Content

Vorwort in:

Gabriele Maria Sigg

Ehre revisited, page 11 - 12

Die Charakterhaltung als gesellschaftliche Grundlage

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3985-4, ISBN online: 978-3-8288-6719-2, https://doi.org/10.5771/9783828867192-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 77

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 Vorwort Diese Publikation basiert auf der Dissertation mit dem Titel: »›Doing Ehre‹ revisited. Die Charakterhaltung als Vorbedingung eines gerechten Handels am Beispiel des Großen Basars in Istanbul«, die von mir im April 2017 an der Humboldt-Universität zu Berlin am Institut für Sozialwissenschaften am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie verteidigt wurde. Langjährige Diskussionen haben mir gezeigt, dass es heute nicht mehr selbstverständlich ist Denken und Fühlen wie in der klassischen griechischen Antike als wechselseitigen und einheitlichen Prozess zu begreifen. Dieses Buch ist mit dem intuitiven Verstand geschrieben, das den rationalen sehr wohl integriert, aber diesen nicht als Basis versteht. Ohne das Gefühl und ein philosophisches Grundlagenverständnis kann das Phänomen Ehre, dem ich mich hier nähere, nicht verstanden werden. Wie bereits Wilhelm von Humboldt, der Gründervater der nach ihm benannten Universität forderte, muss die Philosophie als Grundlagendisziplin dienen, an die es die Einzeldisziplinen anzubinden gilt. Wer also nach einer modernen rein empirischen Feldanalyse sucht, wird hier enttäuscht werden. Vielmehr war mein Anliegen »Sein und Sollen« in Wechselwirkung zu betrachten. Die Frage ist also nicht, ob es auf dem Großen Basar in Istanbul Ehre gibt oder nicht. Vielmehr bemüht sich diese Forschung, die Reste einer gesellschaftlichen Institutionalisierung des inneren Ehrgefühls zu suchen (Empirie), um daraus Möglichkeiten der Charakterbildung in der Moderne zu skizzieren (Schluss). Ich bedanke mich bei meinen Betreuern, Prof. Dr. Hans-Peter Müller von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Prof. Dr. Kenan Mortan von der Mimar-Sinan-Universität der Schönen Künste in Istanbul. Ihnen gilt der Dank für ihre Offenheit, konstruktive Kritik und Bereitschaft mein Forschungsprojekt jenseits der eingefahrenen positivistischen Wege und im Sinne des freien Forschergeistes durchführen gekonnt zu haben. Frau Prof. Dr. Karin Lohr von der Humboldt-Universität danke ich für Ihren kurzfristigen Einsatz, die zusätzliche Mühe aufzunehmen, ein zweites schriftliches Gutachten aufgrund der speziellen Lage zu verfassen. 12 Besonderen Dank schulde ich der Soziologin Gabriele Grabl, die alle Hochs und Tiefs dieser Arbeit mitgetragen hat. Ich danke ihr außerdem, sowie auch dem Bildungsphilosophen und Germanisten Andreas Zimmermann für die kritische Lektüre und Korrektur meiner Kapitelentwürfe. Dem Chefredakteur und Verleger Ronald Engert danke ich für ausführliche Hinweise zur Endkorrektur. Ein Dank gilt zudem der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die das Forschungsprojekt annähernd drei Jahre mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung förderte. Ferner war diese Forschung nur Dank der Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Händler auf dem Großen Basar in Istanbul möglich, die mir ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Geduld geschenkt haben, die »geschlossene Box« (Orhan Veli Kanık) ein Stückchen weit zu öffnen. Insbesondere möchte ich diejenigen erwähnen, die mir in der Anfangszeit die notwendigen Informationen und Kontakte vermittelt haben, die meine späteren Forschungen erst ermöglichten: Mustafa Cihan, Dr. Süleyman Ertaş und Remzi Fırat: Can ve gönülden teşekkür ederim! (Von ganzem Herzen: Dankeschön!)

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der türkische Ehrbegriff wurde bislang überwiegend im Feld der traditionellen Rollenvorstellungen von Frau und Mann verortet. Gabriele Sigg befreit den Ehrbegriff aus diesem patriarchalen Machtzusammenhang und macht ihn so für moderne Gesellschaften fruchtbar.

Am Beispiel der Handelsehre auf dem Großen Basar in Istanbul wird die Veränderung der Charakterstruktur von einer vormodernen zu einer modernen Gesellschaft dargelegt. Dabei wird die Notwendigkeit des ehrbaren Kaufmannes für eine funktionierende Gesellschaft deutlich. Auf dem Großen Basar werden die Reste eines institutionalisierten Ehrgefühls eruiert, um daraus Möglichkeiten der Charakterbildung in der Moderne zu skizzieren.

Die Beschäftigung mit der Ehre und Charakterbildung entlarvt den Kategorienfehler moderner westlicher Gesellschaften, nämlich abstrakte Systeme und Verfahren allein als vorrangigen Garant für eine gerechte Gesellschaft zu bestimmen. Die Autorin stellt die zentrale Bedeutung der Charakterhaltung als ursächlichen Mechanismus hinter den objektiven Strukturen heraus.