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4 Identifikation des Komischen in mittelhochdeutscher Literatur in:

Vera Geselbracht

Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters, page 29 - 40

Eine Untersuchung der Krämerszene des Innsbrucker und Wiener Osterspiels

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4001-0, ISBN online: 978-3-8288-6714-7, https://doi.org/10.5771/9783828867147-29

Tectum, Baden-Baden
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29 4 Identifikation des Komischen in mittelhochdeutscher Literatur Es wurde dargestellt, welche Bewertungen von Komik und Lachen zur Entstehungs- und Rezeptionszeit der in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehenden Osterspiele vorgeherrscht haben könnten und welche Probleme mit den dazu vorhandenen Belegen verbunden sind. Um das Thema der Komik in geistlichen Spielen zu behandeln, muss grundsätzlich festgestellt werden, welche Textstellen der Osterspiele als komisch gedeutet werden können. Deshalb gilt es, ein Methodenrepertoire zu entwickeln, mit dem die entsprechenden Stellen identifiziert und analysiert werden können. Problematisierung des Methodenrepertoires Viele Arbeiten, so auch die frühe Arbeit von Krüger, beschreiben detailliert den „unglaublichen Schmutz“64, der in den als ‚komisch‘ bezeichneten Szenen der Osterspiele vorkommt, allerdings bleiben die meisten Untersuchungen eine Antwort schuldig, wenn es um die Beschreibung der literarischen Strategien zur Realisierung von Komik geht. Es scheint hier vor allem eine diffuse Intuition zu sein, auf die sich viele Arbeiten stützen. Es sollte der Analyse der komischen Szenen daher eine Darstellung dessen vorangestellt werden, was als ‚komisch‘ zu bezeichnen ist und welches die Grundprinzipien sind, durch die Komik realisiert werden kann. Die wohl sicherste Möglichkeit zu untersuchen, welche Stellen als komisch markiert werden können, wäre es, aus dem textexternen Lachen auf das Vorhandensein von Komik zu schließen. Grubmüller nimmt dabei das textinterne Lachen als Indiz für ein gleichzeitiges Lachen der Rezipienten an.65 Dies ist jedoch eine sehr spekulative Vorgehensweise, da hierzu sehr wenige Belege zu finden sind. Außerdem können bei einigen Osterspielen Aufführungen nicht einmal sicher belegt werden.66 Es wird sich zudem zeigen, dass das Lachen von Personen im Text aus anderen Gründen erfolgen kann als das Lachen der Rezipienten. Aus diesem Grund ist diese 64 KRÜGER (1931), S. 11. 65 Vgl. GRUBMÜLLER, KLAUS: Wer lacht im Märe – und wozu? In: Lachgemeinschaften. Kulturelle Inszenierungen und soziale Wirkungen von Gelächter. Hrsg. von: Werner Röcke und Hans Rudolf Velten. Berlin/New York 2005. S. 111–124. 66 Vgl. auch hierzu die Diskussion des Vorkommens reiner Lesedramen: NEUMANN, BERND/TRAUDEN, DIETER: Überlegungen zur Neubewertung des spätmittelalterlichen religiösen Schauspiels. In: Ritual und Inszenierung. Geistliches und weltliches Drama des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Hrsg. von: Hans-Joachim Ziegeler. Tübingen 2004. S. 37. 30 Möglichkeit für die Identifikation der Komik in den Osterspielen auszuschließen. Ein weiterer Ansatz, der in der Forschung aufgegriffen wird, ist die Verwendung von Bachtins „Literatur und Karneval“ – hauptsächlich zur Erläuterung der Komik in den Fastnachtspielen des Mittelalters. Bachtin geht jedoch hierbei vor allem von groben Normverkehrungen und Ausbrüchen aus der bestehenden Ordnung aus, weshalb dieses Werk als einziger theoretischer Hintergrund ausscheidet, da sich zeigen wird, dass es bei der Komik im Osterspiel nicht um grobe Normbrechungen, sondern um die Verkehrung auf spezifischen Ebenen geht. Diese können jedoch durch die alleinige Verwendung von Bachtins Theorie nur unzureichend erklärt werden. Dennoch bietet Bachtin Ansätze, die fruchtbar für die Erklärung einzelner komischer Elemente der Krämerszene sein können. Es muss hierbei jedoch auch beachtet werden, dass Bachtins Überlegungen einen anderen Charakter besitzen, als die der ‚gängigen‘ neuzeitlichen Komiktheorien, da er vor allem eine bestimmte Form der Komik beschreibt und nicht die genauen Mechanismen, die etwas komisch wirken lassen. Jedoch liefert er dadurch konkrete Spezifikationen von, beispielsweise, komischen-grotesken Körperinszenierungen. Eine andere, vielfach angewendete Methode zur Analyse von Komik ist es, auf antike oder neuzeitliche Komiktheorien zurückzugreifen. Jedoch birgt diese Herangehensweise einige Schwierigkeiten. Antike Komiktheorien behandeln Komik vor allem unter dem Aspekt der Rhetorik und betrachten sie daher als ornatus. Es wird meist beschrieben, auf welche Art und Weise Komik am besten eingebracht werden kann, um das Publikum zu überzeugen, Entspannung herbeizuführen, Aufmerksamkeit zu erlangen oder wie Komik im rechten Maß dosiert werden soll, damit sie diese Funktionen erfüllen kann. Dabei gehen antike Theorien aber davon aus, dass dem Rezipienten das, was komisch ist, bereits bekannt ist. Sie setzen damit an einer anderen Stelle der Erklärung ein und haben demzufolge zwar Komik zum Gegenstand, versuchen allerdings etwas anderes zu erklären, als es in dieser Arbeit das Ziel ist. Auch die Erläuterungen von Aristoteles in seiner Poetik können als ein Argument gegen die Verwendung antiker Theorien angeführt werden. Aristoteles geht dabei von der Gattung der Komödie und ihren Merkmalen aus, wohingegen gattungstheoretische Überlegungen zur Entstehungszeit des mittelalterlichen geistlichen Spiels nicht vorgeherrscht haben. Aristoteles bezieht sich also auf gattungsspezifische komische Elemente, deren Übertragung nicht unbedenklich erfolgen kann und damit für die Aufstellung eines Analyseinstrumentariums ausscheidet. 31 Eine Kritik, die gegenüber neuzeitlichen Theorien zur Komik hervorgebracht wird, ist, dass diese in einem anderen gesellschaftlichen und sozialen Kontext entstanden sind und aus diesem Grund keine Analysekategorien für die Beschreibung der Komik in den geistlichen Spielen bieten können. Auch Schnell führt diese Kritik an.67 Übersehen wird dabei allerdings, dass die meisten Theorien den Anspruch haben, eine Art historisch beständige und allgemeingültige Theorie der Komik zu sein und diesen Kritikpunkt somit berücksichtigen. Innerhalb der Philologien, insbesondere auch den mediävistischen, gibt es zwar immer wieder Stimmen, die einen Rückgriff auf moderne Theorien der Komik […] generell als unhistorisch ablehnen. Doch der Vorwurf in dieser pauschalen Form verwechselt den Entstehungszeitraum mit dem Erstreckungszeitraum möglicher gültiger Aussagen, die mithilfe dieser Theorie entwickelt werden.68 Die Schwierigkeit, die sich in der Anwendung jedoch stellt, zeigt sich darin, dass auch in diesen Theorien oftmals spezielle Einzelaspekte beachtet werden und Komik nicht ausschließlich im literarischen Kontext betrachtet wird. Zudem werden teilweise normative Urteile über das Komische abgegeben und ein uneinheitliches Vokabular in den Theorien erschwert die Arbeit zusätzlich. So wird in manchen Theorien von „dem Lächerlichen“69 gesprochen, gemeint ist jedoch oftmals das, was in anderen Theorien als ‚das Komische‘ bezeichnet wird. Aus dieser Darstellung ergibt sich folgende Problemlage: Eine einzelne Theorie wird nicht ausreichend sein, um jede Textstelle erklären zu können, die den Eindruck des Komischen erweckt. Viele Prämissen, die den jeweiligen Theorien vorangehen, die beispielsweise auch bei Bachtin getroffen werden, wurden in den einleitenden Überlegungen hinterfragt und lassen somit die Verwendung lediglich einer einzigen Theorie nicht sinnvoll erscheinen. Auch ist der Untersuchungsgegenstand der Theorien meist Komik im weitesten Sinne, wobei sich bei genauer Betrachtung zeigt, dass diese doch oft Unterschiedliches zum Gegenstand ihrer Überlegungen machen. In dieser Arbeit werden daher einzelne Aspekte verschiedener Komiktheorien verwendet, die für die literarisch realisierte Komik von Nutzen sein 67 Vgl. SCHNELL (2005), S. 75 f. 68 KIPF, JOHANNES KLAUS: Mittelalterliches Lachen über semantische Inkongruenz. Zur Identifizierung komischer Strukturen in mittelalterlichen Texten am Beispiel mittelhochdeutscher Schwankmären. In: Komik und Sakralität. Anja Grebe, Nikolaus Staubach (Hrsg.). Frankfurt am Main 2005. S. 110. 69 Vgl. BACHMAIER, HELMUT: Inadäquate Subsumption: Arthur Schopenhauer. In: Texte zur Theorie der Komik. Hrsg. von: Ders. Stuttgart 2005. S. 44–48. 32 können und zu einem übergreifenden Analyseinstrumentarium vereint. Es wird dazu das Grundprinzip der Inkongruenz erläutert und spezifiziert sowie eine spezielle Form von Komik, nämlich die der grotesken Komik nach Bachtin. Inkongruenz als Grundprinzip der Komik Der Gedanke der Inkongruenz als Grundlage von Komik liegt einigen Theorien zu Grunde, ist oftmals aber unterschiedlich akzentuiert. Diese können unter dem Sammelbegriff der Inkongruenztheorien, oft auch als Kontrasttheorien bezeichnet, zusammengefasst werden. Theorien, die auf Inkongruenz beruhen, versuchen demnach, Komik aus einem vorliegenden Gegensatz oder einem Widerspruch heraus zu erklären. Dabei muss allerdings festgehalten werden, dass nicht jede Inkongruenz automatisch zu Komik führt. Dies muss individuell herausgearbeitet werden, da aus einem Gegensatz ebenso tragische Konflikte hervorgehen können. Zudem werden in dieser Arbeit verschiedene Arten von Inkongruenzen unterschieden, um in der späteren Analyse Abstufungen und differenzierte Unterscheidungen vornehmen zu können. 4.2.1 Diskursive Inkongruenz Zur Bereitstellung eines methodischen Repertoires wurde in den Vorarbeiten zu dieser Arbeit von der Grundlage der Texte der Osterspiele ausgegangen. Zur Analyse der Komik der Krämerszene wird an dieser Stelle daher der Begriff der diskursiven Inkongruenz eingeführt. Als diskursive Inkongruenz wird im Folgenden ein Gegensatz von Diskursen und Themenfeldern verstanden, die zusammengefügt werden und dadurch in widersprüchlicher Weise aufeinandertreffen. Durch diesen Gegensatz der Diskurse ist es möglich, dass es zu einer Konstellation kommt, die Komik hervorruft. Oftmals entsteht durch dieses Zusammenfügen des scheinbar Unvereinbaren eine absurde Situation und Komik wird evoziert. Es wird zu fragen sein, ob dabei Themenfelder miteinander verwoben und miteinander verknüpft werden oder ob Komik vor allem auf dem Nebeneinander, dem Unvereinbaren, beruht. Aufgabe in der Analyse wird es daher sein, die Grenzen verschiedener Themenfeldern festzustellen und die Merkmale herauszuarbeiten, mit denen diese überschritten oder gegeneinandergestellt werden. 33 4.2.2 Inkongruenz von Erwartung und Auflösung Kant beschäftigt sich mit dem Komischen70 in seiner „Kritik der Urteilskraft“. Es muss in allem, was ein lebhaftes erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein […]. Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.71 Komik, die aus einer unerfüllten Erwartung heraus entsteht, trägt den Gegensatz des Erwarteten und seiner Erfüllung in sich. Diese Theorie kann somit ebenfalls zu den Inkongruenz- bzw. Kontrasttheorien gezählt werden, jedoch ist der spezielle Charakter des Gegensatzes ein anderer, als beispielsweise bei diskursiver Inkongruenz. Unter Umständen kann diese ebenso bei einer Erwartung hinzukommen, die widersprüchlich aufgelöst wird, jedoch muss am Text herausgearbeitet werden, warum die komische Wirkung auf der nicht erfüllten Erwartung gründet und nicht auf der Vermengung unterschiedlicher Diskurse und Themenfelder. Ein Problem, das Kants Formulierung jedoch darstellt, ist die der Auflösung der Erwartung in nichts. Hier hat Jean Paul kritisiert, die Erwartung könne sich durchaus auch in „Etwas“72 auflösen, um komisch zu sein. Diese Kritik Jean Pauls wird oftmals dadurch relativiert, dass Kant „keineswegs [postuliert], dass man Etwas erwartet und dieses Etwas zum Nichts werden muss, sondern die Spannung der Erwartung selbst ist es, die da verpufft, unabhängig davon, was man nun eigentlich erwartet hatte (selbst wenn es – nichts war).“73 Bei Kant steht somit vor allem der Abbau einer Spannung im Vordergrund. Einen teilweise ähnlichen Ansatz verfolgt auch Schopenhauer bei seiner Beschreibung des Lächerlichen: […] der Ursprung des Lächerlichen [ist] allemal die paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter einen ihm überigens heterogenen Begriff, und bezeichnet demgemäß das Phänomen des Lachens 70 Kant definiert zwar das Lachen und nicht die Komik, allerdings kann aus seinen Ausführungen geschlossen werden, dass er mit dem Lachen dasselbe meint, von dem in dieser Arbeit als ‚das Komische‘ gesprochen wird. Ansonsten muss jedoch Lachen und Komik voneinander unterschieden werden. 71 BACHMAIER, HELMUT: Auflösung einer gespannten Erwartung: Immanuel Kant. In: Texte zur Theorie der Komik. Hrsg. von: Ders. Stuttgart 2005. S. 25. 72 BACHMAIER, HELMUT: Das Lächerliche und das Erhabene: Jean Paul. In: Texte zur Theorie der Komik. Hrsg. von: Ders. Stuttgart 2005. S. 29. 73 BALZTER, STEFAN: Wo ist der Witz? Techniken zur Komikerzeugung in Literatur und Musik. Allgemeine Literaturwissenschaft – Wuppertaler Schriften. Hrsg. von: Ulrich Ernst, Michael Scheffel und Rüdiger Zymner. Bd. 18. Berlin 2013. S. 50. 34 allemal als die plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz zwischen einem solchen Begriff und dem durch denselben gedachten realen Gegenstand, also zwischen dem Abstrakten und dem Anschaulichen. Je größer und unerwarteter, in der Auffassung des Lachenden, diese Inkongruenz ist, desto heftiger wird sein Lachen ausfallen.74 Schopenhauer geht demnach davon aus, dass ein Begriff eines Objekts in der Vorstellung existiert. Das tatsächlich vorgeführte Objekt entspricht dann jedoch nicht der Vorstellung und allein diese Wahrnehmung der Diskrepanz wird von Schopenhauer als Komik erzeugend beurteilt. Schopenhauer nimmt zwar keinen direkten Bezug auf Kants Theorie, allerdings zielen beide vor allem auf eine enttäuschte Erwartung ab, die sich bei Schopenhauer darauf aufbaut, dass eine konkrete Vorstellung besteht, die jedoch völlig anders realisiert wird. Bei Kant wird Komik vor allem durch das Abfallen der Spannung definiert, was jedoch explizit aus einem Text nur schwer herauszuarbeiten ist. Ergänzend wird deshalb von Schopenhauers Definition ausgegangen. Es wird bei der Analyse des Textes versucht, Hinweise auf eine Erwartungshaltung, die nicht erfüllt wird, zu finden und den ‚Begriff‘ herauszuarbeiten, von dem bei der jeweiligen komischen Textstelle ausgegangen wird. 4.2.3 Bisoziation als Zusammenschluss dieser Konzepte Koestler führt den Begriff der Bisoziation ein, der das Zusammenfügen von Nicht-Zusammenpassendem beschreibt. Koestler sieht in der Bisoziation grundsätzlich eine Voraussetzung des Kreativen. Der Begriff der Bisoziation wird bei Koestler davon abgeleitet, dass zwei „gewöhnlich nicht miteinander zu vereinbarende[…] Bezugssysteme“75 durch ein Ereignis aufeinandertreffen. Dieses Ereignis, „in dem sich die beiden Systeme treffen, wird gleichzeitig sozusagen auf zwei verschiedenen Wellenlängen zum Schwingen gebracht.“76 „Solange dieser ungewöhnliche Zustand andauert, ist [das Ereignis] nicht nur mit einem Assoziationssystem verbunden, sondern mit zweien ‚bisoziiert‘.“77 Bisoziation kann daher als „die bewusste Zusammenstellung mehrerer nicht zueinander passender Größen, Formen, Rollen oder Inhalte“78 gesehen werden. Dabei führt Koestler ebenfalls an, dass es nicht ein einzelnes Ereignis geben muss, das zur Bisoziation führt, sondern dass es bei komischen Begebenheiten mehr 74 BACHMAIER (2005), S. 44 f. 75 KOESTLER, ARTHUR: Der göttliche Funke. Der schöpferische Akt in Kunst und Wissenschaft. Bern/München/Wien 1966. S. 25. 76 Ebd. 77 Ebd. 78 BALZTER (2013), S. 52. 35 als nur eine Pointe geben kann. Eine „Reihe von kleineren Entladungen oder [ein] anhaltende[r] Zustand leichter Erheiterung“79 ist möglich. Diese Überlegung stellt er vor allem für elaboriertere Formen des Humors an, wie beispielsweise die Satire. Koestler verbindet daher einerseits die Überlegungen zur diskursiven Inkongruenz als Zusammenfügung zweier unpassender Themenbereiche mit Kants und Schopenhauers Ausführungen zur Nicht-Erfüllung einer Erwartung. Das Konzept der diskursiven Inkongruenz wird dadurch erweitert, dass Komik nun nicht mehr nur aufgrund von unpassenden aufeinandertreffenden Themenbereichen entsteht, sondern beispielsweise auch durch wider Erwarten ausgefüllte Rollen, was für die Osterspiele von besonderem Interesse ist. Auch Grafetstätter nimmt als eine Bedingung für das Gelingen von Komik in den mittelalterlichen Spielen eine solche „Überlappung zweier Skripte“80 an. Durch die Beachtung von Kants Darstellungen zum Komischen, kann auch die hinzutretende Verblüffung des Publikums als Komik stützender Faktor in die Analyse einbezogen werden, sofern identifizierbar. Die diskursive Inkongruenz stellt dann eine spezifische Form der Bisoziation. 4.2.4 Sprachliche Inkongruenz Inkongruenz ist die Überschreitung von Normen, das Zusammenfügen des Unpassenden und Widersinnigen. Sprache bietet ein System mit Normen und Gebrauchsprinzipien, deren Überschreitung relativ einfach vorgenommen werden kann. [D]as Komische in der Sprache [lebt] von unerwarteten Inkongruenzen zwischen der konkret realisierten Äußerung und den sprachlichen bzw. logischen Konventionen oder Normen, vom absichtlichen Verletzen dieser Normen […]. Den Ausgangspunkt für sprachspielerische Modifikationen dürften […] wohl die provozierenden Starrheiten und Automatismen der Sprache als System, des (oft klischeehaften) Denkens usw. bilden.81 Der Kontrast kommt durch einen fehlerhaften Gebrauch des Systems der Sprache zustande. So kann sprachliche Komik aus dem Zusammenfügen inkongruenter sprachlicher Elemente entstehen. 79 KOESTLER (1966), S. 27. 80 GRAFETSTÄTTER (2013), S. 31. 81 SZCZEPANIAK, JACEK: Zu sprachlichen Realisierungsmitteln der Komik in ausgewählten aphoristischen Texten aus pragmalinguistischer Sicht. Danziger Beiträge zur Germanistik Bd. 1. Wien 2002. S. 32. 36 Eine spezielle Form der Inkongruenz in sprachlicher Form stellt Kipf vor. „Wir sprechen nicht zufällig davon, daß man einen Witz oder einen Spaß verstehen muss, um über ihn zu lachen.“82 Komik besitzt demnach auch einen kognitiven Charakter, denn der Rezipient muss über semantisches Wissen verfügen, um einen Witz oder eine komische Äußerung zu verstehen – dies ist die Seite des Verstehens von Komik. Jedoch kann diese Feststellung auch für das Erzeugen von Komik verwendet werden, indem ambige Wortbedeutungen genutzt werden. Kipf beschäftigt sich mit semantischer Inkongruenz und führt hierfür ein Beispiel an: Ein englischer Bischof erhielt folgende Nachricht von einem Dorfpfarrer seiner Diözese: ‚Exzellenz, ich bedaure, Sie vom Tode meiner Ehefrau in Kenntnis setzen zu müssen. Könnten Sie mir vielleicht einen Ersatz für das Wochenende schicken?‘83 Dieses Zitat, das Kipf in seinen Überlegungen verwendet, stammt aus Raskins „Semantic Mechanisms of Humor“ und ist im Englischen noch besser zu erklären. Durch die ambivalente Bedeutung von substitute84, von Kipf hier mit ‚Ersatz‘ übersetzt, entsteht der Eindruck, als würde der Dorfpfarrer keinen Ersatz seiner eigenen Person, sondern möglicherweise einen Ersatz seiner Ehefrau fordern, die nun für das Wochenende aufgrund ihres Todes nicht verfügbar sei. Einen solchen Ersatz für das Wochenende, das gemeinhin mit Erholung und Entspannung verbunden ist, zu fordern, ganz zu schweigen von den möglichen erotischen Inhalten, die man mit dem Komplex ‚Ersatz für eine Frau am Wochenende‘ verbinden könnte, steht in denkbar scharfem Kontrast zu all dem, was wir von einem trauernden Witwer, noch dazu von einem Pfarrer, erwarten.85 Diese Erläuterung Kipfs ist insofern ein wenig missverständlich, als dass man nun annehmen könnte, dass die Inkongruenz der Semantik darauf beruht, dass ein solches Verhalten von einem Pfarrer nicht erwartet wird. Jedoch liegt die semantische Inkongruenz, aufgrund derer Komik entsteht, darin, dass nicht klar wird, welches Signifikat nun durch den ambigen Signifikanten ‚substitute/Ersatz‘ angesprochen wird – der Pfarrer selbst oder seine verstorbene Ehefrau? Dass dies von einem Pfarrer nicht erwartet wird, bestärkt die komische Wirkung, ist jedoch nicht Auslöser und deshalb von einer Erwartung, die sich widersprüchlich auflöst, zu 82 KIPF (2005), S. 110. 83 Ebd. 84 Kann mit ‚Ersatz‘ oder auch ‚Vertretung‘ übersetzt werden. 85 KIPF (2005), S. 111. 37 unterscheiden, denn dies würde wiederum eine Bisoziation darstellen. Kipf beschreibt zudem, dass gerade der sakrale Bereich einen guten Nährboden für Komik durch semantische Inkongruenz bietet, da Inkongruenz hier relativ leicht erzeugt werden kann.86 Jedoch fällt er mit diesem Zusatz wieder in das missverständliche Erklärungsmuster, dass Komik aufgrund einer nicht erfüllten oder widersprüchlich erfüllten Erwartung entsteht. Kipf macht damit eine Schwierigkeit dieser Art von Komik deutlich: Es ist zu fragen, auf welchem Mechanismus Komik im Einzelfall hauptsächlich beruht, da bei semantischer Inkongruenz zwar Komik durch das Mittel der Sprache realisiert wird, aber meist erst durch die widersprüchlich aufgelöste Erwartung ein unpassender Gebrauch entsteht. Es zeigt sich zudem, dass Kipf mit seiner Definition von semantischer Inkongruenz lediglich einen Teil auf der Ebene der Semantik beschreibt, der Komik erzeugen kann. Das, was Kipf beschreibt, ist die ambivalente Bedeutung eines Wortes, das in einem Satz nicht eindeutig verwendet wird. Er spricht somit von Komik, ausgelöst von der Polysemie eines Wortes, die dann durch den Rezipienten in Bezug zu den Bedeutungen der anderen im Satz vorkommenden Wörter gesetzt werden muss. Polysemie sollte allerdings klar abgegrenzt werden von Homonymie, die jedoch ebenfalls zu Komik führen kann. In dieser Arbeit wird Homonymie daher genauso zur semantischen Inkongruenz gezählt, da es dabei ebenso um die semantische Verarbeitung und Zusammenfügung inkongruenter Bedeutungen geht, wie sich in Kapitel 5.2 zur Analyse der Komik im Innsbrucker Osterspiel zeigen wird. Eine Form von Komik: das Groteske Wie bereits eingangs beschrieben, kann Bachtins Theorie „Literatur und Karneval“ nicht ohne Vorbehalt verwendet werden, deshalb wird diese auch nicht in ihrer Gänze als gültig angenommen. Für die Analyse der Komik der Osterspiele scheinen vor allem seine Überlegungen zur grotesken Gestalt des Leibes relevant zu sein, da in der Forschung relative Einigkeit darüber herrscht, dass Darstellungen von Hässlichkeit oder Entstelltem eine komische Wirkung in mittelhochdeutscher Literatur gehabt haben. Ebenso ist man sich einig über die komische Wirkung der Darstellung von körperlichen Gebrechen und Fehlern sowie von tierischen Elementen am Körper des Menschen.87 Die Überlegungen über die grotesken Merkmale des Körpers verhandeln nicht den Ursprung des Komischen dieser Merkmale, sondern setzen diese Wirkung als gegeben voraus. Es 86 Vgl. Ebd. 87 Vgl. BACHTIN (1969), S. 15. 38 existieren in vielen mittelalterlichen, als komisch geltenden Texten groteske Elemente, die meist durch eine Übersteigerung oder eine verzerrte Darstellung charakterisiert werden können. Für Bachtin ist „das Groteske eine Erscheinungsform des Karnevalesken“88, da im Karneval vor allem groteske Gestalten auftauchen. Er bezieht diese Aussagen vor allem auf die Fastnachtspiele des Mittelalters. Die Merkmale, die eine groteske Darstellung ausmachen, können durch Bachtins Spezifizierungen in den Beschreibungen des Äußeren der Personen im geistlichen Spiel anschließend identifiziert werden, wodurch sich diese Beschreibungen folglich als komische Textstellen herausarbeiten lassen. „Die Form des Kopfes, die Ohren, und selbst die Nase erhalten nur dann einen grotesken Charakter, wenn sie tierische oder dingliche Formen annehmen.“89 Bachtin beschreibt einige Körperteile, denen in der grotesken Darstellung eine wichtige Bedeutung zukommt. Von großer Relevanz wird die Nase beschrieben. Laut Bachtin ist diese als Phallussymbol zu werten: Laurent Joubert, ein jüngerer Zeitgenosse von Rabelais, […] der eine Theorie des Lachens aufgestellt hat, schrieb ein Buch mit dem Titel Erreurs populaires et propos vulgaire touchant la medicine et le régime de santé (Bordeaux 1579). Darin berichtet er […] über das im Volk überaus verbreitete Vorurteil, man könne von den Formen und Ausmaßen einer Nase auf die Größe und Leistungsfähigkeit des männlichen Geschlechtsorgans schließen. Den gleichen Gedanken äußert bei Rabelais Bruder Jean in seinem Mönchsjargon.90 Gerade solche Darstellungen, die auf eine deutlich von der Norm abweichende Größe hindeuten, können als grotesk begriffen werden. Beispiele für eine komisch-groteske Beschreibung, in der die Nase als Objekt der grotesken Inszenierung eine wichtige Rolle spielt, sind einige Fastnachtspiele und hier vor allem das Spiel Nasentanz von Hans Sachs. Nicht nur in den weltlichen Spielen, sondern auch in den geistlichen Spielen zeigen sich diese karnevalesken Motive. Neben der Nase erachtet Bachtin auch den Mund als bedeutsam für die groteske Darstellung, während die Augen des Menschen relativ unwesentlich sind, da diese die Individualität des Menschen widerspiegeln. 88 SCHLÜTER, SABINE: Das Groteske in einer absurden Welt. Weltwahrnehmung und Gesellschaftskritik in den Dramen von George F. Walker. Würzburg 2007. S. 32. 89 BACHTIN (1969), S. 16. 90 Ebd., S. 15 f. 39 Das Groteske hat es nur mit herausquellenden Augen zu tun: wie mit allem, was aus dem Körper herausragt oder herausstrebt, was die Grenzen des Leibes überschreiten will.91 Für Bachtin ist folglich für die Darstellung des Grotesken vor allem wichtig, dass die Grenzen des Leibes nach außen hin geöffnet werden. Es entsteht dadurch eine Verbindung von Leib und nichtleiblicher Welt. Dies macht den Charakter des Grotesken und dessen Darstellung aus. Aus diesem Grund sind Organe, wie der Mund, sowie Ausscheidungsorgane der Inbegriff des Grotesken – die Nase zudem als Phallussymbol, wie bereits beschrieben. Der Sonderstatus der Nase rührt nicht zuletzt daher, dass Bachtin den grotesken Leib auch als einen Leib begreift, der sich stets in der Erschaffung eines neuen Leibes befindet. Hier ist die Überschreitung von Grenzen wiederum das ausschlaggebende Kriterium: Die wesentliche Rolle im grotesken Leib spielen deshalb jene Teile, […], wo der Leib über sich hinauswächst, wo er seine Grenzen überschreitet, wo er einen neuen (zweiten) Leib erzeugt: der Unterleib und der Phallus.92 Mit Komik belegt werden diese vor allem durch Überzeichnung und Übertreibung sowie Entstellung. Als eine weitere Kategorie der Groteske können folglich die „Akte des Körper-Dramas“93 eingestuft werden. Dies sind Vorgänge des Essens, Ausscheidungen, Altern, Krankheiten oder Tod, da hierdurch wiederum die Grenzen zwischen Leib und Außenwelt nah aneinanderrücken und überschritten werden. Es wird deutlich, dass es bei Bachtin vor allem um Übersteigerungen, Grenzüberschreitungen und die Absurdität der Darstellung geht, um ihnen das Attribut ‚grotesk‘ zu verleihen. Die Überlegungen Bachtins zur Groteske des Leibes stellen, anders als das Grundprinzip der Inkongruenz, eine spezielle Form von Komik dar. Es können dadurch spezielle Merkmale in der Beschreibung des Äußeren von Personen und bestimmte Handlungen, so wie sie auch im Osterspiel erfolgen, als komische Beschreibungen und Handlungen eingestuft und identifiziert werden. Insgesamt zeigt sich in der Darstellung der möglichen Analysekategorien für die Osterspiele, dass es schwierig scheint, passende Kategorien zu finden, die in der Literatur erkannt und am Text belegt werden können. Auch lassen sich gerade bei verschiedenen Arten von Inkongruenz oftmals nur geringe Unterschiede feststellen, wobei die Komik vieler Textstellen sicherlich auch auf mehreren Inkongruenzen beruhen kann und 91 Ebd., S. 16. 92 Ebd., S. 17. 93 Ebd. 40 zudem auch das Groteske, als eine spezielle Form der komischen Darstellung, gewisse Inkongruenzen und nicht erfüllte Erwartungen beinhalten kann. Es wird sich in der Analyse zeigen, ob es möglich ist, die von Kant angenommene Plötzlichkeit am Text der Osterspiele zu belegen. Weiterhin werden Bisoziationen herausgefiltert, wobei die diskursive Inkongruenz von anderen Bisoziationen abgegrenzt wird. Sprachliche Inkongruenzen werden ebenso gesondert behandelt, soweit eine Trennung dieser Prinzipien möglich ist.

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Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit nimmt eine Revision der älteren Forschung zur häufig vorkommenden – jedoch aus heutiger Perspektive zunächst irritierenden – Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters vor. Es wird deutlich gemacht, dass die oft getroffene Dichotomie und damit die strikte Trennung von Komik und Sakralität in ihrer Absolutheit nicht zutreffend ist. Vielmehr müssen die als komisch beurteilten Szenen, in denen Komik evoziert wird, detaillierter als bisher betrachtet werden, um im Einzelnen herauszuarbeiten, welche (sprachlichen) Mechanismen zur Komik führen und ob es tatsächlich heilige Themen und Gegenstände sind, die mit Komik bedacht oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben werden.