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Zweiter Teil: Was sind „Kulturgüter“? in:

Mustafa Barak

Haftung für die Verschleppung und Zerstörung von Kulturgütern unter besonderer Berücksichtigung des Islamischen Staats, page 13 - 22

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3944-1, ISBN online: 978-3-8288-6717-8, https://doi.org/10.5771/9783828867178-13

Tectum, Baden-Baden
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13 B. Zweiter Teil: Was sind „Kulturgüter“? Zunächst ist zu überprüfen, was genau Kulturgüter darstellen. Dies muss sowohl historisch, als auch inhaltlich betrachtet werden. Dabei ist zu beachten, dass eine völkerrechtliche Haftung nur entstehen kann, wenn genau bestimmt wird, was ein „Kulturgut“ ist. I. Rechtliche Regelungen im Völkerrecht 1. „Lieber-Code“ für die Unionstruppen im amerikanischen Bürgerkrieg von 1863 Der „Lieber-Code“ wurde am 24. April 1863 veröffentlicht und galt bis 1914. Verfasst wurde er im Auftrag Abraham Lincolns von Francis Lieber für die amerikanischen Unionstruppen. Dieser ist ein sogenanntes „national manual of military law“5, also ein Handbuch zur Vermittlung von rechtlichen Regeln der Streitkräfte6 oder auch einfach eine „völkerrechtliche Dienstvorschrift“.7 Dieser stellt die Übertragung von Rechten und Pflichten des Militärs in einem Krieg dar.8 Insoweit sollte das Militär sich an gewisse Maxime halten, und eine ordentliche Kriegsführung sollte gewährleistet werden. Zwar existiert im Lieber-Code keine explizite Regelung zum Kulturgüterschutz, dennoch hat er das moderne Kriegsvölkerrecht stark beeinflusst und könnte sogar als dessen Vorreiter gesehen werden9. So heißt es,: „the roots of the modern law lie in the 1860s“10. Der Lieber-Code stellt also den Ursprung des „Haager Rechts“ dar.11 5 Roberts/Guellf, Documents of the Laws of War, S. 12. 6 Vöneky, ZaöRV, 2002, S. 424. 7 Greenwood, in: Fleck, Handbuch des humanitären Völkerrechts in bewaffneten Konflikten, S. 15. 8 Greenwood, in: Fleck, Handbuch des humanitären Völkerrechts in bewaffneten Konflikten, S. 15. 9 Vöneky, ZaöRV, 2002, S. 423. 10 Carnahan, Lincoln, Lieber and the Laws of War, S. 213. 11 Greenwood, in: Fleck, Handbuch des humanitären Völkerrechts in bewaffneten Konflikten, S. 15. 14 2. Die ersten internationalen Abkommen: Haager Reglement von 1899 und 1907 Am 29. Juli 1899 wurde zum ersten Mal der Kulturgüterschutz Gegenstand eines völkerrechtlichen Übereinkommens. Mit der Konvention von Den Haag wurden sodann die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs kodifiziert.12 Zu beachten ist aber, dass bereits im Jahre 1874, durch einen Impuls Zar Alexanders II., eine internationale Konferenz zustande gekommen ist, die das Recht des Landkriegs regeln sollte. Dort fand der Kulturgüterschutz zum ersten Mal Berücksichtigung.13 Hierbei ging es in erster Linie nicht um den Kulturgüterschutz, sondern um die Frage der Bewaffnung der Zivilbevölkerung.14 Dies war die sogenannte „Brüsseler Deklaration“, die aber nie kodifiziert wurde.15 Am 18. Oktober 1907 wurde sodann das Haager Abkommen geschlossen. Nach Art. 27 HLKO16 sollen bei Belagerungen und Beschießungen alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen werden, um die dem Gottesdienst, der Kunst, der Wissenschaft und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die geschichtlichen Denkmäler, Hospitäler und Sammelplätze für Kranke und Verwundete soviel wie möglich zu schonen. Voraussetzung ist aber, dass sie nicht gleichzeitig zu einem militärischen Zwecke Verwendung finden. Zwar werden hier schützenswerte Gebäude und bestimmte Plätze aufgezählt, dennoch liegt hier noch keine allgemeine Definition des Begriffs Kulturgut vor. In Art. 56 HLKO hingegen werden solche Gebäude und Plätze aufgezählt, aber in einer Perikope des Art. 56 HLKO ist benannt, dass jede Beschlagnahme, jede absichtliche Zerstörung oder Beschädigung von derartigen Anlagen, von geschichtlichen Denkmälern oder von Werken der Kunst und Wissenschaft untersagt ist. Zum ersten Mal werden auch bewegliche Gegenstände in Form von Kunst- und Wissenschaftswerken einbezogen. Allerdings ist auch hier keine generelle Definition des Begriffes des Kulturschutzes erkennbar. 3. Haager Konvention von 1954 In der Haager Konvention am 14.05.1954 zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten trennt die Konvention zwischen der Respektierung des Kulturguts einerseits und dessen Sicherung andererseits.17 In Art.1 HK-195418 wird Kulturgut 12 Hammer, in: Martin/Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, Teil A, Einführung, Rn. 61. 13 Hammer, in: Martin/Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, Rn. 61. 14 Unverhau, Der Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten, S. 22. 15 Schindler/Toman, The Laws of Armed Conflicts, S. 25-26. 16 Sind Gesetze der Haager Landkriegsordnung vom 18. Oktober 1907. 17 Engstler, NJW 1969, S. 1514. 15 legaldefiniert. Danach ist Kulturgut im Sinne dieser Konvention, ohne Rücksicht auf Herrschaft und Eigentumsverhältnisse gemäß Art.1 lit. a) HK-1954 bewegliches oder unbewegliches Gut, das für das kulturelle Erbe aller Völker von großer Bedeutung ist, wie z.B Bau-, Kunst oder geschichtliche Denkmale religiöser oder weltlicher Art, archäologische Stätten, Gebäudegruppen, die als Ganzes von historischem oder künstlerischem Interesse sind (...). Im Vergleich zur HLKO wurde hier zum ersten Mal definiert, was genau Kulturgüter darstellen, und es wurde erstmalig ein Regelwerk auf internationaler Ebene geschaffen, welches sich ausschließlich mit dem Kulturgüterschutz befasst.19 Des Weiteren wurden nun auch die archäologischen Stätten hinzugefügt, welche in der HLKO noch nicht benannt worden waren. Fraglich ist allerdings, worauf genau der Kulturschutz abzielt. Es könnte sich zum einen um Kulturgut des „einzelnen Volkes“ oder zum anderen auch um Kulturgut „aller Völker“ handeln. Dabei ist zu bemerken, dass die englische Fassung20 darauf anspielt, dass der Schutz jedem Kulturgut zukommen soll, welches für jedes einzelne Volk von besonderer Bedeutung ist. Die französische Fassung21 hingegen lässt eine große Bedeutung der Kulturgüter für alle Völker genügen. Sodann ist Art.1 lit. a) HK-1954 als Leitbegriff, unter Beachtung der Präambel, auszulegen.22 Es ist unmaßgeblich, welchem Volk das Kulturgut gehört, denn eine Schädigung von Kulturgütern betrifft mithin das kulturelle Erbe der ganzen Menschheit.23 So legen die Amerikaner einen größeren Wert auf ihre Freiheitsglocke als beispielsweise Ausländer.24 Oder die Kom25 legen einen genauso großen Wert auf 18 Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten vom 14.05.1954; Text: Bundesgesetzblatt Teil II, 1967 Nr.17, S. 1233. 19 Strebel, ZaöRV, 1955/1956, S. 36; Buhse, Der Schutz von Kulturgut im Krieg, S. 50 f. 20 Convention for the Protection of Cultural Property in the Event of Armed Conflict with Regulations for the Execution of the Convention 1954, Art. 1 a) „moveable or immovable property of great importance to the cultural heritage of every people“. 21 La Convention pour la protection des biens culturels en cas de conflit armé, Art.premier a) „Les biens, meubles ou immeubles, qui présentent une grande importance pour le patrimoine culturel des peuples“ 22 Hönes, DÖV, 1998, S. 988. 23 Hönes, DÖV, 1998, S. 988. 24 Merryman, The Public Interest in cultural Property, Cal.LR Vol.77, S. 342. 25 Indigene Bevölkerungsgruppe im Nordwesten von Kamerun. 16 ihre „Afo-A-Kom“ Statue26 wie die Italiener auf ihre Kunstwerke aus der Zeit der Renaissance.27 Der Kulturgüterschutz wäre also geschmälert, wenn dieser nur für wenige Kulturgüter des jeweiligen Volkes gelten würde, obwohl er für alle Völker genau die gleiche Bedeutung hat.28 Alles in allem ist also das kulturelle Erbe aller Völker der entscheidende Faktor. Der Kulturgüterschutz ist hier also ein unbestimmter Rechtsbegriff, der die zu schützenden kulturellen Objekte einschränkt.29 Art 1 lit. a) HK-1954 ist hier als Leitbegriff zu sehen. Die danach folgenden Ausführungen sind Aufzählungen einzelner Gruppen. Der wichtige Unterschied zwischen der HK-1954 und der HLKO liegt darin, dass es sich bei Art. 1 HK-1954 nicht um eine reine Aufzählung von kulturellen Gütern handelt, sondern eine Legaldefinition enthalten ist, in der spezielle Eigenschaften von Kulturgütern dargestellt werden. 4. UNESCO30-Übereinkommen von 1970 und 1972 a) UNESCO-Konvention 1970 Völkerrechtlich gesehen ist die UNESCO-Konvention vom 14. November 1970 über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung31 wohl als wichtigstes multilaterales Instrument auf dem Gebiet des Kulturgüterschutzes zu sehen.32 Sinn und Zweck ist es das vorhandene Kulturgut vor den Gefahren des Diebstahls, der unerlaubten Ausgrabung und der unzulässigen Ausfuhr zu schützen.33 Die Einleitung zur Konvention beinhaltet sowohl nationale als auch internationale Ziele.34 Zudem soll die Konvention ein- 26 Die Afo-A-Kom Statue hatte für die Kom eine wichtige Bedeutung religiöser Art und verschwand mysteriöserweise aus Kamerun und tauchte auf dem Kunstmarkt in der USA wieder auf. Die Statue wurde zurück nach Kamerun gebracht und gilt dort als „Art of the Cameroons“ (Time, Vol. 102, No. 19, 5. November 1971, S. 117). 27 Merryman, The Public Interest in cultural Property, Cal.LR Vol.77, S. 342. 28 Friehe, in: Gornig/Schiller/Wesemann, Völkerrechtliche Haftung im Kulturgüterschutzrecht, S. 33. 29 Hönes, DÖV, 1998, S. 989; Odendahl, Kulturgüterschutz, S. 387. 30 Bedeutet: United Nations Education, Scientific and Culutural Organization. 31 Text: Bundestag Drucksache VI/3511. 32 Jaeger, Internationaler Kulturgüterschutz, S. 19. 33 Präambel Abs. 5 zum Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut. 34 Gordon, Harward International Law Journal, S. 541. 17 zelne Staaten beim Schutz ihres Kulturerbes unterstützen und durch den Austausch von Kulturgütern zwischen den Staaten sollten Hindernisse für die Völkerverständigung beseitigt werden, die durch die Ausbeutung der Kulturgüter durch einen fremden Staat entstehen.35 Nach der UNESCO-Konvention von 1970 sollen für Kulturgüter im Rahmen einer Kategorisierung generelle Beschreibungen abgegeben werden, was Kulturschutz genießt, ohne dabei konkrete Kulturgüter zu benennen. Diese Methode nennt sich „Kategorisierungsprinzip“ und hat den Vorteil, dass sie auch Objekte erfasst, die nicht bereits individualisiert worden sind. Ein Nachteil ist allerdings, dass bei unbestimmten Rechtsbegriffen Subsumtionsprobleme entstehen.36 b) UNESCO-Übereinkommen 1972 In der Definition für das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes vom 23. November 197237 werden nicht nur Kulturgüter von besonderem Wert, sondern auch Naturdenkmäler erfasst.38 Sinn und Zweck der Weltkulturerbekonvention sind „Erwägungen, dass Teile des Kultur- und Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung sind und daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden.“39 Zudem wurde zwischen beweglichen und unbeweglichen Kulturgütern unterschieden, was im Hinblick auf die Technisierung und Modernisierung der Arbeitsmethoden sinnvoll erscheint.40 So ist es in der heutigen Zeit kein Problem mehr, Brücken oder auch Tempel41 zu verlagern.42 aa) Begriff des Kulturerbes In Art. 1 WEK43 taucht der Begriff „Kulturerbe“ auf. Demnach sind darunter Denkmäler, Ensembles und Stätten zu verstehen. Es existiert keine internationale 35 Gordon, Harward International Law Journal, S. 541. 36 Jaeger, Internationaler Kulturgüterschutz, S. 10. 37 Text: Bundesgesetzblatt Teil II, 1977 Nr. 10, S. 213. 38 Gornig, in: Gornig/Horn/Murswiek, Der internationale Kulturgüterschutz, S. 53. 39 Aus der Präambel der Weltrerbekonvention. 40 Bila, Nationaler Kulturgüterschutz in der europäischen Union, Diss., S. 21. 41 Rudolf, Internationaler Schutz von Kulturgütern, in: FS Doehring, S. 864-866; Bsp. Abu Simbel Tempel, Vgl.: http://www.nationalgeographic.de/reportagen/topthemen/2001/rettungfuer-ein-weltwunder (Abruf: 13.03.2017). 42 Fitschen, in: Fiedler, Internationaler Kulturgüterschutz und deutsche Frage, S. 191. 43 Bedeutet Welterbekonvention, Text: Bundesgesetzblatt Teil II, 1977 Nr. 10, S. 216. 18 begriffliche Unterscheidung zwischen „Kulturerbe“ oder „Naturerbe“. Daher muss das erfasste kulturelle Erbe der Staaten für die jeweiligen Zwecke der Konvention definiert werden.44 bb) Begriff des Naturerbes Nach Art. 2 WEK gelten im Sinne des Übereinkommens als „Naturerbe" gewisse Naturgebilde, bestimmte geologische und physiographische Erscheinungsformen und Naturstätten. Daraus ergibt sich, dass Natur- und Kulturerbe nicht identisch sind. Zwar existieren Überschneidungen zwischen Natur- und Kulturerbe, aber die Schutzmechanismen sind zu unterschiedlich, um diese beiden Begriffe miteinander vergleichen zu können.45 c) Unterscheidung zwischen „Kulturgut“ und „Kulturerbe“ Fraglich ist allerdings, worin der Unterschied zwischen dem Begriff des Kulturguts und dem Kulturerbe besteht. Vor der UNESCO-Konvention tauchte immer wieder der Begriff des Kulturguts auf. Erst mit dem Übereinkommen von 1972 erschien der Begriff des Kulturerbes. Der Kulturgüterschutz beim Kulturgut bezieht sich in erster Linie auf Objekte.46 Daher könnte zweifelhaft sein, ob die Regeln des Kulturgüterschutzes auch auf das Kulturerbe greifen. Dabei ist der Unterschied zwischen immateriellem und materiellem Kulturgüterschutz zu betrachten. Das UNESCO-Übereinkommen von 1972 erwähnt kein immaterielles Kulturerbe. Erst mit dem Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes vom 17. Oktober 200347 wird darauf eingegangen. Bemerkenswert ist dabei aber auch, dass der Begriff des „Kulturerbes“ als Normbegriff schon Mitte der 1940er Jahre entstanden ist.48 Im Vergleich zur Haager Konvention von 1954 ist durch das UNE- SCO-Übereinkommen der Kulturbegriff näher bestimmt worden. Es ist aber weiterhin erkennbar, dass trotz der rechtlichen Regelungen der Kulturbegriff ein unbestimmter Rechtsbegriff geblieben ist. 44 Fitschen, in: Fiedler, Internationaler Kulturgüterschutz und deutsche Frage, S. 190. 45 Gornig, in: Gornig/Horn/Murswiek, Der internationale Kulturgüterschutz, S. 25. 46 Fechner, in: Martin/Krautzberger, Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, Teil B, System des Denkmalschutzes, Rn. 116. 47 Text: Bundesgesetzblatt Teil II, 2013 Nr.19, S. 1009. 48 Odendahl, Kulturgüterschutz, S. 389. 19 II. Vorschläge in der Literatur zur Legaldefinition des „Kulturguts“ Auf den ersten Blickt erscheint eine einschlägige Definition des Kulturgutbegriffes zu fehlen. Von vielen Autoren in der Literatur findet das Fehlen einer einschlägigen Definition Zuspruch, da die Vielfalt der rechtlichen Regelungen und auch der einschlägigen Rechtsnormen zu groß wirkt, sodass eine feste Definition des Kulturgutbegriffs nicht möglich erscheint.49 In der Literatur ist der Begriff des Kulturguts daher umstritten. 1. Ansicht von Odendahl Nach Odendahl sind Kulturgüter körperliche Gegenstände, beweglich oder unbeweglich, Einzelstücke oder Sammlungen/Ensembles, vom Menschen geschaffen, verändert, geprägt oder seine kulturelle Entwicklung widerspiegelnd, denen ein historischer, künstlerischer, wissenschaftlicher, architektonischer, archäologischer oder sonstiger kultureller Wert unterschiedlicher Dimension zukommt.50 Aus dieser Definition lässt sich herleiten, dass einzelne Begriffe zunächst näher bestimmt werden können. Prägnant ist, dass der Begriff des Kulturguts nicht nur eine Zusammenfügung der Begriffe „Kultur“ und „Gut“ darstellt. So kann Kultur durch sein anthropozentrisches Element nur etwas vom Menschen Geschaffene sein.51 Im Gegenteil dazu kann ein Kulturgut aber auch aus etwas Natürlichem entstehen, so zum Beispiel das Wattenmeer in Norddeutschland.52 Diesem Ansatz ist zuzustimmen. Danach ist richtigerweise ein Kulturgut mehr als ein Objektivieren von Kultur. Es kann sowohl aus der Kultur selbst entstehen, als auch eine Kultur ausmachen. 2. Ansicht von Gornig Nach Gornig ist nicht der Wortlaut des Kulturgutbegriffes entscheidend, da der Begriff so weit ausgelegt werden kann, dass auch immaterielle Güter miteingeschlossen werden müssen.53 Zu beachten ist aber auch, dass immaterielle Kulturgüter 49 v. Schorlemer, Internationaler Kulturgüterschutz, S. 46; Greenfield, The Return of Cultural Treasures, S. 253 ff.; Raber, Das kulturelle Erbe der Menschheit, Diss., S. 21. 50 Odendahl, Kulturgüterschutz, S. 387. 51 Odendahl, Kulturgüterschutz, S. 363. 52 https://www.unesco.de/kultur/2014/uho-6-2014-welterbe-wattenmeer.html (Abruf: 15.06.2017) 53 Gornig, in: Gornig/Horn/Murswiek, Der internationale Kulturgüterschutz, S. 21. 20 nicht mit den Kulturgütern im herkömmlichen Sinn verwechselt werden dürfen. Bei materiellen Kulturgütern geht es darum, Objekte einem bestimmten Volk zuzuweisen.54 Des Weiteren hält Gornig eine Unterscheidung zwischen beweglichen und unbeweglichen Kulturgütern für unnötig, da kaum Objekte existieren, die mit der heutigen Wissenschaft nicht bewegt werden können.55 Prägnant ist auch, dass es ihm weder auf das Alter56 des Kulturguts noch auf dessen Originalität57 ankommt, da dies zutreffenderweise nicht immer zu sachgerechten Ergebnissen führen kann. 3. Ansicht von v. Schorlemer Nach Ansicht von v. Schorlemer gibt es keine einheitliche Definition von Kulturgut. 1983 habe ein Teilnehmer des Europaratskolloquiums über „International Protection of Cultural Property“ in Delphi sechs verschiedene Kulturgut-Definitionen genannt.58 Dies sei auf mangelnde internationale Koordination zurückzuführen.59 Letztendlich sei der Kulturbegriff viel zu weit, um eine einheitliche Definition auszumachen.60 Zutreffenderweise ist es auf internationaler Ebene noch nicht wirklich gelungen, eine einheitliche Definition zu verfassen. Dies ergibt sich vor allem auch daraus, dass sich der Kunst- und Kulturbegriff selbst stets in einer Wandlung befindet.61 Daher ist der Kulturgüterschutz vorzugsweise auch der zeitlichen Entwicklung anzupassen. 4. Ansicht von Friehe Nach Friehe ist eine funktional-empirische Definition notwendig. Dabei ist vor allem das öffentliche Interesse an Kulturgütern zu berücksichtigen.62 Demnach sind Kulturgüter körperliche, bewegliche oder unbewegliche Gegenstände, denen aufgrund eines empirisch feststellbaren Interesses an ihnen in der allgemeinen oder 54 Gornig, in: Gornig/Horn/Murswiek, Der internationale Kulturgüterschutz, S. 22. 55 Gornig, in: Gornig/Horn/Murswiek, Der internationale Kulturgüterschutz, S. 22. 56 Gornig, in: Gornig/Horn/Murswiek, Der internationale Kulturgüterschutz, S. 26. 57 Gornig, in: Gornig/Horn/Murswiek, Der internationale Kulturgüterschutz, S. 27. 58 v. Schorlemer, Internationaler Kulturgüterschutz, S. 46. 59 v. Schorlemer, Internationaler Kulturgüterschutz, S. 46. 60 v. Schorlemer, Internationaler Kulturgüterschutz, S. 47. 61 v. Schorlemer, Internationaler Kulturgüterschutz, S. 48. 62 Friehe in: Gornig/Schiller/Wesemann, Völkerrechtliche Haftung im Kulturgüterschutzrecht, S. 39 f. 21 fachspezifischen Öffentlichkeit eine besondere historische, künstlerische oder wissenschaftliche Bedeutung zukommt.63 Diese Definition ist teilweise als zutreffend anzuerkennen. Eine empirische Betrachtungsweise ist konsequent. Dennoch muss ein Kulturgutbegriff noch mehr aufweisen. 5. Ansicht von Gottlieb Auch nach Gottlieb müssen sowohl materielle, als auch immaterielle Kulturgüter geschützt werden. So lautet seine Definition: „"Cultural Property"- Human created property of great importance for humanity, irrespective of the property's origin or ownership, its territorial or geographical location, its tangible or intangible nature, whether it is moveable or immovable, whether it is used for religious or secular purposes. Such property will include, inter alia, historical monuments, archeological sites, works or arts, books, and people's unique skills and traditions.“64 Gottlieb erkennt die Wichtigkeit des immateriellen Kulturerbes und vervollständigt es mit einer bestimmten Einschränkung der Kulturgüter. 6. Eigener Vorschlag einer Definition Richtigerweise stellt das Kulturgut begrifflich einen sichtbaren ingeniösen Umgang mit Kunst und Kultur dar. Danach ist ein Kulturgut ein beweglicher oder unbeweglicher Gegenstand, der für die ganze Menschheit einen großen historischen, künstlerischen, wissenschaftlichen und archäologischen Wert hat. Der Begriff des Kulturguts muss sowohl formaljuristisch als auch materiell betrachtet werden. a) Formaljuristischer Teil In den letzten Jahrzehnten haben sich durch Übereinkommen/Konventionen Gesetze und völkerrechtliche Verträge gebildet, die rein äußerlich einen Kulturbegriff benennen. Dabei steht vor allem der Schutz von Kulturgütern im Vordergrund. Der formaljuristische Teil des Kulturgüterbegriffs hat die Aufgabe die schutzbedürftigen Gegenstände einzugrenzen. Es muss klar festgelegt werden, was genau geschützt werden muss. Dabei darf allerdings der materielle Teil nicht außer Acht gelassen werden. 63 Friehe in: Gornig/Schiller/Wesemann, Völkerrechtliche Haftung im Kulturgüterschutzrecht, S. 40. 64 Gottlieb, Penn State International Law Review, S. 895. 22 b) Materieller Teil Ein Kulturgut stellt begrifflich sowohl die Entwicklung als auch die Bedeutung der Kultur dar. Der materielle Teil des Kulturgüterbegriffs darf nicht durch eine juristische Logik eingeschränkt werden. Dadurch, dass der Kulturgüterbegriff selbst sehr weit ist, finden Kollisionen zwischen unterschiedlichen rechtlichen Gebieten statt. Zu berücksichtigen ist hierbei auch das öffentliche Interesse an Kulturgütern. Gerade die Frage warum ein Kulturgut geschützt werden muss, spielt eine große Rolle. Nach Merryman sind Kulturgüter Objekte, die über das Leben eines Menschen hinaus existieren. So heißt es: „Life may be short, but Art is long. The object that endures is humanity’s mark on eternity“65. Kulturgüter sind schutzbedürftig, da der historische, wissenschaftliche, künstlerische und archäologische Wert auch nach dem Tod der Menschen weiterhin existiert. Sie stellen sowohl die Identität des Menschen als auch eine Gemeinschaft dar. Nach Merryman sagen Kulturgüter aus, wer der Mensch ist und woher er kommt.66 Zudem sollen sie das Gemeinschaftsgefühl pflegen.67 Daraus entsteht eine Verbindung zwischen dem Menschen und dem Kulturgut, welche über Jahrhunderte, selbst nach seinem Tod, weiterhin existieren kann. Dies führt zu der materiellen Schutzbedürftigkeit von Kulturgütern. Daher sind Kulturgüter bewegliche oder unbewegliche Gegenstände, die dem öffentlichen Interesse unterliegen, und für die Menschheit einen großen historischen, künstlerischen, wissenschaftlichen und archäologischen Wert haben. III. Resümee Der Kulturgutbegriff ist in den letzten Jahrzehnten zwar oft und immer verschieden definiert worden, jedoch hat sich keine Einheitlichkeit herausgebildet. Anerkannt ist, dass es sich um Gegenstände handeln muss, die kulturell gesehen, einen großen Wert haben. Dabei kann es sich sowohl um materielle als auch immaterielle Kulturgüter handeln. Fraglich ist allerdings, inwieweit sich der Kulturgüterschutz auf die einzelnen immateriellen Kulturgüter erstreckt. Auch in der Literatur hat sich keine einheitliche Definition herausgebildet, die diesen Konflikt aufzulösen vermag. Zudem ist die Beweglichkeit von Kulturgütern immens umstritten. Dabei muss aber bedacht werden, dass gerade keine einheitliche Definition zustande gekommen ist, weil sich der Begriff der Kultur mit der Zeit immer weiterentwickelt hat. 65 Merryman, The Public Interest in Cultural Property, Cal.LR Vol.77, S. 348. 66 Merryman, The Public Interest in Cultural Property, Cal.LR Vol.77, S. 349. 67 Merryman, The Public Interest in Cultural Property, Cal.LR Vol.77, S. 349.

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References

Zusammenfassung

Der Kulturgüterschutz hat durch das Agieren des Islamischen Staats im Nahen Osten eine neue Bedeutung erhalten. Die Verschleppung von sowie der Handel mit Kulturgütern floriert durch den Islamischen Staat aufs Neue. Hinzu kommt die verheerende Zerstörungsgewalt des IS, der sogar Weltkulturerbestätten zum Opfer gefallen sind. Vor diesem Hintergrund beleuchtet Mustafa Barak die rechtlichen Aspekte des Kulturgüterschutzes – von der Definition von ‚Kulturgütern‘ über die Ursprünge und Ausgestaltung des heutigen Rechts bis hin zu seiner Anwendung auf den konkreten Fall. Welche Möglichkeiten bietet das geltende Recht, insbesondere das Völkerrecht, um auf diese ganz neue Dimension des Kulturgüterschutzes zu reagieren?