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FORSCHUNGSANSATZ UND -GRUNDLAGEN in:

Marco Behringer

Green and Clean?, page 13 - 98

Alternative Energiequellen in Science Fiction und Utopie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3929-8, ISBN online: 978-3-8288-6724-6, https://doi.org/10.5771/9783828867246-13

Tectum, Baden-Baden
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GREEN AND CLEAN? 13 FORSCHUNGSANSATZ UND -GRUNDLAGEN „Heute ist die Utopie vom Vormittag die Wirklichkeit vom Nachmittag.“ – FRIEDRICH NIETZSCHE Nietzsche impliziert mit seiner Aussage, dass Utopien die Zukunft vorhersagen. Der Philosoph suggeriert zudem, dass der Zeitraum zwischen Vorhersage und Konkretisierung kurz geworden ist. Utopien weisen seiner Ansicht nach einen starken gestalterischen Bezug auf, da die in die Zukunft gerichteten Ideen als Vorgaben zur Verwirklichung betrachtet werden. Doch weisen tatsächlich alle Utopien diesen Planungscharakter auf? Zielen Utopien grundsätzlich auf ihre Umsetzung? Oder gibt es nicht vielmehr eine Diversität an Utopien? Zum Beispiel Utopien, die durch Idealvorstellungen weniger die Zukunft gestalten wollen, als durch alternative und idealisierte Vorstellungen den Status Quo der Gegenwart kritisieren wollen. Oder Utopien, die zwar in die Zukunft gerichtet sind, aber dies nicht mit einem zwingenden oder realistischen Gestaltungsanspruch verbinden. Es geht also darum, Utopien und Science Fiction theoretisch zu erfassen, um operationalisierbare und systematische Ansätze für die Inhaltsanalyse bereitzustellen. Der Theorieteil besteht aus vier Oberkapiteln, die energetische Utopien als Bestandteile von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Perspektiven beleuchten. Zunächst erfolgt die Einordnung der vorliegenden Arbeit innerhalb der Europäischen Ethnologie. Sodann werden theoretische Ansätze aus der kulturwissenschaftlichen Technikforschung skizziert, weil energetische Utopien primär Reflexionen über Technisches darstellen. Darauf folgen Erörterungen von interdisziplinären theoretischen Ansätzen, zunächst aus der Utopie- und sodann aus der Science-Fiction-Forschung. MARCO BEHRINGER 14 I Energieutopien als Forschungsobjekt der Europäischen Ethnologie Die Europäische Ethnologie versteht sich als empirische Kulturwissenschaft. Deshalb handelt es sich bei dieser Geisteswissenschaft um keine methodologisch innovative oder theorieinnovative Forschungsdisziplin. Als interdisziplinäres Integrationsfach übernimmt sie dennoch Theorien aus benachbarten oder je nach Forschungsgegenstand entsprechend aus relevanten Fächern. Auch in vorliegender Arbeit liegt der Schwerpunkt auf der empirischen Untersuchung, die neue Erkenntnisse auf dem Forschungsgebiet „Technikakzeptanz“ liefern soll. Zunächst erfolgen die Forschungsfrage zum Thema der vorliegenden Arbeit und der Forschungsstand der Europäischen Ethnologie bezüglich der Bereiche „Utopie“ und „Science Fiction“. Die Forschungsfrage dient als Leitfaden, dem weitere Fragen untergeordnet sind und aus dem sich am Ende des Theorieteils die Arbeitshypothesen ableiten lassen. Aus ihr ergeben sich unmittelbar auch Prämissen für das weitere Vorgehen. Im zweiten Schritt wird geklärt, welches Quellenmaterial ausgewählt wird. Abschließend wird die Frage beantwortet, welche Methode gewählt wird. 1 Forschungsfrage(n) und Forschungsstand Utopie und Science Fiction stellen symbolische Sinnwelten5 dar. Im Folgenden meint der Begriff abweichend von Berger und Luckmann hermetische und identitätsstiftende „Weltentwürfe“6, die in Bezug zur objektiven, soziokulturellen Wirklichkeit stehen, indem sie signifikante Teilbereiche der Wirklichkeit durch „Deformationen“7 interpretieren und damit zur Veralltäglichung von Ideen und Normen einerseits, aber auch zur Veralltäglichung in Bezug auf den praktischen Umgang mit sozialen oder kulturellen Phänomenen beitragen. Die soziokulturelle Wirklichkeit wird demzufolge pars pro toto durch symbolische Sinnwelten reflektiert, gedeutet und ideologisch legitimiert8. Im Unterschied zu vergleichbaren Sinnwelten wird in Utopie und Science Fiction dezidiert und signifikant Technisches durch Popularisierung und Trivialisierung normativ reflek- 5 Der Begriff wurde entlehnt aus BERGER, PETER L.; LUCKMANN, THOMAS: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main 2004. 6 Unter „Weltentwürfe“ verstehe ich Szenarien, die in sich abgeschlossene Gesellschaftsordnungen enthalten. 7 Mit „Deformationen“ meine ich jede narrative Fiktionalisierung der objektiven Wirklichkeit. 8 Luckmann und Berger verwenden hierfür den Begriff „Stützkonzeptionen“, worunter theoretische Konstruktionen wie Mythologien subsumiert werden (Vgl. EBD., S. 112-123.). GREEN AND CLEAN? 15 tiert. Utopien und Science Fiction sind explizit szientistisch basierte Unterhaltungsgenres und Technik spielt darin eine herausragende Rolle. Technische Utopien sind die codierten Teilsymbole in Utopien und Science Fiction. Sie stellen die Deformationen in Hinblick auf die objektive Technikwelt dar. Energetische Utopien erscheinen wiederum als spezifizierte Ausprägungen von technischen Utopien. Die übergeordnete Forschungs-Frage lautet schließlich: Welche weltanschaulichen Bilder vermitteln Utopie- und Science-Fiction-ur-herber in Bezug auf Technik? Im Kontext von alternativer Energie könnte daran anschließend der Schluss naheliegen, dass Technisches als „Green and Clean“ – als umweltfreundlich und nachhaltig – inszeniert wird. Deshalb lässt sich die übergeordnete Frage zuspitzen: Vermitteln die Technikbilder – und die damit einhergehenden Naturbilder – von energetischen Utopien nicht nur ein technokratisches, sondern auch ein ökologisches Fortschrittsbild? Die Utopie- und Science-Fiction-Forschung ist im europäisch-ethnologischen Bereich überschaubar. Als Trivialliteratur betrachtet können die beiden Unterhaltungsgenres innerhalb der Lesestoffforschung eingeordnet werden. Dieser Forschungszweig untersucht aktuelle wie historische populäre Lesestoffe. Der Lesestoffforscher hinterfragt sozialpsychologische Aspekte, wenn er untersucht, ob der Bedarf nach signifikanten literarischen Inhalten durch den Rezipienten nachgefragt oder durch die Autoren erst geweckt wird.9 Ferner untersucht der Lesestoffforscher explizit, ob populäre Lesestoffe Reflexionen über soziokulturelle Bereiche wie Herrschafts-, Technik-, Geschlechterverhältnisse enthalten.10 Utopie und Science Fiction aus anderen Unterhaltungsmedien lassen sich darüber hinaus innerhalb der Medienforschung verorten. Utopie und Science Fiction werden in diesem Forschungszweig als populäre Massenmedien betrachtet. Neben der Rezeption setzen sich die Medienforscher mit der Genese, Darstellung und Weiterentwicklung im historischen Verlauf oder komparatistisch, in der Gegenüberstellung verschiedener Kulturen, auseinander, wodurch identitätsstiftende Merkmale herausgearbeitet werden können, die Aussagen für Zeit- oder Kulturräume zulassen.11 Schließlich kann das Thema auch mit den Ansätzen der Technikforschung betrachtet werden, weil energetische Utopien ein technisches Motiv darstellen. Die europäisch-ethnologische Technik-Forschung behandelt nicht nur sachkulturelle Themen, sondern auch jede Form des alltäglichen Erzählens über Technik. Technikforscher interessieren sich in diesem Kontext für 9 Vgl. SCHENDA, RUDOLF: Leser- und Lesestoff-Forschung, in: Brednich, Rolf Wilhelm (Hg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie (=Ethnologische Handbücher). Dritte, überarb. und erw. Aufl., Berlin 2001, S. 543-561, hier S. 555. 10 Vgl. EBD. 11 Vgl. SCHILLING, HEINZ: Medienforschung, in: Brednich, Rolf Wilhelm (Hg.): Grundriß der Volkskunde (wie Anm. 9), S. 563-585, hier S. 563-570. MARCO BEHRINGER 16 die Bedeutung von Technischem und untersuchen hierfür Vorstellungen, Handlungen, Werte und Orientierungen in Bezug auf Technik.12 Das Motiv „Technik“ wurde bereits innerhalb der volkskundlichen Erzählforschung untersucht: Alfred Pointers Aufsatz über Sagen als Zeugen von vorindustrieller Technik13, Rainer Wehses Aufsatz über Technische und soziale Utopien in der Volkserzählung14 und Hermann Bausingers Kapitel über Technik und Sagen in seinem Buch Volkskultur in der technischen Welt15 zeugen von einem regen Forschungsinteresse in Bezug auf Technik als Motiv. Es gibt jedoch kaum Aufsätze oder Monographien, die sich in europäisch-ethnologischer Hinsicht dezidiert mit Technik als Motiv in Utopien oder Science Fiction beschäftigen. Einen Anfang hat Gerrit Herlyn mit seinem Aufsatz Technik-Utopien als Zeitspiegel16 gemacht. Der Aufsatz stellt die Ergebnisse des gleichnamigen Seminars vor, die zudem als Begleitpublikation einer Sonderausstellung des Museums für Kommunikation in Bern über technische Utopie geplant war. Technik-Utopien als Zeitspiegel erfasst die volkskundlich relevanten Quellen, typologisiert technische Utopien und interpretiert diese vor allem als epochale „Leitfossilien“17 in Hinblick auf die jeweils gegenwärtige gesellschaftliche Technikrezeption. Die Seminarteilnehmer erarbeiteten begriffliche und inhaltliche Grundlagen heraus und befassten sich mit exemplarischen Bild- und Textquellen aus der Zeitspanne von 1850 bis zur Gegenwart.18 Energieutopien werden in Technik-Utopien als Zeitspiegel als eigene Kategorie aufgeführt und trotz differenzierten Ausprägungen als Wunsch nach unbegrenzter Energieversorgung – dem Perpetuum-mobile-Prinzip – interpretiert. Diese vornehmlich deskriptive Erfassung und Erstanalyse soll durch die vorliegende Arbeit vertieft werden. 12 Vgl. FORSCHUNGSKOLLEG KULTURWISSENSCHAFTLICHE TECHNIKFORSCHUNG: Broschüre. Hamburg 2004, unpag. 13 POINTER, ALFRED: Sagen. Zeugen vorindustrieller Technik, in: Märchenspiegel (1996), Nr. 2, S. 14- 15. 14 WEHSE, RAINER: Technische und soziale Utopien in der Volkserzählung, in: Dauskardt, Michael; Gerndt, Helge (Hg.): Der industrialisierte Mensch (=Kongressband 28. Deutscher Volkskunde-Kongress, Hagen, 7. bis 11. Oktober 1991; Forschungsbeiträge zu Handwerk und Technik; Bd. 5). Münster 1993, S. 367- 376. 15 BAUSINGER, HERMANN: Volkskultur in der technischen Welt. Stuttgart 1961. 16 HERLYN, GERRIT: Technik-Utopien als Zeitspiegel, in: Vokus. Volkskundlich-kulturwissenschaftliche Schriften (9/1999), Heft 2, S. 114-127. URL http://www.kultur.unihamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/1999-2/herlyn.html, [Abfrage: 26.08.2009], unpag. 17 EBD., unpag. Unter „Leitfossilien“ versteht Herlyn technische Erzeugnisse, die paradigmatisch für eine Epoche des Fortschritts stehen, die des Weiteren eine einflussreiche Technologie darstellen, ein außergewöhnliches Entwicklungspotential aufweisen und weit verbreitet sind. (Vgl. EBD.) 18 Vgl. EBD., unpag. GREEN AND CLEAN? 17 Für die theoretische Betrachtung von technischen Utopien als Oberkategorie von energetischen Utopien wird auch auf interdisziplinäre Ausstellungskataloge wie Wunschmaschine Welterfindung. Eine Geschichte der Technikvisionen seit dem 18. Jahrhundert19 zurückgegriffen, der Katalog zu einer Sonderausstellung der Kunsthalle Wien. Zum Teil überschneiden sich darin die mit verschiedenen theoretischen Ansätzen erörterten Technikvisionen mit technischen Utopien. Darüber hinaus werden auch Forschungsergebnisse zur Utopie- und Science-Fiction-Forschung herangezogen. Manfred Nagl hat in seiner Dissertation Science Fiction in Deutschland20 die Entwicklung von der Utopie zur Science Fiction ideologiekritisch und im historischen Verlauf untersucht. In seiner Monografie Science Fiction. Ein Segment populärer Kultur im Medien- und Produktverbund21 hat Nagl die Science Fiction als Medienerzeugnis erforscht. Erwähnenswert ist ferner Martin Schwonke. Der Soziologe hat mit seiner Monografie Vom Staatsroman zur Science Fiction22 bereits 1957 eine tiefgehende Analyse über die Rolle von Naturwissenschaft und Technik in Utopie und Science Fiction veröffentlicht. Ein weiterer Soziologe, Wolfgang Trautmann, hat sich mit dem Thema Utopie und Technik23 beschäftigt, dabei das Thema von einer philosophisch-soziologischen Perspektive betrachtet – und nicht als kulturelles Phänomen. Auch der Sammelband Neugier oder Flucht?24, deren Beiträge zwischen Germanistik und Soziologie oszillieren, kann hier exemplarisch als tiefgehende wissenschaftliche Abhandlung mit der Science Fiction genannt werden. Der Sammelband Technology Fiction25 enthält zwar auch Beiträge zum Thema „Energie“, aber betrachtet dabei Technikvisionen und politische Utopien. Die aufgeführten technischen Utopien wiederum enthalten keine energetischen Beispiele. 19 FELDERER, BRIGITTE (Hg.): Wunschmaschine Welterfindung. Eine Geschichte der Technikvisionen seit dem 18. Jahrhundert (=Katalog zur Ausstellung „Wunschmaschine Welterfindung. Eine Geschichte der Technikvisionen seit dem 18. Jahrhundert“ in der Kunsthalle Wien vom 5.6-4.8.1996). Wien/New York 1996. 20 NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1). 21 NAGL, MANFRED: Science Fiction. Ein Segment populärer Kultur im Medien- und Produktverbund (=Literaturwissenschaft im Grundstudium; Bd. 5). Tübingen 1981. 22 SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction. Eine Untersuchung über Geschichte und Funktion der naturwissenschaftlich-technischen Utopie (=Göttinger Abhandlungen zur Soziologie; Bd. 2). Stuttgart 1957. 23 TRAUTMANN, WOLFGANG: Utopie und Technik. Zum Erscheinungs- und Bedeutungswandel des utopischen Phänomens in der modernen Industriegesellschaft (=Soziologische Schriften; Bd. 11). Berlin 1974. 24 ERMERT, KARL (Hg.): Neugier oder Flucht? Zu Poetik, Ideologie und Wirkung der Science Fiction (=Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft: Materialien und Untersuchungen; Bd. 50). Stuttgart 1980. 25 FRAUNHOLZ, UWE; WOSCHECH, ANKE (Hg.): Technology Fiction (wie Anm. 3). MARCO BEHRINGER 18 Untersuchungen, die sich dezidiert mit dem Thema „Energieutopien“ auseinandersetzen, gibt es demnach bisher nicht. Diese Lücke will die vorliegende Arbeit mit der Forschungsfrage „Green and Clean? Welche Technik- und Naturbilder werden durch energetische Utopien vermittelt?“ schließen. Für die theoretische Erörterung des Themas werden Methoden der volkskundlichen Medien- und Lesestoffforschung sowie theoretische Ansätze der volkskundlichen Technikforschung, der interdisziplinären Utopie- und Science-Fiction-Forschung und dem thematisch relevanten Ausstellungsbereich herangezogen. Nachdem sowohl die Forschungsfrage als auch die Forschungslage dargelegt und das Thema innerhalb der Europäischen Ethnologie verortet wurde, sollen im nächsten Abschnitt die Quellen benannt und kategorisch eingegrenzt werden. 2 Quellenmaterial Energieutopien erscheinen als Motive von Utopien und Science Fiction in unterschiedlichen Massenmedien. Bei Herlyn werden Literatur, deren Filmadaptionen, Karikaturen, szientistische und technische Planungen, Zukunftspostkarten und Sammelbilder genannt.26 Um eine systematische und exemplarische Inhaltsanalyse von energetischen Utopien durchzuführen, bedarf es einer Einschränkung der Quellen. Für vorliegende Arbeit wird ausschließlich Quellenmaterial herangezogen, das energetische Utopien innerhalb eines Szenarios darstellt, da über die reine Präsentation des Motivs hinaus auch der narrative Kontext aussagekräftig ist. So werden für die Inhaltsanalyse Beispiele aus den Bereichen „Belletristik“, „Comic“ und „Film“ gewählt, wobei Comic- und Filmbeispiele nicht zwingend Adaptionen von literarischen Vorlagen sein müssen. Hör-, Computer- und Gesellschaftsspiele werden demnach nicht berücksichtigt, da diese Quellen schwer systematisch erschlossen werden können. Vor allem das Hörspiel böte sicherlich viele Beispiele, oft sind es allerdings Adaptionen von literarischen Vorlagen. Ferner werden Illustrationen, Sammelbilder oder jede weitere Form der grafischen Abbildung von Energieutopien nur ergänzend herangezogen. Das ist dem Beispiel „alternative Energie“ geschuldet: Während Mobilitäts- oder Kommunikationsutopien beispielsweise auch allein durch deren grafische Darstellung erfasst und interpretiert werden können, stellt das bei Energieutopien ein Problem dar, da Energie oft „unsichtbar“ ist oder nur impliziert wird. Die Illustration von Energie- oder Antriebsquellen benötigt meist erklärende (Kon-)Texte. Primär wird in vorliegender Arbeit ein Schwerpunkt auf Utopieund Science-Fiction-Literatur gelegt, was mehrere Gründe hat. Erstens generierte sich die Science Fiction im 19. Jahrhundert zu-nächst in der 26 Vgl. HERLYN, GERRIT: Technik-Utopien als Zeitspiegel (wie Anm. 16), unpag. GREEN AND CLEAN? 19 Belletristik. Dadurch erhält die Literatur eine historisch bedingte „Vormachtstellung“ gegenüber den anderen Medienformen. Zweitens erweist sich die Belletristik vergleichsweise als ergiebigeres Quellenmaterial, was das Motiv „Alternativenergie“ angeht. In diesem Zusammenhang kann erneut die Apostrophierung der Science-Fiction-Literatur als „Ideenliteratur“ aufgeführt werden. Viele Ideen, die in anderen Quellen wie Zukunftspostkarten, Film oder Comic aufgeführt werden, sind zudem Adaptionen, Reproduktionen oder Variationen von Ideen aus der Belletristik. Eine zeitliche Einschränkung erfolgt dermaßen, dass die Auswahl des Quellenmaterials auf Energie-Utopien zwischen 1850 und 2012 eingeschränkt wird. Damit fallen aus der Literaturgeschichte die metaphysische Phantastik und die neuzeitliche Utopie vollständig heraus. Diese Einschränkung erweist sich insofern als sinnvoll, weil mit der Epoche der industriellen Revolution eine signifikante Thematisierung von technischen und energetischen Utopien einsetzt. Die Quellenlage erweist sich im Bereich der Belletristik als unerschöpflich. Die Science-Fiction-Literaturgeschichte wurde von der Literaturkritik gut erfasst, ältere Titel sind antiquarisch oder in Neuauflagen gut erhältlich. Die Titelwahl muss aus diesem Grund in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt werden. Um ein gewisses Maß an repräsentativer Quantität zu gewährleisten, aber ohne dabei die vorliegende Arbeit mit einer „Quellenflut“ zu ersticken, werden nationale und internationale Genreklassiker bevorzugt. Im massenmedialen Bereich variiert die Quellenlage: In Comics erscheint der Quellenfundus ähnlich wie in der Belletristik, weshalb dort auf dieselbe Weise verfahren wird. Die Comicgeschichte setzt jedoch zeitlich später ein als die Literaturgeschichte. Die Quellenlage im Film entpuppt sich dagegen als überschaubar. Zwar gibt es grundsätzlich eine Unzahl an potentiellen Quellen – utopische Filme und Science-Fiction-Filme –, aber diese bieten in Hinsicht auf energetische Utopien wenig. Der populäre Spielfilm nutzt Utopie und Science Fiction in Bezug auf Technisches vordergründig, um durch Spezialeffekte exotische und technikbasierte Szenarien zu erschaffen und weniger für Gedankenexperimente. Der Autorenfilm, der viele Ideen thematisiert, konzentriert sich wiederum mehr auf soziokulturelle Motive. Das Quellenmaterial wurde vorzugsweise auf klassische Utopie- und Science-Fiction-Beispiele in Belletristik, Comics und Filmen festgelegt, weil diese Massenmedien im Gegensatz zu rein visuellen Massenmedien einen für die Inhaltsanalyse notwendigen Kontext in Form von Szenarien enthalten und aufgrund ihrer hohen Popularität repräsentativ erscheinen. Das Quellenmaterial kann aufgrund der massenmedialen Wirkung die Meinung der Rezipienten reflektieren oder beeinflussen. Allerdings stellen diese Rezipienten nur einen Teil der gesamten öffentlichen Meinung dar. Außerdem muss das Weltbild der Rezipienten nicht zwingend vollständig deckungsgleich mit dem der Autoren sein, nur weil sie dessen MARCO BEHRINGER 20 technische Utopie rezipieren. Nachdem das Quellenmaterial bestimmt, die Quellenlage erläutert und quellenkritische Bemerkungen in Form medienrezeptioneller Forschungsergebnisse dargelegt wurden, erfolgt im nächsten Abschnitt eine Erörterung der methodischen Vorgehensweise. 3 Methode Aus der Medienforschung wird methodisch auf die Untersuchungsanordnung zurückgegriffen, indem die massenmedial publizierten energetischen Utopien im historischen Verlauf betrachtet werden, um Fragen nach der Identität der Träger spezifischer Epochen und kultureller Räume zu beantworten.27 Die Lesestoffforscher greifen methodisch auf die quantifizierende Textinterpretation oder die hermeneutische Inhaltsanalyse aus der Soziologie zurück.28 Die quantitative Textanalyse erweist sich für vorliegende Arbeit als unbrauchbar. Sie würde sich dann anbieten, wenn man beispielsweise den Stellenwert energetischer Utopien für die Science Fiction erheben wollte, indem man die Häufigkeit des Motives ermittelt. Dann könnte man eine hohe Anzahl an Science-Fiction-Titeln nach Begriffen wie „Energie“ oder „Atom“ oder „Kraftwerk“ untersuchen. Durch die entsprechend hohe oder niedrige Häufigkeit könnte man daraus Aussagen über die Bedeutung von „Energie“ als Motiv der Science Fiction ableiten. Im Zentrum der quantitativen Inhaltsanalyse stünden damit ausschließlich konkrete beziehungsweise unmittelbare Daten des Quellenmaterials. Die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit erfordert allerdings auch eine Untersuchung von latenten Aspekten der Quellen. Schließlich sollen Aussagen gemacht werden, die über die „harten Fakten“ hinausgehen. Ein Utopie- oder Science-Fiction-Autor vermittelt seine Ansichten gegenüber Technischem nicht ausschließlich in konkreter Form. Im Gegenteil: Utopie und Science Fiction enthalten entscheidende Aspekte „kodiert“ oder kontextuell. Die vorliegende Arbeit berücksichtigt deshalb kontextuelle Aspekte. Aus diesem Grund eignet sich für die Inhaltsanalyse von energetischen Utopien die hermeneutische Textinterpretation. Innerhalb der qualitativen Inhaltsanalyse wäre die zusammenfassende Inhaltsanalyse effizient, wenn es darum ginge, das Quellenmaterial auf den essentiellen Inhalt zu reduzieren und die Daten zusammenzufassen.29 Diese Methode bietet sich zur Untersuchung energetischer Utopien wenig an, da ein spezifischer Aspekt des Quellenmaterials analysiert werden soll und nicht etwa die wesentlichen Merkmale der Science Fiction abstrahiert und in- 27 Vgl. SCHILLING, HEINZ: Medienforschung (wie Anm. 11), S. 570. 28 Vgl. SCHENDA, RUDOLF: Leser- und Lesestoff-Forschung (wie Anm. 9), S. 557. 29 Vgl. MAYRING, PHILIPP: Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. München 1990, S. 69. GREEN AND CLEAN? 21 terpretiert werden sollen. Die Explikation wäre gut geeignet, wenn man zur Datenerhebung in Ergänzung an das Quellenmaterial darüber hinaus einen engen oder weiten Textkontext mitbetrachtet, wodurch beispielgebendes, explizierendes, definitorisches oder antithetisches Kontextmaterial zur Textinterpretation verwendet werden kann.30 Betrachtet man allein die energetischen Utopien ohne einen weiten Textkontext, könnte man zu falschen Schlussfolgerungen gelangen, weil zusätzliches Interpretationsmaterial wie Szenarien, Biographien oder der historische Entstehungshintergrund die konkreten Energieutopien relativieren kann. Wenn ein Autor beispielsweise ein Vulkankraftwerk schildert, interessieren in diesem Kontext auch das Szenario oder die handelnden Protagonisten des Textes. Angenommen ein Protagonist einer Geschichte bekämpft den Bau eines Vulkankraftwerkes, würde das sehr viel Gewicht auf die Intention des Autors legen, weil dadurch eventuell die Abneigung des Autors gegenüber Technischem zum Ausdruck kommt. Oder wenn man aus den biographischen Daten eines Autors die Tätigkeit als Vulkanologe miteinbezieht, könnte man die Authentizität seiner energetischen Utopie erhärten beziehungsweise sein technisch basiertes Weltbild. Jedoch genügt die explizierende qualitative Textinterpretation noch nicht. Als Ergebnis würde man unsystematische Befunde erhalten, die nur äußerst eingeschränkt miteinander verglichen werden könnten, da objektivierte Messeinheiten fehlen. Eine kategoriengeleitete Inhaltsanalyse, die eine Einteilung in festgelegte Bewertungseinheiten ermöglicht, erscheint deshalb angebracht zu sein. Diesbezüglich empfiehlt sich die strukturierende qualitative Inhaltsanalyse, weil die Forschungsabsicht darin auf der Extraktion einer spezifischen Struktur – hier: weltanschauliche Haltungen gegenüber Technischem – oder die Überprüfung des Quellenmaterials anhand bestimmter Kategorien erfolgt. Dadurch können die Intentionen der Autoren nach objektivierten Maßstäben eingeteilt werden. Die strukturierende Inhaltsanalyse kann wiederum in vier Arten unterteilt werden,31 wovon die skalierende Strukturierung verwendet wird. Denn bei dieser Methode werden Einschätzungsdimensionen aus einer Forschungsfrage abgeleitet und Ausprägungen als Skalenpunkte festgelegt.32 Auf diese Weise können differenzierte Haltungen gegenüber Technik ermittelt werden. Zusammengefasst besteht die qualitative Inhaltsanalyse aus zwei Suchläufen: Beim ersten Suchlauf wird die explizierende Inhaltsanalyse angewendet, wobei das Explikationsmaterial aus dem umliegenden Kontextumfeld der betroffenen Quellenstellen, den biographischen Daten der 30 Vgl. EBD., S. 87. 31 Vgl. MAYRING, PHILIPP: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim 1990, S. 79. 32 Vgl. EBD., S. 88-89. MARCO BEHRINGER 22 Autoren, dem soziokulturellen Hintergrundinformationen aus der Entstehungszeit und theoretischen Ansätzen der interdisziplinären Technik-, Utopie- und Science-Fiction-Forschung besteht. Die Methode der Lesestoffforschung soll ferner nicht nur auf die Beispiele der Belletristik, sondern auch auf die Massen-median „Film“ und „Comic“ angewendet werde. Bei diesen Hybridquellen muss dementsprechend der multimediale Kontext betrachtet werden, wodurch neben einem Text zum Beispiel auch visuelle Komponenten interpretiert werden müssen: So können bei einem Comic zum Beispiel die Illustrationen ergänzend zum Erzähl- oder Sprechblasentext oder bei einem Filmbeispiel neben dem Dialog oder Erzählkommentar auch die Bildsequenzen interpretiert werden. Darüber hinaus wird das Quellenmaterial mit den Mitteln der skalierenden Strukturierung bearbeitet. Ein Kategoriensystem, das noch aus der Forschungsfrage und sinnvollen Einschätzungsdimensionen theoretisch herausgearbeitet wird, teilt das Quellenmaterial spezifischen Ausprägungen zu, die ordinal skaliert werden. Die Einschätzungsdimensionen sollen im nachfolgenden Kapitel mittels der theoretischen Ansätze aus der interdisziplinären Technikforschung in Bezug auf die Forschungsfrage generiert werden. II Energieutopien als Forschungsobjekt der Technikforschung Die Inhaltsanalyse der Lesestoffforschung sieht die Isolierung eines interessanten Aspektes vor, anhand dessen die Kategorien erstellt und schließlich die (Kon-)Texte interpretiert werden. In vorliegender Arbeit wird das Motiv „alternative Energie“ aus Utopie und Science Fiction herausgestellt. Energetische Utopien stellen eine Spezifikation von technischen Utopien dar und paraphrasieren somit Technisches innerhalb einer symbolischen Sinnwelt. Die Forschungsfrage richtet sich dahingehend auf die intendierten weltanschaulichen Haltungen gegenüber Technischem. Die Einschätzungsdimensionen sollen dementsprechend durch die Ansätze der Technikforschung ermittelt werden. Zunächst erfolgt ein kulturwissenschaftlicher Zugang zum Forschungsfeld „Technik“. Sodann erfolgt in drei weiteren Abschnitten eine Ausführung der Technikakzeptanzforschung: Zunächst werden adaptive Tendenzen der Technikakzeptanz auf der Mikroebene herausgestellt, danach erfolgt eine Erörterung der habituellen Technikakzeptanz auf der Mesoebene, woran auf der Metaebene die systemische Technikakzeptanz anschließt. Zuletzt werden die Einschätzungsdimensionen und deren Ausprägungen herausgestellt. Am Ende des Theorieteils werden die Einschätzungsdimensionen in Ausprägungen für die skalierende Strukturierung aufgeteilt. GREEN AND CLEAN? 23 1 Ansätze der Technikforschung Die kulturwissenschaftliche Technikforschung kennt zwei Zugänge zu technischen Forschungs-Themen: die Verwendung technischer Geräte und der „Sitz der Technik im Leben“33. Der zuletzt genannte Ansatz zielt auf die Untersuchung der „Erfahrungsdimension“34 oder „alltäglichen Dimensionen“35 von Technik ab. Diese bipolare Herangehensweise – Sachoder Wertorientierung – hilft aber nur für eine erste Grobunterteilung. Wolfgang König entwirft insgesamt drei Ebenen, um die Erfahrungsdimensionen von Technischem zu erfassen. Technik kann erstens als Bestandteil soziokultureller Sinnsysteme rezipiert werden.36 Von dieser Metaebene unterscheidet der Technikhistoriker die Mikroebene, auf der die alltägliche Akzeptanz von konkreter Technik im Verhalten zum Ausdruck kommt und des Weiteren die Mesoebene, auf der die Haltung gegenüber Technischem allgemein verhandelt wird.37 König weist außerdem auf die indirekte Ermittlung von soziokulturellen Sinnsystemen hin: durch Induktion von mehreren Ergebnissen aus dem Verhalten gegen- über konkreter Technik auf die Einstellung gegenüber Technik als Gesamtsystem.38 Für vorliegende Arbeit soll weniger die Akzeptanz aus dem konkreten Verhalten gegenüber Technischem oder der Habitus gegenüber Technik ermittelt werden. Die Forschungsfrage zielt auf die Ermittlung der Technik als soziokulturelles Sinnsystem ab, weshalb die Untersuchung primär auf der Metaebene ansetzt. Legitim erscheinen jedoch auch die anderen beiden Ebenen, da energetische Utopien auch in diesen Zusammenhängen dargestellt werden. Fruchtbar ist nach Ansicht des Technikhistorikers außerdem, Widersprüche, die als Ausdruck von Differenzierungen gelten, aufzuspüren und zu interpretieren.39 Diesen Punkt wird die vorliegende Arbeit berücksichtigen. Die Theorie wird nur selten gänz- 33 FORSCHUNGSKOLLEG KULTURWISSENSCHAFTLICHE TECHNIKFORSCHUNG: Broschüre (wie Anm. 12), unpag.; auch HENGARTNER, THOMAS: (Volkskundlich-)kulturwissenschaftliche Technikforschung, in: Ders. (Hg.): Standpunkte zur Technikforschung (=Beiheft zum Kongress Kulturwissenschaftliche Technikforschung Hamburg. 25.-27. November 2005). Hamburg 2005, S. 7-14, hier S. 8. 34 FORSCHUNGSKOLLEG KULTURWISSENSCHAFTLICHE TECHNIKFORSCHUNG: Broschüre (wie Anm. 12); Hervorhebung im Original. 35 HENGARTNER, THOMAS: (Volkskundlich-)kulturwissenschaftliche Technikforschung (wie Anm. 33), S. 8. 36 Vgl. KÖNIG, WOLFGANG: Technikakzeptanz in Geschichte und Gegenwart, in: Ders.; Landsch, Marlene (Hg.): Kultur und Technik. Zu ihrer Theorie und Praxis in der modernen Lebenswelt. Frankfurt am Main u.a. 1993, S. 253-275, hier S. 254. 37 Vgl. EBD. 38 Vgl. EBD., S. 259. 39 Vgl. EBD., S. 260. MARCO BEHRINGER 24 lich der Komplexität der Wirklichkeit gerecht und deshalb wird die Arbeitshypothese postuliert, dass energetische Utopien zusammenhängenden Paradoxien unterliegen können. Stefan Beck hat einen komplexeren Ansatz zu einer systematischen Untersuchung von Technik entwickelt. In seinem Analyseschema (siehe Tabelle 1) stehen sich jeweils zwei antagonistische Komponenten gegen- über. Auf der horizontalen Ebene steht der Nutzungs- dem Orientierungskomplex gegenüber und auf der Vertikalen bilden Kon-Text und Ko-Text die kategorischen Antipoden.40 Zwischen den gegensätzlichen Polen liegen zusätzlich sechs entsprechend angeordnete typologische Subdimensionen, die es erleichtern, die phänomenologischen und reflexionstheoretischen Nuancen der Technik einzufangen, und operationell greifbar zu machen.41 Beim Pol Technik als Orientierungskomplex führt Beck – vom Kon- Text zum Ko-Text – Technik als objektives Konstrukt, Technik als Raum-Zeit- Dispositive und Technik als diskursive Ordnung auf. Der Antipode Technik als Nutzungskomplex besteht – in derselben Reihenfolge – aus den Ansätzen Technik als Tat-Sache, Technik als phänomenales Artefakt und Technik als imaginäres Konstrukt. Mit den Dimensionen der Technik als Orientierungskomplex können in Hinblick auf die Forschungsfrage direkte Rückschlüsse auf weltanschauliche Haltungen gegenüber Technischem durchgeführt werden. Unter Technik als objektives Konstrukt versteht Beck insofern die Steuerung des Techniknutzers und dessen Gebräuche, als dass ein mit den entsprechenden Mitteln ausgestatteter sozialer Akteur ein soziotechnisches System – „Cyberfakte“ – generiert und institutionalisiert;42 mit der Kategorie Technische Raum-Zeit-Dispositive fasst der Kulturwissenschaftler Rückkopplungsprozesse zwischen technischen Reglementierungen und Rezeptionspositionen und -haltungen der Techniknutzer zusammen;43 Technik als diskursive Ordnung besteht nach Beck dann, wenn sinnstiftende Systeme über technische Artefakte installiert werden, die auf der Ebene soziokulturell differenzierter Technikstile oder auf einer einordnenden Ebene stattfinden, auf der Diskurse miteinander verquickt oder voneinander abgegrenzt werden können.44 40 Vgl. BECK, STEFAN: Umgang mit Technik. Kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche Forschungskonzepte (=Zeithorizonte; Bd. 4). Berlin 1997; zugl.: Tübingen, Univ., Diss., 1996, S. 349. 41 Vgl. EBD. 42 Vgl. EBD., S. 349-350. 43 Vgl. EBD., S. 350-351. 44 Vgl. EBD., S. 351-352. GREEN AND CLEAN? 25 Dimensionen der Technik Technik als Nutzungskomplex Technik als Orientierungskomplex Kon-Text Technik als Tat-Sache Technik als objektives Konstrukt Technik als phänomenales Artefakt Technische Raum-Zeit-Dispositive Technik als imaginäres Konstrukt Technik als diskursive Ordnung Ko-Text Tab. 1: Modell zur Technikanalyse nach Beck Auch der Komplex Technik als Nutzung bietet für vorliegende Arbeit praktikable Anknüpfungskategorien. Die Perspektive Technik als Tat-Sache trifft dann zu, wenn die situationsbedingte Nutzung von Technik untersucht wird, die durch ein reziprokes Verhältnis zwischen Mitteln und Zweck sowie durch eine Routinebildung bestimmt ist;45 Technik als phänomenales Artefakt wird dann erforscht, wenn die technisch geprägte Erfahrung der Umwelt beziehungsweise die Wahrnehmung einer technisierten Wirklichkeit im Mittelpunkt steht;46 Technik wird dann als imaginäres Konstrukt betrachtet, sobald es um das diskursive Verständnis im legitimen beziehungsweise illegitimen Umgang mit Technik geht.47 Zusammengefasst wird festgehalten, dass mit vorliegender Arbeit Technik als Erfahrungsdimension und nicht als Gebrauchsgegenstand untersucht wird. Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird ferner die Metaperspektive von Wolfgang König gewählt, nach der Technik als Bestandteil soziokultureller Sinnsysteme betrachtet wird, weil dadurch direkte Rückschlüsse auf weltanschauliche Haltungen gegenüber Technik ermöglicht werden. Aber auch die induktive Interpretation der Mikround Mesoebene von Technik ist prinzipiell möglich. Der Metaebene Königs entspricht unabhängig von den Kategorien „Nutzung“ oder „Orientierung“ Becks Ko-Text-Ebene, wodurch Technik als imaginäres Konstrukt oder Technik als diskursive Ordnung beiderseits als technische Metadimensionen primär zur Beantwortung der Forschungsfrage herangezogen werden. Jedoch können auch die anderen Technikdimensionen gegebenenfalls induktiv Schlussfolgerungen auf den Ko-Text ermöglichen. Die bisher herausgestellten Ebenen, auf denen Technisches erforscht werden kann, werden in den nächsten Abschnitten vertieft erörtert. 45 Vgl. EBD., S. 353. 46 Vgl. EBD., S. 353-354. 47 Vgl. EBD., S. 354. MARCO BEHRINGER 26 2 Technikakzeptanz Der Prozess der „Technisierung von Lebens- und Alltagswelten“48 wird im Folgenden als eine zunehmende Quantität und Qualität von Technischem in der Lebenswelt verstanden. Die Rezeption dieser Technisierung durch Techniknutzer kann nach den Volkskundlern Hengartner und Rolshoven bipolar aufgeladen erfolgen: durch „Phobie und Euphorie, Akzeptanz und Ablehnung“49. Technik wird auf dieser Ebene der Technikrezeption im alltäglichen Umgang, in einer ersten „man-machine-reaction“ betrachtet, der emotionale Reflexe wie Furcht, Staunen oder Faszination immanent sind. Während die Ablehnung von Technik bereits vielfach erforscht wurde, klafft in der europäisch-ethnologischen Auseinandersetzung im Kontext der positiven Technikakzeptanz noch eine Lücke.50 Martin Scharfe zeigt, dass sich die Erforschung der beiden Richtungen nicht zwangsläufig ausschließen muss. Der Volkskundler hat im Zusammenhang mit einer fachhistorischen Untersuchung eine zur Beginn der Industrialisierung ansetzende Verweigerungshaltung gegen Technik in der konservativen Volkskultur skizziert, der – in einem zweiten Schritt – unweigerlich eine „Natürlichkeit“51 des Technischen – ein volkskundliches Paradigma der 1960er Jahre – folgt, die sich wiederum durch Katastrophen wie Tschernobyl relativiert, beziehungsweise in deren Folge sich ein Widerstand gegen Technik neuformuliert. Aufgrund der historischen Relativierung der einst glorifizierenden wissenschaftlichen Haltung gegenüber Technik wurde sogar eine eigene Akzeptanzforschung gegründet.52 In diesem Zusammenhang kann auch der Aufsatz von Wolfgang König gelesen werden. Der Technikhistoriker hat eine zeitlich dreigeteilte Geschichte der Technikakzeptanz skizziert, worin er die vorherrschende Technikakzeptanz von der industriellen Revolution bis in die Gegenwart aufbereitet.53 In seiner Analyse ermittelt König kritische Einstellungen gegenüber Technik für den ersten und dritten Zeitraum sowie eine positive Haltung gegenüber Technischem in der mittleren Etappe.54 48 HENGARTNER, THOMAS: (Volkskundlich-)kulturwissenschaftliche Technikforschung (wie Anm. 33), S. 8-9; Hervorhebung im Original. 49 HENGARTNER, THOMAS; ROLSHOVEN, JOHANNA: Technik – Kultur – Alltag., in: Dies. (Hg.): Technik – Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik – Technisches als Alltag. Zürich 1998, S. 17-49, hier S. 46. 50 Vgl. EBD., S. 46-47. 51 SCHARFE, MARTIN: Technik und Volkskultur, in: König, Wolfgang; Landsch, Marlene (Hg.): Kultur und Technik (wie Anm. 36), S. 43-69. 52 KÖNIG, WOLFGANG: Technikakzeptanz in Geschichte und Gegenwart (wie Anm. 36), S. 253. 53 Vgl. EBD., S. 261-271. 54 Vgl. EBD., S. 261. König teilt seine Forschung in drei Zeiträume, die Hochphasen für die jeweilige Technikakzeptanz darstellen: 1760-1830, 1870-1918, 1970-1993. GREEN AND CLEAN? 27 Hermann Bausinger skizziert durch seine fließenden Etappen der Technikaneignung einen ähnlichen Verlauf wie bei den historischen Technikakzeptanzforschungsansätzen von Scharfe und König. Die Entwicklung von der Ablehnung zur Akzeptanz ist durch die Stadien „Bedrohung“, „Routine“ und „Regression“ geprägt, während der konkrete Umgang mit Technischem durch „Beherrschung“ oder „Ohnmacht“ gekennzeichnet ist.55 Bausinger forderte zudem Untersuchungen wie sie in vorliegender Arbeit durchgeführt werden. Nach Ansicht des Volkskundlers sollte die Haltung im Umgang mit, beziehungsweise der Aneignung von, Technik dezidiert dort aufgespürt werden, wo die Technik auf den ersten Blick nicht zwingend im Vordergrund steht, beziehungsweise zunächst vielleicht nicht vermutet wird, im europäisch-ethnologischen Forschungsbereich gerade im Bereich von Lesestoffen.56 Nach Bausingers Ansicht stellen diese narrativen Formen geistig-literarische Technikrationalisierungen dar, die auf dem bestehenden Entwicklungsstandpunkt basieren.57 Man kann den Begriff „Rationalisierungen“ durch den Begriff „Extrapolationen“ ergänzen, denn der technologische Ausgangspunkt wird in utopischen Vorstellungen oft in eine Zukunftswelt weitergedacht. Derartige narrative Reflexionen von Technischem beweisen, dass sich Technik in der Gedankenwelt der Rezipienten fest verankert.58 Diese optimistische Technikakzeptanz lässt sich auf eine emotional aufgeladene Fortschrittsgläubigkeit schließen, die nach Bausinger sehr drastisch in Utopie und Science Fiction zum Ausdruck kommt.59 Die Art der Aneignung von Technischem folgt darüber hinaus dem Prinzip des Stimulus- Response-Modells, in dem Technik einen Impuls ausstrahlt, der verschiedene Reaktionen auslöst.60 Bausinger sieht darin auch eine methodische Nähe zur Innovationsforschung und deren Paradigma der schematischen Aneignung.61 Der Volkskundler erweitert den Adaptionsansatz um eine ambivalente Umgangskomponente in Bezug auf Technik. Einerseits wird Technologie, im Sinne einer abstrakten Größe, als Machtinstrument von Herrschenden angesehen, dem man als Akteur ohnmächtig gegenüber steht, andererseits steigert die Beherrschung von konkreter Technik im Alltag das Selbstwertgefühl des Einzelnen.62 55 BAUSINGER, HERMANN: Technik im Alltag. Etappen der Aneignung, in: Zeitschrift für Volkskunde (77. Jahrgang 1981), II. Halbjahresband, S. 227-242. 56 Vgl. EBD., S. 231. 57 Vgl. EBD. 58 Vgl. EBD. 59 Vgl. EBD., S. 236. 60 Vgl. EBD. 61 Vgl. EBD. 62 Vgl. EBD., S. 234-236. MARCO BEHRINGER 28 Nachdem bisher die historische wie akteursbezogene Aneignung von Technik dargestellt wurde, erfolgt nun eine theoretische Erörterung, die auf Gebrauchsgewohnheiten und Sinnzusammenhänge von Technischem eingeht. Die Zunahme der Gegenwart von Technik in der Alltagswelt hat dazu geführt, dass Technik einen entscheidenden Stellenwert auf das menschliche Verhalten ausübt, identitätsstiftende Funktionen übernimmt und den Zugang zu Wissen strukturiert.63 Technisches ist zu einer den Alltag durchdringenden Entität geworden, die kulturelle Strukturen und symbolische Sinnwelten konstituiert.64 Technik hat sich in Gestalt von Unterhaltungsformen wie Utopie und Science Fiction in die Alltagskultur „eingeschrieben“65. Für die Europäische Ethnologie bedeutet diese Perspektivenverlagerung hin zu einer „Kultürlichkeit der Technik“66 eine Abwendung von bestehenden Technikuntersuchungen, die sich in einer Betrachtung von Mensch-Maschine-Antagonismen erschöpft hat.67 Neben normativen Einstellungen gegenüber Technik werden vor allem bei der Untersuchung von technischen Utopien Veralltäglichungsprozesse von Technik sichtbar. Der zur Routine gewordene, alltägliche Umgang mit Technik wird von Hypertexten kommentiert, die die Realität erweitern oder verzerren, aber in jedem Fall – und sei es nur noch rudimentär – auch abbilden.68 Technische Entwicklungen führen beinahe zwangsläufig auch zu technischen Utopien, die von extremen Erwartungshaltungen wie Ängsten oder Hoffnungen geprägt sind.69 Utopien kommen daher ein herausragender Wert als europäisch-ethnologische Quelle zu, weil sie als paradigmatische Vorstellungswelten die „Ambivalenz des Dings an sich“70 widerspiegeln. Diese Differenzierung des Verständnisses von Technischem erweitert den Technikbegriff um die Wahrnehmungs- und Bewertungsdimensionen.71 Der technische Wandel ist mit Anpassungs-Prozessen verbunden, inner- 63 Vgl. HENGARTNER, THOMAS: (Volkskundlich-)kulturwissenschaftliche Technikforschung (wie Anm. 33), S. 7. 64 Vgl. EBD. 65 EBD. 66 HENGARTNER, THOMAS; ROLSHOVEN, JOHANNA: Technik – Kultur – Alltag (wie Anm. 49), S. 34. 67 Vgl. HERLYN, GERRIT: Technik-Utopien als Zeitspiegel (wie Anm. 16), unpag. 68 Vgl. EBD. 69 Vgl. EBD. 70 HENGARTNER, THOMAS; ROLSHOVEN, JOHANNA: Technik – Kultur – Alltag (wie Anm. 49), S. 46. 71 Vgl. HERLYN GERRIT: Technik-Utopien als Zeitspiegel (wie Anm. 16), unpag. GREEN AND CLEAN? 29 halb deren Leitfossilien als Motivationen für technische Utopien fungieren.72 Technikakzeptanz beginnt zusammengefasst mit einer emotionalen Reaktion auf eine innovative Technik, die in bipolare Lager aufgeteilt wird. Die Technikakzeptanzforschung hat zudem eine grobe Abfolge von Ablehnung, Akzeptanz und Regression seit der industriellen Revolution festgestellt. Diese historische Abfolge entspricht auch der individuellen, akteursbezogenen Technikakzeptanz, die jedoch um eine ambivalente Komponente erweitert wird, die sich aus dem passiven und negativ konnotierten Verhältnis zu Großtechnologien der Elite einerseits sowie aus dem aktiven und positiv konnotierten Verhältnis zur „Dingtechnik“ der Alltagswelt zusammensetzt. Für vorliegende Arbeit erscheinen vor allem die Befunde der historischen Technikakzeptanzforschung relevant, weil durch Vergleiche zu den energetischen Utopien Übereinstimmungen oder Unterschiede festgestellt werden können. Die akteursbezogene Technikaneignung kann durch induktive Interpretation jedoch ebenso hilfreich sein. Festgehalten werden kann ferner, dass die habituelle Technikakzeptanzforschung Veralltäglichungsprozesse in Bezug auf Technisches untersucht. Dabei wird danach gefragt, wie Technik Akteure und ihr Handeln dahingehend beeinflusst, dass Gewohnheiten entstehen und neue Sinnsysteme konstituiert werden. Technik wird nicht mehr als handhabbares Objekt, sondern als soziokulturelles Konzept angesehen, das durch Popularisierungsprozesse, die auch dezidiert von technischen Utopien mitgetragen werden, dafür sorgt, dass eine bestimmte Technik nicht mehr als artifizielles Novum, sondern als natürlicher Bestandteil der Alltagswelt rezipiert wird, weil sich damit einhergehende Ängste nicht bestätigt haben oder Hypertexte zur Popularisierung beigetragen haben. Deshalb wird von der oben aufgeführten Technisierung der Alltagswelt die „Veralltäglichung von Technischem“73 unterschieden. Diese Umschreibung dient dazu, das Phänomen der Routinebildung im Kontext der Akzeptanz und Aneignung von Technik zu erfassen. Bisher wurde durch die Erörterung der Technikforschung und der Technikakzeptanz das Explikationsmaterial erweitert, doch noch keine Einschätzungsdimensionen aus der Forschungsfrage abgeleitet. Das wird im nächsten Abschnitt nachgeholt, in dem Technik als weltanschauliches Konzept erfasst wird. 72 Vgl. SCHARFE, MARTIN: Utopie und Physik. Zum Lebensstil der Moderne, in: Dauskardt, Michael; Gerndt, Helge (Hg.): Der industrialisierte Mensch (wie Anm. 14), S. 73-90, hier S. 80. 73 HENGARTNER, THOMAS: (Volkskundlich-)kulturwissenschaftliche Technikforschung (wie Anm. 33), S. 10. MARCO BEHRINGER 30 3 Technik als Weltbild Technische Utopien vermitteln über das bisher Gesagte hinaus weltanschauliche Konzepte. In Bezug auf die Ebenen der Technikakzeptanzforschung wird Technik dann auf einer Metaebene betrachtet. Dadurch kann ermittelt werden, welche soziokulturellen Sinnsysteme in energetischen Utopien unterstützt werden. Weltbilder bestehen wiederum aus untergliederten, korrelierenden Subbildern: Menschen-, Gesellschafts-, Technik-, Geschlechts-, Wissenschafts- und Naturbilder. Die Forschungsfrage verlangt eine Aussage darüber, ob Energieutopien „Green and Clean“ dargestellt werden, also inwiefern sie technokratisch oder ökologisch konstituiert sind. Demnach interessiert primär das Technik- und sekundär das Naturbild. In den nächsten beiden Schritten sollen diese weltanschaulichen Kategorien als Einschätzungsdimensionen für die skalierende Strukturierung der qualitativen Inhaltsanalyse definiert werden. Abschließend wird ein Kategorienschema mit den Ausprägungen erstellt. 3.1 Technikbilder Zur Erlangung einer unmissverständlichen Trennschärfe muss man nach Ansicht von Torsten Meyer Technikbilder von Leitbildern der Technik unterscheiden.74 Technische Leitbilder evozieren eine bildliche Vorstellung von Technik, die im soziokulturellen Kontext Handlungen durch Zielvorgaben strukturiert und konkreter handlungssteuernd wirken als Utopien oder Science Fiction.75 Sie gehen mit technischen Innovationen einher und generieren Verfahrensweisen der jeweiligen Nutzungsmöglichkeiten.76 Das technische Leitbild bezieht sich exklusiv auf tatsächlich realisierbare Technik, im Kontext energetischer Utopien wäre das zum Beispiel die Nutzung von Solarenergie bevor sie historisch tatsächlich genutzt wurde, wohingegen das gesellschaftliche Technikleitbild Strategien zur Nutzung von Technik ohne Berücksichtigung der entsprechenden Realisierungsmöglichkeit – als Beispiel könnten hier erfundene Pilze als potenter Energielieferant genannt werden – und das sozio-technische Leitbild kalkulierte Wunschvorstellungen mit konzipierten Nutzungsmöglichkeiten verquickt, was zum Beispiel einem erdachten Kernfusionskraftwerk entspräche.77 Der Begriff „Technikleitbild“ sollte nach Meyer deshalb im Kontext 74 Vgl. MEYER, TORSTEN: Technik-Leitbilder – Technikbilder – Technikgeschichte, in: Banse, Gerhard; Meier, Bernd; Wolffgramm, Horst (Hg.): Technikbilder und Technikkonzepte im Wandel – eine technikphilosophische und allgemeintechnische Analyse. Karlsruhe 2002, S. 59-63, hier S. 60. 75 Vgl. EBD. 76 Vgl. EBD. 77 Vgl. EBD., S. 61. GREEN AND CLEAN? 31 der Technikgenese verwendet werden, während in anderen Bereichen der Begriff „Technikbild“ angeraten wird.78 Der Technikbildbegriff wird nach Meyer durch die Betrachtungsweise gegliedert. Auf der Akteursebene unterscheidet sich die Sichtweise der technischen Intelligenz von der Perspektive der Techniknutzer.79 Ingenieurswissenschaftliche Vorstellungen der Technik sind im Anschluss an technische Leitbilder gesellschaftlich ausgerichtet und eine berufstypische Form zur Entäußerung bildhaften Denkens.80 Die Techniknutzer rezipieren die von den Ingenieuren kommunizierten Technikvorstellungen und davon popularisierte Formen, die wiederum die gesellschaftliche Einstellung zur Technik enthalten. In Abgrenzung zu technischen Leitbildern und zu Technikbildern der technischen Intelligenz will die vorliegende Arbeit die weltanschaulichen Haltungen der Techniknutzer erforschen. Im Zusammenhang von Technikbildern sind häufig Begriffe wie „Gläubigkeit“ oder „Dämonisierung“ im diskursiven Gebrauch. Für Joseph Huber sind Einteilungen wie diese jedoch gefühlsbezogen. Zwar fu- ßen Technikbilder nach Ansicht des Soziologen ebenfalls auf emotionalen Werturteilen, aber sie sind vom Wesen her dennoch in erster Linie kulturell und nicht allein psychisch geprägt, was schnell zu Missverständnissen führen würde.81 Huber führt deshalb präzisere und operationelle Begriffe ein. Der Soziologe unterscheidet zwischen einem eutopen und dystopen Technikbild. Das eutope Technikbild setzt sich etymologisch aus „eudämonistisch-utopisch […] oder […] von „eudämonistisch-utopischer Topos“82 zusammen. Der Begriff „dystop“ lässt sich von dem Literaturgenre „Dystopie“, also der negativen Utopie, oder auch Antiutopie und Gegenutopie, herleiten. Diese bipolaren Technikbilder stehen nach Huber in engem Zusammenhang mit kritischen Diskursen über Technik, die seit 1750 mit dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau und seit 1800 mit der Romantik einsetzten und bis zu den gegenwärtigen Umwelt- und Alternativbewegungen führen.83 Die Technikdebatten wurden seither von technischen Modernisierungsschüben beeinflusst: zum Beispiel von Spinn-, Web- und Dampfmaschinen im Zeitraum von 1800 bis 1850, der Elektrifizierung zwischen 1870 und 1890, der Automatisierung um die Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg, anschließend in den 1920er und 1950er Jahren, der 78 Vgl. EBD. 79 Vgl. EBD., S. 61.-62. 80 Vgl. EBD. 81 Vgl. HUBER, JOSEPH: Technikbilder. Weltanschauliche Weichenstellungen der Technologie- und Umweltpolitik. Opladen 1989, S. 25. 82 EBD., S. 17; Hervorhebungen im Original. 83 Vgl. EBD., S. 16. MARCO BEHRINGER 32 Atomtechnik in den 1950er, 1970er, 2000er und 2010er Jahren.84 Zwischen 1750 und 1850 haben sich die antagonistischen Pole herausgebildet: die eudämonistisch-utilitaristische Utopietradition, die durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt den größten Nutzen für die Allgemeinheit anstrebt auf der einen Seite, und die Tradition der Technik-, Modernisierungs- und Industrialisierungskritik, die an Rousseau anknüpft auf der anderen Seite.85 Kulturhistorisch kann der eutope Technikbildbegriff als Verweltlichung der christlichen Imagination des barmherzigen Gottvaters interpretiert werden, wodurch Technik an die Heils-vorstellung durch Fortschritt gekoppelt und damit glorifiziert wird.86 Diametral dazu steht der dystope Technikbildbegriff für die Profanisierung des Bildes vom Teufel, wodurch Technisches in einen dämonischen Kontext gestellt wird.87 Huber sieht sehr wohl die Stärken und Schwächen bipolarer Einteilungen, begründet das Beharren darauf jedoch dadurch, dass in Diskursen erfahrungsgemäß tatsächlich typisierte Haltungen eingenommen werden.88 Eine Möglichkeit, die Zwischenschichten dieser Typen abzustecken, wäre Huber zufolge durch Szenarien gegeben, zu denen er dezidiert auch Utopien und Science Fiction rechnet. Auf diese Weise können potentielle Realitäten geschildert und bewertet werden.89 Der Soziologe skizziert darüber hinaus den historischen Verlauf von Technikdiskursen nach, wodurch er aufzeigt, wie es zur Entfaltung und Modernisierungen der beiden Pole kam.90 Huber erteilt dem klassischen Diffusionsmodell eine Absage, wonach ein kulturelles System von „oben“ – hier die Wissenschaft – als Innovator auftritt, hier um systemsprachliche Modelle –Technikbilder – zu kreieren und diese dann nach „unten“ sinken lässt.91 Vielmehr ist es ers- 84 Vgl. EBD., S. 9. 85 Vgl. EBD., S. 16. 86 Vgl. EBD., S. 17. 87 Vgl. EBD. 88 Vgl. EBD., S. 23. 89 Vgl. EBD., S. 24. 90 Vgl. EBD., S. 25-55 91 Vgl. EBD., S. 14-15. Das klassische Diffusionsmodell geht zum einen auf das „gesunkene Kulturgut“ aus der Zweischichtentheorie (vgl. NAUMANN, HANS: Grundzüge der deutschen Volkskunde, Leipzig 1922) des Volkskundlers Hans Naumann zurück. Nach Naumann erfindet die innovative Oberschicht – die „Hochkultur“ – ein neues Kulturgut, das dann zur Unterschicht „absinkt“, indem es zeitlich versetzt von der „Volkskultur“ nachgeahmt wird. Die Theorie wurde jedoch rasch kritisiert und widerlegt. Zum anderen hat das klassische Diffusionsmodell einen Ursprung in der soziologischen Trickle-down-Theorie. Vertreter wie Herbert Spencer (zum Beispiel SPENCER, HERBERT: Manners and Fashion, in: The Westminster Review, Vol. LXI, No. CVXX [April] 1854, New Series Vol. V. No. II, S. 357-392) oder Georg Simmel (zum GREEN AND CLEAN? 33 tens ein Zusammenspiel aus verschiedenen Systemen und Akteuren, die an der Produktion und Zirkulation von technischen – und generell weltanschaulichen – Bildern beteiligt sind, und zweitens kann die Technikrezeption nicht nur anhand einer Phase beschrieben werden, weil das Diffusionsmodell nur die Aneignung von Technik erfasst, und demnach dem Stimulus-Response-Modell folgt, innerhalb dessen die Technik zwar Reaktionen auslöst, aber weitere Zusammenhänge verdeckt bleiben.92 Grundsätzlich können die in technischen Utopien vermittelten Technikbilder auch als Aneignungsleistung93 der Autoren betrachtet werden. Denn Autoren von technischen Utopien verarbeiten in ihren Werken ihre persönliche Erfahrung mit Technik, die Teil gegenständlicher oder symbolischer Kultur ist, und verleihen Technischem dadurch Bedeutung und Sinn. Essentiell an der Erörterung von Technikbildern ist zusammenfassend, dass auf der Metaebene der Technikakzeptanz Technik als soziokulturelles Sinnsystem betrachtet wird. Die nicht ausnahmslos psychisch, sondern in erster Linie kulturell generierten, bipolaren Technikbilder wurden zudem in Abgrenzung zu technischen Leitbildern als Einschätzungsdimension ausgewählt. Diese bipolare Ausprägung wird im nächsten Abschnitt noch ergänzt. Zudem werden mit den Technikbildern korrelierende Naturbilder als zweite Einschätzungsdimension festgelegt. Beispiel SIMMEL, GEORG: Zur Psychologie der Mode. Sociologische Studie, in: Die Zeit. Wiener Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft, Wissenschaft und Kunst, 5. Band 1895, Nr. 54 (12.10.1895), S. 22-24) beschreiben in ihren Modetheorien das Prinzip der Nachahmung als typisch für die Verbreitung innovativer Mode. Menschen von hohem Klassenstatus führen innovative, kostspielige Mode ein, die von Menschen von niedrigerem Klassenstatus durch billigere Versionen nachgeahmt wird. Seit diesen klassischen Diffusionsmodellen hat sich die Theorie differenziert. Beim Adoptionsansatz von Everett M. Rogers (ROGERS, EVERETT M.: Diffusion of innovations. New York 1962) hängt die prozessuale Annahme oder Ablehnung einer Innovation innerhalb eines sozialen Systems von einer Vielzahl an Determinanten ab – unter anderem von der sozialen Gruppe und sozioökonomischen Aspekten. So gibt es nach Rogers frühe und späte „Adopter“. 92 Vgl. BAUSINGER, HERMANN: Technik im Alltag (wie Anm. 55), S. 232. 93 Begriff und Konzept gehen auf die Kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie zurück, wobei das marxistisch begründete Konzept in seiner klassischen Form vor allem in A. N. Leontjews Tätigkeitstheorie (vor allem in LEONTJEW, A. N.: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit [=Studien zur Kritischen Psychologie]. Köln 1982) erschien. Darin beschreibt Leontjew die kognitive Entwicklung des Menschen als selbst-tätige Aneignung sozialer Erfahrung: Indem sich das Individuum mit der objektivierten oder symbolischen Kultur auseinandersetzt und diese als vom Menschen entwickelte begreift, wird die Aneignung entwicklungspsychologisch zu einer proaktiven Tätigkeit, die sich von passiven und rein psychologischen Entwicklungskonzepten abgrenzt, die sich auf eine Rezeption der Umwelt begrenzen. MARCO BEHRINGER 34 3.2 Technik- und Naturbilder Die aufgezeigten Technikbilder können jeweils mit anderen Weltbildern verquickt werden. Neben dem Naturbild führt Huber Sozialbilder der Gesellschaft, Wissensbilder der Gesellschaft und Gesamt-milder der Orientierung auf. Anhand einer Datenerhebung ermittelte der Soziologe, welche Weltbilder mit einem der Technikbilder korrelieren. Auf der Basis soziologischer Kategorien unterscheidet der Sozialwissenschaftler ein systemorientiertes von einem lebensweltorientierten Weltbild, wobei das eutope Technikbild empirisch dem ersten zugeordnet werden konnte, das mit einem possessionistischen Naturbild, einem meritokratischen Sozialbild und einem expertokratischen Bild der Wissensgesellschaft zusammenhängt, während das dystope Technikbild entsprechend umgekehrt mit einem sympathetischen Naturbild, einem solidarischen Sozialbild und einem partizipativem Wissensbild der Gesellschaft zusammenhängt.94 Für vorliegende Arbeit ist es allerdings weniger entscheidend, ob beziehungsweise welche Sozialbilder, Wissensbilder der Gesellschaft oder Gesamtbilder der Orientierung mit Technikbildern einhergehen – diese weltanschaulichen Aspekte sind im Kontext von Energieutopien irrelevant. Im Fall von energetischen Utopien ist vielmehr entscheidend, ob und welche Naturbilder mit Technikbildern kombiniert werden, da die Forschungsfrage nicht nur in technischer, sondern auch in ökologischer Hinsicht formuliert wurde. Zudem steht die Erzeugung oder Nutzung von Energie grundsätzlich in einem engen Verhältnis zur Natur und wirkt sich auf die Umwelt aus, vor allem bei der Ausbeutung fossiler Ressourcen. Diese industrielle Naturausbeutung apostrophiert der Volkskundler Helge Gerndt gar als „Kulturhandlung“95. Bei Huber gibt es, wie oben aufgezeigt, zunächst zwei Möglichkeiten für eine Haltung zur Umwelt: eine possessionistische oder eine sympathetische Haltung. Der besitzergreifenden Haltung ist ein herrschsüchtiges und feindseliges Verhältnis zur Natur immanent – die Umwelt wird einzig als nutzbringendes Objekt aufgefasst, deren Ressourcen ausgebeutet und deren Gefahren besiegt werden sollen.96 Diesem fortschrittsoptimistischen Bild liegt ein neuzeitliches Verständnis zugrunde, das im Sinne des Anthropozentrismus aus Rationalismus und Humanismus besteht.97 Bei einem sympathetischen Naturbild wird die Umwelt hingegen als selbstständige Entität, als gegeben und dem Menschen übergeordnet empfunden, weshalb sie dementsprechend respektvoll behandelt und geschützt werden soll – angestrebt wird eine partnerschaftliche Beziehung und Ko- 94 Vgl. HUBER, JOSEPH: Technikbilder (wie Anm. 81), S. 18-19. 95 GERNDT, HELGE: Begrüßung und Einleitung, in: Dauskardt, Michael; Gerndt, Helge (Hg.): Der industrialisierte Mensch (wie Anm. 14), S. 13. 96 HUBER, JOSEPH: Technikbilder (wie Anm. 81), S. 98. 97 Vgl. EBD., S. 25. GREEN AND CLEAN? 35 existenz zur Natur.98 In einem weiteren Schritt lässt sich diese bipolare Stellung in Nuancen auffächern. So unterscheidet Huber ein unausgeprägt-unentschiedenes Naturbild, ein ambivalentes Naturbild, ein sympathetisches Naturbild, ein extrem sympathetisches Naturbild, ein possessionistisches Naturbild sowie ein extrem possessionistisches Naturbild.99 Nun kann man berechtigterweise den Einwand vorbringen, wozu Technik- und Weltbilder nützlich sind. Dem entgegnet Huber mit dem Argument, dass verhaltensorientierende Sinnkonstruktionen gestiftet werden. Weltanschauliche Imaginationen bieten Sinnorientierung, Handlungsanweisungen und Motivationen zur soziokulturellen Entwicklung.100 Technik- und Weltbilder beinhalten psychologisch betrachtet Wahrnehmungsangebote und aus soziokultureller Perspektive gesellschaftliche Deutungsmodelle.101 Auf diese Weise entsteht ein kultureller Kontext, der nach Huber als „Vorstellung“102 begriffen werden muss, die eine anschließende „Feststellung“103 überhaupt ermöglicht. Letztlich vertreten und konstruieren Technikbilder geistig das wissenschaftlichtechnische System.104 Kategorieschema Extrem eutopes Technikbild Eutopes Technikbild Unausgeprägtunentschied. Technikbild Ambivalentes Technikbild Dystopes Technikbild Extrem dystopes Technikbild Extrem possessionistische s Naturbild Possessionis -tisches Naturbild Ambivalentes Naturbild Unausgeprägtunentschiedenes Naturbild Sympathetisches Naturbild Extrem sympathetisches Naturbild Tab. 2: Technik- und Naturbilder nach Huber In seiner Datenerhebung konnte Huber darüber hinaus verifizieren, dass ein eutopes Technikbild signifikant mit einem possessionistischen Naturbild einhergeht und umgekehrt eine Rückkopplung des dystopen Technikbildes mit einem sympathetischen Naturbild vorliegt.105 Variierende 98 Vgl. EBD., S. 98. 99 Vgl. EBD., S. 99. 100 Vgl. EBD., S. 135. 101 Vgl. EBD. 102 EBD., S. 137; Hervorhebung im Original. 103 EBD.; Hervorhebung im Original. 104 Vgl. EBD. 105 Vgl. EBD., S. 100. MARCO BEHRINGER 36 Rekombinationen der weltanschaulichen Bilder dürfen deshalb jedoch nicht a priori ausgeschlossen werden, sondern erscheinen in Hinblick auf Relativierungstendenzen im technischen Diskurs und auf die narrative und inhaltliche Komplexität von Utopien und Science Fiction als wahrscheinlich. Letztlich entsteht auf der Grundlage von Hubers Technik- und Naturbildern ein skaliertes Kategorienschema (siehe Tabelle 2). Zu dem Kategorienschema wird ergänzend eine Festlegung von Indikatoren in Bezug auf Ausprägungen der Einschätzungsdimensionen durchgeführt. Die jeweiligen „extremen Pole“ – extrem eutopes/dystopes Technikbild und extrem possessionistisches/sympathetisches Naturbild – sollen daran ermessen werden, dass in diesen Fällen keinerlei Zweifel bestehen und diese Weltbilder emotional verstärkt erscheinen. Der jeweils abgestufte Typus – eutopes/dystopes Technikbild und possessionistisches/sympathetisches Naturbild – ergibt sich, wenn geringfügige Gegenargumente vorgebracht werden und keine emotionale Zuspitzung erkennbar ist. Ein jeweils ambivalentes Bild soll dann gegeben sein, wenn widersprüchliche Evidenzen vorliegen. Erhält man keine oder eine neutrale Evidenzbasis, so soll daraus ein unentschiedenes Technik- oder Naturbild abgeleitet werden. Von den oben aufgeführten Weltbildern erscheint in Hinsicht auf die Forschungsfrage neben dem Technik- auch das Naturbild relevant, dessen Pole „possessionistisch“ oder „sympathetisch“ ausgeprägt sind. Die possessionistische Haltung zeichnet sich dadurch aus, dass die Natur ausschließlich beherrscht und ausgebeutet wird, während der sympathetischen Haltung eine koexistierende Beziehung immanent ist. Technikund Naturbilder lassen sich zwischen den Polen in mehrere Typen unterteilen, die für vorliegende Arbeit praktikabel erscheinen, weil sie differenzierte Beispiele erfassen können. Die Ränder der Technikbild- und Naturbildtypologie sind jeweils durch emotional aufgeladene Extremtypen gekennzeichnet, während die jeweils darauf folgenden Typen rationaler erscheinen und zuletzt durch paradoxe oder neutrale Varianten ergänzt werden. Nachdem anhand von Ansätzen der Technik(akzeptanz)forschung erste theoretische Zugänge zum Forschungsthema dargelegt und, davon ausgehend, die Einschätzungsdimensionen mit Ausprägungen festgelegt wurden, folgt im nächsten Kapitel die Erörterung von theoretischen Ansätzen der interdisziplinären Utopieforschung. GREEN AND CLEAN? 37 III Energieutopien als Motiv der Utopie Energetische Utopien sind konkrete Ausformungen von technischen Utopien, die wiederum häufig Motive von utopischen Romanen sind. Allein die Formulierung dieser Feststellung verdeutlicht, dass der Utopiebegriff vielfach verwendet werden kann. Was ist eine Utopie genau? Um Missverständnisse auszuschließen, soll zunächst eine Begriffserklärung erfolgen. Utopien lassen sich über die begriffliche Definition hinaus in eine Traditionslinie von Vorhersagetechniken einordnen. Prinzipiell drückt ein Autor mit seiner energetischen Utopie aus „So kann oder soll in Zukunft Energie erzeugt werden“. Deshalb soll im nächsten Abschnitt eine Einordnung von Utopien im Kontext der kulturgeschichtlichen Entwicklung von Vorhersagetechniken erfolgen. Die belletristische Thematisierung von utopischer Energieerzeugung und -nutzung erscheint dadurch nicht in einem luftleeren Raum, sondern als Glied einer historischen Entwicklungskette. Sodann soll eine Beleuchtung der Funktionen von Utopien erfolgen. Hierfür werden Utopien mit theoretischen Ansätzen interpretiert. Abschließend erfolgt eine theoretische Erörterung der korrelierenden Beziehung von Utopie und Technik. Auf diese Weise soll die historische und kulturelle Genese des Forschungsgegenstandes „Technikutopie“ veranschaulicht werden, der die Oberkategorie von Energieutopien darstellt. 1 Definition Utopien können als Textsorte verstanden werden. Die neuzeitlichen Utopien waren Staatsromane, in denen der real existierenden Staatsform ein literarisches Idealbild entgegengehalten wurde.106 Utopisches Gedankengut gab es jedoch schon zuvor. Die erste Staatsutopie, die jedoch noch ohne den dezidierten Utopiebegriff auskam, stellt die bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. erschienene Politeia107 von Platon dar. Der antike griechische Philosoph konzeptualisiert darin ein abstraktes, gerechtes und idealisiertes Staatsgebilde. Nach der Politeia und weiteren griechischen antiken Utopien erscheint der Utopiebegriff erstmals in Thomas Morus‘ Utopia108 von 1516, einer literarischen Sozialkritik an Heinrich VIII. und den Zuständen in England unter dessen Herrschaft, der ein Reformprogramm in Gestalt einer Inselutopie mit einem Idealstaat entgegengehalten wird. 106 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur. Erw. und akt. Neuausg., München 1988, S. 48. 107 PLATON: Der Staat. Griechisch – Deutsch. Düsseldorf u.a. 2000; auch: PLATON: Der Staat. Stuttgart 1999. 108 MORUS, THOMAS: Utopia, in: Heinisch, Klaus (Hg.): Der utopische Staat (=Philosophie des Humanismus und der Renaissance; Bd. 3/Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft; Bd. 68). Reinbek bei Hamburg 1960, S. 7-110. MARCO BEHRINGER 38 In etymologischer Hinsicht stammt der Name „Utopia“ vom griechischen „utopos“, was wiederum auf „ou-topos“, also „Nicht-Land“, oder „eutopos“, also „Schönland“, gründet.109 Auf welche Bedeutung Morus dezidiert anknüpft, ist zwar umstritten, aber er wählte das Wortspiel mit beiden Begriffsbedeutungen wohl bewusst aus.110 Eine weitere Vorstellungsverknüpfung ergibt sich aus dem griechischen Begriff „Udepotia“, was von „oudepote“, also „niemals“, abgeleitet wird, wodurch sich sinngemäß dann „Niemalsland“ ergibt.111 „Ude-potia“ wird vom Humanisten Budaeus in einem Begleitbrief zur Utopia verwendet.112 Diese begriffliche Ambivalenz der Utopiekonnotation hat einerseits dessen Popularisierung nicht gestört und andererseits zu einem unterschiedlichen Gebrauch geführt. Erik Zyber definiert den Utopiebegriff, indem er den Terminus von der Literaturgattung und der antiken philosophischen Tradition löst, um das Verhältnis der Utopie zur Realität und zum Menschen aufzuschlüsseln: „Als utopisch wird etwas bezeichnet, das in der Wirklichkeit nicht enthalten ist, das noch nicht verwirklicht wurde. Utopisches geht über das unmittelbar Gegebene hinaus, es ist seinstranszendent. […] Utopisches beschränkt sich nicht auf den Bereich des Literarischen, sondern bezeichnet das grundsätzliche Vermögen des Menschen, die unmittelbar gegebene Wirklichkeit zu überschreiten. Da der Begriff des Utopischen eine Bewußtseinsleistung [sic!] beschreibt, spricht man auch von utopischem Denken, utopischem Bewußtsein [sic!] oder utopischer Intention.“113 Utopie ist demnach (noch) wirklichkeitsfern konstituiert und geht über das Literarische hinaus in den Bereich des Geistigen – aus der Sicht des Menschen in den Bereich des Denkens. Utopien sind aber nicht nur als Textgattung, ideengeschichtliches Phänomen oder Bewusstseinsvermögen zu verstehen. Der Terminus „Utopie“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch in einem anderen Kontext verwendet. Der Utopiebegriff erscheint in diesem Zusammenhang widersprüchlicherweise negativ konnotiert: Ein Utopist gilt als „Schwärmer“ oder „Träumer“. Im allgemeinen Verständnis ist mit „Utopie“ ein 109 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 49. 110 Vgl. EBD.; vgl. auch SCHÖLDERLE, THOMAS: Geschichte der Utopie. Köln/Weimar/ Wien 2012, S. 11. 111 Vgl. EBD. 112 Vgl. EBD. 113 ZYBER, ERIK: Homo Utopicus. Die Utopie im Lichte der philosophischen Anthropologie (=Trierer Studien zur Kulturphilosophie, Paradigmen menschlicher Orientierung; Bd. 15). Würzburg 2007; zugl. Diss. Trier 2006, S. 37-38. GREEN AND CLEAN? 39 unerfüllbarer Idealzustand gemeint, der niemals erreicht werden kann. Im Duden wird diese negative Assoziation bestätigt. Unter „Utopie“ ist dort „als unausführbar geltender Plan; Zukunftstraum“114 aufgeführt. Diese äußerst unpräzisen Umschreibungen sind für die Untersuchung von energetischen Utopien nicht zu operationalisieren. Ganz im Gegenteil: Es gibt sicherlich (technische) Utopien, die vielleicht in der Gegenwart noch nicht ausgeführt werden können, aber für die Zukunft dennoch nicht als völlig unausführbar gelten. Der Begriff „Zukunftstraum“ erweist sich als Umschreibung für Utopie vielleicht im allgemeinen Sprachgebrauch als verständlich, aber im Zusammenhang mit Technikutopien greift er zu kurz. Selbstverständlich können (Technik-)Utopien auch als Zukunftstraum interpretiert werden. Die technisch-wissenschaftlich ausgerichteten Vorstellungen können aber auch auf tatsächliche Realisierungen basieren. Deutlicher sind deshalb der Begriff „Zukunftsfiktion“, der mehr Gewicht auf den Faktor „Planung“ legt und damit die technischen Utopien besser umschreibt, wobei Utopien nicht zwingend in eine Zukunft gerichtet sind, sondern ebenso in Gestalt von alternativen Gegenwartsszenarien erscheinen können, weshalb letztlich „imaginierte Idealvorstellung“ objektiver und allgemeingültiger ist. Neben der Utopie im Sinne von philosophischer oder belletristischer Literatur und der Utopie als politisches Programm gibt es Utopisches, das keine ideale Gesellschaft umschreibt, sondern sich darauf beschränkt, Objektivationen soziokultureller wie räumlicher Teilsysteme idealisiertfiktiv darzustellen. Diese „Detailutopien“ oder „Utopismen“115 können als Motive in unterschiedlichen Kontexten auftreten, müssen demnach nicht zwingend als Element einer Utopie auftreten. So erscheinen Detailutopien vor allem in der Science Fiction, die nicht zwingend utopisch sein muss. Als Detailutopien oder Utopismen sollen im Folgenden partielle Utopien verstanden werden, die sich auf einen spezifischen Aspekt der Gesellschaft beschränken, der in idealisierter Weise imaginiert wird. Für vorliegende Arbeit erscheint die technische Utopie oder Technikutopie als Oberkategorie für Utopismen, die dezidiert Technisches imaginieren. Unter Technikutopien fallen demnach auch energetische Utopien oder Energieutopien, also Utopismen über die Erzeugung oder Nutzung von Energie. Weitere Gruppen von Detailutopien, die typisch für Technikutopien sind, wären Mobilitätsutopien oder Kommunikationsutopien. Abgesehen von technisch ausgeprägten Utopismen gibt es Wissenschafts-, Arbeitsoder Raumutopien. Es wurde aufgezeigt, dass der ambivalent konnotierte Terminus „Utopie“ etymologische, kognitionswissenschaftliche, philosophie- und 114 DUDENREDAKTION (Hg.): Duden, Band 1. 24. völlig überarb. und erw. Aufl., Mannheim u.a. 2006, S. 1061. 115 TRAUTMANN, WOLFGANG: Utopie und Technik (wie Anm. 23), S. 80. MARCO BEHRINGER 40 literaturgeschichtliche Wurzeln aufweist, von denen sich der alltägliche Sprachgebrauch unterscheidet. Von Utopien werden weiterhin Utopismen unterschieden, die sich nicht auf ein soziokulturelles System, sondern auf Vergegenständlichungen von Subsystemen beziehen. Technikutopien sind ein Beispiel für Detailutopien, Energieutopien sind wiederum eine spezifische Version von Technikutopien. Mit der Politeia und der Utopia wurde darüber hinaus angedeutet, dass Utopien in einer weit zurückreichenden geistig-literarischen Traditionslinie stehen. Der nächste Abschnitt soll diesen Aspekt vertiefen, indem Utopien als Teil der Historie von Vorhersagetechniken betrachtet werden – unabhängig davon, wie ernstzunehmend die Vorhersage in Utopien erscheint. Denn bei diesen Vorhersagemethoden ist weniger die Genauigkeit oder Realisierbarkeit der Prognose entscheidend. Vielmehr wird in diesem Kontext die Utopie als eine Form der Auseinandersetzung mit der Zukunft in Augenschein genommen. 2 Utopie als Vorhersagemethode Georges Minois teilt die Kulturgeschichte von Vorhersagen, die unabhängig von ihren Prognosewerten eine Beschäftigung mit der Zukunft eint, in fünf Epochen ein. Diese Epochen, die unterteilt werden, kennzeichnen zeittypische, robuste Typen von Vorhersageformen. Minois unterscheidet das Zeitalter der Orakel, das Zeitalter der Prophezeiungen, das Zeitalter der Astrologie, das Zeitalter der Utopien und schließlich das Zeitalter der wissenschaftlichen Vorhersagen. Allein anhand dieser Kategorisierung, der auch die nachfolgenden Unterkapitel folgen, wird deutlich, dass sich innerhalb der Vorhersagemethoden eine Entwicklung von magisch besetzten Vorhersagen zur szientistischen Vorhersage stattgefunden hat. Minois stellt ferner die jeweiligen entscheidenden Akteure und die Funktion der Vorhersagemethoden heraus. In den primitiven, griechischen und römischen Wahrsagungen, die dem Zeitalter der Orakel zugerechnet werden, diente die Vorhersage in Gestalt von Hellseherei oder Prophetie der Konsultation der transzendentalen Instanz, die hauptsächlich die Legitimation der Herrscher und Politiker bezweckte.116 Im Umfeld der griechischen Wahrsagung entstand die Utopie. Wie bereits oben aufgeführt veröffentlichte Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. seinen „gerechten Staat“ in der Politeia, die als Reflex auf die Desillusionierung Platons aufgrund des Peloponnesischen Krieges und als robuste Zufluchtsstätte interpretiert werden kann.117 Die Skeptiker offerierten die Utopie daraufhin als Alternative zu den angezweifelten 116 Vgl. MINOIS, GEORGES: Geschichte der Zukunft. Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen. Düsseldorf/ Zürich 1998, S. 65-67; S. 108-109; S. 115. 117 Vgl. EBD., S. 113-114. GREEN AND CLEAN? 41 Vorhersageformen, wobei die Utopie als Narkotikum für die Sorgen der Menschen angesehen wurde, weil die griechische Utopie eine unveränderliche Idealwelt konstruiert, die fernab von Zeit und Raum in einer undefinierten Zukunft angesiedelt war.118 Die Utopien zeichneten sich grundsätzlich durch eine bestimmte Erwartungshaltung in Bezug auf eine Verwirklichung aus, dessen prophetische Strahlkraft durch bewusste Realisierungsversuche zu einem Keim der Initiative werden kann.119 Insofern fand in der griechischen Wahrsagung ein Paradigmenwechsel statt. Zuvor wurde die Zukunft durch Orakel und Prophetie gedeutet, nun wurde die Zukunft in der Utopie entworfen.120 Bereits im 5. Jahrhundert existierten die beiden Grundformen der Utopie: Der Architekt Hippodamos erfindet eine rationale Idealstadt nach streng geometrischen und kosmischen Gesetzen und beginnt in Milet mit deren Verwirklichung, während Aristophanes in seiner Komödie Die Vögel eine freiheitlich-ökologische Idealstadt erdenkt.121 Nach dem Übergang von der antiken zur christlichen Epoche wurde die Zukunftsdeutung zur messianischen und apokalyptischen Vorhersage.122 Das Zeitalter der Prophezeiung, das bis zum 15. Jahrhundert reicht, wurde insgesamt durch einen „prophetischen Eklektizismus“123 und in erster Linie vom Bestreben der christlichen Kirche nach einer Kanalisierung und Monopolisierung der Vorhersage geprägt.124 Die Utopie trat in dieser Epoche nicht zum Vorschein. Das Zeitalter der Astrologie begann im 16. Jahrhundert zunächst mit der Wiederentdeckung der Utopie, indem Thomas Morus‘ Utopia erschien, das einen Idealstaat auf einer Insel beschreibt.125 Die Funktion von Utopia liegt trotz prädiktiver Elemente weniger in der Zukunftsdeutung, als in der Sozialkritik durch ein literarisch inszeniertes Reformprogramm, das durchaus mit realitätsnahen Hoffnungen verbunden war.126 Als robuste Vorhersagetechnik etablierte sich jedoch die Astrologie, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts auch vom Volk entdeckt wurde, und die bis weit in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Lücke ausfüllte, die aufgrund des Niedergangs der religiösen Prophetie, an der Schwelle zum noch nicht etablierten Szientismus, entstand.127 118 Vgl. EBD., S. 111-112. 119 Vgl. EBD., S. 112. 120 Vgl. EBD. 121 Vgl. EBD., S. 113. 122 Vgl. EBD., S. 165-166. 123 EBD., S. 329. 124 Vgl. EBD., S. 258; S. 264-265. 125 Vgl. EBD., S. 370. 126 Vgl. EBD., S. 371. 127 Vgl. EBD., S. 389; S. 477. MARCO BEHRINGER 42 Auf die Vorhersage durch die Astrologie folgte zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert die Vorherrschaft der Utopie. Das Zeitalter der Utopien generierte sich im Fahrwasser der zunehmenden Rationalisierung, des Missbrauchs von Astrologie oder Prophetie und der Etablierung von Geschichte und Humanwissenschaften.128 Im 17. Jahrhundert entstand als Gegenentwurf zum vorherrschenden Klassizismus und staatlichen Absolutismus quantitativ und qualitativ eine bis dahin unbekannte Ausprägung der Utopie, die an den mittelalterlichen Chiliasmus anknüpft und oft mit einer revolutionären Umkehrung der Welt einhergeht, was wiederum auf die englische Revolution der Jahre 1640 bis 1660 zurückzuführen ist.129 Neben diesen politisch-religiösen Utopien etablierte sich im 17. Jahrhundert, unter dem Vorzeichen von Galileo Galileis revolutionärem Weltbild und der Geburt der modernen Wissenschaft, ebenfalls die szientistische Utopie, die erste Utopismen und Technikutopien mit- beförderte.130 Im 18. Jahrhundert wird die quantitative und qualitative Steigerung von Utopien noch einmal übertroffen, was durch radikale sozialpolitische Utopien zum Ausdruck kommt, die als Folge der krisenhaften Epoche erscheinen.131 Die soziale Utopie wurde im 19. Jahrhundert insofern zur Ideologie, als dass sie zur politischen Partizipation aufforderte, was eine Reaktion auf die ökonomischen und soziokulturellen Umwälzungen im Zuge der Industrialisierung und auf Zukunftsängste darstellt.132 Daneben differenzierte sich die Utopie in verschiedene Formen – z.B. marxistische Utopie.133 Obgleich die Utopie in den häufigsten Fällen Extreme darstellte, überraschte sie bisweilen auch mit scharfsichtigen Vorhersagen.134 Die Mehrzahl an Autoren, wie zum Beispiel der wissenschaftlich ausgebildete Jules Verne, extrapolierten den technisch-wissenschaftlichen Stand ihrer Zeit und verlängerten literarisch die jeweilige Entwicklung, wodurch das Missverständnis entstand, dass einige ihrer technischen Utopien wie glaubhafte Vorhersagen rezipiert wurden.135 Das 20. Jahrhundert kennzeichnet Minois als das Zeitalter der wissenschaftlichen Vorhersagen. Die naturwissenschaftlich-technischen Motive verloren im Verlauf des Jahrhunderts innerhalb der Science Fiction ihren reinen Selbstzweck und wurden zu strukturierenden Elementen soziokultureller Phänomene.136 Ausnahme bildet die sowjetische und 128 Vgl. EBD., S. 485-494. 129 Vgl. EBD., S. 540-541. 130 Vgl. EBD., S. 542. 131 Vgl. EBD., S. 547-548. 132 Vgl. EBD., S. 550-553. 133 Vgl. EBD., S. 626-663. 134 Vgl. EBD., S. 658. 135 Vgl. EBD., S. 686. 136 Vgl. EBD., S. 687. GREEN AND CLEAN? 43 kommunistische Science Fiction, die weiterhin positiv eingestellt blieb, denn eine bedingungslos zuversichtliche Einstellung gegenüber der Zukunft entsprach der kommunistischen Ideologie.137 Fast schon grotesk wirkte nach Minois dagegen die kapitalistische Kultur, die ihren eigenen Zerfall in pessimistischen Antiutopien, die den zweckrationalen Fortschritt soziokulturell, psychologisch und wissenschaftlich-technisch zur totalitären Groteske überformt, vorwegnimmt, ohne ihren Lebensstil zu ändern.138 Minois benennt zusammengefasst die Akteure und Institutionen und zeigt die soziokulturellen Funktionen auf, die die Vorhersageformen übernehmen. Für die Untersuchung von energetischen Utopien wird festgehalten, dass sich energetische Utopien als Bestandteile von Utopien, Gegenutopien und Science Fiction in eine lange Tradition einbetten lassen, die eine Folge vom Übergang von magisch-religiös-astrologischen zu wissenschaftlichen Leitkulturen und Weltbildern darstellt. Begleitet wird dieser Prozess durch einschneidende historische Ereignisse wie Aufstieg und Fall der kirchlichen Macht, Prozess der Säkularisierung durch den Humanismus, Aufklärung oder industrielle Revolution. Bereits im 5. Jahrhundert wurden zudem die robusten Grundtypen der Utopie herausgebildet, die in Form von utopischen oder dystopischen Romanen bis in die Gegenwart Bestand haben, und einerseits durch eine rationalszientistische Idealgesellschaft und andererseits durch eine freiheitlichnaturverbundene Idealgesellschaft zum Ausdruck kommen. Die griechischen antiken Utopien sind eskapistische Reaktionen auf Enttäuschungen oder narkotisierende Idealwelten, die Zukunftsängste lindern. Bis zu Morus‘ sozialkritischem Roman Utopia verschwindet die Utopie in der Geschichte der Vorhersagemethoden. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert etablierte sich die Utopie, die eine Diversifizierung in inhaltlich differenzierte Formen erlebt, im Zuge von Verwissenschaftlichung und Industrialisierung als dominante Vorhersageform. Im 20. Jahrhundert ergänzt die negative Utopie als Reaktion auf negative Auswirkungen der industriellen Revolution und Rationalisierung – wie z.B. Entmenschlichung, Krieg oder Umweltzerstörung – die Spielarten der Utopie. Was bisher nur sekundär behandelt wurde, ist die Frage nach der Funktion von Utopien. Darauf soll im nächsten Abschnitt eingegangen werden. 3 Funktionen der Utopie Welchen Zweck erfüllen Utopien? Der Historiker Minois stellt grundsätzlich fest, dass Zukunftsdarstellungen keine bedeutungslose oder unparteiische Position einnehmen können, sondern stets auch durch Motivatio- 137 Vgl. EBD. 138 Vgl. EBD., S. 687; S. 696-697. MARCO BEHRINGER 44 nen entstehen und mit Zielen behaftet sind.139 Zudem betont der französische Geschichtswissenschaftler, dass Vorhersagen dem Wesen nach weniger Auskünfte über die Zukunft, sondern Reflexionen über die gegenwärtige Zeit liefern.140 Auf diese Weise offenbaren Vorhersagen Auskünfte über den Zeitgeist und die Kultur des jeweiligen gesellschaftlichen Systems.141 Doch das sind nur erste allgemeine Feststellungen, die mit weiteren Funktionen im Folgenden stärker in Augenschein genommen werden sollen. Zunächst wird der dialektische Aspekt von Utopien dargestellt, der mit einem kritischen Impetus und einem Veränderungsaspekt einhergeht. Daraufhin folgt die Eruierung des Zukunftsbezuges von Utopien. Abschließend wird der Zusammenhang von Wünschen und Utopien herausgestellt. 3.1 Dialektik – Kritik – Veränderung Wolfgang Trautmann hat das Verhältnis von Utopien zur Gesellschaft untersucht. Der Soziologe stellt die Utopie zunächst als Kontrastbild zur Realität vor.142 Dieser Gegenentwurf negiert darüber hinaus den Rationalismus der Wissenschaft, indem die Utopie über die Grenzen des Empirismus hinausgeht.143 Die Popularität des Utopischen hat zwei Hauptgründe. Einerseits befriedigt die Utopie eine Haltung gegenüber der sozialen Struktur, die im kompromisslosen Negieren des als negativ erfahrenen Status Quo zum Ausdruck kommt, und andererseits stillt die Utopie das Verlangen nach einer Alternative zur bestehenden sozialen Struktur, indem sie einen kompromisslosen und umfassenden Gegenentwurf konstruiert.144 Dieser Gegenentwurf negiert zwar fernerhin die der vorherrschenden Gesellschaft zugrundeliegende theoretische Grundlage, aber sie kritisiert ohne diese zu widerlegen und ohne eine eigene Theorie aufzustellen, indem sie einen radikalen Anspruch erhebt, wodurch die Überzeugungskraft der Utopie ausschließlich auf einer diskursiven Selbstdynamik fußt.145 Diese dialektische Bedeutung der Utopie wird zweifach eingeschränkt. Einmal auf der theoretischen Ebene und ein zweites Mal auf der praktischen Ebene, sobald die Forderung der Utopie vergegenständlicht worden ist.146 Nach Trautmann ist es genau dieser mögliche 139 Vgl. EBD., S. 19. 140 Vgl. EBD. 141 Vgl. EBD. 142 Vgl. TRAUTMANN, WOLFGANG: Utopie und Technik (wie Anm. 23), S. 78. 143 Vgl. EBD., S. 79. 144 Vgl. EBD. 145 Vgl. EBD., S. 79-80. 146 Vgl. EBD., S. 80. GREEN AND CLEAN? 45 Syntheseaspekt im Kontext von Alternativgesellschaft und Realgesellschaft auf der praktischen Ebene, der der Utopie einen dialektischen Sinn zukommen lässt, wobei diese Angleichung von Antirealität und Wirklichkeit in erster Linie in Detailutopien stattfindet, also in „speziellen“ Utopien, die auf spezifische Subsysteme beschränkt sind.147 Darüber hinaus unterstellt Trautmann der Utopie eine normativkritische Funktion, die vordergründig auf einem emanzipativen Impetus aufbaut: der Mensch soll sich durch die Errungenschaften des technischen Fortschritts von den Naturgesetzen befreien und durch sozialen Fortschritt von den politischen Herrschaftsstrukturen.148 Trautmann versteht die Kritikfähigkeit der Utopie insofern als radikal, als dass die Allgemeingültigkeit des Rationalismus und die Verabsolutierung des Bestehenden kompromisslos angeklagt und abgelehnt werden.149 Zwar trifft die Utopie in diesem Zusammenhang keine Vorhersage über die Zukunft, jedoch wirkt sie richtungweisend für Wissenschaft und Technik, wodurch die Utopie nicht ausschließlich negiert, sondern ebenso konstruktiv wirkt.150 So besteht neben dem dialektischen Antagonismus aus abgeschlossenem Vollkommenheitsideal und evolutionär verlaufender Synthesebildung ein kritischer Antagonismus aus pessimistisch-anklagender Negation und optimistisch-empfehlender Leitung.151 Die utopisch formulierte Kritik kann entweder materiell-strukturell – dann zielt sie nach dem Vorbild eines Henri de Saint-Simon auf technisch-industrielle Inhalte ab – oder anthropologisch – hierbei wird nach Herbert Marcuse ein neuer Menschentyp entworfen – erfolgen.152 Neben der dialektischen und kritischen Funktion benennt Trautmann eine dritte und letzte Funktion von Utopien: wird der Ist-Zustand als krisenhaft oder unvollendet erlebt, drängt die Utopie auf Veränderung.153 Die Möglichkeiten bestehen in Bezug auf Theorien soziologischer Utopieforscher: Entrevolutionierung (Saint-Simon), Revolution (Marcuse) und Veränderungsabsichtslosigkeit (Hans Freyer).154 Trautmann disqualifiziert den Freyer’schen Unwillen zur Veränderung und führt die Möglichkeit zur willentlichen Veränderung ein, die aus Evolution oder Revolution besteht.155 Zusammengefasst funktioniert die Utopie dialektisch – indem sie eine unnachgiebige Antithese und, durch Verwirklichungen, 147 Vgl. EBD. 148 Vgl. EBD., S. 81. 149 Vgl. EBD., S. 82. 150 Vgl. EBD. 151 Vgl. EBD. 152 Vgl. EBD., S. 83. 153 Vgl. EBD., S. 84. 154 Vgl. EBD. 155 Vgl. EBD., S. 85. MARCO BEHRINGER 46 Synthesen zum Bestehenden bilden kann – kritisierend – indem sie sich von den Gesetzen der Natur und der Herrschaft strukturell oder anthropologisch emanzipiert – und verändernd – durch revolutionäre oder evolutionäre Gegenentwürfe zur Realität. In Ergänzung zum Utopieverständnis Trautmanns lässt sich ebenfalls ein Negativutopiebegriff herleiten. Vorausgesetzt eine Utopie sei eine Negation der Negation, präsentiert sich eine Anti-Utopie nicht als Affirmation der Affirmation, sondern als zynisch übersteigerte Affirmation des negativ erfahrenen Status Quo. Eine Negativutopie negiert die Negation demnach ebenso wie eine Utopie. Der Unterschied liegt darin, dass Gegenutopien keine vollkommenen Alternativgesellschaften anbieten, sondern zugespitzte Totalitäten spezifischer Gesichtspunkte eines bestehenden Systems. In gewisser Weise bergen auch Dystopien Gegenentwürfe, indem sie Alternativen zu den dystopischen Systemen implizieren. Negative Utopien verzerren die Affirmation bis zur Groteske, um sie letztlich durch das Brandmarken von Schwachstellen bloßzustellen. Doch Utopien fungieren nicht nur als sozialkritisches Denkmodell, sondern weisen ebenfalls einen zeitlichen Bezug auf, was im Hinblick auf Vorhersagetechniken bereits angedeutet wurde und im nächsten Abschnitt vertieft wird. 3.2 Zukunft Was auf den ersten Blick als offensichtlich erscheinen mag, ist die Zukunftsbezogenheit der Utopie. Der deutsche Historiker Alfred Doren unterscheidet bei der utopischen Übertretung der objektiven Realität zwischen Wunschräumen und Wunschzeiten.156 Wunschzeiten unterscheiden sich von Wunschräumen darin, dass nur diese einen Impuls auszulösen vermögen, weil sie ein voll ausgeprägtes Bewusstsein über die Gestaltungsmöglichkeit aufweisen.157 Damit ist gemeint, dass die Wunschzeit nicht in der Gegenwart angesiedelt ist und deshalb eine veränderte Form des sozialen Systems aufweist, die durch Handlung tatsächlich herbeigeführt werden kann, wohingegen der Wunschraum lediglich an einem fiktiven Ort platziert ist, der ohne einer vorausgehenden Handlung einfach existiert. Erik Zyber verweist dementgegen etymologisch darauf, dass mit dem Begriff „Utopie“ tatsächlich zunächst eine Ortsangabe – topos – gemeint ist und erst später um die zeitliche Komponente erweitert wurde.158 Sodann stellt Zyber den „Vor-Bild“-Charakter von Utopien dezidiert als zeitliche Komponente heraus: Wenn, wie in den frühen Sozialutopien, ein offener Zeithorizont ohne explizite Zukunftsangaben gemacht wird, 156 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 96. 157 Vgl. EBD. 158 Vgl. ZYBER, ERIK: Homo Utopicus (wie Anm. 113), S. 28-29. GREEN AND CLEAN? 47 oder nur eine Raumangabe vorliegt, kann einer Utopie dennoch ein Zukunftsbezug innewohnen, wenn diese als künftig zu verwirklichendes Konzept rezipiert wird.159 Dabei beschreibt dieser menschliche Wille zur Zukunftsgestaltung eine neue Qualität des Zukunftsdenkens, das bis dahin noch durch ein reines „Abfolge-Denken“ – zum Beispiel die Orientierung am Wandel der Jahres-zweiten – geprägt war.160 Doch auch frühere Vorhersageformen sind teilweise über das Kreislaufdenken hinausgegangen und haben die Zukunft als Zeitdimension betrachtet, die es zu gestalten oder sogar zu verbessern galt. Man denke zum Beispiel an die apokalyptischen Prophezeiungen, die davor warnen, dass das gegenwärtige Verhalten durch Gott im Jenseits sanktioniert wird. Trotzdem behält Zyber durchaus Recht, wenn er mit dem Auftreten des utopischen Denkens ein Bewusstwerden der Auswirkungen um die eigene Handlung kombiniert: um die Zukunft zu gestalten, bedarf es neben dem unbedingten Willen, auch die vorangehende Formulierung eines Soll-Zustandes, den es zu erreichen gilt.161 Zyber unterstellt der Utopie außerdem, dass sie aufgrund des inhärenten Verbesserungspotentials einen normativen Charakter besitzt und deswegen auch systemkritisch veranlagt ist, Leitmilder entwirft, diesseitig orientiert ist und den Menschen als Handlungssubjekt voraussetzt.162 Ferdinand Seibt hat den Zukunftsbezug von Utopien in intentionale Kategorien eingeteilt: Ordnung, Planung, Hoffnung und Glaube.163 Während die klassischen Utopien von den zeitgenössischen Rezipienten noch als unrealisierbar galten,164 verstehen sich utopische Entwürfe spätestens seit dem 19. Jahrhundert dezidiert auch als Zukunftsgestaltungsentwürfe.165 Zunächst nimmt Seibt an, dass jeder Kultur Planungsdenken zum Zweck der Erhaltung von Ordnung zugrunde liegt.166 Darauf errichtet er ein interdependentes Beziehungsgeflecht zwischen den Faktoren, wobei „Hoffnung“ innerhalb der Utopie ein über alle Maße ausuferndes Gewicht erhält, was in unverhältnismäßiger Diskrepanz zur scheinbaren Realisierbarkeit – wenn auch in einer fernen Zukunft – steht.167 In dieser real 159 Vgl. EBD. 160 Vgl. EBD., S. 29. 161 Vgl. EBD. 162 Vgl. EBD., S. 37-38 163 Vgl. SEIBT, FERDINAND: Utopie als Funktion abendländischen Denkens, in: Voßkamp, Wilhelm (Hg.): Utopie-Forschung. Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie; Bd. 1. Stuttgart 1982, S. 254-279, hier S. 274. 164 Vgl. EBD., S. 261. 165 Vgl. ZYBER, ERIK: Homo Utopicus (wie Anm. 113), S. 29. 166 Vgl. SEIBT, FERDINAND: Utopie als Funktion abendländischen Denkens (wie Anm. 163), S. 257. 167 Vgl. EBD., S. 265. MARCO BEHRINGER 48 wirkenden Vortäuschung des „beinahe“ Möglichen sieht Seibt auch das Hauptproblem, das seiner Ansicht nach bei den Rezipienten zu einer missverständlichen beziehungsweise undurchsichtigen Doppelwertigkeit der ursprünglichen Intention des Urhebers führt – die Absichten bleiben stets im Bereich des Spekulativen.168 Eine weitere Funktion liegt im Glauben, der jedoch lediglich in separierten Gruppen auftritt und sich aus dem übersteigerten Optimismus gegenüber rationaler Planung generiert.169 Es wurde herausgestellt, inwiefern Utopien zukunftsbezogen erscheinen und auf die kommende Zeit gestalterisch Einfluss nehmen können. Durch ihre idealisierten Darstellungen bietet die Utopie, unabhängig von Zeitangaben, „vor-bildliche“ Entwürfe an, die von den Rezipienten in der Zukunft tatsächlich realisiert werden können, wodurch die Akteure aus dem bisher gültigen Kreislaufdenken ausbrechen und sich selbst als potentielle Handlungssubjekte verstehen können. Dies auf der Grundlage, dass jeglichem Planungsdenken der Wunsch zur Erhaltung der Ordnung vorausgeht, wobei im Falle von Utopien die Hoffnung auf ihre Realisierung letztlich auf Mutmaßungen beruht. Für eine geringe Anzahl an Rezipienten drückt sich im Utopischen ein bedingungsloser Fortschrittsglaube aus. Im Folgenden wird erörtert, wie Utopien abgesehen von Zukunfts- ebenso Wunschfunktionen beinhalten. 3.3 Wunsch Erik Zyber vergleicht Magie und Utopie miteinander, wodurch er zur Feststellung kommt, dass diese beiden Sinnsysteme eine essentielle Gemeinsamkeit vereint. Trotz ihrer antagonistischen Konstitutionen – magisches gegenüber technisch-wissenschaftliches Weltbild – liegt der Magie und der Utopie nach Zyber das Wünschen zugrunde. Die Utopie spielt mit dem realisierbaren Gestaltungspotential eines idealen Gesellschaftsentwurfes, während die Magie die Veränderung rituell heraufbeschwört.170 Im Kontext des Wunschdenkens führt Zyber hinzukommend den Wunschüberschuss auf, den er als notwendige Voraussetzung für die Geburt innovativer Ideen ansieht, wobei dieses „Zuviel“ im Kontext von Utopien an rationale Überlegungen gekoppelt sein müsse.171 Tatsächlich existieren zwischen reinem Wunschdenken und realisierbarer Idealimagination auch nuancierte Übergangsformen, wobei in Utopien meist der Wunschüberschuss dominiert. Die Sensationsnachfrage des Lesers soll durch gesteigerte Phantasmen befriedigt werden, so dass die Kulturindustrie letztlich eine Mischung aus mythischen und wissenschaftlich- 168 Vgl. EBD., S. 272. 169 Vgl. EBD., S. 274. 170 Vgl. ZYBER, ERIK: Homo Utopicus (Wie Anm. 113), S. 76-77. 171 Vgl. EBD., S. 78. GREEN AND CLEAN? 49 technischen Imaginationen produziert, die an das magische Denken angrenzt.172 Martin Schwonke hat das utopische Wünschen aus der Perspektive der Psychologie in Augen-Schein genommen. Der Wunsch der Utopie entpuppt sich als Ansinnen, das an eine egoexterne Instanz – hier Wissenschaft und Technik – delegiert wird. Er zeigt sich als zielgerichtetes Ereignis, jedoch ohne Möglichkeit zur Erfüllung durch eigenes aktives „zu- Tun“ – die Realisierung wird vielmehr ohne Eigenbeteiligung erwartet, was in besonderem Maße für technische Utopien gilt.173 Diese passive Erwartungshaltung steht fernerhin entgegengesetzt zur expansiven Eigenschaft der Utopie, wodurch sich der Rezipient von Utopien nicht als gestaltendes Subjekt betrachtet. 174 Der Rezipient entzieht sich dadurch jeglicher Verpflichtung, zugunsten einer pseudo-wissenschaftlichen Weltsicht, die unentschieden zwischen Märchenfiktion und rationaler Denkweise oszilliert.175 Neben Utopie und Magie vergleicht Schwonke auch Utopie und Eschatologie, die ebenfalls durch den Wunsch verbunden sind. Die beiden Sinnsysteme unterscheiden sich durch die jeweiligen Konsequenzen erheblich voneinander, denn im Fall der Eschatologie steht der Wunscherfüllung durch die Gnade Gottes nichts entgegen, weil sie als Geschenk empfunden wird, wohingegen die nach außen gerichtete Utopie selbst verwirklicht werden muss.176 Darüber hinaus erkennt Schwonke im utopischen Denken den unrealisierbaren Wunschtypus, wodurch eine konstitutionelle Wesensverwandtschaft zum Märchen vorliegt. Die Wünsche der Utopie ähneln der Struktur von erfüllbaren Wünschen – Ausrichtung auf ein Ziel und Erwartungshaltung der Erfüllung ohne eigenes Handeln –, aber sind letztlich unmöglich, weil die egoexterne Wesenheit nur imaginär existiert.177 Auch im Märchen gibt es die übernatürlichen Entitäten, die Wünsche erfüllen.178 Außerdem nennt Schwonke die Wünsche, die im Gegensatz zu Wünschen der Eschatologie oder Sozialutopie nicht auf eine Verbesserung der Welt, sondern auf eine Verbesserung der persönlichen Lebensumstände abzielen und meist im Zusammenhang mit Utopien übersehen werden.179 In diesem Punkt schlägt der Sozialwissenschaftler erneut eine Brücke zum Märchen, in dem dieselben archetypischen Wunschvorstel- 172 Vgl. EBD., S. 79. 173 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 115-116. 174 EBD., S. 116; S. 119. 175 Vgl., EBD., S. 119. 176 Vgl. EBD., S. 116. 177 Vgl. EBD. 178 Vgl. EBD. 179 Vgl. EBD., S. 116-117. MARCO BEHRINGER 50 lungen vom „besseren Leben“ vorkommen: vor allem Gesundheit, Wohlstand, Unsterblichkeit, unbegrenzte Mobilität oder Macht zählen zum wiederkehrenden Wunschreservoir.180 Diese Wünsche entpuppen sich als zeitlose Elementarziele, die anscheinend tief im Wesen des Menschen verankert sind. Diese traditionellen Wunschziele treten unabhängig von Kultur und Geschichte in Erscheinung, wodurch sie den Horizont der Existenz überschreiten.181 Im Vergleich zu anderen Sinnsystemen wie Magie, Eschatologie oder Märchen ist festzuhalten, dass die Utopie in Bezug auf den Wunsch erstens einem überschüssigen Wunschbedarf nachkommt, der mehr oder weniger den Anschluss an rationale Gedankengänge vollzieht. Zweitens offeriert der utopische Wunsch die Übertragung von Zielen an eine au- ßerpersönliche Einheit und fördert dadurch eine inaktive Einstellung gegenüber der Verwirklichung des Zieles. Drittens erfüllt die Utopie die Merkmale für unrealisierbare Wünsche, da die außerpersönliche Einheit lediglich im Rahmen einer Fiktion besteht. Viertens inszenieren Utopien private Wunschvorstellungen, die unvergänglich und kulturungebunden sind. Nachdem die allgemeinen Funktionen der Utopie – Dialektik, Kritik, Veränderung, Zukunft und Wunsch – dargelegt wurden, folgt im nächsten Abschnitt eine Erörterung der Bedeutung von Technik innerhalb der Utopie. 4 Utopie und Technik Utopisches Denken beginnt in der Antike. Aristoteles‘ Nikomachische Ethik182 enthält grundlegende Gedanken, die auf Technisches bezogen werden können. Aristoteles unterscheidet zwischen praktischem Können, dem die Technik zugeordnet wird, und Einsicht, die der Ethik entspricht, was literatur-geschichtlich jeweils entsprechend auf die technische und auf die soziale Utopie übertragen werden kann.183 Obwohl in der Antike bereits der rationale Utopietyp entstanden war (siehe Kapitel III. 2), erscheinen technische Motive erst in der neuzeitlichen Utopie. Bei Thomas Morus wurde Technik noch nicht dezidiert in den Mittelpunkt gestellt. Die wichtigsten Werke dieser Epoche sind Civitas Solis184 (1623) von 180 Vgl. EBD., S. 117. 181 Vgl. EBD. 182 Vgl. ARISTOTELES: Nikomachische Ethik. Buch VI. Stuttgart 1997, S. 157. 183 Vgl. ZYBER, ERIK: Homo Utopicus (wie Anm. 113), S. 68-69. 184 CAMPANELLA, TOMMASO: Sonnenstaat, in: Heinisch, Klaus (Hg.): Der utopische Staat (wie Anm. 108), S. 111-169. GREEN AND CLEAN? 51 Tommaso Campanella, Christianapolis185 (1619) von Johann Valentin Andreae und Nova-Atlantis186 (1627) von Francis Bacon. Diese Staatsromane wurden von ihren Verfassern als Inselutopien187 inszeniert, aber beschränkten sich noch weitestgehend auf die Naturwissenschaft, die als Instrument der Erklärung und Entdeckung fungiert.188 Entsprechend steht Columbus für die Entdeckungsfunktion und die kopernikanische Lehre für die Erklärungsfunktion.189 Diese Utopien befriedigten das emporkommende „unbeschränkte[s] Wissen-Wollen“190 dieser Epoche. Allerdings gab es auch schon erste technische Utopien, die in Anlehnung an die artes mechanicae inszeniert wurden. Der kalabresische Mönch Campanella behandelt in seiner Civitas Solis die artes mechanicae als zentrale Säule seiner Idealgesellschaft. Technische Erfindungen beschränken sich auf Fortbewegungsmittel, die realhistorisch absehbar waren, und auch sonst dringen die artes mechanicae kaum in den praktischen Bereich ein. Die folgende Detailutopie demonstriert eine Verquickung von Energie- und Mobilitätsutopie: „Sie benutzen mit einem Segeltuch überspannte Wagen, die mittels eines erstaunlichen Räderwerks sogar von Gegenwinden getrieben“191. Oder er imaginiert Schiffe als „eine besondere Art von Fahrzeugen, die ohne Ruder und Segel mit Hilfe einer erstaunlich kunstreichen Einrichtung das Meer befahren“192. Bei Bacon wird Technik genutzt, um die Naturgesetze zu überwinden. So ist in der Nova- Atlantis von „Maschinen, die die Winde auffangen, vervielfältigen und verstärken“193 die Rede. Bacon stellt sich eine „Mechanikerwerkstatt [vor], wo es Maschinen und Werkzeuge für jede Art von Trieb-welken gibt“194, zum Beispiel Flugmaschinen, die „Vogelflug nach[ahmen] […], um gleich geflügelten Tieren […] fliegen zu kön- 185 ANDREÄ, JOHANN VALENTIN: Christianopolis. 1619; Originaltext und Übertragung nach David Samuel Georgi, 1741 (=Quellen und Forschungen zur württembergischen Kirchengeschichte; Bd. 4). Stuttgart 1972. 186 BACON, FRANCIS: Neu-Atlantis, in: Heinisch, Klaus (Hg.): Der utopische Staat (wie Anm. 108), S. 171-215. 187 Das Inselmotiv erscheint bereits in der antiken griechischen Utopie Mitte des 1. Jahrhunderts in Diodors Exzerptensammlung, in der glückselige Inselbewohner geschildert werden. (Vgl. SCHÖLDERLE, THOMAS: Geschichte der Utopie [wie Anm. 110], S. 53.). 188 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 92. 189 Vgl. EBD., S. 92-93. 190 EBD., S. 10. 191 CAMPANELLA, TOMMASO: Sonnenstaat (wie Anm. 108), S. 145. 192 EBD., S. 146. 193 BACON, FRANCIS: Neu-Atlantis (wie Anm. 186), S. 206. 194 EBD., S. 212 MARCO BEHRINGER 52 nen“195. Hinter dieser technischen Imitation der Natur steckt eine Bewunderung für die Natur, die als vollkommen betrachtet wird. Der Mensch will sich diesem Idealzustand mithilfe von Technik annähern. Die Geheimnisse der Natur werden mit den Mitteln der artes mechanicae entdeckt und imitiert, wobei der Aspekt der Nachahmung seinen Schatten auf jeglichen praktischen Nutzen vorauswarf.196 Trotz der einsetzenden Thematisierung von Technik entwarf keiner der aufgeführten Utopisten eine umfassend technisch revolutionierte Gesellschaft, denn die Utopismen besaßen eher fiktiven Charakter, weshalb Glaube, Gesetze und Organisation noch lange Zeit nach Campanella, Andreae und Bacon die dominierenden Strukturelemente der Staatsromane bildeten.197 Nach dem 17. Jahr-hundert folgte dementsprechend zwei Jahrhunderte lang keine Weiterentwicklung auf dem Gebiet der technischen Utopie. Die Utopien der Aufklärung waren meist utopisch erweiterte Reiseromane.198 Die „Möglichkeit des anders sein Könnens“199 wurde auf umliegende Räume ausgedehnt, die wenigen Utopismen dienten der Entmystifizierung exotischer Schauplätze, die sich für die Rezipienten außerhalb der eigenen Erfahrungsräume befanden.200 Eine Ausnahme stellt Louis-Sébastian Merciers Utopie dar. Mit der Evolution von der Raum- zur Zeitutopie erfolgte mit L’An 2440. Rêve s’il en fut jamais201 (1771) ein utopischer Roman, der verstärkt Technik in den Mittelpunkt rückte. Die Utopie spielt in einer künftigen Zeit, in die sich der Protagonist durch einen Traum begibt. Dadurch kommt der Utopie ihre – durch die als Insel beschriebene Verortung – scheinbare Authentizität abhanden, und wird zusätzlich durch die individuelle Traumerfahrung subjektiviert.202 Darüber hinaus gibt es bei Mercier im Ansatz energetische Utopien: „Wir haben künstliche Sturzbäche und Wasserfälle angelegt, um für die Erzeugung der größten Bewegungen genügend Kraft zur Verfügung zu haben“203. Die technischen Errungenschaften werden in L’An 2440 in einem „mathematische[n] Kabinett“204 beherbergt, das „Ma- 195 EBD. 196 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 93. 197 Vgl. EBD., S. 15. 198 Vgl. EBD, S. 23. 199 EBD. 200 Vgl. EBD., S. 26. 201 MERCIER, LOUIS-SÉBASTIAN: Das Jahr 2440. Ein Traum aller Träume. Frankfurt am Main 1989. 202 SAAGE, RICHARD: Utopische Profile, Band II: Aufklärung und Absolutismus (=Politica et Ars; Bd. 2). Münster 2002, S. 194. 203 EBD., S. 194. 204 EBD., S. 200. GREEN AND CLEAN? 53 schinen jeder Art […] mit weit größeren Kräften […] als wir sie gekannt haben“205 enthält, die „jede Art von Bewegung“206 ermöglichen. Technische Utopien mit Veränderungs- oder Gestaltungsfunktionen traten erst in Folge der i beschränkten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert auf den Plan.207 Die Fortschrittsutopie etablierte sich durch Autoren wie Thomas Erskine. In seiner Utopie kommt Technik eine entscheidende Rolle bei der Erschaffung eines Idealstaates zu: Armata208 (1817) spielt auf einem fiktiven Schwesterplaneten der Erde und enthält eine neuartige Energiequelle.209 Das 19. Jahrhundert wird dementsprechend oft als Initiationszeitraum mit einem „Ausbruch der Energien“210 beschrieben. Diese Energiequellen treiben Maschinen an und haben jegliche Form der Handarbeit obsolet gemacht.211 Bei Erskine beginnt des Weiteren eine neue Bewertung von Technik, da nicht mehr das Erklären und die Nachahmung der Natur, sondern die schöpferische Erschaffung angestrebt wird.212 Als weitaus populärer als Erskines Roman hat sich Etienne Cabets Sozialutopie Voyage et aventures de Lord William Carisdall en Icarie213 (1839/1840) erwiesen. Energie wird dezidiert als zentrales Hilfsinstrument zur Verwirklichung des ikarischen Kommunismus beschrieben: „der Dampf […] schafft die Welt der Zukunft […]. Schon herrscht er wunderwirkend […] und die Aristokratie hört […]: ‚[…] Der Dampfwagen kommt […], […] Platz für die Demokratie. Cabets Utopie reflektiert stellvertretend für viele Utopien des 19. Jahrhunderts somit das Emporkommen einer gestalterischen Dampf-Kraft als Prozess der Bewusstwerdung des menschlichen Schöpferpotentials und ungezügelten Selbstbewusstseins.214 Neben dem schöpferischen Erschaffen tritt im Verhältnis zur Natur nun auch die Beherrschung und Überwindung der natürlichen Kräfte.215 Die Bezwingung der Natur hat eine religiöse Tradition, zum Beispiel kann in diesem Zusammenhang Genesis I, 28 herangezogen werden: „Gehet hin, 205 EBD., S. 201. 206 EBD. 207 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 93- 94. 208 ERSKINE, THOMAS: Armata. London 1817. 209 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 33. 210 EBD., S. 94. 211 Vgl. EBD., S. 33. 212 Vgl. EBD., S. 34. 213 CABET, ETIENNE: Reise nach Ikarien. Berlin 1979. 214 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 34. 215 Vgl. EBD., S. 111. MARCO BEHRINGER 54 vermehret euch, und machet euch die Erde untertan“216. Würde sich der Mensch auf das Herrschen über das in der Natur Existierende beschränken, hätte er sein Ziel mit dem Unterwerfen und Nutzen des Bestehenden erreicht.217 Aber das Veränderungsdenken, das dem Utopischen innewohnt, betrachtet die Natur als „Werkstoff“ seines schöpferischen Handelns.218 Im 20. Jahrhundert etablierte sich in Anschluss an die negativen Auswirkungen des technischen Fortschritts die Antiutopie. Als erste klassische Dystopie gilt Jewgenij Samjatins Roman y219 (1920). Der Mensch erscheint darin als nummerierter und entindividualisierter Bestandteil eines totalitären Staates, der zweckrational, rein nach technischwissenschaftlichen Gesichtspunkten strukturiert ist. Auf den Russen folgte der Brite Aldous Huxley, der mit seinem Roman Brave New World220 (1932) vor der Geburtenkontrolle und der Konditionierung des Menschen innerhalb einer zweckrationalen Gesellschaft warnt. Der Zweite Weltkrieg bedeutete für die Utopie dahingehend eine Zäsur, als dass nach dem Atombombenabwurf aufgrund der enormen Zerstörungskraft keine für sich isoliert bestehende utopische Gesellschaftsform mehr gedacht werden konnte. Deshalb manifestierten sich die Gegenutopien. Auch in George Orwells Roman Nineteen Eighty-Four221 (1949) und in Ray Bradburys Fahrenheit 451222 (1953) dient der technische Fortschritt totalitären Systemen, die ihren Untertanen keine Privatsphäre oder Kultur gewähren. Die negative Version der Utopie prangert die Konsequenzen des utopischen Denkens als Hybris gegenüber Gott und dessen Schöpfung an, während die Utopie mittels Technik das Paradies auf Erden errichtet.223 Der christlich-jüdische „schöpferische[n] Arbeitsgott“224 hat sich zum „Gott als Weltingenieur“225 der Utopie gewandelt, in dessen Folge die Errungenschaften der Technik über die „fehlerhafte“ Imitation der Schöpfung hinausgehen.226 Die Dystopie erscheint deshalb auch als naher Verwandter der Apokalypse. Über einen langen Zeitraum war die Apo- 216 Zit. nach SCHÖLDERLE, THOMAS: Geschichte der Utopie (wie Anm. 110), S. 139. 217 Vgl. SCHWONKE, MARTIN: Vom Staatsroman zur Science Fiction (wie Anm. 22), S. 111. 218 Vgl. EBD. 219 SAMJATIN, JEWGENI: Wir. Köln 1984. 220 HUXLEY, ALDOUS: Schöne neue Welt. Frankfurt am Main 2003. 221 ORWELL, GEORGE: 1984. Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1976. 222 BRADBURY, RAY: Fahrenheit 451. Zürich 1981. 223 Vgl. EBD. 224 EBD., S. 112. 225 EBD. 226 Vgl. EBD. GREEN AND CLEAN? 55 kalypse eine religiöse Vorstellung zur Legitimation religiöser Institutionen, doch seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sie sich durch Ereignisse wie den Atombombenabwurf über Japan oder das Reaktorunglück von Tschernobyl zur „technische[n] Option“227 gewandelt. Einst eine irrationale Vorstellung aus einer abergläubischen Epoche, konkretisiert sich die Apokalypse durch die realen Möglichkeiten der Technik zu einer vorstellbaren beziehungsweise möglichen Gefahr – mythologische Weltuntergangsszenarien erhielten ihr technologisches Update. An die Stelle des bestrafenden Gottes tritt der Mensch, der den Untergang mit den Mitteln der Technik selbst in die Hand nimmt.228 Nicht nur der Vollstrecker des Untergangs hat sich gewandelt, sondern auch der Ursprung des Übels. Die Sünde wurde durch die Hybris ersetzt, wobei die Hybris keiner richtenden Transzendenz mehr bedarf.229 Erst mit Ernest Callenbachs ökologisch motiviertem Roman Ecotopia230 (1975) erlebte die Utopie eine Renaissance. In Callenbachs Utopie wird erstmalig dezidiert die Umweltzerstörung durch den technischen Fortschritt thematisiert und in dessen Konsequenz eine Neubewertung von Technik vollzogen. Im Zentrum steht dabei vor allem die Erzeugung von alternativer Energie. Nachdem die Utopie ökologisch reformiert wurde, folgten danach auch feministische Utopien wie Marge Piercys Roman Woman on the Edge of Time231 (1976), wobei Technik darin keine von Ecotopia variierende Bewertung erhält, sondern ebenfalls nachhaltig und ökologisch ausgerichtet dargestellt wird. In diesem skizzierten historischen Überblick wurde aufgezeigt, wie sich die Bewertung von Technik innerhalb der literarischen Utopie gewandelt hat. Hauptsächlich dient Technik zur Erreichung und Festigung eines Idealstaates, wobei der Zugang zur Technik unterschiedlich gesteuert wird. Zum einen wandelt sich die technische Nutzung von der mechanischen Nachahmung der Natur (Bacon) zur technischen Nachahmung des Menschen (Erskine, Huxley). Zum anderen wird Technisches in institutioneller Hinsicht differenziert dargestellt. Die „Mechanikerwerkstatt“ (Bacon) oder das „mathematische Kabinett“ (Mercier) sind noch Subinstitutionen innerhalb eines „vernünftig“ strukturierten Idealstaates; beim „Großen Bruder“ (Orwell) haben sich Technik und das Denken des Utilitarismus auf oberster Ebene institutionalisiert und steuern von der Geburt an das menschliche Leben respektive die Geburt selbst (Huxley). Erst durch die nachhaltig ausgerichtete Ökonomie 227 MANGOLD, IJOMA: Update des Endes, in: Die Zeit Nr. 12 (17. März 2011), S. 52. 228 Vgl. EBD. 229 Vgl. EBD. 230 CALLENBACH, ERNEST: Ökotopia. Notizen und Reportagen von William Weston aus dem Jahre 1999. Berlin 1984. 231 PIERCY, MARGE: Frau am Abgrund der Zeit. Berlin/Hamburg 1996. MARCO BEHRINGER 56 (Callenbach) wird das technische System privatisiert und dezentralisiert, und nicht mehr allein dem Fortschritt, sondern auch der Umweltverträglichkeit untergeordnet. Schließlich variieren die energetischen Utopien zwischen der mechanischen Nutzung von Naturkräften (Campanella und Bacon), phantastischen Kraftquellen (Erskine), real-historischen Energieträgern wie Dampf (Cabet) und alternativen Energie-Quellen (Samjatin und Callenbach). Nach dieser aufgezeigten Differenzierung der Bedeutung von Technik innerhalb der utopischen Literaturgeschichte, soll im nächsten Abschnitt die Betrachtung der Science Fiction als utopische Perspektive diskutiert werden. 5 Science Fiction als utopische Perspektive Utopische Perspektiven sind der Utopie verwandte, soziale oder kulturelle Bereiche, die sich auf Technisches oder Zukünftiges beziehen. Trautmann führt drei Arten von utopischen Perspektiven auf. Die Technokratie, die den Einfluss der technischen Elite auf das politische System beschreibt, die Futurologie, eine interdisziplinäre Zukunftswissenschaft und die Science Fiction.232 Die zuletzt genannte utopische Perspektive wird als eine – in Bezug auf das wissenschaftliche System – externe Kategorie eingeordnet, die im kulturellen Bereich technisch-wissenschaftliche Aspekte belletristisch reflektiert und Indizien für Verschiebungen sozialer Erwartungshaltungen liefert.233 Zwei Unterschiede trennt die Utopie von der Science Fiction: Erstens ist es der Bezug im Kontext von Extrapolationen, der in Utopien gesamtgesellschaftlich ausgerichtet ist und in der Science Fiction meist auf naturwissenschaftlich-technische Gesichtspunkte beschränkt ist.234 Zweitens kann Science Fiction als kritiklose Literaturform interpretiert werden, da sie im Gegensatz zur Utopie nicht von einer negativ empfundenen Wirklichkeit ausgeht, sondern ihre technischwissenschaftlichen Fakten vielmehr aus einer positiv rezipierten Realität bezieht, zu der sie eine anerkennende Stellung einnimmt.235 Wenn bei Utopien von einer Negation der Negation gesprochen werden kann, dann kann bei Science Fiction demnach von einer eingeschränkt intendierten Affirmation der Affirmation ausgegangen werden, da in der Regel technisch-wissenschaftliche Gesichtspunkte der positiv rezipierten Wirklichkeit hypertrophiert werden. Daraus lässt sich auch die höhere Popularität der Science Fiction gegenüber der Utopie ableiten.236 Utopien enthalten universeller und zeitlosere Konzepte, wohinge- 232 TRAUTMANN, WOLFGANG: Utopie und Technik (wie Anm. 23), S. 127-137. 233 EBD., S. 134. 234 EBD., S. 135. 235 EBD. 236 EBD., S. 136. GREEN AND CLEAN? 57 gen Science Fiction binnen kürzester Zeitabschnitte vom realexistierenden technischen Fortschritt „überholt“ werden, wobei diese geistig höhere Radikalität der Utopie letztlich mit einer geringeren Möglichkeit „bezahlt“ wird, Einfluss auf die soziale Wirklichkeit auszuüben.237 Aufgrund ihres idealisierten und damit unerreichbaren Vollkommenheitscharakters kann die Utopie lediglich theoretisch, aber niemals praktisch, eingeholt werden, da sie einen geschichtlichen Ruhepunkt voraussetzt, was im Widerspruch zur evolutionär verlaufenden Realität steht.238 Das bringt Trautmann so weit, Science Fiction kategorisch nicht in Verwandtschaft mit dem Utopischen zu stellen, sondern in den Bereich der Vorhersage einzuordnen, wobei er mit „Vorhersage“ eine aus Phantasie, Empirie und Fakten amalgierte Methode im Zusammenhang mit der Beschäftigung des Themas „Zukunft“ meint.239 In seiner Schlussfolgerung kommt Trautmann auf das Fazit, dass Science Fiction über das Ziel der Herstellung des Potentiellen hinausgeht und, stattdessen, das Ende des Nichtdurchführbaren als oberstes Motto des Fortschritts impliziert.240 Technik erscheint innerhalb der Science Fiction als omnipräsentes und omnipotentes Konkretisierungssystem, das alles Denkbare – wenn auch nur theoretisch – er-möglicht.241 Entgegen Trautmanns Ansicht extrapoliert auch die Science Fiction gesamtgesellschaftliche Phänomene. Umgekehrt gibt es selbst in der utopischen Literatur Beispiele, in denen technisch-wissenschaftliche Themen im Mittelpunkt stehen. Darüber hinaus besitzt Trautmanns Modell ohnehin nur einen in theoretischer Hinsicht reizvollen Charakter, da erstens viele Texte auch Überschneidungen von Utopie und Science Fiction enthalten, und zweitens selbst technikoptimistische Autoren inzwischen auch soziale Themen aufgreifen beziehungsweise auch über die Wirkung des – positiv propagierten – technischen Fortschritts schreiben. Darüber hinaus kann auch die Utopie wie die Science Fiction als Vorhersage betrachtet werden. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Science Fiction parallel zu Technokratie und Futurologie als utopische Perspektive betrachtet werden kann, obwohl sie außerhalb des wissenschaftlichen Systems steht, da sie szientistische und technische Themen durch Extrapolationen reflektiert. Science Fiction wurde zudem im Unterschied zur Utopie als systemunterstützende und rein technik-bezogene Vorhersage begriffen, die in Bezug auf Technik, über das Mögliche hinausgehend, das Ende des Unmöglichen propagiert. Nachdem die Science Fiction als utopische Per- 237 EBD. 238 EBD. 239 EBD. 240 EBD., S. 136-137. 241 EBD., S. 137. MARCO BEHRINGER 58 spektive vorgestellt wurde, wird sie im anschließenden Kapitel theoretisch erörtert. IV Energieutopien als Motiv der Science Fiction Energetische Utopien zählen zu einem wiederkehrenden Motiv von Science Fiction – in Form von mehr oder weniger ausgeschmückten Detailutopien werden Energie und alternative Energie von Beginn des Unterhaltungsgenres an behandelt. Die nachfolgenden Kapitel beschäftigen sich deshalb theoretisch mit Science Fiction. Zunächst erfolgt die begriffliche Bestimmung des Terminus. Durch eine begriffliche Trennschärfe lässt sich der Forschungsgegenstand für vorliegende Arbeit sinnvoll eingrenzen. Sodann wird ein Abriss der Science-Fiction-Geschichte skizziert. Ähnlich wie bei der Utopiegeschichte hilft ein historischer Überblick bei der Einordnung der zu untersuchenden Beispiele. Daran schließt eine typologische Aufstellung der Science-Fiction-Subgenres an. Durch eine differenzierte Klassifizierung können mehrere Beispiele zusammengefasst oder miteinander verglichen werden. Darauf folgt eine Vorstellung von Science Fiction in verschiedenen Medien, weil sich das Unterhaltungsgenre nicht ausschließlich als Literatur, sondern in verschiedenen Massenmedien behauptet hat. Auch hier dient ein historischer Abriss zur Bewertung der Beispiele. Danach wird auf die Rezeption von Science Fiction eingegangen, was hilfreich zur Einordnung des Stellenwertes und der Relevanz der Beispiele erscheint und zudem theoretische Ansätze zu Science Fiction beinhaltet. Im abschließenden Kapitel werden theoretische Ansätze in Hinblick auf die Inhaltsanalyse diskutiert. 1 Definition Der Begriff „Science Fiction“ taucht in der Literatur erstmals 1851 auf. Der Brite William Wilson verwendete ihn in seinem Essay A Little Earnest Book Upon A Great Old Subject.242 Seine allgemeine Akzeptanz und Verbreitung fand der Terminus jedoch erst 80 Jahre später, als Hugo Gernsback den Begriff 1929 in der Juni-Ausgabe seines Magazins Science Wonder Stories explizit hervorhob und damit einen festen Gattungsbegriff für ein literarisches Genre prägte.243 Seitdem sind unzählige Definitionsversuche gemacht worden. Dabei scheinen sich die Experten nur darin einig zu sein, dass eine endgültige Begriffsbestimmung unmöglich er- 242 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 28. 243 Vgl. EBD. GREEN AND CLEAN? 59 scheint. Denn ständig scheint ein Aspekt nicht berücksichtigt oder ein Definitionsversuch zu allgemein und vereinfacht zu sein. Der Schriftsteller H. G. Wells hat sich in seinem Roman Star Begotten zu einer mehr oder weniger ernsthaften Umschreibung des Phänomens „Science Fiction“ hinreißen lassen: „[…] was finden Sie in allen diesen Utopias und Visionen einer zukünftigen Welt? Ich nehme an, daß [sic!] es immer wieder dasselbe ist: vor allem Karikaturen dessen, was jetzt modern ist […]; zweitens dann unbedeutende Neuigkeiten, die leicht von dem abweichen, was die Forschung heute voranbringt; drittens den Versuch, auf dem künstlerischen Sektor Eindruck zu machen, indem man alles in ein wahnwitziges und extravagantes Dekor stellt; und letztlich seltsame Phantastereien über sexuelle Beziehungen und eine verächtlich kritische Haltung gegenüber unserer jetzigen Zeit.“244 Auf den ersten Blick mag Wells‘ Umschreibung vielleicht etwas spöttisch und deshalb vielleicht nicht ernsthaft erscheinen. Aber auf den zweiten Blick enthält sein Begriffsverständnis von Science Fiction, die er noch behelfsmäßig als „Utopien“ oder „Zukunftsvisionen“ umschreibt, alle Wesensmerkmale des Genres: Wells führt die Gegenwartsanalyse auf, die jedoch verzerrt dargestellt wird, sodann die Extrapolation gegenwärtiger wissenschaftlicher Tendenzen in eine Zukunftswelt, darüber hinaus eine exotisch anmutende Kulisse und schließlich greift er sogar noch den Genderaspekt auf. Aber nicht alle Science-Fiction-Szenarien spielen zwingend in einer Zukunft oder karikieren – egal ob freiwillig oder unfreiwillig – die Gegenwart. Literaturgattungen Tab. 3: Science Fiction als Literaturgenre nach Steinmüller 244 WELLS, H. G.: Kinder der Sterne. Frankfurt am Main/Berlin 1986, S. 164-165. MARCO BEHRINGER 60 Ein weiteres Phänomen ist auch, dass Science Fiction in struktureller Hinsicht starken Schwankungen unterworfen ist. Ein Science-Fiction-Werk kann nach Hans-Joachim Schulz deshalb sowohl bezüglich seiner genrespezifischen Genese als auch in Bezug auf die Realität in verschiedenen Nuancen auftreten.245 So variiert nicht nur der Grad der Paraphrasierung technisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern auch die Qualität des Phantastischen, die beispielsweise mit der Erzählzeit eines Szenarios steigt. Ein Zukunftsszenario im Jahre 4000 wirkt in der Regel unrealistischer als ein Szenario in der nahen Zukunft. Science Fiction kann Schwerpunkte auf naturwissenschaftliche oder sozialwissenschaftliche Befunde legen, Technologie oder deren Auswirkung thematisieren. Typologie der Phantastik Tab. 4: Science Fiction als phantastisches Literaturgenre nach Nagl Auf der Basis jahrzehntelanger Definitionsversuche entwickelte Karlheinz Steinmüller eine Methode, um zu einer endgültigen Begriffsbestimmung zu kommen. Nachdem er die Schwächen der bisherigen Definitionen herausgestellt hat, trennt der Physiker und Philosoph die phantastische Literatur von der realistischen Literatur, indem er darauf verweist, dass realistische Literatur die tatsächlich erfahrbare Realität abbildet und phantastische Literatur von der Wirklichkeit abweichende Realitäten enthält.246 Dadurch unterscheiden sich die Genres der Phantastik von der mimeti- 245 Vgl. SCHULZ, HANS-JOACHIM: Science Fiction. Stuttgart 1986, S. 5. 246 Vgl. STEINMÜLLER, KARLHEINZ: Gestaltbare Zukünfte (wie Anm. 2), S. 9-13. GREEN AND CLEAN? 61 schen Litera-stur und stellen ein Novum dar.247 Im zweiten Definitionsschritt grenzt der Zukunftsforscher die Science Fiction von anderen phantastischen Literaturgattungen ab, weil sie durch ein technisch-wissenschaftliches Weltbild konstituiert ist.248 Die Definition durch Exklusion hat dadurch seinen Vorteil, dass nicht nur der betroffene Gegenstand abgegrenzt wird, sondern auch gleich die ausgeschlossenen Gattungen – mimetische Literatur und Märchen, Horror und Fantasy – mitliefert, wodurch eine begriffliche Plastizität geschaffen wird (siehe Tabelle 3). Der Nachteil ist, dass die ausgeschlossenen Gattungen selbst nicht definiert werden, was spätestens bei Hybridformen problematisch wird. Manfred Nagl grenzt in seiner Typologie der Phantastik ebenfalls die Science Fiction gegen andere phantastische Genres ab. Dafür hat der Professor für Medienwissenschaft und Populärkultur ein analytisches Abstraktionsmodell errichtet, das die Form eines Dreiecks besitzt und Idealtypen kennzeichnet, deren Übergänge fließend und deren Grenzen durchlässig sind (siehe Tabelle 4).249 Das idealtypische Modell ist durch die Haltung des jeweiligen Genres gegenüber der Realität strukturiert – jedes phantastische Genre grenzt sich, auf eine ihm spezifische Weise, von der Wirklichkeit ab. Die Utopie steht in diesem Schema der Realität näher als Science Fiction, Fantasy und Horror, weil sie eine Alternative zur Realität vermittelt. Die Science Fiction steht der Utopie wiederum am nächsten, da sie trotz Verfremdungseffekten nur eine partielle Veränderung der Realität beschreibt, wohingegen Fantasy und Horror die Realität auflösen. Science Fiction zeichnet sich durch eine Verfremdung von Teilbereichen der Realität aus. Hierfür verwendet sie Extrapolationen, um wissenschaftliche, technische und rationalistische Weltbilder zu vermitteln. Hinzu kommen ein Zukunftsbezug und eine extrovertierte Einstellung, die sich in einer Gestaltungsabsicht der Wirklichkeit äußert. Nagls Definition behebt die Mängel an Steinmüllers Modell, da alle Genres definiert werden und Hybridformen besser verortet werden können. Die hier geschilderte literaturgattungsspezifische Einordnung der Science Fiction innerhalb der Phantastik, die über die Literatur hinaus Geltung besitzt, soll für die vorliegende Arbeit ausreichen. Die Utopie bietet inhaltlich – wie aufgezeigt wurde – eine Alternative zur Realität und die Science Fiction zumindest eine partielle Veränderung der Realität. Deshalb kommen für vorliegende Arbeit grundsätzlich nur diese beiden Genres der Phantastik in Frage. Schließlich sollen Energieutopien einen Bezug zur Realität aufweisen beziehungsweise eine Alternative zur Wirklichkeit beschreiben. Nachdem der Begriff „Science Fiction“ definiert wurde, wird im nächsten Abschnitt die Geschichte der Science-Fiction- 247 Vgl. EBD., S. 13-14. 248 Vgl. EBD., S. 16. 249 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction (wie Anm. 5), S. 26. MARCO BEHRINGER 62 Literatur skizziert. Eine ausführliche Zusammenfassung der Historie der Science Fiction würde eine eigene Arbeit ausfüllen. Ein knapper Abriss der Science-Fiction-Geschichte ist als Grundlage nichtsdestotrotz unabdingbar, wenn man anschließend eine empirische Textinterpretation an Beispieltiteln durchführen will. Ausgestattet mit dieser lückenhaften Vorstellung der Science-Fiction-Geschichte ist immerhin eine Einordnung der exemplarischen Titel möglich. Es folgt eine chronologische und internationale Abhandlung der aller-wichtigsten Vertreter und Titel der Geschichte der Science Fiction. 2 Geschichte Es gibt ambitionierte Apologeten der Science Fiction, die die Geburt des Genres auf Homer oder das Gilgamesch-Epos datieren.250 Doch die – phantastischen oder utopischen – antiken Erzählstoffe können allenfalls als frühe Vorformen der Science Fiction gewertet werden.251 So tauchte zum Beispiel um 165 n. Chr. bei Lukianos von Samosatas Wahre Geschichte die erste literarische Raumfahrt auf.252 Auch die Erzählformen der Renaissance – Staatsromane und Voyages Imaginaires– beeinflussten die Science- Fiction-Literatur maßgeblich.253 Vor allem die zuletzt genannten Texte, die sich am besten als spekulative Abenteuerliteratur umschreiben lassen, wirkten sich mit ihren literarischen – zeitlichen oder räumlichen – Grenz- überschreitungen entscheidend auf die Science Fiction aus.254 Weitere Vorläufer stammen aus dem Bereich der Schauerliteratur – von Vertretern der englischen Gothic Novel und der deutschen Schwarzen Romantik wie William Beckford oder Achim von Arnim.255 E.T.A. Hofmann lieferte in Der Sandmann (aus dem Nachtstücke-Zyklus256) beispielsweise den Prototypen für den späteren Roboter.257 250 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (Wie Anm. 106), S. 28. 251 Vgl. EBD. 252 Vgl. EBD. 253 Vgl. EBD. 254 Vgl. EBD., S. 29; vgl.auch STABLEFORD, BRIAN: Science Fiction before the genre, in: James, Edward; Mendlesohn, Farah (Hg.): The Cambridge Companion to Science Fiction (=Cambridge Companions to Literature). Cambridge u.a. 2003, S. 15-31, hier S. 15-18. 255 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 29-30. 256 HOFFMANN, E. T. A.: Nachtstücke. Berlin 1817. 257 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 30. GREEN AND CLEAN? 63 Im 19. Jahrhundert – im Zuge der Industrialisierung und des Bildungsanstiegs – legte Mary W. Shelly mit ihrem Roman Frankenstein, or the modern Prometheus258 (1818) einen wichtigen Grund-steil für die Science Fiction vor, indem sie einen Wissenschaftler als Protagonisten inszenierte und das Prometheus-Motiv modernisierte.259 Sowohl der vorweggenommene „mad scientist“ als auch der künstliche Mensch zählen zum Standardrepertoire unzähliger Science-Fiction-Autoren. Als ein weiterer Vorreiter der Science Fiction muss Edgar Allen Poe genannt werden, weil er sich literarisch mit der wissenschaftlichen Spekulation verdient gemacht hat.260Mit Romanen wie The Narrative of Arthur Gordon Pym261(1838) knüpfte er an den Voyages Imaginaires an und manche seiner Kurzgeschichten sollten knapp ein Jahrhundert später im ersten reinen Science- Fiction-Magazin Amazing Stories wiederveröffentlicht werden.262 Technisch-wissenschaftliche Motive rücken aber erst bei Jules Verne ins Zentrum des Geschehens. Obgleich einige Verfechter bereits Frankenstein als ersten Science-Fiction-Roman ansehen,263 werden erst Vernes Romane ab 1863 einstimmig als Science Fiction bezeichnet. Seinerzeit noch als Voyages Extraordinaires bezeichnet, schrieb Verne mit Texten wie Voyages à centre de la terre264 (1864), De la terre à la lune265 (1865) oder Autour de la lune266 (1869) das, was später weitläufig als Science Fiction bezeichnet wurde. Verne eröffnete der Science Fiction neue Leserschaften, indem er seine Texte als Jugendliteratur schrieb und zur generellen Popularisierung der Science Fiction beitrug, die durch veränderte Produktionsbedingungen und der damit einhergehenden Geburt der Massen- und Unterhaltungsliteratur begünstigt wurde. Inspiriert von seinem französischen Kollegen, verhalf der Brite H. G. Wells mit seinen Arbeiten dem Genre dazu, dass es auch von Erwachsenen akzeptiert wurde. Technik und Wissenschaft sind bei Wells häufig 258 SHELLY, MARY: Frankenstein. Hamburg 1948. 259 Vgl. EBD., S. 31. 260 STABLEFORD, BRIAN: Science Fiction before the genre (wie Anm. 254), S. 18-21; vgl. auch EVANS, ARTHUR B.: Nineteenth-Century sf, in: Bould, Mark et al (Hg.): The Routledge Companion to Science Fiction (=Rout-ledge literature companions). London u.a. 2009, S. 16-22, hier S. 16. 261 POE, EDGAR ALLEN: Der Bericht des Arthur Gordon Pym. Minden 1901. 262 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 31; vgl. auch EVANS, ARTHUR B.: Nineteenth-Century sf (wie Anm. 260), S. 16-17. 263 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 31. 264 VERNE, JULES: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde. Pest 1873. 265 VERNE, JULES: Von der Erde zum Mond. Pest 1873. 266 VERNE, JULES: Reise um den Mond. Pest 1873. MARCO BEHRINGER 64 Auslöser für soziale Veränderungen, weshalb bei ihm neben der Unterhaltung auch die Belehrung seines Publikums eine große Rolle spielt. Vor allem die Romane aus seinem Frühwerk (1895-1905), seine Scientific Romances, gelten als einflussreichste Arbeiten der Science Fiction. Sie haben nahezu sämtliche Genreinhalte und -motive vorweggenommen. Mit The Time Machine267 (1895) begründete er zum Beispiel das Zeitreisemotiv oder mit War of the Worlds268 (1898) den interplanetarischen Krieg. Bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, von 1926 bis 1960, war in den USA neben dem Buch in erster Linie das Magazin die verbreitete Publikationsform.269 Science-Fiction-Geschichten erschienen nach dem Vorbild von Verne und Wells neben Abenteuergeschichten in Pulp Magazines, großformatigen Magazinen, die durch eine schlechte Papierund Druckqualität gekennzeichnet waren. Mit Amazing Stories erschien in den USA das erste reine Science-Fiction-Magazin, in dem auch der Begriff prägend wiederverwendet wurde. Parallel dazu etablierte sich in Deutschland der Ingenieurroman, der auch als Zukunftsroman oder Technischer Roman bekannt war. Der Hauptvertreter und kommerziell erfolgreichste Autor war Hans Dominik, der in seinen Texten technischwissenschaftliche Spekulationen in literarisch schwache Geschichten einfügte, um technisch-wissenschaftliche Themen didaktisch für ein jugendliches Publikum aufzubereiten. Diesen pädagogischen Impetus hat er von seinem Lehrer Kurd Laßwitz übernommen, der schon vor ihm, aber weitaus literarischer, philosophische und wissenschaftliche Themen in unterhaltsame Geschichten verpackte. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg boomte die Science Fiction in den USA, während die deutsche Science Fiction, der Ingenieurroman, nach dem Zweiten Weltkrieg stagnierte. In den 1950er Jahren schaffte die Science Fiction ihren weltweiten Durchbruch, was man unter anderem daran erkennt, dass nun auch in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien Science-Fiction-Magazine aus dem Boden gestampft wurden.270 Die kommerziell erfolgreichen 1950er und 1960er Jahre waren eine Phase der Institutionalisierung: Preise wurden aus der Taufe gehoben, Verbände gegründet und in den USA setzte eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen „Science Fiction“ ein, wobei das Magazin als Publikationsformat Anfang der 1960er Jahre vom Buch wieder stark zurückge- 267 WELLS, H. G.: Die Zeitmaschine. Minden 1904. 268 WELLS, H. G.: Krieg der Welten. Wien 1901. 269 Vgl. ATTEBERY, BRIAN: The magazine era: 1926-1960, in: James, Edward; Mendlesohn, Farah (Hg.): The Cam-bridge Companion to Science Fiction (wie Anm. 254), S. 32-47, hier S. 32-34; vgl. auch MENDLESOHN, FARAH: Fiction, 1926-1949, in: Bould, Mark et al (Hg.): The Routledge Companion to Science Fiction (wie Anm. 260), S. 52-61, hier S. 52-53. 270 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (Wie Anm. 106), S. 40. GREEN AND CLEAN? 65 drängt wurde.271 Die Science Fiction profitierte in dieser Phase vor allem von der Raumfahrt, die vorläufig in der Mondlandung gipfelte. Im Umfeld der kulturellen Revolution und der Studentenproteste etablierten sich stilistisch und inhaltlich anspruchsvolle Science-Fiction- Autoren wie Philip K. Dick oder Stanislaw Lem, die zugunsten von geisteswissenschaftlichen Aspekten naturwissenschaftliche Themen vernachlässigten. Außerdem etablierte sich die so genannte New Wave, die eine Literarisierung des Genres anstrebte. In den 1970er Jahren erhielten die Schriftstellerinnen im Science-Fiction-Bereich Einzug: Angeführt von Ursula K. LeGuin entstand eine inhaltliche Feminisierung.272 In Deutschland sind die Verkaufszahlen Mitte der 1980er Jahre im Gegensatz zu den USA zurückgegangen.273 Der Markt wird seitdem von amerikanischen Produkten dominiert, wogegen regionale Autoren wenige Chancen haben.274 Mit neuen technischen Revolutionen, vor allem im Elektronik- und Mikroelektronikbereich haben sich der Science Fiction, bis zuletzt vor allem mit dem Internet, neue thematische Felder eröffnet, wodurch sich neue Unterarten der Science Fiction herausgebildet haben. Die Kehrseite des technischen Fortschritts ist die Abwendung der Science-Fiction-Konsumenten vom Buch, hin zu anderen Medien wie Hörspiel, Comic und vor allem dem Film.275 Mit Filmen wie Avatar276 ist in jüngster Vergangenheit zudem das 3D-Kino hinzugekommen, mit dem die Science-Fiction-Literatur einerseits konkurriert, andererseits ist das 3D-Kino auch ein Medium, das zur generellen Popularität von Science Fiction beiträgt. Festzuhalten ist, dass Science Fiction aus einem komplexen Zusammenspiel von künstlerischen und ökonomischen Innovationen entstanden ist. Lange bevor man einstimmig von Science Fiction gesprochen hat, gab es Erzählformen, die in ihren Grundzügen bereits Ansätze der Science Fiction trugen oder Motive derselben enthielten. Realhistorische technisch-wissenschaftliche Neuerungen lösten eine belletristische Auseinandersetzung mit ihnen aus, später holte der technische Fortschritt die Belletristik wieder ein: als die Raumfahrt startete, erfreute sich das Genre 271 Vgl. EBD., S. 40-41; vgl. auch LATHAM, ROB: Fiction, 1950-1963, in: Bould, Mark et al (Hg.): The Routledge Companion to Science Fiction (wie Anm. 260), S. 80-89, hier S. 80. 272 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (Wie Anm. 106), S. 42; vgl. auch: MERRICK, H.: Fiction, 1964-1979, in: Bould, M. et al (Hg.): The Routledge Companion to Science Fiction (wie Anm. 260), S. 102-111, hier S. 108-109. 273 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (Wie Anm. 106), S. 46. 274 Vgl. EBD. 275 Vgl. CLUTE, JOHN: Science Fiction from the 1980 to the present, in: James, Edward; Mendlesohn, Farah (Hg.): The Cambridge Companion to Science Fiction (wie Anm. 254), S. 64-78, hier S. 64-65. 276 AVATAR. Regie: James Cameron. USA 2009. MARCO BEHRINGER 66 größter Beliebtheit. Durch die Zunahme des medialen Angebots, das durch weitere technische Innovationen wuchs, wendeten sich dann aber die Konsumenten den neuen Medien zu, respektive es wuchsen keine neuen Science-Fiction-Leser heran. Im nächsten Absatz werden die Science-Fiction-Subgenres vorgestellt. 3 Subgenres Nach literarischen Gesichtspunkten und inhaltlicher Ausrichtung lassen sich verschiedene Subgenres der Science Fiction unterscheiden. Abgesehen von den Vorläufern und angrenzenden Genres kann die Science Fiction zunächst in zwei selbsterklärende Oberbereiche eingeteilt werden: Abenteuer-Science Fiction und erkenntnisorientierte Science Fiction.277 In der ersten Kategorie dominiert der Unter-haltungswert den Erkenntniswert und im zweiten Typus vice versa. Das Kriterium dieser Grobunterteilung ist demnach die literarische Ausrichtung. Eine weitere Grobunterscheidung verläuft nach der wissenschaftlichen Orientierung. Auf der einen Seite steht die naturwissenschaftlich orientierte Hard-Science-Fiction und auf der anderen Seite die geisteswissenschaftlich ausgerichtete Soft- Science-Fiction. Es muss nicht betont werden, dass es sich dabei um Idealtypen handelt und Hybridformen möglich sind. Für die vorliegende Arbeit sind die Romane aus der Hard-Science-Fiction und der erkenntnisorientierten Science Fiction grundsätzlich vorzuziehen, da diese von Grund auf viele technisch-wissenschaftliche Utopien enthalten. Neben dieser Grobeinteilung gibt es eine Reihe von Subgenres, die der Vielfalt der inhaltlichen, thematischen und motivischen Arten entsprechen. Mit der Future History sind Zukunftsromane im weiteren Sinne gemeint. Das können Utopien oder Antiutopien sein, die epische Zukunftsgeschichtswerke enthalten. Typische Vertreter wären Olaf Stapledon oder Robert A. Heinlein, die in Einzelerzählungen oder Romanen die Entwicklung der kompletten Menschheit, oft über lange Zeiträume hinweg, in einer (weit entfernten) Zukunft beschreiben.278 Future Histories sind aus diesem Grund potentiell für vorliegende Arbeit geeignet. Die Space Opera279umschreibt die Science Fiction, die Weltraumabenteuer enthält. Zunächst spielte die Raumfahrt zum Mond und zu benachbarten Planeten eine wichtige Rolle, die historisch bereits in den phantastischen neuzeitlichen Reiseabenteuern eines Francis Godwin oder Cyrano de Bergerac begannen. Ein erstes auf Technik beruhendes Werk war Jules 277 Vgl. STEINMÜLLER, KARLHEINZ: Gestaltbare Zukünfte (wie Anm. 2), S. 17. 278 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 53-54. 279 Der Begriff spielt auf das Wildwestepos Horse Opera an. (Vgl. EBD., S. 59) GREEN AND CLEAN? 67 Vernes De la Terre à la Lune. Eine Stufe szientistischer betrieb danach Wells die belletristische Raumfahrt: in First Men in the Moon280(1901). Space Operas spielen ab 1928 auch außerhalb des Sonnensystems und thematisieren interstellare Raumfahrten, intergalaktische Konflikte, Stereotypisierungen in intergalaktische Bösewichte und Polizeitruppen und jenseits jeder Wissenschaftlichkeit völlig übertriebene Techno-Science.281 Obwohl die Space Opera eine typische Science-Fiction-Art darstellt, wird es für die vorliegende Arbeit von geringerem Nutzen sein, weil der Schwerpunkt meist auf dem Abenteuer liegt und weniger auf Fakten oder Ideen. Eine weitere gängige Science-Fiction-Subkategorie dreht sich um au- ßerirdische Lebensformen. In diesem Zusammenhang kann man First Contact- von Invasionsszenarien unterscheiden. Erste Außerirdische tauchen in der neuzeitlichen Phantastik, bei Godwin, und später dann bei Wells auf. Ein gängiges Motiv ist der extraterrestrische Besucher, der auf die Erde als Heilsbringer oder Aggressor kommt.282 Oft kommt es aber auch außerhalb der Erde zum Erstkontakt. Dieser Science-Fiction-Zweig dreht sich um die Ängste und Hoffnungen, die sich um einen Erstkontakt drehen.283 Kommt eine außerirdische Intelligenz als Aggressor auf die Erde, kann es sich um Invasionsszenarien handeln. Die Invasoren verfügen dann meist über einen hoch entwickelten Stand der Technik. Eine frühe Marsinvasion stammt von Wells: War of the Worlds (1898). Dieses Subgenre eignet sich für die angestrebte Inhaltsanalyse in erster Linie, wenn technisch überlegene Außerirdische auftreten. Genauso geläufig wie das Außerirdischen- ist das Robotergenre. Vorläufer dieser Stoffe sind Sagenfiguren wie der Golem aus der mittelalterlichen jüdischen Legende um den aus Lehm erschaffenen Diener des Rabbi Loew im Prager Ghetto. E.T.A. Hoffmans Die Automate oder Mary Shelleys Frankenstein, or the modern Prometheus sind weitere Vorläufer von Geschichten über künstliche Wesen. Der Name „Roboter“284 wurde aber erst 1920 von Karel apeks Bühnenstück R.U.R. (Rossum’s Universal Robots)285 eingeführt. Der berühmteste Science-Fiction-Autor von Robo- 280 WELLS, H. G.: Die ersten Menschen im Mond. Minden 1900. Später wurde der Roman unter dem Titel Die ersten Menschen auf dem Mond publiziert. 281 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S. 59. 282 Vgl. EBD., S. 79. 283 Vgl. EBD., S. 81. 284 Der Begriff lässt sich von der tschechischen Bezeichnung robota, deutsch „arbeiten“, herleiten. (Vgl. AL-PERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur [wie Anm. 106], S. 113) 285 APEK, KAREL: W.U.R. Werstand Universal Robots. Prag 1922. Die Roboter werden darin geschildert als „biochemisch hergestellte Humanoiden, die als Fabrikarbeiter eingesetzt werden“ (ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur [wie Anm. 106], S. 113). MARCO BEHRINGER 68 tergeschichten ist zweifelsohne Isaac Asimov, der die Subkategorie mit Werken wie I Robot286 (1950) definiert hat. Zu dieser Klasse müssen auch Motive wie machthungrige Computer und elektronische Intelligenzen oder Androiden und Cyborgs gerechnet werden. Ein typischer Androidenroman war Philip K. Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep?287 (1968). An den Robotertypus schließt auch die Cyberpunk- Subkategorie an, in dem es um virtuelle Realitäten geht und oft das menschliche Gehirn an Computersysteme gekoppelt wird. Diese Subgenres sind aufgrund ihres Schwerpunkts auf künstliche Intelligenz weniger ergiebig in Bezug auf Energieutopien. Ein weiteres Subgenre innerhalb der Science Fiction sind Zeitreisegeschichten. Die klassische Zeitreise stammt von Wells, der das Motiv mit seinem Roman The Time Machine geprägt hat. Darin beschreibt Wells eine Zeitmaschine und das Reisen in die Zukunft und wieder zurück. Es braucht aber nicht immer ein technisches Hilfsmittel, um in eine andere Epoche zu gelangen. Wells‘ Protagonist in When the Sleeper Wakes288 (1899) erwacht nach jahrzehntelangem komatösem Zustand in einer entfernten Ära. Die Zeitreise kann auch umgekehrt erfolgen: Wells‘ Protagonist von The Dream289 (1924) schildert seinen Freunden im Jahre 4000 von einem intensiven und detailreichen Traum aus einer weit entfernten Vergangenheit. Zeitreisegeschichten mit Vergangenheitskontext sind ungeeignet in Hinblick auf energetische Utopien, andere bieten dagegen viel Potential, da zukünftige Gesellschaften im Mittelpunkt stehen. Daneben existieren Alternativwelten und Paralleluniversen in Science- Fiction-Romanen. In Wells‘ Roman Men like Gods290 (1923) beispielsweise gelangt der Held widerwillig in eine parallel existierende Welt, die der Erde ähnelt und in der utopische Zustände herrschen. Alternativweltszenarien folgen häufig der Frage „Was wäre wenn…“. Als bekanntes Paradebeispiel kann hierfür Philip K. Dicks The Man in the High Castle291 (1963) genannt werden, worin die faschistischen Mächte den Zweiten Weltkrieg gewinnen. Auch Dicks Roman Flow my Tears, the Policeman said292 (1974) ist ein prominentes Parallelweltbeispiel. Darin muss die Hauptperson von einem auf den anderen Tag feststellen, dass ihn niemand mehr kennt. Wenn der Fokus auf dem Aspekt des Realitätsverlusts liegt oder rückwärtsgewandte Realitäten erschaffen werden, erweisen sich Alternativ- 286 ASIMOV, ISAAC: Ich, der Roboter. Düsseldorf 1952. 287 DICK, PHILIP K.: Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Düsseldorf 1969. Seit der Filmadaption wurde das Buch unter dem Filmtitel Blade Runner veröffentlicht. 288 WELLS, H. G.: Wenn der Schläfer erwacht. Minden 1911. 289 WELLS, H. G.: Der Traum. Berlin/Wien 1927. 290 WELLS, H. G.: Menschen, Göttern gleich. Berlin/Wien 1927. 291 DICK, PHILIP K.: Das Orakel vom Berge. München 1973. 292 DICK, PHILIP K.: Eine andere Welt. München 1977. GREEN AND CLEAN? 69 und Parallelweltromane als unergiebig für vorliegende Arbeit. Nur alternative Gesellschaftsentwürfe sind interessant. Eine Verwandtschaft zur religiösen Prophetie und eine Erweiterung zum Katastrophen-Roman stellen (post-)apokalyptische Zukunftsszenarien dar. Anfang des 19. Jahrhunderts erschienen erste Vorläufer wie Shelleys The Last Man293 (1826), in dem Katastrophen von biblischen Ausmaßen beschrieben werden. Wells schließt mit seiner Kurzgeschichte The Empire of the Ants (1905), in dem eine Ameiseninvasion in Afrika und Europa beschrieben wird, an diese Tradition an.294 Die überdimensionierten Plagen oder verheerenden Naturgewalten bilden dabei meist den Hintergrund für individuelles Versagen der Protagonisten und deren Selbstfindungsprozess.295 Als Paradebeispiel können hier die apokalyptischen Romane von J. G. Ballard genannt werden.296 (Post-)Apokalypsen sind nur dann für vorliegende Arbeit interessant, wenn der Aufbau neuer Gesellschaften geschildert wird und nicht allein die Katastrophe im Vordergrund steht. Weitaus realistischer erscheinen dagegen Near-Future-Thriller wie sie in jüngster Vergangenheit vermehrt erscheinen. Die Szenarien dieser Science-Fiction-Romane spielen in der nahen Zukunft und enthalten auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse glaubwürdig erscheinende technisch-wissenschaftliche Extrapolationen. Meist werden diese Szenarien mit politischen, ökonomischen oder sozialen Verschwörungen und Intrigen zu einer Krimihandlung verquickt. Deutschsprachige Autoren wie Herbert W. Franke, Frank Schätzing oder Andreas Eschbach haben derartige Geschichten verfasst, die viel Potential für Energieutopien bergen. Die hier aufgelistete Klassifizierung ist sicherlich lückenhaft, wodurch gängige Science-Fiction-Subgenres fehlen – zum Beispiel wurde die so genannte Inner-Space-Science-Fiction297 nicht berücksichtigt und Unterkategorien wie der Steampunk298 und Cyberpunk299 wurden ignoriert. Den- 293 SHELLY, MARY: Verney – der letzte Mensch. Bergisch Gladbach 1982. 294 Vgl. ALPERS, HANS-JOACHIM ET AL.: Lexikon der Science Fiction Literatur (wie Anm. 106), S.105. 295 Vgl. EBD., S.106. 296 Vgl. EBD., S. 105. 297 Das Inner Space-Genre beschäftigt sich im Gegensatz zur Space Opera nicht mir der Erforschung oder Kolonialisierung ferner Galaxien, sondern mit einer erkenntnisorientierten und psychologisierenden Reise, die meist auf der Erde spielt. 298 Das Steampunk-Genre versteht sich als Hommage an die Romane der viktorianischen Epoche und ist in der Regel in einer alternativen Vergangenheit angesiedelt, in der meist die Nutzung der Dampfkraft stilisiert und überhöht wird. 299 Das Cyberpunk-Genre bezeichnet Science Fiction, die hauptsächlich in oder von virtueller Realität erzählt und oft in der Gegenwart oder einer düsteren, nicht weit entfernten Zukunft spielt. Künstliche Intelligenz und Scheinwelten spielen darin eine Hauptrolle. MARCO BEHRINGER 70 noch enthält die Auflistung die wichtigsten Unterkategorien der Science Fiction und bietet zumindest einen groben Überblick, der für die vorliegende Arbeit ausreichen wird. Festzuhalten ist, dass nicht jede Science Fiction-Subkategorie in der Zukunft spielt. Zeitreisegeschichten können zum Beispiel auch in die Vergangenheit führen. Oder Paralleluniversen existieren in Science-Fiction-Romanen alternativ zur realen Welt, in unbestimmten Zeitdimensionen. Je nachdem welches Ziel der jeweilige Autor verfolgt, ist Science Fiction unterhaltend oder erkenntnisorientiert, wobei diese Grenzen auch ineinander übergehen. Genauso kann die wissenschaftliche Ausrichtung fließend ausfallen: von der Naturwissenschaft zur Geisteswissenschaft. Soft-Science-Fiction malt in der Regel die möglichen psychologischen, sozialen oder kulturellen Auswirkungen des technischen Fortschritts aus, wohingegen Hard-Science-Fiction den wissenschaftlich-technischen Fortschritt thematisiert. Science Fiction hat sich zunächst zwar als Literaturgenre etabliert, jedoch hat es sich auch auf anderen populärkulturellen Massenmedien dauerhaft behaupten können. Illustration, Film, Comic, Hörspiel und Musik haben die Science Fiction aufgenommen und verwertet.300 Im Folgenden werden die für vorliegende Arbeit relevanten mediengeschichtlichen Verläufe skizziert, um einen Überblick zu gewinnen. 4 Medien Im Kino wurde die Science Fiction gleich zu Beginn aufgenommen. George Méliès unterschied sich von den Brüdern Lumières dadurch, dass er anstelle der reproduzierten Wirklichkeit durch Dokumentationen seine „Zauberfilme“301 präsentierte. Während die Lumières von der Fotografie zum Film wechselten, um die Realität wiederzugeben, wollte Méliès die Realität verändern.302 Mit Le Voyage dans la lune303 revolutionierte Méliès die Filmgeschichte und präsentierte den ersten langen narrativen Spielfilm. Mit 15 Minuten Spieldauer ließ sich der „erste Regisseur der Filmgeschichte“304 von Verne und Wells‘ phantastischen Mondreisen inspirieren. In der deutschen Filmgeschichte erhält die Science Fiction im expressionistischen Film Einzug in die Kinos. Fritz Langs Stummfilmklassiker Metropolis305 und Frau im Mond306 sind per definitionem Science-Fiction-Filme. 300 Eine soziologische Analyse der Medien findet man bei NAGL, MANFRED: Science Fiction (wie Anm. 21). 301 FAULSTICH, WERNER: Filmgeschichte (=UTB basics). Paderborn 2005, S. 20. 302 MONACO, JAMES: Film verstehen. Kunst Technik Sprache Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien (=rororo film). Reinbek bei Hamburg 2006, S. 286. 303 DIE REISE ZUM MOND. Regie: George Méliès. Frankreich 1902. 304 FAULSTICH, WERNER: Filmgeschichte (wie Anm. 301), S. 20. 305 METROPOLIS. Regie: Fritz Lang. Deutschland 1927. GREEN AND CLEAN? 71 Metropolis spielt in einer Zukunftsstadt und thematisiert Roboter. Frau im Mond schildert eine Mondfahrt. Beide Filme sind Adaptionen von den jeweils gleichnamigen Romanen307 der Science-Fiction- und Drehbuchautorin Thea von Harbou. Der allgemeine Science-Fiction-Literaturboom der 1950er Jahre wirkte sich auch auf Hollywood aus. Der amerikanische Science-Fiction-Film stammte vor allem von Kleinstudios und war geprägt durch stereotype Genretopoi wie Riesenmonster oder fliegende Untertassen, was gemeinhin als Reaktion auf den Kalten Krieg und die Atombombe gewertet werden kann. Die Filme reflektierten nicht nur Invasions-, Mutations-, Selbstvernichtungs- und Endzeitängste, sondern auch die sexuellen Ängste der Heranwachsenden, die von den Filmstudios als neue Zielgruppe entdeckt wurden.308 In den 1960er Jahren erschienen dann Verfilmungen wie The Time Machine309, Fahrenheit 451310, 2001: A Space Odyssey311, Planet of the Apes312und Barbarella313. Mit dem Wettlauf zwischen Amerika und der ehemaligen U.d.S.S.R. in der Raumfahrt befand sich auch der Science-Fiction-Film auf seinem Höhepunkt. Der nächste Höhepunkt wurde dann erst wieder Ende der 1970er Jahre und in den 1980er Jahren mit Genrevermischungen erreicht. An der Speerspitze dieser Bewegung stand die Science-Fiction-Fantasy-Trilogie Star Wars314. Mit technischen Fortschritten im Filmsektor begann in den 1990er Jahren daraufhin die Ära der Digitalisierung: Science-Fiction- Filme wie Terminator 2: Judgement Day315, Men in Black316 oder die Matrix- 306 FRAU IM MOND. Regie Fritz Lang. Deutschland 1929. 307 HARBOU, THEA VON: Frau im Mond. Berlin 1926; DIES.: Metropolis. Berlin 1926. 308 Vgl. FAULSTICH, WERNER: Filmgeschichte (wie Anm. 301), S. 132-134. 309 DIE ZEITMASCHINE. Regie: George Pal. USA 1960. 310 FAHRENHEIT 451. Regie: François Truffaut. Großbritannien 1966. 311 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM. Regie: Stanley Kubrick. Großbritannien/USA/ Frankreich 1968. Der Film basiert auf der Kurzgeschichte „The Sentinel“ (1951) von Arthur C. Clarke; auf Deutsch: CLARKE, ARTHUR C.: Der Wachposten, in: Ders.: Verbannt in die Zukunft. München 1960, S. 171-183. 312 PLANET DER AFFEN. Regie: Franklin J. Schaffner. USA 1968. Der Film basiert auf dem Roman La Planète des singes (1963). Auf Deutsch: BOULLE, PIERRE: Der Planet der Affen. München 1965. 313 BARBARELLA. Regie: Roger Vadim. Frankreich/Italien 1968. Der Film basiert auf der gleichnamigen Comicserie von Jean-Claude Forest. Auf Deutsch: BARBARELLA. Text und Zeichnungen: Jean-Claude Forest. Bremen 1966. 314 KRIEG DER STERNE. Regie: George Lucas. USA 1977; DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK. Regie: George Lucas. USA 1980; DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER. Regie: George Lucas. USA 1983. 315 TERMINATOR 2 – TAG DER ABRECHNUNG. Regie: James Cameron. USA/Frankreich 1991. MARCO BEHRINGER 72 Trilogie317 profitierten maßgeblich von dieser Entwicklung. In jüngster Vergangenheit sorgte die 3D-Technik für einen neuen Schub, der weit über das Science-Fiction-Kino hinausging. Avatar steht hier symptomatisch für die Wiederentdeckung und Modifizierung des 3D-Kinos. Während das Kino von Beginn an auch auf Science Fiction zurückgriff, brauchte es beim Comic etwas länger. Erste Science-Fiction-Motive erschienen 1910 in den Mond- und Marsreise-Abenteuern von Windsor McCays Comicstripserie Little Nemo in Slumberland.318 H. C. Greenings Strip Percy, brains he has nix, der 1912 im New York Herald abgedruckt wurde, war die erste richtige Science-Fiction-Comicserie.319 In den USA feierte die Science Fiction ihren endgültigen Einzug 1929: erst Buck Rogers320 konnte sich als Science-Fiction-Serie behaupten. Mit Buck Rogers wurde einer der ersten ausgedehnten Medien- und Produktverbünde der Populärkultur initiiert.321 Zahlreiche Nachahmungen folgten in den darauffolgenden Jahren. 1934 startete beispielsweise der mit mehr ästhetischer Finesse illustrierte Comicstrip Flash Gordon322. Mit dem strategischen Wechsel weg von der Zeitung, hin zum Comicheft und Comicbuch, boten sich mannigfaltige Möglichkeiten zur Vermarktung von Science Fiction-Comics, die daraufhin lange Zeit in erster Linie mit wissenschaftlich-spekulativen Superheldencomics gleichgesetzt wurden. Im europäischen Bereich etablierten sich in den Nachkriegsjahren regionale Comicmagazine und Fachzeitschriften. In Großbritannien startete im britischen Jungendmagazin Eagle die Science-Fiction-Serie Dan Dare, Pilot of the Future323. Auch in den beiden deutschen Ländern konnten sich eigene Science-Fiction-Comicstoffe etablieren. In Deutschland hatte sich jedoch der Erfolg und die Beliebtheit der Zeitungsstrips nach amerikanischem Vorbild im Allgemeinen nie wiederholen können. In und nach den Nachkriegsjahren hatte sich dafür eine eigene Comickultur heraus- 316 MEN IN BLACK. Regie: Barry Sonnenfeld. USA 1997; MEN IN BLACK2. Regie: Barry Sonnenfeld. USA 2002. Die Filme greifen Motive aus der gleichnamigen Comicserie auf: MEN IN BLACK. Text: Lowell Cunningham. Zeichnungen: Sandy Carruthers. Ottawa 1990/Calabasas 1991. 317 MATRIX. Regie: Andy und Larry Wachowski. USA 1999; MATRIX RELOADED. Regie: Andy und Larry Wachowski. USA 2003; MATRIX REVOLUTIONS. Regie: Andy und Larry Wachowski. USA 2003. 318 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction (wie Anm. 21), S. 99. 319 Vgl. EBD., S. 99-100. 320 BUCK ROGERS IN THE 25TH CENTURY A. D. Text: Philip Francis Nowlan. Zeichnungen: Richard Calkins. Diverse Orte 1929-1967. 321 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction (wie Anm. 21), S. 100. 322 FLASH GORDON. Text: Dan Moore. Zeichnungen: Alex Raymond. New York 1934- 1943. 323 DAN DARE, PILOT OF THE FUTURE. Text und Zeichnungen: Frank Hampson (bis 1959). London 1950-1969. GREEN AND CLEAN? 73 kristallisieren können. Comiczeichner wie Helmut Nickel oder Hansrudi Wäscher boten mit ihren Abenteuerbildgeschichten im Piccolo-324 oder Heftformat Lesestoff für Kinder und Jugendliche. Eine der ersten Science Fiction-Comics, die auf Deutsch erschienen, waren die ursprünglich italienischen Serien Fulgor – der Weltraumflieger325 und Raka – der Held des Jahres 2000326. Wäscher zeichnete 1954 entsprechende Heftausgaben von Fulgor, wobei er das Szenario veränderte.327 Im Fahrwasser der 3D-Welle im Kinofilm entstand sodann die erste deutsche Science-Fiction-Comicserie Titanus328, die als 3D-Comic zwar innovativ war, sich dennoch nicht lange halten konnte. Erst Nick – der Weltraumfahrer329 erreichte eine anhaltende Popularität. In der DDR war lange Zeit lediglich ein Comicmagazin erlaubt: das langlebigste deutsche (noch heute erscheinende) Comicmagazin Mosaik330. Im Zusammenhang mit Science Fiction sind allerdings nur die vergleichsweise aufklärerischambitionierten Weltraumabenteuer der Protagonisten Dig, Dag und Digedag (Heft 25-45) interessant.331 In der BRD kann an dieser Stelle noch die Science-Fiction-Serie Perry – unser Mann im All332 genannt werden, die auf der langlebigsten, noch erscheinenden, Heftromanserie Perry Rhodan333 basiert. In Frankreich und Belgien etablierten sich Comicstoffe vorzugsweise über Jugend- und Comicmagazine. Nachdem in beiden etablierten franko-belgischen Comicmagazinen Tintin (1946-1993) und Pilote (1959-1989) 324 Ein Querformat, meist 17 cm breit und 8 cm hoch. 325 FULGOR – DER WELTRAUMFLIEGER. Text: Roberto Renzi. Zeichnungen: Augusto Pedrazza. Hannover 1953-1954. 326 RAKA – DER HELD DES JAHRES 2000. Text: Gian Giacomo Dalmasso. Zeichnungen: Enzo Chiomenti. Hannover 1954-1955. 327 Vgl. KNIGGE, ANDREAS C.: Allmächtiger! Hansrudi Wäscher. Pionier der deutschen Comics. Hamburg 2011, S. 461. 328 TITANUS. Text und Zeichnungen: Helmut Nickel (Nr. 1-3) und Hansrudi Wäscher (Nr. 4-5). Immenstaad am Bodensee 1954-1955. Die Serie basiert auf folgendem Roman: EIGK, CLAUS: Der Tag Null. Berlin-Hamburg 1950. 329 NICK – DER WELTRAUMFAHRER. Text und Zeichnungen: Hansrudi Wäscher. Hannover 1958-1960. 330 MOSAIK. Text und Zeichnungen: Hannes Hegen (bis 1975). Berlin 1955-1991; Berlin 1991; Berlin 1992-. 331 EVERSBERG, GERD: DDR-Comics. Comics in der DDR – ohne Zukunft?, in: Science Fiction Times. Magazin für spekulative Thematik (November/Dezember 4/72), Nr. 129, S. 10-13, hier S. 11. 332 PERRY – UNSER MANN IM ALL. Text: diverse Autoren. Zeichnungen: diverse Zeichner. München 1968-1970; Rastatt 1971-1975; Hamburg 2006. Zuvor erschien bereits eine andere Comicserie: PERRY RHODAN IM BILD. Text: diverse Autoren. Zeichnungen: diverse Zeichner. München 1967-1968. 333 DIVERSE AUTOREN: Perry Rhodan. München 1961-1971; Rastatt 1971-. MARCO BEHRINGER 74 Science-Fiction-Serien wie Luc Orient334 nach dem klassischen Abenteuermuster für Kinder und Jugendliche erschienen, sorgte sodann das Magazin Métal Hurlant335 mit Autorencomics von Comickünstlern wie Moebius oder Enki Bilal für erwachsene Erzählstoffe im Science-Fiction- Bereich. Das deutsche Pendant wurde entsprechend unter dem Titel Schwermetall veröffentlicht. Bis in die Gegenwart erscheinen zudem unzählige Heft- und Albumserien oder abgeschlossene Comicbücher aus dem Science-Fiction-Bereich. Die Erörterung hat gezeigt, dass das Science-Fiction-Genre in verschiedenen medialen und nationalen Kontexten verbreitet wurde. Im Ansatz wurde dargestellt, dass mit den unterschiedlichen Medien unterschiedliche Rezipienten erreicht wurden: So liest nicht jeder Kinobesucher gleichzeitig auch Science-Fiction-Romane; die abenteuerlich-naiven Comicstrips der Anfangsjahre haben andere Leser angesprochen als die anspruchsvolleren franko-belgischen Comics seit den 1980er Jahren. Es wurde jedoch nicht eruiert, welche Semantik, also die narrativen Schwächen und Stärken, den jeweiligen Medien innewohnen. Die detaillierte Rezeption und Wirkung der jeweiligen Medien wurde ebenfalls nicht herausgestellt. Zudem hat der regionale Fokus auf Europa und Amerika andere Regionen vernachlässigt. So wurde im Comicbereich der asiatische Bereich, wobei vor allem der japanische Comic (Mangas) und der japanische Zeichentrickfilm (Animes) außen vor gelassen, die für den Science-Fiction-Bereich durchaus ergiebig gewesen wären. Für die Analyse von Energieutopien soll die hier aufgezeigte Skizzierung jedoch genügen. Im nächsten Punkt wird die Rezeption der Science Fiction umrissen. Die Wahrnehmung von Science Fiction greift zum Teil bereits über in die Interpretation von Science Fiction: Wie das Unterhaltungsgenre und deren Inhalte bewertet werden, wie über Science Fiction gedacht wird, sind Fragen, die zu Antworten führen, die Grundlagen für theoretische Ansätze liefern können. Im nächsten Abschnitt werden weniger kognitive, sondern auslegende Aspekte aufgeführt. 5 Rezeption Schriftsteller wie Jules Verne oder H. G. Wells wurden im 19. Jahrhundert durchaus noch als ernstzunehmende Prognostiker verstanden. Science Fiction wurde demnach sowohl von Rezipienten- wie auch Produzentenseite noch als Abbildung der eintreffenden Zukunft betrachtet. Heutzutage hat sich diese Wahrnehmung längst verändert. Im gegenwärtigen Selbstbild der Science-Fiction-Autoren steht fest, dass ihr Genre weder 334 LUC ORIENT. Text: Greg. Zeichnungen: Eddy Paape. Brüssel: Le Lombard 1967-1986. 335 MÉTAL HURLANT. Text und Zeichnungen: diverse Autoren und Zeichner. Paris 1975- 1987, 2002-2006. GREEN AND CLEAN? 75 eintreffende Voraussagen für sich in Anspruch zu nehmen im Stande ist oder überhaupt darauf hinaus will.336 Das Science-Fiction-Genre genießt in Deutschland bekanntermaßen keinen guten Ruf. Im Land der Dichter und Denker verbindet man mit dem technisch-utopischen Unterhaltungsgenre oft billige Schundromane oder Schundfilme, die stets mit dem vorauseilenden Ruf des Infantilen behaftet sind. Ambitionierte Science Fiction wird dagegen oftmals als solche verkannt. Innerhalb der Literaturkritik hat sich daraus die Haltung ergeben „Science Fiction ist keine gute Literatur“ und vice versa „Gute Literatur kann keine Science Fiction sein“. Auf der anderen, der Fan- beziehungsweise Expertenseite, fühlt man sich dagegen bemüht, zu betonen, welche Werke der Weltliteratur definitionsgemäß der Phantastik oder der Science Fiction zuzurechnen sind. Im Folgenden soll die Rezeption von Science Fiction in Deutschland anhand der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurse eruiert werden. Wie ist die Einstellung der Literaturkritik gegenüber dem Unterhaltungsgenre? Wie denken die Rezensenten und Autoren über Science Fiction? Wie geht man in der Öffentlichkeit mit Science Fiction um? Findet Science Fiction in der Öffentlichkeit überhaupt statt? 5.1 Öffentlicher Diskurs Erste deutsche publizistische und akademische Ansätze stellten in den 1950er und 1960er Jahren die Erforschung von literaturgeschichtlichen und kontextuellen Entstehungshintergründen dar, die einen Anschluss des Genres an die Hochliteratur erzielen sollten.337 Die technischutopischen Werke eines Edgar Allan Poe, Jules Verne und H. G. Wells wurden diesbezüglich von der Kritik als unmittelbare Vorläufer der Science Fiction herausgestellt.338 In dieser jungen deutschen Auseinandersetzung mit technisch-wissenschaftlich legitimierter Phantastik dominierte ein Verständnis von Science Fiction als einer modernen, normativ unbefangenen und multiideologischen Utopie.339 Darüber hinaus wurde Science Fiction mit dem deutschen Zukunftsroman des frühen 20. Jahrhunderts gleichgesetzt.340 Im Fahrwasser hochmotivierter Legitimationsversuche für ein unbeachtetes respektive gering geschätztes Literaturgenre wurde ferner bereits in den 1930er und 40er Jahren immer wieder der didaktische Wert von Science Fiction bezüglich dessen Vermittlung von 336 Vgl. SIMON, ERIK nach STEINMÜLLER, KARLHEINZ: Science fiction – Werkzeug oder Sensor einer technisierten Welt? Vortragsreihe (=Fantasia; Bd. 94/Erster Deutscher Fantasy-Club: Schriftenreihe; Bd. 20). Passau 1995, S. 73. 337 Vgl. SCHULZ, HANS-JOACHIM: Science Fiction (wie Anm. 245), S. 2. 338 Vgl. EBD. 339 Vgl. EBD. 340 Vgl. EBD. MARCO BEHRINGER 76 Wissenschaft und Technologie hochgehalten.341 Diese Aufwertungsarbeit der kommerziellen Science-Fiction-Literatur ging zwischen 1920 und 1950 auf formelle Gemeinsamkeiten zwischen Science Fiction und Hochliteratur zurück.342 Schulz durchdringt die Rezeption der Science-Fiction-Literatur mittels einer literaturhistorisch ausgeprägten Analyse und kommt dabei zum Schluss, dass sich die akademische und publizistische Auseinandersetzung aus einer Amateurkritik, durch sogenannte Science-Fiction- „Insider“, also Fans und selbsternannte Experten, generiert hat.343 Herausgekommen sind schließlich zwei antagonistische wissenschaftliche Paradigmen. Auf der einen Seite steht das Paradigma einer ideologiekritischen „Entlarvung“ der Science Fiction, welche das literarische Genre in erster Linie als kommerzielle Trivialliteratur brandmarkt.344 Auf der anderen Seite stehen die Einschätzungen von Vertretern eines differenzierten Paradigmas, das eine Überbrückung der qualitativen literarischen Lücken hin zur Hochliteratur konstatiert.345 Einer offensiv-ideologiekritischen steht demnach eine defensiv-apologetische Rezeption gegen- über. Peter Schattschneider führt den feuilletonistischen Umgang mit Science Fiction auf historische Wurzeln zurück. Er verantwortet hierfür in erster Linie die deutsche „Abwehrhaltung“ gegen jegliche unterhaltende Form von Literatur: Zunächst hat die deutsche Literaturkritik im 19. Jahrhundert einen Ideal- und Leitkatalog der Hochliteratur bestimmt, der spannende und unterhaltsame Romane per definitionem ausschließt, wodurch die deutsche Science Fiction um Dominik ignoriert wurde und au- ßerdem galten Groschenromane in Deutschland im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, wo auch Hochliteratur der Unterhaltung halber gelesen wurde, ohnehin als geringwertig.346 Nagl führt vor allem die Ablehnung von naturwissenschaftlichtechnischen Themen seitens der Literaturkritiker als Gründe für die stiefmütterliche Behandlung der Science Fiction durch die Literaturkritik auf. Die vorherrschende Ausblendung der Hochliteratur von naturwissenschaftlich-technischen Phänomenen und der Umstand, dass Science Fiction häufig von Naturwissenschaftlern verfasst wurde, führten dazu, 341 Vgl. EBD. 342 Vgl. EBD., S. 2-3. 343 Vgl. EBD., S. 118-121. 344 Vgl. EBD., S. 88-101. 345 Vgl. EBD., S. 101-117. 346 Vgl. SCHATTSCHNEIDER, PETER: Science Fiction: Vision für das dritte Jahrtausend, in: Burmeister, Klaus; Steinmüller, Karlheinz (Hg.): Streifzüge ins Übermorgen. Science Fiction und Zukunftsforschung (=ZukunftsStudien; Bd. 6). Weinheim/Basel 1992, S. 281-299, hier S. 283-284. GREEN AND CLEAN? 77 dass das Genre hauptsächlich als Schund und Schmutz abqualifiziert wurde.347 Diese bipolare Unterteilung in Hochliteratur und Unterhaltungsliteratur steht ganz in der kulturwissenschaftlichen These Bausingers, die davon ausgeht, dass trotz eines einheitlichen Angebots und einer generellen Verfügbarkeit an kulturellen Gütern, eine scharfe Abgrenzung von Hoch- und Massen-Kultur vorherrscht.348 Historisch betrachtet fuhr die Literaturkritik in den 1960er Jahren mit der Ignorierung der Science Fiction fort, nur, dass die Nichtbeachtung bei den amerikanischen Importromanen keiner Legitimation bedurfte, da es sich um Groschenromane handelte, die per definitionem ausgeschlossen wurden.349 Dadurch hat sich eine selbstständige, aber auch isolierte Szenekritik etabliert, die jeglicher Distanz entbehrend von innen nach innen blickte, und produktions- und vertriebstechnisch hermetisch abgeriegelt strukturiert war.350 Dieser selbstgerechte und mitunter pathetische Tunnelblick führte schließlich auch zu der festgefahrenen Auseinandersetzung zwischen den bereits angesprochenen Parteien: Der Grundtenor seitens der Science-Fiction-Experten lautet, dass die Science Fiction eine semi-wissenschaftliche Unterhaltungsliteratur respektive eine belletristische Form der Futurologie darstellt, was tatsächlich wiederum der einzige Aspekt ist, der von den Massenmedien gerne thematisiert wird, wenn sie einmal doch über Science Fiction berichten.351 Die journalistische Auseinandersetzung mit Science Fiction besteht bevorzugt aus prognostizierten technisch-utopischen Entwicklungen, die tatsächlich verwirklicht wurden. Ein Höhepunkt dieser Tendenz wurde mit der Berichterstattung über das Apollo 11-Programm erreicht, als die Feuilletons plötzlich mit rückhaltloser Begeisterung auf das Vorhersagepotential der Science Fiction verwiesen – vor allem der Spiegel scheint mit Leidenschaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit bei technischnaturwissenschaftlichen Innovationen auf die Prognosen von Science Fiction hinzuweisen.352 Demnach zeichnet sich eine Redaktion mit gespaltener Persönlichkeit ab: Während die Autoren im Ressort „Wissenschaft“ stets beflissen sind, möglichst jede neue technische Erfindung mit einer Science-Fiction-Prognose zu illustrieren, begnügen sich ihre Kollegen aus 347 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 201-202. 348 Vgl. BAUSINGER, HERMANN: Volkskultur in der technischen Welt (wie Anm. 15), S. 143. Bausinger entscheidet sich nachfolgend für den Begriff „Popularkultur“ anstelle von „Volkskultur“ oder auch „Massenkultur“ als gültige Bezeichnung für zugängliche, beliebte und verbreitete Kulturgüter. (Vgl. EBD., S. 243) 349 Vgl. SCHATTSCHNEIDER, PETER: Science Fiction: Vision für das dritte Jahrtausend (wie Anm. 346), S. 284. 350 Vgl. EBD., S. 285. 351 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 55. 352 Vgl. EBD., S. 55-56. MARCO BEHRINGER 78 dem Ressort „Kultur“ mit der Ignorierung von Science Fiction. Darüber hinaus erhebt die Science-Fiction-Szene einen sach-literarischen Anspruch und stellt in diesem Kontext heraus, dass Science Fiction im Vergleich mit anderer Unterhaltungsliteratur auch im nicht-technischwissenschaftlichen Bereich einen höheren Wert beansprucht, der mit einer übergeschichtlichen und allgemeingültigen Kompetenz einhergeht.353 Im Kontext der Science-Fiction-Rezeption besteht außerdem eine Grundsatzdiskussion, die bezüglich einer Trivialisierung von Zukunft, meist in einem psychologischen Rahmen, geführt wurde.354 Dieser psychologisch motivierte Erklärungsansatz, den die Journalisten bevorzugt bei der Berichterstattung über Science Fiction hernehmen, geht auf die Massenpsychologie zurück, deren Begründer Gustave Le Bon mit Psychologie der Massen355 (1895) und Sigmund Freud mit Massenpsychologie und Ich-Analyse356 (1921) sind. Die Einordnung der Science Fiction als Massenkultur erhält dadurch eine negative Konnotation. Die Kulturwissenschaftlerin Ina-Maria Greverus hat sich mit Massenkultur als negativ behafteten Begriff auseinandergesetzt. Der Massenkulturbegriff hatte sich zunächst als „Oppositionsbegriff“357 zum vorherrschenden Volkskulturbegriff behauptet. Beide Termini werden gemeinhin „tiefer“ als die Hochkultur liegend ausgelegt.358 Jedoch unterscheidet die Kulturbegriffe voneinander, dass ausschließlich dem Volkskulturbegriff der kulturelle Parameter der schöpferischen Auseinandersetzung und Gestaltung mit der Umwelt zugesprochen wird.359 Die negative Konnotation von Massenkultur, die selbst unterhalb der Hochkultur noch von der Volkskultur überragt wird, reicht historisch auf die Massenpsychologie des 19. Jahrhunderts zurück, als sich ein kultureller Niedergang abzeichnete, der durch eine Handlungshomogenität im Sinne einer Aufnahme- und Folgewilligkeit geprägt war.360 Diese theoretischen Ansätze werden danach von der Frankfurter Schule aufgegriffen, die sich auf die Kritik der Produzenten der Massenkultur besannen.361 Innerhalb der Kritischen Theorie wird der Massenkulturbegriff schließlich durch den Kulturindustriebegriff ersetzt, der als dis- 353 Vgl. EBD. 354 Vgl. SCHULZ, HANS-JOACHIM: Science Fiction (wie Anm. 245), S. 79-80. 355 LE BON, GUSTAVE: Psychologie der Massen. Stuttgart 2008. 356 FREUD, SIGMUND: Massenpsychologie und Ich-Analyse. Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt am Main 2005. 357 GREVERUS, INA-MARIA: Kultur und Alltagswelt. München 1978, S. 189. 358 Vgl. EBD. 359 Vgl. EBD. 360 Vgl. RIESMANN, DAVID; DENNEY, REUEL; GLAZER, NATHAN: Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters. Hamburg 1958, S. 38. 361 Vgl. GREVERUS, INA-MARIA: Kultur und Alltagswelt (wie Anm. 357), S. 190. GREEN AND CLEAN? 79 tinguierter Kulturbegriff gekennzeichnet wird.362 Science Fiction wurde demzufolge in den Bereich einer als konform und passiv apostrophierten Kultur eingeordnet. Aus den aufgeführten Diskussionspunkten zur Rezeption der Science Fiction könnten theoretische Ansätze abgeleitet werden. Auf Grundlage der Verfechtungshaltung der Laienkritik lässt sich die Ansicht formulieren, dass Science Fiction buchstäblich zu interpretieren wäre: als literarische Fiktionalisierung von wissenschaftlichen Themen. Diese Theorie würde zweifelsfrei eine glorifizierende Perspektive einnehmen, die frei von ideologiekritischen Erwägungen wäre. Eine weitere Theorie ließe sich auf der Basis der ideologiekritischen Ansicht errichten. Demzufolge entstünde ein Blick auf die Science Fiction, der diese als triviale Konsumliteratur abqualifizieren würde. Diese Perspektive würde das technischwissenschaftliche Reflexionspotential der Science Fiction jedoch vermissen lassen. In Hinblick auf das eingetroffene Vorhersagepotential von Science Fiction im Zusammenhang mit Technik und Wissenschaft, ließe sich eine Theorie erstellen, die das Unterhaltungsgenre als Vorhersagemethode betrachtet, wodurch literarische und ideologiekritische Aspekte entfielen. Diese Überlegungen werden im Kapitel über theoretische Ansätze zur Science Fiction erneut relevant. Historisch betrachtet setzten erste diskursive Auseinandersetzungen mit Science Fiction in den 1950er und 1960er Jahren ein, wobei der Diskurs durch eine An- respektive Abgrenzung zur Hochliteratur strukturiert wurde und die Vertreter beider Parteien mit emotional aufgeladenen Motivationen vorgingen. Die publizistische und akademische Beschäftigung mit Science Fiction generierte sich aus einer Laienkritik, da das Unterhaltungsgenre zuvor nicht thematisiert wurde. Im journalistischen Bereich wird Science Fiction bevorzugt herangezogen, um eingetroffene technisch-wissenschaftliche Vorhersagen hervorzuheben. Die historische Nichtrezeption hat sich demnach zu einer partiellen Rezeption gewandelt. Ein weiterer Aspekt, der den öffentlichen Umgang mit Science Fiction beleuchtet, stellt neben der publizistischen und akademischen Auseinandersetzung auch der Ausstellungsbereich zum Thema „Science Fiction“ dar. Im nachfolgenden Abschnitt sollen exemplarische Ausstellungen zur Science Fiction skizziert werden, da Ausstellungen das Thema systematisch und wissenschaftlich beleuchten, wodurch Grundlagen für theoretische Ansätze bereitgestellt werden. 5.2 Musealer Diskurs Museen stellen einen Raum bereit, der eine popularisierte Form der Kommunikation zwischen wissenschaftlichen Experten und einem inte- 362 Vgl. EBD., S. 191. MARCO BEHRINGER 80 ressierten Laienpublikum ermöglicht, was letztlich identitätsstiftend wirkt und bei der Herstellung von historischen Bildern hilft.363 Bei dieser gleichermaßen reflexiven wie konkreten Konfrontation geraten Kramer zufolge nicht nur Objekte des Zerfalls oder Zeugnisse längst vergangener Epochen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, sondern ebenso weiterhin fortbestehende und aktuelle Zeugnisse.364 In einem Museum werden oft auch Zusammenhänge hergestellt, die sich ohne eine spezifische Zusammenstellung nicht ergeben würden.365 Als Raum, der eine kulturelle Öffentlichkeit generiert, besitzt das Museum im besten Fall auch Potential zur Zukunftsgestaltung, indem es Diskurse über Werte und den Fortschritt zulässt.366 Sonderausstellungen zur Science Fiction sind allerdings weniger in historisch ausgerichteten Museen, sondern meist in Kunstmuseen anzutreffen, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen. Das erste Beispiel ist die Ausstellung Wunschmaschine Welterfindung. Das zweite Beispiel ist die Ausstellung science + fiction. Die Sonderausstellung Wunschmaschine Welterfindung. Eine Geschichte der Technikvisionen seit dem 18. Jahrhundert fand zwischen dem 5. Juni und 4. August 1996 in den Ausstellungsräumen der Kunsthalle Wien statt und bot eine kulturhistorische Überblicksdarstellung über die Historie von Zukunftsvorstellungen. Die Kunsthalle stellte über 600 Exponate aus dem Zeitraum vom 18. bis 20. Jahrhundert aus, die archetypische Wünsche der Menschen im Zusammenhang mit Technischem reflektieren.367 Wunschmaschine Welterfindung gewährte thematisch und konzeptionell eine Rückund Überblicksschau über Zukunftsvisionen, an der Erfinder, Ingenieure, Künstler, Architekten und Politiker partizipierten, und die den alltäglichen Technikkonsumenten thematisierte.368 Zu den Exponaten zählten Architekturnachbildungen, Filmbeispiele, Werke aus der bildenden Kunst und Designstücke, die paradigmatisch unterschiedliche Gebiete aus den Themenfeldern „Wissenschaft“ und „Science Fiction“ repräsentieren.369 Im Zentrum stand dabei das technisch-utopische Denken, das durch die titelgebende „Wunschmaschine“ auf einen gemeinsamen Nenner gebracht wurde. Ein Anliegen der Ausstellung war es, die Werke zu präsentieren, die den Menschen im Alltag begegnen und inspirieren, visionäre Vorstellungen von Technischem zu entwickeln und zu verbrei- 363 Vgl. KRAMER, DIETER: Museumswesen, in: Brednich, Rolf Wilhelm (Hg.): Grundriß der Volkskunde (wie Anm. 9), S. 661-683, hier S. 661. 364 Vgl. EBD., S. 664-665. 365 Vgl. EBD., S. 665. 366 Vgl. EBD., S. 666. 367 Vgl. O. V.: Wunschmaschine Welterfindung. URL: http://netbase.t0.or.at/ KUNSTHALLEwien/wunsch-d.htm, [Abfrage: 03.05.10], unpag. 368 Vgl. EBD. 369 Vgl. EBD. GREEN AND CLEAN? 81 ten.370 Strukturiert wurde die Ausstellungsarchitektur durch offenstehende Räume.371 Thematisch enthielt die Ausstellung zudem Exponate aus den Bereichen „Ordnungsprinzipien der Architektur“, „Funktionen des Körpers“, „Künstliche Reproduktion des Menschen“, „Begrenztheit der menschlichen Existenz“, „Träume des Reisens“ und „Virtuelle Welten“ durch Exponate einer Heerschar von Erfindern und Künstlern.372 Derartige Sonderausstellungen sorgen für Verlagerungen der Perspektive auf konkrete Gegenstände, die oft zwar zuvor bereits systematisch erfasst, aber anschließend zusammenhangslos in Lagerräumen deponiert ruhen.373 Die Leistung einer Sonderausstellung liegt darin, den Zugang zu einer Melange von Artefakten, zumindest für ein beschränktes Zeitfenster, zu gewähren.374 Technische Utopien werden in Wunschmaschine Welterfindung darüber hinaus als „mnemotechnische Strukturen“375 ausgelegt: Diese ermöglichen es, über das potentiell Vorstellbare hinauszugehen, die geistigen Prozesse vor den technischen Ergebnissen als solche begreifbar zu machen und technische Entwicklungen als Grundlage für soziale Interaktionen zu erfassen.376 Nicht Technik und ihre Realisierung stehen im Brennpunkt der Ausstellung, sondern die gedankliche „Vorarbeit“, also die geistigen Räume, die technische Potentiale und nachvollziehbare Erläuterungsmodelle für soziokulturelle Prozesse, aber auch für biologische Funktionen, ausloten.377 Das Potential der Ausstellung liegt darin, zu zeigen, dass Technik als gedankliche Struktur ermöglicht, Abstand auf das menschliche Schicksal zu gewinnen.378 Technikutopien werden nicht nur als Deskription des „Greifbaren“, sondern ebenso als sinnstiftende Symbolwelt und schließlich als Substanz und Mittel einer dauerhaften Übertretung von Grenzen betrachtet.379 Zur Veranschaulichung wird zum Beispiel Jules Verne erwähnt, der auf den Pariser Weltausstellungen das gegenwärtige Entwicklungspotential der Technik erkundete, um dieses auf literarischem Weg zu extrapolieren.380 Vernes Leistung liegt darin, eine sinnstiftende Symbolwelt um die ausgeklammert dargestellten Technikvisionen errichtet zu haben, und 370 Vgl. EBD. 371 Vgl. EBD. 372 Vgl. EBD. 373 Vgl. FELDERER, BRIGITTE: Einleitung, in: Felderer, Brigitte (Hg.): Wunschmaschine Welterfindung (wie Anm. 19), S. 1-5, hier S. 1. 374 Vgl. EBD. 375 EBD., S. 5. 376 Vgl. EBD. 377 Vgl. EBD. 378 Vgl. EBD. 379 Vgl. EBD. 380 Vgl. EBD. MARCO BEHRINGER 82 ferner, dadurch einen expertokratischen Sachverhalt popularisiert zu haben.381 Science Fiction vollbringt im Kontext der Umwandlung von technischen Leitbildern zu Technikbildern Integrationsleistungen, indem technisches Potential durch seinen sozialen Wert erklärt wird.382 Für die Ausstellung war entscheidend, die Technikbilder darzustellen, durch die der Besucher nachvollzieht, was ihn im Alltag umgibt und die den Betrachter ermutigt, Unvorstellbares zu denken, lange bevor es Gestalt annehmen kann.383 Wunschmaschine Welterfindung vermischt begrifflich technische Visionen und technische Utopien ohne Trennschärfe. Auf der anderen Seite führt die Sonderausstellung mit den „mnemotechnische Strukturen“ einen operationalen Begriff ein, der das Phänomen „Technikutopie“ soziokulturell und als Teil eines Prozesses, bis hin zur technischen Erfindung, begreift. Bei science + fiction – zwischen Nanowelt und globaler Kultur handelte es sich um eine Sonderausstellung der VolkswagenStiftung und des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM), die zwischen dem 12. April und dem 17. August 2003 stattfand. Die Kuratoren Stefan Iglhaut und Thomas Spring haben Künstler und Wissenschaftler aufgefordert an aktuellen Forschungsschwerpunkten zu partizipieren.384 Auf diese Weise sei ein „zeitgemäßes Kuriositätenkabinett“385 entstanden, das die Konventionen der Wissenschaftsdidaktik verlässt und dabei die soziokulturellen Determinationen des Wissenssystems sowie die wissenschaftlich-generischen Strukturen der Alltagswelt herausstellt. Eine der leitmotivischen Fragen war dabei, wie das zeitgenössische Niveau des Wissens und des Fortschritts im wissenschaftlichen System angesehen wird: in großzügigen Pavillons wurden hierfür die Themenfelder „Wissenschaft und Lebenswelt“, „Hirnforschung“, „Nanotechnologie“, „Globalisierung“, „Identität“ sowie „Zukunft der Wissensgesellschaft“ bearbeitet.386 Die künstlerischen Werke wurden von einer Rahmeninstallation ergänzt, die wissenschaftliche und ästhetische Bilder verquickte und den Besucher durch die Themen leitete.387 Die assoziativen Symbolwelten der Künstler wurden durch Laborartefakte und historische Verweise angereichert.388 381 Vgl. EBD. 382 Vgl. EBD. 383 Vgl. EBD. 384 Vgl. ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe): science + fiction – zwischen Nanowelt und globaler Kultur. URL: http://on1.zkm.de/zkm/sciencefiction, [Abfrage: 17.02.2011]. 385 EBD. 386 Vgl. EBD. 387 Vgl. EBD. 388 Vgl. EBD. GREEN AND CLEAN? 83 Das Ausstellungsprojekt wurde als grenzüberschreitende Exposition von Wissenschaft – durch Populärkultur und Kunst – inszeniert.389 science + fiction wollte einer Wissensgesellschaft und deren Bedürfnisse gerecht werden, indem sie die steigende Kooperation zwischen dem wissenschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und medialen System herausstellte, die durch eine Nivellierung des gesellschaftlichen Abstands zum wissenschaftlichen System geprägt ist.390 Die Herausforderung lag darin, die Selbst- und Fremdbilder der Wissenschaft gegenüberzustellen, was durch die Integration populärkultureller Formen der Wissenschaftsrezeption wie der Science Fiction gelang.391 Das Konzept präsentierte zwar keine wissenschaftlichen Befunde, aber da es den Charakter eines Experiments besitzt, ergaben sich neue Relationen zwischen Wissenschaft, Kunst oder Populärkultur und Öffentlichkeit.392 Die Nahtstellen zur Science Fiction sind dabei offenkundig. So wurde neben der Kunst auch viel mit Modellen aus Filmen und Comics gearbeitet, um kulturelles und wissenschaftliches Wissen zu veranschaulichen. So kommen ikonische Imaginationen einer Kultur über sich selbst und ihre Zukunft zum Vorschein.393 Auf diese Weise entstand mithilfe des multidimensionalen Einsatzes vielseitiger Medien, eine erkenntnisreiche Verquickung von Fakten und Fiktion, respektive Reflexionen im Spannungsfeld von Wissenschaft und Imagination.394 Letztlich wurden die Gegensätze zwischen der Wissenschaftsrezeption innerhalb der Science Fiction auf der einen, und der Science-Fiction-Rezeption innerhalb der Wissenschaft auf der anderen Seite, nivelliert.395 science + fiction legt Science Fiction als populärkulturelle Wissenschaftsrezeption aus und stellt dementsprechend Science Fiction und Wissenschaft anschaulich gegenüber. Die Essenz aus der Ausstellung Wunschmaschine Welterfindung könnte man folgendermaßen zu einer Theorie verdichten: auf Grundlage der „mnemotechnischen Strukturen“ werden Technikutopien in einem Prozess betrachtet, an dessen Ende eine technische Konkretisierung steht. Dieser Strukturansatz führt Technikutopien allerdings in den Bereich von Vorhersagen – nicht im Sinne einer Beschäftigung mit der Zukunft, sondern als prognostischer Entwurf zur Realisierung. Literarische und ideologiekritische Überlegungen fehlen. Die Gedanken der Sonderausstellung 389 Vgl. IGLHAUT, STEFAN; SPRING, THOMAS: Science + Fiction. Wie sich Wissenschaft und Phantasiewelt durchdringen. URL: http://www.scienceandfiction.de/04/pdf/ 004Iglhaut_Spring.pdf, S. 1. 390 Vgl. EBD. 391 Vgl. EBD. 392 Vgl. EBD., S. 2. 393 Vgl. EBD. 394 Vgl. EBD. 395 Vgl. EBD. MARCO BEHRINGER 84 science + fiction könnten auf der Basis des reziproken Verhältnisses von Wissenschafts- und Science-Fiction-Rezeption in Science Fiction und Wissenschaft theoretisiert werden. Dieser Rezeptionsansatz legt Science Fiction demnach lediglich als populärkulturelle Wissenschaftsrezeption dar, wodurch eine ideologiekritische Perspektive genauso fehlt wie das Verhältnis von Science Fiction zur Technik und die Bedeutung von Science Fiction als soziokulturelles Phänomen. Die Ausstellungen Wunschmaschine Welterfindung. Eine Geschichte der Technikvisionen seit dem 18. Jahrhundert und science + fiction – zwischen Nanowelt und globaler Kultur haben technische Utopien und Visionen, Utopien und Science Fiction thematisiert und exponiert. Während Wunschmaschine Welterfindung im Rückblick die historischen Technikvisionen und Technikutopien behandelte, diskutierte science + fiction vor allem das Verhältnis von Wissenschaft und Science Fiction. Science Fiction war gut dazu geeignet, im Rahmen von Ausstellungen interdisziplinäre Wissensvermittlung von Wissenschaft und Technik einem interessierten Publikum näherzubringen. Science-Fiction-Exponate wurden bei beiden Ausstellungen neben wissenschaftlichen, künstlerischen und anderen populärkulturellen Exponaten ausgestellt, wodurch reziproke Beeinflussungen oder neue Korrelationen sichtbar wurden. Die Interpretationsansätze beider Sonderausstellungen lassen ideologiekritische Gesichtspunkte außen vor und berücksichtigen nur zum Teil soziokulturelle Aspekte. Nachdem im Anschluss an die Rezeption von Science Fiction erste theoretische Anmerkungen behandelt wurden, werden im nächsten Abschnitt interdisziplinäre theoretische Ansätze zur Science Fiction eruiert. 6 Theoretische Ansätze Es gibt Beispiele die zeigen, wie Ideen aus Science-Fiction-Romanen von Erfindern realisiert wurden. Der Physiker Leo Sztilard gab zum Beispiel selbst an, bei der Erfindung der Atombombe von H. G. Wells‘ Roman The World Set Free396 (1914) beeinflusst worden zu sein. Zwei CIA-Agenten beschuldigten den Science-Fiction-Schriftsteller John Cartmill außerdem des Landesverrats, weil dieser in einer Erzählung den Bau einer Wasserstoffbombe so detailliert schildert, wie sie sonst nur in geheim gehaltenen Dokumenten enthalten waren.397 Ein anderes, allgemein geläufiges Beispiel, das in diesem Zusammenhang aufgeführt werden kann, ist der Fall des KI-Forschers Marvin Minsky, der sich einen ersten Begriff einer möglichen Technologie der Telepräsenz und Telerobotik durch die Lektüre von 396 WELLS, H. G.: Befreite Welt. Hamburg u.a. 1985. 397 PÄCH, SUSANNE: Das literarische Gedankenexperiment – zur Technikgeschichte der Science Fiction, in: Guderian, Dietmar (Hg.): Technik und Kunst (=Technik und Kultur; Bd. 7). Düsseldorf 1994, S. 439-449, hier S. 439. GREEN AND CLEAN? 85 Robert A. Heinleins Waldo398 (1940) machte.399 Oder auch das berühmte Beispiel des britischen Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke, der bereits in den 1940er Jahren die Idee zu geostationären Satelliten in der Erdumlaufbahn hatte.400 Die Interpretation von Science Fiction als unterhaltsame Vorhersagetechnik war weit verbreitet und wurde sogar von renommierten Soziologen propagiert: Anthony Giddens macht in seinem Buch Konsequenzen der Moderne401 darauf aufmerksam, dass die großen soziologischen Vertreter die Industrialisierung des Krieges und dessen Konsequenzen nicht prognostiziert hätten, aber dafür ihr Zeitgenosse H. G. Wells – in dessen Roman The World Set Free.402 Doch auch die Schriftsteller selbst trugen dazu bei, dass sie nicht nur als Autoren, sondern auch als Propheten rezipiert wurden.403 Diese Fälle legen Science-Fiction-Apologeten und enthusiastischen Kritikern den Schluss nahe, die Science Fiction könne die Zukunft vorhersagen. Daraus wiederum könnte sich eine Theorie ableiten lassen, die Science Fiction als Vorhersagemethode betrachtet. Im Folgenden sollen theoretische Ansätze auch in Bezug auf die Forschungsfrage hin diskutiert werden. Dafür sind die teils lose in Aufsätzen verteilten Theorieansätze oder auch ausführlicher eruierten Thesen überhaupt zu einem benannten Ansatz zusammengefasst worden, um eine möglichst systematische Herangehensweise zu erleichtern. Zuerst wird der Futuristic-Fiction- Ansatz vorgestellt, der sich aus einer komparatistischen Auseinandersetzung der Futurologie und der Science Fiction herauskristallisiert hat. Sodann folgt die Erörterung des Social-Fiction-Ansatzes, der eine soziologische Perspektive einnimmt, woraufhin im Linguistic-Fiction-Ansatz eine sprachwissenschaftliche Analyse der Science Fiction vorgestellt wird. Zuletzt folgt im Technocratic-Fiction-Ansatz eine ideologiekritische Betrachtungsweise auf die Science Fiction, die stark vom Kulturbegriff der Vertreter aus der Kritischen Theorie geprägt ist. 398 Im Kurzgeschichtensammelband: HEINLEIN, ROBERT A.: Die Zeit der Hexenmeister. München 1970. 399 Vgl. HOFFMANN, UTE; MARZ, LUTZ: Leibildperspektiven. Technische Innovationen zwischen Vorstellung und Verwirklichung, in: Burmeister, Klaus; Steinmüller, Karlheinz (Hg.): Streifzüge ins Übermorgen (wie Anm. 346), S. 197-222, hier S. 197. 400 Vgl. PÄCH, SUSANNE: Das literarische Gedankenexperiment (wie Anm. 397), S. 440. 401 GIDDENS, ANTHONY: Konsequenzen der Moderne. Frankfurt am Main 1995. 402 Vgl. SCHRÖDER, TORBEN: Science Fiction als Social Fiction. Das gesellschaftliche Potential eines Unterhaltungsgenres (=Studien zur Science Fiction; Bd. 1). Münster 1998, S. 33. 403 Vgl. PÄCH, SUSANNE: Das literarische Gedankenexperiment (wie Anm. 397), S. 439. MARCO BEHRINGER 86 6.1 Futuristic Fiction Science Fiction wird in Anlehnung an die Technikfolgenabschätzung als „Futuristic Fiction“404 ausgelegt. Technische Zukunftsfiktionen werden demzufolge durch ein antagonistisches, aber auch komplementäres Prinzip bestimmt, dass sich aus dem bipolaren Spannungsfeld des Machbaren und des Nicht-Machbaren ergibt: Die Vorhersagen der Science Fiction sind durch ein wissenschaftliches Verständnis legitimiert, das auf methodischen und systematischen Erkenntnissen im Blickfeld des Möglichen beruht.405 Darüber hinaus postuliert Science Fiction, dass sich keine Grenze zwischen dem „Seinsmöglichen und Seinsunmöglichen“406 ziehen lässt. Daraus ergibt sich folglich eine erkenntnis-theoretische Diskrepanz, die durch Metaphern überbrückt werden, die das Phantastische und Unvorstellbare als objektive Wahrscheinlichkeit erläutern.407 Dadurch entsteht wiederum eine neue Realitätsebene, die an Stelle der Normen und der objektiven Wirklichkeit tritt und diese reformuliert, wodurch Science Fiction erkenntnisorientiert und nicht handlungsorientiert erscheint.408 Die multiplen, wahrscheinlichen Reziprozitäten zwischen dem sozialen System und technischen Erneuerungen lassen sich durch Science Fiction zwar nicht treffsicher vorhersagen,409 aber dem Unterhaltungsgenre kommt eine Orientierungsfunktion im Kontext von Technikfolgenabschätzung zu. Dadurch, dass das Genre technische Leitbilder vermittelt, werden technische Möglichkeiten generiert, selektiert und eliminiert.410 Die Möglichkeit von Science Fiction liegt infolgedessen darin, durch eine kritische Auseinandersetzung mit Normen und empirischen Kategorien der Realität geistige Potentialräume zu kreieren, die die Wirklichkeit als „Spielfeld“ präsentiert, das verändert werden kann – Bestehendes und Vorstellbares können auf diese Weise aus ihrem konventionellen Umfeld entlehnt und in neue Zusammenhänge gestellt werden.411 Dieses Potential der Science Fiction lässt sich mit dem Begriff „feldgenerierende Leitbilder“412 zusammenfassen, der ideal-imaginäre Potentiale mit einer prinzipiellen Konkretisierungsabsicht meint, die wissenschaftliche oder techni- 404 HOFFMANN, UTE; MARZ, LUTZ: Leibildperspektiven (wie Anm. 399), S. 197-198. 405 Vgl. EBD., S. 215. 406 EBD. 407 Vgl. EBD. 408 Vgl. EBD. 409 Vgl. ZWECK, AXEL: Technikfolgenabschätzung und Science Fiction; in: Burmeister, Klaus und Steinmüller, Karlheinz (Hg.): Streifzüge ins Übermorgen (wie Anm. 346), S. 179-196, hier S. 183-184. 410 Vgl. HOFFMANN, UTE; MARZ, LUTZ: Leibildperspektiven (wie Anm. 399), S. 214. 411 Vgl. EBD., S. 216. 412 EBD. GREEN AND CLEAN? 87 sche Systeme anregen können.413 Im Gegensatz zu technischen Leitbildern besitzen technische Utopien keine Verwirklichungsmöglichkeit, weil diese nur im Erkenntnisbereich stattfinden und damit keinen Anschluss an Systeme, Strukturen oder Prozesse erhalten, die eine tatsächliche Umsetzung gewährleisten würden. Eine Übereinstimmung zwischen technischen Leitbildern und Technikutopien liegt jedoch bei der Filterung und Steuerung von inflationär verbreiteten Ideen vor: Indem Science Fiction technische Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungswahrscheinlichkeiten adaptiert und extrapoliert, kann das Genre diese Trends in neue Zusammenhänge stellen und die Verbreitung von technischen Leitbildern beschleunigen.414 Demgemäß kommt Science Fiction eine Sinnsteuerungsfunktion zu. Durch die verfremdete Darstellung innovativer Technikgebiete und -anwendungen kann Science Fiction bestehende Sinnzuschreibungen erweitern, verlagern oder zuordnen.415 Eine weitere Überlegung zur Vorhersagefähigkeit von Science Fiction ergibt sich durch einen Rückgriff auf die Futurologie. Wenn Science Fiction als eine auf die Zukunft bezogene Unterhaltungssparte interpretiert wird, dann kann, wie in der Futurologie, von mehreren variablen und indeterminierten Zukünften gesprochen werden.416 In Hinsicht auf die ästhetisierende Darstellungsform der Science Fiction wird im Kontext dieser Facettenartigkeit der Zukunft von einem „Fächer von virtuellen Zukünften“417 gesprochen, wobei auch diese Zukunftsmöglichkeiten nicht als Prognosen verstanden werden, weil sie nur spezifische Zukunftsaspekte thematisieren und andere ausblenden, wodurch sie einen Modellcharakter besitzen.418 Auch die Zukunftsforschung besitzt Modelle, durch die sie mögliche Zukunftsszenarien – im Gegensatz zu anderen Verfahren auch auf einen Zeitraum, der über fünf Jahre hinausgeht – auf wissenschaftlichen Grundlagen erstellen.419 Diese Parallele von Science Fiction und Futurologie erscheint plausibel, obgleich die jeweiligen Modelle sicherlich nicht die gleiche Qualität aufweisen. Die schwer zugängliche Futurologie richtet sich ohnehin an ein Fachpublikum, während sich die populär aufbereitete Science Fiction an ein breites Publikum wendet.420 Science Fiction besitzt zwar keine direkte Verwirklichungsmöglichkeit, aber eine indirekte Gestaltungsmöglichkeit, und zwar in dem Sinne, dass 413 Vgl. EBD. 414 Vgl. EBD. 415 Vgl. EBD., S. 216-217. 416 SCHRÖDER, TORBEN: Science Fiction als Social Fiction (wie Anm. 402), S. 35. 417 SIMON, ERIK: Der Zerfall der Zukunft. Die kommunistische Utopie im Werk der Strugatzkis (wie Anm. 336), S. 145. 418 Vgl. SCHRÖDER, TORBEN: Science Fiction als Social Fiction (wie Anm. 402), S. 35. 419 Vgl. EBD., S. 36. 420 Vgl. EBD. MARCO BEHRINGER 88 durch nachvollziehbare Szenarien die Zukünfte als potentiell zu gestaltende Spielräume thematisiert und Entwicklungspotentiale vorgeführt werden.421 Zusammenfassend kann man festhalten, dass Science Fiction im erkenntnistheoretischen Raum stattfindet und infolgedessen nicht verwirklicht werden kann. Dahingegen kann sie trotzdem auf kommende Zeiträume einwirken. Sie selektiert markante technische Entwicklungstrends, gibt ihnen neue Bedeutungszusammenhänge und thematisiert die Zukunft als potentiell zu gestaltenden Raum. Wie im Rezeptionsteil herausgestellt wurde, wird Science Fiction als Vorhersagemethode interpretiert, was auch in diesem als Futuristic Fiction zusammengefassten Ansatz geschieht. Der Unterschied ist, dass Science Fiction im Gegensatz zur Ausstellung Wunschmaschine Welterfindung und den dort formulierten „mnemotechnischen Strukturen“ eine modellcharakteristische Einwirkung auf die Zukunft zugesprochen wird. In beiden Fällen wird jedoch die sinnstiftende Funktion von Science Fiction hervorgehoben. Die Orientierungsund Sinnsteuerungsfunktion erscheint für vorliegende Arbeit ausschließlich in Hinblick auf Technisches relevant. Für vorliegende Arbeit und die daran geknüpfte Forschungsfrage erscheint es dagegen unerheblich, ob und inwiefern Science Fiction die Zukunft vorhersagt oder beeinflusst, und, ob Science Fiction verschiedene Zukunftsversionen skizziert. Nach dieser Interpretation der Science Fiction im Vergleich mit der Futurologie und in Hinblick auf Technikfolgenabschätzung soll im Folgenden der Social-Fiction-Ansatz vorgestellt werden. 6.2 Social Fiction Oft erweisen sich die vermeintlichen Zukunftsbilder von Science Fiction weniger als Spekulationen über die kommende Zeit, sondern mehr als normativer Gradmesser der jeweils gegenwärtigen sozialen Ängste, Wünsche und Hoffnungen – meist in Bezug auf Technik respektive auf den technischen Fortschritt. Science Fiction wird infolgedessen nicht als populärkulturelles Substitutionsmedium für andere Vorhersageformen interpretiert, sondern als literarisches Produkt, das gattungstypisch die Zukunft als Aspekt und Entwicklungsspielraum der Gegenwart thematisiert.422 Science Fiction vermittelt in Gestalt vordergründiger und ästhetisierter Zukunftsmöglichkeiten somit die Probleme der jeweiligen Gegenwart.423 Science Fiction kann Wirkungszusammenhänge herausstellen, die einer Sichtweise auf die Gegenwart bisher noch entgangen waren.424 So 421 EBD., S. 36-37. 422 Vgl. SIMON, ERIK: Der Zerfall der Zukunft (wie Anm. 336), S. 145. 423 Vgl. EBD. 424 Vgl. SCHRÖDER, TORBEN: Science Fiction als Social Fiction (wie Anm. 402), S. 37. GREEN AND CLEAN? 89 fungiert Science Fiction im Idealfall wie ein Makroskop, das dabei hilft, aus einer imaginären Sichtweise, historische Entwicklungen und in sich gegliederte soziokulturelle Kontexte in ihrer schematischen Ganzheit und ihrem zukunftsoffenen Potential wahrzunehmen, wodurch die Rezipienten auf kommende Prozesse vorbereitet und in ihrer Gegenwart zu einem Zukunftsdenken angeregt werden.425 Oft werden Themen – zum Beispiel die Umweltverschmutzung oder die Datenvernetzung – behandelt, lange bevor sie im öffentlichen Diskurs zirkulieren, wodurch ein Prä-Diskurs anregt wird.426 Ein weiterer Aspekt im Zusammenhang mit dem Gegenwartsbezug von Science Fiction erschließt sich auf der narrativen Ebene. Science- Fiction-Autoren bleiben beim Erzählen, trotz der Simulation einer „Zukünftigkeit“, stets ihrer Gegenwart verhaftet: Sie sind wie ihre Rezipienten abhängig vom entsprechenden gegenwärtigen Stand der Sprache und des Wissens.427 Science-Fiction-Autoren inszenieren demgemäß keine futuristischen Welten, sondern verfremdete Gegenwartswelten, damit die Leser ihre Geschichten nachvollziehen können.428 Dabei lassen sich zwei Typen von Gegenwartsverfremdungen unterscheiden: Die nicht-bewusste Spiegelung erfolgt durch unreflektierte Integration gegenwärtiger Elemente und die bewusste Reflexion hebt signifikante Aspekte der Gegenwart durch Verfremdung hervor.429 So werden bei der unbewussten Reflexion unbekümmert militärische, geschlechtsspezifische oder machtpolitische Aspekte der Gegenwart in futuristisch anmutende Szenarien übertragen, die anachronistisch wirken.430 Die Autoren extrapolieren demnach gar nicht, sondern begnügen sich mit dem Kunstgriff der Verfremdung. Sicherlich trifft diese Sichtweise nicht auf alle Formen der Science Fiction zu, aber ein signifikanter und populärer Typus wird dadurch deutlich beschrieben. Oftmals werden auch nur einzelne Teile der Lebenswelt extrapoliert – als Beispiel kann hierfür vor allem der technische Bereich aufgeführt werden.431 Trotzdem kann die Themenwahl häufig als Reaktion auf brisante Ereignisse der Ge- 425 Vgl. STEINMÜLLER, KARLHEINZ: Science fiction – Werkzeug oder Sensor einer technisierten Welt? Vortragsreihe (=Fantasia; 94; Erster Deutscher Fantasy-Club: Schriftenreihe ; 20). Passau 1995, S. 84. 426 SCHRÖDER, TORBEN: Science Fiction als Social Fiction (wie Anm. 402), S. 38. 427 Vgl. EBD., S. 39-41; vgl. auch HALLENBERGER, GERD: Macht und Herrschaft in den Welten der Science-fiction. Die politische Seite der SF: Eine inhaltliche Bestandsaufnahme (=Studien zur phantastischen Literatur; Bd. 3). Meitingen 1986; zugl.: Marburg, Univ., Diss., S. 95. 428 Vgl. SCHRÖDER, TORBEN: Science Fiction als Social Fiction (wie Anm. 402), S. 41. 429 Vgl. EBD., S. 41-42. 430 Vgl. EBD., S. 42-43. 431 Vgl. EBD., S. 43. MARCO BEHRINGER 90 genwart interpretiert werden. Als der Astronom Giovanni Schiaparelli beispielsweise die so genannten Marskanäle entdeckte, folgten zahlreiche Marsromane.432 Auch ohne empirische Befunde darf angenommen werden, dass die unreflektierte Spiegelung der Gegenwart mit der Trivialität proportional ansteigt. So wird innerhalb der Science Fiction in wenigen Fällen Gegenwartskritik betrieben. Durch eine verfremdete und bewusste Paraphrasierung der Gegenwart als Zukunftswelt konnten jedoch einige Science-Fiction-Autoren der DDR indirekte Systemkritik ausüben.433 Grundsätzlich ist die lösungsorientierte Thematisierung von alltagspolitischen Problemen durch den Kunstgriff der Verzerrung der Gegenwart möglich.434 Festzuhalten ist, dass Science Fiction bildhaft gesprochen wie ein Makroskop gegenwärtige Entwicklungen selektiv aufgreifen und in einem Prä-Diskurs thematisieren kann. Darüber hinaus entlehnen Science- Fiction-Autoren beim narrativen Aufbau bewusst oder unreflektiert geläufige Elemente ihrer gegenwärtigen Welt, um ihre Geschichten zugänglich zu gestalten. Gegenwartskritik respektive eine soziokulturell lösungsorientierte Inszenierung ist durch die Integration von als solche nachvollziehbaren tagesaktuellen Politikthemen möglich, aber nicht typisch. Im Kontext der Rezeption von Science Fiction wurde durch die Sonderausstellung science + fiction herausgestellt, dass Science Fiction als literarische Wissenschaftsrezeption betrachtet werden kann, was sich im Social-Fiction-Ansatz insofern wiederfindet, als dass die jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Regel aus dem gegenwärtigen Forschungsstand übernommen werden. Abgesehen davon verlässt der Social-Fiction-Ansatz den Vorhersagebezug der Futuristic Fiction, um narrative und soziokulturelle Aspekte zu hinterfragen. Zur Beantwortung der Forschungsfrage hilft die Social-Fiction-Theorie nur begrenzt. Denn, um Technikbilder zu analysieren, ist es sekundär, ob Science Fiction Elemente aus der entsprechenden Gegenwart bezieht, vor einem öffentlichen Diskurs vorab thematisiert und dies bewusst oder unreflektiert macht. Im nächsten Abschnitt werden literarische Überlegungen angestellt, indem der Linguistic-Fiction-Ansatz eruiert wird. 432 Vgl. EBD., S. 44. 433 Vgl. SPITTEL, OLAF R.: Wie denkt Science Fiction? Utopie und Realität, Science Fiction und Zukunft – made in G.D.R., in: Burmeister, Klaus; Steinmüller, Karlheinz (Hg.): Streifzüge ins Übermorgen (wie Anm. 346), S. 165-178, hier S. 175. 434 Vgl. HALLENBERGER, GERD: Macht und Herrschaft in den Welten der Science-fiction (wie Anm. 429), S. 91. GREEN AND CLEAN? 91 6.3 Linguistic Fiction Der Futuristic-Fiction- und der Social-Fiction-Ansatz erteilen zwar Absagen an die Prognosefähigkeit der Science Fiction, bemühen sich jedoch darum, die Science Fiction als belletristische Analyseliteratur zu beschreiben. Der Linguistic-Fiction-Ansatz entfernt sich demgegenüber, indem er von der literaturwissenschaftlichen Ebene ausgeht. Ausgangspunkt ist die Problematik im Kontext von technisch-naturwissenschaftlichen Themen und den damit einhergehenden Fachsprachen, die von den jeweiligen Schriftstellern nicht einmal für den gegenwärtigen Stand angemessen adaptiert und ausbuchstabiert werden.435 Selbst Experten halten bei der Formulierung technikspezifischer Phänomene kaum Schritt und behelfen sich bei Vorträgen mit nichtsprachlichen Hilfsmitteln wie Diagrammen.436 Die mit vielen sprachtechnischen Hindernissen verbundene Vermittlung von technischen Befunden an ein Laienpublikum kann nur durch radikale Simplifizierungen und die Verwendung von obsoleter Wissenschaftssprache, die bereits im öffentlichen Sprachgebrauch bekannt ist, gelingen.437 Autoren müssen zudem ohne Rückgriff auf nichtsprachliche Hilfsmittel auskommen, womit ein zusätzliches Gewicht auf der sprachlichen Ausgestaltung liegt. Die meisten Science-Fiction-Schriftsteller behelfen sich mit sprachlichen Kunstgriffen und stilistischen Wortneubildungen, um ihre technischen Utopien zu umschreiben. So gehen viele Autoren vom gegenwärtigen Technikniveau auf ein von der Alltagssprache bereits vollständig bewerkstelligtes Niveau zurück, damit sie aus einem ausreichenden begrifflichen Spielraum und einfach zu vermittelnden imaginativen Entwürfen schöpfen können.438 Die Illusion einer Zukunftswelt erfolgt dann durch zweitrangige Modifikationen, indem die Autoren diese sprachliche Grundlage vergrößern, verkleinern oder kombinieren.439 Als Beispiel könnte in diesem Zusammenhang das oft verwendete „video-phone“ aufgezählt werden, das in unzähligen Science-Fiction-Romanen schon lange vor dem Zeitalter von Webcams Bild-Sprache-Kommunikation als Wunschvorstellung thematisierte. Das „video-phone“ – oder oft auch als „vid-phone“ und in älteren Beispielen als „Tele-Schirm“ oder unter ähnlichen Begriffen auftretende Technikutopie – besteht lediglich aus zwei bekannten englischen Begriffen. Dennoch soll die Rekombination dieser Wörter modern oder futuristisch klingen. 435 Vgl. SUERBAUM, ULRICH; BROICH, ULRICH; BORGMEIER, RAIMUND: Science Fiction. Theorie und Geschichte, Themen und Typen, Form und Weltbild. Stuttgart 1981, S. 20. 436 Vgl. EBD. 437 Vgl. EBD. 438 EBD., S. 20. 439 Vgl. EBD. MARCO BEHRINGER 92 Die Problematik der zwangsläufigen Gebundenheit von technischer Utopie und verständlicher Alltagssprache birgt Vor- und Nachteile in sich. Ein Vorteil ist, dass die imaginierten Technologien nicht detailliert beschrieben und durchdacht werden müssen, respektive diese technisch funktionieren müssen, weil die sprachliche Illusion ausreicht.440 Hiermit wird ein Phänomen von Science Fiction umschrieben, das die bisherigen Ansätze vermissen ließen. Denn bei all den gestalterischen und diskursiven Möglichkeiten, die Science Fiction im Idealfall bietet, handelt es sich bei technischen Utopien oft um ästhetisierende Worthülsen. Sicherlich wäre es vermessen, nun diesem Ansatz Allgemeingültigkeit für sämtliche Science Fiction zu gewähren, denn es ließen sich zahlreiche Gegenbeispiele aufzählen. Aber gerade ein Blick auf Science Fiction außerhalb der Belletristik bekräftigt diesen Ansatz: visuelle Medien wie Comics oder Filme benötigen nicht einmal die sprachliche Illusion – hier reicht schon die visuelle Ästhetisierung von Technik. Die sprachlichen Spitzfindigkeiten der Science-Fiction-Schriftsteller erhalten nichtsdestotrotz einen Nachhaltigkeitswert, der sogar die reale Erfindung der Utopismen überlebt. Die sprachlichen Technikutopien sind als Schöpfungen effektiv und flexibel verwendbar, was dadurch unterstrichen wird, dass die Beliebtesten fortbestehen, obwohl die technische Utopie zwischenzeitlich realisiert wurde – die Langlebigkeit einer technischen Utopie drückt sich demnach nicht in der Treffsicherheit der Vorhersage, sondern in der Etablierung sprachlicher Modelle, der ein Anschein von Zukunft anhaftet, aus.441 Zusätzlich verwenden Science- Fiction-Autoren bei der Umschreibung ihrer Detailutopien den Kunstgriff der Ablenkung, indem sie weniger die Technik selbst erläutern, als vielmehr den Umgang mit jener.442 Durch weitere manipulative literarische Stilmittel wie die Metapher oder die Personifizierung wird die Fantasie des Rezipienten manipuliert, wobei der Autor genau bestimmt, wie viel respektive wie wenig er an technischen Details angibt, um letztlich auf einem emotionalen Weg dennoch eine glaubwürdige technische Utopie darstellen zu können.443 Auf diese Weise suggeriert der souveräne Umgang mit futuristisch anmutender Technik, dass die entsprechende Technologie als eine selbstverständliche Nebensache des Zukunftsszenarios erscheint, und daher keiner den narrativen Rhythmus störenden Erklärung bedarf. In der Gesamtheit betrachtet, beurteilt die Linguistic-Fiction-Theorie die narrative Ebene der Science Fiction. Technikutopien werden oft durch ästhetische Mittel wie Simplifizierungen, die Verwendung von obsoleter 440 EBD. 441 Vgl. EBD., S. 20-21. 442 Vgl. EBD., S. 21. 443 Vgl. EBD. GREEN AND CLEAN? 93 Wissenschaftssprache, Ablenkungen, Neologismen, Metaphern oder Personifizierungen erschaffen. Auch wenn der Linguistic-Fiction-Ansatz eindimensional wirkt, weil sich genügend Beispiele finden lassen, in denen technische Zukunftsvisionen auf detailverliebte und naturwissenschaftlich-technisch fundierte Weise beschrieben werden, stellt er dennoch einen Großteil der Science Fiction bloß, der auf genau diese Weise funktioniert. Eine weitere Einschränkung des Ansatzes ist, dass er sich in erster Linie auf Science-Fiction-Literatur bezieht und damit andere Medien nicht erfasst, wobei die Kernaussagen auch auf Massenmedien übertragen werden können. Im nächsten Abschnitt wird der Technocratic- Fiction-Ansatz eruiert, der im Gegensatz zu den bisherigen theoretischen Ansätzen keine zukunftsbezogene oder sprachliche Ebene anvisiert, sondern eine ideologiekritische Position einnimmt. 6.4 Technocratic Fiction Um Science-Fiction-Literatur eine klar umrissene Kontur zu verleihen und gegenüber Utopie-Literatur abzugrenzen, hat Nagl den Bezug zur technokratischen Ideologie untersucht, weil innerhalb von Science Fiction eine ideologisch aufgeladene Ansicht von Naturwissenschaft und Technik vorherrscht.444 Diese Ideologie basiert auf einer prinzipiell gefühlsbetonten Einstellung gegenüber Technischem, durch die eine Vergegenständlichung und Entitätslehregenese vollzogen wird.445 Die technokratische Ideologie beschreibt Technik als faktisch gegebenen Tatsachenzwang, als vermeintlich handelnden Akteur der Geschichte, wodurch Herrschaftsstrukturen normativ konstituiert werden.446 Ein Blick auf die Szenarien, Motive und Inhalte gängiger Science Fiction bestätigt die These: Die bedrohlichsten Szenarien werden oft durch technische Höchstleistungen gemeistert. Oft geht die Bedrohung selbst von Technik aus, wird aber im Gegenzug durch diese wieder gelöst, da sie als beispielloses, jedoch steuerbar-eigenlogisches Instrument für einen Gesellschaftswandel zum Besseren vermittelt wird.447 Technik wird somit ideologisch gedeutet respektive bewertet, wobei in der Regel die Kraft technischer Leistung betont und die sozialen Ungerechtigkeiten, die aufgrund von Herrschaftsstrukturen bestehen, nivelliert werden.448 Herrschaft und Technik lösen sich auf diese Weise von jeglicher Rechtfertigung, weil jede Form 444 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 18. 445 Vgl. EBD. 446 Vgl. EBD. 447 Vgl. EBD. 448 Vgl. EBD., S. 19. MARCO BEHRINGER 94 von denaturalisierter, hypostasierter Herrschaft unter einem Legitimationsdefizit krankt.449 Ergänzend dazu erscheinen im Kontext von Science Fiction Technik und technische Utopien als „Herrschaftsgeste“450. Utopismen werden demzufolge als ästhetisierte Überlegenheitspose hochindustrialisierter Gesellschaften oder technisch fortschrittlicher Akteure verstanden. Infolgedessen wird Science Fiction als systemkonforme Reflexion des politischen und sozialen Status Quo und deren entsprechenden ideologischen Auffassung interpretiert.451 Die Ideologie und die Unterstützung vorherrschender politisch-ökonomischer Relationen „verharren“ jedoch im Hintergrund der Science-Fiction-Szenarien: im Vordergrund steht die Verherrlichung von Technik, die als Rauschmittel und Katalysator grenzenloser Allmachtphantasien angepriesen und vom Leser ebenso rezipiert wird.452 Der schillernde Vordergrund stützt in diesen Fällen somit den ideologischen Überbau. Das technisch-wissenschaftlich legitimierte Unterhaltungsgenre kann darüber hinaus zur Internalisierung von technokratischen Ideologien oder Sachverhalten verwendet werden. Greifbar wird es, wenn Science Fiction instrumentalisiert wird, um eine Steigerung der Technikakzeptanz herbeizuführen. Schröder führt diesbezüglich die Raumfahrt auf und erwähnt konkrete Autoren, die mit ihrem Werk auf eine Popularisierung der Raumfahrt abzielten ohne damit einhergehende soziale Folgen zu behandeln.453 Derartige Beispiele stellen allerdings Singularitäten dar. Die Technocratic-Fiction-Theorie untersucht nicht nur die inhaltliche Ebene von Science Fiction, sondern nimmt auch die soziale Herkunft der Science-Fiction-Konsumenten in Augenschein. In diesem Kontext wurde festgestellt, dass Science Fiction seit den ausgehenden 1960er Jahren in zunehmendem Maße von einer Schicht konsumiert wurde: der Dienstleistungsklasse.454 Hier wird ein Prozess herausgestellt, der als Gliederung und Ausdehnung der Arbeiterschaft beschrieben werden kann, in dessen Folge eine Proletarisierung der technischen und wissenschaftlichen Elite steht.455 Die Vertreter dieser lohnabhängigen Schicht lassen sich aufgrund ihrer differenzierten hierarchischen Stellung zwar nur bedingt in die konventionellen Klassenmodelle einfügen, aber ein gemeinsames Merk- 449 Vgl. EBD. 450 BÖHME, GERNOT: Technische Zivilisation, in: Ders.: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Darmstädter Vorlesungen (=Edition Suhrkamp; Bd. 301). Frankfurt am Main 1985, S. 167-182, hier S. 176. 451 Vgl. BAUSINGER, HERMANN: Technik im Alltag (wie Anm. 55), S. 237. 452 Vgl. EBD. 453 Vgl. SCHRÖDER, TORBEN: Science Fiction als Social Fiction (wie Anm. 402), S. 56-57. 454 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 208. 455 Vgl. EBD. GREEN AND CLEAN? 95 mal dieser neu in den Produktionsprozess assimilierten Gruppen ist in der Regel neben einer (klein)bürgerlichen Herkunft, eine entsprechende unpolitische Einstellung und Konformitätsbereitschaft.456 Dieser Befund erweist sich als hilfreich, um den unmittelbaren Einfluss des Kapitalverwertungsprozesses auf umfassende Teile der soziokulturellen Produktion zu ermitteln.457 Kulturelle Pro-dufte erweisen sich in dieser Analyse innerhalb eines Systems als subsystemisch-ideale Dienstleistungsprodukte.458 Nagl beruft sich dabei auf Friedrich Behrens, der Dienstleistungsproduzenten nicht nur als ökonomische, sondern auch kulturelle Produzenten ansieht, die „Gedankengut“ zur Herrschafts- und Gesellschaftsstruktursicherung produzieren.459 Science Fiction zählt wiederum als fortschrittlichstes Produkt des kulturellen Dienstleistungssektors, die an die jüngsten Beteiligten des sich sozial ausweitenden Verwertungsprozesses adressiert sind.460 Dabei erzeugt Science Fiction bei den lohnabhängigen Rezipienten, die für die Organisation und Kontrolle des Produktionsprozesses verantwortlich sind, eine systemkonforme Internalisierung, wobei die soziale Umverteilung des Ende-Produktes und dessen Mehrwert nicht in ihren Kompetenzbereich fallen.461 Auf der Inhaltsebene vollzieht sich die Legitimation des politischen Systems durch eine explizite Abgrenzung von wissenschaftlich-technischen und ökonomischen von sozial-politischen Prozessen, während der technisch-ökonomische Sektor selbständig und ausnahmslos zweckrationalen und effektivitätssteigernden Kriterien in Reinform unterliegt.462 Durch die eindimensionale Gleichsetzung der gesellschaftlichen Aufwärtsentwicklung als Verbesserung des vorherrschenden Produktionsverwertungsprozesses,463 verkommt der ehemals erneuernde Fortschrittsleitgedanke unter der Apostrophierung als Innovation zum Herzstück der Erhaltung des Bestehenden.464 In der Science Fiction werden auf diese Weise soziale Abwertung und Herabsetzung innerhalb dieser technokra- 456 Vgl. EBD., S. 209-210. 457 Vgl. EBD., S,. 210. 458 Vgl. EBD. 459 Vgl. BEHRENS, FRIEDRICH: Produktive Arbeit und technische Intelligenz. O. O. u. J. [Raubdruck], S. 26. 460 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 210. 461 Vgl. EBD. 462 Vgl. EBD., S. 210-211. 463 Vgl. EBD. 464 Vgl. HABERMAS, JÜRGEN: Verrufener Fortschritt – Verkanntes Jahrhundert. Zur Kritik an der Geschichtsphilosophie, in: Ders.: Arbeit, Erkenntnis, Fortschritt. Aufsätze 1954-1970 (=Schwarze Reihe; Bd. 10). Amsterdam 1970, S. 112-121, hier S. 113. MARCO BEHRINGER 96 tischen Grenzenlosigkeit ermöglicht.465 Darüber hinaus wird hinter der auf technisches Besitzdenken basierenden Vernunfthaltung eine komplexitätsreduzierende Entäußerung sämtlicher Entscheidungsprozesse und normativer Richtlinien auf Technisches herbeigewünscht.466 Das Ziel der Selbstvergegenständlichung467 des Menschen wird demgemäß innerhalb einer Entfremdungsstrategie verfolgt. Technik wird zu einem fehlinterpretierten Gegenstand, der sich von seinem Ursprung gelöst hat, um an die sozialen Produktionsverhältnisse anzuknüpfen.468 Der Mythos ersetzt innerhalb der technokratischen Ideologie nach Adorno und Max Horkheimer letztlich das dialektische Wissen.469 Aus den faschistischen Formen dieser Verknüpfungen von Reaktion und haltloser Technokratie generiert sich die Idealvorstellung einer „technisierten Barbarei“470 oder einer „Dschungelvorstellung vom Leben“471. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen einem auf zweckrationale Formalität beschränkten Vernunftdenken auf der einen, und einer Bereitschaft zu irrationalen Wahnvorstellungen auf der anderen Seite.472 Anstelle des sozialen und historischen Kontextes tritt der technokratische „Kitt“.473 Ergänzend zu dieser Feststellung kann die Psychoanalyse herangezogen werden. Die bedingungslose Empfangsbereitschaft technokratischer Akteure für irrationale Formen erweist sich als Widerpart des Hyperrationalismus, was psychologisch als Ersatzhandlung eingeordnet wird. Der durch die Zweckrationalität unterdrückte humane Aspekt tritt in Form einer Aufwertung des Übernatürlichen in Erscheinung.474 Ferner liegt Science Fiction eine systemerhaltende Grundeinstellung zugrunde, in der eine irrationale Teilaufklärung an die Stelle von politischer Handlung tritt und der Bedarf an Rationalität durch pseudo-wissenschaftliche Metaphysik befriedigt wird.475 Eine vernünftigere Gesellschaftsform ist in 465 Vgl. ADORNO, THEODOR W.: Aldous Huxley und die Utopie, in: Ders.: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft (=dtv; Bd. 159). München 1963, S. 92-117, hier S. 96. 466 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 211. 467 Der Gedanke der „Selbstobjektivation des Menschen“ stammt von HABERMAS, JÜRGEN: Praktische Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, in: Ders.: Arbeit, Erkenntnis, Fortschritt (wie Anm. 466), S. 335-355, hier S. 354. 468 Vgl. ADORNO, THEODOR W.: Aldous Huxley und die Utopie (wie Anm. 467), S. 112. 469 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 214. 470 EBD. 471 HABERMAS, JÜRGEN: Konsumkritik – eigens zum konsumieren, in: Ders.: Arbeit, Erkenntnis, Fortschritt (wie Anm. 466), S. 47-55, hier S. 55. 472 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 216. 473 Vgl. EBD. 474 Vgl. MITRANI, NORA: Die Zweideutigkeit der Technokratie, in: Koch, Claus; Senghaas, Dieter (Hg.):Texte zur Technokratiediskussion. Frankfurt am Main 1970, S. 71-89, hier S. 87. 475 Vgl. NAGL, MANFRED: Science Fiction in Deutschland (wie Anm. 1), S. 221. GREEN AND CLEAN? 97 diesem Genre in der Regel deshalb nicht möglich, weil das Vorherrschende als positiv betrachtet wird oder der Boden der Realität in unpolitische Sphären verlassen wird.476 Ausnahmen bestätigen die Regel: eine Minorität durchbricht das technokratische Ideologiemuster.477 Im Gegensatz zu den Ansätzen, die in diesem Kapitel als Futuristic Fiction und Social Fiction vorgestellt wurden und die das Potential von Science Fiction ausgelotet haben, betrachtet der Technocratic-Fiction- Ansatz Science Fiction ideologiekritisch durch die Brille der Kritischen Theorie. In weiten Teilen und für den Großteil der Science Fiction wird diese pessimistische Einschätzung tatsächlich zutreffen. Aber Nagl zählt selbst bereits Gegenbeispiele auf und verweist auch darauf, dass für eine grundlegende Änderung die Marktmechanismen ignoriert werden und ein Selbstverständnis als Gegenliteratur entwickelt werden müsste.478 Summa summarum sehen die Futuristic-Fiction- oder die Social- Fiction-Theorie die Chancen in einer Analysemöglichkeit von Science Fiction – in der Bereitstellung von Zukunftsmodellen bezüglich selektiver Extrapolationen oder in der Verfremdung gegenwärtiger Entwicklung. Der Linguistic-Fiction-Ansatz reduziert Science Fiction auf eine narrative Spielart. Schließlich interessiert sich der Technocratic-Fiction-Ansatz weder um Extrapolation, noch um die Abbildung gesellschaftlicher Ängste und Wünsche oder die sprachlichen Lösungen zur Darstellung technischutopischer Zukunftsbilder. Vielmehr stellt er die Science Fiction als systemerhaltendes Kulturprodukt dar, geschaffen in einem zweckrationalisierten Produktionsprozess zur Unterstützung desselben. Das Gros von Science Fiction wird demgemäß als irrationale Projektionsfläche für unterdrückte Emotionen gedeutet. Alle Ansätze sind sich darüber einig, dass in Science Fiction nicht die Zukunft prognostiziert wird, vergessen dabei jedoch, dass nicht alle Science-Fiction-Szenarien zwangsläufig in einer Zukunftswelt spielen. Was diesbezüglich nicht in Abrede gestellt werden soll ist, dass auch Formen der Science Fiction ohne Zukunftsbezug soziale Diskurspotentiale entfalten, sprachliche Neologismen enthalten oder systemerhaltende Ideologien propagieren. Zur Beantwortung der Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit eignet sich primär die Technocratic-Fiction-Theorie, da dieser Ansatz dezidiert das Verhältnis von weltanschaulichen Aspekten – Technik und Herrschaft – und Science Fiction behandelt. Im nächsten Kapitel erfolgt die Inhaltsanalyse ausgewählter Beispiele aus den Bereichen „Utopie“ und „Science Fiction“, die energetische Utopien enthalten. 476 Vgl. EBD. 477 Vgl. EBD., S. 222. Nagl nennt konkret Hal Clement, Stanislaw Lem und Iwan Jefremov. 478 Vgl. EBD.

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Zusammenfassung

Von Vulkankraftwerken bis hin zu lunarem Helium-3-Abbau zur Kernfusion: Science Fiction und Utopie sind seit jeher randvoll mit kühnen Ideen zur alternativen Energiegewinnung. Zweifelsfrei faszinieren diese literarischen Gedankenexperimente. Doch stehen diese Energie-Utopien auch für nachhaltigen Fortschritt und Umweltschutz? Sind sie „Green and Clean“? Oder doch eher ein Produkt technischen Wahnwitzes, folgenschwer für Umwelt, Mensch und Tier? Systematisch geht Marco Behringer diesen Fragen nach, indem er illustre Beispiele aus Literatur, Comic und Film seit dem Zeitalter der Industrialisierung untersucht. Dazu vergleicht er populäre Genre-Klassiker, typische Genre-Titel und zeitgenössische Bestseller – von Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ bis hin zu Marvels „Iron Man“.