Content

9 Funktionen der Komik in:

Vera Geselbracht

Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters, page 95 - 102

Eine Untersuchung der Krämerszene des Innsbrucker und Wiener Osterspiels

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4001-0, ISBN online: 978-3-8288-6714-7, https://doi.org/10.5771/9783828867147-95

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
95 9 Funktionen der Komik Im Folgenden werden unterschiedliche Funktionen der Komik in beiden Osterspielen dargestellt, die vor allem auch aus den Charakterisierungen der Figuren hervorgehen. Durch die Vielschichtigkeit der Figuren und den damit verbundenen Funktionen zeigt sich, dass grobe Verkehrungen kirchlicher Normen nur an wenigen Stellen vorliegen. Vielmehr finden diese auf unterschiedlichen Ebenen und in wechselnden Normsystemen statt, wie sich vor allem in der Anregung gesellschaftlicher Diskurse zeigt. Zudem kann nicht von einer einzigen Funktion der Komik in den geistlichen Spielen ausgegangen werden. Diese These wird auch durch die unterschiedliche Akzentuierung einzelner Figuren gestützt. Eine einseitige Argumentation für eine bestimmte, übergeordnete Funktion ist daher wenig zielführend. Eine heitere Stimmung, die an ein Ostergelächter, das risus paschalis, erinnert, könnte an einigen Stellen möglicherweise beobachtet werden158, jedoch zeigen sich auch in der insgesamt als komisch angesehenen Krämerszene ernste und kritische Töne der Figuren. Die Analyse hat auch gezeigt, dass es sich teilweise um subtile Sprachkomik handelt, die ein genaues Verstehen und spezifisches Wissen voraussetzt. Im Folgenden werden die Erkenntnisse, die anhand der Figurencharakteristik und der Analyse der komischen Szenen gewonnen wurden, ausgewertet und es wird versucht, daraus entsprechende, differenzierte Funktionen der Krämerszene abzuleiten. Unterhaltungsfunktion Oftmals wird bei den geistlichen Spielen des Mittelalters von einer einfachen, unterhaltenden Komik ausgegangen. Wie zu Beginn dieser Arbeit dargestellt, zeigen sich in diesem Zusammenhang vor allem wertende Äu- ßerungen über die Art der Komik. Durch die Figurencharakteristik hat sich gezeigt, dass vor allem den Knechte Pusterbalk und Lasterbalk im Innsbrucker Osterspiel eine unterhaltende Funktion zugeschrieben werden kann. Sie werden grotesk-karnevalesk dargestellt und können kein Verlachen anderer Figuren herbeiführen. Die Komik, die durch die Prügelei Rubins und Pusterbalks hervorgerufen wird, kann zur Prügelkomik 158 Dies könnte möglicherweise bei rein unterhaltender Komik der Fall sein. Gegenargument ist jedoch hier, dass diese meist auf Obszönitäten beruht in beiden Osterspielen (vgl. die groteske Komik zu Pusterbalk und Lasterbalk). Vielleicht wäre auch eine Interpretation in Richtung eines risus paschalis im Vergleich zwischen Krämer und Jesus denkbar. Siehe hierzu Kapitel 9.2. 96 gerechnet werden, die in dieser Form auch in Fastnachtspielen und anderen weltlichen Spielen auftaucht und vor allem ein unterhaltendes Ziel hat. Der differenziert zu betrachtende Charakter von Prügeleien zeigt sich im Vergleich mit dem Streit zwischen mercator und dessen uxor. Diese Prügel verfolgen einen ernsten Hintergrund, der durch Rubin moderierend auf den Punkt gebracht wird. Eine Generalisierung der Funktion von Prügeleien, die in den Osterspielen vorkommen, kann demnach nicht vorgenommen werden. Auch Rubin sorgt an einigen Stellen für unterhaltende Komik. Im Wiener, wie auch im Innsbrucker Osterspiel, passiert dies vor allem, wenn es um obszön-sexuelle Komik geht. So beispielsweise bei den Lohnverhandlungen zwischen Krämer und Rubin, der im Innsbrucker Osterspiel seinen Frauendienst anpreist. Im Wiener Osterspiel reagiert Rubin auf die groteske Beschreibung der Frau des Krämers mit Wohlwollen. Auch dies kann als unterhaltend gewertet werden. Es ist hier möglich, über die Figur Rubins zu lachen, da diesem die Frau des Krämers behaget (V. 608), obwohl sie obir di nase zam ein hund (V. 601) beschaffen ist und sie einen krummen munt (V. 600) besitzt. Eine spätere Erwähnung des Verhältnisses zwischen Rubin und uxor mercatoris findet im Wiener Osterspiel nicht mehr statt, weshalb dies lediglich eine unterhaltende, komische Sequenz bleiben kann. Auch bei der Suche Rubins nach einem weiteren Knecht kann von unterhaltender Komik gesprochen werden, zumal die Knechte dazu ins Spiel eingeführt werden, um weitere, ebensolche Komik zu evozieren. Auch Handlungen, wie das Aufschlagen des Krämerstandes, das im Innsbrucker Osterspiel durch Rubin mit Pathos ausgeführt wird, können eine unterhaltende Funktion besitzen. So auch zunächst die Vorstellung des Krämers in beiden Osterspielen. Erst durch den Handlungsverlauf der Szenen wird oftmals deutlich, welche Hintergründe und Hinweise sich in der Komik verstecken, die je nach Verständnis des Publikums eine Unterhaltungsfunktion besitzen oder aber ernsthafte gesellschaftliche Diskurse anregen können. Lachen als Akt der Selbstaffirmation An einigen Stellen der Osterspiele wird ein Lachen hervorgerufen, das es dem Publikum ermöglicht, sich selbst über die Figuren zu stellen, diese zu verlachen und somit das eigene Verhalten aufzuwerten. Es wird die Mög- 97 lichkeit geboten, sich seiner selbst zu versichern. Bei einem solchen Lachen steht Komik im Vordergrund, die auf einem Defizit eines Anderen beruht.159 Es ist aber nicht nur für das Publikum möglich, sich mit einem Lachen über die (grotesk-) komisch dargestellten Figuren zu erheben, sondern es zeigt sich im indirekten Vergleich zwischen Jesus und Krämer, als Wunderheiler der gesamten Menschheit versus Heiler auf der Welt, dass es durch die Komik möglich ist, die sich aufgrund der absurden Heilungen ergibt, über den Krämer zu lachen. Es ist hier ein Lachen, dass die Wirkung Jesu untermauert und verdeutlicht, dass ein Heiler auf der Welt nicht im Stande ist, solche Wunderheilungen zu vollbringen. Dadurch verfestigt sich die außergewöhnliche und für den Menschen erlösende Kraft Jesu. Es ist hier die Glaubensgemeinde, die ein selbstaffirmatives Lachen hervorbringen kann. Ebenfalls ist es Rubin innerhalb des Innsbrucker Osterspiels, der sich über die drei Marien durch sein Lachen erhebt, da er ihre lateinischen Schmerzensausrufe missversteht. Die Funktion der Komik für das Publikum ist jedoch eine andere. Die Zuschauer können seine Aussagen einordnen, die Fehler durch eigenes Wissen auflösen und somit Rubins geistige Defizite abwertend verlachen. Aber auch hier ergibt sich durch die vorkommende Komik ein ernster Kern des Unverständnisses, der einen religiösen Diskurs anspricht. Gerade hier zeigt sich, dass nicht nur eine Funktion einer komischen Sequenz angenommen werden darf. Unterhaltende Komik und Komik, die eine Selbstaffirmation auf Seiten des Publikums zulässt, überschneiden sich sehr stark in den Osterspielen. So ist es vor allem möglich, über die beiden Knechte Pusterbalk und Lasterbalk zu lachen, da sie als groteske Figuren eingeführt werden, von denen angenommen werden kann, dass niemand aus dem Publikum sich mit diesen assoziieren möchte. Es wird dadurch möglich, über das Andersartige der beiden zu lachen, mit der Freude, eine solche Andersartigkeit und äußere Defizite selbst nicht aufzuweisen. Damit kann sich das Publikum über sie stellen und sich der eigenen Normalität versichern. Die beiden Figuren werden durch dieses Lachen von der Gemeinschaft des Publikums ausgeschlossen und das Publikum kann eine „Lachgemeinschaft“160 bilden, die für diese kurze Dauer des Lachens besteht. Ein herabwürdigendes Lachen kann sich ebenso am Ende des Krämerspiels ergeben, da der Krämer gegen seine Frau verliert und im Innsbrucker Osterspiel auch gleichermaßen gegen Rubin. Seine Schläge, die ihm 159 Vgl. BACHMAIER (2005), S. 16. 160 RÖCKE/VELTEN (2005), S. XIV. 98 als einzig mögliches Mittel der Durchsetzung dienen, reichen nicht aus und er muss in beiden Fällen fliehen. Es zeigt sich dadurch schlussendlich auch, dass der Krämer mit seinem betrügerischen Verhalten doch noch eine Strafe erhält und sich das Publikum mit einem Lachen über ihn erheben kann. Anregung gesellschaftlicher Diskurse Es geht in den Osterspielen nicht um eine einfache Verkehrung und Außerkraftsetzung der kirchlichen Normen, wie bereits Wolf festgestellt hat.161 Diese findet zwar statt, jedoch auf spezifischen Ebenen, sodass Diskurse über verschiedene gesellschaftliche, religiöse und soziale Thematiken eröffnet werden. Natürlich lässt sich auch in der einfachen Normverkehrung und der Bisoziation zwischen der heilsgeschichtlichen Handlung und der Handlung der Krämerszene Komik finden. Es zeigt sich aber auch, dass Komik und Kontraste auf mehreren Ebenen vorliegen. Gerade auch durch die Funktion der Stiftung von kurzzeitiger Gemeinschaft durch das Lachen ergeben sich Möglichkeiten der Anschlusskommunikation an die Osterspiele. Durch ein Lachen an bestimmten Sequenzen des Spiels können im Publikum übereinstimmende Haltungen oder aber Abweichungen entdeckt werden.162 Es werden an dieser Stelle mögliche Diskurse, die durch die Komik angeregt werden, aufgezeigt, aufgrund der Komplexität jedoch allenfalls im Ansatz erläutert. 9.3.1 Religiöser Diskurs Ein solcher Diskurs zeigt sich in der Krämerszene des Innsbrucker Osterspiels als die Marien zum zweiten Mal auftauchen, um nun die Salbe für die Ölung Jesu zu erwerben. Hier spricht Rubin einen religiösen Diskurs an, der wohl bei rein makroperspektivischer Betrachtung unbeachtet bleiben würde. Laut Neumann und Trauden ist die Thematik des Geschehens im Krämerspiel auf einer sehr niedrigen Verständnisebene für das Publikum angesiedelt163, allerdings eröffnet sich dem Zuschauer je nach Kenntnis- und Wissensstand ein unterschiedliches Verständnis. Rubin spricht bei der Begegnung mit den Marien von einer Beeinträchtigung seiner Augen, wodurch er die richtige Anzahl der Marien nicht 161 Vgl. WOLF (2009), S. 301–326. 162 Vgl. RÖCKE/VELTEN (2005), S. XI f. 163 Vgl. NEUMANN/TRAUDEN (2004), S. 44. 99 erkennen kann. Diese sind jedoch vorher für das Publikum bereits in Erscheinung getreten und zudem hat der Krämer erwähnt, dass es sich um drei Frauen handelt, die Rubin als Käuferinnen an den Stand führen soll. Komik entsteht durch die offensichtliche Anzahl und deren Nicht-Erkennen durch Rubin. Wie bereits beschrieben wurde,164 kann das Publikum hier das eigene Wissen einbringen und sich somit über Rubin stellen. Die Variation der Zahl der Marien geht jedoch auf eine biblische ‚Ungereimtheit‘ zurück. Die Anzahl der Marien, die bei der Kreuzigung und beim Grabbesuch Jesu anwesend sind, variiert in den verschiedenen Evangelien.165 Je nach Bildungs- und Wissensstand bleiben diese Anspielung und die darin enthaltene Komik dem Zuschauer verwehrt oder es wird ihm der Zugang zum theologischen Diskurs, der die Frage nach der Wahrheit der Bibel und deren Glaubwürdigkeit aufwirft, geöffnet. Möglich wird diese Anspielung durch Komik, die auf dem vermeintlichen Unvermögen von Rubin beruht. Eine weitere komische Sequenz, die auf einen theologischen Diskurs hindeutet, ist das Missverstehen der lateinischen Schmerzensausrufe Rubins. Er versteht das lateinische heu als häu, das als Futtermittel für Tiere verwendet wird. Seiner Meinung nach sollten die Marien jedoch besser von cygern vnd von keßen (V. 966) sprechen, da man doch eher davon als Mensch einen Nutzen hätte. Wie in Kapitel 2.2 beschrieben wurde, sind die geistlichen Spiele unter anderem aufgrund des Unverständnisses der Bevölkerung für die lateinischen Predigten entstanden. Auch Rubin kann das Lateinische, das immer noch die vorherrschende Kirchensprache darstellt, nicht verstehen. Er kritisiert damit nicht die Marien aus der Heilsgeschichte, sondern die Institution der Kirche, die unverständliche Worte benutzt. Zudem stellt er einen lebensweltlichen Bezug her, indem er die Nützlichkeit des lateinischen Ausrufs heu, hier als häu verstanden, in Frage stellt. Damit stellt er auch indirekt die Nützlichkeit des lateinischen als Kirchensprache in Frage. Ein weiteres Indiz für die Beabsichtigung einer Anregung solch eines Diskurses ist die Kritik Rubins, die er gegenüber der Magd äußert, als diese sich in den Streit der Eheleute einmischt. Rubin befiehlt ihr zu schweigen und begründet dies durch ihre Verfehlungen mit einem Pfarrer.166 Damit wird deutlich, dass eine unbekannte, externe Figur des Pfarrers für diese Kritik bemüht wird, die zwar der kirchlichen Sphäre entstammt, aber nicht der der Heilsgeschichte. 164 Vgl Kapitel 5.1.8 und 7.2.1. 165 Vgl. WOLF (2009), S. 308–310. 166 Vgl. V. 1035–1041. 100 Es entsteht also Komik aus dem Grund der semantischen Inkongruenz, das zum einen ein herablassendes Lachen gegenüber Rubin ermöglicht und zum anderen einen anschließenden Diskurs über die Kirche als Vermittler der biblischen Lehre und Heilsgeschichte zulässt. Die Beobachtung eines religiösen Diskurses kann jedoch nur für das Innsbrucker, nicht aber für das Wiener Osterspiel getroffen werden. In Wolfs Darstellungen zeigt sich allerdings, dass auch das Erlauer Osterspiel einen solchen religiösen Diskurs enthält, der ebenfalls auf dem Verkennen der Anzahl der Marien beruht. Das Unverständnis gegen- über des Lateinischen kommt jedoch lediglich im Innsbrucker Osterspiel vor. 9.3.2 Herrschaftsdiskurse Wie sich schon in der Figurencharakteristik andeutet, gibt es zwei Herrschaftsverhältnisse, die verkehrt und teilweise mit Komik belegt werden. Im Innsbrucker Osterspiel ist dies zum einen das Verhältnis zwischen dem Knecht Rubin und seinem Herrn und zum anderen das Eheverhältnis zwischen Krämer und dessen Frau. Im Innsbrucker Osterspiel kann sich der Krämer gegenüber Rubin insgesamt nicht behaupten. So zieht Rubin zunächst die Fähigkeiten seines Meisters ins Lächerliche.167 Ebenso befolgt Rubin den mehrfachen Befehl des Krämers, dessen Stand aufzubauen, nicht, sondern benötigt dazu wiederum einen Knecht, obwohl er noch keine Arbeit geleistet hat. Der Krämer muss Rubin drei Mal dazu auffordern seinen Stand aufzuschlagen, doch die Antwort Rubins ist immer die gleiche: Daz thon ich, herre, alczuhant168. Es geschieht daraufhin allerdings nichts. Als die Marien als potenzielle Käuferinnen auftreten, wird Rubin von seinem herre vier Mal gerufen169 bis dieser reagiert. Als der Krämer ihn dann, als er endlich antwortet, als schalk bezeichnet, liefert dies einen Anstoß für eine längere Rede Rubins, in der er seinen meister ebenfalls als einen schalk bezeichnet und dadurch zunächst wiederum nicht die geforderte Arbeit verrichtet. Der Krämer wird dadurch letztlich mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Er hat sich den zweifelhaften Diener ausgesucht, nun wird er durch diesen selbst lächerlich gemacht, wie er es sonst mit seinen Kunden und Patienten tut. Für Rubin ist der Krämer als Herr nicht ernst zu nehmen, womit er dessen Figur und damit auch seinen Charakter und dessen Methoden zur Diskussion stellt. Ein möglicher Diskurs, der hier angesprochen wird, 167 Vgl. V. 629–653. 168 Vgl. V. 698 f., V. 784. 169 Vgl. V. 878, V. 883, V. 890 und V. 893. 101 bezieht sich vor allem auf eine Herrschaft eines lasterhaften Dienstherrn und dessen dadurch eingeschränkte Autorität. Beim Streit zwischen dem Krämer und seiner Frau kommt die Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse erneut zum Tragen und der angeregte Diskurs zeigt sich noch deutlicher. Die Frau des Krämers lehnt sich gegen ihren Mann auf und kritisiert sein Verhalten in Bezug auf ihre Ehe sowie die Preise für seine Waren. Der Krämer kann sich nicht anders helfen, als seine Frau daraufhin zu verprügeln. Rubin kommentiert dieses Verhalten durch eine Verurteilung dessen170 und seine Frau thematisiert den dazugehörigen Diskurs ebenfalls: Ach! Ist daz wol gethan, / daz eyn vnvorwißen man / sal schlan sine frawen! / diz dir keyn heil nummer m ße geczawen! / iz ist dez tufels mynne, / daz dy alden man begynnen! (V. 1007–1012) Die Herrschaft des Krämers über die Frau wird in Frage gestellt sowie seine Methode der Prügel, um diese zu verteidigen. Obwohl Krämer und Rubin einen gleichermaßen lasterhaften Charakter aufweisen, zieht es die Frau des Krämers vor, mit Rubin am Ende der Krämerszene zu fliehen – dieser war es zumindest nicht, der sie verprügelt hat. Zudem ist es trotzdem möglich, dass Rubin über den Krämer urteilt. Außerdem wird der Krämer zuvor als alde[r] man (V. 1012), Rubin als stolczer jungeling (V. 926). Es scheint hier ferner eine Kritik am oftmals großen Altersunterschied zweier Eheleute geübt zu werden und am bestehenden Herrschaftsanspruch des Mannes gegenüber seiner Frau. Auch im Wiener Osterspiel existiert dieser Diskurs über das Ehe- und Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau. Die Frau des Krämers bindet hier zudem ein Verlachen des Mannes in ihre Vorwürfe ein und gibt ihn somit der Lächerlichkeit preis.171 Die Frau des Krämers führt auch das listige Verhalten des Krämers als einen Kritikpunkt auf, aufgrund dessen sie sich gegen ihn stellt: Werstu czu Wine nicht entgangen, / Man hette dich an den galgen gehangin. (V. 742 f.) Der Krämer kann hier wegen seiner Unehrlichkeit nicht mehr als ein guter Ehemann akzeptiert und respektiert werden, wodurch er den Herrschaftsanspruch verliert. 9.3.3 Medizinischer Diskurs Ein wichtiger und sehr deutlich ausgeprägter Diskurs beider Osterspiele ist der medizinische Diskurs, der durch die Krämerszene angeregt wird. 170 Siehe Rubins Kommentarfunktion in Kapitel 8.1. 171 Vgl. V. 722–724. 102 Der Krämer wird, wie bereits in Kapitel 8.2 dargestellt, nicht nur als Krämer, sondern auch als Arzt bezeichnet und eingeführt. In beiden Spielen zeigt sich durch die Beschreibungen, dass der Krämer einen Arzt verkörpert, dessen Fähigkeiten unzulänglich sind, denn er zeichnet sich durch List, Lüge und wirkungslose Zutaten für seine Salben aus. In Kapitel 8.2 wurde auch bereits erwähnt, dass damit eine ähnliche Arzt-Figur im Krämerspiel vorkommt, wie es auch in der Arztsatire des Fastnachtspiels der Fall ist.172 Diese ist dazu gedacht, die Methoden, die für die Patienten undurchschaubar und nicht nachvollziehbar sind, anzuprangern und somit Kritik an der Praxis der Ärzte zu üben, sie als Quacksalber zu entlarven. Besonders deutlich herausgestellt wird dies im Innsbrucker Osterspiel, denn der Krämer wird zum einen sehr übertrieben als meister Ypocras vorgestellt und zum anderen entsteht eine Vergleichssituation zwischen dem Krämer als weltlichem Quacksalber und Jesus als Wunderheiler. Die Taten Jesu werden durch die Unzulänglichkeiten des Krämers noch deutlicher herausgestellt und gewinnen an Bedeutung, der Krämer geht gezwungenermaßen als klarer Verlierer aus diesem Vergleich hervor. Die Funktion der Komik des Quacksalbers kann demnach einerseits in einem anschließenden Diskurs über die medizinischen Gegebenheiten der Lebenswelt des Publikums liegen und andererseits, gerade deutlich im Innsbrucker Osterspiel, in der Aufwertung des Wirkens Christi. 172 Verschiedene Fastnachtspiele, die sich mit der Arzt-Thematik befassen, sind beispielsweise: K 6 oder K 120.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit nimmt eine Revision der älteren Forschung zur häufig vorkommenden – jedoch aus heutiger Perspektive zunächst irritierenden – Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters vor. Es wird deutlich gemacht, dass die oft getroffene Dichotomie und damit die strikte Trennung von Komik und Sakralität in ihrer Absolutheit nicht zutreffend ist. Vielmehr müssen die als komisch beurteilten Szenen, in denen Komik evoziert wird, detaillierter als bisher betrachtet werden, um im Einzelnen herauszuarbeiten, welche (sprachlichen) Mechanismen zur Komik führen und ob es tatsächlich heilige Themen und Gegenstände sind, die mit Komik bedacht oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben werden.