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Resümee in:

Ralf Uhl

Finale-Lösungen einer Bruckner-Sinfonie, page 325 - 330

Problemstellungs- und Lösungsprozesse, dargestellt an der IV. Sinfonie in Es-Dur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3967-0, ISBN online: 978-3-8288-6722-2, https://doi.org/10.5771/9783828867222-325

Tectum, Baden-Baden
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325 Resümee Die Problemstellungs- und Lösungsprozesse in den Sinfonien Anton Bruckners sind ein essenzielles Moment ab der Vierten Sinfonie, aber natürlich keinesfalls das einzige Moment. Die große Schwäche einer jeden Analyse ist es, das musikalische Erleben und Erfahren nicht realisieren zu können. Die Ästhetik der Musik lässt sich nur unzureichend mit Parametern und Attributen aufzeigen. Allerdings erlaubt das Bewusstsein der Problemstellungs- und Lösungsprozesse ein intensiveres oder aus einer neuen Perspektive erlebbares Hören und Erfahren der Kompositionen. Dies kann auch zu einer Neubewertung in der Betrachtung der einzelnen Sätze der Sinfonien Bruckners führen. Hier muss auf Werner Notters interessante – weil kritische– Arbeit verwiesen werden, in der es zum Finale heißt: In jedem Brucknerschen Finale ist etwas Großes gewollt; es repräsentiert je nach Standpunkt der Autoren den sinfonischen »Ausklang der Macht« [Kurth], die Objektivität eines »Naturschauspiels« [Halm] oder die »Zusammenfassung und Synthese des jeweiligen Gesamtwerkes« [Hecker]; K. Laux gar spricht von einer »Endlösung«! Offensichtlich bemüht sich der Komponist in seinen Finales um »die Synthese der vorausgegangenen Sätze ähnlich wie Beethoven im Finale der Neunten« [Mellers]. Daß die Synthese gelungen sei, darf bezweifelt werden. […] Das Finale behauptet sich als »Charakterstück«.351 Notter geht so weit, dass er die Existenz eines sinfonischen Modells bei Bruckner in Frage stellt und die Vierte Sinfonie mit der These degradiert, sie bilde »nur das ›romantische‹ Gegenstück zur dritten«.352 Nach Notter ist im Kopfsatz der Romantischen »die Gesamtanlage der Durchführung weiterhin ungenügend«,353 die Mittelsätze jedoch seien Zeugnis einer »langsame[n] doch stetige[n] Wertsteigerung« und brächten 351 Notter, 1983, S. 25 f. 352 Ebenda, S. 28. 353 Ebenda, S. 74. 326 Ralf Uhl | Finale-Lösungen einer Bruckner-Sinfonie gerade hierdurch den Beweis, »daß die Sinfonien gerade nicht auf das Finale hin konzipiert sind«.354 Dann holt Notter zum großen Schlag aus: Wenn die Vordersätze länger werden, so tangieren sie damit auch den Schluß-Satz; sie greifen ihn an, machen ihn tendentiell überflüssig. Bruckner weigert sich, diese Folgerung zu ziehen, liefert aber contre coer den Beweis dafür […]. Das heißt nicht einmal, daß die vier Sätze gleichberechtigt seien und die Bedeutung des Finales auf seine innerzyklische Stellung reduziert werden könnte […]. Das bedeutet vielmehr, daß die Schluß-Sätze über den Rand der Sinfonie fallen, weil das Becken bereits voll ist. Ein Finale kann im besten Fall immer nur versuchen, die Bedeutung der Vordersätze zu seinen Gunsten zu verringern, indem es expandiert und sich mit Veranstaltungen wie dem Wiederausbruch des Mottos Geltung verschafft.355 Die Folgerung, die Notter ableitet, führt zu seiner weiteren These, die Siebte Sinfonie könne »man sich als erste dreisätzig vorstellen«.356 Notter, der bei Bruckner die Begriffe Schematismus und Evolution verknüpft, verhaftet häufig starr an der erwartbaren Form und an den Techniken zur Verarbeitung thematischer Substanzen. Dadurch können seine Standpunkte ein solides Maß an Plausibilität vorweisen, allerdings nur solange, wie Prozessabläufe negiert werden. Sobald ein oder gar mehrere Prozesse initialisiert werden, müssen diese auch irgendwann zu einem Abschluss mit einem wie auch immer gearteten Ergebnis kommen. Werden die Prozesse in der Kopfsatzexposition definiert, können die Mittelsätze sicherlich Teilergebnisse liefern. Durch ihre grundlegend divergente Faktur und Charakteristika untereinander und zum Kopfsatz wird es aber sehr schwer anzunehmen, dass der Satz an dritter Stelle alle Prozesse zu einem Abschluss führen kann. Gerade hieraus erklärt sich auch die im brucknerschen Finale durchweg neu gewonnene Freiheit in allen Belangen. Die Problemstellungen werden jedoch nur in der Vierten Sinfonie in solch exponierter Art und Weise präsentiert. Bei den folgenden Sinfonien werden Sie vom motivisch-thematischen Material zusehends assimiliert, welches wiederum an Dimension und Gewichtung gewinnt. Das muss nicht zur Folge haben, dass Bruckners Sinfonien als »Finalsinfonien« gesehen werden müssen. Die Problemstellungen sind gleichrangig anzusehen gegenüber den Problemlöseprozessen und den Conclusiones. In der Sinfonik ist häufig gar mehr der Weg von größerem Interesse, als das Ziel. Dies rührt daher, dass eine Sinfonie nicht nur einmal gehört oder gespielt werden möchte, sondern ein fortwährend interessantes Erleben und Erfahren bieten will, woraus ein zyklischer Gedanke erwächst. Ob man sich hierbei an die Rhetorik hält und den musikalischen Verlauf in die einzelnen Abschnitte einer Rede einteilt oder ob man sich an den Phasen eines dramaturgischen Verlaufes orientieren möchte, bleibt dabei am Ende 354 Notter, 1983, S. 79. 355 Ebenda. 356 Ebenda, S. 100. 327 Resümee jedem selbst überlassen. Man muss dabei immer bedenken, dass eine Sinfonie in der Regel von vorneherein aus mehreren Sätzen besteht und auch innerhalb dieser Sätze mikro-architektonische Strukturen anzutreffen sind. Solch festgelegte, häufig durch ein Regelschema definierte Strukturen entsprechen nur eben nicht starr dem komplexen Kosmos einer Sinfonie. Damit kann auch eine Erklärung zur Stellung der Mittelsätze im Fall Bruckner abgegeben werden. Bekanntlich steht bis zur Siebten Sinfonie der langsame Satz an zweiter und das Scherzo an dritter Stelle. Die Abkehr von dieser Reihung in den beiden letzten Moll-Sinfonien ist kein großes Mysterium. Beide Mittelsätze behandeln gemäß ihrem Charakter einen Teil der Problemstellungen mit jeweils stärkerer Gewichtung, so dass am Ende des dritten Satzes, egal ob langsam oder schnell, alle Problemlöseprozesse in gleichem Maße vorangeschritten sind, wodurch eine zwingende Reihenfolge zunächst ausbleibt. Der Kopfsatz der Achten Sinfonie ist der einzige seiner Art bei Bruckner, der in der Pianissimo-Sphäre verklingt. Hierdurch intensiviert sich der Kontrast zum folgenden Scherzo. Das anschließende Adagio mit seiner thematisch umfangreicheren Substanz und seinem getragenen Tempo setzt dieses Kontrastniveau fort. Gleichzeitig erfolgt ein verzahnter Ausgleich der Gewichtung aller vier Sätze, da das Finale in seiner Dimension somit besser fassbar wird. Der Erhalt des Kontrastniveaus beim Wechsel vom Adagio zum Finale fördert diese Balance. Leider geben Bruckners Tempoangaben den gefühlt charakteristischen Verlauf Misterioso – Vivace – Adagio – Maestoso nicht wieder, offenbaren aber dennoch eine Paarbildung: 1. Satz (Allegro moderato) – Scherzo (Allegro moderato) – Adagio (Feierlich langsam; doch nicht schleppend) – Finale (Feierlich, nicht schnell). Diese Tempoangaben werden im Konzertsaal für gewöhnlich nicht wörtlich umgesetzt und entsprechen dennoch dem eigentlichen Gehalt aller vier Sätze. Die gefühlte und verzahnte Paarbildung langsam – schnell – langsam – schnell steht der notierten Paarbildung Allegro moderato – Allegro Moderato – Feierlich langsam – Feierlich, nicht schnell gegenüber. Ein genauer Blick auf das thematische Material ist hier zwingend notwendig. Beispielsweise könnte die Gesangsperiode des Kopfsatzes das Adagio-Thema stellen und das zweite Adagio- Thema im selben Zug die Gesangsperiode im Kopfsatz übernehmen. Oder man denke nur an die Trompetenfanfaren zu Finalbeginn, welche im Scherzo ebenso denkbar wären, zumal ihre Gestalt an den Themenkopf desselben erinnert. In diesem Kontext denke man auch an das solistische Horn in den ersten beiden Takten des Scherzos, dessen repetierendes Moment zu Finalbeginn den Klanggrund liefert. Es sind zum einen solche Korrespondenzen, welche zur Umstellung der Mittelsätze geführt haben. Zum anderen muss bedacht werden, dass das Adagio einer Moll-Sinfonie sich der Dur-Sphäre zuwendet – eine dramaturgische Gewichtung, in deren Folge ein Scherzo in Moll an Strahlkraft arge Einbußen in Kauf nehmen müsste. Es bleibt die große Frage, welche Folgen diese Kenntnisse für das Finale der Neunten Sinfonie haben. Die von Bruckner für dieses Werk potentiell festgelegten Problemstellungen lassen sich in den drei vollständig komponierten Sätzen herausarbeiten. Ebenso können die daraus entstehenden Problemlöseprozesse im Verlauf beobachtet und analysiert werden. Aus den gewonnenen Erkenntnissen lässt sich eine potentielle Zielsetzung zumindest in Grundzügen konkretisieren, zumal 328 Ralf Uhl | Finale-Lösungen einer Bruckner-Sinfonie die Exposition des Finales in der Komposition weit fortgeschritten erscheint. Im Detail können diese Erkenntnisse bei der Arbeit mit dem Finale-Fragment dazu führen, Entscheidungen zugunsten der angestrebten Problemlöseprozesse zu treffen. Allerdings werden hierbei auch rasch die Grenzen des Möglichen ersichtlich. Die Problemlöseprozesse werden vom Komponisten nach dessen Belieben zielführend geformt und dienen vorranging als Motivatoren für das musikalische Geschehen. Sie zeigen weniger den eigentlichen Weg auf, den es zu bestreiten gibt, sondern liefern mehr den Treibstoff für das Vorankommen. Daher werden die Prozesse im Notentext auch vorwiegend als flüchtige, wenngleich auch in regelmäßigen Abständen und an markant strategischen Stellen erscheinende Momentaufnahmen wahrgenommen. Zudem muss immer bedacht werden, dass die Problemstellungen bei den fortgeschrittenen sinfonischen Werken Bruckners in zunehmend höherem Grade von der motivisch-thematischen Substanz assimiliert werden. Ob sich die Finale-Lösung, die Bruckner für seine letzte Sinfonie anstrebte, konkret offenbaren wird, bleibt daher auch unter Berücksichtigung der Problemstellungs- und Lösungsprozesse fraglich, denn Steinbeck weist bei seinen Betrachtungen zu diesem Werk auf einen zentralen Umstand hin: »Bruckner hat ein neues Werkkonzept entwickelt, das die Neunte […] von den übrigen Symphonien substantiell unterscheidet«.357 Nach Steinbecks These überwindet Bruckner sein entwickeltes Sinfoniekonzept in seinem Abschlusswerk »durch Aufhebung: Er setzte es außer Kraft, bewahrte es darin zugleich und setzte es damit auf eine höhere Stufe«.358 Diese Ansicht mag insbesondere für das Finale gelten, für die drei ersten Sätze muss sie aber relativiert werden. Der Grad an Fortschritt ist es, den der Betrachter zu dem Schluss kommen lässt, etwas völlig Neues anzutreffen. Bruckner setzt sein Konzept nicht außer Kraft, sondern er befreit es dahingehend, dass er Bindungen und Zuordnungen auflöst. Als anschauliches Beispiel mag die Tonraumerweiterung angeführt sein: Die kleine Sekunde, welche Rahmenintervalle ausweitet, ist nicht mehr nur mit der ersten oder fünfte Stufen anzutreffen, sondern täuscht gleich einem Vexierspiel den Bezug zu allen Stufen vor. Man glaubt, das chromatische Vorhaltspendel als Quartvorhalt zu hören, nur um festzustellen, dass im weiteren Verlauf der Vorhalt um zwei Stufen nach oben rückt. Hieraus erwächst eine neue Autonomie des chromatischen Moments, welches den harmonischen Verlauf grundlegend neu entstehen und bewerten lässt. Dieses Vexierspiel offenbart sich in der Tonspaltung zu Beginn des Kopfsatzes. Welches Rätsel der Täuschung Bruckner für das Finale vorgesehen hat und welche Gestalt vor allem die Auflösung erfahren hätte, zählt daher zu den spannendsten Geheimnissen der Sinfonik. Zum Abschluss zwei Prognosen. Die Neunte Sinfonie wird ohne das Te Deum als Substitut für das Finale auch weiterhin die Regel sein. Ebenfalls dürfte das Finale- Fragment auch in der akribisch rekonstruierten Fassung Benjamin-Gunnar Chors nur partiell im Konzertsaal zu hören sein. Als Hauptgrund muss das klangliche Ungleichgewicht zu den vollendeten Sätzen genannt werden. Die Rekonstruktion lässt in Teilen den erfahrenen Bruckner-Hörer erahnen, was Großes hier im Entstehen war, weshalb 357 Steinbeck, 1993, S. 15. 358 Ebenda, S. 15. 329 Resümee die Verklanglichung von größtem Interesse und hoher Bedeutung ist. Den unwahrscheinlichsten Fällen bieten sich die größten Chancen: Entweder werden erhebliche Notenbestände aus der Feder Bruckners entdeckt und zugänglich gemacht oder es gelingt einem musik- und lebenserfahrenen Komponisten unter Berücksichtigung aller gewonnenen Erkenntnisse, das Finale in Bruckners Klang- und Ideensprache zu vervollständigen. Die Vierte Sinfonie wird in der etablierten Fassung von 1878 / 80 in den Konzertsälen bestehen. Weder die Erstfassung noch die Fassung von 1888 werden ihr gefährlich werden können. Selbstredend sind beide von großem Interesse und werden auch eingespielt und aufgeführt werden. Man darf aber weder Dirigenten, Musiker und vor allem das Publikum unterschätzen, bei denen sich die etablierte Fassung zu Recht über Jahrzehnte erfolgreich bewähren konnte.

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Zusammenfassung

Anton Bruckners Sinfonien zählen zu den größten und bedeutendsten Orchesterwerken der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ralf Uhl zeigt Bruckners Weg zum Sinfoniekomponisten und bietet einen umfassenden Überblick über sein sinfonisches Haupt- und Spätwerk. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der zentralen Konzeption der Problemstellungen in Bruckners Kompositionen und der damit verbundenen Lösungsprozesse in Hinblick auf Finalsatzkonzeption und Finalgestaltung. In einer umfassenden analytischen Betrachtung der „Romantischen“, Bruckners Vierter Sinfonie in Es-Dur, welche nach ihrer Entstehung 1874 etliche Umarbeitungen und Neukompositionen erfuhr, werden die einzelnen Fassungen miteinander verglichen und beleuchtet. Die bewusste Schwerpunktsetzung des Autors auf die Visualisierung der musikalischen Analyse ist geeignet, dem interessierten Musikliebhaber den Zugang zu dieser herausfordernden Disziplin zu erleichtern.