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10 Fazit und Forschungsausblick in:

Vera Geselbracht

Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters, page 103 - 104

Eine Untersuchung der Krämerszene des Innsbrucker und Wiener Osterspiels

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4001-0, ISBN online: 978-3-8288-6714-7, https://doi.org/10.5771/9783828867147-103

Tectum, Baden-Baden
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103 10 Fazit und Forschungsausblick Die Analyse der Komik hat gezeigt, dass diese zumeist auf Bisoziationen verschiedenster Art beruht. Auch Steigerungen und absurde Handlungen unterstützen Komik weiterhin, die außerdem durch grotesk-obszöne Komik angereichert werden. Auch wird dadurch klar, dass es Normen sind, die für das Erzeugen der Komik gebrochen werden müssen. Jedoch sind dies nicht, wie oft angenommen, kirchliche Normen die verkehrt werden, sondern spezifische Erwartungen, die an Rollen, Inhalte, Handlungsabläufe oder die Verwendung der Sprache gerichtet werden. Zwar wird auch im Innsbrucker Osterspiel bei makroperspektivischer Betrachtung möglicherweise die Heilsgeschichte mit Komik belegt, jedoch kann die genauere, differenzierte Betrachtung dies ausschließen. Es ist nicht die Heilsgeschichte, die im Krämerspiel durch die Marien vertreten wird, die mit Komik bedacht wird, sondern die Institution der Kirche. Nicht die Handlungen der Marien werden in Frage gestellt, sondern das Lateinische als Kirchensprache, was durchaus auch durch das in Kapitel 2.2 erwähnte aufkommende Unverständnis lateinischer Predigten begründet werden kann. Diese Beobachtung lässt Rückschlüsse auf die Bedingungen der Komik in geistlichen Spielen zu. Für beide Spiele kann die These aufgestellt werden, dass Komik im Rahmen der Osterspiele stattfinden kann, wenn das Ostergeschehen an sich jedoch nicht zum Objekt der Komik wird. Die Betrachtung der Figuren, die im Wiener und Innsbrucker Osterspiel Komik selbst oder über andere evozieren, verdeutlicht vor allem eine Vielschichtigkeit und Komplexität der Krämerszene der Osterspiele. Einerseits sind dies Symbolfiguren, wie beispielsweise der Krämer/Arzt sowie Rubin denen dadurch – gerade im Innsbrucker Osterspiel – gewisse Funktionen zugeschrieben werden können und andererseits sind es lebensweltliche Figuren, die die Heilsgeschichte und die Umgebung des Publikums miteinander vereinen. Durch den Vergleich zwischen dem Arzt als weltlichem Heiler und Jesus als Heiler der Menschheit, der gerade im Innsbrucker Osterspiel aufgezeigt wird, kann die Heilsgeschichte eine Aufwertung erfahren. Diese Beobachtung verdeutlicht, dass die Ergebnisse älterer Arbeiten, die eine systemstützende Funktion der Komik annehmen, nicht vollkommen verworfen werden können, jedoch nicht ausschließliche Gültigkeit haben. Denn zum einen kann eine stützende Wirkung in Bezug auf die Heilsgeschichte an sich festgestellt werden, zum anderen aber auch eine Kritik gegen die praktische Vermittlung der biblischen Stoffe durch die Kirche. Außerdem wird durch die detaillierte Analyse der komischen Krämerszene deutlich, dass eine systemstützende 104 Funktion nicht die alleinige Funktion der Szene sein kann, denn die „Ambivalenz der Figuren“173 führt dies vor Augen. Gerade wenn auch im Blick behalten wird, dass die geistlichen Spiele als ein „Massenmedium des Spätmittelalters“174 angesehen werden können, „erweist sich Komik als eine Möglichkeit der Perspektivierung gesellschaftlicher Diskurse.“175 Auch dass die Figuren in den beiden Spielen unterschiedlich akzentuiert sind und sich dadurch eine differente Ausprägung der Anregung der Diskurse ergibt, zeigt eine zielgerichtete Ausgestaltung der Krämerszene, die durch eine bloße, zugleich primitive Belustigung des Publikums, wie sie Krüger noch angenommen hat, nicht legitimiert werden kann. Es kann vielmehr eine Multifunktionalität der Komik der Krämerszene angenommen werden. Die Hinzunahme des Wiener Osterspiels konnte dazu beitragen, diese Vielschichtigkeit und eine Eigenständigkeit der Szene aufzuzeigen. Weitere Vergleiche, beispielsweise mit dem Redentiner Osterspiel könnten sich ebenfalls als erhellend erweisen. Dieses Spiel kommt völlig ohne eine Krämerszene aus, jedoch wurde die gesamte heilsgeschichtliche Handlung in die Lebenswelt der Zuschauer verlegt und es zeigt sich hierin eine stark ausgeprägte Teufelsszene. In dieser treten vor allem symbolische Vertreter von Berufsständen auf, um ihre Verfehlungen in der Hölle preiszugeben und um Vergebung zu bitten. Auch hier zeigt sich Komik, denn es wird beispielsweise der Pfarrer wieder aus der Hölle vertrieben, da sich anscheinend sogar der Teufel vor dessen Verfehlungen fürchtet. Diese Figuren der Teufelsszene des Redentiner Osterspiels könnten ebenfalls analysiert und mit Figuren aus der Krämerszene verglichen werden, um feststellen zu können, ob es Gemeinsamkeiten gibt, die Aufschluss darüber geben, warum in diesem Spiel keine Krämerszene notwendig ist. Möglicherweise werden durch diese Szenen ähnliche Funktionen erfüllt. Ein weiterer Forschungsansatz könnte sich in der spezifischeren Charakterisierung der Figur des Rubins ergeben, indem dieser einer vergleichenden Typologisierung in verschiedenen Spielen unterzogen wird. Die Ausrichtung der Figur im Wiener und Innsbrucker Osterspiel hat gezeigt, dass dieser keinesfalls immer die gleichen Positionen gegenüber anderen Figuren einnimmt sowie ein sehr früher Vertreter der Narrenfigur ist. Eine differenzierte Beobachtung über eine Entwicklung dieser Figur scheint ein fruchtbares Gebiet zukünftiger Forschung zu sein. 173 WOLF (2009), S. 314. 174 SCHULZE (2012), S. 18. 175 WOLF (2009), S. 315.

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Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit nimmt eine Revision der älteren Forschung zur häufig vorkommenden – jedoch aus heutiger Perspektive zunächst irritierenden – Komik im geistlichen Spiel des Mittelalters vor. Es wird deutlich gemacht, dass die oft getroffene Dichotomie und damit die strikte Trennung von Komik und Sakralität in ihrer Absolutheit nicht zutreffend ist. Vielmehr müssen die als komisch beurteilten Szenen, in denen Komik evoziert wird, detaillierter als bisher betrachtet werden, um im Einzelnen herauszuarbeiten, welche (sprachlichen) Mechanismen zur Komik führen und ob es tatsächlich heilige Themen und Gegenstände sind, die mit Komik bedacht oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben werden.