I. Alt, aber nicht veraltet in:

Sarah K. Weber

Alter Held - Neue Welt, page 9 - 13

Der Heros in der germanischen Heldenepik des Mittelalters

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3959-5, ISBN online: 978-3-8288-6721-5, https://doi.org/10.5771/9783828867215-9

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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I. Alt, aber nicht veraltet „Uns ist in alten m aren Wunders vil geseit von helden lobebaren, von grözer arebeit, von fröuden, höchgeziten, von weinen und von klagen, von küener recken striten m uget ir nu wunder hären sagen.“1 Das W iedererzählen ist ein Phänomen, das die gesamte mittelalterliche Literatur durchzieht und sie wesentlich ausmacht. Die Heldenepik bildet dabei zusammen mit Heldenliedern, Balladen und Prosaerzählungen die mittelalterliche Heldendichtung.2 So betont auch die berühmte Eingangsstrophe des Nibelungenliedes - Prototyp mittelhochdeutscher Heldenepik - den Bezug zu den alten maren, deren Begrifflichkeit unterschiedlich interpretiert worden ist. Von der Gleichsetzung mit der Geschichtsdichtung über die alte germanische Zeit ist man zugunsten einer heterogenen Bedeutungsfülle, welche auf der Basis anderer mittelalterlicher Autoren erschlossen wurde, abgerückt: So spreche Reinmar der Alte in diesem Zusammenhang von früherem Dichten in unbeschwerter Freude, der Jüngere Titurel meine mit dem Begriff alte Gerüchte, in der Dietrichepik werden die alten m aren als alte Sitten verstanden oder sie können retrospektiv das eigene Erleben aufgreifen. In der obigen Strophe des NL bleibt allerdings unklar, ob mit den alten m aren eine bereits fertige Dichtung oder eine stoffliche Grundlage gemeint ist.3 Die Doppeldeutigkeit der alten m aren bewegt sich also zwischen den altüberlieferten Geschichten und solchen Geschichten, die von alten Zeiten berichten.4 1 Strophe 1 des Nibelungenliedes (im Folgenden als NL abgekürzt), Handschrift C: „Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet/von berühmten Helden, großer Mühsal/von glücklichen Tagen und Festen, von Tränen und Klagen/und vom Kampf tapferer Recken könnt Ihrjetzt Erstaunliches erfahren.“ Der Bezug zu Vergangenem dient vielen Epen als Auftakt der Einleitung, so auch z.B. im Beowulf. 2 Vgl. Karl Reichl: [Art.] Heldendichtung, in: LexMa, Bd. 4 (2002), Sp. 2115-2117. 3 Vgl. Florian Kragl: Gibt es eine Heldenzeit? Vergangenheitskonzeptionen in hoch- und spätmittelalterlicher Literatur, in: Johannes Keller (Hrsg.): Heldenzeiten - Heldenräume: Wann und wo spielen Heldendichtung und Heldensage? 9. Pöchlamer Heldenliedgespräch (Philologica Germanica 28), Wien 2007, S. 67f. 4 Auch das Annolied, das von altiu dinge spricht, impliziert dies, vgl. Haferland, Harald: Mündlichkeit, Gedächtnis und Medialität: Heldendichtung im deutschen Mittelalter, Göttingen 2004, S. 75. 9 Der Dichter,5 der „gleichzeitig höfisiert und archaisiert“, kann den Unterschied zwischen historisierender und m odernisierender Darstellung noch nicht fassen, aber dennoch „besitzen sie [die mare] für das M ittelalter in einem gewissen Ausmaß Zeugniswert (vgl. ez ist von alten stunden/vür die wärheit her gesaget)“.6 In Bezug auf die Frage nach der Historizität ist das Heldensagenmodell Andreas Heuslers7 in berechtigte Kritik geraten, da er einen M erkmalkatalog entwirft, welcher das „Heldenlied“ vom „Preislied“ unterscheidet und davon noch eine dritte Gattung, das „Historische Lied“, abgrenzt, wobei letzteres seiner Ansicht nach in der germanischen Dichtung nicht anzusetzen ist. Gerade an diesem undurchführbaren „Schubladendenken“ setzt die Kritik an und stellt die Frage nach historischer Erfahrung für die Heldendichtung neu, indem sie ihre literarische Autonomie, wie Heusler sie postuliert, anzweifelt und ihr entgegensetzt, dass die literarische Ausformung eines Stoffes gerade nicht autonom, sondern in historischem Bewusstsein gestaltet wird, was ihr auch für die zeitgenössische Gegenwart eine gesellschaftlich-politische Funktion sichert.8 Wo die Lieder außerdem zu einem Epos werden, greift Heuslers Bezeichnung als bloße „Anschwellung“ des Stoffes also gerade wegen der Herausbildung eines historischen Bewusstseins zu kurz. Im Eingangszitat findet sich dieses Bewusstsein sofort im ersten Vers wieder, denn „Wunders vil meint eine andersartig-ungewohnte W elt“ .9 Trotz aller historischen Entfernung des Heroischen Zeitalters, des heroic age,10 von der Gegenwart und aller Distanzierungen von der historischen Grundlage, dockt also die Vorzeitsage gemeint ist ein Stoffkreis - an die Gegenwart der Dichter an ,11 deren Leistung in 5 Ein Zusammenwirken mehrerer Dichter an einem Text ist an dieser Stelle mitgedacht. 6 Haferland, 2004, S. 79. 7 Vgl. Andreas Heusler: Die altgermanische Dichtung, 2. Aufl. 1943. Nachdruck Darmstadt 1967. 8 „Heroische Epik konstituiert sich dadurch, daß historische Erfahrung mittels literarischer Schemata zu sich selbst kommt.“ (Walter Haug: Andreas Heuslers Heldensagenmodell: Prämissen, Kritik und Gegenentwurf, in: ZfdA, Bd. 104 (1975), S. 273-292.) Einen Überblick über den Diskurs ist zu finden bei Alfred Ebenbauer: Heldenlied und „Historisches Lied“, in: Heinrich Beck: Heldensage und Heldendichtung im Germanischen (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 2), Berlin 1988, S. 15-34. 9 Walter Haug: Höfische Idealität und heroische Tradition im Nibelungenlied, in: Colloquio Italo-Germanico sul Tema: I Nibelunghi, Rom 1974, S. 35-50, hier: S. 41. 10 Den Begriff prägt Hector M. Chadwick: The Heroic Age, Cambridge 1912, repr. 1967. 11 Klein trifft die Unterscheidung zwischen der „Vorzeitsage“, mit der die Fremdartigkeit 10 der Fixierung eines „kulturelles Gedächtnis“12 gesehen wurde. Dabei sehen sich jedoch die Epen selbst nicht als eine exakte A bbildung der Geschichte; ihnen liegt vielm ehr an der Außergewöhnlichkeit der Erzählung und an der sich darin äußernden „literarisch vermittelten Vergangenheitskonzeption“.13 Einiges passt dabei besser, anderes schlechter oder gar nicht m ehr in ihre zeitgenössische kulturelle Umwelt, doch gerade die verschiedenen Einbindungs- und Ausgrenzungsversuche, deren Ergebnisse in den Heldenepen vorliegen, zeigen vielfältige Möglichkeiten, wie das heroic age transformiert werden kann und sich in die Nischen der kulturellen Gegenwartssituation einnistet.14 An dieser Stelle sei betont: Heldenepen sind nicht etwa die neu aufbereitete Form eines vermeintlichen „Ur“-Epos, sondern ein uns vorliegendes Ergebnis eines Prozesses, der sich dem neuen schriftlichen Medium bedient. Dennoch trägt die Verschriftlichung und die Zeit, in der sie von statten geht, unweigerlich ihre kulturellen Voraussetzungen an die Geschichten heran. Ein zentraler - um nicht zu sagen: der zentrale - Bestandteil dieser verschiedentlich zu interpretierenden alten m aren ist der Held oder der Heros, um den sich die jeweilige Erzählung rankt. Die Literatur kennt dabei grundsätzlich drei verschiedene Heldentypen: den christlichen, den höfischen und den heidnisch-germanischen Helden, der sich durch den Kam pf gegen Heiden, das Durchleben eines persönlichen Abenteuers oder den schicksalhaften Kam pf gegen böse Mächte auszeichnet.15 In der germanischen Heldenepik tauchen diese Typen nicht separiert voneinander auf, sondern verbinden sich in der Figur des Helden, wodurch die Überführung des Helden in die zeitgenössische Gegenwart mitnichten und Andersartigkeit dieser Welt (fast immer die Völkerwanderungszeit) betont wird, und der „klassischen“ Heldensage“, die die Gegenwartsnahe markiert, wobei er gleichzeitig zwischen Vorzeit- bzw. klassischen Helden differenziert, vgl. Thomas Klein: Vorzeitsage und Heldensage, in: Heinrich Beck: Heldensage und Heldendichtung im Germanischen (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 2), Berlin 1988, S. 115-147. 12 Kragl, 2007, S. 83 [Anm. 72] folgt mit diesem Begriff Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis, München 1992. 13 Kragl, 2007, S. 84. 14 Kragl spricht einerseits vom chronometrisch-historischen Aspekt und andererseits vom empathischen Aspekt, deren Zusammenspiel von negativer Proportionalität gekennzeichnet ist, je mehr Wert auf die historische Verankerung gelegt wird, desto geringer fällt der interpretatorischer Spielraum für die Dichtung aus und umgekehrt, vgl. Kragl, 2007, S. 84. 15 Vgl. Johannes Frey: Die Gegner der Helden in germanischer Heldendichtung. Nibelungen und Edda (Erlanger Studien 138), Erlangen/Jena 2009, S. 188, Anm. 400. 11 eindimensional und reibungslos ist, sondern den Heros auf seinem Weg in die schriftlich16 fixierte Dichtung auf mehreren Ebenen mit unterschiedlich ausgeprägten Konfliktpotentialen konfrontiert. Der vorm als animalische, heroische und heidnische Held steht auf den ersten Blick unvereinbar den zivilisierten, höfischen, christlichen Anforderungen gegenüber, was die Frage aufwirft, wie und mit welchen Erfolgsaussichten diese Anforderungen aber dann doch in der Figur des Helden Erfüllung finden. Udo Friedrich definiert: „Heldensage ist Verdrängung und Stilisierung von Erinnerung, die Transformation von unmittelbar subjektiver und kollektiver Erinnerung in ein institutionalisiertes Gedächtnis, das sozialen Sinn organisiert.“17 In der germanischen Heldenepik tritt die Figur des Helden daher vielm ehr als Dreh- und Angelpunkt zwischen den zwei gegensätzlichen Lebenswelten auf: des vorzeitlichen heroic age und der zeitgenössischen Gegenwart der Dichter.18 Der Fokus liegt dabei auf der Integration des „alten“ Helden in die „neue“ (Adels-)Kultur. Anhand von drei Ebenen ist dieser zu untersuchen: animalisch/menschlich, heroisch/höfisch und heidnisch/christlich. Dabei sollen die Verbindungen der Ebenen untereinander genauso aufgezeigt werden, wie die möglichen Gründe für die gelungene oder misslungene Integration des Helden. Ist der Vorzeitheld von übernatürlicher Stärke und affekthaftem sowie ruhmfixiertem Antrieb gekennzeichnet, so zeichnet den epischen Helden der Konflikt aus, zu deren Gunsten die Krafthyperbolik zurücktritt.19 Der Held stellt aber nach wie vor „die Möglichkeiten dessen [dar], was der M ensch in extremen 16 Zur Medialität der Heldendichtung vgl. Haferland, 2004 und Hans Kuhn: Heldensage vor und außerhalb der Dichtung, in: Karl Hauck (Hrsg.): Zur germanisch-deutschen Heldensage (WdF 14), Darmstadt 1965, S. 173-194 sowie die jeweils angeführte Literatur zum Thema Mündlichkeit und Schriftlichkeit. 17 Udo Friedrich: Held und Narrativ. Zur narrativen Funktion des Heros in der mittelalterlichen Literatur, in: Victor MiUet (Hrsg.): Narration and Hero: Recounting the Deeds of Heroes in Literature and Art of the Early Medieval Period, Berlin 2014, S. 180.; vgl. Wolfgang Müller-Funk: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung, Wien/New York 2008, S. 93-100. 18 Dabei reicht die Spannweite von einem übermenschlichen und zauberhaften Helden der Vorzeit bis hin zu dem einem „Helden wie wir“. Letzterer fasziniert dann weniger durch sein monströses oder magisch anmutendes Auftreten, sondern vielmehr durch seine Gesinnung und sein Verhalten - im Positiven wie im Negativen, vgl. Klein 1988, S. 119. 19 Vgl. ebd., S. 126., der sich hier auf Josef Franz von Paula Oßberger stützt. 12 Äußerungsformen wollen und tun kann“.20 Mit dieser außergewöhnlichen Extremität ist der Brückenschlag zu seinen animalischen Eigenschaften leicht gemacht, die nach einem Überblick über die ausgewählten Epen zuerst betrachtet werden sollen und an die sich unm ittelbar die heroisch/höfische und die christlich/heidnische Ebene anschließen. II. Die Epen Die Auswahl der drei zu untersuchenden Epen ist zum einen aus dem interdisziplinären Blickwinkel, zum anderen unter dem Gesichtspunkt der räumlichen und zeitlichen Distanz der Texte getroffen worden, was ermöglicht, das breite Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten der Heldenfiguren exemplarisch aufzeigen können. II.l Beowulf Das Beowulf-Epos21 ist das älteste, singulär in der Cotton MS Vitellius A. XV überlieferte germanische Heldenepos und das berühmteste Stück in altenglischer Sprache. Es mutet bei einem Umfang von 3182 Stabreimzeilen geradezu an, als sei „built as it is from old stone“ .22 Seine W urzeln hat das Epos in der Völkerwanderungszeit, wobei es hier verschiedenste Annahmen und Interpretationen zur Entstehungszeit gibt.23 20 Klaus von See: Was ist Heldendichtung?, in: Ders. (Hrsg.): Europäische Heldendichtung (Wege der Forschung 500), Darmstadt 1978, S. 38. 21 Die Textgrundlage bilden R. D. Fulk; Robert E. Bjork; John D. Niles: Klaeber’s Beowulf, Fourth Edition, Toronto 2008.; George Jack: Beowulf. A Student Edition. Oxford 2009; Martin Lehnert: Beowulf. Ein altenglisches Heldenepos (übersetzt und herausgegeben von dems.), Stuttgart 2004. 22 Andy Orchard: Beowulf, in: Malcolm Godden; Michael Lapidge (Hrsg.): The Cambridge Companion to Old English Literature. Second Edition, Cambridge 2013, S. 157. 23 Vgl. Jack, 2009, hier: Introduction [dort ist auch die Überlieferungsgeschichte des Manuskripts in ihren wichtigsten Zügen dargelegt]. Aktuelle Untersuchungen zur Datierung unter anderem zu finden bei Leonard Neidorf (Hrsg.): The Dating of Beowulf. A Reassesment, Cambridge 2014. 13

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References

Zusammenfassung

Beowulf, Siegfried und Wolf Dietrich: Drei mittelalterliche Helden, die aus der älteren, mündlich geprägten germanischen Heldendichtung in die Welt der Schriftlichkeit gelangten. Sie alle verbinden außergewöhnliche Eigenschaften, animalische, heroische und heidnische Werte, die in diesem Prozess auf eine höfisch-klerikale und christliche Kultur stießen. Klar ist, dass die vorliegenden Texte als selbstständige Konzepte ihrer Zeit zu verstehen sind, sich aber anhand der Figur des Helden unweigerlich die Frage nach der Integration der beiden so verschiedenen Lebenswelten aufdrängt. Anhand dreier ambivalenter Ebenen zeigt die Autorin, welche Konfliktpotentiale existieren und wie diese umschifft, verarbeitet und gelöst wurden. Mit Hilfe weiterer Texte und Mythen wird unter interdisziplinärem Blickwinkel der Frage nachgegangen, wie diese Dynamik den Heros einhüllt und zu einem oszillierenden Charakter werden lässt.