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Einleitung in:

Christian Greis

Die Pädagogik der Frankfurter Schule, page 1 - 4

Kritisch pädagogische Perspektiven im Denken von Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm, Habermas und Negt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4007-2, ISBN online: 978-3-8288-6726-0, https://doi.org/10.5771/9783828867260-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 44

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einleitung In einer Welt in der sich der Relativismus immer weiter auf dem Vormarsch befindet und sich der sozialwissenschaftliche Forschungsbetrieb durch umgehende Quantifizierung und Anpassung an die Naturwissenschaften rühmt, möchte ich an eine Theorietradition erinnern, die sich von Anfang an gegen eine werteneutrale Erfassung der Wirklichkeit und das Establishment des Positivismus richtete. Die Gesellschaft, die sich in ihren Möglichkeiten selbst aus den Angeln hebt, braucht eine Theorie, die ihre Gesamtkonstitution zu analysieren vermag und von ihr aus die Weichen für eine Möglichkeit der Verbesserung stellen kann. Die Pädagogik, die sich wie viele andere Wissenschaftstheorien dem Vorsatz „anything goes“ auf die Fahnen geschrieben hat, wähnt sich selbst an der vordersten Front der Entgrenzung, die von dem gegenwärtigen technokratisch, hochentwickelten, globalisierten Kapitalismus erzeugt wird. Erziehungswissenschaft so fordere ich im Anschluss an der Kritischen Theorie hat die Aufgabe sich selbstkritisch im Hinblick auf die Gesellschaft zu hinterfragen und sich gegen den Verwertungszwang des Wissenschaftsbetriebs und der Ökonomie aufzulehnen. Gegen die Werteneutralität braucht es eine Rückkehr der Werte in die Pädagogik um der zweckrationalen Ökonomisierung von Schule und mit ihr der sozialpädagogischen Institutionen entgegenzuwirken. Es wird davon ausgegangen, dass wir uns in einer Zeit der Umbrüche befinden in der die Pädagogik sich verantwortlich zeigen muss die gesellschaftliche Wirklichkeit davor zu bewahren sich wieder in totalitäre Ideologien zu flüchten. Dazu bedarf es pädagogischen Theorien die solche Situationen präventiv vorbeugen können. Kritische Theorie in Tradition der Frankfurter Schule richtet sich dabei gegen das eindimensionale Denken des Universitätsbetriebs selbst, das sich im gewissen Sinne durch positivistische Forschung von der Wirklichkeit entfremdet hat. Diese Abhandlung wendet sich auch an all jene, die sich bereits in irgendeiner Form mit kritischer Theoriebildung beschäftigt haben, Pädagogik als selbstreflexive Wissenschaft betreiben und damit zur Aufhellung des endfremdeten Universitätsbetriebs beitragen. 2 eInleItung Ziel dieser Arbeit ist es explizite und deduktive pädagogische Elemente aus den Theorien von Horkheimer, Adorno, Fromm, Habermas, Marcuse und Negt auszuarbeiten und allgemein eine Pädagogik der Kritischen Theorie zu skizzieren. Vorrangig ist es das Theoriegebäude einer Pädagogik im Sinne der Frankfurter Schule auszuarbeiten, nicht die Theorien weiterzudenken um ein Analyseinstrument für die Gesellschaft der Gegenwart zu erhalten. Dazu gehört jedoch auch sie auf ihre Aktualität hin zu überprüfen und sie kritisch zu reflektieren. Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die von Marx Horkheimer entwickelte sozialwissenschaftliche Forschungstradition der Kritischen Theorie. Diese bezieht sich auf die Totalität der Gesellschaft und deren geschichtlicher Gesamtsituation. Max Horkheimer versteht Wissenschaft selbst als soziales Phänomen welches nicht vom gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang getrennt werden darf. Sie habe sich viel mehr selbst immer wieder Infrage zu stellen und sich als Objekt der Gesellschaft zu reflektieren. Die Kritische Theorie ist eine Theorie der Praxis deren Ziel es ist unter der Oberfläche der Gesellschaft steckende Widersprüche und Ungerechtigkeiten zu analysieren und deren Überwindung zu erreichen. Hier liegt auch ihr emanzipatives Potential, das neben der wirklich bestehenden Gesellschaft immer auch auf eine mögliche, bessere Gesellschaft verweist (vgl. Böhnisch 2013, S. 14f). Eine weitere wichtige Säule der kritischen Theorie ist die Ideologiekritik, welche auf die Verdinglichungsmechanismen des Kapitalismus und der von der Kulturindustrie vermarkteten Scheinindividualität abzielt. Aufklärung selbst ist nach Horkheimer und Adorno zur Ideologie geworden, da sie anstatt in eine emanzipierte Gesellschaft in Barbarei mündete. Von hier aus gilt es die verschiedenen Ausformungen der Kritischen Theorie im Denken Adornos, Fromms, Habermas, Marcuses und Negts nachzuzeichnen und ihre Ansätze miteinander zu vergleichen. Ihre Theorien sind für die Pädagogik von besonderer Relevanz da sie Themen wie Autorität, Entfremdung, Mündigkeit, exemplarisches Lernen und Sozialcharakter behandeln und diese auf eine emanzipierte Gesellschaft hin reflektieren. Hauptsächlich die Schule als System wird dahingehend kritisiert, dass sie Sozialintegration und die Einbindung der gesamten Persönlichkeit des Individuums unmöglich macht. Sie gilt dabei als Institution gesellschaftlicher Entfremdung die Halbbildung und ein- 3 eInleItung dimensionales Denken vermittelt. Mündigkeit ist dabei als pädagogisches Konzept zu verstehen, welches nur seine Wirkung entfalten kann, wenn es auf alle sozialpädagogischen Institutionen und Bildungseinrichtungen angewandt wird. Somit ist auch das Konzept einer Pädagogik der Frankfurter Schule ein Theorieansatz, der die Totalität der Gesellschaft mit ihren gesamten Erziehungs- und Bildungseinrichtungen zu erfassen versucht. Obwohl in dieser Abhandlung manche Institutionen mehr kritisiert werden als andere, gilt es sich dies immer vor Augen zu halten. Die Schule steht vorwiegend unter dem Blickpunkt der Kritik, weil sie am weitesten von dem Mündigkeitskonzept der Frankfurter Schule entfernt ist, das bedeutet jedoch nicht das die Pädagogik der Kritischen Theorie für sozialpädagogische Einrichtungen weniger von Bedeutung wäre. Zusätzlich möchte ich die Verdinglichung der Sozialpädagogik und der Sozial Arbeit, die durch den Neoliberalismus des Marktes und Entgrenzung des Sozialstaates hervorgerufen wurde, darstellen. Hierbei beziehe ich mich auf die Grundannahmen Kritischer Theorie, dass die instrumentelle Vernunft, ethische Beziehungen zwischen Menschen auflöst und auf eine reine Zweck-Mittel Beziehung reduziert. Dabei ist es eine unumgängliche Voraussetzung die Globalisierung der gegenwärtigen Welt und die dazugehörige Entgrenzung des Sozialstaates mit einzubeziehen. In Bezug auf die Theorie der repressiven Entsublimierung von Marcuse und die frommsche Theorie des Marketing-Charakters gilt es die Auswirkungen des Konsums auf die Erziehung nachzuzeichnen und deren Bedeutung für die Identitäts- und Individualitätsbildung auszuarbeiten. Fromm ist es mit seiner Theorie des dialektischen Humanismus außerdem gelungen eine Perspektive für die Erziehung zu öffnen, die sich auf die existenziellen Grundbedürfnisse des Menschen bezieht und eine positive soziale Entwicklung hin zur Freiheit ermöglichen soll. Die Familie ist im Verständnis der Frankfurter Schule die Keimzelle gesellschaftlicher Entwicklung und wird deshalb in ihren historischen Ausformungen bis hin zur Gegenwart analysiert. Im ersten Teil werden die einzelnen Vertreter der Frankfurter Schule die für diese Arbeit von Wichtigkeit sind mit ihren Theorien und Ideen in kurzen Profilen vorgestellt. Danach werden Deduktive und Induktive pädagogischer Konzepte aus der Kritischen Theorie ausgear- 4 eInleItung beitet. Um ein Gesamtverständnis für die Pädagogik der Frankfurter Schule zu entwickeln und sie als theoretische und praktische Leitlinie für das pädagogische Arbeiten in verschiedenen gesellschaftlichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen verwenden zu können, werden deren Bezugspunkte verbunden und zusammengefasst. Mein Verständnis kritisch pädagogischer Theorie geht davon aus, dass sich die erzieherischen Konzepte der einzelnen Denker untereinander ergänzen und eine bestimmte innere Konsistenz besitzen, die nur in ihrer Verbindung in der Lage ist die gesamte pädagogische Geltung der Kritischen Theorie zu erfassen. Im letzten Abschnitt wird die Theorie kritisch reflektiert und in Bezug auf gegenwärtige kritische Denker erweitert bzw. auf Mängel in dem Konzept Pädagogik der Kritischen Theorie hingewiesen. Als ein unumgänglicher Kritikpunkt wird die Missachtung der Geschlechterperspektiven angeführt. Die Kritische Theorie kritisiert das Patriarchat, ist in ihrem Blick auf die Gesellschaft selbst teilweise patriarchalisch verzerrt und führt zu einer Vernachlässigung der weiblichen Anteile. Dabei wird in dieser Arbeit meistens die männliche Umgangsform verwendet, da alle Mitglieder der Kritischen Theorie diese als allgemein geltend benutzten und deren wissenschaftliche Untersuchungen sich vorwiegend an das männliche Subjekt richten.

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Zusammenfassung

n einer Welt, in der sich Relativismus und ökonomische Entgrenzung auch in Erziehungsfragen auf dem Vormarsch befinden, plädiert Christian Greis im Anschluss an die Kritische Theorie für eine Rückkehr der Werte in die Pädagogik. Im Sinne der Frankfurter Schule formuliert er Leitlinien, welche auch heute noch Gültigkeit für das pädagogische Handeln besitzen. So gelingt Greis ein einzigartiger Überblick über das Denken der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule und dessen Auswirkungen auf die Pädagogik. Die Theorien von Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm, Habermas und Negt werden zu einem Gesamtkonzept zusammengefügt und schaffen dadurch neue Perspektiven, Erkenntnisse und Blickwinkel für die Pädagogik. Somit bietet dieses Buch nicht nur einen Ausgangspunkt, um sich vertieft mit den pädagogischen Konzepten der Frankfurter Philosophen auseinanderzusetzen und jene in deren Tradition weiterzudenken. Besonders der erste Teil kann zugleich auch als Einführung in die Philosophie der Kritischen Theorie und ihrer wichtigsten Vertreter gelesen werden.