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Einleitung, Gegenstandserklärung und Methodik in:

Gabriele Maria Sigg

Ehre revisited, page 13 - 22

Die Charakterhaltung als gesellschaftliche Grundlage

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3985-4, ISBN online: 978-3-8288-6719-2, https://doi.org/10.5771/9783828867192-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 77

Tectum, Baden-Baden
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13 Einleitung, Gegenstandserklärung und Methodik »The Grand Bazaar is such an important source of data that gives hints about the social and economical structure of the Ottoman Empire and the republic of Turkey. If a study on the country was done in the Grand Bazaar, the data which is obtained would be enough. It is hard to understand why such few researches were done on the Grand Bazaar even though the biggest university of the country erects right by it.« (Özbey 2010, S. 90) Einen Roman (vgl. Gülersoy 1979) bzw. ein literarisches Werk (vgl. Salm- Reifferscheidt 2008), eine wirtschaftshistorische Analyse des Handels in Anatolien (vgl. Küçükerman/ Mortan 2009; 2010) und eine kleine sozialwissenschaftliche Studie (vgl. Şatıroğlu/ Okan 2010) sind tatsächlich die wenigen Werke über den Großen Basar in Istanbul, wobei festgehalten werden muss, dass sich darunter lediglich eine sozialwissenschaftliche Untersuchung befindet. Der Große Basar in Istanbul ist mit seinen über 550 Jahren das älteste Einkaufszentrum der Welt und dient heute oftmals den modernen Einkaufszentren als Vorbild. In der orientalischen Stadt war der Basar ein wichtiges Steuerungsorgan und -zentrum. Man kann ihn analog zu dem Central Business District und der City großer westlicher Städte sehen. Es darf nicht vergessen werden, dass sich hinter der schillernden und touristisch attraktiven Fassade das Mekka des Einzelhandels, Großhandels und der Geldleihe befand und teilweise immer noch befindet (vgl. Wirth 1974/75, S. 214). Die einstige Stellung des Großen Basars in Istanbul ist durch Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse in Frage gestellt worden. Noch in den 1960er-Jahren war der Große Basar zentrales Einkaufszentrum und wird seither mit diversen Neuerungen konfrontiert, die ihn nachhaltig verändern: Bis sich große Einkaufszentren nach amerikanischem Vorbild in den 1980er-Jahren breit machten, war es üblich, den gesamten Haushaltsbedarf bis hin zum Brautkleid über den Basar zu decken. Massentourismus und Qualitätsminderung, sowie Importprodukte aus Ländern wie Pakistan, Afghanistan und China sind die neue Wirklichkeit auf dem Basar. Darüber hinaus stellt das Internet eine enorme Herausforderung für den auf traditionel- 14 lem Handwerk und Handarbeit beruhenden Basar dar (vgl. Stewig 2009; vgl. Küçükerman/ Mortan 2009, S. 184ff). Der türkische Ehrbegriff wird bisher in der kulturwissenschaftlichen und soziologischen Forschung hauptsächlich in Anbetracht der geschlechtsbezogenen Ehre (namus) und der sogenannten »Ehrenmorde« diskutiert (vgl. etwa Hausschild 2009; vgl. Hüwelmeier 2004; vgl. Pitt-Rivers 1971 [1965]; vgl. Peristiany 1965; vgl. Petersen 1985; vgl. Schiffauer 1983, vgl. Tezcan 2003). In den deutschen Medien werden diese Berichte gerne sensationslüstern aufbereitet. Ehre wird so gleichzeitig zu einem Phänomen »der anderen«, das in das klischeehaft verzerrte Bild des entwickelten Deutschlands einerseits und der vormodernen Türkei andererseits eingebettet wird, wodurch ein »Orientalismus« konstruiert wird (vgl. Said 2009 [Original: 1978]). Ethnologen1 haben sich dabei nie bemüht den Ehrbegriff näher zu bestimmen und dessen etymologischen und philosophischen Gehalt zu prüfen, sondern haben kritiklos die »Ehrausführungen« ihrer »Mandanten« akzeptiert und in die Wissenschaft und Gesellschaft getragen. Ein weiterer Ehrbegriff der traditionellen Gesellschaft ist die Ehre im Wirtschaftsleben, die in den frühen Dorfstudien über die Türkei gestreift wurde (vgl. etwa Petersen 1985, S. 25; vgl. Magnarella 1974; vgl. Stirling 1965), jedoch durch die Fokussierung auf die geschlechtsbezogene Ehre in den Hintergrund geraten ist. Meine erste Kritik bezieht sich deshalb auf die Fehlverwendung der Ehre im Kontext des sogenannten Ehrenmordes und damit zusammenhängend die zweite Kritik auf das Übersehen der Ehre im politisch-wirtschaftlichen Feld. Ehre ist ein Phänomen, welches sich nicht nur äußerlich, sondern insbesondere innerlich konstituiert. Heute ist Denken und Handeln nicht selten konträr. In der Politik zeigt sich das unterschiedliche Gebaren sehr deutlich vor und nach Wahlen. Ein ehrenvolles Verhalten drückt sich letztlich insbesondere durch innengeleitetes rechtschaffenes Handeln aus (Aristoteles), wodurch sich der Begriff der Charakterhaltung formiert hat, der die innere Haltung der bloßen Performanz gegenüber hervorheben will. Ziel der Arbeit – Thesen Ziel der Arbeit ist es, am Beispiel des Großen Basars in Istanbul einerseits die vernachlässigte Kategorie der Handelsehre für die soziologische und kulturwissenschaftliche Forschung fruchtbar zu machen sowie gleichzeitig deren transkulturelle Logik zu verdeutlichen. Meine Absicht ist insbesondere zu zeigen, dass 1 Die augenscheinlich »männliche« Begriffsverwendung soll keinesfalls eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts darstellen, sie wird jedoch für diese Arbeit zur Vereinfachung und besseren Lesart verwendet. 15 die Charakterbildung eine notwendige, aber in der modernen2 Gesellschaft vernachlässigte Vorbedingung eines gerechten Handels darstellt. Da die Ehre ein Persönlichkeitsprinzip ist, handelt es sich andererseits auf einer metatheoretischen Ebene um eine Kritik der »Unpersönlichkeitsphilosophie« und des »Objektivitätsdogmas« moderner westlicher Gesellschaften. Anzumerken ist, dass dies keine rein wirtschaftssoziologische Arbeit ist. Wirtschaft ist immer Teil einer Kultur und diese muss bei der Frage nach der Genese des ehrbaren Kaufmanns unbedingt berücksichtigt werden. Die Handelsehre ist ein Personenprinzip, während das Recht ein Sachprinzip ist. In westlichen Gesellschaften herrscht die oft unausgesprochene Übereinkunft sachliche Regeln ohne Einbezug der Person insbesondere über Recht und Gesetze zu modifizieren, um gesellschaftliche Verbesserungen zu erzielen. Sache und Personen sollen strikt getrennt werden und mittels Verfahren soll, wie Luhmann (1993) verdeutlicht hat, Legitimation und Systemvertrauen hergestellt werden. Persönliche Entscheidungen werden mit Willkür gleichgesetzt, abstrakte Verfahren sollen dieses Defizit beheben – so der Glaube. Die Person gilt – hinter vorgehaltener Hand – als nicht vertrauenswürdig. Auch wenn das nie explizit geäußert wird, schwingt es implizit in großen Teilen der Forschung mit. Diese unhinterfragten Grundannahmen stelle ich in Frage und zeige ihren Ursprung auf, in dem ich eine nicht-westliche Gesellschaft untersuche, die verstärkt auf persönlichen Beziehungen aufgebaut ist. Es ist eine falsche und unhinterfragte Grundannahme westlicher Gesellschaften, dass alles was formal ist, per se gerecht sei. Es gibt ein Spannungsverhältnis von subjektiven Dispositionen und objektiv-abstrakten Regelungen. Dies führt zu folgenden Thesen: Hauptthese: • Objektive Regeln können Gerechtigkeit nicht garantieren, wenn subjektive Vorbedingungen nicht erfüllt sind. 2 Einige Anmerkungen zur Begriffsverwendung von Tradition, (Vor-)Moderne, Postmoderne. Unter Tradition bzw. Vormoderne verstehe ich die mehr oder weniger homogene Welt, die eingebettet in religiöse Weltanschauungen ist. Im Zuge der Moderne wurde die traditionelle Struktur, insbesondere auch durch den Prozess der Aufklärung, entzaubert, was im ersten Moment als ein Akt der Befreiung erschien. Mittlerweile zeigen sich durch Pluralisierung und Differenzierung von Lebenswelten und Weltbildern auch deren Kehrseiten in Form von Anomie, wodurch sich die Begrifflichkeit der Postmoderne formiert hat (vgl. z.B. Hillmann 2007, S. 581; S. 694). Diese Unterscheidungen und Verwendungsweisen sind natürlich idealtypischer Natur und können nicht immer deckungsgleich verwendet werden. Autoren wie Bourdieu (2000) und Sombart (1913) verwenden die Begriffe vorkapitalistisch und kapitalistisch um eine ähnliche Problematik wie die Unterscheidung vormoderner und moderner Kultur zu beschreiben. Da ich Wirtschaft immer eingebettet in einen kulturellen Kontext sehe, habe ich mich für die Begrifflichkeiten vormodern und modern entschieden. 16 Folgethesen: • Eine ehrenhafte Charakterhaltung stellt eine notwendige Voraussetzung für eine gerechte Vertragsabwicklung bzw. einen gerechten Handel dar. Ein formaler schriftlicher Vertrag ist aus sich heraus noch nicht gerecht. • Ein objektiver Preis ist kein Garant für einen fairen Preis. Ein ausgehandelter Preis ist nicht sui generis ungerecht bzw. gerecht. Die Charakterhaltung bestimmt primär, ob ein Preis dem Anspruch der Gerechtigkeit gerecht wird. Die Divergenz vormoderner und moderner Handelspraktiken dient als Schauplatz für die Fragestellung, wie sich durch Globalisierungs- und Modernisierungsprozesse der traditionelle Handelshabitus, verkörpert im Typus des ehrbaren Kaufmanns, verändert hat, sowie dazu aufzuzeigen, wie sich diese Änderungen der Charakterstruktur auf allgemeine Prinzipien wie Vertrauen, Solidarität und Gerechtigkeit auswirken. Diese alltäglichen vorinstitutionellen Handlungen, die nicht in Gesetzesformeln oder institutionellen Regelungen festgeschrieben sind, haben jedoch weit größere Auswirkungen als allgemein angenommen. Sie befinden sich in den nicht sichtbaren 80 Prozent unterhalb des Eisbergs. Der Große Basar in Istanbul eignet sich deshalb zur Untersuchung des Antagonismus der Handelspraktiken vormoderner und moderner Gesellschaften, da er sich aktuell in genau diesem Spannungs- und Wandlungsprozess befindet, welches sich idealtypisch in einem Spannungsverhältnis von Beitragsprinzip (Aristoteles) und Gleichheitsprinzip (John Rawls) widerspiegelt, was ermöglicht die Vor- und Nachteile beider Prinzipien an aktuellen Fallbeispielen zu beobachten und zu analysieren. Da die Ehre im öffentlichen Raum, die ich hier unter der Kategorie der Handelsehre untersuche, bisher keinen Eingang in die Forschung gefunden hat, ist mein Anliegen für diese Untersuchung die grundlegenden Strukturen und Zusammenhänge herauszuarbeiten. Manche Detailfragen müssen an dieser Stelle deshalb offen gelassen werden. Methodologische Vorgehensweise Zugang zum Großen Basar in Istanbul habe ich während eines viermonatigen Auslandspraktikums am Ende meines Magisterstudiums im Frühjahr 2008 erhalten. Insgesamt folgten danach im Zeitraum von 2008 bis 2015 sieben Aufenthalte: Zwei längere Aufenthalte von acht und neun Monaten, sowie fünf kürzere Aufenthalte von einer Woche bis zu sechs Wochen. Letztere dienten zur Nachfrage und zur Sammlung abschließender Informationen. Methodisch arbeitete ich mit einer Methodenkombination von offenen Gesprächen, Teilnehmender Beobachtung und Leitfaden gestützten qualitativen Interviews (vgl. Beer 2008, vgl. Girtler 2004, vgl. Schefeld 2008, vgl. Schmidt-Lauber 2001). Der neunmonatige Aufenthalt von Oktober 2009 bis Juli 2010 galt der Exploration. 17 Hier führte ich offene Gespräche, die die Grundlage für die Entwicklung der Leitfrageninterviews in der Feldforschungsphase bildeten. Ich verbrachte in abwechselnden Zeitspannen zwei bis drei Tage die Woche bei einem Lampengeschäft, einem Geschäft für Frottierwaren und einem Geschäft für traditionelle Bekleidung asiatischer Provenienz. In dem achtmonatigen Aufenthalt von Mai bis Dezember 2014 führte ich die »offizielle« Feldphase durch. Bei dieser arbeitete ich je zwei bis drei Wochen für drei Tage in fünf unterschiedlichen Geschäften (zwei Teppichhändler, zwei Juweliere, ein Keramik- und Silbergeschäft) mit. Während dessen führte ich Leitfaden gestützte qualitative Interviews durch, von denen 19 mit 17 Personen in die Analyse aufgenommen wurden. Die Mitarbeit in den Geschäften diente vor allem dazu, Aussagen der Interviews zu überprüfen, die Informationen zu erweitern und die vorsprachlichen Informationen, die nicht immer einfach zu thematisieren sind, die sich aber in der konkreten Handlung beobachten lassen, in die Analyse mitaufzunehmen sowie hermeneutischverstehend zu interpretieren. Die Bedeutung der eigenen Präsenz vor Ort kann nicht überschätzt werden, da in der Alltagssituation viele Informationen zu Tage treten, die in einer Interview-Situation, die immer ein künstliches Element in sich trägt, nicht zur Sprache kommen – oftmals einfach nur, weil es dem Interviewten gerade nicht einfällt oder er gerade nicht über das Thema sprechen möchte. Wenn man sich selbst empathisch in die Lage des Interviewten versetzt, ist dies einleuchtend, denn auch selbst hat man nicht immer die Muße oder die Energie über ein Thema zu sprechen oder erst später fällt einem die Antwort auf eine gestellte Frage ein. Aus diesen Gründen habe ich mich auch für einen qualitativen Zugang entschieden, der es ermöglicht, über einen längeren Zeitraum mit den verschiedenen Personen in Kontakt zu stehen. Von besonderer Wichtigkeit sind deshalb auch die unzähligen informellen Gespräche, die ich bei türkischem Tee geführt habe, die gerade in einer nicht-westlichen Kultur unbedingten Wert haben, da allein eine persönliche Beziehung die Türen für vertrauensvolle Gespräche öffnet. Dafür werden nicht quantitativ viele Kontakte, sondern qualitativ wenige, dafür sehr gute benötigt, da diese im Weiteren die Brücken zu den relevanten Stellen erschließen. Ich beschreibe in den jeweiligen Kapiteln konkrete weitere detaillierte Aspekte der Feldforschung. Darüber hinaus habe ich vier deutsche Handelspartner interviewt, die auf eine 12- bis über 40-jährige Arbeits- und Handelserfahrung mit Partnern auf dem Großen Basar und seinem weiteren Umfeld zurückblicken können. Dadurch konnte ich meine eigene kulturelle Brille einer kritischen Gegenüberstellung unterziehen. Hinzu kommt mein fünfjähriger Aufenthalt, den ich wohnhaft in Berlin- Kreuzberg am Kottbusser Tor verbrachte. Dieses Viertel ist größtenteils von türkischen Mitbürgern besiedelt sowie insbesondere auch durch türkische Geschäfte – vom Obsthändler über den Fahrradhändler und Schuhmacher bis hin 18 zum Goldschmied – gekennzeichnet. Hier konnte ich im täglichen Leben meine Thesen immer wieder direkt oder indirekt von mehreren Seiten prüfen. Außerdem habe ich meine eigenen aus der Feldforschung gewonnen Daten mit einer Sekundäranalyse der Studie von Şatıroğlu/Okan 2010 sowie des »Grand Bazaar Magazine« erweitert. Das Magazin wurde 2001 bis 2004 von Atilla Özbey und Rifat Dedeoğlu herausgegeben und erschien in englischer sowie türkischer Sprache. Hier findet sich ein reicher Fundus an Material zur Ergänzung meiner eigens gewonnen Erkenntnisse und Daten, da hier auch viele Basaris persönlich zu Wort kommen.3 Forschungsstand und erkenntnistheoretische Begriffsbestimmung Ehre ist ein Phänomen, das sich zwischen empirischen Begebenheiten und metaphysischen Einsichten bewegt und es kann nur zufriedenstellend beantwortet werden, wenn beide Seiten in die Analyse integriert werden. Bis dato gibt es entweder empirische Studien der Sozial-, Geschichts-, und Kulturwissenschaften, denen es an metaphysischem Wissen mangelt oder philosophische Theorien, denen die Umsetzung in den konkreten Lebenskontext fehlt. Um eine mehrdimensionale und akkurate Zugangsweise, zu der bis dato sehr eindimensionalen Betrachtungsweise des Phänomens Ehre zu erhalten, ist deshalb eine interdisziplinäre Herangehensweise unerlässlich. Dies macht die Arbeit nicht einfacher, sondern birgt Schwierigkeiten und Gefahren in sich. Die Interdisziplinarität ist jedoch der einzige Weg, das Phänomen Ehre »notwendig und hinreichend« zu erfassen (vgl. Baumann 2002, S. 86). Im Forschungsstand lege ich deshalb den bisherige Umgang mit dem Phänomen Ehre in der Ethnologie, Soziologie und Philosophie dar. Meine Hauptkritik an der ethnologischen Ehrforschung (1.) ist die Fehlverwendung des Ehrbegriffes, wobei das Meinen (dóxa) ihrer Gewährsleute über Ehre zum Wissen (episteme) (vgl. Platon, 504-524) erhöht wurde und im sogenannten »Ehrenmord« ihren Höhepunkt erkenntnistheoretischer Grausamkeit erreicht. An der soziologischen Ehrforschung (2.) kritisiere ich die moderne positivistische Soziologie, die sich größtenteils in Bindestrich-Soziologien aufhält und den Blick auf die zentralen Fragen menschlichen Daseins meidet. Zentral gilt es hier zwischen äußerer und innerer Ehre unterscheiden zu lernen sowie die gegenseitige Bedingtheit von Soziologie und Philosophie (Georg Simmel) zu begreifen. Um der Ehre ihren erkenntnistheoretischen Inhalt wiederzugeben bedarf es philosophischen Wissens (3.). Ein zentraler Theoretiker ist hier Aristoteles, der in der Nikomachischen Ethik präzise den Zusammenhang von Ehre als »Lohn der Tu- 3 Die Magazine sind heute nicht mehr zu beziehen, da sie nicht mehr gedruckt werden. Ich verdanke es Remzi Fırat, dass er mir den Zugang zu seinem persönlichen Archiv gewährt hat, so dass mir sechs Ausgaben des Magazins als Kopie zur Verfügung stehen. 19 gend« mittels der Charakterbildung beschreibt. Aristoteles hat nach Sombart am tiefsten das Wesen der vorkapitalistischen Wirtschaft erkannt (vgl. Sombart 1913, S. 17). Ehre ist hier ein Gefühl, das von Emotionen zu unterscheiden gewusst werden muss. Einhergehend damit kann im »Zeitalter des Narzissmus« (Lasch 1986; s.a. auch Bühl 2000) auch am Beispiel des Narzissmus ex negativo eruiert werden, was Ehre ist bzw. was sie nicht ist. Empirisch-theoretische Erkenntnisse Aufgrund der Fehlverwendungen und der Vernachlässigung des Ehrphänomens ist es meine Intention, die Grundpfeiler der Ehrforschung insbesondere bezüglich der Handelsehre herauszuarbeiten, um dann mit diesen an dem Phänomen erkenntnistheoretisch schlüssig weiter arbeiten zu können. Die vorhandenen Theorien über die Ehre werden in die Analyse integriert und mittels der empirischen Erkenntnisse erweitert. Theorie und Empirie standen beim gesamten Forschungsprozess in Wechselwirkung (Georg Simmel). Um dieser Arbeitsweise auch in der schriftlichen Ausarbeitung gerecht zu werden, habe ich mich bewusst dafür entschieden, die Arbeit nicht in einen separaten Theorie und Empirie zu gliedern. Der empirisch-theoretische Teil gliedert sich in fünf Kapitel (Kapitel 2 bis 6), die jeweils mit empirischen Fallbeispielen beginnen und mit theoretischen Unterkapiteln schließen. Eine Ausnahme bildet Kapitel 1, in dem ein kurzer historischer Abriss der 550-jährigen Geschichte des Großen Basars gegeben wird. Am Beispiel des Großen Basars in Istanbul lege ich anhand von Fallbeispielen die Veränderungen von einer vormodernen zu einer modernen Ökonomie und deren Auswirkungen auf die charakterlichen Dispositionen (Habitus) dar. Fallbeispiele sind deshalb besonders aufschlussreich, da die gesellschaftliche Struktur in jedem Einzelnen abhängig von Geschlecht, Alter, Ethnie, Religion etc. eingeschrieben ist und sie somit in der Rückwirkung wiederum Aufschlüsse über gesellschaftliche Tatsachen geben. Allen voran ist diese Arbeit von dem leider erst posthum wertgeschätzten, dialektisch arbeitenden Philosophen und Soziologen Georg Simmel (vgl. 1989, 1992, 1995) mit seinen wichtigen theoretischen Werkzeugen wie der Unterscheidung von »individueller Seele, subjektiver Kultur und objektiver Kultur«, »Inhalt und Form« sowie »Wechselwirkung« inspiriert. Um ihn kreisen ergänzend Aristoteles »Ehre als Lohn der Tugend«, Bourdieu (1976, 2000), Durkheims »nicht-vertragliche Elemente des Vertrages« (1992) sowie die Überlegungen zu den Berufsgruppen (1991; 1992). Max Webers »Verkehrung von Mitteln zu Zwecken« und seine Untersuchungen zur Wirschaftsethik der Weltreligionen 20 (1989) sowie Werner Sombarts Bürgergeist (1913) dürfen dabei natürlich nicht fehlen.4 In Kapitel 2 arbeite ich die komplexe Genese des traditionellen ehrenhaften Handelshabitus heraus, die auf persönlichen face-to-face-Beziehungen in der primären und sekundären Sozialisation beruht. Inwiefern sich die Charakterhaltung durch den globalen und kulturellen Einfluss verändert, wird in Kapitel 3 diskutiert. Kultur- und Wirtschaftssoziologie werden hier wechselseitig untersucht, da sie sich gegenseitig bedingen (s. a. Ülgener 2008, S. 3). Die moderne Trennung von Kultur-, Wirtschafts- und auch Rechtssoziologie verkennt, dass die Kultur in alle diese Bereiche einfließt. Kapitel 4 kann als Hauptkapitel der Arbeit bezeichnet werden. In ihm werden die aufgestellten Thesen explizit diskutiert: Mit den Modernisierungsprozessen einhergehend entstehen auf dem Gro- ßen Basar Konflikte von Ehre vs. Geld: Die Handelsehre divergiert mit dem modernen Kalkül des Homo Oeconomicus, konkret lässt sich dies an der Gegenüberstellung von Feilschen, das auf einem ehrenvollen Charakter beruht (Aristoteles), und festen Preisen, die auf abstrakten Prinzipien der Gleichheit (John Rawls) aufbauen, beobachten. Hier werden insbesondere Aspekte diskutiert, welche die Rechtssoziologie betreffen, allerdings auch diese notwendigerweise wieder im Kontext von Kultur. Darüber hinaus soll in Kapitel 5 gezeigt werden, dass das Ehrgefühl ein transkulturelles Prinzip ist, das, wie Aristoteles schon erkannte, eine rudimentäre Möglichkeit ist, die jedoch nur durch Übung und Praxis auch in die gesellschaftliche Wirklichkeit integriert werden kann. Der Große Basar in Istanbul ist für die Transkulturalität des Ehrgefühls ein ideales Beispiel, da durch den alten Handelsweg der Seidenstraße Jahrtausende lang die Menschen in der Türkei mit den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen in Kontakt standen und sich dies auf dem Großen Basar, als Endpunkt der Seidenstraße, durch das Zusammenleben und -arbeiten unterschiedlicher Ethnien und Religionen heute noch zeigt. Schluss und Ausblick Die Arbeit bewegt sich auf zwei zentralen Analyseebenen: Empirisch-theoretisch zeige ich anhand der Veränderungen der Handelspraxen auf dem Großen Basar in Istanbul, wie kulturelle und globale Wandlungsprozesse zu einer Änderung der Charakterstruktur führen, konkret von der »Logik der Ehre« (vgl. Aristoteles, vgl. Bourdieu 2000) zu dem nutzenorientierten Homo Oeconomicus. In der traditionellen Charakterstruktur finden wir Ansätze dieser Idee, die die moderne Gesellschaft vernachlässigt. 4 Aufbauend auf den Erkenntnissen von Max Weber und Werner Sombart arbeitet Sabri F. Ülgener (2006) die Moral und Geisteshaltung für die Probleme der Wirtschaft anhand der türkisch-islamischen Geschichte und Kultur heraus. 21 Auf einer metatheoretischen Ebene ist die Arbeit eine Kritik der »Unpersönlichkeitsphilosophie« moderner westlicher Gesellschaften, die der unbewussten Annahme anheimgefallen ist, dass die persönlichen Probleme verschwinden würden, wenn sie die Person ausklammere. Die dualistische Trennung der Sache von der Person löst keinesfalls das Problem, sondern drängt vielmehr die persönlichen charakterlichen Schwächen und Leidenschaften nur weiter in den Schattenbereich, anstatt sie zu integrieren. Im Zuge der Aufklärung wurde in kirchlicher Tradition die Vernunft über das Gefühl überhöht. Aristoteles (Nikomachische Ethik) erkennt jedoch bereits, dass nicht nur kognitives und sachliches Wissen (dianoetische Tugenden), sondern auch die persönlich-ethischen Qualitäten (ethische Tugenden) ausgebildet werden müssen, die sich vor allem emotional äußern und deshalb auch nur auf dieser Ebene bearbeitet werden können. Ich möchte betonen, dass ich die traditionelle Gesellschaft nicht analysiere, um an frühere bessere Zeiten zu appellieren. Vielmehr geht es mir darum, die positiven Elemente der traditionellen Gesellschaft herauszuarbeiten, um diese für die moderne Gesellschaft neu zu interpretieren und weiter zu entwickeln. In der traditionellen Lehrlings-Meister-Beziehung wurde das Aneignen von Fachwissen mit der Ausbildung des Charakters verbunden. Die moderne Gesellschaft muss dafür heute eine Antwort finden, die sich jenseits traditionell religiöser Dogmen, aber auch jenseits postmoderner Beliebigkeitsphantasien bewegt.

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Zusammenfassung

Der türkische Ehrbegriff wurde bislang überwiegend im Feld der traditionellen Rollenvorstellungen von Frau und Mann verortet. Gabriele Sigg befreit den Ehrbegriff aus diesem patriarchalen Machtzusammenhang und macht ihn so für moderne Gesellschaften fruchtbar.

Am Beispiel der Handelsehre auf dem Großen Basar in Istanbul wird die Veränderung der Charakterstruktur von einer vormodernen zu einer modernen Gesellschaft dargelegt. Dabei wird die Notwendigkeit des ehrbaren Kaufmannes für eine funktionierende Gesellschaft deutlich. Auf dem Großen Basar werden die Reste eines institutionalisierten Ehrgefühls eruiert, um daraus Möglichkeiten der Charakterbildung in der Moderne zu skizzieren.

Die Beschäftigung mit der Ehre und Charakterbildung entlarvt den Kategorienfehler moderner westlicher Gesellschaften, nämlich abstrakte Systeme und Verfahren allein als vorrangigen Garant für eine gerechte Gesellschaft zu bestimmen. Die Autorin stellt die zentrale Bedeutung der Charakterhaltung als ursächlichen Mechanismus hinter den objektiven Strukturen heraus.