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Gabriele Maria Sigg

Ehre revisited, page 1 - 10

Die Charakterhaltung als gesellschaftliche Grundlage

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3985-4, ISBN online: 978-3-8288-6719-2, https://doi.org/10.5771/9783828867192-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 77

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Sozialwissenschaften WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Sozialwissenschaften Band 77 Gabriele Maria Sigg Ehre revisited Die Charakterhaltung als gesellschaftliche Grundlage Gabriele Maria Sigg Ehre revisited. Die Charakterhaltung als gesellschaftliche Grundlage Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Reihe: Sozialwissenschaften; Bd. 77 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 Zugl. Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin, Kultur , Sozial und Bildungswissenschaftliche Fakultät 2017 ISBN: 978-3-8288-6719-2 ISSN: 1861-8049 (Dieses Werk ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-3985-4 und als ePub unter der ISBN 978-3-8288-6720-8 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: © Sascha Gottung Weitere Fotografien: © Gabriele Maria Sigg Druck und Bindung: CPI buchbücher.de, Birkach Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Für meine Eltern, die mir einen Sinn für Ehre vermittelten. Für Birsen und Alaattin, durch die mir die Transkulturalität des Ehrgefühls bewusst wurde. 7 Inhalt Vorwort ......................................................................................................................... 11 Einleitung, Gegenstandserklärung und Methodik ......................................................... 13 I. Forschungsstand und erkenntnistheoretische Begriffsbestimmung ......................... 23 1. Die Fehlverwendung des Ehrbegriffs in der Ethnologie ......................................... 23 1.1 Kurzer historischer Abriss der Mittelmeerraumetnographie .................................... 23 1.2 Ethnologische Ehrforschung und der »Ehrenmord« heute ...................................... 27 1.3 Ehre zwischen Metaphysik und empirischen (Kultur-) Wissenschaften .................. 30 2. Die Vernachlässigung der Ehre in der Soziologie ................................................... 33 2.1 Die Klassiker soziologischer Ehrforschung .............................................................. 34 2.2 Habitus, Ehre und Tugend ..................................................................................... 36 2.3 Die gegenseitige Bedingtheit von Soziologie und Philosophie ................................. 38 2.4 Zur Unterscheidung von äußerer und innerer Ehre ................................................ 40 3. Die zwei Grundannahmen der Ehre in der Philosophie ......................................... 43 3.1 Aristoteles: Ehre als »Lohn der Tugend« ................................................................. 43 3.2 Hobbes: Ehre als Machtinstrument ........................................................................ 45 3.3 Exkurs: Individualisierung, Narzissmus und Ehre ...................................................... 45 3.4 Aristoteles oder Hobbes? ........................................................................................ 47 3.5 Zur Unterscheidung von Interesse, Emotion und (Ehr-)Gefühl .............................. 50 II. Empirisch-Theoretische Erkenntnisse: Die Divergenz vormoderner und moderner Ökonomie als Schauplatz der Veränderung der Charakterhaltung ........................ 55 1. Wesentliche Eckdaten in der historischen Entwicklung des Großen Basars .......... 56 1.1 Der Große Basar und seine Rolle im Osmanischen Reich: Ein Symbol der Macht ........................................................................................ 57 1.1.1 Der Bau des Großen Basars in Istanbul: Der Basar als Symbol der Macht ........ 57 1.1.2 Die Organisationsstruktur des Osmanischen Reiches: Gilden und Zünfte, Ehl-i Hiref – die Elite des Sultans ..................................................................... 61 1.1.3 Drei Phasen der Geisteshaltung im Gewerbe des Osmanischen Reiches ............ 62 1.2 Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse auf dem Großen Basar ............. 63 1.2.1 Shopping-Malls als Konkurrenz des Großen Basars? ......................................... 66 1.2.2 Änderung der Kundenlandschaft: Massentourismus löst die einheimische Kaufkraft ab ..................................................................................................... 68 1.2.3 Billigwaren aus China, das Internet und »die Neuen« (»Yeni gelenler«) ............ 69 8 2. Zur Genese und Beschaffenheit des traditionellen Handelshabitus: Der ehrbare Kaufmann ........................................................................................... 71 2.1 Ehrlichkeit (dürüstlük) als leitendes Prinzip der älteren Basarriege .................. 72 2.1.1 Fallbeispiel – Teppichgeschäft (Kilimcilik): Familie A ....................................... 72 2.1.2 Fallbeispiel – Geschäft für Badeutensilien (Hamamcılık): Familie B .................. 82 2.1.3 Die primäre Sozialisation als wegweisende Instanz der Charakterbildung ......... 88 2.2 Das traditionelle Ausbildungssystem Ahillik als Ort der Charakterbildung ........ 90 2.2.1 Die Einrichtung Ahilik und das Gildensystem .................................................. 90 2.2.2 Fallbeispiel – Das Teppichgewerbe in der Tradition des Vaters: Iskender ......... 96 2.2.3 Fallbeispiel – Juwelier in der Tradition des Onkels: Ilhan ................................. 97 2.2.4 Die Charakterbildung als vernachlässigte Ressource moderner Ausbildungssysteme .......................................................................................... 99 2.3 THEORETISCHER HINTERGRUND: Vom Homo Honoris zum Homo Oeconomicus .................................................................................................... 101 2.3.1 Die zwei Gesichter der Arbeit als Ausdruck der Reibung vormoderner und moderner Bewusstseinsstrukturen ................................................................... 101 2.3.2 Ehre und Ehrgefühl als Grundlage der traditionellen kabylischen Gesellschaft 104 2.3.3 Die Gabe als grundlegende Struktur archaischer Bewusstseinsstrukturen ........ 108 2.3.4 Reziprozität, Ehre und Vertrauen ................................................................... 110 2.3.5 Transrationale Ehre heute: Die Schenkökonomie? .......................................... 112 3. Der Wandel der Charakterhaltung im Wandel zur Moderne und Postmoderne: Traditionsgeleitete, innengeleitete und außengeleitete Ehrvorstellungen ............. 115 3.1 Die Orientierung an Prestige und Geld als Generationen- und Globalisierungsproblem? .................................................................................. 119 3.1.1 Fallbeispiel Außenleitung – Gerichtsprozess: Gefälschte Teppiche aus China . 119 3.1.2 Fallbeispiel Innenleitung 1 – Imitierte Ledertaschen: Mehmet ........................ 122 3.1.3 Fallbeispiel Innenleitung 2 – Silberschmuck in den Händen der Tochter ....... 126 3.1.4 Fallbeispiel Innenleitung 3 – Keramik und Silberschmuck: Orkan und Erdem .......................................................................................... 128 3.1.5 Die Charakterhaltung als Regulativ des globalen und kulturellen Wandels? Traditionsgeleitete, innengeleitete und außengeleitete Ehrvorstellungen ......... 133 3.2 Die »Geiz ist geil«-Mentalität der Touristen ................................................... 136 3.3 Reiseführer (rehberler) und Schlepper (hanutçular): Missbrauchtes Vertrauen 139 9 3.4 Frauen und Handel: Die Charakterhaltung als Kategorie jenseits von biologischem oder sozialem Geschlecht ............................................................ 143 3.4.1 »Bacıyan-ı Rum«, die erste Frauenorganisation der Welt in Anatolien ............ 144 3.4.2 Fallbeispiel – Arzu, Ehrlichkeit (dürüstlük) als wichtigstes Charaktermerkmal im Handel ...................................................................................................... 145 3.4.2 Fallbeispiel – Leyla, das eigene Gewissen (vicdan) als Leitprinzip .................... 147 3.4.3 Fallbeispiel – Scarlett, die Universalität von Güte (iyilik), Ehrlichkeit (dürüstlük), Arbeit (çalışmak), Wissen (bilgi) und Liebe (sevgi) ...... 149 3.4.4 Eine Charakterquote anstelle einer Frauenquote! ............................................ 151 3.5 THEORETISCHER HINTERGRUND: Von der Ehre zu Prestige in postmodernen Gesellschaften: Performanz anstelle von Charakterhaltung und geistig-emotionaler Entwicklung ...................................................................... 155 3.5.1 Theoretische Ankerpunkte: Wilhelm Korff, Thorstein Veblen und David Riesman ................................... 155 3.5.2 Exkurs: Der Prozess der Selbstwerdung .............................................................. 157 3.5.3 Ehrenamtliches Engagement und Ehrungen als äußere Parameter der Ehre .... 160 3.5.4 Reputation in der Wirtschaftssoziologie .......................................................... 162 3.5.5 Anerkennungssucht als Ausdruck eines missglückten Selbstwerdungsprozesses 164 4. Das Recht als Ersatz der Ehre? Gleichheitsprinzip vs. Beitragsprinzip ................. 165 4.1 Gerechte Verträge, gerechte Preise und die Charakterhaltung der Person ............................................................................................................ 167 4.1.1 Fallbeispiel; Verträge und Belege braucht nur der, der betrügen will ............... 168 4.1.2 Fallbeispiel; »Hassle free shopping« und Preisetiketten ...................................... 171 4.1.3 Preispolitik und das Narh-Höchstpreissystem im Osmanischen Reich ............ 175 4.1.4 Die Charakterhaltung als Vorbedingung eines gerechten Handels .................. 178 4.2 THEORETISCHER HINTERGRUND 1: Die sozialen Vorbedingungen des Vertrages ..................................................... 181 4.2.1 Mechanische und organische Solidarität ......................................................... 182 4.2.2 Die Berufsgruppen als Träger von Solidarität in modernen Gesellschaften ..... 184 4.2.3 Von der Vertragsentwicklung und den nichtvertraglichen Elementen des Vertrages ........................................................................................................ 189 4.2.4 Der ehrbare Kaufmann ................................................................................... 193 4.3 THEORETISCHER HINTERGRUND 2: Beitragsprinzip und Gleichheitsprinzip (Aristoteles und Rawls) ....................... 195 4.2.1 Beitragsprinzip: Aristoteles’ Nikomachische Ethik .......................................... 196 4.2.2 Gleichheitsprinzip: John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit ............................. 201 4.2.3 Zur Vorrangstellung des Beitragsprinzips in transrationalen Kulturen ............ 206 10 4.4 Die Restauration des Großen Basars und die daran beteiligten Gruppierungen: Ein Kampf um Macht und Prestige ................................................................... 208 4.4.1 Die Händler (esnaf) ........................................................................................ 210 4.4.2 Die Handelsorganisation des Großen Basars (Kapalı Çarşı Esnafları Derneği) . 214 4.4.3 Der Staat unter der Leitung der Istanbuler Stadtteilverwaltung des Bezirkes Fatih (Fatih Belediyesi) ...................................................................... 217 4.4.4 Restauration des Sandal-Bedesten im Jahr 2015 ............................................. 220 4.4.5 Zur notwendigen Einheit von innerer Ehre und Macht .................................. 223 4.5 THEORETISCHER HINTERGRUND: Die Charakterhaltung als notwendiges Kriterium von staatlichen Akteuren sowie den Bürgern ................................... 225 4.5.1 Ehre als Bindeglied zwischen Recht und Individuum (Georg Simmel) ............. 225 4.5.2 Aristoteles’ Idee der gerechten Herrschaft ....................................................... 230 5. Kultur als Ausrede! Die Charakterhaltung und das Ehrgefühl als transkulturelle Prinzipien ............................................................................................................. 235 5.1 Der »alte« Basar als Beispiel für das Zusammenleben und -arbeiten unterschiedlicher Kulturen und Religionen ...................................................... 236 5.1.1 Türken, Kurden und Aramäer – Christen, Juden, sunnitische und alevitische Muslime ........................................................................................ 238 5.1.2 Deutsche, christlich geprägte Handels- und Geschäftspartner ......................... 242 5.1.3 Die innere Ehre als Leitprinzip: Partikulare und universale Regeln (Émile Durkheim) als Checks and Balances ...................................................... 248 5.2 THEORETISCHER HINTERGRUND: Die islamische Wirtschaftsethik? ...................................................................... 251 5.2.1 Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen ......................................................... 251 5.2.2 »Doch Allāh hat den Handel erlaubt und den Wucher verboten« (Sure 2, 274) .................................................................................................. 255 5.2.3 Der Weltethos und die Goldene Regel – Ein Ethos für die Welt? ................... 261 III. Schlussfolgerungen und Ausblick .......................................................................... 265 1. Empirisch-theoretische Implikationen: Die Handelsehre als übersehene Kategorie der ethnologischen und soziologischen Ehrforschung .......................................... 266 2. Metatheoretische Implikationen: Die »Unpersönlichkeitsphilosophie« und das »Objektivitätsdogma« moderner westlicher Gesellschaften als Kategorienfehler .. 273 2.1 Die Person als unreduzierbare Kategorie der Conditio Humana ............................ 274 2.2 Eine Ethik jenseits traditionell religiöser Dogmen, aber auch jenseits postmoderner Beliebigkeitsphantasien .................................................................... 277 Erkenntnistheoretische Anmerkungen ......................................................................... 283 Literatur ...................................................................................................................... 289

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Zusammenfassung

Der türkische Ehrbegriff wurde bislang überwiegend im Feld der traditionellen Rollenvorstellungen von Frau und Mann verortet. Gabriele Sigg befreit den Ehrbegriff aus diesem patriarchalen Machtzusammenhang und macht ihn so für moderne Gesellschaften fruchtbar.

Am Beispiel der Handelsehre auf dem Großen Basar in Istanbul wird die Veränderung der Charakterstruktur von einer vormodernen zu einer modernen Gesellschaft dargelegt. Dabei wird die Notwendigkeit des ehrbaren Kaufmannes für eine funktionierende Gesellschaft deutlich. Auf dem Großen Basar werden die Reste eines institutionalisierten Ehrgefühls eruiert, um daraus Möglichkeiten der Charakterbildung in der Moderne zu skizzieren.

Die Beschäftigung mit der Ehre und Charakterbildung entlarvt den Kategorienfehler moderner westlicher Gesellschaften, nämlich abstrakte Systeme und Verfahren allein als vorrangigen Garant für eine gerechte Gesellschaft zu bestimmen. Die Autorin stellt die zentrale Bedeutung der Charakterhaltung als ursächlichen Mechanismus hinter den objektiven Strukturen heraus.