IV. Die neue Hülle der Helden in:

Sarah K. Weber

Alter Held - Neue Welt, page 85 - 91

Der Heros in der germanischen Heldenepik des Mittelalters

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3959-5, ISBN online: 978-3-8288-6721-5, https://doi.org/10.5771/9783828867215-85

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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IV. Die neue Hülle der Helden Alle Helden dieser Untersuchung weisen auf den verschiedenen Ebenen eine doppelte Imprägnierung ihrer Person auf.338 Dabei schichten sich diese doppelt imprägnierten Ebenen gewissermaßen analog zu den verschiedenen Hüllen um den Helden. Die animalisch/menschliche Ebene bildet den Kern, auf den sich nach und nach die anderen Ebenen aufbauen. Sie stehen aber auch im m er in W echselwirkung zu dieser. Gerade weil sie das archaische M otiv des Animalischen beinhaltet, bildet sie den Kern, der maßgeblich für jeden der Helden ist. A uf verschiedene A rt und Weise wird dieses gemäß der künstlich klerikalen Ideologie des Mittelalters christlich überzeichnet und abgeschliffen. Die M etapher des Abschleifens soll allerdings nicht den Gedanken schüren, die Epen hätten eine steinerne Urform, deren Bearbeitung sich nun Handwerker - in Gestalt von Schreibern - angenommen hätten. V ielmehr tätigen die Autoren hier Kunstgriffe, welche die Versuche der Konfliktbewältigung an der Figur des Helden demonstrieren. Dabei zeigen intertextuelle und historische Bezüge, dass das Kunstwerk aber auch nicht im luftleeren Raum entstanden ist. A lle Helden beziehen nämlich auf den verschiedenen Ebenen ihre ganz eigene Position und beweisen im Vergleich einen unterschiedlichen Grad der Integration von den alten m aren in den zeitgenössischen (Kon-)Text. Die dafür nötigen Spielzüge und -regeln führen dabei so manchen Helden in den eigenen Untergang.339 Beowulf, der „älteste“ der drei Helden, spaltet seine animalisch-heroische Existenz nach seinem ruhmreichen Auftreten bei den Dänen von seiner unheroisch-zivilisierten Rolle als König der Gauten ab. Jedenfalls gibt die kurze Erwähnung keinerlei Anlass, eine Verbindung zwischen den beiden Lebensabschnitten herzustellen. Graphisch sei dies einmal wie folgt dargestellt: 338 Siegfried stellt auf der christlich/heidnischen Ebene die einzige Ausnahme dar. 339 Vgl. Müller, 1998. 85 Animalisch Menschlich Heroisch Höfischt y | Beowuif t y Heidnisch Christlich In Leserichtung ist auch die Chronologie abgebildet; der Held steht zwischen dem ehemaligen animalischen Kriegertum und der neuen Herrscherrolle. Die kämpferische Natur Beowulfs ist dem Leser zw ar aufgrund des raschen Zeitsprungs noch präsent, doch ist der animalische Heros, dem kein Platz in der gegenwärtigen Herrscherposition Beowulfs eingeräumt ist, offenbar in seiner Vergangenheit geblieben. Denn erst mit dem Erscheinen des Drachen wird er w ieder geweckt und gewinnt die Oberhand über den Herrscher, was ihn das Leben kostet. Nicht einmal der einzige Helfer kann diesen Fehler ausgleichen. In dem Moment, in dem die heroischen Charakterzüge nach 50 Jahren wieder benötigt werden, zeigt sich, dass Beowulf verlernt hat, die Folgen seines Handelns adäquat einzuschätzen.340 Es drängt sich die Tatsache auf, dass Beowulf in beiden Sphären für sich erfolgreich sein kann, doch die Integration misslingt, was auch der vermehrte Bezug zum biblischen Gott in dieser letzten Episode nicht verhindert. Dass sie aber ein notwendiger Schritt gewesen wäre, ergibt sich aus dem Drachenkampf, in dem sich zwei Gegner des heroic age gegenüberstehen, deren derartige Existenz in der neuen Zeit341 unmöglich ist. In der Figur des Beowulf wird demnach die Trennung der beider Sphären, aber auch gleichzeitig die Notwendigkeit ihrer sinnvollen Verbindung verdeutlicht, die nicht einfach durch die Gleichzeitigkeit des A uftretens beider Rollen in einer Person erfüllt werden kann. Die W eisheit des Herrschers hätte um die monströse Kraft aus seiner heroischen Vergangenheit ergänzt werden müssen und diesen nicht einfach in kopfloser Raserei überwältigen dürfen. Ein Blick auf die Zeit 340 Vgl. Koch, 2009, S. 319. 341 Hier ist sowohl die werkimmanente Zeit, die durch ihre Zäsur einen neuen (Lebens-)Abschnitt für Beowulf einleitet, als auch der Zeitpunkt der Verschriftlichung des Epos gemeint, der ebenfalls seine neuen Einflüsse mitbringt, z.B. monastische, vgl. Jack, 2009, S. 7. 86 bei den Dänen zeigt, dass Hroögar als König einen heroischen Kämpfer von außen benötigte, um sein Volk beschützen zu können. Dort waren die Rollen auf zwei Personen aufgeteilt und beide sahen ihre Aufgabe am Ende als erfolgreich erfüllt an: Der Held hat die Ungeheuer besiegt und der König sein Volk geschützt. Wie auch im m er eine gelingende Integration für Beowulf aussehen könnte, aus einem separierten Nebeneinander kann nicht plötzlich ein erfolgreiches Zusammenspiel werden. Siegfried bildet das andere Extrem im Vergleich zu Beowulf. Mit Vorsicht formuliert: Die Sphären diffundieren weitgehend unkontrolliert durch den Helden in den jew eils anderen Bereich hinein: Animalisch Heroisch (Heidnisch) Siegfried Menschlich Höfisch (Christlich) Schon in seiner Jugend wird er m it beidem konfrontiert, indem er sowohl die höfische Erziehung und Schwertleite erhält als auch durch den Drachenkampf selbst zu einem Drachen mit Hornhaut wird. Diese mythisch-animalische Hülle verwurzelt ihn in der sagenhaften Welt, die sein nordisches Pendant Sigurd noch deutlicher hervorhebt. Ganz typisch äußert sich das verinnerlichte M onströse in übertriebenem Verhalten, das sich der höfischen Kontrolle entzieht. Die Übertreibungen und Überdimensionierungen sowie sein Fehlverhalten sind Folgen des inneren Heroischen, die Konflikte hervorrufen und sich in ihnen entladen.342 Dies verdeutlicht besonders eindrucksvoll der erste Kontakt 342 Zum Verhältnis von Innen und Außen vgl. Klein, 1988, S. 125. 87 Siegfrieds mit der W ormser Hofgesellschaft, den er nicht besser für sein Vorhaben zu nutzen weiß, als sich degenlich und als recke zu präsentieren. Die animalisch-heroischen Charakterzüge prallen ungebremst auf die gastfreundlich gesinnten Wormser. Seine Anpassungsfähigkeit lässt ihn dann aber gut am Hof zurecht kommen, doch je w eiter er in eine Sphäre - Natur oder Kultur hineingefunden hat, desto deutlicher und unerwartet tritt dann das M uster der jeweils anderen Sphäre zu Tage. So ist er dann später der ritter edele im Wald und stirbt. Das Ventil, das den Fluss ins Gleichgewicht bringen und die gelungene Integration herbeiführen könnte, scheint Siegfried zu fehlen. Stattdessen schlägt er plötzlich von einem ins andere um. Was ihm fehlt, und das könnte ein Hinweis auf den Grund des M isslingens der Integration sein, ist der Glaube bzw. die christliche Verankerung wie sie für die höfische Kultur maßgeblich ist. Dies verkörpert W olf Dietrich par excellence. Sein animalisch-heroischer Kern ist vorhanden, aber durchgängig von den neuen Prädikaten umhüllt, sodass diese auch bis ins Innere durchdringen können: Wolf Dietrich Christlich Menschlich Animalisch Heroisch Heidnisch Höfisch Was Wolf Dietrich auf den ersten Blick von den anderen Helden unterscheidet, ist sein Status als getaufter und gläubiger Christ. Dieser ist nicht nur eine Hülle, 88 die seinen Körper in Form des Taufhemdes bekleidet und ihn schützt, sondern wird zur Erklärung für seine heroische Identität erhoben, indem Berchtung feststellt, dass der Junge ein Kind Gottes und nicht des Teufels ist. Seine heroische Existenz bereitet ihm ebenso wie Siegfried am Hof Schwierigkeiten, doch im Gegensatz zu diesem ist Wolf Dietrich mit Hilfe der Erziehung in der Lage, seinen animalisch-heroischen Kern zu bündeln und in die Sphäre des Höfischen hineinzuwachsen. In Form des Namens begleitet ihn das W ölfische sein Leben lang, doch im Drachenkampf versucht er nicht wie Beowulf seine monströsen Kräfte zu reaktivieren, sondern siegt mit der durch seinen Glauben wirksamen Magie des Taufhemdes. M itklautsch postuliert: „Wolfdietrich ist in jeder Altersstufe auf der Höhe seiner Perfektion“.343 Dies geschieht durch Kontrolle und Beherrschung - er ist Wolf und Herr der W ölfe und insofern auch Herr seiner Selbst - und muss so manches affektierte Verhalten ausmerzen, sich anderes aneignen und am Glauben festhalten. Trotz seiner heidnischen Wurzeln zeichnet sein Lebensweg den aus Heiligenviten bekannten W erdegang nach, für den der Sieg der truiwe ebenso wichtig ist wie die göttliche Ordnung, die dann gesellschaftsstabilisierend wirksam werden. Insgesamt scheint W olf Dietrich derjenige Held unter den dreien zu sein, dem es letztendlich gelingt, die inneren und äußeren Am bivalenzen auszuhalten bzw. zu integrieren und somit sowohl als heroischer Drachenkämpfer siegreich zu sein als auch im höfischen Leben Fuß zu fassen. Die beiden anderen haben auf ihre jeweils ganz eigene Weise Integrationsschwierigkeiten auf verschiedenen Ebenen, die im Verlauf der Erzählung zu den aufgeführten Konflikten führen. In der christlichen Überformung des Heroischen, die sich in der passgenauen Form des klerikal-künstlichen Hemdes widerspiegelt, ist der Konflikt für Wolf Dietrich quasi aufgelöst, wenn auch das Heroische noch im m er im Kern Bestand hat. Das omnipräsente W echselspiel zwischen beiden Sphären bildet den Rahmen, in dem der Held sich bewegen und seine Rollen darin integrieren muss. Das Christentum scheint dann die Instanz zu sein, die über Gelingen oder Misslingen entscheidet: Siegfried und W olf Dietrich eint ihre Rollenvielfalt, doch wo Siegfried diese nicht zielführend einsetzen kann, bündelt sie sich für 343 Miklautsch, 2005, S. 115. 89 Wolf Dietrich unter dem Deckmantel des Christentums, das zu Beowulfs Zeiten noch keine vergleichbare exponierte Stellung innehatte. Der christlich umhüllte Held ist zwar am weitesten von der Sagenwelt des heroic age entfernt, doch ist diese Entfernung für ihn die einzige Möglichkeit, in der christlichen Hofkultur Fuß zu fassen. Trotz aller Erneuerung, die m it dem Namen Wolf (Herr) Dietrich einhergeht, lässt es sich der A utor dennoch nicht nehmen, den „neuen Helden“ an das heroic age rückzukoppeln. Dem sagenkundigen Leser erschließt sich nämlich sogleich die Tatsache, dass Wolf Dietrich der Ururgroßvater Dietrichs von Bern ist. Der Blick auf den A nfang macht Folgendes deutlich: Wie also die alten m aren in doppelter Hinsicht zu verstehen sind, weil sie einerseits - wenn auch diffus und nicht rekonstruierbar - von der Historie berichten, andererseits die alten Geschichten und Stoffe überliefern, so ist auch der Held als Kernfigur der Erzählung in diese Überlieferungsdynamik einbezogen. Sie m anifestiert sich in der Doppelbindung des Helden, die auch nochmals durch die diametralen Begriffe heard under helme/hreow on hredre, wild/zam und degen/ritter edele aufgegriffen worden ist. Der Dichter hüllt seine Erzählung auf den verschiedenen Ebenen um den Protagonisten und setzt ihn so in Beziehung zu dem durch die Geschichte gewachsenen und durch das Medium der Schrift aufkommenden neuen Kulturraum. Der aus den - wie das NL sie nennt - alten m aren stammende Heros präsentiert sich dementsprechend im Verlauf seiner Geschichte in doppelter Hinsicht im neuen Gewand.344 344 Dessen Schönheit können wir zwar erkennen und untersuchen, doch ob und welche „Schichten“ noch aus früherer mündlicher Tradierung darunter sind, bleibt verborgen. Dennoch können in der Heldenepik besondere Erkenntnisse gewonnen werden: „Im deutschen Raum war das traditionelle heroische Ereignislied offenbar die einzige verfügbare Gattung, in der das Altheroische in problematisierender Verschriftlichung niedergelegt werden konnte [...]. Im Altenglischen ging man, noch tiefer in die Substanz des Altheroischen eingreifend, einen Schritt weiter, im Beowulf, in einem doppelt neuen Medium, in der Schriftlichkeit und im Großepos.“ (Wolf, Alois: Die Verschriftlichung von europäischen Heldensagen als mittelalterliches Kulturproblem, in: Heinrich Beck (Hrsg.): Heldensage und Heldendichtung im Germanischen, Berlin 1988, S. 305-328, hier: S. 309). 90 V. Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis Abkürzungsverzeichnis: ae. altenglisch altn. altnordisch mhd. mittelhochdeutsch Ouellenverzeichnis: Byock, Jesse L.: The Saga of King Hrolf Kraki. Translated with an Introduction by Jesse L. Byock, London 2005. Byock, Jesse L. (Hrsg.): The Saga of the Volsungs: The Norse Epic of Sigurd the Dragon Slayer, London 2004. Fuchs-Jolie, Stephan; Millet, Victor; Peschel, Dietmar (Hrsg.): Otnit. Wolf Dietrich. Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Stuttgart 2013. Fulk, R. D.; Bjork, Robert E.; Niles, John D.: K laeber’s Beowulf, Fourth Edition, Toronto 2008. Haymes, Edward R. (Hrsg.): The Saga of Thidrek of Bem. Translated by Edward R. Haymes, New York 1988. Jack, George: Beowulf. A Student Edition. Oxford 2009. King, K. C. (Hrsg.): Das Lied vom Hürnen Seyfrid. Critical Edition with Introduction and Notes by K. C. King, M anchester 1958. Kofler, Walter (Hrsg.): Ortnit und Wolfdietrich A, Stuttgart 2009. Krapp, George P. ; Van Kirk, Elliot (Hrsg.): The Old English Physiologus. The Exeter Book, New York 1936. 91

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References

Zusammenfassung

Beowulf, Siegfried und Wolf Dietrich: Drei mittelalterliche Helden, die aus der älteren, mündlich geprägten germanischen Heldendichtung in die Welt der Schriftlichkeit gelangten. Sie alle verbinden außergewöhnliche Eigenschaften, animalische, heroische und heidnische Werte, die in diesem Prozess auf eine höfisch-klerikale und christliche Kultur stießen. Klar ist, dass die vorliegenden Texte als selbstständige Konzepte ihrer Zeit zu verstehen sind, sich aber anhand der Figur des Helden unweigerlich die Frage nach der Integration der beiden so verschiedenen Lebenswelten aufdrängt. Anhand dreier ambivalenter Ebenen zeigt die Autorin, welche Konfliktpotentiale existieren und wie diese umschifft, verarbeitet und gelöst wurden. Mit Hilfe weiterer Texte und Mythen wird unter interdisziplinärem Blickwinkel der Frage nachgegangen, wie diese Dynamik den Heros einhüllt und zu einem oszillierenden Charakter werden lässt.