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Erkenntnistheoretische Anmerkungen in:

Gabriele Maria Sigg

Ehre revisited, page 283 - 288

Die Charakterhaltung als gesellschaftliche Grundlage

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3985-4, ISBN online: 978-3-8288-6719-2, https://doi.org/10.5771/9783828867192-283

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 77

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
283 Erkenntnistheoretische Anmerkungen Ehre. Dieser Begriff mag für manchen als ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten klingen, das heute höchstens noch in rückständigen Gesellschaftsformen oder separaten Gruppierungen zu finden ist. Ein sich als modern und aufgeklärt definierender Mensch distanziert sich zuweilen lieber von diesem Begriff, da er kollektivgeschichtlich eher mit negativen Konnotationen aufgeladen ist. Im türkischen Kontext ist dies vor allem der sogenannte »Ehrenmord«, im deutschen Kontext sind dies die »Gebräuche« des Begriffes im Nationalsozialismus. Gleichwohl dies zwei unterschiedliche Aspekte sind, wie der Ehrbegriff verwendet wurde bzw. wird, haben sie gemeinsam, dass in beiden Fällen viel Blut vergossen wurde bzw. bei ersterem immer noch wird. Und dieser negative, wenn nicht gar barbarische Gebrauch der Ehre hat in einem Großteil der Menschen der Folgegenerationen unbewusst eine Ablehnung hervorgerufen, die kollektivhistorisch begründet und psychologisch inhärent ist. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass jeder Begriff einen Inhalt hat, der nicht beliebig austauschbar ist, sondern der dem Begriff immanent ist. Dieser Inhalt ist nicht starr, sondern in gewisser Weise ist er dehnbar, jedoch wird ein anderer Begriff passender, wenn der Inhalt eine bestimmte Grenze überschreitet. Man könnte also die Übergänge als fließend betrachten, allerdings muss man aufpassen, nicht den Übergang zu verpassen. So ist es gerade die Aufgabe von Wissenschaft, nach den richtigen Begriffen zu suchen und um sie zu ringen, wenn sie nicht im bloßen »Meinen« (dóxa) verharren möchte. Genau das ist die Unterscheidung von nóēsis, der direkten Einsicht der Vernunft in das Wesen der Dinge bzw. einem intuitiven Erkennen und dóxa, dem bloßen Meinen und Glauben aufgrund der eigenen unreflektierten Sinneswahrnehmungen, wie es Platon in seinem Liniengleichnis aufgezeigt hat. In den sich selbst als modern und fortgeschritten ansehenden heutigen Wissenschaften sind diese epistemologischen Grundlagen leider nicht mehr als selbstverständlich anzusehen. Wie ein Musiker den richtigen Ton zu finden sucht, muss ein Wissenschaftler den richtigen Begriff finden, der, wie der richtige Ton, in seiner Seele einen 284 Widerhall auslöst, und er weiß: Das ist er! Was würde denn passieren, wenn ein Musiker einfach ein »c« zu einem »d« machen würde? Die Musikwelt würde aufschreien! Und mit dem gleichen entsetzenden Aufschrei müsste die Wissenschaft reagieren, wenn ihr ein Begriff für einen anderen zu verkaufen versucht wird, in diesem konkreten Fall die Vermischung von Ehre und Mord oder Ehre und Prestige.124 Der subjektive Faktor als Element objektiver Erkenntnis Erkenntnis und Selbsterkenntnis bedingen sich gegenseitig und Platon hat in seinem Linien- und Höhlengleichnis verdeutlicht, dass erst durch Transformation der persönlichen Schattenanteile wissenschaftliche Erkenntnis bzw. die Einsicht in die Ideenwelt (epistēmē, nous) erreicht werden kann. Diese heutzutage vergessenen wissenschaftlichen Grundlagen erlangen jedoch durch die Quantenphysik wieder neue Bedeutung. Heute bestätigt uns die Quantenphysik, dass Beobachter und Beobachtetes sich gegenseitig beeinflussen, was die alte Trennung von Subjekt und Objekt widerlegt. Ein für sich stehendes unabhängiges Objekt scheint es nicht zu geben (vgl. Dürr 2012, vgl. Görnitz 2012, vgl. Warnke 2015). Das heißt, die härteste aller Wissenschaften, die Physik, die einst den Geistes- und Sozialwissenschaften ihre »Weichheit« vorwarf und sie dazu brachte sich den »harten Naturgesetzen« zu unterwerfen, wird auf einmal ganz »weich«. Gerade auch die Soziologie weiß aus ihrer Beschäftigung mit ihren Theoretikern, inwiefern die eigenen biografischen Erfahrungen die Entwicklung einer Theorie beeinflussen. Sei es das Fremdheitselement als Jude bei Georg Simmel, die protestantischen Eltern Max Webers oder die Erfahrung als Arbeiterkind bei Pierre Bourdieu – es war die am eigenen Leibe erfahrene Geschichte, die viele Theoretiker erst zu ihren Theorien inspirierte. Diese »seinsverbundene oder standortgebundene Aspektstruktur des Denkens« (Mannheim 1982) wird in der Wissenssoziologie schon viele Jahrzehnte diskutiert, jedoch keine wirkliche Konsequenz für den Erkenntnisprozess daraus gezogen. Da ich die Auffassung vertrete, dass nur durch die Aufarbeitung der individualpsychologisch-charkterlichen und soziokulturellen Prägungen objektive 124 Der Ehrbegriff ist sicher nicht der einzige Begriff auf der Liste der Vermischung bzw. des Missbrauchs zentraler menschlicher Kategorien. Ähnliches geschah mit Begriffen wie etwa Schuld, Gott, Sexualität oder Reinheit. Dies zu untersuchen bedürfte aber jeweils gesonderter Arbeiten und kann hier nicht geleistet werden. Allerdings kann es sehr hilfreich sein, das Problem des Missbrauchs an einem Beispiel, sprich Begriff durchzuspielen und zu verstehen, da dadurch das Grundmuster des Missbrauchs deutlich wird und somit eine Transferleistung zu Missbräuchen bei anderen Begriffen einfacher möglich ist. 285 Erkenntnis angestrebt werden kann,125 sehe ich es als meine wissenschaftliche Pflicht, die wesentlichen Einflüsse, die mich zur vorliegenden Arbeit bewogen haben, kurz darzulegen. Durch meine Biografie und Sozialisation, die ich in den 1980er-Jahren im ländlichen Raum Süddeutschlands durchlief, wurde ich von Kindesbeinen an mit dem Spannungsverhältnis zwischen traditioneller und moderner Gesellschaft konfrontiert. Als jüngstes von fünf Kindern übernahmen meine sieben bis 13 Jahre älteren Geschwister mir gegenüber eine wichtige Rolle in der Sozialisation ein. Mein Vater wurde in den Kriegsjahren und meine Mutter in der Nachkriegszeit geboren. Sie vermittelten uns Kindern ein idealtypisch eher traditionelles Weltbild und christliche Werte, jedoch mit liberalen Elementen. Die traditionellen Werte meiner Eltern wurden durch meine Geschwister in deren Jugendzeit stark angegriffen. Durch dieses Spannungsfeld von traditionellen und modernen Werten, das ich als Vorschulkind erlebte, war ich schon früh gezwungen, die unterschiedlichen Positionen zu reflektieren und meine eigene Position darin zu finden. Meine Welt war niemals fraglos gegeben. Anders als meine Geschwister befand ich mich allerdings in einer Generation, in der sich bereits die Kehrseiten der Modernisierung und die postmodernen Zerfallserscheinungen in Formen von »Anomie« in meiner peer group zeigten. Sehr wohl teilte ich einige Ansichten meiner Geschwister über Zwänge und Rollenvorstellungen der traditionellen Gesellschaft, jedoch erkannte ich auch durchaus positive Züge traditioneller Wertvorstellungen: Meine Eltern trugen weitaus mehr innere Freiheit und Gleichmut in sich, als ich es bei vielen »modernen« Eltern meiner Freunde beobachten konnte. Gleichwohl meine Eltern den Begriff »Ehre« nie verlauten ließen, brachten sie mir das Ehrgefühl näher. Das Spannungsverhältnis zwischen traditionellen und modernen Werten zeigte sich mir insbesondere auch in der Ökonomie. Mein Vater durchlief eine Ausbildung in der Bank und besetzte in diesem Sektor verantwortungsvolle Positionen. Die damalige Ausbildung verlangte eine Orientierung am Wohl des Kunden, wobei die Bank als Verwalter des Geldes des Kunden anzusehen war und nicht als dessen Besitzer, mit dem beliebige Spekulationen betrieben werden 125 Ich habe diese These 2012 in dem Aufsatz »Der subjektive Faktor. Innere Reife als Schlüssel zu objektiver Wissenschaft« ausführlich mit dem Philosophen Ronald Engert dargelegt. Siehe dazu: Tattva Viveka Nr. 53, S. 96-107: »Um Objektivität zu erreichen, wurde das »Problem« der Subjektivität und Emotionalität in den verschiedenen Kulturen, Wissenschaften und Religionen bis dato durch Leugnung oder Trennung zu lösen versucht. Die Autoren zeigen die Problematiken der verschiedenen Wege auf und plädieren für eine Klärung biografisch und gesellschaftlich bedingter Konditionierungen. Nur so kann in der radikalen Subjektivität maximale Objektivität möglich sein. Objektivität ist nicht durch die Leugnung von Subjektivität zu erreichen.« 286 konnten. Geld war »Mittel zum Zweck«. Durch den gesellschaftlichen Wandel änderte sich der Berufsethos von dem des Bankiers zu dem des Bankers, wodurch bereits im Ausbildungssystem Lehrlinge zu unverhältnismäßigem Profit und Eigennutz »erzogen« wurden. Der »Verkehrung von Mitteln zu Zwecken« (Max Weber). Ein weiterer wichtiger Eckpunkt in meinem Leben war die Begegnung mit einer Freundin mit türkischem Migrationshintergrund. Wie mir auch schon im Kontakt mit anderen türkischstämmigen Mitbürgern auffiel, deckten sich, trotz äußerer kultureller Unterschiede in der Form, unsere Werte oftmals inhaltlich. Dies bewog mich vor dem Hintergrund meiner Biografie, die ursächlichen Gründe genauer zu erforschen und in der Dialektik von meiner subjektiv reflektierten Position die objektiven Aspekte herauszuarbeiten. Insbesondere meine Begegnung mit dem Großen Basar in Istanbul im Jahre 2008, im Rahmen eines Auslandspraktikums während meines Studiums, ermöglichten es mir, diese Fragen an einem Ort in einer sinnvollen Fragen- und Thesenstellung zu untersuchen. Sprachstilcollage als Erkenntnismittel Aktuell findet wissenschaftliche Erkenntnis verstärkt in einzelnen Spezialdisziplinen statt. Hier wird das zu untersuchende Objekt meist losgelöst seines Kontextes untersucht. Insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften führt diese Trennung zu einer verzerrten Realitätswahrnehmung. In der hier vorgelegten Untersuchung wurden philosophische, soziologische, ethnologische und teilweise sozialpsychologische Aspekte miteinander verwoben. Jede dieser Disziplinen hat im Zuge ihrer Spezialisierung eine ihr eigene Sprache entwickelt, die ich hier oftmals bewusst übernommen habe, da an sie das Fachwissen gekoppelt ist. Dies mag an mancher Stelle als Stilbruch erscheinen, wenn soziologische Sprachgewohnheiten durch philosophische Weisheiten abgelöst werden oder inmitten von akademischen Erörterungen alltagssprachliche Elemente erscheinen. Die dadurch entstehenden vermeintlichen »Brüche« sind infolgedessen gewollt und verdeutlichen die Mehrdimensionalität der Lebenswelten, in denen wir uns tagtäglich bewegen und in denen wir handeln. Zwischen den verschiedenen Sprachstilen entstehen dann neue Erkenntnisräume. Die Alltagssprache trägt insbesondere die Möglichkeit in sich, abstrakt erscheinende Phänomene konkret und zugänglich zu machen. Auch wenn sie teils robust und plump wirken mag, hat sie die Fähigkeit das Problem direkt und unmittelbar zu veranschaulichen. Sprache kann uns auf die banalsten Dinge unserer Alltagsrealität zurückwerfen oder in die höchsten philosophischen Sphären hinaufschwingen, die in Wirklichkeit nicht getrennt sind. Auch diese Erkenntnis können wir aus den Errungenschaften der Quantenphysik ziehen. Gemäß dem Kernphysiker Hans- 287 Peter Dürr (2012) gibt es gar keine Materie, sie ist lediglich die »Schlacke des Geistigen«. Materie und Geist sind somit untrennbar miteinander verwoben. Die Soziologie darf sich insofern wieder selbstbewusst auf ihre qualitative Erkenntnisgewinnung und ihr Unterscheidungsvermögen berufen. Hier fehlt den quantentheoretischen Naturwissenschaften m. E. wichtige philosophische Vorbildung in Erkenntnistheorie. Dieses Unterscheidungsvermögen und die Verbindung von Denken und Gefühl im »stummen Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst« (Hannah Arendt) zu kultivieren ist notwendig, um die »babylonische Sprachverwirrung« aufzuheben und die Begriffe in ihrer wesensgemäßen Bedeutung wieder erkennen u n d verstehen fähig zu sein. So können Begriffe ihrer Funktion als geistige Orientierung für die Seele wieder gerecht werden und es ermöglichen – sowie es auch die treffenden Töne vermögen – der eudaemonia (Glückseligkeit) ein Stück weit näher zu kommen.

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Zusammenfassung

Der türkische Ehrbegriff wurde bislang überwiegend im Feld der traditionellen Rollenvorstellungen von Frau und Mann verortet. Gabriele Sigg befreit den Ehrbegriff aus diesem patriarchalen Machtzusammenhang und macht ihn so für moderne Gesellschaften fruchtbar.

Am Beispiel der Handelsehre auf dem Großen Basar in Istanbul wird die Veränderung der Charakterstruktur von einer vormodernen zu einer modernen Gesellschaft dargelegt. Dabei wird die Notwendigkeit des ehrbaren Kaufmannes für eine funktionierende Gesellschaft deutlich. Auf dem Großen Basar werden die Reste eines institutionalisierten Ehrgefühls eruiert, um daraus Möglichkeiten der Charakterbildung in der Moderne zu skizzieren.

Die Beschäftigung mit der Ehre und Charakterbildung entlarvt den Kategorienfehler moderner westlicher Gesellschaften, nämlich abstrakte Systeme und Verfahren allein als vorrangigen Garant für eine gerechte Gesellschaft zu bestimmen. Die Autorin stellt die zentrale Bedeutung der Charakterhaltung als ursächlichen Mechanismus hinter den objektiven Strukturen heraus.