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5 Komik im Innsbrucker Osterspiel in:

Vera Geselbracht

Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters, page 41 - 64

Eine Untersuchung der Krämerszene des Innsbrucker und Wiener Osterspiels

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4001-0, ISBN online: 978-3-8288-6714-7, https://doi.org/10.5771/9783828867147-41

Tectum, Baden-Baden
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41 5 Komik im Innsbrucker Osterspiel Das Innsbrucker Osterspiel94 ist ein geistliches Spiel, dessen Entstehung durch einen Schreibvermerk am Ende des Spiels auf das 14. Jahrhundert datiert werden kann. Trotz seines Namens stammt es aus Mitteldeutschland, genauer aus Thüringen, was jedoch erst nach der Benennung zum Innsbrucker Osterspiel erkannt wurde. Durch seinen Aufbewahrungsort erhielt es den Namen Innsbrucker Osterspiel. Korrekter bezeichnet wird es allerdings als Innsbrucker Thüringisches Osterspiel, um zusätzlich den eigentlichen Entstehungsort zu berücksichtigen. Aus praktischen Gründen wird im Folgenden jedoch lediglich vom Innsbrucker Osterspiel gesprochen. Die folgende Analyse konzentriert sich auf die Komik der Krämerszene und schließt an die vorherigen methodischen Überlegungen an. Es soll herausgearbeitet werden, welche Strategien eingesetzt werden, um Komik zu erzeugen. Im siebten und neunten Kapitel wird anhand der vorangegangenen Analyse untersucht, unter welchen Bedingungen diese Komik möglich ist und mit welchen Funktionen sie verbunden sein könnte. Komik durch Bisoziationen 5.1.1 Die Einführung des Krämers Die Klage der Marien über den Tod Jesu erfolgt zum Teil in lateinischer Sprache sowie in Volkssprache und bezeugt damit die Verbindung zur liturgischen Osterfeier. Omnipotens pater altissime, / angelorum rector mitissime, / quid faciamus nos miserrim ? / heu quantus est noster dolor! (V. 507–510) So lautet die Klage der ersten der drei Marien und in Volkssprache wird diese weitergeführt: Almechtiger vater, hoster trost, / wen du mich von sunden hast erlost, / wo schal ich mich hen keren, / sint ich vorloren habe mynen herren? / awe jammir vnd leit, / daz myn armes hercze treit, / sint ich erre schal ge alhy, / daz laz dir, herre, geclaget sy! (V. 511–518) 94 Zitiert nach folgender Ausgabe: Das Innsbrucker Osterspiel. Das Osterspiel von Muri. Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Rudolf Meier. Stuttgart 1962. 42 Durch die Wiederholung des Inhalts der lateinischen Klage in Volkssprache, wird dieser für das Publikum erläutert und verdeutlicht. Dem schließt sich wiederum die zweite der Marien mit einer lateinischen Klage an (V. 519–522), die ebenfalls mit: heu quantus est noster dolor! (V. 522), endet. Im Anschluss daran spricht die zweite Maria wiederum klagende Worte in Volkssprache, worauf die dritte der Marien mit dem Hinweis folgt, sie sollten Salböl kaufen, um den Leib Christi zu salben. Diese Aufforderung zum Salbenkauf erfolgt in lateinischer Sprache. Zur Klage über den Toten wird insgesamt fünf Mal angehoben, wobei jedes Mal geäußert wird, den Trost und Erlöser verloren zu haben.95 Die Verzweiflung der Marien zeigt sich damit deutlich. Dadurch, dass zudem das Vorhaben Salböl zu kaufen nicht direkt am Ende der Marienklage steht, sondern noch einmal die Frage folgt, wie sich die Marien nun verhalten sollen in ihrem Leid: wy schullen wir vns gehaben czu vnserme leyde, / wen wir vnsern hern haben verloren, / der vns czu troste waz geboren? (V. 535–537), erschließt sich für das Publikum noch nicht, dass nun der Kauf des Öls auch tatsächlich erfolgt, denn eine Antwort auf die Frage, was zu tun sei, wird nicht explizit gegeben. In den Klagen der Marien lassen sich keine Hinweise für das Publikum finden, die den folgenden Auftritt des Krämers explizit vorbereiten. Zudem wird der Salbenkauf in lateinischen Versen angedeutet und nicht noch einmal, wie der Rest der Klageworte, in Volkssprache für das Publikum verdeutlicht. Der Krämer betritt stattdessen mit seinem Gefolge, bestehend aus seiner Frau und der Magd, den sichtbaren Teil der Bühne, wie aus dem Nebentext96 entnommen werden kann: Tunc mercator exit cum uxore et ancilla et dicit: […]. Diese Spielanweisung lässt darauf schließen, dass er und sein Gefolge dem Publikum vorher nicht in Erscheinung getreten sind und es keinen Hinweis auf das Auftreten des Krämers gibt, wodurch auf das Moment der Plötzlichkeit in der Auflösung dieser Situation geschlossen werden kann. Allerdings wird für die Aufführung der Osterspiele eine Simultanbühne als Schauplatz angenommen, sodass die Figuren bereits auf ihren Warteplätzen für das Publikum sichtbar sein können. Die alleinige Annahme der plötzlichen Auflösung einer Situation kann demnach nicht vollständig zur Erklärung der komischen Wirkung herangezogen werden. Der Krämer setzt zu seiner Begrüßung an: ‚Got gr ß uch, ir hirn, vbir al‘, / alz sprach der wolf vnd kuckte in den genßestal. (V. 540 f.) Begrüßt werden 95 Vgl. V. 511, V. 512, V. 519 – 521 sowie V. 537. 96 Es wird an dieser Stelle der Begriff des Nebentextes verwendet, der jedoch aus der modernen Beschäftigung mit Dramen stammt. Für Spiele des Mittelalters sind derlei Begriffe zum Aufführungszeitpunkt nicht bekannt gewesen. Vgl. Kapitel 2 zu den terminologischen Überlegungen der Gattung spil. 43 dabei jedoch nicht die drei Marien, sondern der Krämer nimmt eine Einführung seiner eigenen Person für das Publikum vor. Die Stimmung und der Themenbereich, die zuvor durch die Klagen der Marien aufgebaut wurden, treffen auf ein neues Bezugssystem. Diskursive Inkongruenz als spezielle Form der Bisoziation kann hier als Prinzip für das Erzeugen der Komik festgestellt werden. Der Krämer bezieht sich mit seinen Äußerungen nicht auf die Klagen der Marien, sondern eröffnet eine komische Eigencharakterisierung seiner Figur des mercators als wolf und seinem Publikum als überlisteter genßestal. Es entsteht hierdurch ein abrupter Bruch in der Stimmung, die vorher durch die Klagen der Marien bestimmt wurde und nun durch den Krämer, der ähnlich einem expositor ludi auftritt, durchbrochen wird. Dadurch werden die Bezugssysteme der Heilsgeschichte und der Alltagswelt in komischer Weise gegeneinandergestellt. 5.1.2 Die Suche des Krämers nach einem Knecht Eine weitere komische Begebenheit, die auf einer widersprüchlich aufgelösten Erwartung beruht, ist die Suche des Krämers nach einem Knecht. An dieser Stelle der Krämerszene wird sich zeigen, dass die Mechanismen der Komik vielfältig sind. Eingeleitet wird Komik hier vor allem durch eine inkongruente Auflösung einer Erwartung an eine bestimmte Rolle, die ergänzt wird durch Elemente der grotesken, karnevalesken Komik. Auch ist an dieser Stelle die Klage der drei Marien nur wenige Verse zuvor erfolgt. Es kann somit auch immer noch von einer Zusammenführung unpassender Bereiche gesprochen werden, da sich die eigene Dynamik der absurd-komischen Krämerszene hier gerade erst entfaltet. Der Krämer sucht zunächst einen Knecht: der mir czu dinste were recht (V. 543). Durch diese Beschreibung wird lediglich ausgesagt, der Krämer suche einen Knecht, der ihm einen angemessenen Dienst erweisen könne. Hieraus ergibt sich eine Erwartung des Publikums, die mit üblichen Pflichten eines Knechts und der typischen Rolle eines Knechts, seinem Herrn zu helfen und diesen bei der Arbeit zu unterstützen, verbunden ist. Die Anpreisung der Fähigkeiten Rubins, der auf das Gesuch des Krämers antwortet, erfolgt mit dem ersten Satz auch gemäß dieser Erwartung: Ich bin gar eyn getruwir knecht (V. 548). Im nächsten Vers kippt allerdings die Erwartung und wird in der Beschreibung dessen, was Rubin unter einem „treuen“ Knecht versteht, aufgelöst – ja sogar kontrastiert, denn zum frawen dinste fuge ich recht (V. 549), und davon nicht genug: 44 wult ir mir sin dancken, / ich czy mit uch kegen Francken / mit vwir frawen kapeltreten, / ich helf ir ouch den flachz geten / vnd dar czu dy män ryben, / als man tut den jungen wiben. (V. 550–555) Die Fähigkeiten, die Rubin als seine Vorzüge schildert, entsprechen recht wenig dem, was von ihm normalerweise als Knecht eines Krämers erwartet werden würde. Neben dem frawen dinste den Rubin als eine seiner Fähigkeiten anpreist, besitzt er jedoch noch mehr solcher Eigenschaften, die die widersprüchliche Auflösung der Erwartung an die Rolle eines getreuen Knechts unterstreichen: czu Francken han ich vil gelogen / czu Beygern han ich vil l te betrogen: / wult ir mit mir durch dy lant, / wir werden beyde geschant. (V. 556–559) Die Beschreibung seiner Fähigkeiten folgt dem Prinzip einer absurden Steigerung, wie sich an dieser Stelle erkennen lässt. In Franken noch hat er ‚nur‘ vil gelogen, in Bayern nicht nur das, sondern auch vil l te betrogen. Zudem werden immer weitere unpassende Fähigkeiten aufgezählt. Komik basiert hier auf dem Prinzip, Eigenschaften aufzuzählen, die nicht zur Vorstellung der üblichen Charakterisierung eines truwin Knechts passen, der dem Herrn czu dinste were recht. Das übliche, gewohnte System, in dem ein Knecht ‚treu‘ ist, wird mit der Charakterisierung Rubins als listiger, ‚untreuer‘ Knecht zusammengefügt und es kommt daher zu einer komischen Situation. Weitere Komik ergibt sich im Hinblick auf die Reaktion des Krämers. Dieser betrachtet die Eigenschaften Rubins jedoch nicht, wie zu erwarten sei, als für einen Knecht unpassend, sondern er schätzt diese als positiv für seine Zwecke ein: Mich dunket, du sist eyn wol geczagener knecht: / czu mynem dinste bistu mir recht. (V. 560 f.) Diese Reaktion ist überraschend und ebenso absurd. Die Komik wird an dieser Stelle zudem aus der immer weitergeführten, gesteigerten Abfolge von Erwartung und einer unpassenden Auflösung unterstützt. Es entsteht eine Szenerie, in der Komik durch Bisoziation den Anfang macht und die schließlich durch Steigerung und Übertreibung an komischem Charakter gewinnt sowie Elemente des Grotesken (frawen dinste) enthält. Auch die Zusammenführung der Krämerszene mit der vorangegangenen Klage der Marien, die zudem durch die Anwerbung eines zwielichtigen Knechts deutlich gegeneinandergestellt wird, ruft den Eindruck des Unpassenden, Grotesk-komischen hervor. 45 5.1.3 Rubins Suche nach einem Knecht Rubins Suche nach einem Knecht bietet weiteren Raum für Komik. Rubin ist zum Zeitpunkt seiner Suche nach einem eigenen Knecht noch nicht als Helfer tätig geworden, sondern hat lediglich seinen Krämer – in Anlehnung an die Rede des expositor ludi – vorgestellt. Auf den Hinweis des Krämers: Rubin, laz din schallen sin / vnd schla mir uff den kram myn! (V. 654 f.), antwortet Rubin: Ich mag [ez] dy lenge nicht getrage, / ich muz ouch eyn knecht habe! (V. 656 f.). Diese Antwort erfolgt unerwartet, da der Inhalt in komischem Kontrast zur vorangegangenen Handlung steht. Denn Rubin übertreibt in seiner Darstellung völlig, da er noch nicht für den Krämer gearbeitet hat. Die Übertreibung Rubins wird durch das verwendete Verb getrage sowie durch die Angabe dy lenge deutlich gemacht. Es werden dadurch die Last und Unerträglichkeit seiner Arbeit zum Ausdruck gebracht, denen er nicht anders entgehen kann, als ebenfalls einen Knecht anzuheuern. Die Formulierung, auch einen Knecht haben zu müssen (V. 657), trägt ebenfalls zur übertriebenen, komischen Dramatisierung seiner Situation bei. Die Übertreibung Rubins lässt Komik in Form von Ironie entstehen, denn es besteht ein Widerspruch in seiner Darstellung, da er bisher noch keinerlei Arbeit geleistet hat. Dies ist der zentrale Kontrast, auf dem Komik an dieser Stelle beruht. Auch die Beschreibung des Lohns, den Rubin im Folgenden für seinen Knecht anbietet, trägt zur Erzeugung von Komik bei: Nu horet al gemeyne, / beide groz vnd kleyne: / kann mir ymant gewißen eynen knecht, / der mir czu dinste were recht, / ich spreche ez vff dy truwe myn, / ich gebe em eyn grinthotelin / vnd eyne alde hoße / (der konde ich ny gelose): / an dem kny ist sy dunne, / an dem fuße ist nyrgent keyn kunne, / vnd eyne [alde] bruch / synem wibe czu eynem schlogertoch. (V. 660–671) Die Dinge, die zum Lohn angeboten werden sind eigentlich wertlos. Die Wertlosigkeit der gebotenen Vergütung wird außerdem von Rubin betont, indem er erwähnt, dass er die alde hoße, die er als Lohn bietet, vorher nie loswerden konnte. Interessant ist dabei auch, dass schon der Krämer Rubin zuvor myn alden hosen (V. 585) als Lohn angeboten hat, somit gibt Rubin weiter, was er selbst nicht braucht und verdeutlicht dadurch den geringen Wert des Lohns. Eine Bisoziation besteht in der komischen Zusammenfügung dessen, was als Lohn erwartet werden kann und was als solcher tatsächlich angeboten wird. Es sollte im Folgenden vermutet werden, dass sich darauf niemand melden würde, der einen solchen Lohn beziehen möchte. Jedoch tritt Pusterbalk in Erscheinung, der diese Stellung annehmen will und sich unter diesen Konditionen zur Arbeit für Rubin bereit erklärt. 46 Die Beschreibung Pusterbalks und die damit verbundene Komik werden in Kapitel 5.3 behandelt, da hier vor allem grotesk-komische Zuschreibungen an die Gestalt Pusterbalks gemacht werden und somit eine neue Komponente der Komik hinzutritt. 5.1.4 Der Krämer als meister Ypocras In den Versen 623 bis 630 wird der Krämer dem Publikum durch Rubin singend vorgestellt. Hy komt meister Ypocras / de gratia divina (V. 623 f.), heißt es hier zunächst. Die Erwartungen und Eigenschaften, die daraus folgend mit dem Krämer verbunden werden, sind hoch, da er als Ypocras in Anlehnung an Hippokrates beschrieben wird. Allerdings werden diese durch die folgenden Reime konterkariert. Es entsteht ein Kontrast zwischen der Beschreibung des Krämers als Arzt und der Erfüllung dieser Rolle: sin muter eym meister eyn sclegel vras / in arte medicina. / her sprach, er welde eyn meister sin: / vnd waz von kunsten riche: / waz man em der gesunden brenge, / dy macht er alle siche. (V. 625–630) Der Krämer ist gerade kein gelehrter Mediziner, wobei die Inkongruenz in den letzten beiden Versen (V. 629 f.) auf den Punkt gebracht wird, denn der Krämer als meister Ypocras ist sogar in der Lage mit seinen zweifelhaften Fähigkeiten die Gesunden krank zu machen. Hier zeigen sich die tatsächlichen Künste des Krämers als Arzt: Sie sind schlichtweg nicht vorhanden. Wird der Krämer in diesen Versen zum ersten Mal als Ypocras bezeichnet und damit mit Erwartungen verknüpft, die er nicht erfüllt, so wird dies auch an weiteren Textstellen weitergeführt und Erwartungen werden von neuem aufgebaut. In Anlehnung an die einführenden Worte an das Publikum zu Beginn des Osterspiels, nimmt Rubin im Anschluss an seinen Gesang eine weitere Vorstellung seines Herrn vor: Nu swiget alle gliche, / beide arm vnd riche, / beide frawen vnd man, / dy sich hy gesamment han: / vns ist komen in dy lant / eyn arczt wit bekannt, / her ist geheißen Ypocras / (vor war sult ir wißen daz!), / er hat durchfaren manche lant, / Hollant, Probant, Rußenlant, / Preußenlant, Caberny, Almeny: / noch vorbaz in der wosten Romany / ist er eyn meister vbir alle erstige. / nicht mer ich uch gesage kann: / min meister ist eyn kloger man, / wirt eyner in dem mantel wunt, / kumt er czu em, her macht en gesunt! (V. 631–647) In diesen Versen wird der vermeintliche Ernst der Situation durch die Parallele zwischen der Rede Rubins und der Rede zu Beginn des Osterspiels 47 durch den expositor ludi betont, denn in dieser Vorrede wird das Publikum in ähnlicher Weise angesprochen: Vornemet alle gliche / beide arm vnd riche, / […] / swigt vnd seczt uch neder czu der erden / wir wullen uch laßen kunt werden, / wy vnser herre ist enstanden, / von dez bittern todes banden / allem menschlichen geschlechte czu troste, / da mit [er] alle erloste (V. 1–10) In der Vorrede zum Osterspiel ist von Jesus die Rede, der auferstanden ist, um die gesamte Menschheit zu erlösen. Zusätzlich wird in diesen Versen sein Gang in die Hölle erwähnt, um die dorthin verbannten Seelen zu befreien und somit als eine Art Seelenheiler zu fungieren. Parallel zu dieser Beschreibung wird der Krämer ebenfalls als Heiler dargestellt, womit sich deshalb große Erwartungen in seine Fähigkeiten verbinden lassen könnten, wäre er nicht vorher bereits als schlechter Arzt und damit als Quacksalber entlarvt worden. Durch die hergestellte Parallelität zur Rede des Spielansagers über die Taten Jesu ist Rubins Vortrag vollkommen überzogen und erhält damit einen ironischen Charakter. Da der Krämer zuvor bereits als unzulänglicher Heiler entlarvt wurde, ist diese Übertreibung für das Publikum deutlich zu erkennen. Zusätzlich erhält das Wirken des Krämers in den Versen 648 und 649 sogar das Attribut ‚heilig‘: dennoch sage ich uch wol mere / von syner heilgen lyre. Durch diese Zuschreibung und den beträchtlichen Umfang der vorangegangenen Verse sowie den indirekten Vergleich mit Jesus wird eine hohe Erwartungshaltung an die Künste des Krämers als Arzt aufgebaut, von der nun bereits klar ist, dass sie nicht aufrechterhalten werden kann. Sie wird vielmehr immer weiter ad absurdum geführt. In den folgenden Versen wird die Brechung des Bildes, das vom Krämer als Meister der Medizin gezeichnet wird, auf den Punkt gebracht: dy blinden macht er sprechen; / dy stummen macht er eßen. / her kann czu erstige alzo vil / alzo eyn esel czu seytenspiel! (V. 650–653) Dieser hat als Arzt demzufolge die gleichen unzureichenden Fähigkeiten, wie eyn esel czu seytenspiel. Das bringt den Gegensatz zu der vorherigen Beschreibung als meister Ypocras in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. Zudem befindet sich eine unsinnig wirkende Inkongruenz in der Beziehung zwischen den Gebrechen der beschriebenen Kranken und ihrer ‚Heilung‘, die eine komische Wirkung auslöst. Die Heilung der blinden erfolgt laut Rubin dadurch, dass der Krämer ihnen die Fähigkeit des Sprechens geben kann und nicht dadurch, wie zu erwarten wäre, dass er ihnen das Sehen ermöglicht sowie die stummen nicht durch die Fähigkeit des Essen- Könnens geheilt werden würden. 48 So zeigt sich, dass eine Heilung durch den Krämer und seine Fähigkeiten als Arzt nicht stattfinden kann. Durch diese in sich inkongruenten Heilungen wird ebenfalls Komik erzeugt, da sie auf unpassende und unsinnige Weise zusammengefügt werden. Die Komik, die hier über den Krämer erzeugt wird, beruht insgesamt auf dem unzulänglichen Vergleich zwischen Krämer und Jesus, der durch die Parallelität ihrer beiden Vorstellungen97 hergestellt wird. Die Beschreibung der Heilungen des Krämers steht in Zusammenhang mit Äußerungen aus der Bibel über die Fähigkeiten Jesu als Heiler98 und ist ein weiteres Argument für einen indirekten Vergleich der beiden. Der vorher in seinem Wirken als heilig beschriebene Krämer, kann die Wunder, die Jesus laut der Evangelien vollbracht hat, offensichtlich nicht vollbringen – nicht nur das: die Heilungen werden auch vollkommen verkehrt. Der Vergleich des Seelenheiler Jesus mit dem Krämer als Heiler auf der Welt, wird letztlich verwandelt in ‚Seelenheiler‘ versus ‚Quacksalber‘. Der Krämer geht somit als verlachter Verlierer aus dem Vergleich hervor und die Wundertaten Jesu werden aufgewertet. Für einen Heiler auf der Welt ist es demzufolge nicht möglich, diese Wunder ebenfalls zu vollbringen. Auf eine Funktion dieses Vergleichs wird an späterer Stelle99 eingegangen. 5.1.5 Das Aufschlagen des Krämerstandes Der Krämer fordert Rubin innerhalb der Krämerszene mehrmals auf, er solle den Krämerstand aufbauen. Die Erwartungshaltung kann folgendermaßen formuliert werden: Da Rubin der Knecht des Krämers ist, sollte er dessen Anweisungen befolgen. Zum ersten Mal wird Rubin in den Versen 654 bis 655 aufgefordert: Rubin, laz din schallen sin / vnd schla mir vff den kram myn! Rubins dazugehörige Antwort: Ich mag [ez] dy lenge nicht getrage, / ich muz ouch eyn knecht habe! (V. 656 f.), erzeugt Komik auf zweierlei Art und Weise. Wie bereits oben dargestellt, hat diese Szene zum einen eine komische Wirkung aufgrund der übertriebenen, Ironie erzeugenden Forderung Rubins, zum anderen ist dies die erste Aufforderung des Krämers, der Rubin nicht nachkommt und der im Verlauf der Handlung ei- 97 Für Jesus ist es eigentlich nicht ganz richtig von einer Vorstellung oder Einführung seiner Person zu sprechen, da er als bekannt für die Zuschauer des Osterspiels vorausgesetzt werden kann. Jesus wird jedoch noch einmal in seiner Wirkung vorgestellt und als Erlöser explizit eingeführt. Aus diesem Grund wird für Jesus und den Krämer von einer Vorstellung bzw. Einführung gesprochen. 98 Für die dazugehörigen Bibelstellen über entsprechende Heilungen Jesu vgl.: Mk 10, 46–52; Lk 18, 35–43; Mt 20, 29–34; Mt 12, 22; Lk 11, 14; Mt 9, 32–34. 99 Vgl. Kapitel 9. 49 nige weitere folgen werden. Durch die Forderung Rubins wird die Anweisung des Krämers nicht befolgt. Sie verpufft dadurch wirkungslos. Dies steht jedoch in Kontrast zum Herrschaftsverhältnis, in dem sich Knecht und Krämer befinden. Dies ist also eine Verkehrung ihrer Rollen im Sinne einer Bisoziation. Im weiteren Verlauf der Handlung folgt nun die Suche nach einem Knecht, die ihre eigenen komischen Elemente beinhaltet. Das Aufschlagen des Krämerstandes wird dabei allerdings wiederholt thematisiert, wodurch die Erwartung immer wieder erneuert und betont wird. Rubin, laz din schallen sin / vnd schlach mir vff den kram myn (V. 696 f.), heißt es abermals. Diesmal bestätigt Rubin, dies zu tun (V. 698 f.), jedoch heißt es im folgenden Nebentext: Et sic circumspicit se pro servo et clamas alte voca. Komik entsteht, da Rubin durch seine Antwort die Erwartungshaltung zunächst bekräftigt und sie weiterhin aufrechterhält, dann allerdings doch nach Pusterbalk sucht, der Rubins Arbeit verrichten soll und somit eine Inkongruenz zwischen Erwartung und ihrer Auflösung entsteht. Nach einem Exkurs zur Suche eines neuen Knechts als Ersatz für Pusterbalk wendet sich der Krämer erneut an Rubin: Rubin, liber Rubin, / schla mir vff den kram myn! (V. 782 f.) Nach der dritten Aufforderung scheint Rubin dieser schließlich nachzukommen. Die Erwartung wird nun endlich erfüllt. Zudem wird durch die immer wiederkehrenden, gleichen Worte des Krämers, die meist als Zwischenrufe zwischen den Dialogen Rubins mit Puster- oder Lasterbalk gesehen werden können, Komik erzeugt, da zwischen den verschiedenen Themen sprunghaft gewechselt wird. Durch das Nicht-Befolgen der Befehle des Krämers bleiben seine Anweisungen wirkungslos. Rubin macht dadurch das bestehende Herrschaftsverhältnis zwischen ihm und dem Krämer lächerlich. Das Aufschlagen des Krämerstandes, das letztlich doch noch erfolgt, wird allerdings durch Rubin kommentiert. Die einleitenden Worte erwecken zunächst den Eindruck des Geheimnisvollen: Aleporta kurian sitax / exitas termax (V. 786 f.). Rubin macht sich mit großer Geste und Übertreibung an den Aufbau des Standes, allerdings stehen hier die Worte, mit denen er seine Taten begleitet, einerseits in Kontrast zur banalen Handlung und zudem wird die Bedeutungslosigkeit dieser Verse klar, als die nachfolgenden Verse gesprochen werden: myn fridel, iz ist na by dem tage / eyn esel solde eyn sag trage (V. 788 f.) Rubin begleitet das Aufschlagen des Standes mit formelhaftem, vermeintlich hohem Sprachstil. Die ‚lateinische‘ Untermalung seiner Handlung bezeichnet Martin W. Walsh als „nonsense medical 50 Latin“100. Es wird hierdurch der hohe Stil des Lateinischen parodiert und das Aufschlagen des Krämerstandes mit Komik belegt, indem eine eigentlich nebensächliche Handlung durch das stilistisch hohe ‚Latein‘ durch Rubin lächerlich gemacht wird. Dadurch wird deutlich, dass Rubin sich durch Übertreibung über den Krämer lustig macht und diesen verlacht. Es handelt sich an dieser Stelle des Spiels zwar um solche Komik, die auch auf sprachlicher Ebene ihre Wirkung entfaltet, jedoch scheint es sinnvoll, diese trotzdem in diesem Abschnitt zu behandeln, um spätere Redundanzen und Wiederholungen des Inhalts zu vermeiden, da diese Komik außerdem stark mit der des Nicht-Befolgens der Aufforderungen verwoben ist. Das Ignorieren der Befehle des Krämers spiegelt sich nicht nur beim Aufbau des Krämerstandes wider, sondern taucht auch zu einem späteren Zeitpunkt auf, als Rubin die drei Marien als Kundinnen ansprechen soll. Im Nebentext heißt es auf die Rufe des Krämers nach Rubin (V. 878): Rubin non respondet nisi tertio et dicit: […]. Rubin reagiert also erneut nicht auf die Rufe seines Herrn, sondern erklärt daraufhin, welche Arbeit er bereits erledigt hat. Er betont dadurch seinen vermeintlichen Fleiß mit Hilfe eine überzogene Darstellung. Es folgen darauf wiederum Rufe des Krämers nach Rubin (V. 883), woraufhin dieser wiederholt von der Arbeit bey eym alden wibe (V. 884–889) berichtet. Auch auf die dritten Rufe des Krämers (V. 890) hat Rubin wiederum eine Ausrede: Beite, mir ist vbel gelungen: / eyn alt wib hat mir myn sack abe gedrungen! (V. 891 f.) Nach dem vierten Rufen des Krämers geht Rubin nun doch darauf ein: Waz wult ir, herre meister myn? (V. 894) Hier ist es umso widersprüchlicher, dass Rubin ihn als herre und meister bezeichnet, da Rubin die Anweisungen des Krämers nicht befolgt und ihn auf diese Weise nicht wie einen Dienstherrn behandelt. Daher können die Worte Rubins ironisch verstanden werden. Ein zusätzliches Indiz, dass diese Stelle komisch gewirkt haben könnte, ist, dass der Krämer den Spaß, den Rubin mit ihm treibt, thematisiert: Du machst wol eyn schalk [syn!] (V. 895). Hierdurch wird das Lächerlich-Machen des Krämers durch Rubin explizit zur Sprache gebracht und die These eines ironischen Untertons in Rubins Verhalten sowie der Bezeichnung des Krämers als herre und meister gestützt. Die Inkongruenz von dem, was von einem Knecht erwartet wird und wie sich Rubin als solcher tatsächlich verhält, wird durch die steten Wiederholungen der Aufforderungen bekräftigt und zudem durch die Aussage des Krämers unterstützt. Es zeigt sich dadurch, dass der Krämer seine 100 WALSH, MARTIN W.: Rubin and Mercator: Grotesque Comedy in the German Easter Play. In: Comparative Drama. Vol. 36, No. 1/2 (2002). S. 194. 51 Aufforderungen vielfach Wiederholen muss, dass Rubin seinen Herrn als solchen in Frage stellt und diesen zusätzlich mit ironischen Handlungen und Äußerungen lächerlich macht. Eine Funktion dieses festgestellten verkehrten Herrschaftsverhältnisses wird in Kapitel 9.3 diskutiert. 5.1.6 Absurde Salbenzutaten Die Berechtigung der Krämerszene leitet sich aus der Liturgie lediglich durch das kurz erwähnte Vorhaben, den Leib Jesu einer Salbung zu unterziehen, ab. Eine Salbung des Körpers eines Toten erfolgt zur Ehrerweisung, dies wird auch im Osterspiel erwähnt.101 Zudem sind Salben auch als medizinische Heilmittel bekannt. Da der Krämer als meister Ypocras bezeichnet wird, kann von der Erwartung einer medizinischen Wirkung der Salben des Krämers und entsprechenden Zutaten ausgegangen werden. In der Beschreibung des Krämers als meister Ypocras deutet sich allerdings bereits an, dass er dieser Attribuierung ganz und gar nicht entspricht. Es ist an dieser Stelle nicht zweifelsfrei möglich, die Inkongruenz als Grundprinzip der Komik der Salbenzutaten zu identifizieren. Denn einerseits wurde bereits angedeutet, dass der Krämer fragwürdige medizinische Fähigkeiten besitzt und die Salben ja gerade eines seiner möglichen Heilmittel darstellen, andererseits wurden bei seinen seltsamen Heilungen nicht die Salben als Mittel zur Heilung erwähnt, sodass hier kein Zusammenhang zwischen den fragwürdigen ärztlichen Fähigkeiten des Krämers und seinen Salben bestehen muss. Es muss also nicht zwingenderweise auf die gleichzeitig fragwürdige Wirkung oder Zusammensetzung der Salben geschlossen werden. Zudem sind die drei Marien, die zum Bereich der biblischen Heilsgeschichte gehören, auf dem Weg zu eben diesem zwielichtigen Krämer, um eine Salbe zur Salbung Jesu zu erstehen. Die Problematik der Identifizierung einer eindeutigen Erwartungshaltung gegenüber der Beschaffenheit der Salben wird an dieser Stelle deutlich: Falls diese Erwartungshaltung gegenüber den Salben des Krämers abgekoppelt werden kann von seinen schlechten Fähigkeiten als Arzt, dann würde die folgende Komik der absurden Salbenzutaten durchaus auf der Inkongruenz zwischen Erwartung und Erfüllung beruhen. Dieser – möglicherweise ambivalente – Status der Salben sollte bei der folgenden Analyse nicht au- ßer Acht gelassen werden. Zum ersten Mal werden die Salben und ihre Zutaten genauer erwähnt, als der Krämer fragt, ob Rubin dy worcze (V. 816) als Zutat der Salben, stampft. Rubins Entgegnung macht wenig Sinn und stellt eine komische Brechung der Unterhaltung dar: Neyn, herre, ich stampphe eßels f rcze! 101 Vgl. V. 531–539. 52 (V. 817) – sie leitet die Komik der Salbenzutaten ein. Zum einen ist sie überraschend, da Rubin etwas anderes als verlangt stampft, wodurch jedoch noch nicht zwingend Komik entstehen muss. Zusätzlich ist diese Zutat aber auch völlig wirkungs- und sinnlos und kann somit nicht in Einklang mit dem Begriff gebracht werden, der von einer Salbe normalerweise besteht. Des Weiteren ist auch ein Stampfen von eßels f rcze[n] nicht möglich und daher ist die Handlung an sich ein Widerspruch. Aus diesen zwei letztgenannten Inkongruenzen kann Komik entstehen, auch wenn bereits durch die Beschreibung des Krämers als unfähiger meister Ypocras die Erwartung an die Zusammensetzung seiner Salben seinen fragwürdigen Fähigkeiten entsprechend ausfällt. Komik aufgrund von absurden, ekligen und unerwarteten Salbenzutaten zieht sich durch das gesamte Krämerspiel. Einige Verse später werden diese wieder explizit angesprochen. Der Krämer fragt: Rubin, liber Rubin, / was stamphestu czu der salben myn? (V. 826 f.) Zutaten, die nicht zur Vorstellung von einer Salbe passen und damit inkongruent sind, werden daraufhin durch Rubin aufgezählt: Herre, habet guten mut! / dy salbe wert in der maße gut: / da quam czu daz getummele von eyner brucken, / daz smalcz von [eyner] mucken, / vnd daz blut von eynem schlegele, / daz geherne von eynem flegele, / vnd der großen glocken klangk, / vnd waz der kucket hure gesanck, / vnd eynes alden monches fist. / hey, hey, wy gut der czu der salben ist! (V. 828–837) Alle Zutaten, die hier aufgezählt werden, können nicht unter den Begriff, der in der Vorstellung von einer Salbe existiert, subsumiert werden und entfalten durch ihre Widersinnigkeit und Absurdität Komik. Zudem sind eine Steigerung und somit auch eine Übertreibung der Absurdität und Widersinnigkeit zu erkennen. Komik entsteht bereits durch das Erwähnen des Stampfens der esels f rcze, die durch die längeren Ausführungen Rubins genährt und immer weiter ad absurdum geführt wird. Zuerst werden noch Dinge erwähnt, die es zwar gibt, die jedoch nicht als Salbenzutaten geeignet sind, zum Beispiel daz smalcz von [eyner] mucken (V. 831), blut von eynem schlegele (V. 832), danach allerdings folgt eine weitere Steigerung der unpassenden Zutaten, indem nun auch solche hinzugenommen werden, die etwas Abstraktes darstellen und damit noch weniger für eine Salbe geeignet sind – dies sind zum Beispiel der Klang einer großen Glocke oder der Gesang eines Kuckucks.102 Die Komik dieser Zutaten beruht demnach einerseits auf ihrer Unvereinbarkeit mit den normalen Zutaten einer Salbe und zudem unterliegen 102 Vgl. V. 834 und V. 835. 53 diese einer Steigerung ins Unmögliche. Angedeutet wird dadurch die Wirkungslosigkeit der Salben des Krämers und abermals die Thematisierung des Krämers als Quacksalber. Eingangs wurde verdeutlicht, dass es nicht leichtfällt, die Komik mit dem Grundprinzip einer vorherrschenden Inkongruenz oder eines Kontrastes zu erklären. Vor allem, wenn dabei die vorangegangene Charakterisierung des Krämers als Quacksalber nicht außer Acht gelassen wird – es kann somit zu erwarten sein, dass nicht nur seine Fähigkeiten, sondern auch seine Heilmittel wirkungslos sind. Komik kann nur dann an dieser Stelle auf einer Inkongruenz basieren, wenn nicht bereits zu erwarten wäre, dass der mercator als schlechter Arzt auch ebensolche wirkungslosen Salben besitzt. Was sich allerdings nach der Analyse an dieser Stelle zeigt, ist, dass zunächst auch hier wieder der Begriff einer „normalen“ Salbe gebildet wird, indem der Krämer nach den Wurzeln als Zutat fragt, die noch nichts von den absurden Zutaten ahnen lassen. Außerdem versichert Rubin seinem Herrn, er solle guten Mutes sein103 und dy salbe wert in der maße gut (V. 829). Es ist hier also zu Beginn von einer üblichen Salbe die Rede, deren Beschaffenheit durch Rubins Beschreibungen jedoch nach und nach zu einem Gegensatz führt. 5.1.7 Höfischer Exkurs Ab Vers 735 leitet Rubin einen Exkurs ein, der sich mit höfischen Themen beschäftigt. Es handelt sich daher abermals um eine Form der Bisoziation und damit einer Zusammenführung unpassender Bereiche. Es werden das Dasein als Ritter sowie Minne behandelt und ein dementsprechendes Vokabular benutzt. Rubin erklärt gegenüber Lasterbalk, er solle zum Ritter werden und Lasterbalk sein Diener sein. Die Szene ergibt sich, da Lasterbalk Rubin begegnet und diesen fragt: sage, wy machstu dich gehabe, / du herczetruter knabe? (V. 728 f.). Daraufhin antwortet Rubin, dass er nun der Knecht eines Arztes geworden sei. Lasterbalk erklärt Rubin als ganz und gar geeignet für diesen Posten, wenn du kanst wol stelen! (V. 732). Obwohl Rubin vorher noch ebensolche Fähigkeiten lautstark angepriesen hat, möchte er nun, dass diese nicht weiter erwähnt werden und befiehlt Lasterbalk zu schweigen (V. 733). Als Auftakt für einen Ritterexkurs dienen anschließend Rubins Ausführungen darüber, was der Krämer ihm als Lohn gebe: Daz will ich dir sagen schone: / er hat mir gruz lon benant, / ich furchte abir, ez sy eyn tant. / er spricht, wolle ich czu ritter werde, / er wolle mir helfen mit sinem 103 Vgl. V. 828. 54 pherde. / truwen, ich furchte, es fuge mir nicht, / ez sy dan daz sich der babest mit dem keyser bericht, / Lasterbalk, alrest fuget mir wol, / daz ich czu ritter werden schol. (V. 735–743) Was Rubin hier als angeblichen Lohn des Krämers äußert, entspricht nicht dem, was er tatsächlich als Lohn erhalten soll. Es wird durch die Thematik des Ritter-Werdens etwas Widersprüchliches eingeführt zu dem, was vorher als Lohn vereinbart wurde. Weitere Komik entfaltet sich, da Rubin im Vorangegangenen ausführlich als lasterhaft und hinterlistig beschrieben wurde und seine Figur damit einen kompletten Gegensatz zur Figur und dem Ideal eines Ritters darstellt. Lasterbalk nimmt Rubin ernst und will deshalb wissen, wie er sich denn nun als Knecht eines potenziellen Ritters verhalten solle. Rubin bringt daraufhin zur Sprache, was unter den gängigen Vorstellungen des Knechts eines Ritters verstanden werden kann: Geselle, daz wil ich dir sage: / du salt mir myn swert noch trage / vnd salt mir vff seczen myne ritters huben / vnd salt mir dy federn vz dem hare kluben / vnd salt dinen vnvorspart / Anthonien, myner frawen czart. (V. 746–751) Lasterbalk nimmt im Folgenden die Ritter-Thematik auf und benutzt dabei ein für den höfischen Kontext typisches Vokabular, mit dem er Antonia, die Frau des Krämers anspricht: Got gr z dich, du togendliches wib! / ach schelde ich truten dinen lib, / wen du bist so wol gestalt, / grosser schonheit manicfalt, / so m st ich lange leben! / dar vm welde ich mynen mantel geben! (V. 756–761) Togendliches wib (V. 756), truten dinen lib (V. 757) oder auch die mannigfaltige Schönheit Antonias (V. 759) sind Formulierungen und Beschreibungen, die aus dem höfischen Kontext stammen. Höfische Attribute besitzt Rubin jedoch nicht, wie vorher im Spiel bereits ausführlich dargestellt wurde. Auch Lasterbalk ist keine Figur aus der höfischen Welt, wie sich auch in der darauffolgenden, abweisenden Haltung Antonias gegenüber dem als grotesk beschriebenen Lasterbalk zeigt.104 Auch Lasterbalks Name, der bereits für sich spricht und auf seinen lasterhaften Charakter hindeutet, weist auf einen Gegensatz zur höfischen Welt hin. Damit wird eine Gegensätzlichkeit dieser beiden Sphären genutzt, um Rubins und Lasterbalks ritterliche Ausführungen ins Lächerliche zu ziehen. Sie stellen zu den bisher bekannten Eigenschaften einen deutlichen Kontrast dar und können dadurch eine komische Wirkung entfalten. Durch die verwendeten Formulierungen aus dem höfischen Bereich, setzt sich die sprachliche 104 Vgl. zur Darstellung Lasterbalks Kapitel 5.3. 55 Gestaltung dieser Sequenz vom restlichen Krämerspiel ab und trägt damit zusätzlich zu einer kontrastiven Komik und Überlappung unterschiedlicher Skripte bei. 5.1.8 Die Zahl der Marien Durch den Auftritt der drei Marien vor Beginn des Krämerspiels ist die Zahl der Marien, die am Spiel beteiligt sind, für das Publikum eindeutig bekannt. Deshalb entsteht ein Kontrast zwischen dem, was auf der Bühne gezeigt wird und der Äußerung Rubins über die Anzahl der Marien, bei der er sich auf keine genaue Anzahl festlegen kann: Got gruz uch, ir dry frawen! / waz ist mir in den augen? / sint vwir nicht wen dry? / ich wente, vwir schelde funffe sy! (V. 920–923) Es entsteht eine Inkongruenz zwischen bekannter und genannter Zahl der Marien. An dieser Stelle wird noch nicht eindeutig klar, dass es sich tatsächlich um Komik handelt, denn Rubin spricht eine Trübung seiner Augen an. Er gibt vor, die Anzahl der Marien nicht richtig sehen zu können. Als jedoch im Vers darauf abermals die ihm unbekannte Zahl der Marien zur Sprache gebracht wird, wird deutlich, dass es sich um eine komische Sequenz handelt. Hier heißt es: Got gruß uch, ir dry frawen schir / baz wan ander vyr! (V. 924 f.) Rubin kann also lediglich einen Vers später die richtige Anzahl der Marien identifizieren. Es gibt demnach keinen ernsthaften Grund für eine Beeinträchtigung seiner Sehkraft, die nur wenige Verse lang Bestand hatte. An dieser Stelle treten Schwierigkeiten auf, diese mit Hilfe des Analyseinstrumentariums eindeutig als komisch einzustufen. Falls während dieser Sequenz gelacht wurde, so kann dies wohl am ehesten darauf zurückgeführt werden, dass ein Kontrast zwischen der Zahl der Marien, die auf der Bühne für das Publikum zu sehen ist und den verschiedenen Zahlen, die Rubin nennt, entsteht. Eine Beeinträchtigung seiner Sehkraft ist hier durch die plötzliche ‚Genesung‘ nicht ernst zu nehmen. Eine komische Situation könnte an dieser Stelle gerade auch durch die direkte Konfrontation auf der Bühne entstanden sein, denn die Marien müssen im Sichtfeld Rubins und in direkter Nähe auf der Bühne zu sehen gewesen sein. Durch diese komische Gegenüberstellung kann ein Lachen möglicherweise unterstützt worden sein. Schwer fällt es hier jedoch, eine Argumentation aufzubauen, die allein auf den textuellen Gegebenheiten und auf der These der Inkongruenz als Grundprinzip der Komik beruht. 56 Sprachliche Inkongruenzen 5.2.1 Die Lohnverhandlung des Krämers und Rubin Da der Krämer Rubin als Knecht annimmt, verhandeln sie Rubins Lohn. Jedoch fragt der Krämer seinen zukünftigen Helfer nicht wie hoch sein Lohn sei, sondern: Nu sage an, liber Rubin, / wy gering ist daz lon din? (V. 570 f.). Dies geschieht zwar in Anlehnung an die zweifelhaften Fähigkeiten Rubins, widerspricht jedoch der sprachlichen Norm dieser Formulierung. Die Lohnverhandlung wird dadurch sogleich mit einer komischen sprachlichen Inkongruenz eingeleitet. Aus diesem Grund wird auch die folgende Komik in diesem Kapitel analysiert, obwohl sie durch Bisoziationen anderer Art erweitert wird. Die Verhandlungen werden durch konkrete Nennungen der Güter, die als Lohn vergeben werden sollen, weitergeführt. Es ist zunächst von einem Lohn von funff schillinge (V. 572) die Rede, die der Krämer jedoch als zu hoch einstuft, da Rubin doch bereits vnder der huben bloz (V. 575) ist, weshalb der Krämer einen anderen Lohn für Rubin parat hat: Rubin, nu beyte vorbaz: / so gronet daz graz / vnd loubit der stog / vnd czickelt der bock, / so gebe ich dir durch luftgen eyn rock, / ouch gebe ich dir von semde / eyne bruch, vnd eyn hemde, / vnd myn alden hosen darczu: / dy cz st du an spot vnd fr . (V. 578–586) Rubin fordert jedoch mehr Lohn von seinem Herrn, allerdings fällt die Forderung ebenso unerwartet aus: Herre, griffet vorbaz, / vnd erloubet mir daz, / daz ich dy czit vortribe, / mit vwerm jungen wybe / dez obendez by dem f re: / daz were mir sust gar t re! (V. 588–592) Rubins Fähigkeiten des frawen dinste entsprechend, fordert er einen gleichsam obszönen Lohn als Zugabe des Krämers. Auf diese Forderung müsste der Krämer eigentlich mit Empörung reagieren, da Rubin seinen Herrn nach der Erlaubnis zum Ehebruch mit dessen Frau als Lohn für seine Arbeit fragt. Doch wird diese Erwartung einer Verneinung durch den Krämer ebenfalls nicht bestätigt: Von mir hab dir dy laube (V. 593), bestätigt der Krämer, allerdings mit der einzigen, jedoch letztendlich wenig aussagekräftigen, Einschränkung: vnd tho dez nicht vor mynen augen! (V. 594) Wie gezeigt wurde, werden auch in dieser Sequenz reihenweise Erwartungen gebrochen. Dies erfolgt zum einen durch die Durchbrechung einer sprachlichen Norm durch die Formulierung der Frage nach der ‚Niedrigkeit‘ des Lohns, zum anderen wird der Dialog der beiden Figuren immer weiter in eine absurde Richtung geführt, was wiederum zur Steigerung 57 der Komik beiträgt. Angereichert wird der komische Lohn durch obszöne Forderungen Rubins, die einer karnevalesken Komik entsprechen. 5.2.2 Inkongruenz von Sprachstil und Inhalt Komik mit dem Prinzip der Inkongruenz basiert nicht nur auf thematischen Kontrasten und Kontrasten, die aus Erwartung und deren Nicht- Erfüllung bzw. einer widersprüchlichen Erfüllung hervorgehen. Es existieren ebenfalls komische Sequenzen, bei denen deutlich wird, dass Prinzipien der Sprache und Brechungen zwischen Sprachstil und Inhalt der Grundmechanismus von Komik sind. Bereits bei den Lohnverhandlungen des Krämers und Rubins wurde eine Brechung der sprachlichen Norm angesprochen. Eine Szene, in der Komik vorkommt, die auf einer Inkongruenz zwischen Sprachstil und behandeltem Inhalt beruht, ist das Zusammentreffen Rubins mit den drei Marien innerhalb der Krämerszene. Die Figuren sowie beide Handlungsstränge treten dabei in direkten Kontakt miteinander. Rubin begleitet die drei Frauen zum Krämer, damit er sie czu arcztige icht gerate kann (V. 935). Rubin geht voran, wobei die drei Marien ihm folgen. Dabei singt er: Ibant, ibant tres mulieres, / Ihesum, Ihesum, Ihesum quaerentes: / Maria Magdalena, / Maria Jacobena / atque Salomena, / vociferasti tu tres mulieres / date mihi denarium / dabo vobis sal sal salbium. (V. 940–947) Es zeigt sich an vorangegangenen Textstellen des Osterspiels, dass vor allem dann Latein gesprochen wird, wenn ein Vorgang oder eine Äußerung in Verbindung mit der Liturgie der Kirche und mit dem Ostergeschehen steht, so beispielsweise innerhalb der ersten Klage der Marien. Auch an dieser Stelle wird kurz von Rubin rekapituliert, warum die Marien hergekommen sind. Allerdings kommt mit den letzten beiden Versen eine völlig banale Handlung dazu – nämlich, dass die Marien ihm den Denarius geben sollen und Rubin gibt ihnen dafür sal sal salbium. Hierdurch wird die Salbenkaufhandlung als Tauschhandlung zwischen den Marien und Rubin zum Thema gemacht. Es kommt zu einer Verbindung eines eigentlich hohen Sprachstils, der vor allem der liturgischen Handlung vorbehalten ist, mit einem völlig banalen Inhalt und somit zu einer Komik erregenden Inkongruenz. Diese Inkongruenz wird durch die Wiederholungen105, 105 Diese Wiederholungen sind folgende: Ibant, ibant in V. 940; Ihesum, Ihesum, Ihesum in V. 941; sal sal salbium V. 947. 58 die sich in diesen Versen finden lassen, hervorgehoben, wobei die Silbenwiederholungen von sal sal salbium gleichermaßen sinnlos sind. Sie transportieren keinerlei semantische Informationen. Was an dieser Stelle besonders zu Tage tritt, ist die Relation zwischen Komik und der Art des daraus folgenden Lachens. Rubin erwähnt dies nach seinen gesungenen lateinischen Versen: Herre, ich habez volant, / dar noch ir mich habet gesant: / sy k n vns wol riche gemache, / nu m ge wir wol gelache! (V. 948–951) Hier ist von einem möglichen intradiegetischen Lachen die Rede, wodurch die These gestützt werden kann, dass diese Stelle als komisch aufgefasst wurde. Unverkennbar ist allerdings auch, dass es sich um ein herabwürdigendes Lachen handelt, das evoziert werden soll, denn es wird angedeutet, die Marien bezüglich des Preises, den sie für die Salben zahlen sollen, zu betrügen: sy k n vns wol riche gemache (V. 950). Rubins lateinischer Gesang ist demnach ironisch zu verstehen und deutet Rubins Freude über kaufkräftige Kundschaft an. Diese Deutung manifestiert sich in seiner Aussage nach dem Gesang. Er selbst erwähnt dabei ein aggressives, betrügerisches Lachen seinen Kundinnen gegenüber. Fraglich ist allerdings, ob das Publikum aus dem gleichen Grund an dieser Stelle gelacht haben könnte wie Rubin, da das Publikum um die Identität der drei Marien und um ihr Vorhaben, Jesus mit der gekauften Salbe zu salben, wissen. Es könnte hier ebenfalls zu einer Empörung über die Dreistigkeit Rubins als Reaktion der Zuschauer kommen. 5.2.3 Heu oder häu? – Semantische Inkongruenz Heu quantus est noster dolor! Heißt es bereits in der Marienklage, auf die das Krämerspiel folgt. Auch im Krämerspiel setzen die Marien zu einer Klage über den Tod Jesu an (V. 993). Rubin nimmt diese Klage jedoch zum Anlass, um ein Feld der sprachlichen Komik zu entfalten, indem er den ähnlichen Klang von heu und häu für ein Wortspiel nutzt: Waz heu, waz heu, waz heu? Waz sagit ir vns von häu? / saget vns von cygern vnd von keßen! / dez moge wir wol genesen! (V. 994–997) Genutzt wird zum Erzeugen dieser Komik die Homophonie von heu/häu. Dabei handelt es sich einmal um einen lateinischen Ausruf und zum anderen um das Heu, das getrocknet als Viehfutter verwendet wird. Durch die unterschiedliche Orthografie wird dies bei einem reinen Lesen des Textes auch deutlich, im Klang des Wortes gibt es keine Unterscheidungs- 59 möglichkeit. Durch die andersgeartete Semantik werden zwei völlig unterschiedliche Bereiche gegeneinandergestellt. Das Falschverstehen Rubins beruht auf dem Nicht-Verstehen des Lateins der Marien und einer unzutreffenden Übersetzung des Ausrufes heu. Es steht dadurch auf der einen Seite die Klage der Marien über den für die Marien dramatischen, schmerzhaften Tod Jesu als Retter der Welt und Menschheit und auf der anderen Seite wird dieser Thematik mit der Frage begegnet, warum die Marien denn von einem Nahrungsmittel für Tiere sprechen, wobei angeführt wird, dass ein Genuss von cygern und keßen für den Menschen wohl besser sei als der von Heu. Da Komik hier auf einer semantischen Inkongruenz begründet wird, wird diese Sequenz des Spiels unter dem Aspekt der sprachlichen Inkongruenz behandelt. Es zeigt sich allerdings auch, dass durch das Spiel mit den unterschiedlichen Bedeutungen Bezugssysteme gegeneinandergestellt werden. Dies sind einerseits die Sphäre des Heiligen und andererseits eine sehr weltliche Sphäre, in der es um Tierfutter und geeignete Nahrungsmittel für den Menschen geht. Es entsteht somit eine absurd-komische Verbindung. Außerdem wird durch Rubin eine Inkongruenz von lateinischer Sprache und Volkssprache angedeutet, da dieser durch seine Äußerung eine gewisse Inkompatibilität herausstellt. Es wird durch das Nicht- Verstehen Rubins ein Fehler seines geistigen Vermögens angesprochen, da er nicht in der Lage ist, die lateinische Sprache zu verstehen. Obwohl Rubin selbst die Marien und ihre vermeintlich unsinnige Äußerung verlacht, kann das Publikum jemand anderen als das Objekt der Komik betrachten – nämlich Rubin als unverständigen Knecht. Elemente des Grotesken An einigen Stellen des Innsbrucker Osterspiels wird Komik erzeugt, indem körperliche Merkmale und daraus resultierende Fehler und Abweichungen thematisiert werden. Diese äußerlichen Merkmale können durch Bachtins Spezifizierungen als grotesk und somit als komisch eingestuft werden. Zum ersten Mal wird ein körperlicher Fehler bei der Einführung von Rubins Knecht, Pusterbalk, erwähnt und es entsteht Komik, die nach Bachtin eine groteske Komik des Leibes darstellt. Das Äußere Pusterbalks wird durch Rubin näher beschrieben. Vor allem herausgestellt wird Pusterbalks Nase: er hat eyne nase also eyn kacze (V. 677), heißt es. Nach Bachtin kann dies als ein groteskes Merkmal erfasst werden, denn „die Nase erhält nur dann einen grotesken Charakter, wenn sie tierische oder dingliche 60 Formen [annimmt].“106 Zudem ist die Nase, wie bereits in Kapitel 4.3 beschrieben, als ein Phallussymbol zu werten und kann damit als ein Körperteil mit besonderer Bedeutung für eine grotesk-karnevaleske Darstellung begriffen werden. Dadurch, dass die Nase einer Katze zudem relativ klein ist, kann dies als eine Anspielung Rubins auf die Größe Pusterbalks Geschlechtsorgans gesehen werden, die für weitere Komik auf Kosten Pusterbalks sorgt. Zu diesem eindeutig mit Komik belegten Körperteil Pusterbalks kommen weitere grotesk-komische Beschreibungen durch Rubin hinzu: er ist obir dy schuldern breit, / sin rucke manchen hocker treyt! (V. 678 f.) Auch hier ist festzustellen, was Bachtin als Merkmale des Grotesken beschreibt. So tragen vor allem aus dem Körper herausragende Elemente (hocker) zur Groteske des Leibes bei und erzeugen Komik. Die groteske Beschreibung der Figur Pusterbalks wird durch seine eigene Äußerung bekräftigt, denn Bachtin sieht den grotesken Körper als einen sich immer wieder erneuernden und mit anderen vereinenden Körper. Die Vereinigung mit anderen Körpern wird an dieser Stelle angedeutet: Herre, ich heße Pastuche / vnd lege vnder dem struche, / wen der herte czu velde tribet: / wilch mayt da hynden blybet, / dy werff ich da neder / vnd erswinge ir geveder. / vnd ribe er kletten in den bart (V. 682–688) Diese obszöne Thematik wird durch Rubin zur Verstärkung noch einmal aufgenommen: Nem nu vff den hals den sag / vnd lauffe wir alle desen tag, / biz daz wir [komen] czu jungen wyben: / mit den wollen wir dy czit vortribe. (V. 692–695) Auch der zweite Knecht Rubins, Lasterbalk, wird mit Komik durch groteske Merkmale belegt. Dieser wird von der Magd nach seiner Kontaktaufnahme zurückgewiesen: Lasterbalk, du macht wol swigen, / oder ez werd dich betrigen! / wiltu schonen frawen holt wesen, / du kanst nicht hondes puluer lesen! (V. 762–765) In der Begründung wird auf seine Hässlichkeit hingewiesen: jo bistu krump vnd hockerecht, / du fugest baz czu eynem baderkencht! (V. 766 f.). Lasterbalks Darstellung als groteske Figur ist zusätzlich komisch, da er zuvor mit Ru- 106 BACHTIN (1969), S. 16. 61 bin einen Exkurs mit Formulierungen entfaltet, die aus dem höfischen, ritterlichen Kontext stammen107. Gerade in diesem ist auch die äußere Vollkommenheit einer Figur von großer Bedeutung, sodass die nachfolgende Schilderung seiner Hässlichkeit einen umso deutlicheren Kontrast darstellt. Lasterbalk versucht in seiner Kontaktaufnahme Antonia durch die Bezeichnung als togendliches wib für sich zu gewinnen. Auch ihre Schönheit wird ganz dem höfischen Ideal einer Frau entsprechend beschrieben. Da er nun aber das genaue Gegenbild dieses Ideals darstellt, sind seine Äu- ßerungen für das Publikum noch lächerlicher. Außerdem spricht Antonia einen Fehler seines Körpers an, der wiederum in Zusammenhang mit sexueller Komik steht: waz libe scholde ich czu dir han? / nu bistu doch in den lenden lam! (V. 768 f.) Durch Bachtins theoretische Überlegungen kann die Komik der dargestellten Abweichungen körperlicher Merkmale beschrieben werden sowie die an einigen Passagen vorkommende sexuelle Komik. Pusterbalk und Lasterbalk werden dabei als eine Art Inbegriff grotesker Figuren dargestellt, die es zu verlachen gilt. Zum einen durch die Beschreibung ihres Äußeren, das ganz und gar einem grotesken Körper entspricht und zum anderen werden die beiden vornehmlich mit obszön-sexueller Komik in Verbindung gebracht, die als karnevaleskes Element gedeutet werden kann. Prügelkomik Raufereien und Prügeleien werden in der Forschung, besonders bei den Fastnachtspielen, als performative Form von Komik gedeutet.108 Diese unterbrechen meist die Rede der Figuren, sind teilweise aus Regieanweisungen der Spiele zu erkennen oder ergeben sich aus der Rede der Figuren. Auch im Innsbrucker Osterspiel existieren zwei Prügelszenen. Zum einen wird eine Prügelei zwischen den Knechten beschrieben und zum anderen kommt es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen mercator und mercatrix, ob diese jedoch gleichermaßen komisch bewertet werden können, bleibt zu hinterfragen. 107 Vgl. Kapitel 5.1.7 zum Höfischen Exkurs. 108 Vgl. JANOTA, JOHANNES: Performanz und Rezeption. Plädoyer für ihre Berücksichtigung im Kommentar zur Edition spätmittelalterlicher Spiele. Die Nürnberger Fastnachtspiele als Beispiel. In: Fastnachtspiele. Weltliches Schauspiel in literarischen und kulturellen Kontexten. Hrsg. von: Klaus Ridder. Tübingen 2009. S. 391. Sowie: AHNEN, HELMUT VON: Das Komische auf der Bühne. Versuch einer Systematik. München 2006. S. 25. Vgl. ebenfalls: GRAFETSTÄTTER (2013), S. 30. 62 5.4.1 Der Streit der Knechte Zum Streit von Rubin und Pusterbalk kommt es, da Rubin vermutet, Pusterbalk habe sich mit den Salben des Krämers davon gemacht: We, mir ist leyde vnd czoren, / ich han myn knecht Pusterbalk vorloren / mit mynes herren salben, / vnd furchte, er lege kalben / Pusterbalk, bistu bederbe, / so kom mit mynes herren salben wedere! (V. 700–705) Pusterbalk taucht zwar wieder auf, will jedoch nicht mehr für Rubin arbeiten, woraufhin sie sich gegenseitig verprügeln. In der Regieanweisung heißt es: Et sic percutiunt se. Nach einem: Slach! (V. 714) und einem Fach! (V. 715) wird die Rauferei vom Krämer beendet: Last da von, ir schelke beide, / ez komt uch anders czu großem leide! (V. 716 f.) Dass diese Prügelei der beiden Knechte komisch gewirkt haben könnte, lässt sich durch die Bezeichnung der beiden als schelke erwägen. Diese Sequenz, in der Prügel ausgeteilt werden, ist sehr kurz gehalten und wird wenig ausgeschmückt sowie später nicht weiter thematisiert. Sie könnte als ein kurzes, komisches Intermezzo gesehen werden, das reine Unterhaltungszwecke erfüllt. 5.4.2 Der Streit von mercator und mercatrix Die Prügelei des Krämers und seiner Frau könnte ebenfalls eine komische Wirkung gehabt haben – folgt man der gängigen Deutung von Prügeleinlagen. Deshalb wird sie an dieser Stelle zwar angeführt, ihre komische Wirkung sollte allerdings kritisch betrachtet werden. Zum Verprügeln der Frau kommt es, da sich diese über den zu geringen Preis der Salben beschwert, den der Krämer von den drei Marien fordert: We, daz iz uch wert czu onheile! / wy macht ir vns so wolveyle, / daz vns kost so manche marck? / wolt ir dar vm wesen karck? (V. 1001–1004) In der darauffolgenden Spielanweisung heißt es: Mercator percuit uxorem und er begleitet dies mit Beschimpfungen: Facculdey! Maleventure! / ach, du alde vngehure! (V. 1005 f.) In den nachfolgenden Versen wird das Verprügeln durch den Krämer von der mercatrix bewertet: Ach! Ist daz wol gethan, / daz eyn vnvorwißen man / sal schlan sine frawen! (V. 1007 ff.) Durch die Kritik am Verprügeln einer Frau durch ihren Ehemann besitzt diese Sequenz des Krämerspiels einen ernsten Unterton. Weiterhin spricht für eine solche Deutung dieser Passage, dass Rubin völlig ohne komische Ausführungen Partei für die Frau des Krämers ergreift und das Verhalten des Krämers negativ beurteilt: 63 Eya, herre, daz ist mir leyt, / daz ir vorgeßet vwir hobescheyt! / ir habit myne [frawen] geschlan, / vor aller werlde vffentlich: / so thot ir vnhebishlich! (V. 1021– 1026) Letztlich üben die uxor mercatoris und Rubin Kritik am Krämer, aufgrund der ehelichen Prügel, worin sich jedoch kein Verlachen einer der Personen erkennen lässt. Vielmehr zeigt sich eine sehr ernste Auseinandersetzung innerhalb der ansonsten stark durch Komik geprägten Krämerszene. Diese Sequenz nimmt damit zudem eine wichtige Funktion ein.109 Die ansonsten für fastnachtähnliche Darstellungen als belustigend wirkende Prügelkomik kommt hier nicht zum Einsatz. Im Wiener Osterspiel existiert ebenfalls ein Streit der Eheleute, in dem jedoch komische Elemente enthalten sind. Diese zeigen jedoch eine ähnliche Kritik äußernde Tendenz und beruhen nicht auf der rein belustigenden Prügelkomik der Fastnachtspiele. Zwischenfazit der Komik des Innsbrucker Osterspiels In Kapitel 4 wurden vor allem Inkongruenzen, also Verkehrungen von Normen als Mechanismus zur Erzeugung von Komik angeführt. Es zeigt sich in der Krämerszene des Innsbrucker Osterspiels jedoch, dass Komik nicht, wie oft angenommen, aus der Verkehrung kirchlicher Normen besteht, sondern diese auf unterschiedlichen Ebenen und durch die Brechung verschiedenster Normen stattfindet. Im Vergleich zwischen dem Krämer als Quacksalber und Wunderheiler Jesus deutet sich ein solches Prinzip an, ist jedoch auch an dieser Stelle nicht alleiniger Mechanismus von Komik. Vielmehr wird deutlich, dass eine komische Situation meistens durch Bisoziationen eingeleitet wird und schließlich durch Übertreibung und Absurdität der Situation weitergeführt wird. Das von Kant beschriebene Phänomen der Plötzlichkeit kann unter Umständen beim überraschenden Auftritt des Krämers greifen, der nicht eindeutig durch die Klagen der Marien vorbereitet wird. Dies wird jedoch durch das Prinzip der Simultanbühne möglicherweise unterwandert, denn hier sind bereits alle Figuren zu Beginn des Spiels auf ihren Warteplätzen zu sehen und der mögliche Auftritt des Krämers kann bereits erwartet werden. Es zeigt sich, dass vor allem Rollen und Inhalte widererwarten ausgestaltet und widersprüchlich aneinandergefügt werden. Es wird dadurch eine Vielschichtigkeit der Komik erzeugenden Widersprüchlichkeiten deutlich. Außerdem ist zu beobachten, dass die Krämerszene nicht eine 109 Vgl. Kapitel 9.3.2. 64 ‚Pointe‘ enthält, auf die die Handlung zuläuft, sondern dass es viele komische Einzelsequenzen gibt, zwischen denen auch ernste Situationen, wie die Kaufhandlung oder der Streit der Eheleute, eingefügt sind. Die Brechung sprachlicher Normen kann ebenfalls an einigen Stellen beobachtet werden. Vor allem Rubin bedient sich solch einer Komik. Dieser ist es auch, der ein einziges Mal ein intradiegetisches Lachen den Marien gegenüber erwähnt. Dabei kann festgestellt werden, dass er es zwar ist, der die Marien verlacht, für das Publikum wird dies jedoch wahrscheinlich nicht zugetroffen haben. Abschließend kann festgehalten werden, dass die Begegnungen zwischen den Marien, als Figuren der Sphäre des Heiligen und dem Krämer einer weiteren genauen Betrachtung bedürfen. Diese Begegnungen von Heiligem und Komik werden in Kapitel 7.1 näher untersucht. Im Folgenden wird nun das Wiener Osterspiel und die Komik seiner Krämerszene analysiert, um im Anschluss Beobachtungen anzustellen, ob hierdurch allgemeingültige Aussagen zu bestimmten Komik tragenden Figuren sowie der Begegnung von Heiligem und Komik gemacht werden können.

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References

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit nimmt eine Revision der älteren Forschung zur häufig vorkommenden – jedoch aus heutiger Perspektive zunächst irritierenden – Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters vor. Es wird deutlich gemacht, dass die oft getroffene Dichotomie und damit die strikte Trennung von Komik und Sakralität in ihrer Absolutheit nicht zutreffend ist. Vielmehr müssen die als komisch beurteilten Szenen, in denen Komik evoziert wird, detaillierter als bisher betrachtet werden, um im Einzelnen herauszuarbeiten, welche (sprachlichen) Mechanismen zur Komik führen und ob es tatsächlich heilige Themen und Gegenstände sind, die mit Komik bedacht oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben werden.