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2 Die Osterspiele des Mittelalters in:

Vera Geselbracht

Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters, page 13 - 18

Eine Untersuchung der Krämerszene des Innsbrucker und Wiener Osterspiels

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4001-0, ISBN online: 978-3-8288-6714-7, https://doi.org/10.5771/9783828867147-13

Tectum, Baden-Baden
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13 2 Die Osterspiele des Mittelalters Terminologie In den geistlichen Spielen des Mittelalters werden biblische heilsgeschichtliche Ereignisse des Kirchenjahres thematisiert, verarbeitet und veranschaulicht. Somit weisen sie einen engen Bezug zur Kirche auf. Überliefert sind daher nicht nur Spiele, die das Ostergeschehen behandeln, sondern auch Fronleichnamsspiele, Weihnachtsspiele oder Passionsspiele. Zudem existieren ebenfalls Spiele, die einzelne Heiligenfeste zum Thema haben.17 ‚Geistliches Spiel‘ ist dabei eine neuzeitliche Bezeichnung und zielt vor allem darauf ab, dass es sich bei den überlieferten Schriften um Texte mit Spielanweisungen, verschiedenen Figuren und dialogischem Aufbau handelt. Außerdem existieren Zeugnisse über deren Aufführung. Allerdings sind über 100 verschiedene Eigenbezeichnungen bekannt, die lediglich „Bedeutungshinweise“18, aber keine einheitliche Benennung liefern. Spil und ludus werden dabei am häufigsten verwendet, wobei jedoch noch kein spezielles Gattungsverständnis zur Entstehungszeit der mittelalterlichen Spiele vorhanden ist.19 Aus dem gleichen Grund ist die Verwendung des Begriffs ‚geistliches Drama‘ irreführend. Eine weitere Möglichkeit wäre die Bezeichnung ‚liturgisches Spiel‘. Auch wenn im Folgenden vor allem von der Krämerszene gesprochen wird, ist dies terminologisch nicht korrekt. In Spielen des Mittelalters ist es nicht ganz passend, von ‚Szenen‘ zu sprechen, da die Spiele insgesamt nicht dem Bau des aristotelischen Dramas entsprechen und aus diesem Grund auch nicht in ebensolche Kategorien eingeteilt werden können. Gleichermaßen ist die Übertragung neuzeitlicher dramentheoretischer Begriffe und dahinterstehender Konzepte nur mit Vorsicht vorzunehmen. Es sollte dabei nicht vergessen werden, dass ein solches Bewusstsein über Gattungscharakteristika und entsprechende poetologische Überlegungen zur Aufführungszeit nicht vorherrschten. Der Einfachheit halber, und weil dies eine andere Forschungsthematik eröffnet, wird trotzdem von der ‚Krämerszene‘ oder dem ‚Krämerspiel‘ gesprochen. 17 Vgl. SCHULZE, URSULA: Geistliches Spiel. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. von: Braungart, Georg/Fricke, Harald/Grubmüller, Klaus/Müller, Jan-Dirk/Vollhardt, Friedrich/Weimar, Klaus. Bd. 1 A-G. Berlin/New York 2010. S. 683 f. 18 SCHULZE, URSULA: Geistliche Spiele im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Von der liturgischen Feier zum Schauspiel. Eine Einführung. Berlin 2012. S. 11. 19 Vgl. Ebd. 14 Abzugrenzen ist das geistliche Spiel außerdem vom weltlichen Spiel, wobei es in der Forschung auch Gegner einer solchen Zweiteilung und damit einhergehenden Gegenüberstellung gibt. Argumentiert wird hier, dass die Fastnachtspiele eigentlich auch in einem kirchlichen Rahmen, der durch die Fastenzeit vorgegeben ist, stattfinden und somit keine strikte Trennung vorgenommen werden sollte.20 Die Dichotomie von geistlichen und weltlichen Spielen ist dabei aber insofern berechtigt, da sie vor allem thematisch begründet ist. Speziell in den geistlichen Spielen werden hauptsächlich heilsgeschichtliche Ereignisse dargestellt, wohingegen der Fokus im weltlichen Schauspiel auf die Lebenswelt der Zuschauer gerichtet wird. Dies wird durch die Behandlung alltäglicher Themen und das Auftreten entsprechender Figuren realisiert. Es wird sich allerdings auch zeigen, dass es thematische Überschneidungen von geistlichem und weltlichem Spiel gibt. Dies geschieht vor allem durch das Eindringen der Komik der Krämerszene in die geistlichen Spiele. Entstehung Viele Handlungen, Gebete und Zeremonien sowie deren Bedeutung bleiben für die nicht-klerikale Kirchengemeinde im Mittelalter unverständlich. Dass sich die Messe im Laufe der Kirchengeschichte weithin zu einer Klerikerhandlung entwickelt hatte, die für die laikale Gemeinde mental wenig zugänglich blieb, wurde im Hoch- und Spätmittelalter zunehmend als Problem wahrgenommen, […].21 Auch ist dies auf die hauptsächlich verwendete Sprache der Kirche im Gottesdienst, das Lateinische, zurückzuführen. Die Folge davon ist, dass viele der laikalen Gemeindemitglieder lediglich zur volkssprachlichen Predigt erscheinen. Eine Möglichkeit, diese Diskrepanz zu überbrücken und der nicht-klerikalen Gemeinde die biblische Heilsgeschichte zu vermitteln, ist die mediale Aufbereitung durch die geistlichen Spiele. „Das geistliche Spiel, das Passionsspiel insbesondere, wollte und sollte nichts anderes sein als eine Predigt von der Schaubühne.“22 Es „tritt [zudem] 20 Vgl. WOLF (2009), S. 301 f. 21 SCHULZE (2012), S. 16. 22 KEPPLER, PAUL: Zur Passionspredigt des Mittelalters. In: Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft 4. München 1883. S. 174. 15 künstlerische Elaboriertheit hinter die Allgemeinverständlichkeit der religiösen Vermittlung von Heilstatsachen zurück, […].“23 Die Osterspiele des Mittelalters sind ungefähr ab dem 10. Jahrhundert aus der Liturgie der Kirche entstanden.24 Vor allem werden sie zurückgeführt auf den Ostertropus Quem quaeritis in sepulchro, in dem es um den Gang der Marien zum Grab Jesu, die visitatio sepulchri, geht. Zunächst entstehen Spiele in lateinischer Sprache, denen anschließend auch Spiele in Volkssprache folgen. Zudem stehen die geistlichen Spiele in einem engen Zusammenhang mit den mittelalterlichen deutschsprachigen Predigten, die eine lange Tradition aufweisen. Sie können grob in zwei Perioden eingeteilt werden: Die erste Periode erstreckt sich auf die Zeit bis zum 13. Jahrhundert und die zweite Periode auf die Zeit nach 1200 bis zur Reformation. Diese zweite Periode der mittelalterlichen Predigten ist für die Osterspielentstehung von besonderer Bedeutung, da die Textüberlieferung deutscher Osterspiele im 13. Jahrhundert beginnt und sich bis zum 17. Jahrhundert erstreckt.25 Der Inhalt des Grabbesuchs der Marien, der visitatio sepulchri, ist an die Berichte der Evangelien angelehnt, auf die auch in den Osterpredigten Bezug genommen wird.26 Jedoch werden diese nicht wortwörtlich aus der Bibel übernommen,27 sondern auch Szenen hinzugefügt, denen eine biblische Grundlage fehlt. Dazu gehört die Salbenkrämerszene, die eine schwache Berechtigung dadurch findet, dass die Marien, deren Anzahl in den verschiedenen Evangelien außerdem variiert,28 den Leib Jesu einer Ölsalbung unterziehen wollen, um ihm eine Ehre zu erweisen, wofür sie 23 GRAFETSTÄTTER, ANDREA: Ludus Compleatur. Theatralisierungsstrategien epischer Stoffe im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spiel. Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung. Bd. 33. Wiesbaden 2013. S. 2. 24 Vgl. MÜLLER, JAN-DIRK: Osterspiel. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. von: Braungart, Georg/Fricke, Harald/Grubmüller, Klaus/Müller, Jan- Dirk/Vollhardt, Friedrich/Weimar, Klaus. Bd. 2 H-O. Berlin/New York 2010. S. 775–777. 25 Vgl. DAUVEN-VAN KNIPPENBERG, CARLA: Über den Zusammenhang zwischen Osterpredigt und dramatischer Darstellung der Osterpredigt. In: M. Siller (Hrsg.), Osterspiele. Texte und Musik. Akten des 2. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (12.-16. April). Innsbruck 1994. S. 34. 26 Einige Osterpredigten nehmen Bezug auf Mk 16, 1–7, andere wählen als Thema den ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther (1. Kor 5, 7–8) oder Psalm 117 (118), 24. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass Predigten und Osterspiele aus den gleichen Quellen entstanden sind. 27 Vgl. DAUVEN-VAN KNIPPENBERG (1994), S. 34 ff. 28 Dies wird für eine spätere Anspielung Rubins im Innsbrucker Osterspiel wichtig. Vgl. Kapitel 5.1 16 wiederum Salben benötigen. Der mercator, die uxor mercatoris oder die Gehilfen des Krämers werden nicht erwähnt, finden jedoch durch das Vorhaben des Salbenkaufs Eingang in die Osterspiele. Aufführung Wie bereits oben beschrieben, haben sich die Spiele vor allem aus dem Grund entwickelt, die Heilsgeschichte für das laikale Publikum anschaulich darzustellen, da vor dem 16. Jahrhundert eine Beteiligung der laikalen Gemeinde am Gottesdienst nicht vorgesehen war. Viele Riten und Zeichen als Elemente des Gottesdienstes, wie das Kreuzzeichen und andere Formen der Körpersprache, die ein Gefühl der Gemeinschaft und Zugehörigkeit stiften können, wurden ebenfalls erst relativ spät etabliert.29 Da sich die Spiele aus den Predigten und der Liturgie entwickelt haben, finden diese zunächst auch im kirchlichen Raum statt. Für die frühen Spiele gilt der Altarbereich der Kirche als Veranstaltungsort. Dabei werden die Rollen der Figuren in den Spielen zu Beginn von Geistlichen30 eingenommen, wodurch noch kein großer Unterschied zu den Predigten für die laikale Gemeinde zu erkennen ist.31 Eine große Veränderung stellt jedoch die Verlegung der Spiele aus dem kirchlichen Raum hinaus auf öffentliche Plätze dar. Als solche Plätze fungieren zum Teil der Vorplatz der Kirche und besonders auch Marktplätze. Diese Entwicklung geht mit der zunehmenden Ausgestaltung der Szenen der Spiele und mit der Erweiterung des Figurenarsenals einher. „Man kann die Spiele [dadurch] mit Recht als das größte Massenmedium des Spätmittelalters neben der Predigt bezeichnen.“32 Für weitere Rollen und die Aufführung außerhalb der Kirche werden au- ßerdem „neue […] männliche Spieler, außerhalb der Geistlichkeit, z. B. namhafte Bürger der Stadt, allerdings stets Männer auch für Frauenrollen [rekrutiert].“33 Durch die Ausweitung auf öffentliche Plätze und die Hinzunahme von Schauspielern aus der laikalen Gemeinde, werden die Spiele zu einem wichtigen Ereignis der Städte. Die Wichtigkeit der Spiele für die Städte wird durch „spielexterne Hinweise [dokumentiert], wie sie 29 Vgl. SCHWOB, UTE MONIKA: Und singt frölich: „Christ ist erstanden!“ Zur Rolle der Laien bei mittelalterlichen Osterfeiern und beim Osterspiel. In: M. Siller (Hrsg.), Osterspiele. Texte und Musik. Akten des 2. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (12.–16. April). Innsbruck 1994. S. 162 f. 30 Beispielsweise durch Diakone, Ministranten oder Chorknaben sowie Schüler kirchlicher Schulen. 31 Vgl. SCHULZE (2012), S. 33. 32 Ebd., S. 18. 33 Ebd. 17 etwa in Stadt- und Kirchenrechnungen, Ratsprotokollen, Inventaren, Spielgenehmigungen, Requisitenverzeichnissen und Bühnenplänen greifbar sind“34. Es existieren in dieser Zeit außerdem Bruderschaften, die sich für die Aufführung der Spiele einsetzen und dabei, beispielsweise als Schauspieler, mitwirken. Außerdem müssen die Spiele finanziell sowie logistisch organisiert werden. Es zeigt sich in einigen Städten, dass die bereits erwähnten Bruderschaften mit der Verwaltung zusammenarbeiten und diese auch einen gemeinsamen Regenten der Spiele bestimmen, der des Lateinischen sowie der Volkssprache und des Lesens mächtig gewesen sein muss, um die Spiele zu dirigieren. Aus dem 16. Jahrhundert sind einige Belege für diese Praxis bekannt, so zum Beispiel die Dirigierrolle des Spielleiters Benedikt Debs oder des Virgil Raber.35 Ein weiteres wichtiges Merkmal der Aufführung, neben dem Raum der Spiele und den Schauspielern, die daran beteiligt sind, ist die Simultanbühne. Dies bedeutet, dass die Darsteller nicht sukzessive die Bühne betreten, sondern alle gleichzeitig auf bestimmten Warteplätzen anwesend sind. Die Warteplätze werden mitunter nach den Orten, die im Spiel auftauchen, festgelegt und erfolgen teilweise nach Gesichtspunkten, die eine Werteorientierung zulassen.36 So befindet sich in der Mitte beispielsweise das Grab Jesu, rechts davon Spielorte, denen ein positiver Wert zugeschrieben wird, links davon negativ besetzte Orte.37 Ebenso ist es den Zuschauern möglich, sich zu dem Spielort hinzubewegen, an dem gerade eine Handlung stattfindet. Diese Praxis des Heranrückens der Zuschauer kann beispielsweise durch den Donaueschinger Bühnenplan belegt werden. Insgesamt zeigt sich durch die Entstehungsgeschichte und die Art der Aufführung der geistlichen Spiele ein deutlicher Einbezug der laikalen Kirchengemeinde. Diese wird direkt am Spielgeschehen beteiligt und kann somit die Heilsgeschichte nacherleben. Durch die Verlegung an öffentliche Plätze des alltäglichen Lebens und sozialer Begegnungen, können die geistlichen Spiele tatsächlich als eine Art Massenmedium der Zeit verstanden werden. Durch die Existenz von lateinischen Elementen sowie den größtenteils in Volkssprache abgefassten Dialogen wird eine Verbindung von Kirche und laikaler Gemeinde und Lebenswelt hergestellt. Es 34 GRAFETSTÄTTER (2013), S. 2. 35 Vgl. SCHULZE (2012), S. 37. 36 Vgl. Ebd., Abb. 6, S. 42. 37 Vgl. Ebd., S. 38. 18 wird sich zeigen, dass komische Szenen hierzu einen Beitrag leisten können. Dies geschieht vor allem durch die Verhandlung entsprechender Themen und die Ausstattung mit einem entsprechenden Figurenarsenal. Im Folgenden wird zunächst die oft angenommene abwertende Haltung gegenüber dem Komischen im Mittelalter diskutiert, um daran anschlie- ßend die Komik in den Spielen zu identifizieren und zu analysieren. Bei der Bewertung der Funktion der komischen Szenen darf die Charakterisierung der Spiele als Massenmedium der Zeit nicht unbeachtet bleiben.

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Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit nimmt eine Revision der älteren Forschung zur häufig vorkommenden – jedoch aus heutiger Perspektive zunächst irritierenden – Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters vor. Es wird deutlich gemacht, dass die oft getroffene Dichotomie und damit die strikte Trennung von Komik und Sakralität in ihrer Absolutheit nicht zutreffend ist. Vielmehr müssen die als komisch beurteilten Szenen, in denen Komik evoziert wird, detaillierter als bisher betrachtet werden, um im Einzelnen herauszuarbeiten, welche (sprachlichen) Mechanismen zur Komik führen und ob es tatsächlich heilige Themen und Gegenstände sind, die mit Komik bedacht oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben werden.