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3 Bewertung von Lachen und Komik im Mittelalter in:

Vera Geselbracht

Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters, page 19 - 28

Eine Untersuchung der Krämerszene des Innsbrucker und Wiener Osterspiels

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4001-0, ISBN online: 978-3-8288-6714-7, https://doi.org/10.5771/9783828867147-19

Tectum, Baden-Baden
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19 3 Bewertung von Lachen und Komik im Mittelalter Komisches und Sakrales wird fast immer als etwas Unvereinbares bewertet. Dabei unterliegt das Komische in den meisten Fällen einer gleichzeitigen Abwertung. Es wird als unpassendes Eindringen in den Bereich des Heiligen angesehen, jedoch sollte zurückverfolgt werden, worauf diese Wertung des Komischen und des Lachens gründet und ob sie für die Analyse der Komik in den Osterspielen und die Darstellung der Funktionen bestehen bleiben sollte. Kirchliche Bewertung des Lachens Aufgrund der Quellenlage zur Bewertung des Lachens im Mittelalter wird in der Forschung meist auf Texte und Belege zurückgegriffen, die dem Bereich der Kirche zugeordnet werden können. Warum diese begrenzte Quellenlage problematisch im Hinblick auf die Bestimmung der Funktion der Komik im geistlichen Spiel ist, wird am Ende des Kapitels gezeigt. 3.1.1 Biblisch begründetes Misstrauen: „Jesus hat nicht gelacht!“ Der Mensch wird in der Anthropologie nicht nur als ein Wesen beschrieben, das vernunftbegabt ist, sondern auch, dass er als einziges Wesen in der Lage ist zu lachen. Diese Erkenntnis hat bereits Aristoteles formuliert und gründet damit eine Basis weiterer anthropologischer Überlegungen, die bis in die Moderne nachwirken und somit auch im Mittelalter bereits bekannt gewesen sein müssen. Dies lässt sich auch anhand der Isagoge des Porphyrius von Tyrus belegen, die im Mittelalter als Logik-Lehrbuch benutzt wurde und deren Verbreitung durch Bibliothekskataloge nachgewiesen werden kann.38 Der Mensch unterscheidet sich zwar von anderen Lebewesen auch durch seine Vernunft, jedoch wird davon ausgegangen, dass Gott ebenso vernunftbegabt ist und dies somit nicht ausschließliches proprium des Menschen sein kann. Die risibilitas ist demzufolge laut der Isagoge das alleinige Merkmal des Menschen. Auch in dem Werk von Martianus Capella De nuptiis Philologiae et Mercuriin wird dieser Auffasung 38 MANITIUS, MAX: Handschriften antiker Autoren in mittelalterlichen Bibliothekskatalogen. Zentralblatt für Bibliothekswesen. Beiheft 67. Leipzig 1935. Nr. 201. S. 275– 300. 20 gefolgt.39 Es lassen sich einige weitere Belege dafür finden, dass die risibilitas auch im Mittelalter als proprium des Menschen angesehen wurde und somit eigentlich als eine hervorzuhebende Fähigkeit bewertet werden musste.40 Es ist zu fragen, ob aus der reinen Anerkennung einer Fähigkeit ebenfalls folgt, dass diese positiv hervorgehoben werden musste. Insgesamt wird eine ablehnende Haltung dem Lachen gegenüber aus der Bibel abgeleitet. Dies wird vor allem damit begründet, dass Christus nie gelacht habe. Die Annahme, dass Jesus nicht gelacht, jedoch geweint und getrauert hat, gründet auf der Darstellung Jesu im neuen Testament. Er wird leidend beschrieben und zeigt als körperliche Reaktionen darauf Weinen und Trauern. Von einem Lachen Jesu wird hingegen nicht berichtet.41 Auch seine Worte: „Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen“42, werden als Argument dafür gewertet, das Lachen als etwas zu sehen, das Jesus zwar konnte, aber nicht tat.43 Einerseits hat er zwar die Schwächen des Menschen angenommen, wie Hunger oder Durst und das Empfinden von Trauer, Schmerz und Furcht, andererseits besitzt er eine göttliche Natur, die ihn vom Menschen abhebt. Demnach wird Jesus die Fähigkeit nicht aberkannt, sondern er hat sie vielmehr nicht ausgeführt und ihr dadurch Restriktionen auferlegt.44 Da Jesus als Vorbild für ein christliches Verhalten des Menschen gilt, wird in diesem Zusammenhang eine Zurückhaltung des Lachens gefordert, um einer solchen christlichen Lebensführung zu folgen. Was jedoch auch beachtet werden muss, ist, dass es an einigen Textstellen der Bibel, die oftmals als Belege gegen das Lachen-Dürfen herangezogen werden, nicht um das Lachen an sich geht, sondern um Mahnungen, die die Orientierung des Menschen an vergänglichen Gütern und weltlichen Freuden kritisieren. Das Lachen ist hier eine Äußerungsform der Freude 39 Vgl. SUCHOMSKI, JOACHIM: ‚Delectatio‘ und ‚Utilitas‘. Ein Beitrag zum Verständnis mittelalterlicher komischer Literatur. Bibliotheca Germanica. Handbücher, Texte und Monographien aus dem Gebiete der germanischen Philologie. Hrsg. von: Friedrich Maurer, Heinz Rupp und Max Wehrli. Bd. 18. Bern 1975. S. 11. 40 Vgl. Ebd. 41 Generell zeigen sich wenige Belege für ein Lachen im Mittelalter. Vgl. hierzu: BIE- ßENECKER, STEFAN: Das Lachen im Mittelalter. Soziokulturelle Bedingungen und sozial-kommunikative Funktionen einer Expression in den „finsteren Jahrhunderten“. Bamberg 2012. S. 141 f. 42 Lk 6, 25. Die Deutung dieser Wehrufe und ähnlicher Seligpreisungen werden in der heutigen Exegese nicht gegen das Lachen herangezogen. Man geht aktuell von tröstenden Worten Jesu aus an diejenigen, denen es im Diesseits verwehrt ist zu lachen. 43 Ebensolche Argumente werden in vielen Ordensregeln gegen das Lachen-Dürfen herangezogen. Vgl. BIEßENECKER (2012), S. 115. 44 Vgl. SUCHOMSKI (1975), S. 13. 21 an temporären Gefühlen und der Bindung des Menschen an weltliche Dinge. Hierbei handelt es sich aber um eine laetitia temporalis, der gegen- über ein gaudium spirituale steht.45 Gemeint ist mit dem gaudium spirituale nicht die Freude an weltlichen Dingen, sondern eine Glückseligkeit, die nur Auserwählten zukommt und damit im religiösen Sinne positiv zu bewerten ist, sich allerdings nicht durch übermäßiges, ungezügeltes, lautes Lachen äußert. Das Lachen ist somit vor allem dann negativ zu werten, wenn es aufgrund kurzzeitiger weltlicher Freuden erfolgt. 3.1.2 Restriktive Ordensregeln aus dem monastischen Schrifttum46 Ein weiteres Indiz für die Haltung der Kirche liefern Ordensregeln.47 Hier wird nicht nur der Anlass des Lachens zur Bewertung herangezogen, sondern auch in der Heftigkeit der Äußerung. Mönchen ist das Lachen zwar nicht gänzlich verboten, allerdings wird Wert darauf gelegt, dass alle Affekte und Gefühle einer Mäßigung zu unterliegen haben, daher wird auch ein leises Lächeln in bestimmten Ordensregeln erlaubt.48 Zudem wird zwischen dem Lachen des Körpers und dem des Herzens unterschieden.49 Das Lachen des Körpers äußert sich durch ungezügeltes, ausgelassenes Lachen und kommt damit nicht als Äußerungsform einer „himmlischen Freude“50, einer Freude des Herzens, in Frage. Das Lachen des Körpers verdeutlicht vielmehr eine Ausgelassenheit, wohingegen ein Lachen des Herzens ein Zeichen von Gemütsruhe ist und damit der Idee des gaudium spirituale entspricht. Durch die Art des Lachens kann laut dieser Regeln darauf geschlossen werden, welche innere Einstellung jemand trägt. Ungezügeltes Verhalten ist dabei ein erstes Zeichen für eine innere Haltung, die nicht unterdrückt werden kann und auf eine Tendenz zur Todsünde der superbia hindeutet. 45 Vgl. Ebd., S. 14. 46 Vgl. etwa Benedikt, ‚Regula monachorum‘, Kapitel 4. Vgl. ebenfalls: KABLITZ, AN- DREAS: Komik, Komisch. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Braungart, Georg/Fricke, Harald/Grubmüller, Klaus/Müller, Jan-Dirk/Vollhardt, Friedrich/Weimar, Klaus. Bd. 2 H-O. Berlin/New York 2010. S. 291. 47 Vgl. SUCHOMSKI (1975), S. 24. Beispiele hierfür: Vgl. WASSERSCHLEBEN, HERMANN: Die irische Kanonensammlung. Gießen 1874. Außerdem: BIEßENECKER (2012), S. 96– 110. 48 Vgl. SUCHOMSKI (1975), S. 15. 49 Vgl. BIEßENECKER (2012), S. 111–114. 50 SUCHOMSKI (1975), S. 15. 22 Petrus Cantor äußert sogar Einwände gegen ein gemäßigtes Lachen der Mönche und differenziert dabei noch deutlicher zwischen Lachen und einem heiteren Gesichtsausdruck.51 Auch zu häufiges Lachen, das zwar aufgrund des gaudium spirituale erfolgt, könne verdächtig erscheinen, denn dies könnte eine religiöse innere Einstellung ebenso nur vortäuschen. Diese negativen, restriktiven Bewertungen ergeben sich aus Regeln im monastischen Schrifttum, jedoch gibt es auch Belege dafür, dass sie für eine breitere Masse popularisiert wurden und damit gemeinhin bekannt waren. Anführen lässt sich hier das Bîspel des Strickers vom ernsthaften König52. In diesem wird ein König beschrieben, der von seinen Untertanen gefürchtet wird, da er nie lacht. Als sein Bruder ihm die Frage stellt, aus welchem Grund er dies nie tue, wird der Bruder des Königs festgenommen. Dabei wird er von vier Lanzen so eingekreist, so dass er sich nicht mehr bewegen kann, ohne sein Leben dabei zu gefährden. Die vier Lanzen stellen ein Bild des inneren Zustandes des Königs dar, denn er fühlt sich von vier Arten des Leides am Lachen gehindert: Ihn hindern der Gedanke an den Opfertod Christi, die Ungewissheit über den Zeitpunkt des eigenen Todes und des Weges seiner Seele nach dem Tod sowie die Angst vor dem jüngsten Gericht am Lachen. Ebenfalls stellt der König den direkten Bezug zur Bibel her, indem er anführt, Jesus habe nie gelacht: daz man in sach gelachen nie / daz er so vil durch mich begie / daz hat min herze also versniten / daz ich daz lachen han vermiten / und nimer niht gelachen mac (V. 129–133) Am Ende wird sogar der Bruder des Königs, dessen Leben vor allem auf weltliche Freuden ausgerichtet ist, bekehrt und folgt der Einstellung des Königs. Damit siegt in diesem Bîspel die christliche über eine weltliche Lebensführung. Dieses literarische Exempel zeigt, dass die Auffassung aus dem monastischen Schrifttum auch außerhalb der Klöster bekannt war und Eingang in literarische Werke fand. Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, dass gerade der Stricker ein Autor ist, der sich der Komik in anderen Werken durchaus bedient und man ebenso schlussfolgern kann, dass das Bîspel vom ernsthaften König die Haltung eines speziellen Auftraggebers widerspiegelt. Dennoch muss festgehalten werden, dass 51 Vgl. Ebd., S. 19. 52 Der Stricker. Vom Konig ernsthaften. In: Codex Dresden M 68. Bearbeitet von Paula Hefti. Deutsche Sammelhandschriften des späten Mittelalters. Hrsg. von: Rolf Max Kulli und Heinz Rupp. Bibliotheca Germanica. Handbücher, Texte und Monographien aus dem Gebiete der germanischen Philologie. Hrsg. von: Friedrich Maurer, Heinz Rupp und Max Wehrli. Bd. 23. Bern 1980. S. 339–389. 23 durch die Literarisierung der Haltung der Kirche diese einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden konnte. Bewertung des Komischen Nach der Darstellung der Bewertung des Lachens aus kirchlicher Sicht, ist zu fragen, in welcher Art und Weise sich die ablehnende Haltung gegen- über dem Lachen auf die Bewertung des Komischen, also dessen, was zum Lachen anregt, zur Entstehungszeit der Osterspiele auswirkt. Lachen ist eine Ausdrucksform einer Gefühlsregung.53 Gelacht werden kann jedoch nicht nur aufgrund von etwas Komischem. Der Grund, aus dem gelacht wird, kann zudem Spott, Verachtung oder Herabwürdigung sein. Lachen hat damit nicht nur eine Freude stiftende Funktion, sondern es kann gegenüber dem Objekt der Komik auch exkludierend und herabwürdigend wirken. Andererseits darf auch eine gemeinschaftsstiftende Funktion des Lachens nicht außer Acht gelassen werden.54 Beide Funktionen können auch zugleich erfüllt werden, denn gemeinsames Lachen über ein Objekt der Komik kann eine Gemeinschaft der Lachenden herstellen. Das Komische ist dabei ein möglicher Anlass, der zum Lachen bringt. Scherze und Witze müssten nach obiger Darstellung ebenso negativ durch die Kirche beurteilt worden sein wie das Lachen, da diese vor allem eine laetitia temporalis hervorrufen und nicht einem gaudium spirituale dienen. Insgesamt wird bei der Bewertung des Komischen im Mittelalter von den Regeln des monastischen Schrifttums ausgegangen. Allerdings zeigen sich auch in der Kirche Ansätze, die auf eine Ambivalenz der Bewertung des Komischen hindeuten. Im monastischen Schrifttum wird eine Verbindung zwischen der Bewertung des Lachens und dem Komischen hergestellt. Scherz und Witz werden hier vor allem mit den verba otiosa in Verbindung gebracht, also einer unnützen, überflüssigen Rede.55 Vor allem im klösterlichen Bereich wird davor gewarnt, sich dessen zu bedienen und Witze weiterzugeben. Diese sind, wie die verba otiosa, dem geweihten Mund des Mönches nicht ange- 53 Vgl. BIEßENECKER (2012), S. 39. 54 Vgl. RÖCKE, WERNER/VELTEN HANS RUDOLF: Einleitung. Eine Lachgemeinschaft der Götter. In: Lachgemeinschaften. Kulturelle Inszenierungen und soziale Wirkungen von Gelächter im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Hrsg. von: Dies. Berlin/New York 2005. S. X. 55 SUCHOMSKI (1975), S. 23. 24 messen und können bei gewohnheitsmäßiger Ausübung sogar als Blasphemie geächtet werden. Man wird sich dafür vor dem Jüngsten Gericht verantworten müssen. Das Verbot von Scherz und Witz dringt weiterhin bis in das Kirchenrecht vor.56 In diesem offiziellen Verbot verdeutlicht sich die Ablehnung von Komik durch die Kirche. Durch den Eingang in das Kirchenrecht sind folglich auch Strafen möglich. Kleriker müssen dabei vor allem darauf achten, sich nicht mit dem verachteten Stand der joculatores auf eine Stufe herab zu begeben. Es zeigt sich jedoch auch eine durchaus ambivalente Haltung zur Komik. Auf der einen Seite stehen dabei die offiziellen Verbote, Ächtungen des Standes der Spielleute und eine strikte Scherz- und Lachablehnung im klösterlichen Leben. Andererseits existieren auch Beweise dafür, dass eine Diskrepanz zwischen dem besteht, was offiziell geächtet wurde und dem tatsächlichen Eindringen von komischen Elementen und Gelächter in den religiösen und sakralen Bereich. Vor allem anzuführen ist hier das Narrenund Eselsfest57, das zwischen Weihnachten und Epiphanias seit dem frühen Mittelalter stattgefunden hat.58 Bei diesem Fest treten vor allem jüngere Kirchenmitglieder in der Funktion höherer Geistlicher auf. Das festum stultorum folgt dem Prinzip der ‚verkehrten Welt‘, in der alle Hierarchien umgekehrt sind […]. Neben dieser Verkehrung der bestehenden Ordnung spielten Verkleidungen und blasphemische Handlungen eine wichtige Rolle. […] [D]ie Geistlichen [setzten] beim Gottesdienst Masken [auf] […] und [haben] als Frauen verkleidet im Chorgestühl getanzt […]. Überdies hätten sie unzüchtige Lieder gesungen, während der Zelebration der Messe am Altar Würste verspeist und Würfel gespielt, an Stelle von Weihrauch Exkremente und Schuhsohlen verbrannt […].59 Das tatsächliche ‚Verdrehen‘ zeigt sich beispielsweise darin, dass Melodien umgekehrt und Dissonanzen erzeugt werden, Messbücher falsch herum gehalten, der zum Narrenkönig ernannte junge Geistliche ganz und gar eines Königs untypisch in zerrissenen Kleidern auf einem Esel in 56 Benedikt von Nursia setzte Scherz und Witz vor allen in Zusammenhang mit der überflüssigen Rede, woraus sich auch das Verbot im Kirchenrecht langsam entwickelte. Im Hibernensis (710) bis zum Decretum von Gratian (1170) kann dies nachgewiesen werden. Vgl. dazu SUCHOMSKI (1975), S. 11–13. 57 Weiteres zum Narrenfest siehe: HEERS, JACQUES: Fêtes des fous et carnavals. Paris 1983. 58 Vgl. GREBE (2005), S. 9. 59 Ebd., S. 9 f. 25 die Kirche geführt wird und des Weiteren mehr. Es wurden Versuche unternommen dieses Geschehen in gemäßigtere Bahnen zu lenken und Regeln aufzustellen: So scheint es an manchen Orten üblich gewesen zu sein, den precentor stultorum mit Wasser zu übergießen, wobei […] von der Kirchenobrigkeit darum gebeten wird, diesen Jux künftig auf drei Eimer zu beschränken, […], um eine Überschwemmung der Kirche zu vermeiden.60 Die Überschreitung kirchlicher Regeln durch Ruhestörung, Übertreibung und Provokation muss demnach in gewissem Maße toleriert worden sein. Mahnend eingeschritten wurde nur bei zu heftigen Verstößen.61 Es ist festzuhalten, dass sich im monastischen Schrifttum und Kirchenrecht überwiegend eine ablehnende Haltung dem Lachen gegenüber zeigt. Dies wird vor allem durch die Darstellung Jesu in der Bibel begründet. Es wurde im vorangehenden Kapitel festgestellt, dass es wichtig ist, den Anlass des Lachens zu betrachten und diesen neben der Heftigkeit des Lachens zur Bewertung in jedem Einzelfall heranzuziehen. In Bezug auf die Osterspiele würde sich demnach die Frage stellen, ob hier nun das gaudium spirituale oder eine laetitia temporalis Anlass zum Lachen gibt. In Anbetracht der Obszönität und Derbheit der Komik in den Osterspielen, wurde im überwiegenden Teil der Forschung ein gaudium spirituale ausgeschlossen und daher eine Abwertung der Komik vorgenommen. Die Funktion des Auslösens eines risus paschalis würde demnach jedoch ebenfalls nicht in Frage kommen, stellt der risus paschalis doch ein gaudium spirituale dar, das durch obszöne Komik nicht ausgelöst werden kann. Dennoch muss die Komik in den Osterspielen toleriert worden sein, sonst hätte sie sich nicht zu einem so flächendeckenden Phänomen ausweiten können. Ein Problem scheint bei der bisherigen Betrachtung unbeachtet: Die Haltung einer generellen Restriktion des Lachens und der Komik im Mittelalter wird aus dem monastischen Schrifttum abgeleitet. Diese Regeln gelten also vor allem für das klösterliche Leben und für die Amtsträger der Kirche. Die aus diesen Schriftzeugnissen abgeleiteten Restriktionen werden anschließend auf das alltägliche, ‚normale‘ Leben der laikalen Mitglieder der Kirche übertragen, da andere Quellen zur Bewertung des Lachens schlichtweg fehlen. Da gerade aber die geistlichen Spiele aus dem Raum der Kirche heraustreten und einer breiten Masse zugänglich sind, 60 Ebd., S. 10. 61 Ebd. 26 bleibt zu hinterfragen, ob das Lachen, das durch die darin enthaltene Komik ausgelöst wird, ebenso streng verurteilt wird, wie im klösterlichen Leben. Zwar hat das Bîspel des Strickers gezeigt, dass auch in unterhaltender Literatur die Ideen aus den Mönchsregeln aufgenommen wurden, jedoch muss hier auch auf Auftraggeber und besondere Rezipienten verwiesen werden, wodurch nicht eindeutig darauf geschlossen werden kann, dass diese Regeln ebenfalls im sozialen Leben des Mittelalters, au- ßerhalb der Kirche, strengstens verfolgt wurden. Das beschriebene Eselsfest ist ein weit verbreitetes und frühes Beispiel für die Verbindung von Komik und Sakralem, das sogar im Raum der Kirche stattfindet, sowie die komischen Elemente in Oster-, Weihnachts-, Passions- oder Fronleichnamsspielen. Außerdem stellen sie kein vereinzeltes Phänomen dar, sondern die Existenz komischer Szenen in den geistlichen Spielen ist eine Entwicklung von gesamteuropäischer Dimension.62 Es zeigt sich deutlich, dass dort wo Kirche und Sakralität mit dem alltäglichen Leben in Berührung kommen, Komik, Witz und Lachen nicht mit einer ebenso strikten Ablehnung verbunden werden, wie beispielsweise in den Regeln für Mönche. Ebenso existieren Predigten, in denen sich Komik wiederfinden lässt. Zudem kann nicht von einer generellen Verkehrung der kirchlichen Normen durch die komischen Szenen gesprochen werden, da hinterfragt werden muss, welche Quellen nun zur Aufstellung einer Norm herangezogen werden. Für das Esels- und Narrenfest könnte eine solche kirchliche Normverkehrung angenommen werden, da hier tatsächlich kirchliche Figuren und Rituale verkehrt werden. Für die Osterspiele muss jedoch eine genauere Betrachtung stattfinden. Es muss dabei auch beachtet werden, dass Normen mit einer durchaus unterschiedlichen Verbindlichkeit existieren. Verwiesen werden kann an dieser Stelle auf die in der Soziologie gängige Unterscheidung in Muss-, Soll- und Kann-Normen63 sowie das Bestehen von Idealnormen, deren Existenz bekannt ist und akzeptiert wird, die in der Realität allerdings meist unterwandert werden. Wie schon eingangs beschrieben, lässt die Annahme der Verkehrung der kirchlichen Norm nur eine sehr eingeengte Betrachtung der Funktion der Komik im geistlichen Spiel zu, nämlich die einer kontrollierten Komik mit unterhaltendem Wert und einer Ventilfunktion, damit die Normen nach den Spielen wieder umso mehr an Geltung gewinnen. Andere Aspekte und Funktionen der Komik können dadurch nicht verfolgt werden, da die 62 Vgl. GRAFETSTÄTTER (2013), S. 47. 63 Vgl. SCHÄFERS, BERNHARD: Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn. In: Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. Hrsg. von: Hermann Korte, Bernhard Schäfers. Wiesbaden 2008. S. 32. 27 Betrachtung hier durch die Generalisierung einer kompletten Normverkehrung recht grob bleibt und wenig ins Detail gehen kann. Außerdem wird meist nicht klar gezeigt, inwiefern Normverkehrungen genau stattfinden. Um diese negativ zu bewerten, müsste es ‚das Heilige‘ sein, das Gegenstand der Verkehrung ist. Wie sich im Folgenden zeigen wird, ist für die Existenz von Komik eine Verkehrung einer Norm wichtig, jedoch muss im Einzelnen gezeigt werden, durch welche Normverkehrung Komik im Einzelfall vorliegt, denn es muss nicht immer eine kirchliche Norm sein, die verkehrt wird. In der Analyse wird aufgrund der beschriebenen Quellenlage nicht von einer strikten bzw. wertenden Trennung von Komik und Sakralität ausgegangen. Es wird vielmehr untersucht, unter welchen literarischen Bedingungen Komik Eingang in die geistlichen Spiele finden kann und wie sie in literarischer und sprachlicher Form realisiert wird. Schließlich sollen daraus differenziertere Funktionen als bisher abgeleitet werden können.

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Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit nimmt eine Revision der älteren Forschung zur häufig vorkommenden – jedoch aus heutiger Perspektive zunächst irritierenden – Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters vor. Es wird deutlich gemacht, dass die oft getroffene Dichotomie und damit die strikte Trennung von Komik und Sakralität in ihrer Absolutheit nicht zutreffend ist. Vielmehr müssen die als komisch beurteilten Szenen, in denen Komik evoziert wird, detaillierter als bisher betrachtet werden, um im Einzelnen herauszuarbeiten, welche (sprachlichen) Mechanismen zur Komik führen und ob es tatsächlich heilige Themen und Gegenstände sind, die mit Komik bedacht oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben werden.