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Vorwort in:

Ralf Uhl

Finale-Lösungen einer Bruckner-Sinfonie, page 9 - 10

Problemstellungs- und Lösungsprozesse, dargestellt an der IV. Sinfonie in Es-Dur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3967-0, ISBN online: 978-3-8288-6722-2, https://doi.org/10.5771/9783828867222-9

Tectum, Baden-Baden
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9 Vorwort Mit der musikalischen Analyse ist das so eine Sache. Der Autor verwendet hierzu einen vermeintlich wahrheitsgetreuen Notentext und legt sich mit seinen auf diese Quellen möglichst präzise stützenden Aussagen fest. Dadurch wird eine potentiell unumstößliche Wahrheit suggeriert, deren Präsenz im Bewusstsein des Komponisten zur Zeit des Planungs- und Schaffensprozesses vorausgesetzt werden könne. Inwiefern diese Analyse dem Werk und seiner Kommunikation in welch auch immer gearteter Weise zu Gute kommt, bleibt dabei nur allzu häufig im Verborgenen. Das macht jeden Analytiker und seine Arbeit angreifbar. Meiden daher die einen dieses Feld der Betrachtung und Auseinandersetzung, entschweben andere in eine ausufernde Komplexität, welche wie ein Schild gegen potentielle Kritik abperlende Eigenschaft vorweist. Die Transparenz einer Analyse ist in mehrerlei Hinsicht ein Bewertungskriterium. So sollen etwa auch komplexe Sachverhalte klar und gut verständlich nicht nur dem gelehrten Kenner, sondern auch dem gebildeten Liebhaber anschaulich vermittelt werden. Zugleich aber muss eine Analyse die Auseinandersetzung mit der Primärquelle so genau als möglich suchen. Beides steht sich mitunter gerne im Wege, zumal der Analytiker bei seiner Arbeit immerzu Acht geben muss, nicht über das Ziel hinaus zu schießen. Versucht man dann noch, potentiell valide Aussagen des Komponisten über sein eigenes Werk mit einzubeziehen, gerät man in das Fahrwasser gleich mehrerer Problemfelder. Inwiefern sind allgemeine Aussagen auf ein bestimmtes Werk griffig? Welche Absichten verfolgte der Komponist mit seinen Äußerungen? Ist der Wahrheitsgehalt solcher Aussagen generell unumstößlich? Wie sieht die Quellenlage und Überlieferung solcher Aussagen aus? Nicht selten führt die Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen zu bösen Konflikten über Generationen von Forschern hinweg, was durchaus der eigentlichen Arbeit wiederum dienlich sein kann – hält ein kontrovers geführter Diskurs bekanntlich die Sache doch am Leben. Der Fall Anton Bruckner glänzt in all den oben genannten Problemfeldern mit geradezu beispielhafter Präsenz. Eine potentielle Instrumentalisierung dieses Falles setzte bereits zu Lebzeiten des Komponisten ein, vollzog sich über alle Dekaden nach seinem Tod bis in unsere Zeit und reflektiert damals wie heute Zeitgeist und Parteizugehörigkeit im Wandel desselben. 10 Ralf Uhl | Finale-Lösungen einer Bruckner-Sinfonie Dies macht eine analytische Auseinandersetzung zu einem gewagten Unterfangen – von der Frage nach Sinn und Unsinn mal ganz abgesehen. Auch weit hundert Jahre nach dessen Tod ist Bruckners Musik ein bedeutender Baustein der Sinfonik – entgegen der Prophezeiung von Johannes Brahms, welche ebenfalls, wissentlich oder unwissentlich, vielfach in einem falschen Kontext reflektiert wurde, wie Erwin Horn aufzeigen konnte.1 Zudem stellt sich die Frage nach heutigen Bedürfnissen: Was muss eine Analyse leisten, was wird von einer Analyse erwartet und wie müssen die aufgezeigten Prozesse und Ergebnisse dem Rezipienten präsentiert werden? Auf die Idee einer solchen Arbeit brachte mich mein Doktorvater, als er mir schmunzelnd von einem Hauptseminar zu Bruckners Sinfonik berichtete, bei welchem die Teilnehmer enttäuscht auf die verwendete Sekundärliteratur reagierten, da anfängliche Hoffnungen auf einen transparenten Überblick über den doch umfangreichen Notentext jäh begraben werden mussten. Eine Konkretisierung des Themenfeldes brachte der Besuch des Bruckner-Festes in Linz 2004, wo im Gespräch mit Freunden und Kennern der Musik Anton Bruckners das Finale-Problem zur Sprache kam. Ausgangspunkt der Arbeit ist eine umfangreiche Analyse, welche so genau als möglich und gleichzeitig nur so komplex als unbedingt notwendig, möglichst anschaulich und übersichtlich zu erstellen. Diese Arbeit beruft sich auf einen kritischen Notentext als zentrale Primärquelle, welcher in der heutigen Zeit vom Musikwissenschaftlichen Verlag Wien in akribischer Recherchearbeit erstellt und bereitgestellt wird. Mein großer Dank geht an Prof. Dr. Hermann Jung, bei dem ich immerzu auf ein offenes Ohr für meine Belange vertrauen durfte, und der zu jeder Zeit im richtigen Moment den treffenden Gedanken mit einem verschmitzten Lächeln souverän und gekonnt parat hatte! 1 Horn, 1995, S. 244 f.

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Zusammenfassung

Anton Bruckners Sinfonien zählen zu den größten und bedeutendsten Orchesterwerken der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ralf Uhl zeigt Bruckners Weg zum Sinfoniekomponisten und bietet einen umfassenden Überblick über sein sinfonisches Haupt- und Spätwerk. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der zentralen Konzeption der Problemstellungen in Bruckners Kompositionen und der damit verbundenen Lösungsprozesse in Hinblick auf Finalsatzkonzeption und Finalgestaltung. In einer umfassenden analytischen Betrachtung der „Romantischen“, Bruckners Vierter Sinfonie in Es-Dur, welche nach ihrer Entstehung 1874 etliche Umarbeitungen und Neukompositionen erfuhr, werden die einzelnen Fassungen miteinander verglichen und beleuchtet. Die bewusste Schwerpunktsetzung des Autors auf die Visualisierung der musikalischen Analyse ist geeignet, dem interessierten Musikliebhaber den Zugang zu dieser herausfordernden Disziplin zu erleichtern.