch nicht. Der Feudalismus war eine starre Ordnung, in der Klasse, Volk, Stand und Beruf einen göttlichen Willen unterlag. Wenn der Einzelne im „modernen Sinne nicht frei war, so war er weder allein noch isoliert. Da der Mensch vom Augenblick seiner Geburt an seinen bestimmten, unverrückbaren Platz besaß ,den ihm keiner streitig machte, war er in einem strukturierten ganzen verwurzelt.“ (ebd., S. 37) Im Gegensatz dazu stand die Renaissance in der das Individuum an Wichtigkeit gewann. Durch die Entwicklung des Handels und des Monopolunternehmertums, wurde der Feudalismus aufgebrochen und einzelne nach Ruhm und Geltung strebende Individuen wurden frei- 38 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe gesetzt. Eine solche Entwicklung brachte jedoch nicht nur positives mit sich, kleine Handels- und Handwerksbetriebe gerieten in unsichere Wirtschaftslagen und konnten mit den Monopolunternehmen nicht mehr mithalten. Wettbewerb und Konkurrenzkampf gewannen immer mehr an Wichtigkeit. Darauf reagierte das Bürgertum mit Verunsicherung. Diese Unsicherheit löste einen Fluchtmechanismus aus, der in die Reformation, die Selbstdemütigung, Unterwerfung, Ohnmacht und Boshaftigkeit des menschlichen Wesens mündete. Genau dieselbe Furcht vor der Freiheit habe, so Fromm, anfangs des 20. Jh. zu totalitären Systemen geführt. Der moderne Kapitalismus hat nicht nur zu einer Erhöhung der Freiheit geführt, sondern auch zu einer Entfremdung des Menschen von sich selbst, seinen Mitmenschen und dem Produkt seiner Arbeit. Das Individuum war zwar frei aber auch abhängig von gesellschaftlichen Prozessen. Dies zeigte vor allem die Wirtschaftskrise in den zwanziger Jahren. Besonders das Kleinbürgertum, das Fromm in derselben Position sieht wie das Bürgertum im Reformationszeitalter, war für den Nationalsozialismus anfällig. Es habe nach neuer Sicherheit als Ersatz für das Kaiserreich gesucht und diese im Nationalsozialismus gefunden. Um der Freiheit zu entgehen entwickelten die Menschen verschieden Fluchtmechanismen die vor Unsicherheit und Angst schützen sollten. Fromm unterscheidet zwischen mehreren Fluchtformen der Psyche, welche Autoritarismus, Konformismus und Destruktivität zur Folge haben. Erstere ist nach Fromm durch den Sadomasochismus definiert. Der Masochist will sich vom Stärkeren abhängig machen, will an seiner Macht und Stärke teil haben. Der Sadist möchte gewaltsam über andere verfügen, sich über sie stellen. Diese beiden Konzepte vereinigt Fromm in seinem Modell des autoritären Charakters. So ist ein Mensch mit einem autoritären Charakterzug unterwürfig und zugleich unterwirft er andere. Zu unterscheiden sei dieser vom destruktiven Charakter, da dieser die Vernichtung des Objekts und nicht dessen Unterwerfung zur Folge hat. Die Destruktivität ist dadurch gekennzeichnet, „daß Ohnmacht und Isolierung für den Einzelnen unerträglich sind. Ich kann dem Gefühl meiner Ohnmacht gegenüber der Welt außerhalb von mir dadurch entrinnen, daß ich sie zerstöre“. (ebd., S. 133) Als dritten Fluchtmechanismus nennt er die Konformität. Der Konformist gibt sein Selbst auf und passt sich bedingungslos dem Persön- 39 erIch FroMM lichkeitsmodell seiner Kultur an. Er wird das was von ihm erwartet wird entgegen seinem Wunsch nach Individualität: „Er besteht kurz gesagt darin, daß der einzelne aufhört, er selbst zu sein; er gleicht sich völlig dem Persönlichkeitsmodell an, das ihm seine Kultur anbietet, und wird deshalb genau wie alle anderen und so, wie die anderen es von ihm erwarten.“ (ebd., S. 173) Humanistisches Menschenbild und Ethik Fromm war der Meinung dass der ethische Relativismus der freudschen Psychoanalyse in eine Sackgasse führt. Seiner Meinung nach gibt es einen objektiven Maßstab an dem ethische Werte gemessen werden können, dieser ist der Mensch selbst. Fromm formuliert deshalb in seinem Buch „Psychoanalyse und Ethik“ eine humanistische Ethik, die man als eine Art Lebenskunst verstehen kann, die dem Menschen ein glückliches Leben ermöglichen soll. Dieses humanistische Menschenbild entwickelte er Zeit seines Lebens weiter, so dass es auch in seinem gesellschaftlichen Engagement zum Ausdruck kam. Die humanistische Ethik muss sich nach Fromm von einer autoritären Ethik abheben. Letztere teilte er wiederum in zwei Formen ein, der rationalen und der irrationalen Autorität. Rational nennt man eine Autorität wenn ihre Kompetenz in der Erfüllung einer Aufgabe anerkannt wird. Sie existiert solange wie der Anspruch auf Kompetenz besteht. Während dieser Inanspruchnahme von Kompetenzen muss sich die Autorität ständig der Prüfung und Kritik von Seiten der ihr unterstehenden Personen aussetzen. Die rationale Autorität ist der humanistischen Ethik nicht entgegengestellt. (vgl. Fromm 2011a): „Autoritäre Ethik unterscheidet sich von humanistischer Ethik durch zwei Kennzeichen, ein formales und ein materiales. In formaler Hinsicht leugnet autoritäre Ethik die Fähigkeit des Menschen, zu wissen was gut und was böse ist. Der Normgeber ist stets eine Autorität, die das Individuum transzendiert. Ein solches System gründet nicht in Vernunft und Wissen, sondern in der Furcht vor der Autorität und in dem Gefühl der Schwäche und der Abhängigkeit des Untergebenen. (...) In materialer oder 40 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe inhaltlicher Hinsicht beantwortet autoritäre Ethik die Frage nach Gut und Böse primär vom Standpunkt der Interessen der Autorität und nicht der Interessen des Individuums.“ (ebd., S. 18) Für Fromm ist es wichtig die allen Menschen zugrundeliegenden Eigenschaften zu beschreiben, um darauf aufbauend eine humanistische Ethik formulieren zu können. Eine solche Eigenheit ist die biologische Schwäche des Menschen. Der Mensch kommt im Vergleich zum Tier mit sehr wenigen Trieben zur Welt und ist deshalb das hilfloseste aller Tiere. Diese Schwäche ist jedoch auch seine Stärke, da sie den Menschen zur Ausbildung eines Charakters zwingt, der seine menschlichen Qualitäten erst zum Vorschein bringt. Das Leben des Menschen ist vor allem von historischen und existenziellen Dichotomien gekennzeichnet: „Leben und Tod, Einsamkeit und Verbundenheit, Freisein und Determinismus, Wahrheitsbedürfnis und Selbsttäuschung, Trieb und Vernunft, Zweifel und Glaubensbedürfnis“ (Rattner 2011, S. 351). Jeder einzelne Mensch hat seine spezifische Antwort auf diese existenziellen Fragen des Lebens zu geben um eine einmalige Persönlichkeit bilden zu können. Besonders wichtig ist es für den Menschen seinem Leben einen Sinn zu geben. Fromm formuliert in seinem Buch „Psychoanalyse und Ethik“ nicht produktive Charakterzüge und einen produktiven Charakterzug, letzterer sei die Voraussetzung um nach einer humanistischen Ethik leben zu können. Nicht produktive Charakterzüge sind nach Fromm der rezeptive Charakter, der ausbeuterische Charakter, der hortende Charakter und der Marketing Charakter. Besonders interessant ist seine Definition der Marketing Orientierung: „Da der moderne Mensch sich gleichzeitig als Ware auf einem Markt und als Verkäufer dieser Ware empfindet, ist seine Selbstachtung von Voraussetzungen abhängig die sich seiner Kontrolle entziehen. Hat er Erfolg, dann ist er wertvoll, wenn nicht, ist er wertlos. Mißt man den eigenen Wert an den Wechselfällen des Marktes, so geht jedes empfinden für würde und stolz verloren. (…) Bei der Marketing-Orientierung (…) steht der Mensch seinen eigenen Kräften als einer ihm fremden Ware gegenüber. Er ist nicht mit ihnen eins, vielmehr treten sie ihm gegenüber in einer Rolle auf; denn es kommt nicht mehr auf seine Selbstver- 41 erIch FroMM wirklichung durch ihren Gebrauch an, sondern auf seinen Erfolg bei ihrem Verkauf “. (Fromm 2011a, S. 64) Im Gegenzug beschreibt Fromm seinen produktiven Charakter, der als Inbegriff der humanistischen Ethik zu verstehen ist. Wie schon öfters erläutert, zeichne sich dieser durch solidarische, liebevolle, produktive und authentische Bezogenheit zur Welt und zu den Mitmenschen aus. Äußerst wichtig für die humanistische Ethik ist die Selbstliebe, die nicht als Selbstbezogenheit zu verstehen ist, sondern als Voraussetzung für die Liebe zu anderen. Hierzu gehört auch ein humanistisches Gewissen, das nicht wie das autoritäre Gewissen durch Schuldgefühle hervorgerufen wird, sondern durch das Hören auf die eigenen Gefühle und körperliche Bedürfnisse, es ist „die Stimme unserer liebenden Fürsorge für uns selbst“.(ebd., S. 126) Darauf aufbauend erklärt Fromm, dass das menschliche Glück darin besteht, Freude am eigenen Dasein, an dessen Entfaltung und produktiven Tätigkeit zu entwickeln. Zusammenfassend kann man die humanistische Ethik als Lebenskunst, für die alle Eigenschaften, die der produktiven Entfaltung der menschlichen Natur dienen als gut und alle die diese unterdrücken als schlecht anzusehen sind, definieren (vgl. ebd.). Pathologien der Normalität In seinem Buch „Wege aus einer Kranken Gesellschaft“ diagnostiziert Fromm, im Anschluss an Freud, eine allgemeine Pathologie der westlichen Gesellschaft. Jene leidet an einem Defekt, durch den ihre Mitglieder nicht frei und spontan ihr Selbst entwickeln können, sondern entfremdet und konformistisch sind. Er sieht besonders in den steigenden Selbstmord und Alkoholabhängigkeitsraten einen Grund dafür, dass etwas in unserer Gesellschaft von Grund auf nicht stimmt. Bei manchen Menschen bricht der gesellschaftliche Defekt aus und mündet in eine psychische Erkrankung, andere bleiben durch die Wirkung kultureller Gegenmittel (Fernseher, Konsum usw.) immun. In einer Vorlesung die Fromm 1953 hielt erklärte er: „Die Kranken, das sind die Gesunden. Und die Gesunden, das sind in Wirklichkeit die Kranken“ (Fromm 2012b, Klappentext).Um eine Pathologie der Normalität besser definieren zu können befasst sich Fromm mit der menschlichen Natur und erarbeitet 42 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe sogenannte existenzielle Bedürfnisse und deren pathologische Gegenspieler. Als erstes existenzielles Bedürfnis nennt er die Liebe: „Liebe ist die Vereinigung mit einem anderen Menschen oder Ding außerhalb seiner selbst unter der Bedingung, dass die Gesondertheit und Integrität des eigenen Selbst dabei bewahrt bleibt. Liebe ist die Erfahrung des Teilens, der Gemeinschaft, die die volle Entfaltung des eigenen inneren Tätigseins erlaubt.“ (Fromm 2011b, S. 34) Der Liebe widmete Fromm ein eigenes Buch, welches er „Die Kunst des Liebens“ nannte. Dort entwirft er das Ideal der elterlichen Liebe. Darin schreibt er dem Vater sowie der Mutter gewisse Aufgaben in der Erziehung zu. Er stellt die Rollen der Eltern in Form von Idealtypen dar. Auch das Thema Liebe zum Nächsten durchstreift das ganze Buch. Der Gegensatz von Liebe ist der sekundäre Narzissmus, der sich entwickelt wenn der primär kindliche Narzissmus nicht überwunden werden konnte. Narzisstische Personen können die Bedürfnisse andere Personen nicht wahrnehmen, keine emotionale Bindung mit ihnen eingehen und sind nur an sich selbst interessiert. Ein weiteres existenzielles Bedürfnis ist die Kreativität. Jene gibt die Möglichkeit die Passivität des in die „Welt geworfen seins“ zu überwinden und sich selbst zu transzendieren. Deren Gegenteil ist die Destruktivität, die ebenfalls ein Akt der Transzendenz darstellt. Im Unterschied zur Kreativität kann diese aber unmenschliche Züge annehmen. Das dritte existenzielle Bedürfnis wurde schon einmal erwähnt. Es handelt sich um die Theorie der primären und sekundären Bindung, die Fromm anhand des Inzesttabus darzustellen versucht. Die Auflösung der primären Bindung definiert sich durch die Beendigung der inzestuösen und affektiven Verbundenheit mit der Mutter, die im humanistischen Sinne nur durch eine zwischenmenschliche Solidarität und Brüderlichkeit ersetz werden kann. In unserer Gesellschaft hat sich die primäre Bindung jedoch zu einer neuen inzestuösen Bindung entwickelt, die sich durch Patriotismus und Unterwürfigkeit sichtbar macht. Eine besondere Wichtigkeit für die menschliche Existenz hat die Bildung einer eigenen Identität. Diese definiert Fromm im Anschluss an Descartes als die Fähigkeit ich zu sagen und über dieses ich nachzudenken. Besonders wichtig ist, „daß man sein auch im Prozess des Fühlens und der schöpferischen Tätigkeit erlebt.“ (Fromm 2011b, S. 59.) 43 erIch FroMM Durch bedingungslose passive Anpassung hingegen verwandle sich das Identitätserleben in ein reines Konformitätserleben. Als letztes existenzielles Bedürfnis des Menschen nennt Fromm die Gabe sich selbst einen Sinn zu geben. Er geht davon aus, dass der Mensch einen Orientierungsrahmen oder ein Objekt der Hingabe braucht. Zuerst gilt es einen rationalen oder irrationalen Orientierungsrahmen zu finden, dann die Welt objektiv zu begreifen. Nun kann Fromm das Bild eines gesunden Menschen definieren: „Seelische Gesundheit ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit zu lieben und etwas zu schaffen, durch die Loslösung von den inzestuösen Bindungen an Klan und Boden, durch ein Identitätserleben, das sich auf die Erfahrung seiner selbst als dem Subjekt und dem Urheber der eigenen Kraft gründet, durch das Begreifen der Realität innerhalb und außerhalb von uns selbst, das heißt durch die Entwicklung von Objektivität und Vernunft.“ (Fromm 2011b, S. 64) Im Anschluss an der oben genannten Betrachtung versucht Fromm die gesellschaftliche Entwicklung des Kapitalismus im 20igsten Jh. zu charakterisieren. Dabei entwickelt er einen neuen Entfremdungsbegriff der sich durch Konsum auszeichne: „Der Mensch von heute ist geradezu fasziniert von der Möglichkeit, noch mehr, noch bessere und vor allem neuartige Dinge zu kaufen. Er ist konsumsüchtig. Der Akt des Kaufens und Konsumierens ist zu einem zwanghaften, irrationalen Ziel geworden, weil er zum Selbstzweck ohne Beziehung zum Gebrauch der gekauften und konsumierten Dinge geworden ist.“ (Fromm 2011b, S. 119) Währenddessen geht es der Industrie vor allem darum immer neue Bedürfnisse zu schaffen und das Individuum durch Werbung so zu manipulieren, dass es immer mehr konsumieren will. Der Kapitalismus will keine Bedürfnisse befriedigen, sondern immer neue schaffen. Hier schließt der von Fromm entworfene Begriff des Habens an. Ein habenorientierter Mensch bestimmt sich durch seinen Besitz, er will alles besitzen, je mehr er besitzt desto besser. Sein Selbstwert definiert sich rein durch die Dinge die er hat. Jedes neu erworbene Produkt schafft ein wenig Glück, deshalb will der habenorientierte Mensch dieses Ge- 44 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe fühl durch Konsum immer wieder aufrecht erhalten. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen ist es für ihn wichtig sich seinen gegenüber in Form des Habens anzueignen. Die Orientierung am Haben und Sein hat Fromm viel Kritik eingebracht. So warfen ihn Kritiker zu Unrecht vor eine asketische Lebensweise zu vertreten die jeglichen Besitz verneinen will. Fromm verurteilt hingegen nicht den Besitz an sich, sein Konzept vom Haben und Sein betont viel mehr, dass der Mensch den Wert der in ihm liegt erkennen muss. Nur durch eigenes Handeln, durch produktives tätig sein und authentisches Leben, kann der Mensch sich zum Ausdruck bringen. Der Selbstwert des Menschen soll sich nicht durch die Anhäufung von Besitz oder grenzenlosen Konsum ausdrücken, sondern durch eigene Fähigkeiten und Eigenschaften. In der Existenzweise des Seins trägt der Besitz nicht zur Selbstentfremdung bei, weil mit diesem anders umgegangen wird. Der Mensch kann Dinge besitzen, wenn er sich nach dem Sein richtet definiert er sich jedoch nicht durch jene. Empirische Arbeiten des Instituts für Sozialforschung Studien über Autorität und Familie Die „Studien Über Autorität und Familie“ wurden 1936 veröffentlicht und gelten als erstes institutsübergreifendes Forschungsprojekt der Frankfurter Schule nach Horkheimers Übernahme des Instituts für Sozialforschung. Das Gesamtwerk der Studie besteht aus drei Teilen. Der erste Teil enthält die einleitende Theorie Horkheimers, ein sozialpsychologisches Kapitel Fromms und einen ideengeschichtlichen Teil von Marcuse. Der zweite Teil besteht aus den Auswertungen von Erhebungen ebenfalls von Fromm erfasst und der dritte Teil aus Beiträgen von Freunden des Instituts. Durchgeführt wurde die Studie im Exil in Genf, Paris und London und veröffentlicht in Paris. Weniger wichtig sind hier die Ergebnisse der Studie, als vielmehr der Bezugspunkt der Familie als primäre Sozialisationsinstanz der Gesellschaft. Horkheimer und vor allem Fromm entwickeln hier die Familie als Agens der Gesellschaft, die als Vermittler von kulturellen und ökonomischen Werten agiert. Wie schon unter Fromm dargestellt wird der Charakter von der Familie vorgeformt und zur Eingliederung in die Gesellschaft bereit gemacht. Es 45 eMpIrIsche arbeIten des InstItuts Für sozIalForschung entwickelt sich der für eine Gesellschaft oder Klasse typische Sozialcharakter der Individuen. Marcuse untersucht in seinem ideengeschichtlichen Teil die Idee der Freiheit und der autoritären Unterordnung der Menschen beginnend mit Martin Luther und endend bei Georges Sorel und Vilfredo Pareto. Kurz werden nun der Kulturbegriff und das Autoritätsprinzip Fromms und Horkheimers herausgearbeitet, die für die Studie von großer Bedeutung sind, auf die Konstitution der Familie und die psychische Formung des Individuums wird danach vertieft eingegangen. Horkheimer rekonstruiert zu Beginn seiner Arbeit die Kultur der bestehenden westlichen Gesellschaftsform. Stark auf Marx aufbauend entwickelt er seinen Kulturbegriff aus dem Blickpunkt des ökonomischen Materialismus. Er sieht die geschichtliche Entwicklung der Kultur als dynamisches Prinzip, welches durch Widersprüchlichkeiten aber auch durch Ähnlichkeiten geprägt ist, bestimmt. Die Dynamik der Kultur führt zu neue Formen des Zusammenlebens und der Zusammensetzung der sozialen Klassen untereinander. Triebkraft der kulturellen Veränderung sind die ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft und der mit ihr einhergehenden Produktionsverhältnisse. Kultur ist jedoch nicht nur durch Ökonomie geprägt, sie besitzt durch den typischen Charakter ihrer Gruppen und Institutionen eigene Funktionsweisen. Der Produktionsprozess beeinflusst Menschen nicht nur im Arbeitsprozess, sondern auch indirekt in Schule, Familie und Kirche. “Zum Verständnis des Problems, warum eine Gesellschaft in einer bestimmten Weise funktioniert, (…) gehört daher die Erkenntnis der jeweiligen psychischen Verfassung der Menschen in den verschiedenen sozialen Gruppen, das Wissen darum, wie sich ihr Charakter im Zusammenhang mit allen kulturellen Bildungsmächten der Zeit gestaltet hat. Den ökonomischen Prozess als bestimmende Grundlage des Geschehens auffassen, heißt alle übrigen Sphären des gesellschaftlichen Lebens in ihrem sich ver- ändernden Zusammenhang mit ihm betrachten und ihn nicht in seiner isolierten mechanischen Form, sondern in Einheit mit den freilich durch ihn selbst entfalteten spezifischen Fähigkeiten und Dispositionen der Menschen begreifen.“ (Horkheimer 2011, S. 130) 46 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Daraus abgeleitet sind „Gewohnheiten, Sitten, Kunst, Religion und Philosophie“ (ebd., S. 131) gesellschaftliche Verflechtungen die zur Aufrechterhaltung eines gewissen Gesellschaftstyps dienen. Diese Ideologien bilden den Kitt, der Gesellschaften zusammenhält oder gegebenenfalls auseinanderreist. Der Zwang der sich in die Seele der Subjekte einschreibt und sie unterwirft, entwickelt sich jedoch erst in jener Gesellschaftsform, die geprägt ist von der Monopolisierung der Staatsgewalt und der Liberalisierung der kapitalistischen Ökonomie, in der das Marktprinzip bis ins innerste der Gesellschaft reicht. Mit dem Aufkommen der Rationalisierung der Gesellschaft, dem Errichten von Gesetzen, Strafen und von Werten wie Fleiß, Sparsamkeit und Unterwerfung kommt der autoritäre Charakter als psychischer Gesellschaftscharakter zum Vorschein. Von da an wird dieser auch von primären Sozialisationsinstanzen wie Familie und sekundären Sozialisationsinstanzen wie Schule reproduziert und durch das Einpressen von Triebstrukturen (z. B. Sexualität) in das repressive gesellschaftliche Normgefüge aufrechterhalten. Nun kann man auch den Autoritätsbegriff Horkheimers definieren als Einfügung der inneren und äußeren Handlungsweisen des Menschen in fremde Instanzen der Unterwerfung, bis hin zur eigenen Bejahung solcher Abhängigkeitsverhältnisse. Hier kommt nun die Familie als Agens der Gesellschaft zur Bedeutung, die Horkheimer in ihrer geschichtlich gesellschaftlichen Erscheinungsform beschreibt und Fromm in ihrer psychischen Zusammensetzung analysiert. Die Familie ist nach Horkheimer und Fromm die wichtigste Sozialisationsinstanz des Kindes und nimmt eine zentrale Stellung für die Formierung des Charaktertyps ein. Keine Institution ist für die Entwicklung des Kindes wichtiger als die Familie, weil sie den Charakter, der sich in den Institutionen wie Schule, Kirche, sportlichen und politischen Verbänden, Theater, Presse weiterentwickelt und festigt, in ihrer Grundform produziert. Geschichtlich gesehen entwickelten sich Gehorsam und Unterwürfigkeit zu Zeiten des Protestantismus, der in seiner Grundstruktur den Menschen Werte auferlegte nicht um himmlische Seligkeit (Katholizismus) zu erlangen, sondern um ihnen Prinzipien des guten irdischen Lebens vorzugeben. Bereits in dieser Epoche hat sich die Familie als psychischer Agens der Unterordnung entwickelt. „Der Eigenwille des Kindes soll gebrochen und der ursprüngliche Wunsch nach freier Entwicklung seiner Triebe und Fähig- 47 eMpIrIsche arbeIten des InstItuts Für sozIalForschung keit durch den inneren Zwang zur unbedingten Pflichterfüllung ersetzt werden. Die Unterordnung unter den kategorischen Imperativ der Pflicht ist von Anfang an ein bewusstes Ziel der bürgerlichen Familie gewesen. Wenn die Wohltat der humanistischen Erziehung in der Renaissance, die (…) ohnehin vorwiegend den Kindern italienischer Fürsten zugutekam, einen glücklichen Auftakt der neuen Epoche zu bilden schien, so ist in den Ländern, an welche nach der Entdeckung des Seewegs nach Ostindien die wirtschaftliche Führung überging, vornehmlich in Holland und England, die Kindheit zunehmend ernster und bedrückter geworden.“ (ebd., S.176 f.) Horkheimer betont also im Aufkommen neuer wirtschaftlicher Interessen die wieder größer werdende Unterwürfigkeit des Menschen. Die Entwicklung der absolutistischen- zur liberalistischen Autorität war verbunden mit der Formierung der Vernunft. Die Unterwürfigkeit als Wert an sich entwickelt sich zur Unterwürfigkeit unter eine vernünftige Ordnung. Erziehung wird dem Prinzip der Realitätsgerechtigkeit unterstellt. In der Familienkonstellation kommen diese Aufgaben der Rolle des Vaters zu. Dieser ist die Personifizierung des gesellschaftlichen Über-Ichs, welches alle Werte und Normen der Gesellschaft durch Erziehung vermittelt. Nach Fromm wird die Autorität erst durch die Identifikation mit dem Vater verinnerlicht. Das heißt das Individuum ist erst dann bereit ganz nach dem Sadomasochismus andere zu unterwerfen, sich selbst den gesellschaftlichen Instanzen und der Ökonomie unterzuordnen, wenn Gebote und Verbote des Vaters verinnerlicht und direkt im Über-Ich gespeichert werden. In der Arbeit oder in anderen gesellschaftlichen Institutionen des öffentlichen Lebens wird das Über-Ich auf Autoritäten projiziert und deshalb von jeglicher rationaler Kritik entzogen. Die Beziehung von Über- Ich zur Autorität ist eine dialektische, das heißt die äußerliche Autorität muss sich immer wieder neu auf das Über-Ich projizieren, damit diese vom Kindes- bis über das Erwachsenenalter hinaus bestehen bleibt. Dabei wird von Fromm Gewicht auf die psychodynamische Entwicklung gelegt. Er betont, dass die Erlebnisse in der Kinder und Jugendzeit prägender für den Charakter sind als diese in den Jahren des Erwachsenenalters. Kritische Erlebnisse in der Kindheit prägen einen Menschen ein Leben lang und können zu psychischen Störungen im Erwachsenen- 48 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe alter führen. In der patriarchalen Kleinfamilie entsteht im Kind früh die Angst vor dem Vater und das Bedürfnis seine Anforderungen gerecht zu werden um seine Liebe zu gewinnen. Besonders das Verhältnis von Vater und Sohn ist bald nach der Geburt durch Feindseligkeit und Ausbeutung charakterisiert. Dieser Prozess kann sich soweit entwickeln, dass der Sohn Hassgefühle und Todeswünsche gegen den Vater entwickelt. Im Ödipuskomplex wird diese Stimmung durch Identifikation mit dem Vater schlussendlich aufgehoben. Besonders dramatisch zeigt sich das Verhältnis der Ausbeutung in den proletarischen Familien des 19. Jh. Dort wurden Kinder rein aus dem Gesichtspunkt ihrer ökonomischen Verwertung gehalten. Nun gab es aber auch noch finanziell besser gestellte Familien in denen der ökonomische Verwertungszwang keine Rolle spielte. In solchen Familienkonstellationen wurden nach Fromm die wenigen Kinder dazu erzogen die Träume der Erwachsenen zu erfüllen. In einer kleinbürgerlichen Familie in der der Vater einen Beruf nachgeht der gerade noch für die Bedürfnisse der Familienmitglieder ausreicht, zeigt sich das Ausbeutungsverhältnis nach einem anderen Schema. Die Familie ist keine Produktionsgemeinschaft und Kinder und Mutter müssen nicht für den Erhalt der Familie arbeiten. Andererseits ist das Leben des Vaters durch unerfüllte berufliche und gesellschaftliche Wünsche und Möglichkeiten gekennzeichnet. In seiner Arbeitssituation sowie gesellschaftlich wird das Bedürfnis nach Herrschaft nicht erfüllt, um so mehr werden die Herrschaftsverhältnisse auf Kinder und Mutter übertragen. Im Kind werden durch Erziehung natürliche Triebe unterdrückt. Durch die starke Abwehr die das Ich gegen einen autoritären Erziehungsstil und gegen das Über-Ich aufwenden muss verkümmert es und hat keine Kraft mehr sich in produktiver gestalterischer Beziehung zur Gesellschaft zu setzen. „Die Notwendigkeit der Triebunterdrückung, der Verdrängung, und dies heißt der Stärke von Über-Ich und Autorität, ist umso größer, je weniger Bedürfnisse in einer Gesellschaft oder in einer Klasse befriedigt werden können.“ (Fromm 2016, S.95) Der Vater speist seine Autorität dem Kinde gegenüber nicht durch Anerkennung, sondern Überlegenheit und Macht. Die Selbstzucht des Individuums in der Erziehung, war für die anfängliche bürgerliche Gesellschaft Bedingung des Fortschritts (vgl. Horkheimer 2011, S. 178). Vermittelt wurden diese Werte durch die Gewalt des Vaters, der sei- 49 eMpIrIsche arbeIten des InstItuts Für sozIalForschung ne Überlegenheit dadurch rechtfertigte, dass er die Schule des Lebens bereits erfahren hatte. Da solche Erziehungsmethoden durch religiöse und metaphysische Ideologien aufrechterhalten wurden, durfte ihnen auch in ihrer Elendsten Form nicht widersprochen werden. Die Ideologie des Vaters als Oberhaupt der Familie wird damit gerechtfertigt, dass er in der Kleinfamilie als einziger Hauptverdiener agiert und durch seine juristisch physische Stärke, die sich als patriarchale Unterdrückung der Frau ausdrückt und gesetzlich gestützt, Macht erlangt. „Die Notwendigkeit einer auf natürlichen, zufälligen, irrationalen Prinzipien beruhenden Hierarchie und Spaltung der Menschheit wird dem Kinde so vertraut und selbstverständlich, daß es auch Erde und Universum, selbst das Jenseits nur unter diesem Aspekt zu erfahren vermag; (…). Die Ideologien von Leistung und Verdienst, Harmonie und Gerechtigkeit haben in diesem Weltbild daneben Platz, weil der Widerspruch durch die Verdinglichung der gesellschaftlichen Unterschiede nicht ins Bewußtsein tritt. Die Eigentumsverhältnisse gelten der Struktur nach als fest und ewig; als Gegenstände gesellschaftlicher Aktivität und Umwälzung treten sie gar nicht in Erscheinung.“ (ebd., S.183) Das Individuum lernt, dass Versagen und Misserfolg niemals auf gesellschaftliche Ursachen zurückzuführen sind, sondern auf die eigene Schwäche. Die Unterordnung unter moderne Autoritäten, die auf der Basis rationalisierter, verdinglichter Unterwürfigkeit beruht, ruft unselbständige Angewiesenheit und Minderwertigkeitsgefühle hervor, die sich durch Sublimierung und Verdrängung äußern. Trotz Verdinglichung des Menschen in der Gesellschaft und Familie, vermittelt durch den Vater als Geldverdiener, der Mutter in ihrer Reduktion als Geschlechtsobjekt oder häuslicher Leibeignen und den Kindern als Erben oder Lebensversicherungen, gibt es auch das Potential rein menschlicher Beziehungen untereinander. Diese Möglichkeit sieht er vor allem in der fürsorglichen Liebe, Kommunikation und Sorge der Mutter, dem Willen zur Entfaltung jedes Einzelnen in der Familie und dem damit einhergehenden Wunsch nach Glücksfindung, die Sehnsucht von Erwachsenen nach dem Paradies der Kindheit und den Zusammenhalt in der Familie (letztere kann jedoch auch wieder in mystische Verhältnisse führen) (ebd.). 50 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Studien zum autoritären Charakter Die „Studien zum autoritären Charakter“ schließen an die „Studien über Autorität und Familie“ an. Sie wurde im amerikanischen Exil vom Institut für Sozialforschung unter der Leitung Adornos und in Mithilfe einiger amerikanischer Kollegen durchgeführt. Fromm und Adorno haben sich in den Vorbereitungen für die Studie zerstritten, ersterer ging von da an seinen eigenen intellektuellen Weg jenseits des Instituts. Seine Theorie war jedoch weiterhin von großer nicht zu unterschätzender Wichtigkeit für die Untersuchungen. Mitherausgeber der Studie waren „Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford“ (Adorno 1995, Inhaltsverzeichnis). Die „Studien zum autoritären Charakter“ sind Teil einiger groß angelegter Studien in den USA, die sich „ Studies in Prejudice“ nennen. Die Erstveröffentlichung der Studie erschien 1951 in englischer Sprache. Ziel der Untersuchung war es herauszufinden wie tief antidemokratische Charakterstrukturen in der US- amerikanischen Bevölkerung wurzeln, des Weiteren sollten die entwickelten Skalen und Forschungsergebnisse ebenfalls im Nachkriegsdeutschland zur Verwendung kommen um Menschen mit faschistischer sowie demokratischer Charakterstruktur auswendig zu machen. Sowie Angestellte und Arbeiter vom Institut in der Studie „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“ (hier nicht dargestellt) vor dem Faschismus untersucht wurden, sollte diese Studie helfen die Charakterstrukturen nach dem Faschismus zu analysieren. (vgl. Schwandt 2010, 75f). „Im Mittelpunkt des Interesses stand das potentiell faschistische Individuum, ein Individuum, dessen Struktur es besonders empfänglich für faschistische Propaganda macht.“ (Adorno 1995, S. 1) Dabei wurden unterschiedliche Schichten und Milieus anvisiert um ein breites Bild der Forschungsergebnisse zu liefern. Die Überzeugungen des Individuums verweisen dabei immer auf eine verborgene Charakterstruktur die durch A-, F- und E- Skalen (Autoritarismus, Faschismus, Ethnozentrismus) identifiziert werden konnten: „Die Untersuchungen, über die hier berichtet wird, waren an der Hypothese orientiert, dass politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines Individuums häufig ein umfassendes und kohärentes (...) Denkmuster bilden, und dass 51 eMpIrIsche arbeIten des InstItuts Für sozIalForschung dieses Denkmuster Ausdruck verborgener Züge der individuellen Charakterstruktur ist.“ (Adorno 1995, S. IX) Die Forschungsgruppe ging in ihren Untersuchungen davon aus, dass Aussagen nicht immer das widerspiegeln was interviewte Personen denken, deshalb wurden Fragesätze so gestellt, dass sie tiefenpsychologische Muster des Unbewussten freilegten. Die Psychoanalyse Freuds, die von der individuellen Psychopathologie in eine soziologische Charakteranalyse in Form von Idealtypen (in der Manier Webers) hingehend weiterentwickelt wurde, war daher wegweisen für die Untersuchung (vgl. Neumann 2010, S. 53). Der autoritäre Charakter wie ihn Adorno entwickelte besitzt eine sogenannte Ich-Schwäche mit Angst vor unkontrollierbaren Triebregungen. Seine Persönlichkeitsstruktur besitzt ein mächtiges Über-Ich und ein schwaches Ich das diesem ausgeliefert ist. Das Ich kann Impulse des Über-Ichs nicht oder nur teilweise abwehren. Durch die Schwächung passt sich das Ich ohne Widersprüche an die Realität an und verliert seine kritische Ichfähigkeit. Dieser Prozess wird durch zunehmende Abhängigkeit von ökonomischen Zwängen und Märkten, dem Staatsapparat und der Kulturindustrie gefördert. Triebimpulse aus dem Unbewussten werden abgewehrt, oder zu Triebentladungen sublimiert, die gesellschaftlich legitimiert sind. Durch die eigene Ich-Schwäche und die starke Triebunterdrückung werden Hassgefühle und Aggressionen auf ein vorgefertigtes Feindbild projiziert (im Falle des Nationalsozialismus auf die Juden). Das heißt gesellschaftlich sehr komplexe Phänomene wie eine Wirtschaftskrise werden dem vorgefertigten Feindbild aufgebürdet, somit personifiziert und die Schuld zugeschoben. Der Antisemitismus ist für autoritäre Persönlichkeitstypen so ansprechbar, weil er als Ticket für ein bereits existierendes Erklärungsmuster dient und die Möglichkeit bietet durch Triebunterdrückung hervorgerufene Aggressionen auf eine Minderheit zu projizieren (vgl. Schwandt 2010, S. 79 – 81). Aus den Fragesätzen der F-Skala wurden Themenkomplexe gebildet die den autoritären Charakter in seiner Vollständigkeit darzustellen versuchen. Diese Themenkomplexe wurden, durch im Interview getätigte Antworten sowie Skalierungen, einzelnen Subtypen zugeordnet. Hier werden nun die verschiedenen Wesenszüge des Autoritären Charakters aufgelistet, und mit einem Beispiel der Fragesätze erläutert: 52 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Konventionalismus: „Gehorsam und Respekt gegenüber der Autorität sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollten.“ (Adorno 1995, S. 81) Autoritäre Unterwürfigkeit: „Was dieses Land vor allem braucht, mehr als Gesetze und politische Programme, sind ein paar mutige, unermüdliche, selbstlose Führer, denen das Volk vertrauen kann.“ (ebd., S. 81) Autoritäre Aggression: „Die meisten unserer gesellschaftlichen Probleme wären gelöst, wenn man Asoziale, Gauner und Schwachsinnige loswerden könnte.“ (ebd., S. 82) Anti-intrazeption: „Wenn jemand Probleme oder Sorgen hat, sollte er am besten nicht darüber nachdenken, sondern sich mit erfreulicheren Dingen beschäftigen.“ (ebd., S. 82) Aberglaube und Stereotypie: „Jeder Mensch sollte einen festen Glauben an eine übernatürliche Macht haben, deren Entscheidungen er nicht in Frage stellt.“ (ebd., S. 83) Macht und Robustheit: „Die Menschen kann man in zwei Klassen einteilen: die Schwachen und die Starken.“ (ebd., S. 83) Destruktivität und Zynismus: „Es wird immer Kriege und Konflikte geben, die Menschen sind nun einmal so.“ (ebd., S. 84) Projektivität: „Die sexuellen Ausschweifungen der alten Griechen und Römer waren ein Kinderspiel im Vergleich zu gewissen Vorgängen bei uns, sogar in Kreisen, von denen man es am wenigsten erwarten würde.“ (ebd., S. 84) Sexualität: „Homosexuelle sind nichts als entartete Kreaturen und sollten streng bestraft werden.“ (ebd., S. 84) 53 eMpIrIsche arbeIten des InstItuts Für sozIalForschung Die Forschung bestand aus quantitativen und qualitativen Studien. So wurden Fragebögen ausgefüllt, stichprobeartige Einzel- und Gruppengespräche, sowie die Auswahl von Personen für klinische Intensivstudien wie den Rorschach Test oder TAT Test durchgeführt. Die Fragen im Interviewmaterial betrafen Vorurteile und Denkstrukturen, die im gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Sinne von Bedeutung sind. Um die verschiedenen Ergebnisse und Meinungen einzuordnen wurden Typen und Syndrome entwickelt. Die Charakterstrukturen verschiedener faschistischer Charaktere konnten dadurch hervorgehoben und unterschieden werden. Adorno erklärt, dass es die potentiellen Faschisten wie sie in der F-Skala dargestellt wurden gibt, jedoch unterscheiden diese sich in der Stärke des Themenkomplexes. Deshalb wurden Subtypen von vorurteilsfreien sowie Subtypen von vorurteilsvollen Probanden erstellt. Hier wird Platzhalber kurz auf die vorurteilsvollen Subtypen und deren schlimmsten Ausformungen verwiesen (im zweiten Teil auf die Vorurteilsfreien): Das Oberflächenressentiment: Sind Menschen „die Vorurteile als Stereotypen gleichsam wie fertige Formeln von außen übernehmen.“ (ebd., S. 316) Vorurteile werden von diesen Personen oft sogar sinnvoll und rational erklärt. Hierzu gehören Familienväter „die andere für das eigene wirtschaftliche Versagen verantwortlich machen“ (ebd. S. 316), die sich glücklich zeigen wenn sie durch Diffamierung und Diskriminierung von Minderheiten profitieren (vgl. ebd., S. 316). Das „konventionelle“ Syndrom: Diese Personen reagieren mit „Zustimmung zu den herrschenden Maßstäben“ (ebd., S. 319). Sie paaren Konformismus mit Stereotypen. Das wichtigste ist Ordnung, Unordnung und die Zerstörung von Eigentum gelten als unangenehmstes Gefühl. Sie zeigen sich wenig unsicher und ihr Verhalten richtet sich gegen extreme Situationen, die sie aus der Bahn werfen könnten. Das „autoritäre“ Syndrom: „Sadomasochistischer Charakter“ nach Erich Fromm. 54 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe Der Rebell und der Psychopath: Rebelliert mit einer neuen Autorität gegen bestehende Autoritäten. Der Schwerpunkt liegt auf das Rebellieren gegen jegliche Autorität um des rebellierens willen. Er ist gekennzeichnet durch eine total gescheiterte Entwicklung und Auflehnung gegen alles schwache, das Über-Ich und das Ich sind verkümmert (vgl. ebd., S. 328 – 331). Der „Spinner“: Der Sozial isoliert Typus, der sich in eine innere Scheinwelt mit wahnhaften Vorstellungen flüchtet. Er sieht sich einer moralischen Bestimmung untergeordnet. Antisemitismus als Projektion und Neid ist in diesem Typus stark vertreten (vgl. ebd., S. 331 – 334). Der „manipulative“ Typus: „Das potentiell gefährlichste Syndrom, den Manipulativen kennzeichnet extreme Stereotypie; starre Begriffe werden zu Zwecken statt zu Mitteln, und die ganze Welt ist in leere, schematische, administrative Felder eingeteilt. (...) Hat das Syndrom des Spinners etwas Paranoides, so das des Manipulativen etwas Schizophrenes. (…) in einer Art zwanghaftem Überrealismus, der alles und jeden als Objekt betrachtet, das gehandhabt, manipuliert und nach den eigenen theoretischen und praktischen Schablonen erfasst werden muss. Alles Technische, alle Dinge, die als ‚Werkzeug’ benutzt werden können, sind mit Libido beladen.“ (ebd., S. 334f) Die Ergebnisse der Studie bestätigten, dass der potentiell faschistische Charakter in seinen unterschiedlichen Ausformungen durchaus auch in den USA zu finden ist. Je nach demografischer Lage variiert dessen Häufigkeit jedoch sehr stark. So waren vor allem die Arbeiter von Los Angeles dank intensiver Gewerkschaftsarbeit sehr aufgeklärt und zeigten wenig bis keine antidemokratischen Züge in ihrer Charakterstruktur. Im Gegenzug dazu wiesen Menschen im Arbeitermilieu San Quentin einen überdurchschnittlich autoritären Charakterzug auf (vgl. Neumann 2010, S. 51). Die Studie belegt die Vielfältigkeit und Komplexität des faschistischen Charakters und dessen Entstehungszusammenhänge. Sie zeigen 55 Jürgen haberMas verschiedene Ausformungen die, die Theorie des sadomasochistischen Charakters, wie sie in den „Studien über Autorität und Familie“ entwickelt wurde nur teilweise erfassen konnte. Die Studie wurde vom Institut für Sozialforschung in Deutschland mittels Fragebögen und Gruppenexperimente wiederholt. Kläglicher Weise wurden Personen in höheren Ämtern und Bildungseinrichtungen dabei nicht mit einbezogen, so konnte der faschistische Charakter von Institutionen oder Führungspersonen in hohen Ämtern nicht nachgewiesen bzw. erforscht werden. Die Untersuchung der Charakterstrukturen von nationalsozialistischen Verbrechern der NSDAP, wurde im Nachkriegsdeutschland fast vollständig außer Acht gelassen. Trotzdem bleiben die „Studien zum autoritären Charakter“ bis heute in ihrer Vielfältigkeit von Theorien und ihrer Verbindung von experimental Psychologie und Differenzialpsychologie wegweisend. Jürgen Habermas Jürgen Habermas wird zur zweiten Generation der Kritischen Theorie gezählt. Vor allem aus zwei Gründen: erstens weil er die Theorie der Frankfurter Schule reformulierte in dem er sie sprachanalytisch ergänzte und zweitens weil er wegen seines Alters erst im Universitätsbetrieb des Nachkriegsdeutschlands zu den Frankfurter Denkern hinzu stieß. Neben den Theorien von Marx, Weber und Freud, die das Fundament der von Adorno, Horkheimer, Marcuse und Fromm formulierten Kritischen Theorie bilden, ist er besonders von angloamerikanischen Sprachtheoretikern, der Hermeneutik, dem deutschen Idealismus, der Systemtheorie Parsons und dem amerikanischen Pragmatismus beeinflusst. Habermas bricht mit der Dialektik der Aufklärung und mit der darin vermittelten pessimistischen Geschichtsphilosophie und wirft Adorno und Horkheimer eine zu einseitige Sicht auf die Vernunft vor. Er hält vor allem an den emanzipatorischen Idealen der Aufklärung und deren Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft fest. Habermas gesteht zwar ein, dass durch die instrumentelle Nutzung der Vernunft soziale Pathologien entstanden sind, diese aber durch die kommunikative Vernunft überwunden werden können. Er gilt als Grenzgänger zwischen Philosophie und Soziologie, da er seine Gesellschaftstheorie normativ formuliert. Im Gegensatz zu der von Adorno vertretenen Kritischen Theorie, 56 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe die nur eine negativistisch dialektische Moral für die Untersuchung der Gesellschaft zulässt, legt er seine normativen Anspruch auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der er zwischen realer und idealer Gesellschaft unterscheidet, offen (vgl. Horster, 2006). Habermas knüpft dabei bewusst an das Konzept der Kritischen Theorie der dreißiger Jahre an. Von diesem Standpunkt aus kritisiert er die empirischen Wissenschaften, die sich durch ihre Objektivität von der Lebenswelt der Menschen entfernen und besonders den praktischen Nutzen einer Theorie für das Zusammenleben der Menschen außer Acht lassen. Habermas betont in seiner Schrift Erkenntnis und Interesse, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis nicht vom Interesse und dessen Entstehungszusammenhang, der Lebenswelt, getrennt werden kann. Deshalb habe eine Kritische Theorie ihren normativen Grundsätzen Rechenschaft abzulegen. Daraus formulierte Habermas auch eine Kritik an Luhmanns Systemtheorie, die durch ihre rein funktionalistische Sichtweise auf die Gesellschaft nicht in der Lage ist eine kritische Distanz zu ihr aufzubauen. Da Luhmann das reine funktionieren von selbst-referenziellen kommunikativen Systemen, die sich durch funktionale Differenzierung und komplexitätsabbau auszeichnen, untersuche, befreie er sich von allen moralischen Ansprüchen und könne die Konsequenzen der gesellschaftlichen Entwicklung für das Zusammenleben der Subjekte nicht bewerten (vgl. ebd., 2006). „Aus wissenschaftlichen Theorien folgt technisch verwertbares, aber kein normatives, kein Handlungsorientierendes Wissen.“ (Habermas 1973, S. 355) Die Theorie des Kommunikativen Handelns „Die Theorie des Kommunikativen Handelns“ gilt als das Hauptwerk von Habermas, in diesem vollendet er seine Gesellschaftstheorie. Ausgang seines Werkes ist die Kritik an der von Weber, Lukacs und der Kritischen Theorie vertretenen Rationalisierungsthese: „Die Theorie des kommunikativen Handelns soll eine Alternative für die unhaltbar gewordene Geschichtsphilosophie bieten, der die ältere Kritische Theorie noch verhaftet war.“ (Habermas 1981, Bd. 2, S. 583) 57 Jürgen haberMas Die Rationalisierung der Moderne zeichne sich zwar durch eine Verdinglichung von Mensch und Natur aus, es gebe aber in der Vernunft auch noch ein emanzipatorisches Potential welches sich nicht nach zweckrationalen Gesichtspunkten richtet. Dieses Potential sieht Habermas in der kommunikativen Vernunft verwirklicht, die sich aus zu begründenden sprachlichen Geltungsansprüchen zusammensetzt. Geltungsansprüche geben Auskunft über die Wahrheit, die Wahrhaftigkeit und die Richtigkeit einer Aussage. Die Wahrheit drückt den Bezug zur objektiven Welt, die Wahrhaftigkeit zur subjektiven Welt und die Richtigkeit zu den sozialen Normen aus. Basis der Geltungsansprüche ist das gegenseitige Verstehen der Aktoren. Die zwei von Habermas unterschiedenen Formen der Vernunft sind auch in Handlungstypen ausdrückbar, so liegt das strategische Handeln der instrumentellen Vernunft und das kommunikative Handeln der kommunikativen Vernunft zugrunde. Diese zwei Handlungstypen sind in ein zweistufiges Gesellschaftsmodell eingebettet: Lebenswelt und System. Die Lebenswelt formiert sich durch das kommunikative Handeln der Subjekte, in ihr sind Werte, Kultur, Deutungsmuster und Verhaltensschemata sozialisiert. Im Gegensatz dazu funktionieren Systeme nach strategischen Gesichtspunkten. Habermas unterscheidet zwischen politischen und wirtschaftlichen Systemen, dabei ist das eine durch das Kommunikationsmedium Geld und das andere durch das Kommunikationsmedium Macht geregelt. Habermas will mit seiner Gesellschaftstheorie die volle Komplexität des Modernisierungsprozesses aufzeigen. Seiner Meinung nach habe sich das System erst aus der Lebenswelt entwickelt und sich im Prozess der Modernisierung von ihr losgelöst. Folglich haben sich Systeme erst aus der Lebenswelt ausdifferenziert. Hier ist der Unterschied zur traditionellen Kritischen Theorie besonders gut sichtbar, anstatt auf Arbeits- oder Tauschprozesse konzentriert sich Habermas auf Kommunikationsprozesse und Verständigungsverhältnisse. Durch die von den Systemen hervorgerufene Kolonialisierung der Lebenswelt, die sich vor allem durch Bürokratisierung und Ökonomisierung auszeichnet, entstehen sogenannte Pathologien der Vernunft, die eine Verarmung der Kultur, eine Auflösung der Werte und deren Ersatz durch Zweckrationalität zur Folge haben. (vgl. Gertenbach et al. 2009) Hier möchte ich Habermas einmal selbst zu Wort kommen lassen um das bisher gesagte zusammenzufassen: 58 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe „Der Grundbegriff des kommunikativen Handelns erschließt den Zugang zu drei Themenkomplexen, die miteinander verschränkt sind: zum Begriff der kommunikativen Rationalität, zu einem zweistufigen, die Paradigmen von Handlung und System verknüpfenden Gesellschaftskonzept und zu einem theoretischen Ansatz, der die Paradoxien der Moderne mit Hilfe einer Unterordnung der kommunikativ strukturierten Lebenswelt unter die imperativen verselbständigten, formal organisierten Handlungssysteme erklärt.“ (Habermas 1981 Bd. 1, S. 8) Um einer Kolonialisierung der Lebenswelt entgegen zu wirken bedarf es sogenannten Diskursen, welche der Lebenswelt entspringen und in den Systemen integriert werden müssen. Dies bedeutet, dass eine kritische Öffentlichkeit, moralische, kulturelle und soziale Interessen wieder in die Systeme einfließen lassen muss. Damit solche Diskurse in einer gerechten Art und Weise entstehen hat Habermas in Auseinandersetzung mit Apel eine Diskursethik entwickelt. Diese orientiert sich an der Idealsituation herrschaftsfreier Kommunikation, die sich durch den „zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“ (Habermas 1984, S. 132) auszeichnet. Habermas ändert mit seiner Gesellschaftstheorie auch die Zielsetzung der Kritischen Theorie, diese war die Aufhebung des Kapitalismus, nun ist es die Integration der Zivilgesellschaft in Systemprozesse: „Ziel ist nicht mehr schlechthin die Aufhebung eines kapitalistisch verselbständigten Wirtschafts- und eines bürokratisch verselbständigten Herrschaftssystem, sondern die demokratische Eindämmung der kolonialisierenden Übergriffe der Systemimperative auf lebensweltliche Bereiche.“ (Habermas 1990, S. 36) Diskursethik Habermas sieht sich mit seiner Theorie der Diskursethik in der Tradition Kants. Dessen sich auf das Subjekt beziehende Sittenlehre will er mittels einer Diskurstheorie der Intersubjektivität neu begründen. An Stelle des Kategorischen Imperativs tritt die rationale Argumentation nach moralischen Gesichtspunkten. In den Ausformungen des Kantschen Imperativs erkennt man einige Geltungsansprüche von Haber- 59 Jürgen haberMas mas wieder. So ist der Imperativ Kants der sich auf die Maxime des menschlichen Handelns als allgemeines Gesetzt bezieht mit der Argumentation, dass nur solche Normen welche von allen Teilnehmern an Zustimmung finden einem Diskurs Geltung erheben, stark verwandt (vgl. Brunkhorst /Kreide /Lafont 2015, S. 47). Aus diesem Gedankengang gewinnen wir auch schon die Grundform der habermasschen Diskurstheorie. Ein Diskurs soll von Normen getragen werden die von allen Teilnehmern rational nachvollzogen und begründet werden können. So sollen Normen durch praktische Diskurse formuliert werden. Um Habermas folgen zu können, brauchen wir die Unterscheidung zwischen moralischen und ethischen Handeln. Moralisches Handeln lässt sich bezeichnen als das rechte Handeln das sich an gemeinschaftliche Normen orientiert und deshalb diskursiv begründbar ist. Ethisches Handeln verweist auf Fragen der Lebensführung in denen jedes Individuum sich selbst antworten auf das gute Leben gibt. Nur erstere dürfen von der Diskurstheorie begründet werden (vgl. ebd., S. 235f). Habermas spricht in Verbindung mit seiner Diskurstheorie immer auch von einer Situation der Herrschaftsfreiheit. Ein Diskurs ist dann herrschaftsfrei wenn alle Teilnehmer gleiche Argumentationspartner sind, keiner/e durch eine bessere Stellung im Diskurs privilegiert ist. Des Weiteren ist ein Diskurs nur Herrschaftsfrei wenn jeder Teilnehmer den anderen das Recht zuerkennt sich im Diskurs von Argumenten überzeugen zulassen und nicht nur seine eigenen Interessen zu verfolgen. Der Meinungsbildungsprozess zielt deshalb auch immer auf den Konsens aller Teilnehmer ab, dem jeder rational zustimmen muss. Subjekte haben im Diskurs das Recht auf freier Stellungnahme, ohne Sanktionen. Ein rationaler Diskurs ist deshalb auch eine Theorie des Dissenses, in der alles abgelehnt werden kann was einer kritischen Überprüfung nicht standhält. Habermas betont, dass die Diskurse ihre volle Wirkung erst durch eine gesellschaftliche Institutionalisierung entfalten. Nun können die hier textlich ausgearbeiteten Geltungsansprüche mit den Worten von Habermas zusammengefasst werden: 60 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe „1. Alle potentiellen Teilnehmer eines Diskurses müssen die gleiche Chance haben, kommunikative Sprechakte zu verwenden, so daß sie jederzeit Diskurse eröffnen sowie durch Rede und Gegenrede, Frage und Antwort perpetuieren können. 2. Alle Diskursteilnehmer müssen die gleiche Chance haben, Deutungen, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen, und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch zu problematisieren, zu begründen oder zu widerlegen. so daß keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt. 3. Zum Diskurs sind nur Sprecher zugelassen, die als Handelnde gleiche Chancen haben, repräsentative Sprechakte zu verwenden, d. h. ihre Einstellungen, Gefühle und Intentionen zum Ausdruck zu bringen.(…) 4. Zum Diskurs sind nur Sprecher zugelassen, die als Handelnde die gleiche Chance haben, regulative Sprechakte zu verwenden, d. h. zu befehlen und sich zu widersetzen, zu erlauben und zu verbieten, Versprechen zu geben und abzunehmen, Rechenschaft abzulegen und zu verlangen.“ (Habermas 1984, S. 177f) An die Diskurstheorie knüpft das Konzept der deliberativen Demokratie an, die als deren gesellschaftlich praktische Formierung ins politische gelten kann. Öffentlichkeit und deliberative Demokratie Einen besonderen Stellenwert im Denken von Habermas nimmt seine Verfassungs- und Rechtsphilosophie, die von Hegel und Kant beeinflusst ist, ein. Habermas erkennt in seinem Werk Strukturwandel der Öffentlichkeit, dass sich die im 18. Jahrhundert gebildete lebhafte Öffentlichkeit die für den Rechtsdiskurs so prägend war, im Laufe des 19. Jahrhunderts und besonders im 20. Jahrhundert in die Privatsphäre zurückgezogen hat. Habermas glaubt, dass die Verfassung und der Staat vom Konsens aller Bürger getragen werden muss. Dieses Ideal sei jedoch durch den Strukturwandel des Staates in Vergessenheit geraten. Ein Sozialstaat, der in das Leben der Bürger eingreife brauche aber einen 61 Jürgen haberMas öffentlichen Diskurs, der diesen in eine Richtung weise. Also habe eine kritische Öffentlichkeit zu überprüfen ob die Interessen des Volkes von der Politik getragen würden oder ob das politische System eine Dynamik angenommen hat, die der reinen Machterhaltung dient. Habermas betont vor allem in seiner späteren Rechtsphilosophie, das die Verbindung zwischen moralischer Lebenswelt und systemischen Rechtsfindungsprozessen Maßgebend ist (vgl. Schimank /Volkmann 2007). Das Recht fungiert dabei als sozialer Integrationsmechanismus zwischen Lebenswelt und System. Das heißt, dass faktisch bestehende Gesetze immer auch auf ihre tatsächliche Geltung befragt werden müssen. Besonders in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft, können durch herrschaftsfreie rechtliche Diskurse, Rechte entstehen denen alle zustimmen bzw. die von allen geteilt werden. Um diesen Prozess zu erklären führt Habermas in Anlehnung an Hannah Arendt zwei neue Machtbegriffe ein: Die kommunikative und die administrative Macht. Pragmatische, ethisch-politische und moralische Diskurse, die als Elemente kommunikativer Macht definiert werden, sollen nach Habermas in administrative Macht (Sanktionsmacht, Rechtsgewalt) umgewandelt werden. Dabei ergänzen sich administrative und kommunikative Macht gegenseitig, d.h. bestehende Rechte machen eine kommunikative Macht erst möglich und umgekehrt überprüft die kommunikative Macht bestehende Rechte auf ihre Gültigkeit und steuert sie. „Die Konstituierung eines Machtkodes bedeutet, daß ein administratives System über Befugnisse zu kollektiv bindenden Entscheidungen gesteuert wird. Deshalb schlage ich vor, das Recht als das Medium zu betrachten, über das sich kommunikative Macht in administrative umsetzt. Denn die Verwandlung von kommunikativer Macht in administrative hat den Sinn einer Ermächtigung im Rahmen gesetzlicher Lizenzen.“ (Habermas. 1998, S.187) Habermas vertritt das Konzept einer deliberativen Demokratie, die von Zivilgesellschaft, Öffentlichkeit und sozialen Bewegungen getragen wird und erklärt, dass der „Rechtsstaat ohne radikale Demokratie nicht zu haben und nicht zu erhalten“ (ebd., S. 13) ist. Steuerbar sind solche radikaldemokratischen Entscheidungsprozesse nur durch zi- 62 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe vilgesellschaftliche Strukturen, in denen lebensweltliche Erfahrungen eingebracht werden können. Solche zivilgesellschaftlichen Strukturen bleiben jedoch nicht von der instrumentellen Vernunft des Marktes verschont. Besonders Massenmedien üben ihren Einfluss auf den freiheitlichen Kommunikationsprozess aus. Eine pathologische Ausformung der Zivilgesellschaft wäre eine Organisationsform die ihre Aufmerksamkeit rein auf ökonomische Kriterien des Marktes richtet (vgl. Brunkhorst/ Kreide/ Lafont 2015, S 260). Oskar Negt Negt zählt ebenso wie Habermas zu den Vertretern der zweiten Generation der Kritischen Theorie, da er diese zum Teil neu formuliert. Bei seiner akademischen Abschlussvorlesung in Hannover, erklärte er, dass ihn neben Horkheimer, Adorno und Habermas besonders Marx und Kant inspiriert haben. Diese stellen das Fundament seines philosophischen Denkens dar. Von Kant übernimmt Negt den Begriff der menschlichen Würde und von Marx die Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsform. Auf einen Punkt gebracht könnte man seine Philosophie als Analyse der menschlichen Würde unter den Verhältnissen des Kapitalismus definieren. Daraus speist sich die Kritikfähigkeit seiner Theorie, da im Kapitalismus die menschliche Würde immer wieder auf die Probe gestellt wird. So gilt Negt auch als Philosoph des kleinen Mannes, der in seinen Schriften Arbeitslosigkeit, Präkarisierung, Flexibilisierung, Armut und Ausgrenzung thematisiert und diese auf die Bedingungen eines menschenwürdigen Lebens reflektiert (vgl. Negt 2010). Er ist durch die Verbindung dieser zwei Denker in der Lage die Gesellschaft in ihrem Sein zu erfassen und sie auf ein Sollen hin zu hinterfragen, Marxs Denken dient ihn dazu die ökonomische Sphäre zu analysieren, Kant um moralische Prinzipien darauf anzuwenden. Hauptsächlich eine Formulierung des Kategorischen Imperativs Kants steht über Negts Philosophie: „Handele so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (Kant 1968, S. 429). Die Pädagogik ist ein Thema das Negt in seinen Schriften immer wieder aufgreift. Dabei behandelt er Aspekte die von Kindererziehung und Bildung, über politischer Erwachsenenpädagogik und Gewerkschafts- 63 osKar negt arbeit, bis zu Partizipation in Kindertageseinrichtungen reichen. Negt sieht im Anschluss an die erste Generation der Kritischen Theorie die Familie als Agens der Gesellschaft und entwickelt dieses Konzept nach den in unserer gegenwärtigen Gesellschaft herrschenden Verhältnissen weiter. So sei unsere gegenwärtige soziale Realität einer Erosionskrise ausgeliefert, welche unter anderem die Auflösung der Familienstrukturen zur Folge hat. Hier dockt Negts Erziehungsbegriff an, den er als Pädagogik des Aufrechten Ganges versteht. Öffentlichkeit und Erfahrung Negt hat mit dem Filmemacher Kluge in Zusammenarbeit mehrere Bücher veröffentlicht. Im Buch „Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit“ radikalisieren sie unter anderem die Öffentlichkeitstheorie von Jürgen Habermas und entwickeln im Anschluss daran den Begriff der proletarischen Gegenöffentlichkeit. Sie hinterfragen in ihrem Werk im Allgemeinen die historischen als auch die normativen Voraussetzungen der Öffentlichkeit wie sie Habermas entwirft. So verneinen sie die Gleichsetzung einer bürgerlichen mit einer modernen demokratischen Öffentlichkeit. Viel mehr bevorzugen die beiden Autoren die Hervorbringung einer nicht bürgerlichen, proletarischen Öffentlichkeit. Das Aufkommen dieser Öffentlichkeit sehen die Autoren im Verfall der bürgerlichen Öffentlichkeit begründet, da die proletarische Öffentlichkeit die Erfahrung und Organisation der gesellschaftlichen Produktionssphäre zu generieren in der Lage ist. Die Geschichte der Öffentlichkeit wird von ihnen deshalb neu interpretiert, sie verstehen diese als Konkurrenzkampf zweier unterschiedlich mächtiger Öffentlichkeiten. Beide proletarische wie bürgerliche Öffentlichkeit begründen einander gegenseitig. Hauptsächlich wird die von Habermas beschriebene Organisation der Öffentlichkeit durch rationale Argumente kritisiert. Eine Öffentlichkeit sollte viel mehr gesellschaftliche Erfahrungszusammenhänge zur Geltung bringen und ist in einer Klassengesellschaft nur dann sinnvoll wenn sich die Erfahrungen der Arbeiter in proletarischen Lebensrealitäten ausdrücken (vgl. Brunkhorst /Kreide /Lafont 2015, S. 149). „Ohne die Entwicklung proletarischer Öffentlichkeit dienen auch die Reaktionsbildungen des Widerstands, seine starren Charak- 64 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe tere, zur Befestigung des Systems. Sie absorbieren, wenn sie nicht die Entwicklung proletarischer Öffentlichkeit und die Organisierung proletarischer Erfahrung vorwärtstreiben, die Substanz dieser Erfahrung.“ (Negt/ Kluge 1973, S. 310) Erfahrungen realisieren sich dabei durch Affektstrukturen, Wahrnehmungsformen und Werteeinstellungen. Die Organisation der Öffentlichkeit sollte sich nach Negt und Kluge vielmehr durch die genannten Erfahrungsformen ausdrücken als durch rational zu begründende Argumente und Erklärungen (Brunkhorst/ Kreide/ Lafont 2015, S. 149). Die Bürgerliche Öffentlichkeit ist nach Negt und Kluge überlagert von instrumenteller Vernunft, die der Massengesellschaften vor dem Zweiten Weltkrieg entsprungen ist. Die Erfahrung der bürgerlichen Öffentlichkeit wandelt sich in Scheinerfahrung um, sie ist beeinflusst von Entfremdung und Ideologisierung der Bewusstseinsindustrie und der Massenmedien. „Das Normgeflecht der bürgerlichen Öffentlichkeit wird von massiven Produktionsinteressen derart okkupiert, daß es zu einer Instrumentensammlung wird, die von privaten Interessen eingesetzt werden kann.“ (Negt, Kluge 1973, S. 41) Diese ideologischen Beeinflussungen verhindern das Aufkommen der proletarischen Gegenöffentlichkeit, so können Arbeiter nicht zu einem objektiven durch Erfahrung geprägten Bewusstsein ihrer Klassenlage kommen. Negt und Kluge beschwören deshalb einen dialektischen Kampf zwischen proletarischer und bürgerlicher Öffentlichkeit. Sie sehen die Emanzipation der Öffentlichkeit nur durch einen radikalen kulturellen und ästhetischen Klassenkampf verwirklicht (vgl. Brunkhorst / Kreide /Lafont 2015, S. 51). Kulturelle Erosionskrise Ausgangspunkt der späteren Gesellschaftsanalyse Negts ist der Begriff kulturelle Erosionskrise. Negt sieht unsere Gesellschaft an einen Punkt angelangt an dem sich die gesamte Struktur der menschlichen Lebensverhältnisse verändert. Anders als rein ökonomische Krisen verändert die kulturelle Erosionskrise die Subjekte und ihre Stellung zur Gesell- 65 osKar negt schaft. Sie verändert die „Primärsozialisation des Kindes über Staat und Recht bis zum Weltmarkt.“ (Negt 1984, S. 57) Negt erklärt, dass der Begriff der kulturellen Erosionskriese am besten mit dem durkheimschen Begriff der Anomie zu vergleichen ist: „Charakteristisch für Anomie ist eine Situation der Norm- und Orientierungslosigkeit, die in den Individuen, auch wenn ihre soziale Lage, ja die der Gesamtgesellschaft relativ stabil erscheint, Gefühle der Vereinsamung und Verlassenheit, Angstzustände von Macht- und Hilflosigkeit bewirkt. Es ist ein Zustand, in dem alte Normen nicht mehr gelten, die regulierende Kraft der Tradition (…) teilweise oder ganz außer Kraft gesetzt ist, aber neue Handlungsorientierungen, die Sicherheit im Alltagsverhalten verbürgen, noch nicht gefunden sind. Erosion setzt den Akzent deutlicher auf den Prozess der Zersetzung und weniger, wie bei Durkheim, auf das Resultat, den Zustand.“ (Negt 1999, S. 23) Bezeichnend für die kulturelle Erosionskrise ist die Auflösung der traditionellen Familienstruktur, der Verlust von Bindungen, das wanken des Bildungssystems, die Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen, die Polarisierung von Arm und Reich, das Ende der Arbeitsgesellschaft, die mit dieser einhergehenden Arbeitslosigkeit und die Entpolitisierung der Menschen. Negt übernimmt den Begriff der Zwei-Drittel-Gesellschaft, in der ein Drittel der Bevölkerung, die aus Dauerarbeitslosen, sozialpsychiatrisch Betreuten und Randgruppen besteht, marginalisiert wird und nicht mehr integrierbar ist. Solche gesellschaftlichen Umbrüche bergen seinerseits die Gefahr, dass Menschen sich wieder in Ideologien flüchten: „Wenn der Angstrohstoff von Menschen, die in ihrer Tätigkeit und ihrem Überlebenskampf erhebliche Teile ihrer Lebensenergie verbrauchen, beständig anwächst, sammeln sich an allen Ecken und Kanten der Europäischen Gesellschaft die politischen Scharlatane und Propheten des kollektiven Unheils.“ (Negt 2012a, S.33) Am Anfang des 20. Jahrhunderts hat es nach Negt ebenfalls eine kulturelle Erosionskrise gegeben, diese habe ihren Beitrag dazu geleistet, dass die Menschen sich in den Nationalsozialismus flüchteten. In einer Ero- 66 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe sionskrise steckt nach Negt nicht nur Negatives, sondern sie berge auch das Potential die Gesellschaft positiv zu verändern. Gewerkschaften, Arbeit, Würde, Utopie Der Großteil von Negts Schriften beschäftigt sich neben Bildung und Erziehung mit politischer Philosophie und dem Verhältnis von Arbeitern und nicht Arbeitern in der kapitalistischen Wirtschaftsform. Vor allem das Faktum, dass in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen einfach ausgeschlossen werden weil sie keine Möglichkeiten haben sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren sieht er als menschenunwürdige Zustände an, die zu großen psychischen Leiden führen können. Arbeit sei ein Grundbedürfnis der Menschen, sie wird trotz des nicht mehr Vorhandenseins für alle zur Grundsäule unserer Gesellschaft erklärt. Das Subjekt, welches keine Arbeit findet wird systematisch ausgegrenzt und marginalisiert. „Arbeitslosigkeit ist ein Gewaltakt. Sie ist ein Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon betroffenen Menschen. Sie bedeutet Raub und Enteignung jener Fähigkeiten und Eigenschaften, die innerhalb der Familie, der Schule und der Lehre in einem mühsamen und aufwendigen Bildungsprozess erworben wurden und die (...) in Gefahr sind, zu verrotten und schwere Persönlichkeitsstörungen hervorzurufen.“ (ebd., S. 68) Der gesamte Prozess auf den die schulische Laufbahn hinarbeitet ist die Arbeit, umso schwerer ist es wenn am Ende dieser Laufbahn nichts steht. Aber nicht nur arbeitslose Menschen sehen sich im Angesicht dieser gesellschaftlichen Entwicklungen unter Stress, sondern auch jene die in die Arbeitsgesellschaft integriert sind. Durch die ständige Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, die dadurch bestimmt wird, dass Arbeiter und Sozialgesetze immer weiter gelockert werden, sehen sich Subjekte immer mehr gezwungen sich zu flexibilisieren. Hier kommt auch das Konzept der kulturellen Erosionskrise wieder zum Tragen, die er wie oben schon erklärt im Auflösen von Bindungen und Traditionen begreift. Der kulturellen Erosionskrise wird mit einer betriebswirtschaftlichen Mentalität begegnet die Flexibilisierung, Polarisierung und Ab- 67 osKar negt kopplung erzeugt. Flexibilisierung wird hier als Selbstoptimierung in Form einer Ich-AG bezeichnet, in der die Arbeit immer mehr auch in das Privatleben der Individuen eindringt und eine ständige Verfügbarkeit von ihnen fordert. Flexibilisierung wird zur Ideologie, die die Annahme vermittelt, dass es für alle Subjekte ausreichend Arbeit gäbe, man müsse nur anpassungsfähig genug sein um eine zu finden oder diese aufrecht zu erhalten. Dieser objektive Schein propagiert, dass die Grundstruktur der Arbeitsgesellschaft in Ordnung ist und die Individuen selbst für ihr Schicksal verantwortlich sind (vgl. ebd.). Von den Medien wird dieser Schein mitgetragen: „Fragmentierung und Flexibilisierung, diese betriebswirtschaftlich-technischen Instrumente zur Zerfaserung der Ich-Identität und zur Zerstreuung der Lebensenergien, dienen vor allem der Herrschaftssicherung. Die sogenannten öffentlichen Diskurse, das Sprach- und Symbolspektrum der Talkrunden, die praktisch Tag und Nacht angeboten werden – das alles geht in eine Richtung, die Zusammenhänge verschleiert und viel Energie darein setzt, zentrale gesellschaftliche Probleme unbewusst zu machen, in die Bereiche unterschlagener Wirklichkeit abzudrängen.“ (ebd., S. 51) Die Gesellschaft wird in dreifacher Hinsicht polarisiert. Erstens mit dem Wachstum des Reichtums in den Händen weniger Reicher und der Verarmung immer größerer Gesellschaftsschichten, zweitens durch die Individualisierung der Subjekte und deren Abstand untereinander und drittens durch den immer größer werdenden Abstand zwischen gesellschaftlichen Entscheidungsträgern in der Politik und dem Volk. Negt betont, dass besonders Europa von den Individuen als fremde Entscheidungsinstanz wahrgenommen wird, die zu weit in der Ferne liegt. Durch die Entzweiung der Individuen untereinander sieht er eine immer größer werdende Schwierigkeit eine kritische Öffentlichkeit zu formieren, die für ihre Interessen und Ziele kämpft. Als Abkopplungsprozess bezeichnet Negt die Dreiteilung der Gesellschaft. Ein Drittel gehört zu der privilegierten Schicht die sich aufgehoben fühlt und für die eine Krise befremdend wirkt, das zweite Drittel lebt in prekären und fragmentierten Verhältnissen und wird oft als Prekariat bezeichnet und das dritte drittel besteht aus den gesellschaftlich Überflüssigen, die von sozialer und staatlicher Unterstützung leben. Von der Abkopplung sind 68 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe besonders letztere betroffen. Anknüpfend an seine Theorie der Herrschaftsmechanismen des Marktes definiert er fünf Krisenherde mit denen sich Europa angesichts der kulturellen Erosionskriese befassen muss. 1. Globalisierung Die Globalisierung ist dadurch gekennzeichnet, dass die Macht des Nationalstaates immer mehr schwindet und soziale Ausgaben gekürzt werden. Das weltweit agierende Kapital kann nicht eingedämmt werden. Die Produktion der Unternehmen ist nichtmehr an Standorten gebunden. Bei Erhöhung der Steuern von Seiten des Staates sind sie dazu in der Lage deren Produktion in Billigländer auszulagern. An Stelle des Gemeinwohls tritt der unbändige Fluss des Kapitals der den Betrieb zu grenzenloser Auslagerung befähigt. Immer größer werdende Konzerne kontrollieren große Teile des Weltmarkts und sind in der Lage für sich Gesetze auszulegen. 2. Arbeit/ Arbeitslosigkeit Die Menschen werden durch die zweckrational ökonomische Organisation der Arbeitsgesellschaft polarisiert, flexibilisiert und abgekoppelt. Flexibilisierung von Arbeit und Arbeitslosigkeit wirkt zersetzend auf Identitätsstrukturen. Massenarbeitslosigkeit berührt dabei die Lebensschicksale der Einzelnen und deren Psyche. 3. Strukturwandel der Erziehungs- und Lernorte Hier ist vor allem die Auflösung der traditionellen bürgerlichen Familie zu nennen, die Erhöhung von Scheidungsraten, der Zuwachs von alleinerziehenden Eltern oder deren relativ neue Organisation in Patchworkfamilien. Desweiteren sind alleinerziehende Eltern vermehrt Opfer von Fragmentierung und leben an der Armutsgrenze. Der Lernort Schule unterliegt den Gesichtspunkten betriebswirtschaftlicher Rationalisierung und Flexibilisierung und bedarf einer Neugründung. 4. Technologische Fortschritt und Ethik Negt sieht den Mensch im Anschluss an Freud als Prothesengott, der sich selbst durch die Wissenschaft unsterblich machen will. Forschung und Entwicklung kennen keine moralischen Grenzen mehr. Das rücksichtslose Agieren der Forschung in Sachen medizinischer Technologie, Gentechnik, Pränataldiagnostik, Embryonen Manipulation, Klonen hat 69 osKar negt negative Konsequenzen für den Menschen und muss in einen ethischen Rahmen Gesetz werden. 5. Die schleichende Tendenz der Entpolitisierung Menschen sehen sich immer mehr vor dem Ohnmachtsgefühl gegen- über Politikern und politischen Veränderungen. Es herrschen Frustrationen im Hinblick der Arbeitslosigkeit, der Fragmentierung und des Abbaus des Sozialstaats. Sie sind der Meinung, dass ihre Stimme nichts mehr wert ist, dass sich politisches Handeln nicht mehr lohnt. Durch die Individualsierung rücken Subjekte immer weiter auseinander und es wird schwerer ein zivilgesellschaftliches Engagement heraufzubeschwören. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken entwirft Negt verschiedene Alternativen. Er macht sich für ein geeintes Europas stark, dass die Fähigkeit besitzt in wirtschaftliche Prozesse einzugreifen um transnationalen Konzernen die Stirn zu bieten. Die Ökonomie sollte auf neue Werte fußen, die sich nicht an ökonomischer Rationalität orientieren, sondern am Gemeinwohl. „Der Arbeitsgesellschaft geht durchaus nicht alle Arbeit aus, sondern nur eine bestimmte. Die auf Warenproduktion beschränkte lebendige Arbeitskraft ist immer stärker durch Maschinensysteme ersetzbar, nicht aber jene Arbeit, die als Beziehungsarbeit wesentlich daran beteiligt ist, Identitätsbildung der Menschen zu ermöglichen und ein friedensfähiges demokratisches Gemeinwesen zu erhalten. Der Bedarf an Gemeinwesenarbeit steigt in demselben Maße, wie die Arbeitsplatzstrukturen herkömmlicher Warenproduktion durch fortlaufende Rationalisierung schrumpfen.“ (ebd. S.57) Des Weiteren kämpft er für die Verkürzung der Arbeitszeiten und die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, um die Möglichkeit zu eröffnen mehr Arbeit für das Gemeinwesen frei zu legen. Negt vereidigt dabei auch den Nutzen der Gewerkschaften und plädiert gegen eine Abschaffung für die Erweiterung ihrer Kompetenzen. Anstatt sich auf eine Verteidigungshaltung zu stützen, sollte sie deren Aktionsfeld öffnen für kulturelle und gesamtpolitische Interessen wie Wohngebiete und Stadtteile, Familie und Erziehung, Verkehr und Öko- 70 teIl 1: grundlegung KrItIscher theorIe logie. Sie sollte Orte des phantasievollen, exemplarischen Austauschs ermöglichen um Erfahrungsfelder von gegebenen Lebenssituationen in den gesellschaftlichen Diskurs einfließen zu lassen (vgl. Negt 2005). Dabei ist zu betonen, dass Negt Demokratie als einzige Staatsform sieht die gelernt werden muss. Demokratie kann nur als politische Lebensform verwirklicht werden, in der öffentliche Erfahrungsräume geschaffen werden. Politische Öffentlichkeiten sollten wieder mit Utopie gefüllt werden. Angesichts der alles zersetzenden Erosionskriese soll dem Gegenwartssinn ein Möglichkeitssinn entgegengehalten werden der auf konkrete realistische Utopien verweist (vgl. Negt 2012b). „Nur noch Utopien sind realistisch“ (Negt, 2011, S.560) schlussfolgert Negt in seinem Werk „Der politische Mensch“.

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Zusammenfassung

n einer Welt, in der sich Relativismus und ökonomische Entgrenzung auch in Erziehungsfragen auf dem Vormarsch befinden, plädiert Christian Greis im Anschluss an die Kritische Theorie für eine Rückkehr der Werte in die Pädagogik. Im Sinne der Frankfurter Schule formuliert er Leitlinien, welche auch heute noch Gültigkeit für das pädagogische Handeln besitzen. So gelingt Greis ein einzigartiger Überblick über das Denken der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule und dessen Auswirkungen auf die Pädagogik. Die Theorien von Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm, Habermas und Negt werden zu einem Gesamtkonzept zusammengefügt und schaffen dadurch neue Perspektiven, Erkenntnisse und Blickwinkel für die Pädagogik. Somit bietet dieses Buch nicht nur einen Ausgangspunkt, um sich vertieft mit den pädagogischen Konzepten der Frankfurter Philosophen auseinanderzusetzen und jene in deren Tradition weiterzudenken. Besonders der erste Teil kann zugleich auch als Einführung in die Philosophie der Kritischen Theorie und ihrer wichtigsten Vertreter gelesen werden.