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EINFÜHRUNG in:

Marco Behringer

Green and Clean?, page 9 - 12

Alternative Energiequellen in Science Fiction und Utopie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3929-8, ISBN online: 978-3-8288-6724-6, https://doi.org/10.5771/9783828867246-9

Tectum, Baden-Baden
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GREEN AND CLEAN? 9 EINFÜHRUNG „Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre es nicht wert, dass man einen Blick auf sie wirft, denn in ihr fehlt das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet.“ – OSCAR WILDE Die Menschheit „landet“ wohl nicht „immer“ in Utopia – auch nicht im sprichwörtlichen Sinne. Wahrscheinlicher ist, dass sie dort niemals ankommt. Doch wählt sie Utopia einmal als Ziel, wird allein die Reise unbeschwerlicher. Denn Utopia steht seit der frühen Neuzeit für die gedachte Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens. Betrachtet man das „Land“ Utopia genauer, erkennt man, dass darin nicht nur gesamtgesellschaftliche Zustände, sondern ebenso nicht-soziale Teilgebiete des menschlichen Lebens idealisiert enthalten sind. Es gibt nicht nur Utopia als einen idealen Gesellschaftsentwurf, sondern auch Utopien, die Details der menschlichen Alltagskultur ideal darstellen. Technik ist ein beliebtes Objekt oder Teilsystem der Utopie: Das fliegende Auto für jedermann, das durch eine hochtechnisierte Stadt schwebt, ist ein Paradebeispiel für eine technische Utopie. Technische Utopien sind in der Regel Bestandteile von wissenschaftlichen Visionen und geistig-literarischen Imaginationen. Technische Utopien finden sich in erster Linie im Kontext der „oppositionellen“ Utopie und der „konformen“ Science Fiction.1 Belletristik, Comic, Film und Hörspiel stellen massenmediale Quellen dar, die un- überschaubare Variationen der technischen Utopie enthalten. Science Fiction genießt in den Kreisen ihrer Apologeten dementsprechend den schmeichelhaften Ruf „Ideenliteratur“ zu sein, die Raum für geistige Experimente bietet. Oft handelt es sich bei technischen Utopien um Extrapolationen, also um gedachte Weiterentwicklungen technischer Errungenschaften. Die Rezeption von Science Fiction geht über die Funktion als Ideenliteratur hinaus. So hat das Sekretariat für Zukunftsforschung her- 1 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland. (=Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts; Bd. 30). Tübingen 1972. MARCO BEHRINGER 10 vorgehoben, dass Science Fiction zur realen Zukunftsgestaltung beiträgt, indem das Genre die begrifflichen und bildlichen Grundlagen produziert, die in Diskursen über die und in der konkreten Gestaltung der Zukunft direkt oder indirekt aufgegriffen werden.2 Der Schritt von der Science Fiction zur Technikfolgenschabschätzung der Politik mag auf den ersten Blick vielleicht größer erscheinen als er tatsächlich ist. Science Fiction, da sind sich die gegenwärtigen Kritiker alle einig, „will“ gar nicht prognostizieren, sondern aktuelle technische oder soziokulturelle Entwicklungen analysieren und kritisieren. Im besten Falle liefert sie dabei auch noch Modelle für mögliche Zukunftsentwicklungen. Der Anspruch, die Zukunft vorherzusagen, besteht demnach nicht. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt ein Blick in die Literaturgeschichte: In der Vor- und Frühphase der Science Fiction, also von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, galten Science-Fiction-Schriftsteller oft als Visionäre und Propheten. Die Leser erwarteten, dass die technische Entwicklung den Verlauf der visionär anmutenden belletristischen Fiktionen tatsächlich einnimmt. Obwohl gegenwärtige Vertreter der Science Fiction oft mit harten wissenschaftlichen Grundlagen arbeiten, sind sie dennoch vorsichtig mit Wahrscheinlichkeitsangaben bezüglich ihrer Prognosen. Die Wirklichkeit ist einfach zu komplex (geworden), als dass sich Romanciers für Zukunftsforscher halten würden. Der Beschäftigung mit der Zukunft haftet in diesem Kontext stets eine gewisse Unseriosität an. Indes ist die Alltagskultur durchdrungen von Vorhersagetechniken: Egal ob Horoskope, Wirtschaftstrends, Wettervorhersagen oder Prognosen im medizinischen Bereich – der Mensch setzt sich permanent mit Zukunft und deren Vorhersage oder Einschätzung auseinander. Dabei bleiben diese Vorhersagetechniken nicht ohne konkrete Folgen: Wer beispielsweise aufgrund der Wettervorhersage seine Kleidung anpasst, macht schon den Schritt von passiver Erwartung zur aktiven Gestaltung und zwar unabhängig davon, ob es am darauffolgenden Tag regnet oder die Sonne scheint. Wissenschaftler verwenden in methodologischer Hinsicht Prognosen oder Gedankenexperimente, also Vorhersagetechniken. Der Planungsfaktor spielt also in Bezug auf Vorhersageformen eine konkrete Rolle, was bis zu einem gewissen Grad auch auf technische Utopien zutrifft. Der Diskurs um die Zukunft der Menschheit ist seit der industriellen Revolution geprägt von der Frage nach Energie. Die in Utopie- und Science-Fiction-Kontexten propagierten technisch-wissenschaftlich legi- 2 Vgl. STEINMÜLLER, KARLHEINZ: Gestaltbare Zukünfte. Zukunftsforschung und Science Fiction. Abschlußbericht (=Sekretariat für Zukunftsforschung: Werkstatt Bericht; Bd. 13). Gelsenkirchen 1995. PDF: http://steinmuller.de/media/pdf/WB%2013%20 Science%20Fiction.pdf, S. 3. GREEN AND CLEAN? 11 timierten „Fortschrittsversprechen“3 kreisen oft um Extrapolationen oder Imaginationen über die Erzeugung und Nutzung von Energie. Die vorliegende Arbeit erforscht energetisch-utopische Vorstellungen deshalb paradigmatisch und systematisch aus der volkskundlichen Perspektive. Literatur wird in der (Europäischen) Ethnologie ohnehin gerne als Zugang zur gegebenen Architektur einer Kultur herangezogen: Durch die Perspektive dieser Reflektionstheorie betrachtet, sind literarischen Ausdrucksformen weltanschauliche Vorstellungen immanent.4 Die angestrebte Untersuchung von Utopien und Science Fiction in Unterhaltungsmedien wird sich demnach nicht in einer rein deskriptiven Analyse erschöpfen, sondern – als „Mehrwert“ – auch eine normative Analyse enthalten, die vor allem Rückschlüsse auf die Urheber und Rezipienten von Utopien und Science Fiction und deren Weltbilder zulässt. Damit liegt mit dem Forschungsgegenstand der Fall vor, dass (Alltags)Kultur – vom Umgang mit Technischem, der Haltung gegenüber Technischem bis hin zur Weltanschauung – innerhalb von (Populär)Kultur – Belletristik, Comic, Kino – thematisiert wird. Diese Art von „Kultur in Kultur“ – Weltbild in Unterhaltungsmedium – steht für eine Selbstreflexion in Bezug auf Kultur beziehungsweise auf Technik als Bestandteil der Alltagskultur. Anhand der „alternativen Energie“ liegt ein Motiv vor, das einen aktuellen Bezug aufweist, der für die soziokulturelle Entwicklung von Technik eine herausragende Rolle spielt. Man könnte in Utopie und Science Fiction statt „Energie“ auch Bereiche wie „Kommunikation“ oder „Mobilität“ er-forschen. Aber in Bezug auf „alternative Energie“ können weltanschauliche Vorstellungen klarer oder überhaupt erst herausgearbeitet werden, was bei Kommunikations- oder Mobilitätsutopien weniger oder nicht der Fall ist. Wenn man die Erzeugung und Nutzung von Energie in Utopie und Science Fiction betrachtet, kann sowohl der Umgang mit Technischem in konkreter Form als auch die Haltung gegenüber Technik als Sinnsystem untersucht werden. Kommunikations- oder Mobilitätsutopien beschränken sich dagegen weitestgehend auf den Umgang mit Technik. „Energie“ geht als Technikbereich zudem den Bereichen „Mobilität“ und „Kommunikation“ in gewisser Weise voraus und ist deshalb wesentlicher: Ohne Strom ist keine elektrisch basierte Massenkommunikation möglich und ohne Energiequellen gibt es keine Antriebsmittel für technische Vehikel, die keine Körperkraft erfordern. 3 VOSKUHL, ADELHEID: Ambivalenz im Versprechen. Fortschritt und Untergang der Technikphilosophie der Weimarer Republik, in: Fraunholz, Uwe; Woschech, Anke (Hg.): Technology Fiction. Technische Visionen und Utopien in der Hochmoderne (=1800 | 2000. Kulturgeschichten der Moderne; Bd. 10). Bielefeld 2012, S. 25-39, hier S. 25. 4 Vgl. INGLIS, RUTH A.: Das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in objektiver Betrachtung, in: Fügen, Norbert (Hg.): Wege der Literatursoziologie (=Soziologische Texte; Bd. 46). Neuwied/Berlin 1971, S. 163-176, hier S. 164. MARCO BEHRINGER 12 Mobilitätsutopien werden jedoch im Kontext der Antriebsquellen als Subkategorie herangezogen. Zusammengefasst untersucht die vorliegende Arbeit energetische Utopien als Motive von Utopien und Science Fiction in Unterhaltungsmedien, um Rückschlüsse auf ideologische Vorstellungen und Erwartungshaltungen der Rezipienten in Bezug auf Technik herauszuarbeiten. Energie-Utopien werden demnach als reflexive Trivialisierungsformen von technisch-wissenschaftlichen Themen betrachtet. Die populärkulturelle Adaption von szientistischen und technikbezogenen Gegenständen bedarf einer Erklärung, die theoretisch und empirisch erarbeitet wird. Zunächst erfolgt eine deduktive, theoretische Annäherung an den Forschungsgegenstand, um eine Grundlage für eine systematische Untersuchung der energetischen Utopien zu schaffen. Sodann erfolgt eine empirische Inhaltsanalyse von exemplarisch ausgewählten Technik-Utopien über das Thema „alternative Energie“.

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Zusammenfassung

Von Vulkankraftwerken bis hin zu lunarem Helium-3-Abbau zur Kernfusion: Science Fiction und Utopie sind seit jeher randvoll mit kühnen Ideen zur alternativen Energiegewinnung. Zweifelsfrei faszinieren diese literarischen Gedankenexperimente. Doch stehen diese Energie-Utopien auch für nachhaltigen Fortschritt und Umweltschutz? Sind sie „Green and Clean“? Oder doch eher ein Produkt technischen Wahnwitzes, folgenschwer für Umwelt, Mensch und Tier? Systematisch geht Marco Behringer diesen Fragen nach, indem er illustre Beispiele aus Literatur, Comic und Film seit dem Zeitalter der Industrialisierung untersucht. Dazu vergleicht er populäre Genre-Klassiker, typische Genre-Titel und zeitgenössische Bestseller – von Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ bis hin zu Marvels „Iron Man“.