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Holger Krauße

Religion im Faktencheck

Wie vernünftig ist der Glaube?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3945-8, ISBN online: 978-3-8288-6712-3, https://doi.org/10.5771/9783828867123

Tectum, Baden-Baden
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Holger Krauße Religion im Faktencheck Der Autor Holger Krauße, Jahrgang 1968, ist Diplom-Kaufmann und stammt aus Köln. Er war er in verschiedenen Positionen in der Kreditwirtschaft mit den Schwerpunkten Produkt management und strategische Projekte tätig und gründete 2010 das Modelabel padmera. Derzeit arbeitet er für eine große deutsche Retailbank. Holger Krauße lebt in Königswinter. Holger Krauße Religion im Faktencheck Wie vernünftig ist der Glaube? Tectum Verlag Holger Krauße Religion im Faktencheck. Wie vernünftig ist der Glaube? © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 ISBN: 978-3-8288-6712-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3945-8 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: shutterstock.com © HorenkO Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National bibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Für C. Religion ist die fortgeschrittenste Weltanschauung. Leo Tolstoi Die Religion ist doch nichts als der Schatten, den das Universum auf die menschliche Intelligenz wirft. Victor Hugo Wahrheit ist eines, die Gelehrten benennen sie verschieden. Rgveda I.164.46 9 Inhalt 1 Einleitung: Zur Bedeutung der Gottesfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe . . . . . . . . . .21 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen . . . . . . . . . . . . . . . 29 3 .1 Grundsätzliches zu Wahrscheinlichkeit und Plausibilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 3 .2 Logikbasierte Gottesbeweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3 .2 .1 Gott als erste Ursache: Der kosmologische Gottesbeweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3 .2 .2 Wirken durch Ordnung: Der teleologische Gottesbeweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 3 .2 .3 Gott kann nur existierend gedacht werden: Der ontologische Gottesbeweis . . . 40 3 .2 .4 Gott als Postulat der praktischen Vernunft: Der moralische Gottesbeweis . . . . . 42 3 .2 .5 Verbreitung als Beleg: Der ethnologische Gottesbeweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 3 .3 Gottesbeweise durch Offenbarung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3 .3 .1 Heilige Schriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3 .3 .2 Schönheit, Liebe und Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 3 .2 .3 Gotteserfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3 .2 .4 Wunder und göttliches Wirken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 3 .4 Glaube versus Wissenschaft: Die Unmöglichkeit von Gottesbeweisen . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3 .4 .1 Glaube als eigener Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 3 .4 .2 Kein Beweis des Gegenteils . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 3 .4 .3 Wissenschaft und Religion als unterschiedliche Kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 3 .5 Gottesbeweise: Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen . . . . . 81 4 .1 Träger der Person: Die Seele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 4 .2 Menetekel oder Silberstreif: Das Jenseits . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 4 .3 Voraussetzung individueller Verantwortlichkeit: Der freie Wille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 4 .4 Kommunikation mit dem Übernatürlichen: Gebete und Riten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .105 10 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5 .1 Anthropozentrismus der Religionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5 .2 Der Mensch als Spielfigur? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 6 .1 Ewigkeits- und Wahrheitsanspruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 6 .2 Widersprüche zum Absolutheitsanspruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 6 .2 .1 Historische Entwicklung von Religionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 6 .2 .2 Exklusivität des Glaubens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 6 .2 .3 Klarheit der Heiligen Schriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .122 6 .3 .4 Religionsvielfalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .124 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .129 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 8 .1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 8 .2 Trost und Hoffnung versus Furcht und Fatalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 8 .3 Identifikation und Zusammenhalt versus Isolation und Hybris . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .154 8 .4 Werte- und Sinnstiftung versus Fanatismus und Verbrechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .156 8 .5 Soziales Engagement versus Eigeninteressen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .165 8 .6 Gesellschaftlicher Fortschritt versus Beharren und Unterdrückung . . . . . . . . . . . . . . . . . . .167 8 .7 Kunstschätze versus Kosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .172 8 .8 Praktische Folgen der Religiosität für das Individuum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .173 8 .8 .1 Sind religiöse Menschen bessere Menschen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .173 8 .8 .2 Sind religiöse Menschen glücklichere Menschen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .178 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .181 9 .1 Die Plausibilität von Gotteshypothese und Religionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .181 9 .2 Konsequenzen für den Einzelnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .183 9 .3 Erziehung und Schutz von Minderjährigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 9 .4 Meinungsfreiheit und Respekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 9 .5 Religionsneutrale Politik: Die Nivellierung der Religionsfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .193 Inhalt 11 9 .5 .1 Der Grundsatz evidenzbasierter Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .193 9 .5 .2 Die Nichtanerkennung und Berücksichtigung religiöser Inhalte . . . . . . . . . . . . 194 9 .5 .3 Die Nivellierung der Religionsfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .197 Nachwort von Vera Lengsfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Quellennachweise/Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .217 13 1 Einleitung: Zur Bedeutung der Gottesfrage Gegen Ende des 20.  Jahrhunderts schien der Weg in ein postreligiöses Zeitalter vorgezeichnet. Bildung und wissenschaftlicher Fortschritt, Wohlstand und Sicherheit vor existenziellen Bedrohungen nagten an Botschaft und Nutzen des Glaubens. Das Narrativ der Sozialwissenschaften sah „die soziale Relevanz von Religion und Kirche abnehmen und religiöse Weltsichten mehr und mehr durch wissenschaftlich fundierte, rationalisierte, säkulare Weltdeutungen ersetzt.“1 Zu Beginn des neuen Jahrtausends mehrten sich dann jedoch Stimmen, die eine Renaissance des Religiösen zu erkennen glaubten. So behauptete 2005 der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, es gebe „kaum einen kulturellen oder gesellschaftlichen Bereich, in dem man nicht Zeichen für eine Wiederkehr des Religiösen beobachten“2 könne. Inzwischen gehört es zum guten Ton, sich von Theorien, die einen gesellschaftlichen Bedeutungsrückgang von Religion und Kirche postulieren, abzugrenzen und sie als eindimensional, deterministisch und fortschrittsgläubig abzutun.3 Beide Diagnosen offenbaren einen bemerkenswert eingeschränkten Blickwinkel. Denn unbeeindruckt von der Diskussion im Feuilleton hat die Religion in weiten Teilen der Welt ihre Stellung behauptet. Die Bedeutung des Hinduismus und des Buddhismus in Süd- und Südostasien ist ebenso ungebrochen wie die des Christentums in Nord- und Südamerika und die des Islam im Nahen und Mittleren Osten und in Nordafrika. Ernsthaft gefährdet war sie nie. Was man für eine Wiederkehr des Religiösen halten wollte, war vielmehr das Erstarken konservativer Strömungen, die sich gleichwohl schon lange vor der Jahrtausendwende bemerkbar gemacht hatten. Die US-amerikanischen Evangelikalen Kirchen bauen ihren Einfluss in Südamerika und Afrika aus. Die Politik Indiens wird zunehmend von der immer radikalere Töne anschlagenden nationalistischen Hindu-Partei BJP dominiert. Und in noch stärkerem Maße beobachten wir Veränderungen in der islamischen Welt. Die islamische Revolution im Iran, die sowjetischen Invasion Afghanistans, die unglücklichen Interventionen der USA, aber vor allem die Finanzierung radikaler Gruppen durch Staaten am Persischen Golf haben nicht nur den islamisch motivierten Terrorismus geboren, der 14 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? sich von den Abu-Sayyaf auf den Philippinen über Taliban, Al-Qaida, Islamischen Staat, Hisbollah und Hamas bis zu den nigerianischen Mördern der Boko Haram erstreckt, sondern auch einer allgemein konservativeren Auslegung den Boden bereitet. Waren Ägypten und Pakistan in den Sechzigerjahren noch Länder, in denen kaum eine Muslimin ein Kopftuch trug, sieht das Straßenbild heute völlig anders aus. Auch die Türkei arbeitet unter dem Betreiben der AKP nicht erst seit dem verhinderten Putsch vom Juli 2016 an der Abwicklung der von Kemal Atatürk etablierten säkularen Ausrichtung des Staates. Im „Westen“ hingegen fällt es schwer, einen Aufschwung originärer Religiosität festzustellen. Ein Zulauf zu den christlichen Kirchen ist, abgesehen von den Wohlfühl-Events der Kirchentage, nicht erkennbar. Zwar wird die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens weiter gestellt, aber weniger im Sinne der „Ist das alles?“-Suche nach einer transzendenten Wahrheit, gefragt wird vielmehr ganz praktisch: „Was macht mein Leben sinnvoll, lebenswert, lohnend?“ Die weiterhin existierenden religiösen Bedürfnisse werden durch eine individualisierte, subjektivierte, nutzenorientierte Religion ersetzt, die für wünschenswert gehaltene Elemente des Glaubens herausgreift und alltagstauglich umsetzt oder als Utopie für moralische Standards folgenlos bewundert. Alternativ bieten politische und in ihrer Charakteristik in vieler Hinsicht religionsähnliche Naturund soziale Ideologien wie die übersteigerten und aggressiven Formen des Multikulturalismus, Veganismus oder „Ökologismus“ Substitute für Teile einer sich als aufgeklärt und progressiv verstehenden urbanen Bevölkerung, die auf den Mix von Buße und Verzicht einerseits und moralischer Selbstüberhöhung andererseits nicht verzichten wollen. Gleichwohl hat die Dynamik des Islam Politik und Gesellschaft in Europa stark beeinflusst und vielleicht nirgendwo mehr als in Deutschland. Zum einen sehen wir auch in Deutschland eine stärkere Orientierung der islamischen Bevölkerung an konservativeren Werten. In Schulen werden Mädchen ohne Kopftuch immer häufiger von ihren Glaubensschwestern angefeindet. Salafisten verteilen Korane in den Innenstädten. Und bei großen Teilen auch der deutschen Muslime findet sich eine Zustimmung zur Scharia und zu einem Vorrang des Glaubens vor weltlichen Gesetzen.4 Zum anderen beobachten wir eine zunehmend fordernde Haltung der konservativen, nicht unbedingt die Mehrheit der Muslime vertretenden, aber als Gesprächspartner der Politik beliebten Islam-Verbände5 und in deren Kielwasser auch der christlichen Kirchen. Die Ein- 1 Einleitung: Zur Bedeutung der Gottesfrage 15 mischung vor allem der evangelischen Kirche in tagespolitische Fragen im Rahmen der sogenannten Öffentlichen Theologie6, die künstliche Differenzierung zwischen Islam und Islamismus, eine verschwenderische Verwendung des Kritik pathologisierenden Kampfbegriffs der Islamophobie7 und die Forderung nach vorbehaltlosem Respekt vor dem Glauben, verbunden mit einer Instrumentalisierung und politischer Legitimierung von Beleidigtsein und vorgeblichem Opferstatus bestimmen den öffentlichen Diskurs. In einer unheiligen Allianz aus islamischen und kirchlichen Lobbys mit kultur relativierenden Teilen von Presse und Politik wird, mit einigem Erfolg, versucht, Religion sakrosankt zu machen und der Kritik zu entziehen. Wenn Spitzenpolitiker es als Chance deklarieren, dass Deutschland mit der steigenden Zahl von Zuwanderern religiöser wird,8 Befürchtungen über eine „Islamisierung“ mit der in Syrien, Pakistan und anderswo nicht allzu erfolgreichen Strategie entgegentreten, „mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein“9, oder vermeinen, ihre Aufgaben würden nicht vom Grundgesetz oder von den Bürgern bestimmt, sondern vom „Herrgott“10, dürften dies nicht nur Atheisten bedenklich finden. Solche Entwicklungen sprechen allerdings weniger für eine genuine Re-Religionisierung oder eine stärkere spirituelle Orientierung der Gesellschaft, sondern für eine Mischung aus Naivität und Missbrauch religiöser Formeln für eigene Interessen. In dieser Gemengelage von Relativismus und Durchsetzung von Interessen wird jedoch eine Frage gar nicht mehr gestellt: die nach der Wahrheit der Gotteshypothese und damit der Religionen. Dies ist aber essenziell. Denn die Legitimität religiös begründeten oder Religion berücksichtigenden Handelns hängt unmittelbar von der Antwort auf diese Frage ab. Ignoriert man sie, wird Religion wie eine beliebige Ideologie zum utilitaristischen Mittel für politische Zwecke. Gerade weil die Folgen eines religiös motivierten oder beeinflussten Handelns auch Freiheit und Vermögen Anders- oder Nichtgläubiger betreffen, kann auf ein klares Bild in diesem Punkt nicht verzichtet werden. Der Beantwortung dieser Frage scheinen sich Politik und Religionen allerdings entziehen zu wollen. Vor diesem Hintergrund sind die Stimmen von Religionskritikern, säkularen Humanisten und Atheisten vernehmlicher geworden. Der britische Biologe Richard Dawkins schrieb mit „The God Delusion“ (Der Gotteswahn) eines der einflussreichsten Bücher unserer Zeit, das insbesondere das fundamentalistische Christentum aufs Korn nahm. In Deutschland sorgte 2014 der deutsch-ägyptische Historiker und Soziologe 16 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Hamed Abdel-Samad mit „Mohamed. Eine Abrechnung“ für Aufsehen. Diese leidenschaftlichen und zuweilen polemischen Bücher haben zu heftigen Reaktionen geführt, die zeigen, wie schwierig es weiterhin ist, das Thema auch nur in angemessener Höflichkeit zu diskutieren. Während sich Dawkins immerhin nur verbaler Attacken zu erwehren hat, führte eine Todesfatwa gegen Abdel-Samad, ähnlich jener gegen den Romancier Salman Rushdie, dazu, dass er seither an wechselnden Orten und unter Polizeischutz leben muss. Dennoch und erfreulicherweise haben Werke wie die genannten dazu geführt, dass über das Thema Religion, ob mit oder ohne politischen Hintergrund, auf breiter Basis im Web und in Podiums- und TV-Diskussionen debattiert wird. Internet und soziale Medien haben Menschen jeglicher religiöser Prägung Zugang zu Information und unzähligen Diskussionsforen verschafft; Religiöse aller Couleur, Agnostiker und Atheisten finden Gleichgesinnte – und Gegner. Dass es im Netz nicht immer um sachliche Debatten und ehrenwerte Wahrheitsfindung geht, sondern oft genug um Diffamierung und Propaganda, unterscheidet das Thema nicht von anderen. Auch sind öffentliche oder TV-Debatten schon formatbedingt ungeeignet, die Frage der Religion abschließend zu erörtern oder gar die Teilnehmer zur Revision ihres Denkens zu bewegen, und häufig gleiten sie in Details wie die Kopftuchfrage oder das kontextfreie Vorhalten einzelner Stellen Heiliger Schriften ab. Statt sich allerdings über Fragen katholischer Sozialmoral, protestantischer Friedensethik oder die Interpretation einzelner Koranverse zu unterhalten, wäre es weitaus sinnvoller, zunächst die Grundlagen des Glaubens umfassend und ohne Scheuklappen zu untersuchen. Denn ohne ein klares Bild darüber, wie stichhaltig die Gotteshypothese ist und wie viel Wahrheit in Religionen steckt, sind solche Debatten nicht wertvoller als eine Unterhaltung über die spirituellen Inhalte von Star Trek. Doch bedarf es nicht einmal des Nutzens für politische und gesellschaftliche Entscheidungen, um sich mit dem Thema zu befassen. Die Frage nach Gott ist eine, die zu stellen und für sich zu beantworten ein jeder Mensch unternehmen sollte. Denn es geht schließlich um die Ewigkeit. Glück und Leid unseres kurzen Lebens verblassen in ihrem Schatten. Falls ein Jenseits in eben dieser Ewigkeit existiert und wir unseren Status darin durch unser Denken und Handeln im diesseitigen Leben determinieren, kann es keine wichtigere Frage geben als jene, welches Denken und Handeln in diesem Sinne vorteilhaft wäre. Ganz gleich, ob Paradies und 1 Einleitung: Zur Bedeutung der Gottesfrage 17 Nirwana winken oder die ewige Verdammnis droht: Nichts könnte bedeutender sein, als Klarheit darüber zu erlangen, wie man das eine erreicht und das andere vermeidet. Antworten darauf geben die Religionen. Dies erfolgt meist in Verbindung mit dem Postulat der Existenz eines oder mehrerer Götter oder zumindest einer gottähnlichen Ordnung, welche Quelle der jeweiligen Handlungsanweisungen und verantwortlich für die Umsetzung der Konsequenzen sind. Hierbei bestehen jedoch zwei Herausforderungen. Zum einen ist die Grundsatzfrage nach der Existenz von Göttern oder Göttlichem sowie von Entitäten wie der des Jenseits oder der Seele zu klären. Ohne sie wäre ein darauf basierender Glaube gegenstandslos. Zum anderen unterscheiden sich, trotz mancher Gemeinsamkeit, die Strukturen, Erklärungsmuster und Regelwerke der einzelnen Religionen erheblich, ja sind miteinander unvereinbar. Selbst innerhalb einer Religion bestehen häufig gravierende Unterschiede in der Auslegung. Da demokratische Prinzipien in Wahrheitsfragen nicht gelten, sind auch Mehrheitsmeinungen, wenn sie in einzelnen Fragen denn existieren, kein Indiz für die wahre Lehre. Will man also nicht den bequemen Weg gehen, der Wahrheit ihren Exklusivcharakter abzusprechen und anzunehmen, dass diese in verschiedenen, ja sogar in einander widersprechenden Lehren gleichermaßen in Erscheinung trete,11 ist das Risiko, einer Irrlehre zu folgen, enorm. Dem Unterfangen, sich mit diesen Fragen grundsätzlich auseinanderzusetzen, scheinen sich jedoch nicht allzu viele Menschen stellen zu wollen. Selbst dort, wo sich, wie in Deutschland, viele Menschen von der organisierten Religion abwenden, hat dies häufiger mit finanziellen Erwägungen oder inhaltlichem Dissens und Missbehagen zu tun als mit einer bewussten Negierung Gottes selbst. Dies allein auf die Überzeugungskraft der Religionen oder des Gottesgedankens an sich zurückzuführen, wäre allerdings gewagt. Schließlich werden Menschen in weiten Teilen der Welt nachhaltig durch eine religiöse Erziehung prägt: Ein im Kindesalter vermitteltes und tief verankertes, geschlossenes Weltbild (und damit auch die Autorität der Eltern) infrage zu stellen, erfordert mehr als eine beiläufige Anstrengung. Hinzu kommt, dass in religiösen Gesellschaften ein kritischer Umgang mit der vorherrschenden Religion regelmäßig mit beträchtlichen sozialen, rechtlichen, monetären und ggf. gesundheitlichen Nachteilen verbunden ist. Zudem gibt es ja auch handfeste Vorteile des Glaubens, die einer fairen Auseinandersetzung mit dem Thema entgegenstehen, etwa beim Umgang mit Schuld, Leid oder bei der Suche nach 18 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? „Sinn“, und natürlich weniger hübsche Gründe wie Selbstdarstellung und moralische Aufwertung der eigenen Person durch demonstrative Frömmigkeit. Ventil für jene, die sich dennoch Fragen stellen, aber nicht auf die Religion an sich verzichten möchten, sind dann oft die Reduktion der Religion auf das Niveau von Brauchtum und Folklore (wie etwa das Weihnachtsfest oft weniger spirituellen als den Charakter eines Familienfestes hat) oder die Auflösung von Widersprüchen und unangenehmen Seiten durch die Konstruktion einer individuell-subjektiven Religion, die vornehmlich als positiv empfundene Elemente Heiliger Schriften aufnimmt und unangenehme Vorschriften ignoriert – zweifellos Maßnahmen, die in streng religiösen Umfeldern ungleich schwerer umzusetzen sind. Dieses Buch kann keinen Menschen motivieren, sich mit seiner Religion auseinanderzusetzen. Es kann eine solche Auseinandersetzung jedoch, wenn sie durchgeführt wird, strukturieren, versachlichen und so entscheidend erleichtern. „Religion im Faktencheck“ möchte sich der Herausforderung stellen, die Plausibilität der Gotteshypothese und weiterer zentraler Grundlagen von Religionen umfassend, effizient und fair zu beleuchten. Umfassend meint, das Thema in hinreichender Breite und Tiefe zu behandeln, also alle charakteristischen Argumentationen für die Existenz Gottes und zentrale Bestandteile und Ansprüche der Religion, aber auch mögliche typische Widersprüche anzusprechen. Dabei sollen grundsätzlich alle Religionen einbezogen werden. Auch wenn die sogenannten Weltreligionen aufgrund ihrer rein faktischen Bedeutung natürlich im Vordergrund stehen, sollen die Erkenntnisse auch auf jeglichen anderen heute noch praktizierten oder verschwundenen Glauben übertragbar sein. Effizient beschreibt den Anspruch, Fragen so knapp und fokussiert wie möglich zu behandeln. Es sollen also Grundsatzfragen erörtert werden; auf eine rasch ausufernde und den Blick vom Wesentlichen ablenkende Auseinandersetzung mit den inneren Widersprüchen und Merkwürdigkeiten einzelner Religionen im Detail wird verzichtet. Es mag eine intellektuelle Herausforderung sein, das Wesen der Dreifaltigkeit oder der Transsubstantiation zu ergründen oder über den Kanon Heiliger Schriften zu disputieren. Doch lenken diese Fragen vom Wesentlichen ab – sie sind ja überhaupt erst dann sinnvoll, wenn eine vorangegangene Analyse die Existenz eines Gottes als wahrscheinlich ausweist und eine Religion mit hinreichender Klarheit als wahr identifiziert wurde. 1 Einleitung: Zur Bedeutung der Gottesfrage 19 Fair bedeutet, an das Thema so gut es geht unvoreingenommen und ergebnisoffen heranzugehen. Das verlangt die Bereitschaft und den Willen, die Argumentation von Theologen und ihrer Gegenspieler zu verstehen, korrekt darzustellen und nach denselben Grundsätzen zu bewerten. Wir folgen also weder der Maxime Nietzsches12, „Was ein Theologe als wahr empfindet, das muss falsch sein: man hat daran beinahe ein Kriterium der Wahrheit“ 13, noch jener Flauberts14, der meinte: „Ein wenig Wissen entfernt vom Glauben, sehr viel führt zum Glauben zurück.“ 15 Angesichts der Diversität von Auslegungen heißt fair auch, nicht jede historische oder aktuelle Entgleisung als charakteristisch für eine Religion zu betrachten, ohne jedoch alles zu relativieren, was etwa Prediger im Format von Joyce Meyer16, Zakir Naik17 oder Sunday Adelaja18 sagen. Und es beinhaltet, jene Maßstäbe der Logik einheitlich anzusetzen, die sich auch bei der Untersuchung anderer Fragen und Problemkreise als nützlich und effektiv erwiesen haben, und nicht das Feld der frommen Spekulation zu betreten, sondern das Mittel der Vernunft zu nutzen. Wir gehen dabei von der Position des metaphysischen Realismus aus, d. h. von der Überzeugung, dass es eine von unserem Denken und Empfinden unabhängige Wirklichkeit gibt. Hieraus folgt, dass es letzten Endes nur eine richtige Theorie bzw. Beschreibung der Wirklichkeit gibt. Andernfalls wäre die Wahrheit nicht erkennbar und jedes Reden darüber eitel.19 Es wird allerdings nicht vorausgesetzt, dass eine Religion diese Wahrheit vollständig und in jeder Hinsicht korrekt wiedergeben muss. Wie wollen wir dabei vorgehen? Nach einer Begriffsbestimmung betrachten wir zunächst die klassischen Wege, die Existenz Gottes zu beweisen, und setzen uns dann mit der Gegenposition auseinander, dass ein solcher Beweis weder möglich noch erwünscht sei. Anschließend untersuchen wir die Plausibilität zentraler Bestandteile von Religionen, wie der Seele, des Jenseits und des freien Willens, ordnen den Anthropozentrismus und den Absolutheitsanspruch von Religionen ein und widmen uns dann der Gerechtigkeit und Güte Gottes. Abschließend wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, ob Religion und Gottesglaube unabhängig von 20 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? ihrer inneren Wahrheit insgesamt vorteilhaft sind, und Konsequenzen aus unseren Erkenntnissen für den Einzelnen, die Gesellschaft und die Politik ziehen. Auf den müßigen Versuch, zu beweisen, dass es Gott nicht gibt, wollen wir verzichten. Ebenso wenig sollen Ursachen und Gründe für Religionen außerhalb des Glaubens untersucht werden. Ob Glaubensvorstellungen weniger von Gott als vielmehr von „den Hoffnungen und Befürchtungen entstammen, die den menschlichen Geist antreiben“, wie David Hume20 glaubte, ob Religion lediglich eine „Projektion menschlicher Gedanken, Ideale und Beziehungen ist“ (Feuerbach21), bestimmte Funktionen in einer Klassengesellschaft erfüllt (Marx), sich aus unterdrückten und unbewussten Wünschen speist (Freud) oder evolutionäre Vorteile bietet, oder ob mehrere oder gar alle Erklärungsversuche einen Anteil haben, ist hier nicht das Thema.22 Denn unabhängig von der Überzeugungskraft dieser Ansätze sagen sie nichts über den Wahrheitsgehalt der Religion an sich aus – und nur darum geht es diesem Buch. Natürlich muss niemand die Einschätzungen und Schlussfolgerungen des Autors teilen. Im Gegenteil möchte ich meine Leser aufrufen, jede Aussage und Bewertung kritisch zu hinterfragen und für sich zu beurteilen, ob sie sich den dargestellten Argumenten anschließen möchten. Der Gewinn, den Sie aus diesem Buch ziehen werden, wird umso größer sein, je offener Sie für das Ergebnis sind. Betrachten Sie Ihre eigene Religion oder Überzeugung mit denselben Augen, mit denen sie andere, als exotischer empfundene anschauen. Fragen Sie sich: Käme ich zu derselben Einschätzung, wenn es nicht um ein religiöses Thema ginge? Wie stark beeinflussen meine Erziehung, mein Umfeld und meine Wünsche meine Bewertung? Wende ich die gleichen Maßstäbe an religiöse Fragen an, die ich im täglichen Leben bei anderen Fragestellungen anwende, und wenn nein, warum nicht? Die Schlüsse, die Sie aus Ihrer Beschäftigung mit diesem Buch ziehen, sind also ganz Ihnen selbst überlassen. Ob dies zu stärkerem Glauben oder zu einem entspannteren und pragmatischeren Umgang mit der eigenen Religion führt oder gar dazu, den Glauben ad acta zu legen – ganz gleich: Wenn Ihnen dieses Buch zu mehr Klarheit verholfen hat, wäre sein Ziel erreicht. Königswinter, im Mai 2017 Holger Krauße 21 Darum bezeichnet der edle Mensch die Dinge so, daß er zu Recht davon reden und daß er das, wovon er redet, auch zu Recht durchführen kann. Denn der edle Mensch gestattet sich in allem, was er sagt, keinerlei Leichtfertigkeit. Konfuzius23 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe Eine Diskussion kann nur auf der Basis einer gemeinsamen Sprache geführt werden. Wer etwa unter Gott eine konkrete, den Menschen zugewandte, zuweilen auf Erden wandelnde Person versteht, wird viele Fragen anders beantworten als jener, der eine transzendente, der menschlichen Vernunft vollends entzogene Entität oder Weltenseele annimmt. Daher sollen die in diesem Buch verwendeten Begriffe zunächst einmal definiert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass auch andere Definitionen möglich sind. Theologen und Kleriker verstehen und verwenden Begriffe anders als Laien, Sunniten anders als Protestanten. Die hier verwendeten Definitionen sind daher meist weit gefasst, um unterschiedliche Interpretationen möglichst mit einzuschließen. Falls sie dennoch nicht immer vollständig das individuelle Verständnis treffen, wird der geneigte Leser gewiss in der Lage sein, die vorgebrachten Argumente und Bewertungen auch auf seine individuelle Definition des jeweiligen Begriffs hin zu prüfen. Gott und göttliche Ordnung Unter einem Gott wird gemeinhin ein mit übernatürlichen oder übermenschlichen Kräften ausgestattetes Wesen, eine höhere Macht oder Intelligenz verstanden. Allmacht, Allwissen, Allgegenwart, eine Verantwortung für oder die Beteiligung an der Erschaffung und Ordnung der Welt sowie die Bestimmung oder Beeinflussung des menschlichen Schicksals sind hin- 22 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? reichende, aber nicht notwendige Voraussetzungen für die Einordnung als Gott.i Der Begriff soll hier umfassend angewandt werden: Allmächtige persönliche Einzelgötter, Götter-Familien und gottgleiche Geister (z. B. buddhistische Devas, Kamis) sind unabhängig von ihrem Wohlwollen gegen- über oder ihrer Interaktion mit den Menschen ebenso miteinbezogen wie abstraktere göttliche Kräfte, Prinzipien und Ordnungen, jedenfalls sofern diese Entstehung und Gang des Universums beeinflussen.ii Persönliche Götter unterscheiden sich von anderen übernatürlich begabten Wesen (z. B. Engeln und Dämonen) durch ihre größere Machtfülle. Von erheblicher Relevanz für die Bewertung der Gotteshypothese ist, ob es sich um Einzelgötter wie Aton, JHWH und Allahiii oder um ein Pantheon wie in den Götterwelten der alten Ägypter, Griechen, Germanen und Azteken, in dem Glauben der Yoruba in Nigeria und natürlich im Hinduismus handelt. Denn dem Alleinherrscher des Monotheismus werden nicht nur regelmäßig unbegrenzte Fähigkeiten wie Allmacht und Allwissen zugeschrieben, was bei Göttern in polytheistischen Religionen nicht zwingend der Fall ist, sondern er genießt auch eine Alleinstellung in Bezug auf den Kosmos und als Ansprechpartner, Gesetzgeber und Richter der Menschen. Um einen Gott mit solch weitreichender Bedeutung plausibel zu machen, sind offensichtlich höhere Anforderungen zu erfüllen. Hierbei müssen wir allerdings berücksichtigen, dass diese Unterscheidung, auf die ja gerade die monotheistischen Götter großen Wert legen, ein Stück weit künstlich ist. Nehmen wir den Hinduismus: Trotz der augenscheinlichen Vielfalt von Millionen von Göttern (und deren vielfachen Inkarnationen)iv besitzt er eine Neigung zum Monotheismus; in den i Richard Dawkins definiert Gott als „superhuman, supernatural intelligence who deliberately designed and created the universe and everything in it, including us“ (Dawkins 2007, S. 52). Diese Definition würde den Großteil der Götter polytheistischer Religionen ausschließen und ist in der Perspektive dieses Buches zu eng. ii Damit ist z. B. der Gott im Jainismus, der weder die Welt erschaffen hat noch anders denn als stiller Beobachter agiert, nicht einbezogen. Ein solcher Gott ist aus menschlicher Sicht belanglos. Ein reiner Schöpfergott wie Brahma, dessen Aufgabe sich in der zyklischen Erschaffung der Welt erschöpft, wird hingegen von der Definition erfasst, da sein Werk – die Welt – ja Grundlage unseres Lebens ist. iii Gemeint ist der Gott des Islam, der keinen Eigennamen trägt. Allah bedeutet lediglich Gott. iv Allein von Vishnu sind zehn Haupt-Inkarnationen bekannt, deren bekannteste, Krishna und Rama, eigenständig verehrt werden. 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe 23 Veden wird von den Verfassern stets der jeweilige Gott, je nach Kontext, zur höchsten Gottheit erhoben, ohne dass andere Götter deswegen zu Götzen degradiert werden – andere Götter sind bloß nicht so bedeutsam wie der eigene.24 In der vedantischen Tradition des Advaita wird gar davon ausgegangen, dass es nur einen einzigen Gott gibt – die göttlichen Inkarnationen sind nur Aspekte desselben göttlichen Prinzips.25 Umgekehrt finden wir in den monotheistischen Religionen mit der Figur des Teufels mindestens einen Dualismus (wie beim einen Antagonismus von guten und bösen Mächten propagierenden Zoroastrismus), wenn nicht Charakterzüge eines Pantheons: Dreifaltigkeit, Heiligen, Propheten- und Märtyrerverehrung, Engels- und Dämonenglauben sind beredtes Zeugnis dafür. Sofern eine Religion atheistisch ist oder zumindest auf persönliche Götter verzichtet, wird hilfsweise der Begriff der „göttlichen Ordnung“ verwendet. Dies bezieht sich unter anderem auf das karmische System des (ursprünglich atheistischen) Buddhismus, das Dao und pantheistische Vorstellungen, nach denen Gott eine unpersönliche geistige Kraft darstellt, die mit der Welt bzw. dem Sein identisch ist. Religion Religion ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der Glaube an eine oder mehrere transzendente (überirdische, übernatürliche, übersinnliche) Kräfte persönlicher (Götter, Geister) oder abstrakter Natur und Gesetzmäßigkeiten bzw. Ordnungen und damit verbundene heilige Objekte ist. Sie bedarf also nicht zwingend eines Gottes. Kennzeichnend für Religion ist, dass sie auf der Basis eines nicht notwendigerweise verschriftlichten Konsenses (Heilige Schrift, Überlieferung) Antworten gibt auf metaphysische Schöpfungs- (Herkunft und Zukunft der Welt und des Menschen im Besonderen, Ordnung der Welt, Stellung des Menschen und sein Verhältnis zu Gott), Jenseits- (Existenz eines Lebens nach dem Tod, Konsequenzen des menschlichen Verhaltens in diesem oder früheren Leben) und Sinnfragen (Sinn und Ziel des Lebens).i i In der vatikanischen Erklärung „Nostra Aetate“ wird dies anschaulich formuliert: „Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach 24 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Darüber hinaus wirkt sie normativ auf Ethik und Moral durch Definition gottgefälligen Verhaltens und Festlegung von Regeln für menschliches Denken, Verhalten und Zusammenleben. Typisch ist zudem eine die Gemeinschaft organisierende Struktur aus Klerus und Riten. Sofern diese Kriterien hinreichend erfüllt sind, kann als Esoterik oder Aberglauben Deklariertes von Religion nicht mehr unterschieden werden. Auch eine Differenzierung von Religion und Sekten führt ins Leere. Sekte meint im Wortsinn Richtung oder Lehre; damit wäre dann beispielsweise auch der Katholizismus eine Sekte. Auch der Gebrauch des Begriffs im Sinne einer Abspaltung von einer Mutterreligion bietet keine qualitative Unterscheidung, da sich bekanntlich viele große Konfessionen (z. B. der Protestantismus) und Religionen (z. B. der Jainismus) als neue Schulrichtung bestehender Lehren entwickelt haben. Die Bezeichnung als Sekte wurde allerdings auch zeitweise verwandt, um kleinere Glaubensgemeinschaften zu diskreditieren, die sich aber nicht grundsätzlich von größeren Religionen unterscheiden.i Mit den „abrahamitischen Religionen“ sind jeweils Judentum, Christentum und Islam gemeint. Unter „indische Religionen“ werden Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus subsummiert. Der Begriff bezieht sich auf den geografischen Ursprung dieser miteinander verwandten Religionen. Damit soll weder die Bedeutung anderer Regionen an der Entwicklung oder Praxis dieser Religion bestritten noch der Eindruck erweckt werden, dies seien die einzigen in Indien entstandenen Religionen. Religion und Glaube werden häufig synonym verwendet. Während Religion grundsätzlich die kodifizierte, formalisierte Form des Glaubens ist, soll Glaube hier im Sinne des individuellen, persönlichen, aus der Religion abgeleiteten Glaubens verstanden werden. Klerus Religionen werden regelmäßig von einem Klerus gemanagt, der die Grundlagen der Religion, insbesondere natürlich die relevanten Heiligen dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“ (Paul VI. 1965) i In der Tat wären viele negativ konnotierte Kriterien für sogenannte Sekten auch auf etablierte Religionen anwendbar, z. B. finanzielle Motive (Kirchensteuer, Opfer, Eigentum der Kirchen), Gehirnwäsche (Koranschule), Führerkult, Erschwerung /Verunmöglichung eines Austritts aus der Glaubensgemeinschaft, Strafen bei Blasphemie. 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe 25 Schriften, Gebote und Verbote, verbindlich festlegt und interpretiert, als Mittler zwischen Menschen und Gott fungiert und für die Ausübung religiöser Riten verantwortlich ist. Unter Klerus (auch: Geistlichkeit) wird hier die Gesamtheit der Angehörigen des geistlichen Standes (Kleriker) verstanden. Er soll also nicht nur das christliche Priestertum umfassen, wie im Sprachgebrauch üblich, sondern – wenn im Einzelfall nicht anders beschrieben – alle von den übrigen Gläubigen abgehobenen geistlichen Amts- und Würdenträger organisierter Religionen, die in deren Namen auftreten, zum Beispiel Bischöfe, Priester, Äbte, Imame, Ulamai, Ajatollahs, Rabbiner, aber auch Prediger wie die US-typischen TV-Evangelisten. Hierbei ist es unerheblich, wie groß die vertretene Gruppe ist und ob es sich bei dem Kommunizierten um eine offizielle Lehrmeinung handelt. Im weiteren Sinne mag der Begriff hier auch all jene umfassen, die ihr Leben vorrangig und dauerhaft der Religion widmen, also insbesondere Mönche und Nonnen. Besonders gläubige Menschen, auch wenn sie ihr Leben zeitweilig der Religion widmen, wie Saddhus oder Pilger, fallen hingegen nicht unter die Definition. Charakteristisch für den Klerus ist, dass er der Religion regelmäßig durch einen besonders starken Glauben und/oder berufliche, finanzielle oder intellektuelle Abhängigkeit verbunden ist. Hieraus resultiert ein hohes Eigeninteresse an der Aufrechterhaltung und gegebenenfalls auch der Ausbreitung der Religion. Riten Unter Riten sind religiöse Kulthandlungen und Rituale wie der Gottesdienst (Messe, Freitagsgebet, Puja), gemeinschaftliche und formalisierte Gebete (Vaterunser) und Zeremonien zu religiösen (Zuckerfest, Ostern, Diwali) wie eigentlich weltlichen Anlässen (Heirat, Geburt) sowie Opferungen zu verstehen. Neben den von der jeweiligen Religion bzw. deren Klerus unmittelbar vorgegebenen Riten soll der Begriff hier auch individuelle Ausdrucksformen und Praktiken wie die der Meditation, der Buße und Askese (Pilgerfahrt, Leben als Saddhu) und der Ekstase (Sufi-Tanz) sowie das individuelle, persönliche Gebet umfassen. Ziel der Riten ist insbesondere die Kommunikation mit den göttlichen Mächten, um deren Gnade (Segen, Wunscherfüllung) zu erlangen, i Islamische Rechtsgelehrte, die die Bewahrung, Deutung und Weiterentwicklung der islamischen Tradition übernehmen. 26 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Nachteile zu vermeiden (und so Hoffnungen und Ängste zu adressieren) und Erkenntnis zu gewinnen, die Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft (Taufe, Beschneidung) bzw. die Festigung der Beziehung zu Gott und Gemeinschaft (Kommunion), die innerliche Reinigung (Askese, Pilgerfahrt, Fasten), das Lobpreisen Gottes und der Ausdruck des Dankes gegenüber Gott und dem (oder den) Heiligen. Seele Der Ausdruck Seele hat vielfältige Bedeutungen, je nach den mythischen, religiösen, philosophischen oder psychologischen Traditionen und Lehren, in denen er vorkommt. Teils sehen Religionen auch mehrere Arten von Seelen bzw. Seelenaspekte vor, etwa beim Volk der Akani, im Schamanismus der Jakuten oder im Alten Ägypten. Hier soll Seele als immaterieller, also substanz- und körperloser Teil des Menschen verstanden werden, der als Träger der Identität eines Individuums fungiert. Damit ist die Annahme verbunden, die Seele sei hinsichtlich ihrer Existenz vom Körper und damit auch vom physischen Tod unabhängig und mithin unsterblichii oder löse sich eines Tages in einer übergeordneten, unpersönlichen metaphysischen Realität auf.iii Der Tod wird dann als Vorgang der Trennung von Seele und Körper gedeutet, die Seele als die eigentliche Person oder das Selbst, der vergängliche Körper nur als i Die Akan sind eine Gruppe sprachlich und kulturell verwandter Völker in Westafrika. Sie unterscheiden die folgenden Seelenelemente, die gemeinsam die Seele eines Menschen bilden: Kra (Lebensseele), Nunsum (Persönlichkeitsseele), Sumsum (Schattenseele, der Schatten, den ein Mensch auf die Erde wirft). ii Die individuelle Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist z. B. seit dem 5. Laterankonzil von 1513 durch die Konstitution Apostolici regiminis verbindliche Glaubenswahrheit der katholischen Kirche. Eine vergleichbare Sicht findet sich u. a. im Islam und im Jainismus. In der buddhistischen Lehre kommt eine unsterbliche Seele allerdings nicht vor: Das zentrale Institut der Wiedergeburt beinhaltet keinen Transfer der Seele, sondern ein neues Entstehen unter Weitergabe von Einflüssen aus dem früheren Leben (Karma). iii Im Hinduismus ist das Brahman eine solche unveränderliche, unendliche, immanente und transzendente Realität, die den ewigen Urgrund von allem Existierenden darstellt. Brahman ist ein unpersönliches Konzept vom Göttlichen, das keinen Schöpfer und keinen Lenker beinhaltet, ein Urgrund des Seins, ohne Anfang und ohne Ende. Die Vereinigung mit dem Brahman als ultimatives Ziel des Lebens geschieht nicht etwa durch den Tod, sondern durch Moksha, die Befreiung aus der Kette der Wiedergeburten (Samsara). 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe 27 mangelbehafteter, hinderlicher und vorübergehender Aufenthaltsort und Träger.i Während ihre Herkunft regelmäßig eine untergeordnete Rolle spielt und nicht näher beschrieben wird, ist der Verbleib der Seele nach dem Tod für eine Religion kennzeichnend. Hier wird häufig eine Seelenwanderung mit anschließender Reinkarnation beschrieben, also behauptet, die Seele habe nacheinander in verschiedenen Körpern eine Heimstatt; in anderen wiederum wird die Seele an einen endgültigen Ort verbracht. Wie sich dies im Detail vollzieht, bleibt offen; ausschlaggebend für den künftigen Status sind in jedem Fall ihre Verdienste bzw. Verfehlungen, deren Maßstab durch die Religion vorgegeben wird. Hieraus sollte klar geworden sein, dass der Begriff hier nicht, wie es im heutigen Sprachgebrauch häufig geschieht, in einer Weise verwendet wird, dass er die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge beim Menschen umfasst, also das, was gemeinhin auch als Psyche bezeichnet wird. Die Bezeichnung bezieht sich hier primär auf menschliche Seelen, die ja von unmittelbarerem Interesse sind. Im Hinduismus, Sikhismus und Jainismus findet sich allerdings kein prinzipieller Unterschied zwischen den Seelen von Menschen und denen anderer Lebensformen, insbesondere von Tieren und Pflanzen. Heilige Schrift Wenngleich Religionen auch auf mündlichen Überlieferungen beruhen können, wie dies beispielsweise bei den Religionen der nordamerikanischen Indianer und den afrikanischen Stammesreligionen der Fall ist, sind letztlich alle großen und nachhaltig erfolgreichen Religionen im Besitz von Heiligen Schriften. Hiermit sind solche Texte gemeint, die für eine Religion normativ sind, also ethische, rituelle und andere grundsätzliche Fragen des Glaubens klären. Sie stellen, bei mehreren Schriften in Form eines Kanons, den verbindlichen Kern einer Religion dar. Die Schriften, aus denen häufig bei Gottesdiensten und Ritualhandlungen zitiert wird, sammeln als authentisch geltende Offenbarungen, Überlieferungen, Erzählungen, Liedgut, rechtliche und rituelle Bestimmungen und Weisheitstexte. Zentrale Heilige Schriften sind zum Beispiel der Koran, die Bibel, Tanach und Talmud, i Jedenfalls sofern die Religion keine „Wiederauferstehung im Fleische“ vorsieht. 28 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? der Pali-Kanon des Theravada-Buddhismus, das Guru Granth Sahib der Sikhs, das Nihonshoki des Shintoismus oder die Vedeni. Die Autorität der Heiligen Schriften variiert innerhalb und zwischen den Religionen. So wird dem Koran als unmittelbarem Wort Gottes ein höheres Gewicht beigemessen als der Sunnaii, die gleichwohl zum Kanon der Heiligen Schriften des Islam zählt. Nicht gemeint ist hier die übrige religiöse Literatur, etwa interpretierende und normative Schriften von Gelehrten, wie etwa die Schriften von Augustinus von Hippo, auch wenn diese sehr einflussreich sind und den Stand der Lehre bestimmen oder als Heilige gelten. Diese Abgrenzung ist zugegebenermaßen nicht immer einfach, insbesondere wenn bei alten Texten der Autor nicht hinreichend bekannt ist. Die Bezeichnung als „heilig“ bezieht sich im Folgenden allein auf die Sicht der jeweiligen Religion und soll keine Bestätigung dieser Eigenschaft darstellen. i Sanskrit für Wissen, Heiliges Gesetz. Zunächst mündlich überlieferte, später verschriftlichte Sammlung religiöser Texte im Hinduismus. ii Die aus den Hadithen (überlieferte Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed bzw. von ihm gebilligte Handlungen) gesammelte Übersicht über die Handlungsweise des Propheten, die neben dem Koran die zweite Quelle islamischen Rechts darstellt und deren Autorität im Koran ausdrücklich betont wird. 29 Die Unmöglichkeit, in der ich mich befinde, zu beweisen, dass es keinen Gott gebe, tut mir eben seine Existenz dar. Jean de la Bruyère26 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 3.1 Grundsätzliches zu Wahrscheinlichkeit und Plausibilität Seit jeher wurden rund um den Erdball die Kernfragen nach der Entstehung der Welt und ihrer Ordnung, dem Sinn des Daseins, der Ursache des Leides und danach, was den Menschen nach seinem Tod erwartet, mit Göttern und Religionen beantwortet. Unzählige traten hervor, untrennbar mit der Kultur der Völker verbunden, entwickelten sich fort, wurden ausgetauscht gegen vermeintlich bessere, gingen unter. Mochte auch die Macht des einen oder anderen Gottes infrage gestellt worden sein, die Überzeugung von der Existenz der Götter und göttlicher Ordnungen an sich blieb unberührt. Wissenschaftliche Belege für die Existenz Gottes oder einer göttlichen Ordnung im Sinne von experimentellen Nachweisen, Messungen oder dergleichen wurden bislang nicht vorgelegt. Angesichts der ihnen zugeschriebenen Macht könnte man vielleicht erwarten, dass sich gerade persönliche Götter unmissverständlich manifestierten und jegliche Zweifel an ihrem Dasein ausräumten. Dass dies jedoch allenfalls auf der Ebene persönlicher Erfahrung geschieht, ist für Gläubige wie Klerus zweifellos unbefriedigend, wären doch schlagende Beweise überaus hilfreich bei der Legitimation von Religionen im Allgemeinen und der eigenen im Besonderen: Nur wenn es tatsächlich einen Gott gibt, der zumindest annähernd den eigenen Vorstellungen von ihm entspricht, macht es ja überhaupt Sinn, die mit ihm verbundenen Regeln zu befolgen. In diesem Spannungsfeld setzen Religionen auf eine Doppelstrategie: Zum einen werden Belege und Hinweise für die Existenz Gottes ange- 30 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? führt, die idealerweise stark genug sind, um als Beweise angesehen werden zu können. Zum anderen wird gerade das Gegenteil behauptet, dass nämlich Gott mit den Mitteln der Wissenschaft gar nicht bewiesen werden könne oder solle. Mit diesen Argumenten wollen wir uns im Folgenden auseinandersetzen. 3.2 Logikbasierte Gottesbeweise Bereits in der Antike wurde versucht, die allgemein als real empfundene Existenz Gottes mit den Mitteln von Vernunft und Logik zu belegen. Diese klassischen Gottesbeweise wurden und werden bis heute in vielerlei Varianten angeführt und kritisch diskutiert, von denen wir hier nur die wichtigsten betrachten wollen. Gemein ist all diesen Ansätzen, dass sie, auch wenn es anders beabsichtigt gewesen sein mag und gedanklich ein spezifischer Gott vorausgesetzt wurde, keine Hinweise auf einen konkreten Gott wie den des Christentums liefern, sondern bestenfalls für die Existenz eines göttlichen Wesens an sich. Gleichwohl würde natürlich ein überzeugender Gottesbeweis in diesem Sinne die Existenz auch des jeweils eigenen Gottes deutlich plausibler zu machen. 3.2.1 Gott als erste Ursache: Der kosmologische Gottesbeweis Die verschiedenen Formen des kosmologischen Gottesbeweises gehen davon aus, dass die Welt und ihre Eigenschaften eine Ursache außerhalb ihrer selbst haben müssen. Am klarsten wird der Ansatz in der Form des sogenannten Kausalitätsbeweises: Alles, was in unserer Welt geschieht und existiert, hat eine Ursache. Von den Bestandteilen der Atome bis zu den größten Galaxien des Universums, und natürlich auch unser Planet mit seinen Meeren, Landschaftsformen und Klimata, mit seiner erstaunlichen Diversität von Lebewesen einschließlich ihrer Eigenschaften und Verhaltensweisen: Alles ist durch etwas hervorgebracht worden. Da jede Ursache nach dieser Regel selbst wieder eine Ursache gehabt haben muss, lässt sich eine unendliche Kette von Ursachen und Wirkungen konstruieren. Irgendwann jedoch, so der kosmologische Gottesbeweis, müsse diese Kette notwendigerweise einen Anfang gehabt haben, also eine erste Ursa- 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 31 che. Diese erste Ursache wäre zwangsläufig Gott, die erste Wirkung seine Schöpfung.i In der Tat scheint es der Natur eigentümlich, dass, auch wenn es nicht immer offensichtlich ist, nichts ohne eine Ursache entsteht oder geschieht. Einzige Ausnahme dürfte nach heutigem Wissensstand die Quantenmechanik sein. Sie könnte also bereits reichen, die Beweisführung für falsch zu erklären – doch wollen wir es uns nicht so einfach machen, schließlich könnte notfalls eingewandt werden, dass auch das System der Quantenmechanik eine erste Ursache gehabt haben könnte. Also zurück zum Ursache-Wirkungs-Prinzip: Aufgabe der diversen Disziplinen der Wissenschaft – und hier darf man Geisteswissenschaften wie Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften durchaus miteinbeziehen – ist es, die Ursachen von Phänomenen jeglicher Art zu identifizieren, zu beobachten, zu messen und zu erklären. Dabei ist die Wissenschaft sehr erfolgreich: Auch höchst komplexe Dinge, die vor nicht allzu langer Zeit noch wunderhaft schienen und daher der Schöpfung zugeschrieben wurden, sind heute überzeugend erklärt. Zu denken ist etwa an die Reproduktion von Tieren, Pflanzen und anderen Lebewesen durch die Weitergabe von Genen, an die Entstehung von Bergen und Meeren durch Kontinentalplattenverschiebungen, an die biochemischen und elektrischen Vorgänge im Hirn als Ursache von Gedanken und Gefühlen und natürlich auch an gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen – einschließlich der Entstehung und der Evolution von Religionen. Das Prinzip, dass nichts aus sich selbst heraus entsteht, sondern alles eine Ursache haben muss, hat sich damit stets bestätigt. Als direkte Konsequenz ist für immer weniger eine metaphysische oder religiöse Erklärung die einzig verfügbare. Auch wenn die Wissenschaft mit jeder neuen Erkenntnis wieder neue Fragen aufwirft, kann man mit Recht sagen, dass für faktisch alles, was in Antike und Mittelalter noch magisch oder unerklärbar zu sein schien, nachvollziehbare und plausible Ursachen i Andere Varianten des kosmologischen Gottesbeweises folgen der gleichen Argumentationsstruktur: Der sogenannte Bewegungsbeweis folgert aus der Existenz von Bewegung und der Beobachtung, dass alles Bewegte nicht aus sich heraus, sondern von etwas anderem bewegt wird, dass es einen ersten Beweger (= Gott) geben müsse, von dem die Bewegung ihren Ausgang nahm. Der sogenannte Kontingenzbeweis stellt fest, dass es nichtnotwendig Seiendes gibt, das genauso gut nicht sein könnte. Dies sei nur damit erklärbar, dass es seine Existenz einem anderen Sein verdankt. Wenn dies für alles Seiende gilt, müsse es am Anfang der Kette ein aus sich heraus Seiendes (= Gott) geben, von dem alles Seiende abhängig ist. 32 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? und Erklärungen gefunden wurden. Damit ließen sich auch Phänomene erklären, die zuvor noch Gott als erster Ursache zugeschrieben wurden. Besonderen Einfluss hatte dabei die Evolutionstheoriei, die die Entwicklung aller Lebewesen (einschließlich der Gattung Mensch) umfassend erklärt und empirisch belegt und damit die Schöpfungsmythen vieler Religionen ins Reich der Fabeln verweist. Hiermit tun sich religiöse Menschen teils noch immer schwer: Während Papst Benedikt XVI., der noch in seiner Predigt zur Amtseinführung behauptete: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes“27, später immerhin doch zu der Erkenntnis gelangte, Evolution und Schöpfung seien kein Gegensatz,28 obwohl die katholische Kirche weiterhin einen ungelenkten Evolutionsprozess verneint,29 halten christliche Kreationisten und weite Teile der islamischen Welt am Wortlaut der Heiligen Schrift fest.ii Da Koran und Bibel über jeden Zweifel erhaben seien, so ihre Auffassung, müsse eine ihnen widersprechende wissenschaftliche Theorie schlicht falsch sein. Dies führt teils zu abstrusen Verschwörungstheorien wie jener des türkischen Publizisten Harun Yahya,30 der den Darwinismus kurzerhand für Weltkriege, Faschismus und Kommunismus verantwortlich macht, oder zu der „Omphalos-Hypothese“ amerikanischen Kreationisten. Diese will das „scheinbare“ Alter beispielsweise von Bergen und Fossilien damit erklären, dass Gott die Welt vollständig und mit allen Anzeichen auch des Alters diverser Bestandteile geschaffen habe – es gebe daher keine Evidenz, dass das Alter der Erde tatsächlich so sei, wie die Wissenschaft es behauptet. Diese Erklärung würde vermutlich auch im orthodoxen Judentum Gefallen finden, das die Schöpfung exakt auf das Jahr 3760 v. Chr. datiert.31 Warum Gott sich die Mühe gemacht haben sollte, Fossilien in tiefe, unzugängliche Gesteinsschichten abzulegen, bleibt aber ihr Geheimnis. Die modernen christlichen Theologien bemühen sich vernünftigerweise und nicht ohne Erfolg, den Widerspruch zwischen Schrift und i Die Bezeichnung als Theorie bedeutet nicht, dass diese nicht belegt sei. Eine Theorie ist – im Gegensatz zu einer reinen Hypothese – ein empirisch belegtes Kausalsystem, das verifiziert und falsifiziert und auch durch eine neue Theorie ersetzt werden kann. In diesem Sinne besteht die gesamte Wissenschaft aus Hypothesen und Theorien, die in der Regel aber empirisch hinreichend belegt sind, also „funktionieren“. ii Laut einer Studie aus 2008 glauben weniger als 20 % der Erwachsenen in Indonesien, Malaysia und Pakistan, dass Darwins Theorie wahr oder möglicherweise wahr sei, und nur 8 % in Ägypten (siehe Bénabou 2013, S. 10). 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 33 konträren wissenschaftlichen Erkenntnissen durch eine möglichst weite metaphorische oder allegorische Interpretation zu neutralisieren. Wenn nun aber praktisch alles wissenschaftlich erklärt wurde oder zumindest im weiteren Forschungsprozess erklärbar scheint, so bleiben für den kosmologischen Gottesbeweis im Wesentlichen nur noch zwei Angriffspunkte: Das eine ist die Entstehung des Lebens aus nicht lebender Materie. Hierfür ist in der Tat bislang noch keine überzeugende Erklärung gefunden worden. Mit Blick auf die bisherigen Erfolge der Wissenschaft scheint jedoch die Hoffnung, dass sich eine solche noch finden wird, nicht völlig unberechtigt. Auch wenn man durchaus zu Recht einwenden mag, dass das initiale Ereignis der Entstehung des Lebens für sich genommen höchst unwahrscheinlich ist, musste es doch nur ein einziges Mal gesehen. Angesichts der zahllosen auf der Erde ablaufenden chemischen und physikalischen Prozesse ist es dann doch nicht mehr so unwahrscheinlich – und schließlich ja auch geschehen. Der andere Punkt ist die Entstehung des Universums selbst – die Schöpferaufgabe schlechthin. Zwar gibt es mit der Big-Bang-Theorie einen anerkannten Erklärungsansatz, aber es bleibt ja die Frage nach dem Auslöser, nach der Ursache des Big Bangs, dem Startschuss zu unserem Universum. Woher stammt etwa die hierfür erforderliche Materie oder Energie, was löste den Big Bang aus, was war vor ihm? Hier sind wir derzeit noch im Bereich des Spekulativen. Deshalb setzen heute wie vor zweitausend und mehr Jahren Theologen an diesem Punkt an und nominieren Gott als Initiator: Irgendetwas muss der erste Auslöser von allem sein, und dies kann nur Gott sein. Alle bisherigen wissenschaftlichen Entdeckungen haben also lediglich auf den Kern des kosmologischen Gottesbeweises hingeführt, ihn sogar in seiner zentralen Annahme bestätigt. Dies scheint ein hübscher Kompromiss, um Wissenschaft und Religion zu versöhnen und mit einem harmonischen Unentschieden aus Streitgesprächen hervorzugehen. Doch das wäre vorschnell. Denn zum einen ist die Reduktion der Gottesrolle auf den Initiator und Schöpfer des Universums eine erhebliche Verringerung seines Einflusses und seiner Macht – schließlich wurden in einer rein ursachengetriebenen Welt mit der Schöpfung ja bereits alle Naturgesetze und Ursachen geschaffen. Von jenem Zeitpunkt an hätte sich die gesamte weitere Entwicklung des Universums zwangsläufig entsponnen, eine Notwendigkeit für weiteres göttliches Eingreifen bestünde nicht. Wenn im Urknall im Grundsatz bereits alles enthalten war, das Schicksal also letztlich vorbestimmt oder 34 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? zumindest nicht mehr beeinflussbar ist, hätte Gott nach der Schöpfung keine Aufgabe mehr und wohl auch kein tiefer gehendes Interesse an der Spezies Mensch. Ein solcher Gott wäre mithin in jeder Hinsicht belanglos und nicht mehr als ein Label für das Unbekannte, ohne es wirklich zu verstehen. Auch wird das Problem der Ursache nicht gelöst: Wenn Gott die Entstehung der Welt ausgelöst hat, wie ist dann Gott entstanden? Die traditionelle Antwort der Theologie,i Gott sei eben schon immer dagewesen, kann hier nicht befriedigen. Nicht nur lässt sich diese Behauptung nicht belegen, es wird auch die Ursprungshypothese, dass alles eine Ursache habe, damit ad absurdum geführt. Das, was durch die Argumentation bewiesen werden soll, soll durch das Aussetzen eben dieser Argumentation belegt werden. Dann könnte man mit dem gleichen Recht auch fragen: Wenn Gott aus sich heraus sein kann, warum dann nicht auch die Welt? Dass viele Gläubige an der im kosmologischen Gottesbeweis repräsentierten Idee festhalten, dürfte neben der intuitiven Verständlichkeit des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs vielleicht damit zu erklären sein, dass die Ernennung des Unbekannten zum Gott eine ideelle Verbindung mit dem Bild des von ihrer Religion her bekannten persönlichen Gottes suggeriert: Wenn die Schöpfung durch einen ansonsten nicht weiter beschriebenen Gott erfolgt ist, dann muss oder zumindest kann auch der christliche oder islamische Gott real sein, dem die Schöpfung ja durch die Heiligen Schriften zugeschrieben wird. Dies strapaziert die Idee allerdings erheblich – die Schaffung einer Welt ist schließlich eine völlig andere Disziplin als die intensive Beschäftigung mit dem Verhalten einer einzelnen Lebensform im unendlichen Raum. Insofern würden allenfalls reine Schöpfergötter wie Brahma, deren Aufgabe mit der Erschaffung der Welt abgeschlossen ist, mit dem kosmologischen Beweis übereinstimmen; daraus folgen würde er jedoch nicht. Selbst wenn man also diesen Gottesbeweis für tragfähig hielte, sagte er nichts über Existenz, Anzahl und Persönlichkeit der Götter und erst recht nichts über den Wahrheitsgehalt einzelner Religionen aus. Die kosmologische Argumentation wirft darüber hinaus die Frage auf, warum Gott überhaupt die Welt geschaffen hat. Dass ein bereits vollkommenes Wesen – und als solches verstehen wir ja Gott nicht nur in den i Das gilt nicht nur für die abrahamitischen Religionen; auch im Hinduismus heißt es aus dem Munde Krishnas selbst: „Aus dem Nichtsein entsteht kein Sein und nicht wird Nichtsein aus dem Sein“ (2. Gesang, Vers 16), und: „Nie gab es eine Zeit, da ich nicht war“ (2. Gesang, Vers 12). 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 35 monotheistischen Religionen – Grund dazu gehabt haben sollte, fand bereits der griechische Philosoph Epikur seltsam: „Sollen wir wirklich glauben, er erfreue sich an der bunten Vielfalt, mit der wir Himmel und Erde geschmückt sehen? Was soll das für ein Vergnügen für einen Gott sein? Wenn es wirklich eines wäre, dann hätte er nicht so lange darauf verzichten können.“ 32 Gäbe es hierfür plausible Erklärungen – dass man solche findet, ist ja nicht ausgeschlossen –, wären wohl auch deren Ursachen wieder offen. In jedem Fall ist völlig unklar, wozu es einer derart gigantischen Kulisse für die winzige irdische Bühne bedarf. Wenn das Universum mehr Sonnen beherbergt, als es Sandkörner an allen Stränden und in allen Wüsten der Erde gibt33 – ein wenig überdimensioniert wäre die Schöpfung dann schon für unseren kleinen Planeten.i Vielleicht ist aber auch die Frage nach dem Vorher des Big Bang irreführend oder in sich falsch. Wenn Astrophysiker den Big Bang als das Ereignis verstehen, bei dem Raum und Zeit erst entstanden (hier kommt zugegebenermaßen die menschliche Vorstellungskraft an ihre Grenzen), ist die Frage sinnlos. In der Tat ist völlig unklar, ob das Kausalitätsprinzip im Anfang von Raum und Zeit überhaupt Gültigkeit besaß. Der Astrophysiker Stephen Hawking stellte fest: „Erste Tastversuche auf dem Weg zu einer konsistenten Theorie der Quantengravitation legen nahe, daß das Universum zwar in einem heißen Urknall entstanden ist, die Raumzeit aber keine ‚Grenze‘ haben könnte und keinen ‚singulären Rand‘“. In diesem Fall wäre das Universum „völlig in sich abgeschlossen und keinerlei äußeren Einflüssen unterworfen. Es wäre weder erschaffen noch zerstörbar. Es würde einfach SEIN.“34 Eine konsistente Beschreibung der Entstehung der Welt im Rahmen der Kategorien von Raum und Zeit wäre folglich unmöglich. Will man dennoch am Prinzip von Ursache und Wirkung festhalten, wäre ein Gott nur eine vorstellbare Option von vielen, die aber keineswegs plausibler wäre als etwa eine physikalische. Insgesamt ist der i Es sei denn natürlich, es gäbe noch weitere Planeten mit intelligentem Leben. Dies würde allerdings andere folgenschwere Fragen aufwerfen. Als Christ müsste man sich beispielsweise fragen, ob auch auf anderen Planeten ein Gottessohn für die Sünden der Außerirdischen gestorben sei und ob die gleichen Ge- und Verbote gelten wie auf der Erde. 36 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? zunächst intuitiv einleuchtende kosmologische Beweis also in mehrerer Hinsicht fragwürdig und kann nicht überzeugen. Zur Abrundung sei darauf hingewiesen, dass, für manchen gewiss überraschend, ein Schöpfergott gar kein notwendiger Bestandteil von Religionen ist. So lehnen etwa der Buddhismus, der Jainismus und auch ein Teil der mit dem Hinduismus verbundenen Samkhya-Philosophie diese Idee rundweg ab.35 Auch in der islamischen Theologie würde der kosmologische Gottesbeweis aufgrund des vorherrschenden Okkasionalismus weniger gut verfangen. Dieser leugnet aufgrund der uneingeschränkten Allmacht Gottes jede andere Urheberschaft und Ursächlichkeit als die Gottes: Alles was in der Welt geschieht, wird in eben dem Augenblick, da es geschieht, von Gott geschaffen, und nur die Gewohnheit Gottes, bestimmte Schöpfungsakte immer wieder in derselben Reihenfolge stattfinden zu lassen, erweckt in uns die Illusion eines Zusammenhangs von Ursache und Wirkung.36 Fällt ein Gegenstand zu Boden, läge dies mithin nicht an der Gravitationskraft, sondern wäre ein bewusster Akt Gottes. Wissenschaft wäre so gleichsam ihres Wahrheitskerns beraubt und nicht mehr als eine Prognose des göttlichen Willens. 3.2.2 Wirken durch Ordnung: Der teleologische Gottesbeweis Als im 17. Jahrhundert die von der wissenschaftlichen Forschung produzierten Erkenntnisse immer mehr Menschen beeindruckten, fiel auf, dass die Welt hervorragend geordnet schien. Das Zusammenspiel der Planeten in unserem Sonnensystem, der ihrer jeweiligen Umgebung perfekt angepasste Bau von Pflanzen und Tieren und überhaupt die glückliche Verteilung aller Dinge über die Erde, die es allen Arten einschließlich des Menschen möglich machen, zu überleben – diese Ordnung umfasste offensichtlich alles von der mikroskopischen Ebene bis zum Universum selbst. Hieraus entwickelte sich das teleologischei Argument: Wenn alles in der Welt derart perfekt zusammenpasst und wirkt, kann diese allumfassende Ordnung nicht zufällig entstanden, sondern muss geplant worden sein. Wenn es aber einen Plan gibt, so muss es auch jemanden geben, der diesen Plan entworfen und umgesetzt hat – so wie eine Uhr, ein Handy i Der Begriff Teleologie (aus altgriechisch télos = Zweck und logos = Lehre) ist die Lehre, dass Handlungen und Entwicklungsprozesse an Zwecken orientiert sind und durchgängig zweckmäßig ablaufen. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 37 oder ein Flugzeug auch nicht zufällig entstanden sein können, sondern bewusst geplant, entwickelt und hergestellt worden sind. Wenn es um die Welt insgesamt geht, kann angesichts der Dimension des Plans nur Gott der Planer und Ordner sein – folglich wäre die Existenz Gottes bewiesen. Dieser Ansatz hat für viele Gläubige durchaus Charme. Sowohl die monotheistischen Religionen als auch der Hinduismus mit seiner geordneten Arbeitsteilung des Schöpfers Brahma, des Erhalters Vishnu und des Zerstörers und Erneuerers Shiva sind damit problemlos vereinbar. Er lässt sich jedoch auf verschiedenen, aufeinander aufbauenden Ebenen angreifen.37 Zunächst muss man feststellen, dass die Analogie zwischen der natürlichen Ordnung und Produkten wie einem Handy als Ergebnis menschlichen Planens bestenfalls oberflächlich ist. Wenn man sie gleichwohl akzeptiert, wird rasch offenbar, dass es bessere Erklärungen gibt: Die Newton’schen Gesetze erklären die Planetenbewegungen und die Evolutionslehre die Herkunft und Entwicklung der Arten mit ihren speziellen Eigenschaften, ja selbst ihrem Verhalten. Letztlich sind es also mittlerweile gut verstandene und belegte Naturgesetze, die zwangsläufig – eben gesetzmäßig – das hervorbringen, was man als Ordnung empfindet. Hier könnte der Verfechter des teleologischen Arguments nun einen Schritt zurücktreten und klugerweise einwenden, dass Gott vielleicht nicht die Ordnung an sich hervorgebracht hätte, aber doch eben genau jene Naturgesetze, die, wie wir gerade festgestellt haben, die Ordnung generieren. Wollte man dem folgen, so bedarf es allerdings einer Erklärung des postulierten Gottes. Da dieser ja ebenfalls eine Art von Ordnung darstellt, müsste erklärt werden, wer denn den Planer geplant bzw. den Ordner geordnet hat. Da hierauf schlechterdings keine Antwort gegeben werden kann, bleibt dem Unterstützer des teleologischen Arguments nur noch die gleiche Ausflucht wie dem des kosmologischen: Gott sei schon immer da gewesen, er sei also die Ausnahme von der Regel. Erneut soll also ein Verstoß gegen die Regel die Regel erklären – das kann logisch nicht überzeugen. Wenn man gleichwohl noch immer eine göttliche Herkunft der Ordnung akzeptiert, so wird ihr moralisches Element durch das Übel in der Welt in Zweifel gezogen.i Das heißt, der ordnende Gott ist noch lange kein guter und gerechter Gott – was jedoch dem Kerninhalt vieler Religionen widerspricht. Und selbst wenn wir auch das akzeptierten, wäre die Hypothese ohne konkreten Nuti Mehr zu diesem sogenannten Theodizee-Problem in Kapitel 7. 38 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? zen: Denn die theistische Hypothese „erklärt spezifische Phänomene nicht differenziert in der Weise, wie es geglückte naturwissenschaftliche Hypothesen tun. Sie erklärt nicht, weshalb die Phänomene gerade so und nicht anders sind.“38 Angesichts dieser Kaskade von Einwänden wird das teleologische Argument – von Beweis können wir ja nicht mehr reden – von christlichen Theologen kaum noch verwendet. In der kreationistischen „Theorie“ des Intelligent Design, die die kosmologische und teleologische Argumentation verbindet, ist die Idee eines göttlichen Plans bzw. einer göttlichen Urheberschaft allen Seins aber weiter populär. Das zentrale Argument besagt, Evolution sei nicht in der Lage, die Entstehung komplex aufgebauter und optimal an ihren Einsatzzweck angepasster Organe und Lebewesen zu erklären (also die scheinbar perfekte Ordnung auf dieser Ebene). Zwischenstadien etwa eines Flügels oder Auges wären nutzlos, diese Organe wären unreduzierbar komplex und nur in der aktuell vorkommenden Form verwendbar. Hierbei kann entweder so argumentiert werden, dass es höchst unwahrscheinlich, ja unmöglich sei, dass derart komplexe, aber funktionierende Organe durch reinen Zufall entstünden, oder dass die Evolution gemäß der eigenen Lehre nur solche Eigenschaften hervorbringe, die einen selektiven Vorteil gewähren und solche Zwischenstadien, weil nutzlos, nicht durchsetzungsfähig wären. In jedem Fall wäre die Existenz solcher unreduzierbar komplexen Organe nur durch einen göttlichen Schöpfer erklärbar. Der erste Ansatz sitzt dem Missverständnis auf, Evolution sei ein Zufallsprozess. Zwar geht sie blind und ungesteuert vor, aber keineswegs zufällig, sondern durch das Prinzip der natürlichen Selektion, des Ausrichtens an den konkreten Anforderungen der Lebensumgebung. Der zweite Ansatz ignoriert dagegen, dass es keineswegs eines komplett ausgebildeten Organs bedarf, um hieraus einen selektiven Vorteil zu erlangen. Auch ein rudimentäres Auge oder ein Flügelansatz bringen bereits Vorteile; Letzterer kann unter Umständen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, wenn ein Tier von einem Baum stürzt.i Durch die Macht der Akkumulation von kleinsten Änderungen über die Jahrtausende hinweg entstehen dann auch sehr komplexe Organe und Lebewesen. i Auch die menschlichen Organe sind ja nicht die Krone der Schöpfung; z. B. sehen Greifvögel sehr viel besser als der Mensch, ohne dass deshalb das menschliche Auge nutzlos wäre. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 39 Der britische Biologe Richard Dawkins, der in „The God Delusion“ die Argumentation der Kreationisten mit den gerade beschriebenen Einwänden zurückweist, glaubt in eben dieser Widerlegung sein Hauptargument gegen die Existenz Gottes oder zumindest für seine extreme Unwahrscheinlichkeit gefunden zu haben. Es lässt sich angenehm kurz zusammenfassen: „The whole problem we started (…) out with was the problem of explaining statistical improbability. It is obviously no solution to postulate something even more improbable.“39 Denn um die hohe Komplexität der Welt zu schaffen und zu erhalten, müsste der Planer und Schöpfer noch komplexer sein – und wäre damit noch unwahrscheinlicher als eine Zufallslösung. Der Theologe Klaus von Stosch wendet hingegen ein, die theologische Tradition vertrete einhellig die Überzeugung, dass Gott das allereinfachste Wesen sei. Unverbildete Gläubige würden daher vermutlich der Auffassung sein, dass es eine deutlich einfachere Annahme ist, Gott als Ursache der Welt zu betrachten, als von einem Nichts auszugehen. Gott sei im Gegenteil eine besonders einfache und elegante Antwort.40 Dem hält Dawkins entgegen: „A God capable of continuously monitoring and controlling the individual status of every particle in the universe cannot be simple.“41 In der Tat muss man die Vorstellungskraft und den Wortbegriff selbst schon ein wenig strapazieren, um ein allmächtiges, allwissendes, ubiquitäres Wesen, das eine extrem komplexe Welt geschaffen haben soll, als einfach zu betrachten. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass die Diskussion von Einfachheit versus Komplexität bei einem generischen Konzept wie dem Gottes eine abschließende und vor allem Theologen und Gläubige überzeugende Antwort zu geben vermag. Dawkins’ Argumentation scheint ohnehin nur nachvollziehbar, solange man Schöpfungsglauben und Evolution als Wettbewerber sieht. Diese Sicht wird in weiten Teilen von Islam und Christentum sicher noch geteilt. Richtig ist aber auch, dass dies „zumindest für die wissenschaftliche Theologie in Deutschland sicher nicht stimmt.“42 Wenn man stattdessen eine Arbeitsteilung befürwortet, die das „Wie des Gewordenseins der Welt“ den Naturwissenschaften überlässt, während sich das theologische Anliegen darauf richtet, „warum eigentlich etwas ist und nicht vielmehr nichts“,43 wäre die Diskussion über Komplexitäten auf den ersten Blick obsolet. Mit diesem taktische Rückzug aus lange Zeit besetztem Gebiet 40 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? scheinen sich die Theologen aber ihrer Verantwortung zu entziehen: Wer Gottes Wirken auf den Menschen im Hier und Jetzt postuliert, muss auch etwas über das Wie sagen. 3.2.3 Gott kann nur existierend gedacht werden: Der ontologische Gottesbeweis Die Ontologie (vom altgriechischen Wort für „Sein“) ist eine Disziplin der theoretischen Philosophie, die sich mit der Einteilung des Seienden und den Grundstrukturen der Wirklichkeit befasst. Beim ontologischen Gottesbeweis soll allein durch das Denken eines Gottesbegriffs, also durch seine logische Stimmigkeit, Gottes reale Existenz nachgewiesen werden. Schon diese Beschreibung lässt ahnen, dass es sich dabei um eine höchst anspruchsvolle Aufgabe handelt, die Theologen und Philosophen über Jahrhunderte intensiv beschäftigt hat. Die früheste uns bekannte und vielleicht smarteste Version des ontologischen Gottesbeweises stammt von Anselm, Bischof von Canterbury (1033 – 1109). Anselm wandte sich darin an einen fiktiven Gegner, den Toren, der meine, es gebe keinen Gott, und macht sich daran, ihm die Widersprüchlichkeit dieses Denkens vor Augen zu führen. Seine Beweisführung lautet wie folgt: 1. Gott ist das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. 2. Wenn das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, nur im Verstand (also in der menschlichen Vorstellung) existiert, dann ließe sich etwas Größeres denken. Denn etwas, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, das auch noch in der Realität existiert, ist größer. 3. Der Gedanke eines bloß gedachten „worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ ist also widersprüchlich. Folglich muss Gott als existierend gedacht werden. 4. Damit ist die Existenz Gottes bewiesen. Anselm meint also kurz gesagt, dass die Definition Gottes als das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, nur widerspruchsfrei nachzuvollziehen ist, wenn Gott existiert. Diese Beweisführung weist allerdings gravierende Schwächen auf. Wir wollen darüber hinwegsehen, dass „Größe“ ein sehr schwammiges und in Bezug auf einen Gott wenig aussagekräftiges Etikett ist, und verstehen hier 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 41 groß – gewiss im Sinne Anselms – als vollkommen und machtvoll. Ob dies bereits ausreicht, Gott zu charakterisieren, darf man allerdings bezweifeln. Und dass angesichts der Mängel der Schöpfung diese Vollkommenheit in der Praxis nicht wirklich offensichtlich ist, wie wir in Kapital 7 sehen werden, dürfte bereits ein bedenkenswerter Einwand sein. Eine tiefer gehende Kritik stammt von Immanuel Kant.i Er wendet ein, dass Existenz gar keine Eigenschaft sei, die Größe verleiht; sie sei überhaupt keine Eigenschaft. Im Gegenteil sei Existenz lediglich die Voraussetzung dafür, um einem Objekt Eigenschaften wie die der Größe zuzusprechen. „Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wieviel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die Existenz zu erteilen.“44 Der britische Philosoph John Leslie Mackie wählt einen nicht weniger spitzfindigen, aber vielleicht überzeugenderen Einwand.45 Er argumentiert, dass im reinen Denken des Gottesbegriffs ja gar nicht die Nichtexistenz Gottes inbegriffen wäre, wie Anselm das voraussetzt. Es wäre in der Tat widersprüchlich, ein nicht existierendes Wesen zu denken, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann – aber das sei ja hier gar nicht der Fall. Insofern wäre die tatsächliche Existenz auch kein Widerspruch. Dies erscheint in sich stimmig und sollte Anselm zum Grübeln bringen. Die Schwäche dieses Beweises ist jedoch möglicherweise auch ohne derartige Begriffsverwirrung zu erkennen. Der Religionskritiker David Hume befand, es handele sich beim Denken lediglich um einen Bewusstseinszustand. Die reale Existenz sei aber ein davon unabhängiges Ereignis, das durch keinen Bewusstseinszustand herbeigeführt werden könne. Einfacher formuliert: Die reine Möglichkeit des Denkens, gleich was der Gegenstand sein mag, hat keinerlei praktische Folgen für die Existenz eines Objekts außerhalb des Verstandes. Hogwards, Walhall und die Jedi- Religion sind zwar in großer Detailtiefe in unserem Denken verankert, existieren aber eben doch nur – ob man will oder nicht – in der Imagination. Hier hilft ein Blick in die Neurowissenschaften: Wenn wir jeden Gedanken als eine Hirnaktivität verstehen – und was anderes könnte es sonst sein? –, dann können wir ja nicht im Ernst erwarten, dass die bioi Immanuel Kant (1724 – 1804), deutscher Philosoph der Aufklärung und einer der bedeutendsten Vertreter der abendländischen Philosophie. Sein Werk „Kritik der reinen Vernunft“ kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie. 42 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? chemischen Prozesse in unserem Kopf die Existenz von Dingen außerhalb unserer selbst herbeiführen können. Insofern sind unsere Gedanken für die Frage der Existenz Gottes belanglos. Dem könnte allenfalls entgegengehalten werden, dass es nicht das Denken sei, das der Realität etwas auferlege, sondern „dass umgekehrt gerade die Wirklichkeit Gottes es ist, die dem Denken diese Notwendigkeit auferlegt.“46 Dies ist allerdings eine unbelegbare Hypothese, die wiederum die Existenz Gottes voraussetzt und damit in einen Zirkelschluss führt. Nach Anselms Definition wäre übrigens auch ein maximal böse gedachter Gott noch schrecklicher, wenn er existierte – seine Existenz wäre damit bewiesen. Der „Beweis“ lässt sich also in jede Richtung verwenden. Interessanter ist aber vielleicht der Widerspruch zwischen der postulierten Vollkommenheit Gottes und seinem Handeln: Für Epikur stand fest, dass die Götter in höchster Glückseligkeit leben und damit bereits alles hierfür Erforderliche und Wünschbare besitzen – sonst wäre dieses Glück ja unvollkommen. Daraus leitet er ab: „(…) die Gottheit handelt nicht, ist in keine Geschäfte verwickelt, baut keine Werke auf, freut sich an ihrer Weisheit und Tugend und hat die Gewissheit, dass sie stets im Besitze der größten und ewigen Lustempfindungen sein werde. Diesen Gott werden wir mit Recht glückselig nennen, den euren (stoischen) aber einen von Arbeit geplagten.“ 47 Ein solcher sich selbst genügender Gott könnte mit gutem Grund als vollkommen und damit groß bezeichnet werden, wäre dann allerdings inkompatibel mit dem von Anselm, der ja der christliche, den Menschen zugewandte Gott ist. Man sieht: Die ohnehin nicht tragfähige Argumentation führt keineswegs notwendig zum christlichen Gott oder überhaupt zu einem Gott der bekannten Religionen, sondern eher davon fort. 3.2.4 Gott als Postulat der praktischen Vernunft: Der moralische Gottesbeweis Der Philosoph Immanuel Kant verwarf die in den vorigen Kapiteln beschriebenen Gottesbeweise in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ nicht nur allesamt, sondern auch gleich die Möglichkeit kosmologischer, teleologischer und ontologischer Gottesbeweise. Stattdessen entwickelte 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 43 er einen eigenen Ansatz, bei dem er von einem allgemeinen „Sittengesetz“ auf die Notwendigkeit eines göttlichen Gesetzgebers schließt. Kant sieht den Menschen einer universellen, das heißt allen Menschen gemeinsamen und unbedingten Moral verpflichtet. Diese Moral, die wir auch mit den Begriffen des Gewissens oder Verantwortungsgefühls assoziieren, ist schlicht vorhanden und steht aus seiner Sicht außer Frage. Gleichzeitig strebt der Mensch aber auch nach Glück bzw. Glückseligkeit. Moralischer Anspruch einerseits und Streben nach Glück andererseits geraten aber zuweilen in unauflösbare Widersprüche. Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn die Moral verlangt, einen kranken Familienangehörigen zu pflegen, und damit der eigenen Karriere oder dem Wunsch nach einem sorgenfreien Leben entgegensteht. Wenn moralisches Handeln aber dem Glücksstreben zuwiderläuft und dennoch als vernünftig angesehen werden können soll, muss dieses Handeln sinnvoll und mit der Ordnung der Natur vereinbar sein. Der Widerspruch wäre nur dann überwunden, moralische und natürliche Ordnung wären nur dann vereinbar, wenn sie den gleichen Ursprung haben. Es bedarf also um der Vernunft willen dieses gemeinsamen Ursprungs – und damit meint Kant Gott – sowie der Unsterblichkeit der Seele, damit der Mensch diese Übereinstimmung beider Ordnungen zumindest im Jenseits erfahren kann.48 Konkreter: Wenn die Moral in uns fordert, das Gute zu tun, statt nur nach diesseitigem Glück zu streben, so muss es für die sittliche Persönlichkeit einen gerechten Lohn im Jenseits geben. Es geht Kant also nicht darum, tatsächlich die Existenz Gottes zu beweisen – er versteht, dass dies nicht möglich ist –, sondern darum, sie aus rein praktischen Erwägungen zu akzeptieren, um die für ihn so wichtige Moral als etwas konstruieren zu können, das auch individuell vernünftig ist. Kants Argumentation ist auf den ersten Blick stringent und logisch. Doch bereits die zentrale Annahme, nämlich die Existenz eines Sittengesetzes, also einer allgemeinen Moral, müssen wir in Zweifel ziehen. Dabei brauchen wir gar nicht so weit zu gehen und einzelne gewissenlose Verbrecher und Soziopathen als faktischen Gegenbeweis heranzuziehen – hier könnte es sich ja auch um krankhafte Einzelfälle handeln. Doch auch wenn wir übereinkommen, dass viele moralische Vorstellungen kulturübergreifend vorkommen, dürfte es sich doch als schwierig erweisen, hieraus eine universelle Weltmoral zu konstruieren. Kulturelle und religiöse Traditionen divergieren in der Praxis schlicht zu sehr. Während beispielsweise sexuelle Interaktion unter anderweitig Verheirateten in vielen 44 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Ländern schwerwiegende, ja tödliche Konsequenzen haben kann, gehört dies in Frankreich zur Lebensart. Während das Töten Unschuldiger jenseits kriegerischer Akte und solcher der Selbstverteidigung in unseren Breiten als inakzeptabel gilt, widerlegen weitverbreitete Phänomene wie Blutrache, Ehrenmorde oder das Töten weiblicher Föten und Säuglinge die Annahme gleicher moralischer Werte. Auch die sich über die Zeit wandelnden Moralvorstellungen widersprechen der Annahme Kants: Aufklärung, Humanismus und Menschenrechte haben diese fundamental verändert – zu ihrer Zeit völlig akzeptable Dinge wie Gladiatorenkämpfe und Sklavenhaltung sind dies heute im Allgemeinen nicht mehr. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es den Widerspruch zwischen Moral und Glücksstreben tatsächlich gibt. Man könnte mit einigem Recht behaupten, dass ein reiner Altruismus, also eine echte Selbstaufgabe schlicht nicht vorkommt, weil es gar nicht möglich wäre, gegen den eigenen Willen zu handeln. In einer schwierigen Situation mag es sein, dass alle Alternativen unschön sind; der Mensch ist gleichwohl in der Lage, diejenige zu wählen, die ihm das geringste Leid bzw. die geringste Beeinträchtigung seines Glückes verspricht. Wenn die Gewissensbisse oder die soziale Ächtung schwerer wiegen als die Mühen, den bedürftigen Familienangehörigen zu pflegen, wird bei der Entscheidung für das Pflegen also nicht das Glücksstreben konterkariert, sondern im Gegenteil exekutiert – die Rahmenbedingungen lassen lediglich keine angenehmere Alternative zu. Moralisches Handeln macht dann aber nicht unglücklich, sondern weniger unglücklich als die Alternativen und steht dem Glücksstreben mithin nicht entgegen. Kant geht jedoch auch in der eigentlichen Argumentation fehl, wenn er Gott aus Gründen der praktischen Vernunft als notwendigen Ursprung jener Moral postuliert. Dabei muss man gar nicht in Zweifel ziehen, ob es denn erforderlich sei, dass menschliches Handeln in jedem Einzelfall oder auch nur im großen Ganzen vernünftig sein müsse. Es genügt vielmehr zu erkennen, dass der reine Wunsch nach einer Belohnung des moralischen Verhaltens im Jenseits keineswegs zur Realität desselben führt, ja dass er sogar das scheinbar aus Pflichtbewusstsein Getane zu einer egoistischen, selbstbezogenen, rein durch die Hoffnung auf eine Gegenleistung motivierten Handlung transformiert. Darüber hinaus ist die Notwendigkeit eines Gottes für moralisches Handeln ja bereits empirisch widerlegt. Schließlich gibt es verschiedene atheistische Religionen und auch solche, die ohne das Konzept der Unsterblichkeit der Seele auskommen. Diesen 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 45 und ihren Anhängern zu unterstellen, sie seien weniger moralisch als etwa das Christentum, wäre so anmaßend wie absurd. Auch Agnostiker und religionsfreie Atheisten fallen nicht als durchweg unmoralisch auf. Kants Argument wäre nur dann haltbar, wenn man jedem verantwortungsvoll handelnden Menschen unterstellte, dass ihm sein moralisches Gefühl von einem Gott eingegeben wurde, auch wenn er dessen Existenz leugnet. Dies wird hier allerdings nicht belegt. Ein Beweis ist Kants Überlegung also nicht – lediglich eine Erwägung aus Zweckmäßigkeit, ein nutzenorientiertes Wunschdenken. Dessen ungeachtet ist die Frage nach dem Ursprung von Moral natürlich vollkommen berechtigt. Wenn wir Moral als Handlung verstehen, die auch unmittelbar negative Konsequenzen für den Handelnden haben kann, scheint dies für die Position eines Menschen im Kampf ums Überleben oder andere Vorteile seltsam. Einen Hinweis liefert uns vielleicht die Tatsache, dass unmoralisches Handeln umso häufiger vorkommt, je größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass es unentdeckt bleibt. Die angeblich fest im Menschen verankerte Moral scheint also nicht unabhängig von einer gewissen Aufsicht zu existieren. Dies führt uns zum Kernfehler Kants. Er liegt darin, eine Kosten-Nutzen-Rechnung moralischen Handelns allein auf der Ebene der Einzelperson aufzumachen. Denn was für den Einzelnen nachteilig, ja sinnlos ist, kann sich auf der Ebene einer Gruppe oder Population als großer evolutionärer Vorteil erweisen. Altruistische Handlungen Einzelner können für die Gemeinschaft offensichtlich nützlich sein, ob nun eine Biene bei der Verteidigung des Bienenstocks ihr Leben opfert oder ein Millionär eine gemeinnützige Stiftung gründet. Man muss also der Biene keine Moral unterstellen, sondern es ist hinreichend, das, was wir als Moral empfinden, als evolutionär entstanden zu verstehen. 3.2.5 Verbreitung als Beleg: Der ethnologische Gottesbeweis Die weit überwiegende Zahl der Menschen auf unserem Planeten hängt einer Religion an. Dies ist so und war anscheinend zu keinem Zeitpunkt der Zivilisationsgeschichte anders. Tatsächlich ist wohl keine existierende oder untergegangene Kultur bekannt, die nicht auch mit einer Religion verbunden, wenn nicht untrennbar verwoben ist. Wenn dies aber quasi gesetzmäßig, ja natürlicherweise der Fall ist, so könnte dies als Beleg für die grundsätzliche innere Wahrheit von Religionen angesehen werden: „Denn notwendigerweise ist das wahr, worüber die Natur aller übereinstimmt. 46 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Man muss also bekennen, dass es Götter gibt.“49 Dies sei, so der griechische Philosoph Epikur, „nun so ziemlich nicht nur von allen Philosophen, sondern auch von den Ungelehrten anerkannt.“50 Etwas prosaischer ist der ethnologische Gottesbeweis natürlich nichts anderes als das „Argument der großen Zahl“. Es ist ja eine vielfach erprobte, praktische und überzeugende Lebensregel: Wenn nahezu alle Menschen in Bezug auf eine Sache über einen langen Zeitraum hinweg grundsätzlich die gleiche Meinung haben, etwa dass es gut ist, sich vor Kälte zu schützen oder sich impfen lassen, kann es so falsch nicht sein – die berühmte Schwarmintelligenz, die „Weisheit der Vielen“. Die Korrelation zwischen der Anzahl der Menschen, die hinter einem bestimmten Gedanken stehen, und dessen Wahrheit ist allerdings recht schwach. Jahrhundertelang beteten Menschen die Sonne an, hielten die Erde für flach und das Zentrum des Universums, glaubten an Hexen, Drachen und Werwölfe und dass Malaria durch die „schlechte Nachtluft“ verursacht würde. Heute erkennen wir, dass das, was seinerzeit mangels alternativer Meinungen Allgemeinwissen war, falsch ist, und belächeln jene Ignoranz.i Die Wahrheit lässt sich eben nicht demokratisch ermitteln. Die zentrale Stellung der Religion und die hohe Zahl von Gläubigen in vielen Kulturen können wir also nicht als Beleg für eine innere Wahrheit akzeptieren. Sind sie nicht vielmehr schlicht Ausdruck globaler menschlicher Grundbedürfnisse nach Erklärung, Trost, Schutz und Beistand, nach Regeln des Zusammenlebens und einem Umgang mit der eigenen Sterblichkeit? Ist das erstaunliche Beharrungsvermögen von Religionen nicht vor allem durch Prägung bereits im Kindesalter, die fehlende Auseinandersetzung mit alternativem Denken aufgrund kultureller Abgeschlossenheit und Segregation und nicht zuletzt die nachhaltige Arbeit des von der Religion profitierenden Klerus zu erklären? Die Plausibilität dieser Annahme lässt sich empirisch belegen: Nach dem Fall der DDR, die als sozialistischer Staat eine entschieden areligiöse Erziehung verfolgte, entdeckten in der DDR aufgewachsene Menschen nicht etwa plötzlich den Glauben und wurden zu religiösen Menschen. Dies dürfte auch daran liegen, dass polii Grund zur Überheblichkeit besteht allerdings nicht. Auch heute glauben unzählige Menschen an Astrologie und manch seltsame „Alternativmedizin“. Wer weiß, was man in hundert Jahren von unseren heutigen Ansichten in Klimatologie, Physik oder Medizin halten wird? 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 47 tische Ideologien, Wohlstand, Familie und anderes die genannten Bedürfnisse ähnlich gut wie eine Religion zu bedienen wissen. Angesichts der Unvereinbarkeit der heute führenden Religionen sollten Verfechter des Arguments der großen Zahl auch bedenken, dass sich dieses letztlich gegen ihre eigene Religion richtet. Keine der sogenannten Weltreligionen kann für sich eine globale Dominanz in Anspruch nehmen; der Blick in die Geschichte zeigt einen steten Wandel der „Mehrheitsverhältnisse“, der übrigens in den seltensten Fällen durch spirituelle Erkenntnis bewirkt wurde (Bevölkerungsentwicklung und politische Eingriffe sind hier deutlich relevanter). Dies spräche nach dem Argument der großen Zahl dafür, dass entweder alle großen wie kleinen Religionen ein Stück weit wahr wären (was aufgrund ihrer Unvereinbarkeit zweifelhaft ist) oder alle fehlgehen, da die Mehrheit jeweils anderer Meinung ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass mit steigendem Wohlstand und zunehmender Bildung Religiosität abzunehmen scheint. Wenn aber Geld und Wissen die Überzeugungskraft von Religionen beschädigen, spricht dies nicht für ihre innere Wahrheit. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das Argument trotz seiner Nichtigkeit sowohl von Theisten wie Atheisten weiter mit großer Begeisterung verwendet wird. So wird zum Beispiel wahlweise behauptet, die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler sei religiös oder eben nicht. Dass für diese pauschalen Behauptungen regelmäßig keine Belege vorgelegt werden und es dabei anscheinend keinen Unterschied macht, ob man Theologen an der Al-Azhar-Universität von Kairo, Biologen aus Oxford oder Ökonomen aus Harvard befragt – geschenkt. Hierdurch wird genauso wenig bewiesen wie durch das Aufzählen großer Geister, die der einen oder anderen Richtung zuneigten. Selbst Dawkins war sich nicht zu schade, sich auf mehreren Seiten mit dem vermeintlichen Glauben Albert Einsteins auseinanderzusetzen. Für die eigentliche Frage ist dergleichen schlicht irrelevant. 3.3 Gottesbeweise durch Offenbarung 3.3.1 Heilige Schriften Neben der mündlichen Überlieferung werden Existenz, Charakteristika und Wirkungsweisen sowie Absichten, Anweisungen und Handlungen von Göttern und göttlichen Ordnungen traditionell in Form von Heiligen 48 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Schriften beschrieben. Diese stammen dem jeweiligen Glauben entsprechend unmittelbar von Gott (wie z. B. die leider von Moses zerstörten Steintafeln mit der Bundesurkunde)51, wurden im Rahmen von Visionen und Erscheinungen oder durch göttliche Boten an Propheten übermittelt (z. B. der Koran) oder von Chronisten zusammengetragen, die allerdings nicht notwendigerweise Zeitgenossen von Göttern, Propheten und göttlichen Geschehnissen waren (wie die Veden oder die Bücher des neuen Testaments). In allen Fällen offenbart sich in diesen Schriften das Wesen und der Wille Gottes – so weit der Glaube. Die reine Existenz eines Schriftstücks belegt natürlich nichts. Genauso wenig wie uns die Romanreihe über Harry Potter von der Existenz einer Zauberschule namens Hogwards überzeugt, würden wir der Eddai zubilligen, die Existenz der germanischen Götter bewiesen zu haben. Der Text mag korrekte Informationen über Gott und seinen Willen enthalten, ja das Wort Gottes selbst sein; dass dem tatsächlich so ist, lässt sich jedoch nicht allein anhand des Textes belegen. Solange also nicht erwiesen ist, dass die als solche bezeichneten Heiligen Schriften tatsächlich von Gott stammen oder inspiriert wurden, ist auch Gott nicht auf diesem Wege bewiesen. Descartes52 formulierte dieses Dilemma mit fröhlicher Ironie: „Es ist allerdings richtig, dass man an Gottes Dasein glauben solle, weil die heilige Schrift es so lehrt, und dass umgekehrt man der heiligen Schrift glauben solle, weil wir sie von Gott haben, (…) aber dies kann man Ungläubigen nicht vorhalten, da sie es für einen Zirkelschluss erklären würden.“ 53 Wie soll man also erkennen, was wahre Offenbarung ist? Was unterscheidet die heute als heilig verehrten Schriften von jenen, die nur noch kulturhistorischen Wert haben? Woran will man festmachen, dass der Koran und nicht das wesentlich ältere Mahabharataii die göttliche Ordnung beschreibt? Vor allem der Koran, aber auch andere Heilige Schriften verweisen dazu häufig auf die Schönheit von Sprache, Versen, Struktur und Inhalt. Dass jedoch Attraktivität von Inhalt und Form, so man diese denn i Im 13.  Jahrhundert in Island entstandene Werke mit skandinavischen Götter- und Heldensagen. ii Bekanntestes hinduistisches Heldenepos, gleichzeitig bedeutendes religiöses und philosophisches Werk. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 49 im Einzelfall überhaupt anerkennen möchte, kein Beleg für Wahrheit ist, wird jedem Freund guter Lyrik und Romane geläufig sein. Gerne wird auch angeführt, dass Heilige Schriften historische Begebenheiten korrekt beschreiben und damit auch der übrige Inhalt als wahr angesehen werden müsse oder dass Prophezeiungen enthalten seien, die sich später als wahr erwiesen hätten. Dass die eher unpräzisen Beschreibungen von Ereignissen in Heiligen Schriften historische Grundlagen haben können, ist unbestritten. Ob dies lediglich möglich ist (z. B. eine Überflutung im Zweistromland, die als Sintflut in das Alte Testament einging) oder tatsächlich erwiesen (Kreuzigung von Jesus), ist dabei aber irrelevant. Denn nachprüfbare, auf nicht übernatürliche Tatsachen zurückzuführende Begebenheiten in Teilen einer Heiligen Schrift belegen ja in keiner Weise die Richtigkeit aller anderen Beschreibungen, insbesondere derer mit übernatürlichem Bezug. Bei einem historischen Roman würde man aus historisch korrekten Angaben über Könige und Schlachten ja auch nicht ableiten, dass sämtliche Dialoge des Romans wortwörtlich authentisch sind. Prophezeiungen hingegen, wenn sie nicht gleich in derselben Schrift als erfüllt beschrieben werden, sind fast durchweg derart generisch formuliert, dass es ein Wunder wäre, wenn in den auf sie folgenden Jahrhunderten nicht unzählige Geschehnisse als Erfüllung ihrer selbst hätten interpretiert werden können.i Das ist insofern recht enttäuschend, als ein allwissender Gott, dem die Zukunft bekannt sein muss, durchaus Konkreteres hätte prophezeien lassen können. Hätte eine Heilige Schrift den exakten Termin des Ausbruchs des Krakatau oder den Fußballweltmeister des Jahres 2014 vorausgesagt, ließe man sich eher überzeugen. Insofern verwundert es wenig, dass solche „Beweisführungen“ heute eher bei fundamentalistischen Strömungen der Religionen zu finden sind. Unabhängig vom fehlenden Beleg der göttlichen Herkunft oder Inspiration stellt sich allerdings ein noch wesentlich größeres Problem: Die Authentizität und Vollständigkeit der Dokumente ist nicht selten zweifelhaft oder gar nicht mehr überprüfbar. Recht offensichtlich ist dies für Schriften wie die Veden, die lange nur mündlich weitergetragen wurden und bei denen ein konsolidierender Religionsstifter fehlt, oder das Avesta i Zuweilen wirken solche Texte geradezu frappierend vorausschauend. So finden sich in hinduistischen Schriften Beschreibungen sogenannter Vimanas, selbstfahrender Wagen und Fluggeräte als Transportmittel der Götter. Esoteriker interpretieren dies als Beleg für UFOs oder als Prophezeiung von Autos und Flugzeugen. 50 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? des Zoroastrismus, dessen historischer Umfang nicht vollständig erhalten ist. Bei der Bibel finden sich Probleme gleich auf mehreren Ebenen: Zum Ersten ist bei vielen Dokumenten nichts über die Autoren bekannt. Waren Sie Zeugen der Geschehnisse oder wenigstens Zeitgenossen? Welche Interessen hatten sie, in welchem Auftrag schrieben sie? Man weiß es nicht, seinerzeit war dies wohl nicht von Belang. Und das gilt keineswegs nur für das Alte Testament: „Sieben Schriften des Neuen Testaments sind ursprünglich anonym abgefasst worden (Hebr, 1Joh, Evangelien und die Apostelgeschichte). Die Offenbarung nennt den Autor Johannes (Apk 1,1.4.9). 2Joh und 3Joh sind von einem ‚Presbyter‘ (Ältesten) geschrieben worden (2Joh 1,1; 3Joh 1,1), der den Adressaten offensichtlich unter diesem Titel bekannt war. Alle anderen Schriften des Neuen Testaments benutzen fiktive Verfasserangaben, d. h. die Autoren nehmen die Autorität von Apos teln und anderen führenden Personen der frühen Kirche für ihre Werke in Anspruch. Dieses Phänomen wird als Pseudepigraphie bezeichnet.“54 Ohnehin bewegt sich die Entstehungszeit der neutestamentlichen Evangelien zwischen einer „mittleren Datierung“ der Evangelien um 60 n. Chr. und einer „Spätdatierung“ um 85 n. Chr.; in jedem Fall also Jahrzehnte nach den eigentlichen Geschehnissen. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass das Schreiben aus der Erinnerung oder erst recht auf der Basis mündlicher Überlieferungen Dritter zu Missverständnissen und Fehlern führt. Zum Zweiten können die biblischen Ereignisse, etwa die von Jesus gewirkten Wunder, nicht überprüft werden. Da sie lediglich in der Bibel beschrieben werden, es aber keine unabhängigen dritten Beobachter gab, haben wir schlicht keine Möglichkeit hierzu. Das ist bei anderen Religionen nicht besser. Zum Dritten besteht ein Sprachproblem: Nicht nur werden Übersetzungsfehler, wie die vom Kamel und dem Nadelöhr,i fröhlich weitergetragen, obwohl sie dem Klerus bekannt sind, sondern es dürfte für den Gläubigen auch schwierig sein, die Intentionen des Autors anhand einer zeitgenössischen Übersetzung vollständig zu erfassen. Bereits die Tatsache, i Im aramäischen Urtext ist von „gamta“, einem Tau oder Seil, die Rede. Dieses Wort soll seinerzeit mit dem Wort „gamla“, der Bezeichnung für „Kamel“, verwechselt worden sein. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 51 dass es verschiedene, nicht unwesentlich voneinander abweichende Bibel- übersetzungen gibt, zeigt, dass es an Eindeutigkeit mangelt. Und schließlich stehen wir vor dem vielleicht gravierendsten Problem: Jesus hat weder selbst etwas schriftlich hinterlassen noch festgelegt, welche Schriften tatsächlich zum Glauben gehören sollen. Die sogenannte Kanonisierung, also die Zusammenstellung der verbindlich zur Bibel gehörenden Bücher, oblag also der Nachwelt und führte naturgemäß zu heftigsten Diskussionen. Der Kanon des Neuen Testaments in der uns vertrauten Gestalt ist erst im Jahr 367 durch Bischof Athanasius von Alexandria in seinem 39.  Osterfestbrief fixiert worden. Vielen Christen dürfte mithin nicht vertraut sein, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Evangelien gibt, die es nur nicht in den Kanon schafften. Ob diejenigen, die erfolgreich waren, aber tatsächlich die sind, von denen sich Gott dies gewünscht hat, darüber lässt sich allenfalls spekulieren. Auch die Offenbarung des Korans, die sich von etwa 610 bis zu Mohammeds Tod im Jahr 632 hinzog, wurde nach islamischer Tradition mündlich (vom Engel Gabriel) vollzogen, und ebenso mündlich von Mohammed, der möglicherweise des Schreibens nicht mächtig war, an seine Zeitgenossen weitergegeben. Aufzeichnungen davon wurden erst nach seinem Tod durch den dritten Kalifen Utman in Buchform gesammelt.55 Die älteste Biografie des Propheten von Ibn Ishaq, die aufgrund der darin enthaltenen Hadithe, der überlieferten Aussprüche des Propheten, von eminenter Bedeutung ist,i wurde sogar erst 150 Jahre nach Mohammeds Tod geschrieben. Wenig überraschend führte dies zu intensiven Diskussionen über deren Authentizität.56 Schon den ersten muslimischen Hadith-Gelehrten war klar, dass viele Hadithe erfunden waren.57 Ob und welche Hadithe zunächst nur mündlich oder schon schriftlich tradiert wurden und ob dies schon zu Lebzeiten des Propheten geschah oder später, ist nicht eindeutig zu beantworten.58 Die islamische Hadith- Kritik geht jedenfalls generell von der Echtheit eines Hadith aus, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist59 – nach heutigen wissenschaftlichen Standards kein akzeptables Vorgehen. Da zudem die Schiiten einen Großteil der Gefährten Mohammeds als nicht glaubwürdig ansehen,ii weil diese i Beispielsweise schreibt zwar der Koran mehrfache tägliche Gebete vor, aber erst ein Hadith konkretisiert, dass es sich um fünf Gebete handeln soll (vgl. Halm 2000, S. 41). ii Das ist deswegen relevant, weil Hadithe stets mit dem sogenannten Isnad beginnen, der Namenskette jener, von denen das Zitat überliefert wurde. Ist eine Person in die- 52 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Alis – aus ihrer Sicht rechtmäßiges – Kalifat nicht anerkannten, erkennen sie den Großteil der Hadithe nicht an.60 Letztlich kennen wir die Einzelheiten des Lebens Mohammeds nur in der Form, in der sie über hundert Jahre nach seinem Tod in Umlauf waren.61 Der Islam als jüngere Religion ist immerhin insoweit konsequenter, als der Koran ein abgeschlossenes, aus muslimischer Sicht unmittelbar von Allah diktiertes Werk ist, das, um Missverständnisse auszuschließen, nur im arabischen Original zu lesen ist. Allerdings bleibt natürlich auch der Islam handfeste Beweise für ein solches Diktat schuldig. Während also bei älteren Religionen die Heiligen Schriften hinsichtlich Autor und Authentizität des Beschriebenen regelmäßig diskutabel sind, ist dies bei in neuerer Zeit entstandenen Religionen nicht notwendigerweise der Fall. Beispielsweise gibt es keine Anzeichen für eine Kompromittierung der Schriften von Ron Hubbard, des Gründers von Scientology – auch wenn sich bei einem ehemaligen Science-Fiction-Autor, der von intergalaktischen Kriegen berichtet, Zweifel an einer transzendenten Herkunft der Lehre nicht vermeiden lassen. Beim Buch Mormon hingegen stehen wir vor ganz ähnlichen Problemen wie bei den biblischen Texten. Der Religionsgründer Joseph Smith will es anhand von Goldplatten, die ihm ein Engel angeblich zeigte, mithilfe von „Sehersteinen“ aus einer unbekannten Sprache übersetzt haben. Die Tatsache, dass Smith viele Jahre als Trickbetrüger tätig war, aber auch bizarre bzw. falsifizierte Inhalte der Lehre (so sei die Besiedelung Amerikas nach dem Turmbau zu Babel erfolgt, und aus den Siedlern seien die Indianer hervorgegangen, was sowohl historisch – die Besiedlung fand mehr als zehntausend Jahre vor dem Bau von Türmen in Babylonien statt – wie genetisch widerlegt ist) beeinträchtigen die Glaubwürdigkeit dieser Religion und ihrer Schrift allerdings beträchtlich. Auch bei im geschilderten Sinne „authentischeren“ Offenbarungen ist Skepsis schon deswegen angebracht, weil sie regelmäßig unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen und insofern nur das Zeugnis der Propheten selbst für ihre göttliche Herkunft vorliegt. Hierbei müssen wir dem Protagonisten als alternative, natürliche Erklärung nicht unbedingt eigennützige Motive unterstellen. Auch psychische Phänomene kommen in Betracht. Der Eindruck des Schreibers oder Propheten, dass seine Worte von Gott kommen, belegt jedenfalls nicht, dass dies tatsächlich so ist. ser Kette unglaubwürdig, ist es auch das Hadith (vgl. Bobzin 2000, S. 25). 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 53 Und dann bleibt da noch die vielleicht wichtigste Frage: die der richtigen Interpretation. Die Religionsgeschichte mit ihren vielfältigen, oft blutigen Auseinandersetzungen, mit ihren Ketzern, Abspaltungen und im Zeitablauf wandelnden Lehrmeinungen beweist eindrucksvoll, wie sehr es Heiligen Schriften an Eindeutigkeit mangelt. Dies mag den Klerus freuen, der in der Auslegung der Schrift seine Existenzberechtigung und seinen Lebensunterhalt findet; allein, warum Gott seine Anweisungen nicht präziser und unmissverständlicher gefasst hat, bleibt im Dunkeln. Und so darf man sich weiter den Kopf zerbrechen über Fragen wie: Würde der Prophet in der heutigen Zeit noch so reden und handeln wie in der arabischen Stammesgesellschaft von damals? Ist der Koran wortwörtlich zu verstehen, wie es die Wahabiten behaupten, oder allegorisch, wie die Ismailiten meinen? Welche Anweisungen des Alten Testaments sind seit dem Neuen Testament überholt und welche nicht? Finale Antworten auf solche Fragen scheinen schwierig; insofern ist es zwangsläufig, dass sich aus unterschiedlichen Interpretationen verschiedenste Glaubensrichtungen speisen. Welche davon fundamentalistisch, weichgespült oder ketzerisch sind, ist selbst von einer neutralen, externen Perspektive aus nicht leicht zu beurteilen. Kein Wunder, dass die aus solchen Meinungsverschiedenheiten entstandenen Konflikte nicht immer nur intellektuell ausgetragen wurden. Insgesamt müssen wir also feststellen, dass die Heiligen Schriften trotz ihrer so essenziellen Bedeutung für die Religionen keinen handfesten Beleg für ihre Wahrheit im Sinne eines göttlichen Ursprungs liefern und es an Eindeutigkeit missen lassen. Als Gottesbeweis kommen sie damit nicht infrage. 3.3.2 Schönheit, Liebe und Natur Das Wunder der Liebe, die bewegende Schönheit von Kunst und Musik, die wundervolle, perfekt und harmonisch aufeinander abgestimmte Natur, all dies ist durch kühle Wissenschaft nicht zu erklären, sondern nur durch Gott. Es ist Manifestation oder Ergebnis des Wirkens Gottes. Diese schwärmerische Argumentation hat eine ungebrochene Tradition in Literatur, Volksglauben und unter Theologen. Keine Frage: Es gibt es vielerlei Erfahrungen, die Menschen so begeistern und in eine Stimmung von Ehrfurcht oder Verbundenheit versetzen können, dass man an einen Ursprung außerhalb ihrer selbst glauben möchte. Mahatma Gandhi wird das Zitat zugeschrieben: 54 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? „Wenn ich das Wunder eines Sonnenuntergangs oder die Schönheit des Mondes bewundere, so weitet sich meine Seele in Ehrfurcht vor dem Schöpfer.“ 62 Anderen mag es so bei der Betrachtung des Grand Canyon, des Flugs eines Schmetterlings, beim Hören von Puccini oder Mozart oder schlicht beim Betrachten eines schönen Menschen oder der eigenen Kinder gehen. Solche Erfahrungen zählen zweifellos zum Besten, was das Leben zu bieten hat. Doch sind sie deswegen von Gott? Zunächst sollten wir konzedieren, dass die Wissenschaft nicht in der Lage ist, alles zu erklären. Das behauptet sie auch nicht. Es ist jedoch ihr erklärtes Ziel, und dem kommt sie jeden Tag ein Stückchen näher. Unsere Messmethoden und nicht zuletzt die Struktur menschlichen Denkens mögen unsere Fähigkeit, die Welt in ihrer Gesamtheit vollständig zu erfassen, beschränken. Doch ist unser Wissen in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. Fortschritte etwa in der Medizin, der Hirnforschung und der Informationstechnologie haben unser Leben und unser Weltbild verändert. Der Raum, den man früher noch Gott zuschreiben konnte, ist kleiner geworden. Unser astronomisches Wissen hat Sonnen- und Mondgötter ebenso eliminiert wie die Evolutionstheorie und die Big-Bang-Theorie die Schöpfungsgeschichte. Selbst komplexe emotionale Phänomene sind wissenschaftlich erforschbar, auch wenn wir noch nicht alle relevanten Einflüsse und Variablen im Griff haben mögen. Die Liebe etwa, gerne als Kronzeuge der Gläubigen für göttliches Wirken benannt, ist als natürlicher und effektiver Mechanismus für Fortpflanzung und Brutpflege völlig plausibel, arbeiten auch ihre Spielarten nicht immer offensichtlich und zwingend auf die Reproduktion hin, und die Rolle etwa hormoneller Einflüsse ist bekannt. Zudem sollten sich die Unterstützer dieses Arguments im Klaren sein, dass mit dem Fortschreiten der Wissenschaft immer mehr erklärt werden wird, Gott mithin zum „God of the Gaps“, dem „Gott der (Wissens)Lücken“ wird. Diese ständige Verringerung seines Einflussbereichs und damit seiner Macht kann dem Glauben nicht zuträglich sein. Nun wäre göttliches Wirken zwar für manches Ungeklärte eine denkbare Erklärung. Nachdem jedoch mit dem Fortschritt der Wissenschaft unzählige zuvor Gott zugeschriebene Phänomene überzeugend nachvollzogen werden konnten, dürfte es wahrscheinlicher sein, dass auch die heute noch offenen Fragen erklärt werden oder zumindest prinzipiell erklärbar sind. Man mag den Mechanismus im Hirn noch nicht aufgezeigt haben, 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 55 der uns bei La Bohème oder Pretty Woman zu Tränen rührt, aber Künstler und Unterhaltungsindustrie spielen so erfolgreich und zielgenau auf der Klaviatur dieses Mechanismus, dass es hier wohl keiner übernatürlichen Erklärung bedarf. Man könnte allerdings beim Verweis auf die genannten Erfahrungen darauf aufmerksam machen, dass bei einer „naturalistischen“ Grundhaltung ein wesentlicher Gehalt dieser Erfahrungen verloren geht. „Dies beweist zwar nicht die Wirklichkeit unbedingter Liebe, macht aber deutlich, dass bestimmte sehr wertvolle Erfahrungen ihren Wert nur behalten, wenn ich sie nicht naturalisiere, sondern in einer religiösen Dimension wahrnehme“.63 Wenn man dies so betrachten möchte, übersieht man allerdings, dass Wert stets eine Zuschreibung und keine objektive Realität ist. Einer Imagination nur deswegen das Wort zu führen, weil sie wünschenswert erscheint, hat in einer der Wahrheit verpflichteten Untersuchung keinen Platz. Es ist aber auch gar nicht notwendig, sich von der Wissenschaft das Vergnügen an der Natur oder unseren Emotionen rauben zu lassen. Im Gegenteil eröffnen sich ja mit jeder neuen Erkenntnis neue Wunder. Wird der Flug eines Falken oder einer Hummel denn weniger beeindruckend, wenn man ihn aerodynamisch analysiert und mit Highspeed-Kameras betrachtet oder wird nicht vielmehr erst so die ungeheure Leistung und Schönheit dieser Fortbewegung offenbar? Ist das Entschlüsseln der Vorgänge in unserem Gehirn nicht eine viel aufregendere Geschichte als das Bekleben menschlichen Verhaltens mit den Etiketten von Gut und Böse? Wenn der Physiker Lawrence Krauss konstatiert, dass wir alle Sternenstaub sind, dass jedes Atom, aus dem wir bestehen, von Sternen stammt, die vor langer Zeit explodiert sind – ist das nicht mindestens so schön und anrührend wie die Vorstellung einer Schöpfung durch einen Gott?64 Aus einer Marketingperspektive ist der Versuch, positiv empfundene Phänomene für den eigenen Glauben zu vereinnahmen, natürlich klug. Islam heiße Frieden, so wird gesagt, der christliche Gott sei die Liebe, im Tantra finde man auch durch bestimmte körperliche Aktivitäten zur Erkenntnis. Gewiss kann man für derlei Interpretationen Anhaltspunkte in den Heiligen Schriften finden, in ihrer Globalität sind solche Aussagen aber weder belegbar, noch können sie sich frei machen vom Zweifel daran, dass sie nur der Verbreitung des Glaubens dienen – wenn wir das böse Wort der Propaganda vermeiden wollen. Denn wenn ich lediglich positiv konnotierte Begriffe einem Schöpfer zuordne, dann darf mit demselben 56 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Recht gefragt werden, warum dies nicht auch für weniger angenehme gilt. Wenn der Sonnenaufgang und die Liebe von Gott kommen, warum dann nicht auch Erdbeben und Seuchen? Der Astrophysiker Neil DeGrasse Tyson schlägt den Bogen der Bedrohungen menschlichen Lebens von der kosmischen Dimension bis zum Virus: „The evidence all points to the fact that we occupy not a well-mannered clockwork universe, but a destructive, violent, and hostile zoo. Of course, Earth can be bad for your health too. On land, grizzly bears want to maul you; in the oceans, sharks want to eat you. Snowdrifts can freeze you, deserts dehydrate you, earthquakes bury you, volcanoes incinerate you. Viruses can infect you, parasites suck your vital fluids, cancers take over your body, congenital diseases force an early death. And even if you have the good luck to be healthy, a swarm of locusts could devour your crops, a tsunami could wash away your family, or a hurricane could blow apart your town. So the universe wants to kill us all.“ 65 Cherry-Picking sollte man Religionen also nicht durchgehen lassen. Und selbst wenn wir alle positiven Eindrücke und Gefühle einem Gott zuschreiben, würde damit keinerlei Aussage über die Wahrhaftigkeit einer spezifischen Religion gemacht. Nur deswegen, weil eine Religion etwa die Liebe vereinnahmt oder mit der Schönheit der Verse ihres Heiligen Buches argumentiert, ist ja keine Kausalität belegt. Wenn Gott sich in allem Schönen zeigt, kämen Aphrodite oder Lakshmi als Ursache ebenso infrage wie Jehova oder Allah. Stellt man den behaupteten Zusammenhang infrage, wird häufig mit einer Gegenfrage gekontert: Woher sonst sollen denn die Liebe, die Schönheit etc. kommen? Natürlich ist die Frage berechtigt. Nicht berechtigt ist es jedoch, die Antwort von demjenigen zu verlangen, der die erste Behauptung infrage stellt. Denn eine solche Antwort beizubringen, liegt nicht in dessen Verantwortung – eine Antwort kann nicht deswegen als wahr gelten, weil es die einzige verfügbare ist. So wäre es beispielsweise im 18. Jahrhundert völlig legitim und richtig gewesen, die „schlechte Nachtluft“ als Ursache der Malaria zu bestreiten, ohne die wahre Ursache, den Parasiten Plasmodium falciparum, benennen zu können. Und schließlich sollten wir nicht übersehen, dass sowohl die Schönheit als eher oberflächliche, nicht messbare Kategorie, die es ohne Menschen gar nicht gäbe, und die Idealisierung der Natur recht fragwürdig 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 57 sind. Man muss keine tief gehenden Forschungen durchführen, um zu erkennen, dass der ständige Kampf in der Natur – gegen Klima, Fressfeinde, Rivalen – genauso wie Krankheiten und Altern nicht einfach negative Begleiterscheinungen, sondern der Kern des Lebens (und aus religi- öser Sicht: der Schöpfung) sind. Das vom Fuchs gejagte Kaninchen wird jedenfalls wenig Schönheit in der ständigen Bedrohung und der Aussicht auf einen blutigen, schmerzvollen Tod sehen. Ein Gang durch ein Altenheim, ein Krankenhaus oder über ein Schlachtfeld könnte ebenfalls helfen, die Schönheiten und Wunder des Lebens etwas realistischer einzuordnen. Wenn alles Schöne von Gott kommt und seine Existenz „beweist“, muss dies eben auch für die weniger schönen Aspekte gelten. 3.2.3 Gotteserfahrung Die persönliche Erfahrung des Göttlichen ist Kernbestandteil aller Religionen. Menschen können Gott auf mannigfaltige Weise erfahren: Sie spüren seine Präsenz, so zum Beispiel im Gebet, sie sehen sein Wirken in der Natur, in sich selbst, in anderen Menschen. Dies kann bei außergewöhnlichen Ereignissen wie der Rettung aus höchster Not oder der Geburt eines Kindes geschehen, aber auch bei Kleinigkeiten des täglichen Lebens wie der Freundlichkeit eines Fremden. Ruhe und Kraft in schwierigen Situationen können ebenso als Gottesgeschenk empfunden werden wie nach langem Zögern endlich gefasste Entscheidungen. Göttliche Visionen und Stimmen sowie unmittelbare Gottes- oder Heiligenerscheinungen sind seltene Formen besonders intensiver und persönlicher Gotteserfahrung. Trance und Ekstase dienen, ähnlich wie Pilgerfahrten, dazu, solche Erfahrungen zu machen. Da seit jeher Menschen von solchen Erfahrungen berichten, muss aus Sicht der Verfechter dieses Arguments auch Gott real sein. Dieser Argumentationsweg ist für viele Menschen unmittelbar eingängig: Wenn ich etwas im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte erlebe und fühle, dann ist es real. Wem könnte ich mehr vertrauen als mir selbst! Wer dies bestreiten wollte, müsste dann auch die Realität von Liebe und Trauer bezweifeln, und wer würde schon so weit gehen wollen. Zudem können derart viele Menschen auf solche Erlebnisse zurückgreifen, dass man hier nicht von seltsamen Einzelfällen reden kann. Dass es solche Erfahrungen tatsächlich gibt, soll daher hier auch gar nicht bestritten werden. Selbstverständlich können diese Gefühle sehr 58 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? intensiv, beeindruckend und überzeugend sein. Damit sind sie allerdings noch nicht notwendigerweise Manifestationen Gottes. Denn dass die subjektiv empfundene Realität nicht immer die wahrei ist, wird jedem spätestens dann klar, wenn er aus einem Traum erwacht. Alle Menschen unterliegen hier und da psychischen Täuschungen, denen aus dem eigenen Blickwinkel kaum zu entkommen ist. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Premiumvariante der Gotteserfahrung: Gottes- oder Heiligenerscheinungen. Gelegentlich dürften solche Geschichten aus eigennützigen Motiven erfunden worden sein, doch wollen wir das nicht allgemein unterstellen. Visionen wie die von Bernadette Soubirous in Lourdes oder von Jeanne d’Arc wollen wir also nicht bezweifeln und gerne zugestehen, dass sie tatsächlich stattgefunden haben – womöglich allerdings nur im Gehirn der Betroffenen. Warum sind solche Erlebnisse fragwürdig? Hierfür spricht zum einen, dass sie regelmäßig dann auftreten, wenn der Betroffene alleine ist und niemand sonst die Erscheinung bestätigen kann. Ein junges Mädchen in einem abgelegenen Gebirgstal oder ein Beduine in der Wüste haben erfahrungsgemäß eine bessere Chance auf eine Erscheinung als ein Städter. Fern von der Gesellschaft anderer Menschen, den Unbilden der Natur ausgesetzt, ist es leicht, in der Umgebung Gott zu erkennen. Hierbei könnte auch eine Rolle spielen, dass es sich bei den von solchen Erscheinungen Begünstigten überwiegend um eher einfache Menschen mit begrenzter Bildung zu handeln scheint (obwohl es natürlich auch andere Beispiele gibt). Nun mag es sein, dass sich Gott tatsächlich bevorzugt in einem derartigen Umfeld zeigt; es ist also noch kein Beleg für eine Illusion. Es macht eine solche aber plausibel und wahrscheinlicher. Zudem besteht eine auffallende Korrelation von Erscheinungen und Visionen mit dem jeweils schon bestehenden Glauben. Die Zahl der kolportierten Fälle, in denen ein Gott, Engel oder Heiliger der einen Religion einem Gläubigen einer anderen Religion erscheint, dürfte vernachlässigbar sein. Der katholisch geprägten Italienerin werden vielleicht Maria oder der heilige Franziskus erscheinen, aber kaum Lord Krishna oder der Bodhisattva Avaloketishwara. Offensichtlich nutzen die Götter diese doch überaus überzeugende i An dieser Stelle soll nicht die spitzfindige Diskussion geführt werden, ob nicht jeder eine eigene Wahrheit habe und damit jede real und berechtigt sei. Das Konzept eines Gottes ist zu bedeutend, um seine Existenz der Entscheidung des Einzelnen zu überlassen. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 59 Werbung für ihre Sache nur im Rahmen der bestehenden Gemeinde, ja meist sogar in einem besonders gläubigen Umfeld, statt sie zur Ausbreitung der Lehre zu nutzen. Nicht minder unverständlich ist, angesichts ihrer enormen Wirkung, die geringe Zahl solcher Erscheinungen und die Auswahl der Betroffenen. Statt sich einem einzelnen Bauernmädchen zu zeigen, wäre eine simultane Erscheinung bei führenden Staatsmännern dieser Welt doch weitaus effektiver.i Die Geschichte der Medizin und der noch jungen Hirnforschung ist voll von Beispielen für seltsam anmutende Empfindungen auch ohne religiösen Charakter, etwa von Menschen, die Zahlen farbig sehen (Synästhesie), die glauben, nahestehende Personen seien durch Doppelgänger ersetzt worden (Capgrass-Syndrom), oder die sich selbst für tot oder nicht existierend halten (Cotard-Syndrom). Niemand wird bestreiten, dass die Welt eines Autisten oder eines Alzheimer-Patienten, letztlich eines jeden Menschen für ihn selbst real erscheint. Dabei wissen wir nur zu gut, dass wir aufgrund unserer limitierten zerebralen Möglichkeiten und unserer Sinne nur ein eingeschränktes Bild von uns und unserer Umwelt gewinnen können. Bereits die Tierwelt, in der manche Protagonisten Ultraschall hören, Infrarotfarben sehen oder mittels des Magnetfeldes der Erde zu ihren Brutplätzen navigieren, bietet hierfür unzählige Beispiele. Dass selbst in jeder Hinsicht gesunde Menschen die Welt so wahrnähmen, wie sie wirklich ist, muss also als falsch angesehen werden. Umso schwerer fällt es, Erscheinungen als unabhängige Realität zu akzeptieren. Erscheinungen sind allerdings nur das Sahnehäubchen der Gotteserfahrung. Denn diese kann ja letztlich jeder Gläubige machen. Doch wie kann man sicher sein, hier tatsächlich die Botschaft Gottes zu vernehmen oder sein Wirken zu erleben? Schließlich ist es außerordentlich leicht, ja verführerisch, jedem banalen Erlebnis und Ereignis einen göttlichen Charakter zuzuordnen. Ist der verheerende Sturm oder das aus der Hand gerutschte Marmeladenbrot eine Strafe des Himmels? Sind die bestandene Prüfung und der Lotteriegewinn der Lohn guter Taten oder erhörter Gebete? So wie die Jünger der Astrologie, so wie jeder Mensch dazu neigt, eigene Konzepte zu bestätigen und Geschehnisse meist recht unkonkreten i Eine der wenigen bekannten Massenerscheinungen ist das sogenannte Sonnenwunder von Fatima, bei dem mehrere Zehntausend Menschen am 13.10.1917 Zeuge geworden sein sollen, dass die Sonne sich in einem Zickzackkurs über den Himmel bewegt habe, und das der Jungfrau Maria zugeschrieben wurde. 60 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Vorhersagen zuordnen, so fällt es auch einem Gläubigen leicht, in einem vermiedenen Unfall die Hand Gottes zu sehen, das Bauchgefühl bei einer Entscheidung mit göttlichem Rat gleichzusetzen oder schlimme Erlebnisse anderer als Mahnung zu verstehen. Wenn der Wunsch nach einer Präsenz Gottes besteht, kann diese nur allzu leicht empfunden werden. Der menschliche Geist ist kreativ. Es dürfte für viele Leser reichen, sich selbst an Gefühle und Eindrücke zu erinnern, die stark und überzeugend waren und sich irgendwann als Illusionen herausstellten. Ob es der sichere Glaube war, dass der eigene Verein Meister wird, oder jener, von einer bestimmten Person geliebt zu werden, der Glaube an Weihnachtsmann und Osterhasen, der Glaube an das Gute im Menschen, Déja-vus oder das plötzliche Empfinden, jemandem sei etwas Schlimmes passiert, dergleichen kennt jeder. Bei solchen Empfindungen und Visionen ist für einen selbst wie für Außenstehende mangels Reproduzierbarkeit oft kaum oder gar nicht festzustellen, wie sie zustande kamen. Sicher ist nur, dass es menschlich ist, sich als wahr herausstellende Vorahnungen als Beleg für die Existenz „echter“ Vorahnungen zu werten, während aus nicht eingetretenen Ereignissen selten die gegenteilige Lehre gezogen wird. Faktisch kann man eine Empfindung göttlicher Präsenz nicht widerlegen. Wenn ich jedoch etwas möchte und mir vorstelle, dann empfinde ich auch die Anwesenheit von Geistern, oder eben von Gott. Diese Empfindung aber zwangsläufig als tatsächliche Präsenz und auch noch eben des eigenen Gottes zu interpretieren, erscheint vor dem Hintergrund des Gesagten gewagt. In einer halbwegs aufgeklärten Zeit wie der unseren liegt es nahe, für Vorgänge im Geist eine sachliche Erklärung zu suchen und sie auf ein Produkt neurophysiologischer Vorgänge vor allem in der Großhirnrinde zu reduzieren. In dieser Sicht entspricht religiösen Vorstellungen kein Sein außerhalb des Gehirns.66 Tatsächlich ist es möglich, durch elektrische Stimulation bestimmter Hirnareale religiöse Gefühle hervorzurufen.67 Auch die intensiven religiösen Erfahrungen mancher Menschen mit Temporallappenepilepsie weisen darauf hin.68 Man könnte aber natürlich auch, wie in diesem Argument, die gegenteilige Sichtweise einnehmen und die Gotteserfahrung als Wahrnehmung einer geistig-religiösen Welt eben durch das Gehirn als Empfangsorgan verstehen und damit quasi einen Gottesbeweis antreten.69 Während man für die erste Position Fakten heranziehen kann, die diese untermauern, insbesondere aus der Hirnforschung, ist die Gegenperspektive lediglich eine Hypothese: Weder werden auch 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 61 nur prinzipiell Möglichkeiten der Interaktion mit jener behaupteten transzendenten Welt aufgezeigt, noch wird erklärt, warum religiös-emotionale Empfindungen auf zweierlei Weise hervorgerufen werden können: auf chemische oder elektrische Weise einerseits und auf die genannten spirituelle. Wer diesen Pfad dennoch weitergeht und behauptet, es sei ja beispielsweise bei Psychosen keineswegs ausgeschlossen, dass im Rahmen dieser schweren Krankheit statt Wahnvisionen vielleicht doch eine andere Wirklichkeit wahrgenommen würde, gegen die gesunde Menschen sich quasi abschirmten, bewegt sich auf der Ebene reiner Spekulation. Gewiss, final auszuschließen ist dies nicht; wenn die göttliche Wirklichkeit sich aber so darstellt wie bei einer Psychose, fällt es schwer, diese mit den Vorstellungen irgendeiner Religion in Deckung zu bringen – es sei denn, man betrachtet die Krankheit als einen Blick in die Hölle. Insofern kann man Ulrich Eibach, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn, beipflichten, dass die Bewertung der Erkenntnisse der Hirnforschung von der Weltanschauung des Beurteilenden abhängt.70 Allerdings wäre die Vermutung gewagt, dass sie die religiöse Sicht unterstützen könnten und nicht im Gegenteil unter Rechtfertigungszwang setzen. 3.2.4 Wunder und göttliches Wirken Götter üben ihre übernatürlichen Kräfte gelegentlich so aus, dass der göttliche Impetus für Menschen erkennbar wird. Um als Wunder zu gelten, also eindeutig göttlichen Ursprungs zu sein, bedarf es eines bewusst gewollten, zeitweiligen Aussetzens von Naturgesetzen.i Ob ein Meer geteilt, Wasser in Wein verwandelt oder in den Himmel aufgefahren wird – derartige Phänomene, gleich ob sie unmittelbar durch Gott oder über einen Menschen als „Werkzeug“ bewirkt werden, sind integrale Bestandteile der theistischen Religionen. Durch übernatürliche Leistungen, so die Intention, soll nachgewiesen werden, dass tatsächlich Götter am Werk sind und eine i Wir wollen hier nicht die Widersprüchlichkeit des Begriffs „Wunder“ bemühen. Denn man könnte behaupten, dass alles, was in der Welt geschieht, auch Teil der Welt ist und insofern gar nicht den (uns nicht vollständig bekannten) Naturgesetzen widersprechen kann. Wenn Gott existiert und in unserer Welt wirkt, wäre er ja auch Teil des Universums und damit natürlich. Wunder gäbe es dann nur in Form von zwar den Naturgesetzen entsprechenden, aber nur unter göttlicher Einwirkung geschehenden Ereignissen. 62 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Heilige Schrift nicht nur Produkt von Menschen ist. Bereits die Schöpfung der Welt ist ja als Wunder anzusehen. Bedauerlicherweise sind Wunder fast immer außerordentlich schlecht dokumentiert und insofern kaum untersuchbar. In der Antike, einer Zeit, in der das Wissen begrenzt, die Imaginationskraft aber stark ausgeprägt war, scheint es vergleichsweise leicht gewesen sein, ein Wunder zu erfahren. Auch heutzutage werden anscheinend immer wieder Wunder gewirkt. Hier wird man vielleicht zuerst an die zum Standardrepertoire von nigerianischen Predigern wie David Oyedepo und Chris Oyakhilome gehörenden, aber auch in evangelikalen Kirchen in den USA bekannten Spontanheilungen denken. Doch der Vatikan steht hier nicht zurück. Die Heiligsprechung von Menschen, die keine Märtyrer waren, erfordert den Nachweis von ihnen zuzuschreibenden Wundern; solche wurden etwa jüngst bei Papst Johannes Paul  II. und Mutter Teresa identifiziert und anerkannt. Da über die Kriterien von Wundern grundsätzlich Konsens zu bestehen scheint, aufgrund der Verschiedenheit der Religionen aber nicht alle Wunder authentisch sein können, steht man vor dem Rätsel, welche es denn nun sind. Schließlich steht nicht zu erwarten, dass ein Gott Wunder auch anderen – falschen – Religionen zukommen lässt. Zudem ist die bewusste Absicht Gottes unmöglich zu belegen, so dieser nicht persönlich auftritt. Grundsätzliche Zweifel sind schon deswegen angebracht, weil es eine Reihe alternativer Erklärungen für angebliche Wunder gibt, die unmittelbar nachvollziehbar und deswegen plausibler sind, weil sie keinen übernatürlichen Eingriff voraussetzen. Hierzu gehören: – Tatsächliche Ereignisse, die durch eine Kette mündlicher Überlieferungen und die Kumulation von Ausschmückungen oder Übertragungsfehlern zu Wundern aufgeblasen wurden – Tatsächliche Ereignisse, die natürlicherweise geschehen, im Einzelfall aber Gott zugeschrieben wurden, etwa Überflutungen, Vulkanausbrüche, biblische „Plagen“ – Tatsächlich geschehene, mit seinerzeitigen Mitteln nicht erklärbare Ereignisse, die jedoch einen mit heutigem Wissen erklärbaren Hintergrund haben, zum Beispiel eine Sonnenfinsternis – Tatsächlich geschehene Ereignisse, die die heutige Wissenschaft nur teilweise oder gar nicht erklären kann (z. B. Spontanheilungen), die 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 63 aber gleichwohl einen realen Hintergrund haben, der noch zu erforschen wäre – Statistisch seltene und damit unwahrscheinliche, aber nicht unmögliche und bei einer hohen Zahl von Fällen über die Zeit sogar wahrscheinliche Ereignisse wie das Überleben eines Flugzeugabsturzes durch nur einen Menschen – Übernahme von Wundern aus anderen Religionen oder Mythen zur Aufwertung des eigenen Gottes bzw. des Glaubens, beispielsweise Jungfrauengeburt, Stern von Bethlehem – Bewusste, vorsätzliche Erfindungen zur Legitimation der Religion – Vortäuschung aus wirtschaftlichen Motiven, etwa Spontanheilungen bei Predigern mit dem Ziel der Spendengenerierung – Diese Erklärungen schließen natürlich nicht aus, dass es Wunder gibt. Angesichts der dünnen Faktenlage und des breiten Portfolios vernünftiger Erklärungen wäre es gleichwohl naiv, seinen Glauben in hohem Maße auf vermeintliche Wunder zu gründen. Zweifel sind schon deswegen angebracht, weil Wunder in biblischer Qualität heute nur sehr selektiv vorkommen und von Zeitgenossen kaum beobachtet werden. Ohnehin erscheinen Wunder der Art, auf dem Wasser zu gehen oder Brot und Fisch zu vermehren, eher als Partykunststücke denn als Taten eines allmächtigen Gottes, der schließlich ein ganzes Universum geschaffen hat. Wollte Gott durch Wunder von seiner Existenz überzeugen, wäre dies für den Allmächtigen schließlich ein Leichtes, wenn das Wunder nur eindrucksvoll genug wäre.i Warum Gott darauf verzichtet, bleibt im Dunkeln. Wollte man dies mit dem Wert des Glaubens, des Vertrauens in Gott rechtfertigen, wäre wiederum unklar, warum es dann überhaupt der Wunder bedarf. Nach Hume wäre bereits die Tatsache, dass ein Wunderbericht zur Einführung oder Stützung einer Religion verwandt wird, Grund zur Skepsis,71 da sie ein probates Mittel sei, Menschen in ihrem Verlangen nach religi- ösem Glauben zu bedienen und gegebenenfalls auch zu betrügen. Nicht umsonst lebt eine ganze Esoterikindustrie von der Vorspiegelung falscher i Im Film „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ (1975) beklagt die von Woody Allen gespielte Hauptfigur das Fehlen eines überzeugenden Wunders mit den Worten: „Wenn ich doch nur irgendein Wunder sehen könnte. Nur ein einziges Wunder. Mir wäre alles recht. Meinetwegen ein brennender Busch, oder wie sich das Meer vor mir teilt, oder … oder wie mein Onkel eine Rechnung bezahlt.“ 64 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Tatsachen. Hume bietet auch eine Grundregel an, nach der wenn auch nicht die Wahrheit, so doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein angebliches Wunder echt ist, beurteilt werden kann: Wenn etwas Unwahrscheinliches berichtet wird, so möge man sich fragen, ob es nicht wahrscheinlicher sei, dass sich der Berichtende getäuscht hat, getäuscht wurde oder lügt, als dass es tatsächlich geschehen ist. Es gilt also, diese beiden Wahrscheinlichkeiten gegeneinander aufzuwiegen; der gesunde Menschenverstand ist dabei sicher eine Hilfe. Folgt man dieser Regel, die wir letztlich mehr oder minder intuitiv bei der Beurteilung jeglicher an uns herangetragenen Information anwenden, bleibt die Möglichkeit eines Wunders weiterhin erhalten. Wir dürften allerdings „niemals gute Gründe haben anzunehmen, dass sie geschehen sind.“72 Wenn wir nun auf dieser Basis zu dem Schluss kommen, dass es keine „echten“ Wunder gibt, können wir dies allerdings nicht unbedingt gegen eine Religion anführen. Denn es bleibt ja die Option, Wunder – wie vieles in den Heiligen Schriften – symbolisch oder edukativ zu verstehen. So kann man die Nachtreise Mohammeds, die ja gerne als Traum gedeutet wird, als Mittel der Legitimation seiner Stellung ansehen; er begegnet auf seiner Reise Abraham, Moses und Jesus und steht damit in einer illustren Reihe von Propheten. Die Erweckung des Lazarus von den Toten durch Jesus Christus kann als Verbildlichung seiner praktischen oder spirituellen Macht und als Verheißung für die Gläubigen gelesen werden. Das kann man ohne Weiteres tun, und es wäre eine kluge Strategie, um die Religion auch für aufgeklärte Menschen weiter ohne Konflikt mit der Vernunft annehmbar zu machen. Es bedeutet allerdings auch zu akzeptieren, dass eben diese Wunderbeschreibungen nicht mehr als Beleg für die göttliche Macht herangezogen werden können, da die Wunder ja nicht als tatsächlich geschehen betrachtet würden. Insofern ist es verständlich, dass sich die Religionsgemeinschaften mit einer solchen Herangehensweise schwertun. Der Gläubige sollte sich allerdings entscheiden. 3.4 Glaube versus Wissenschaft: Die Unmöglichkeit von Gottesbeweisen Auch vielen Theologen und Klerikern erscheinen die bisher angeführten Argumente dürftig oder zumindest nicht hinreichend überzeugend, um als echte Beweise gelten zu dürfen. Gleichwohl sehen sie sich natürlich sich selbst und den Gläubigen gegenüber in der Pflicht, ihren Glauben zu untermauern und eine Antwort darauf zu geben, warum es 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 65 dennoch richtig und wichtig sei, ihrer Religion zu folgen. Daher wird von theistischer Seite häufig konzediert, dass ein Gottesbeweis aus verschiedenen, in der Größe Gottes liegenden Gründen schlicht nicht oder nicht für uns Menschen möglich und auch gar nicht erwünscht sei. Mit den Begründungen hierfür und deren Stichhaltigkeit wollen wir uns im Folgenden befassen. 3.4.1 Glaube als eigener Wert In den monotheistischen Religionen ist der Glaube von zentraler Bedeutung. Im Neuen Testament werden Kranke nicht etwa wegen vorangegangener Verdienste, sondern allein aufgrund ihres Glaubens von Jesus geheilt. So heißt es in Matthäus 9,20–22:73 „Jesus wandte sich um, und als er sie sah, sagte er: Hab keine Angst, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und von dieser Stunde an war die Frau geheilt.“ Um auszuschließen, dass es sich hier um einen Einzelfall handelt, heißt es an anderer Stelle unmissverständlich und allgemein: „Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen.“ 74 In der Bhagavadgita geht Krishna sogar noch weiter: „Selbst wenn ein großer Bösewicht mich liebt, niemanden sonst verehrend, ist er als gut zu betrachten, hat er sich doch recht entschieden.“ 75 Der Glaube wäre demnach sogar wichtiger als eine gottgefällige Lebensführung. Was unter Glaube zu verstehen ist, erläuterte Benedikt XVI. bei einer Messe in Krakau am 28. Mai 2006: „Das religiöse Verständnis des Glaubensbegriffes geht hierbei über das ‚Für-Richtig-Halten‘ eines Sachverhaltes ohne hinreichende Belege hinaus. Unter Glaube versteht man im Christentum eine Entscheidung für und das Vertrauen in Gott und seinen Weg. Glauben heißt zuallererst, als Wahrheit anzunehmen, was unser Verstand nicht bis ins letzte erfasst. Man muss das annehmen, was Gott uns offenbart, über sich selbst, über uns und über 66 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? die Wirklichkeit, die uns umgibt, auch die unsichtbare, unaussprechliche, unvorstellbare Wirklichkeit. Dieser Akt der Annahme der geoffenbarten Wirklichkeit erweitert den Horizont unseres Wissens und erlaubt uns, zu dem Geheimnis zu gelangen, in das unser Dasein eingetaucht ist. Man gibt nicht leicht seine Zustimmung zu einer solchen Begrenzung der Vernunft. Und eben hier zeigt sich der Glaube in seiner zweiten Dimension: derjenigen, sich einer Person anzuvertrauen – nicht einer gewöhnlichen Person, sondern Christus. Woran wir glauben, ist wichtig, aber noch wichtiger ist, wem wir glauben.“ Insbesondere das Vertrauen in Gott ist sehr nah an der Ergebenheit, der Unterwerfung unter Gottes Willen, die der Begriff Islam meint. Diese religiösen Interpretationen haben gemeinsam, dass sie die Existenz Gottes bzw. den Glauben im Wortsinn bereits implizieren. Einer solchen Haltung liegt die Ansicht zugrunde, dass Gott gar nicht beweisbar ist oder er seine Existenz gar nicht beweisen will. Dies eröffnet den Weg, Glauben und Frömmigkeit als Ausdruck des Vertrauens in Gott und der Unterwerfung unter seinen Willen als besonders wertvolle und anerkennenswerte Haltung zu preisen und zu propagieren. Gerade weil vorbehaltloses Zutrauen im „normalen Leben“ riskant ist, sei dieses gegenüber Gott wertvoll und besonders. Hieraus speisen sich dann auch die Bilder des Hirten oder der Kinder Gottes; so wie ein Kind seine Eltern nicht vollständig versteht, ihnen aber vertraut und beide sich in Liebe zugetan sind, so wird auch die Beziehung des Menschen zu Gott verstanden. Nun könnte man argwöhnen, dass man zwar vielleicht Gott vertrauen könne, seinen irdischen Vertretern gegenüber sei aber eine gewisse Skepsis angebracht. Die Betonung des Glaubens ist schließlich im offensichtlichen Interesse des Klerus. Hiermit werden nicht nur die aus den Inkonsistenzen und Widersprüchen in den Heiligen Schriften selbst bzw. zwischen diesen und der praktizierten Religion resultierenden Zweifel beiseitegewischt, sondern auch die psychisch-emotionale Bindung an die Religion gestärkt. Es wird eine mentale Marktaustrittsbarriere installiert: Die geistig-seelischen Kosten der Apostasie76 wachsen. Letztlich macht sich eine Religion in dieser Weise also inhaltlich unangreifbar und immunisiert ihre Mitglieder gegen Zweifel. Beides stärkt Position und Einfluss des Klerus. Doch auch wenn wir den Klerikern solch allzu menschliches Verhalten nicht unterstellen wollen, erscheint es a priori seltsam, dass Glauben einen eigenen Wert besitzen soll. In jedem anderen Umfeld würden wir doch das 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 67 kritische Hinterfragen jeglicher Annahmen und vermeintlichen Wissens als sinnvoll und hilfreich, ja als erforderlich erachten. Würde ein Politiker heutzutage ein solches vorbehaltloses Vertrauen einfordern, würde dies nicht zu Unrecht Misstrauen erregen. Warum sollte man auf das kritische Prüfen gerade in einer solch entscheidenden, folgenschweren Frage verzichten? Galileo Galilei befand seinerzeit: „Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen.“ 77 Noch konsequenter formulierte es Nietzsche: „Wenn aber überhaupt vor allem der Glaube not tut, so muss man die Vernunft, die Erkenntnis, die Forschung in Misskredit bringen: der Weg zur Wahrheit wird zum verbotenen Weg.“78 Offensichtlich diskreditiert der Antagonismus zwischen Vernunft und Glaube die Religion ein wenig. Der Glaube erscheint unvernünftig, und dies muss jedem gebildeten Gläubigen unangenehm sein. Dieses Problem ist allerdings vorrangig eines von Christentum und Islam; in den indischen Religionen spielt der Glaube hingegen eine untergeordnete Rolle bzw. wird einfach vorausgesetzt. Für das karmische System sind die Handlungen des Menschen relevant, jedoch ohne Belang, was der Einzelne glaubt. Im Gegenteil wird in den indischen Religionen, aber auch im Judentum traditionell ein größerer Wert auf die kritische Auseinandersetzung mit den Heiligen Schriften gelegt; im Buddhismus wird sogar explizit erwartet, nicht alles zu akzeptieren, sondern seine Lehren zu prüfen und nur jene zu praktizieren, die der eigenen Logik und Vernunft entsprechen.79 Dem historischen Buddha wird das Zitat zugeschrieben: „Was nach eigener Erfahrung und Untersuchung mit Deiner Vernunft übereinstimmt und zu Deinem eigenen Wohle und Heile wie zu dem aller anderen Wesen dient, das nimm’ als Wahrheit an und lebe danach. Glaubt den Schriften nicht, glaubt den Lehrern nicht, glaubt auch mir nicht.“ 68 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Es steht also die Erkenntnis, der mühsame Weg zur Erleuchtung im Vordergrund als Gegensatz zur einfachen Ergebenheit in Gottes Willen. Dies erscheint auch insofern plausibler, als der Wert einer unkritischen Unterwerfung aus göttlicher Perspektive zweifelhaft sein dürfte. Nun wäre es wohl eine recht unfaire Verallgemeinerung, würde man modernen Theologen und Klerikern gesamthaft unterstellen, dass sie einem blinden, buchstabengetreuen Glauben das Wort reden – was nicht bedeutet, dass es solche nicht noch gäbe.i Tatsächlich hat sich gerade der Vatikan unter dem Einfluss von Joseph Kardinal Ratzinger bzw. Benedikt XVI. intensiv mit dem Verhältnis von Glauben und Vernunft auseinandergesetzt. Bereits im ersten Satz der am 15. Oktober 1998 vorgestellten Enzyklika Johannes Pauls II. „Fides et Ratio“80 wird die Absicht deutlich, den vermeintlichen Gegensatz durch eine komplementäre Beziehung zu ersetzen: „Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“. Es soll also keineswegs die Vernunft verdammt, sondern der Begriff der Vernunft erweitert werden: „Um die Herausforderungen, die die gegenwärtige Kultur stellt, richtig zu verstehen und angemessene Antworten darauf zu finden, ist es notwendig, eine kritische Haltung einzunehmen gegenüber einengenden und letztlich irrationalen Versuchen, den Bereich der Vernunft einzuschränken. Der Vernunftbegriff muß im Gegenteil ‚geweitet‘ werden, damit man jene Aspekte der Wirklichkeit untersuchen und erfassen kann, die über das rein i Teils geht der Glaube noch weit über die Schrift hinaus, dann nämlich, wenn der Gläubige die Schrift gar nicht kennt, z. B. weil er des Lesens generell oder der jeweiligen Sprache nicht mächtig ist. Der Journalist Hasnain Kazim berichtet von einem Gespräch mit einem pakistanischen Bauern, der den Koran auf Arabisch liest, aber nur Urdu versteht: „Ich muss die Worte nicht verstehen, um ihre Wahrheit zu erfassen (…). Es genügt, wenn ich begreife, dass ich ein besserer Muslim werden muss“ (Kazim 2015, S. 81 ff.). Der gleiche Mann macht sich im selben Gespräch über die Jungfrauengeburt Jesu lustig, um zu begründen, warum er keine andere Religion in Erwägung zu ziehen brauche – weder er noch sein Gesprächspartner wissen anscheinend, dass der Koran die Jungfräulichkeit Mariens bestätigt, insbesondere in den Suren 19:17–21 und 21:91. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 69 Empirische hinausgehen. Das ermöglicht einen fruchtbareren und komplementären Zugang zur Beziehung zwischen Glauben und Vernunft.“ 81 Glaube und Vernunft, so Benedikt XVI., müssten bei der Suche nach der Wahrheit zusammenwirken:82 „Der Gläubige ist überzeugt, dass es zwischen rechter Vernunft und rechtem Glauben keinen Widerspruch geben kann. Glaube ohne Vernunft wäre nicht wirklich menschlich; Vernunft ohne Glaube bleibt weglos und lichtlos.“ 83 „Der Glaube schützt die Vernunft, da er fragende und forschende Menschen braucht. Nicht das Fragen behindert den Glauben, sondern jene verschlossene Haltung, die nicht fragen will und die Wahrheit als etwas betrachtet, das unerreichbar oder nicht der Mühe wert ist. Der Glaube zerstört die Vernunft nicht, er bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.“ 84 Den Versuch, Glaube und Vernunft miteinander zu versöhnen, kann man als ehrenwert oder als von der Realität des heutigen Glaubens erzwungene Maßnahme betrachten. Die Argumentation ist jedenfalls in sich nicht fehlerhaft. Dies macht sie allerdings auch nicht richtig. Zum einen wird hier der Begriff der Vernunft durch Einbeziehung des Glaubens nicht etwa erweitert, sondern verwässert. So entzieht sich der Vatikan nachhaltig der wissenschaftlichen Überprüfung seiner Lehre und kann sich gleichzeitig vernünftig nennen. Ein Argument gewinnt man jedoch nicht durch Neudefinition der Begriffe in der eigentlichen Frage. Der bekannte Hinweis auf jenes, was sich unsere Schulweisheit nicht träumen lässt, belegt ja nicht das Fragliche. Man braucht schon etwas Chuzpe, um ausgerechnet den Glauben zum Schutzherren der Vernunft zu erheben. Zum anderen mischt sich Wunschdenken in den Gedankengang: Es mag ja sein, dass Vernunft ohne Glaube „weglos“ sei; wenn dem aber nun einmal so wäre, würde die Ablehnung dieses Zustandes die eigentliche Situation nicht ändern. Im Islam steht anstelle des Glaubens der Begriff des Iman, der eine innere Überzeugung meint, die mit äußeren Taten verbunden ist. Hierbei wird betont, dass, anders als der Glaube in christlicher Bedeutung als unbeweisbares Für-wahr-Halten, Iman auf Beweisführung, Logik und bewusster Verinnerlichung aufgebaut werden muss. Blinder Glaube unter Ausschluss des Intellekts sei nicht möglich und nicht erwünscht. 70 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Der Islam sei vielmehr das Ergebnis einer Symbiose zwischen Iman und Intellekt bzw. zwischen Wissenschaft und Religion.85 Einer rationalen Diskussion erscheint dies förderlich und ist insofern erfreulich und lobenswert. Dieses Selbstbild dürfte allerdings nicht nur an der religiösen Praxis im Islam scheitern, sondern auch theoretisch, da sich der Islam in Bezug auf die Unbelegbarkeit Gottes in keiner Weise von anderen Religionen unterscheidet. Wie die geschilderten Überlegungen des Vatikans zeigen, ist das moderne Verhältnis von Glauben und Vernunft zumindest im Katholizismus dem islamischen sehr ähnlich. In jedem Fall ändert auch ein etwas anderes Begriffsverständnis nichts an dem unauflösbaren Konflikt zwischen Vernunft und Wissen. Diesen Kriegsschauplatz kann man zwar durch Öffnung gegenüber Vernunft und Wissenschaft reduzieren; am Ende steht jedoch immer ein Punkt, an dem das Transzendente geglaubt werden muss. Und schließlich darf nicht übersehen werden, dass Religionen in aller Regel nicht etwa dazu aufrufen, den eigenen Lern- und Forschungsprozess ergebnisoffen und breit aufgestellt zu führen; ganz im Gegenteil soll sich das Lernen ja möglichst ausschließlich auf die eigene Literatur fokussiert und mit einem festgelegten Ergebnis vollziehen. Dies führt allenfalls zu „Motivated Reasoning“ und steht der wissenschaftlichen Methode diametral entgegen. Neben der Komponente der Überzeugung von der Wahrheit der Religion, die dem Iman entspricht, beinhaltet Glaube im christlichen Sinne auch das Vertrauen, dass Gott gut und gerecht ist und für den Menschen sorgen wird. Diese Komponente wird von den Muslimen durch einen eigenen Begriff, eben den des Islam, also der Gottergebenheit oder Unterwerfung, ausgedrückt. Wie bei vielen Charakteristika von Religionen erzeugt auch dieses positive wie negative Wirkungen (vgl. Kapitel 8). Die Gelassenheit in schwierigen Lebenssituationen einerseits, der Hang zum Fatalismus andererseits: Egal was geschieht, es ist Gottes Wille und Plan, dem sich niemand entziehen oder entgegenstellen darf und der nicht zu hinterfragen ist. Zweifellos ist vorstellbar, dass ein Gott Wert auf vorbehaltlose Unterwerfung legt. Eine überragende Intelligenz und Macht hat es ja nicht nötig, ihre Motive zu offenbaren. Diese Hürde macht es den Menschen allerdings schwerer als nötig und wäre daher zu begründen. Einer Sache kann man sich in diesem Zusammenhang jedenfalls sicher sein: Diejenigen, die den Glauben dem Beweis für überlegen halten, würden, gäbe es wider Erwarten doch unbezweifelbare Beweise für die Existenz eines bzw. ihres Gottes, ihre Haltung flugs ändern. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 71 Religiöse Menschen sticheln an dieser Stelle gerne, dass auch Atheisten glaubten – schließlich glaubten sie an die Nichtexistenz Gottes. Da sie jene genauso wenig beweisen könnten wie die Gläubigen ihr Weltverständnis, stünde man quasi auf der gleichen Stufe. Damit soll der Begriff des Glaubens universalisiert und faktisch unausweichlich werden. Der Mensch, so die Behauptung, müsse in irgendeiner Form und irgendetwas glauben.86 Diese Behauptung ist in doppelter Weise falsch. Zum einen handelt es sich um eine unzulässige semantische Taktik, die auf sachlich verschiedenen Bedeutungen des Begriffs „Glauben“ beruht: Der Glaube an eine unbelegbare transzendentale Macht ist eine völlig andere Kategorie als der Glaube an die (für jedermann erfahrbare) Liebe, die (real gelebte) Demokratie oder Äußerungen wie „Ich glaube, dass ich zu spät zu meinem Termin komme“ und „Ich glaube, dass Bayern München im nächsten Jahr die Champions League gewinnt“. Glaube im religiösen Sinne meint das Vertrauen, sein Leben in die Hände eines Gottes oder einer Religion zu legen, ohne dass dessen Existenz zu Lebzeiten bewiesen werden wird, während die anderen Bedeutungen politische oder ethische Überzeugungen (die zumindest begründbar sind) sowie reine Vermutungen und Annahmen (die sich früher oder später als wahr oder falsch herausstellen werden) zum Ausdruck bringen. Diese Taktik ist mithin nicht mehr als ein Wortspiel, das entweder auf unsauberem Denken und einem Mangel an Sprachverständnis beruht oder mit Vorsatz angewandt wird. Zum anderen definiert sich Atheismus ja gerade als Negation Gottes, als Abwesenheit des Glaubens: Wer kein Auto besitzt, ist nicht nur eine andere Art von Autofahrer. Nicht Briefmarken zu sammeln ist kein Hobby. Glauben umfasst stets eine detaillierte Weltanschauung, ein komplexes System von interdependenten Aussagen, Werten, Wirkungen und Ritualen. Die Eigenschaft als Atheist impliziert jedoch gerade kein solches System.i Die Aussage „Es gibt keinen Gott“ ist in sich abgeschlossen und benötigt keine weiteren Erläuterungen und Ausschmückungen. Insofern sollte auch lediglich von Atheisten gesprochen und der Begriff des Atheismus, der eine Weltanschauung suggeriert, die aus dem Wort eben nicht hervorgeht, vermieden werden. i Dies schließt natürlich nicht aus, dass auch ein Atheist eine Weltanschauung hat, z. B. eine humanistische. Ob dem so ist und welche konkret dies ist, ergibt sich jedoch nicht aus dem Begriff des Atheisten. 72 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Das Argument entbehrt übrigens nicht eines gewissen Humors, der seinen Protagonisten vermutlich entgeht. Denn der Versuch, über ein sprachliches Missverständnis Atheisten auf die Ebene des Glaubens zu ziehen, relativiert ja letztlich auch den eigenen Glauben. Der Glaube aber ist doch mit einem Absolutheitsanspruch (vgl. Kapitel 6) verbunden, der eine solche Gleichstellung nicht akzeptieren kann. Diese Taktik unterstreicht damit unbeabsichtigt die Schwäche des Glaubens, sich eben nicht auf belegbare Fakten berufen zu können. 3.4.2 Kein Beweis des Gegenteils Die Existenz Gottes mag nicht zu beweisen sein, seine Nichtexistenz hingegen auch nicht, wird den Atheisten oft und gerne entgegengehalten. Hieraus wird von manchen Theologen abgeleitet, dass, solange Skeptiker nicht das Gegenteil bewiesen, Gott als real angesehen werden müsse. Zumindest aber seien beide Optionen als gleich wahrscheinlich anzusehen. Damit sei die Sicht der Atheisten der der Gläubigen nicht überlegen. Weil dieser Gegenangriff der Theisten so häufig ist und anscheinend viele Menschen überzeugt, lohnt es sich, hier genauer hinzuschauen. Ob es an den Charakteristika des göttlichen Wesens liegt, an den Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit oder daran, dass es sich um ein imaginäres Konzept handelt – die Existenz Gottes scheint mit heutigen Mitteln in der Tat nicht zu beweisen. Gott selbst wäre zwar in der Lage, seine Existenz zu beweisen – Wunder in der Dimension der Teilung des Roten Meeres wären ohne Weiteres geeignet, auch hartgesottene Leugner zu überzeugen. Da solche Wunder aber in unserer Zeit nicht beobachtet werden, müssen wir die Nichtbeweisbarkeit wohl oder übel akzeptieren. Die Behauptung, Gottes Nichtexistenz sei ebenfalls unbeweisbar, ist nicht minder richtig. Diese Erkenntnis ist aber inhaltsleer. Denn ohne Möglichkeit von Verifizierung und Falsifizierung bleibt eine Hypothese ohne Substanz, und das ist hier der Fall. Schon die Nichtexistenz des Yetis ist nicht final zu beweisen – vielleicht versteckt sich das scheue Wesen ja nur sehr geschickt –, und eine unsichtbare, unmessbare Kraft, die sich per Definition unserer Erkenntnis entzieht, ist erst recht nicht widerlegbar. Glaubte man in alten Zeiten Gott noch in Naturgewalten personifiziert, schließt die moderne Konstruktion des Begriffs jeden objektivierbaren Zugang aus. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 73 Eine sachliche Diskussion über Hypothesen und darauf aufbauend wissenschaftlicher Fortschritt sind nur möglich, wenn man eine funktionierende, das heißt erwiesenermaßen erfolgreiche Methode der Erkenntnisgewinnung nutzt – die wissenschaftliche Methode. Diese verlangt, dass Hypothesen und Theorien nicht nur hinreichend belegt werden, sondern auch falsifizierbar sein müssen. Idealerweise kann man hierzu ein Experiment durchführen, dessen Ergebnis die Theorie entweder bestätigt oder widerlegt. Natürlich bleibt es jedermann unbenommen, philosophische Spekulationen zu unternehmen und beispielsweise zu behaupten, wir lebten alle in einer Matrix oder seien nur Gehirne in einem Tank, die sich das Leben vorstellen. Beide grundsätzlich vorstellbare Weltbilder sind weder beweisbar noch widerlegbar. Ein Wissensfortschritt gelingt jedoch nicht durch eine Inflation von Behauptungen. Die wissenschaftliche Methode hingegen führt zu praktisch nutzbaren Ergebnissen: Erkenntnisse etwa über Physik und Biologie ermöglichten Innovationen wie Flugzeug, Mobiltelefon und Antibiotika – Dinge, die unser Leben umgewälzt und fraglos wesentlich verbessert haben. Auch Fortschritte in den Geisteswissenschaften, etwa in den Wirtschaftswissenschaften, führen zumindest potenziell zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verbesserungen, die in der Realität dann auch überprüfbar sind. Konkrete Auswirkungen theologischer Erkenntnisse im Sinne eines praktischen Nutzens sind jedoch nicht erkennbar. Auch wenn wir den Religionen als Ideengebäuden zubilligen, dass sie Gesellschaften wie den einzelnen Menschen verändern können, geschieht dies ja bereits durch die Annahme der Religion als wahr, also durch den Glauben, und es bedarf gar keines tatsächlichen göttlichen Einflusses mehr. Zudem konzentrieren sich Religionen im Wesentlichen auf die Interpretation ihrer alten Grundlagen und entwickeln diese nicht weiter, während die Wissenschaft stets auf den aktuellen Erkenntnissen aufbaut und als falsch erkannte verwirft. Ein entscheidendes Merkmal der wissenschaftlichen Methode ist es, dass Nachweise und Plausibilitätsargumente von demjenigen vorzutragen sind, der die These aufstellt oder unterstützt. Es ist also die Aufgabe desjenigen, der etwas behauptet, dieses zu substantiieren. Würde, wie suggeriert, jede These als wahr oder ebenso wahrscheinlich wie andere Erklärungen gelten, bis sie falsifiziert ist, könnte schlicht alles und jedes behauptet werden – zum Beispiel auch andere Götter. Letztlich würde Religion ununterscheidbar von selbst abstrusester Esoterik. Insofern entwertet diese Argumentation die theistische Hypothese selbst. 74 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Die oben genannte Bewertung der Existenz und Nichtexistenz Gottes als gleich wahrscheinlich bezeugt, wenn sie nicht aus rein taktischen Gründen angewandt wird, mangelndes Verständnis von Wahrscheinlichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit einer Situation hängt nicht von der Anzahl der möglichen Ausprägungen ab.i Ein simples Beispiel: Wenn Sie zu einem beliebigen Zeitpunkt mit einer Schrotflinte in den Himmel schießen, bestehen zwei Möglichkeiten: Ein bedauernswerter Vogel fällt vom Himmel oder eben nicht. Es liegt auf der Hand, dass nicht bei jedem zweiten Schuss ein Vogel getroffen wird; die beiden Ausprägungen haben nicht die gleiche Wahrscheinlichkeit. Nun könnte eingewandt werden, die 50-50-Strategie sei eine vertretbare Hilfskonstruktion, da die Wahrscheinlichkeiten beider Optionen nicht abgeschätzt werden können. Hierbei macht man es sich aber zu leicht; denn auch wenn natürlich keine exakten Werte ermittelt werden können, ist doch begründbar, in welche Richtung sich die Waage neigen könnte. Hilfreich ist dabei das als Ockhams87 Rasiermesser bekannte Forschungsprinzip, das bei der Bildung von erklärenden Hypothesen und Theorien höchstmögliche Sparsamkeit gebietet: Von mehreren möglichen Erklärungen für einen Sachverhalt ist die einfachste allen anderen vorzuziehen. Einfach bedeutet, dass sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.88 Die Annahme, dass etwas, dass weder beobachtbar ist noch wenigstens einen Ansatz für einen Nachweis bietet, nicht existiert, ist eine simple, in sich konsistente Erklärung, die für jede andere Behauptung akzeptiert wird. Je komplexer eine empirisch unbelegte Behauptung ist, umso unwahrscheinlicher wird es, dass diese wahr ist. Nehmen wir zur Illustration die Hypothese, es gebe Einhörner: Diese ist an sich schon wenig glaubwürdig, da Einhörner bislang ebenso wenig gesichtet wurden wie andere Fabelwesen. Erweitern wir nun die Behauptung dahingehend, dass Einhörner Flügel besitzen, stets exakt 1,25 Meter groß sind und lediglich auf einem unsichtbaren Mond des Jupiters leben sowie dass ihre Farbe alle zwölf Minuten zwischen Pink und Rotkariert alterniert, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass solche Einhörner existieren, die These also wahr ist, i In der Praxis kann im Einzelfall die Wahrscheinlichkeit zwar der Anzahl der Möglichkeiten entsprechen, z. B. beim Wurf einer Münze oder eines Würfels. In der Realität sind solche Fälle aber selten. 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 75 mit jeder zusätzlichen Hypothese signifikant – letztlich bis an die Grenze der Lächerlichkeit. Auch die Behauptung der Existenz eines spezifischen Gottes ist, anders als manche Theologen glauben möchten, keine einfache Hypothese, sondern umfasst eine ganze Reihe von aufeinander aufbauenden Voraussetzungen und interdependenten, komplexen Details. So gehören zur christlichen wie muslimischen Vorstellung von Gott neben seiner eigentlichen Existenz auch die von der Wahrheit eines Konglomerats von Glaubenssätzen und Heiligen Schriften, die Existenz von Seelen und einem Jenseits oder von Engeln, um nur einige Elemente zu nennen. Die Negierung der Existenz Gottes hingegen enthält und benötigt keine weiteren Variablen; sie beschränkt sich schlicht auf die Aussage, dass es Gott nicht gibt. Dies bedeutet keineswegs, dass die einfachere Theorie in jedem Fall die richtige ist. Ockhams Rasiermesser ist eine praktikable und bewährte Regel, kein Naturgesetz. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass dies in einer bestimmten Frage der Fall ist, ist jedoch hoch. Insofern wäre auch die Gotteshypothese mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit behaftet als die der Nichtexistenz Gottes. Religionsbefürworter werden also an dieser Stelle nicht entlastet. Wenn Gottes Existenz auch nicht ausgeschlossen werden kann, soll doch darauf hingewiesen werden, dass Wissenschaftler und Religionskritiker eine Reihe möglicher Erklärungen für die Entstehung von Religionen geliefert haben. Historische Entwicklungen wurden nachgezeichnet, der Seelenbegriff als Vehikel des von älteren Menschen entwickelten Ahnenkults zur Gewährleistung der Loyalität ihrer Nachkommen interpretiert,89 evolutionäre Mechanismen bemüht90 und das nicht zu unterschätzende Eigeninteresse des Klerus angeführt. Auch die neuronale Prägung durch eine religiöse Erziehung und Ausbildung, besonders stark natürlich bei Theologen und Klerikern, wäre ein relevanter Erklärungsversuch für das außerordentliche Beharrungsvermögen von Religionen. Doch dies wollen wir hier nicht vertiefen, da auch mittels solcher Ansätze der inhärent unmögliche Gegenbeweis nicht angetreten werden kann. 3.4.3 Wissenschaft und Religion als unterschiedliche Kategorien In Kapitel 3.4.1 haben wir bereits herausgestellt, wie der Vatikan Glaube und Vernunft voneinander abgrenzt. Manche Theologen werden hier noch deutlich konkreter und sehen Religion und Wissenschaft als zwei völlig 76 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? unabhängige Methoden der Erkenntnisgewinnung, deren Anwendung jeweils auf bestimmte Fragenbereiche begrenzt sei. Dem liegt die Ansicht zugrunde, Gott stehe gleichsam außerhalb von Raum und Zeit und sei deshalb mit wissenschaftlichen Methoden nicht bewertbar oder nachweisbar. Religionen, die sich auf eben diesen wissenschaftlich gar nicht untersuchbaren Gott beziehen, seien damit genauso wenig im Rahmen von Wissenschaft untersuchbar. Man müsse „konzedieren, dass die Art der Evidenz für den Gottesglauben nicht nach der Art der empirischen Wissenschaften konzipiert werden kann – etwa indem man empirische Studien zu Folgewirkungen von Gebeten macht. Denn Gott handelt nach dem Glauben der großen monotheistischen Religionen in personaler Weise und damit in Kategorien, die die Zugriffsmöglichkeiten empirischer Wissenschaften grundsätzlich übersteigen.“91 Diese Definition von Gott als transzendente Macht außerhalb unserer „Raumzeitlichkeit“, ohne dass versachlicht wird, wie eine solche andere Dimension oder Kategorie zu verstehen sei, muss natürlich Skepsis erzeugen. Dass außerhalb von Heiligen Schriften keine Hinweise in diese Richtung zu finden sind, erscheint verdächtig bequem für die Theologie und spricht ad hoc für eine Immunisierungsstrategie: Unbelegte Behauptungen, durch die sich der Protagonist auf bequeme Weise einer Nachprüfung und einer Diskussion nachhaltig entzieht, lassen a priori vermuten, dass ihnen die Substanz fehlt. Doch lassen wir uns für einen Moment auf diese Hypothese ein. Gott steht also außerhalb unserer Welt und ist für den Menschen nicht erkennbar und verständlich. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass niemand etwas über Gott wissen kann. Jegliche „Zeichen“, Erfahrungen, Schriften wären nichtig und Resultat menschlicher Wünsche und Projektionen, da jeder Kontakt zum göttlichen Wesen fehlt. Die Information, dass ein solcher Gott existiert, wäre vollkommen nutzlos. Die theistischen Religionen behaupten aber gerade das Gegenteil: Gott hat unsere Welt nicht nur geschaffen, sondern manifestiert sich in unserem Leben, lebt in uns allen und wirkt auf unsere Welt ein. Wenn er dies tut – und nur dann erfüllen Religionen einen Zweck – existiert Gott aber zwangsläufig doch in dieser „Raumzeitlichkeit“ und sollte folglich auch nachweisbar sein. Konkret: Wenn wir ein Wunder, die Natur oder die Liebe als göttlichen Akt ansehen, dann handelt Gott in unserer Welt und wäre damit natürlich auch Wissenschaft und Forschung zugänglich. Man muss also wählen, welchem 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 77 Argumentationsweg man folgen möchte – ein Christ, Muslim oder Hindu kann sich nur für den zweiten entscheiden.i Allenfalls könnte man noch anführen, dass Gott zwar in unserer Welt existiert, aber unsere Wahrnehmung und die begrenzten Fähigkeiten unseres Gehirns nicht ausreichen, ihn zu erkennen und zu verstehen. Das ist gut möglich, denn nicht nur unser Hirn ist begrenzt, auch unsere Wahrnehmung ist es – die Realität selbst ist ja gar nicht wahrnehmbar, sondern nur das von unseren Sinnen und unserem Gehirn geschaffene Abbild davon. Wenn wir uns aber hierauf berufen, wir also abstreiten, Gott und sein Wirken auf Erden letztendlich erkennen und verstehen zu können, so kommt der Wittgenstein’sche92 Spruch „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“ zum Tragen. Wenn wir Gott nicht verstehen können, ist alles, was wir sagen, nicht mehr als unbelegbare Hypothesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns irren, wäre enorm. Ein geoffenbarter, also uns Menschen verständlich gemachter Gott sollte sich hingegen feststellen lassen. Die Behauptung, dass religiöse Fragen nicht wissenschaftlich untersucht werden könnten, wirkt angesichts religionswissenschaftlicher und theologischer Fakultäten an unseren Universitäten ohnehin sonderbar. Wenn sich Theologie als wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Quellen des Glaubens und der Glaubenspraxis sowie als systematische Analyse und Darstellung des Glaubens versteht,93 spricht nichts dagegen, die üblichen Methoden der Wissenschaft zu nutzen. Dass dabei anders als in den anderen wissenschaftlichen Disziplinen bekenntnisgebunden gearbeitet wird,94 also die grundsätzliche Wahrheit der Konfession vorausgesetzt wird, muss dem nicht entgegenstehen, so man sich nicht vor ungünstigen Ergebnissen fürchtet. An welcher Stelle sollen denn die wissenschaftlichen Methoden ihre Grenze finden? Die Religionshistorie ist sicherlich ein unstrittiger Teil. Auch das Verifizieren von Ereignissen der Heiligen Schriften, man denke an die Sintflut, ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Theologen, Klerus und Gläubige werden Belege für solche sicherlich nicht ablehnen, sondern im Gegenteil als Bestätigung der Authentizität ihrer Schrift umarmen. Auch die behauptete Einzigartigkeit des Korans lässt sich mit den Mitteln der Wissenschaft untersuchen. Gleiches gilt für Wunder jeder Art – selbstverständlich können Wunder i Atheistische Religionen sind hierbei übrigens nicht aus dem Schneider: Denn auch hier wirkt ja eine gottgleiche, kosmische Ordnung bereits im Diesseits. 78 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? nach wissenschaftlichen Kriterien untersucht werden. Nach welchen Kriterien sonst arbeitet der Vatikan bei der Feststellung von Wundern im Rahmen der Heiligsprechung? Ob diese stringent genug angewandt werden, darüber lässt sich freilich streiten. Da ein Wunder generell die Aussetzung von Naturgesetzen beinhaltet, ist diese Untersuchung aber – vorausgesetzt, man kann den Vorfall hinreichend genau beobachten und dokumentieren – im Prinzip möglich. Auch das Gebetsexperiment der Templeton Foundation,95 bei dem sich bedauerlicherweise kein positiver Effekt des Betens zeigte (sondern im Gegenteil negative Auswirkungen für den Fall, dass die Begünstigten vom Gebet wussten!), demonstriert, dass religiöse Phänomene wissenschaftlich untersucht werden können. Als Letztes bleiben noch die Fragen nach Sinn und Moral. Insbesondere moralische Fragen lassen sich problemlos wissenschaftlich erörtern – so etwa mit Blick auf ihre Herkunft, ihren Nutzen und ihre Wirkung. Sinnfragen an sich, wenn diese über einen biologischen Zweck hinausgehen, sind hingegen gut als Produkt der Psyche erklärbar und können im Rahmen der Philosophie behandelt werden, wenn auch zugegebenerma- ßen kaum, sofern ein göttlicher Sinn vorausgesetzt wird. Doch das Argument, die Wissenschaft frage nach dem Wie, Theologie und Philosophie hingegen nach dem Warum, beide bewegten sich also in unterschiedlichen Sphären, ist auch mit Blick auf die transzendente Sinngebung nicht besser. Denn dafür, dass es überhaupt ein Warum in diesem Sinne gibt, bleiben Theologie und Philosophie den Beleg schuldig. Vielleicht liegt die Abwehrhaltung gegenüber wissenschaftlichen Methoden seitens vieler Gläubiger auch darin, dass deren Anwendung Religionen vergleichbar machen würde. Vielleicht wäre das Ergebnis für die eigene Religion ja ungünstig? Da liegt es nahe, derartige Ketzerei von vorneherein zu delegitimieren. Aber halt: Wenn Religion nicht mit wissenschaftlichen, sondern anderen Methoden zu betrachten wäre, auch dann wäre ein solcher Vergleich möglich. Tatsächlich ist er ja in der Behauptung der alleinigen Wahrheit einer Religion bereits enthalten. Entsprechend gälte es also nur noch, einen gemeinsamen Katalog von Kriterien und Methoden zur Untersuchung von Religionen nach religiöser Methodik zu entwerfen, um mit deren Hilfe den Wahrheitsgrad aller Religionen zu evaluieren. Allein, es scheint, dass solche Kriterien bislang stets aus der Perspektive einer spezifischen Religion aufgestellt wurden – mit dem nicht allzu überraschenden Ergebnis, dass genau sie als Siegerin aus dem Vergleich hervorgeht.96 Eine komparative Theologie aber, die sich nicht auch 3 Vernunft versus Glaube: Die Gottesbeweise und ihre Alternativen 79 der Wahrheitsfrage annimmt, bleibt oberflächlich und unter ihren Möglichkeiten. 3.5 Gottesbeweise: Zusammenfassung Die traditionell für die Existenz Gottes angeführten Belege haben sich nicht als stichhaltig erwiesen. Die Mehrzahl ist aus logischen Gründen abzulehnen, andere projizieren unverkennbar die Hoffnung der Gottesexistenz auf verschiedenste natürliche Phänomene, ohne jedoch die göttliche Substanz darin nachweisen zu können. Daher erwächst ihnen auch aus ihrer Kombination kein Gewicht. Selbst wenn besagte Indizien für sich überzeugend wären, wäre damit kein konkreter, eindeutig einer Religion zuzuordnender Gott belegt. Diese schlanke Faktenlage wird im Grundsatz von Theologen und Klerus häufig gar nicht bestritten. Mit der stattdessen postulierten Unbeweisbarkeit Gottes und dem Hinweis auf die zentrale Bedeutung und den Wert des Glaubens entziehen sie sich jedoch einer rationalen Diskussion. Letztlich können wir nur festhalten: Die Gotteshypothese bleibt unbewiesen. Das bedeutet keineswegs, dass die Existenz des Göttlichen bereits ausgeschlossen ist. Doch ist sie mangels überzeugender Belege nicht wahrscheinlich. Insofern könnte man dazu neigen, Religionen ohne Götter eine in der Relation größere Plausibilität zuzumessen. Doch es gibt ja weitere Elemente, die, teils unabhängig von der Existenz eines Gottes, strukturelle Inhalte von Religionen sind. Wenn sich diese als wahr erweisen oder zumindest glaubwürdig gemacht werden können, würde dies jene Religionen, die sich darauf stützen, zweifellos ebenfalls – und damit unter Umständen auch die Gotteshypothese – glaubwürdiger machen. Dies wollen wir im Folgenden untersuchen. 81 Weder die Moral noch die Religion decken sich in irgendeinem Punkte mit der Wirklichkeit. Lauter imaginäre Ursachen („Gott“, „Seele“, „Ich“, „Geist“, „der freie Wille“ – oder auch „der unfreie“); lauter imaginäre Wirkungen („Sünde“, „Erlösung“, „Gnade“, „Strafe“, „Vergebung der Sünde“). Friedrich Nietzsche97 4 Quod esset demonstrandum:i Plausibilität zentraler Institute von Religionen 4.1 Träger der Person: Die Seele Kernelement fast aller Religionen ist die Vorstellung einer Seele. Als eine jedem Menschen (und gegebenenfalls auch anderen Lebensformen) individuell zugeordnete, vom Körper im Grundsatz unabhängige Entität ist die Seele aus zwei Gründen erforderlich: Zum einen bedarf es der Separierung des eigentlichen Wesens eines Menschen vom offensichtlich vergänglichen Körper, um eine Existenz nach dem Tod zu ermöglichen. Die Bhagavadgita beschreibt den Vorgang für den Fall der Reinkarnation eindrucksvoll: „Wie ein Mann die abgenutzten Kleider ablegt, und andere, neue nimmt, so legt die Seele die verbrauchten Körper ab und tritt in andere, neue ein.“ 98 Zum anderen wird eine Art Trägermedium benötigt, das, unter Umständen ergänzt durch Charaktereigenschaften und Erinnerungen, Sünden und gute Taten sammelt bzw. abbildet, anhand deren der Mensch nach seinem Ableben beurteilt werden kann. Auf der Grundlage dieser Bewertung, gleich ob man sie sich als Tag des göttlichen Gerichts oder als unpersönliche, naturgesetzliche Mechanik im Sinne der Karma-Lehre vorstellen mag, erfolgt schließlich der Übergang in den nächsten Zustand der menschlii Lat.: Was zu beweisen wäre. 82 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? chen Existenz, also etwa der Eintritt ins Paradies oder in Zwischenwelten, die Wiedergeburt oder die Erlösung. Ergo: Mit der Existenz der Seele steht und fällt das Konstrukt einer Religion. Zwar divergieren die Vorstellungen der Seele je nach Religion erheblich, die Idee selbst wird jedoch weithin mit einer gewissen Selbstverständlichkeit akzeptiert. Die Gotteshypothese scheint eher der Kritik unterworfen als die der Seele. Dies ist insofern erstaunlich, als ein empirischer Beleg für die Existenz der Seele im religiösen Sinn genauso wenig ersichtlich ist.i Und das, obwohl es intuitiv leichter sein sollte, die Seele, die doch jeder Mensch besitzen soll, nachzuweisen als eine transzendente, weltdurchdringende, für den menschlichen Verstand vielleicht unfassbare göttliche Macht. Woher die Seele stammt, wie sie entsteht und zu ihrem jeweiligen Körper findet, wo sie zu lokalisieren ist und vor allem: wie sie mit dem Körper interagiert, bleibt leider völlig im Dunkeln. Sehr bekannt sind die Ausführungen Platons im „Phaidon“, das ein Gespräch des Sokrates mit seinen Freunden kurz vor seinem Tod schildert. Sokrates bzw. Platon versucht hier die Existenz und Unsterblichkeit der Seele zu belegen: So wie Schlaf und Wachzustand sich zyklisch abwechselten, meint er, müsse es auch bei Tod und Leben sein. Da außerdem das Sichtbare zusammengesetzt und daher auflösbar sei, das unsichtbare Geistige hingegen einfach, unauflösbar und unvergänglich, müsse die Seele dem Bereich des Unvergänglichen angehören. Überzeugend sind beide Punkte leider nicht: Die Analogie des ersten Arguments ist höchst oberflächlich, im zweiten wird die Existenz einer Seele bereits vorausgesetzt. Auch Epikur, der behauptete: „Denn nach dem Tode wird die Seele in sich selbst ruhen, dem Leibe entrückt, früher nicht“,99 blieb einen Beleg für seine Auffassung schuldig. Selbst die Heiligen Schriften behandeln das Thema recht knapp. Der Islam bietet immerhin i In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es Versuche, im Augenblick des Todes verschwindende „Energiefelder“ oder einen plötzlichen Gewichtsverlust nachzuweisen, um als Beleg für die entweichende Seele zu dienen, die als materiell und damit messbar angesehen wurde (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Duncan_MacDougall). Diese Experimente gelten heute jedoch, schon aufgrund der ungenauen Messungen und der geringen Fallzahlen, als un- bzw. pseudowissenschaftlich und wurden weder weiterverfolgt noch von den großen Religionen aufgegriffen. 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 83 erfreulich konkrete Informationen über die Allokation von Seelen zum Körper. So heißt es in der Sunna: „Jeder von euch bleibt als Tropfen im Leibe seiner Mutter vierzig Tage lang, und dann weitere vierzig Tage lang als ein besonderer Blutklumpen, und dann weitere vierzig Tage als ein besonderer Klumpen Fleisch, und zuletzt wird ein Engel gesandt, der die Seele einbläst (…).“ 100 Zur konkreten Art und Weise der Kommunikation der Seele mit dem Körper schweigt die Theologie. Eine aus naturwissenschaftlicher Sicht hierfür erforderliche wie auch immer geartete Schnittstelle oder Wirkungsweise wurde bislang nicht entdeckt. Esoteriker101 verweisen dazu auf die Quantenphysik: Hier zeige sich ja, wie zwei „spukhaft“ miteinander verbundene Teilchen sich, unabhängig von ihrer Entfernung voneinander, gegenseitig beeinflussen. Warum allerdings solche simple physikalische Interdependenzen auf Teilchenebene auf die komplexe Interaktion zwischen einer Seele als geistig gedachtem Konstrukt und einem physikalisch existenten Körper Anwendung finden sollen, also auf ein offensichtlich vollkommen anderes Phänomen, ist nicht einsichtig. So verwundert es nicht, dass sich die Theologie dieser Argumentation nicht bedient. Nicht einmal darüber, ob lediglich Menschen eine Seele besitzen, sind sich die Religionen einig. Während die abrahamitischen Religionen über eine Beseeltheit von Tieren oder Pflanzen keine Aussage treffen und sie damit wohl ausschließen, ist sie fester Bestandteil der indischen Religionen. Beide Sichten führen zu Problemen: Während letztere erläutern müssten, auf welche Weise etwa die Seele eines Vogels im Kreislauf der Wiedergeburten ein höheres Level erreichen kann, um idealerweise als einsichtsfähiger Mensch zu reinkarnieren, wäre es die Pflicht der ersteren zu erklären, ab welchem Stadium der Evolution ein Mensch beseelt war. Hier müsste es ja einen Scheidepunkt gegeben haben, ab dem der Mensch im Auge Gottes als Mensch galt und seither eine Seele erhielt. Leider schweigen hier die Heiligen Schriften. Die Vielseitigkeit und Unbestimmtheit des Konzepts der Seele machen offenbar eine vernünftige Auseinandersetzung damit schwierig, wenn nicht unmöglich. Schlimmer noch: Seele, Geist, Psyche, Bewusstsein werden häufig gleichgesetzt oder zumindest nicht sauber voneinander abgegrenzt. Im Sinne unseres Begriffs als eines vom Körper losgelösten Trägers der Tatenbilanz ist die Verbindung mit dem Bewusstsein nicht weiterführend. 84 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Da sie aber so häufig ist – vielleicht weil sie aufgrund der eigenen Erfahrung des Bewusstseins so überzeugend scheint –, wollen wir hierzu die folgende Überlegung anstellen: Die meisten Leser werden wohl zustimmen, dass es einen Zustand der Bewusstlosigkeit gibt, etwa im Schlaf. Das Bewusstsein ist außerdem unter anderem durch Drogen, Wettereinflüsse oder den aktuellen Kreislaufzustand beeinflussbar. Es ist also offensichtlich aufs Engste mit dem Körper verbunden. Wollte man nun aus der Erfahrung des Bewusstseins die Existenz der Seele ableiten, ergäbe sich aus der Abhängigkeit einer eigentlich separaten Entität, die lediglich mit dem Körper kommuniziert, vom körperlichen Befinden ein Widerspruch. Wären Bewusstsein und Seele eng verbunden, müssten ein unabhängiges Bewusstsein und außerkörperliche Erfahrungen im Schlaf der Normalfall sein. Man könnte sogar behaupten: „Wäre mein Bewusstsein ein Ding, eine Substanz, dann wäre es logisch unmöglich, dass ich jemals Phasen der Bewusstlosigkeit erlebe.“102 Ein weiteres Problem ergibt sich im Zusammenhang mit Schlaganfall- und Alzheimer-Patienten, die wesentliche Teile ihrer Erinnerung verloren haben. Wenn die Seele als unabhängiges Organ die Funktion der Bewahrerin der Erinnerungen des Lebens erfüllt, würde sie hier plötzlich versagen. Dies wird Buddhisten oder Hindus nicht stören, die jedes neue Leben, vom Karma abgesehen, bei null beginnen lassen. Christen und Muslime hingegen, die im Jenseits ihre Lieben wiedersehen möchten oder zumindest wissen sollten, was sie zu Hölle und Fegefeuer verschlagen hat, würden enttäuscht. Hier müsste man schon ein transzendentes Back-up konstruieren, um diese Eigenschaft der Seele zu retten. Insofern scheint der Stand der Wissenschaft plausibler, dass es keine seelisch-geistigen Prozesse gibt, die sich nicht in neurophysiologischen Prozessen des Gehirns, vor allem der Großhirnrinde, abbilden.103 Genauso wenig sollte man aus dem Begriff seelischer Krankheiten auf den religiösen schließen. Natürlich existieren psychische, also seelische Krankheiten, die heute erfolgreich behandelt werden können. Doch worauf Psychotherapie und Psychiatrie Einfluss nehmen, ist schlicht das Gehirn, keine transzendente, davon losgelöste Entität. Gerade die medikamentöse Behandlung solcher Leiden ist ja abgeleitet aus physiologischen Vorgängen im Gehirn. Diese „Seele“ kann bei schweren Krankheiten den Charakter eines Menschen verändern, ja sogar ausgelöscht werden. Eine unsterbliche, unveränderliche Seele dürfte aber von einer Psychose oder Depression nicht tangiert werden. Und so muss man wohl feststellen, dass 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 85 die in der Medizin behandelte Seele ein Produkt des Hirns ist. Vereinfacht gesagt: Seele ist das, was das Gehirn macht. Dies entspricht aber eben nicht dem religiösen Seelen-Begriff von einer separaten, eigenständig existierenden und lebensfähigen Entität. Es scheint also, dass der Umfang des tatsächlichen Wissens der Theologen über die Seele in einem gegensätzlichen Verhältnis zur Überzeugung von ihrer Existenz und ihrer Bedeutung für die Religionen steht. Die Existenz einer Seele im religiösen Sinn ist mithin leider, ganz wie die Gotteshypothese, unbewiesen und vermutlich im irdischen Leben unbeweisbar. Damit verzeichnen wir nun neben Gott selbst ein weiteres essenzielles, aber bezüglich seiner Existenz unbewiesenes Element von Religionen. Die Nichtexistenz der Seele wäre zwar kein Beleg für die Nichtexistenz Gottes; auch ohne dieses Institut ist ein Gott denkbar. Ohne eine Seele wäre jedoch ein Leben nach dem Tod schwer vorstellbar – und damit jede Religion, die sich auf ein solches Leben jenseits des irdischen richtet. Ein solcher Gott wäre für uns schlicht bedeutungslos. Und damit sind wir schon beim nächsten Thema: dem Jenseits. 4.2 Menetekel oder Silberstreif: Das Jenseits „Valar Morghulis“, alle Menschen müssen sterben, besagt eine Redewendung aus Braavos.104 Dem kann kaum widersprochen werden. Angesichts dieser für den einen oder anderen unangenehmen Tatsache erstaunt es nicht, dass das Konstrukt des Jenseits, also die Erwartung einer Existenz, eines Lebens nach dem Tod für nahezu alle Religionen wesentlich ist. Ein religionskonformes Leben macht schließlich nur dann Sinn (bzw. unterscheidet sich nur dann von einem Leben nach philosophischen oder moralischen, also rein menschlichen Maßstäben), wenn es nachhaltige Konsequenzen hat – eben für das Jenseits. Dabei spielt keine Rolle, ob das kommende Leben ewig währt, nur ein weiterer Schritt in einer Reihe von Wiedergeburten ist oder sich als Verschmelzung mit dem Göttlichen definiert: Der Begriff der Seele wäre ohne ein Jenseits sinnentleert. Und so befand schon Sokrates: „(…) und darum nähre ich die Hoffnung, dass es ein Leben jenseits gebe für die Verstorbenen, und dass, wie dies schon seit je behauptet wird, es dort den Guten besser ergehen wird als den Bösen.“ 105 86 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Die Vorstellungen über das Jenseits gehen beträchtlich auseinander und beziehen auch kosmologische Vorstellungen ein. So stellt sich der klassische Schamanismus den Kosmos als durch eine Weltachse verbundene drei Schichten vor, von denen die mittlere die Erde ist und Ober- und Unterwelt von wohl- und übelwollenden Geistern bevölkert ist. Anders als im Himmel-Hölle-Dualismus von Christentum und Islam sind die Seelen Verstorbener im Schamanismus jedoch, ähnlich dem Hades der alten Griechen, auf die Unterwelt beschränkt; die Differenzierung nach Gut und Böse fehlt hier. Gerade diese Unterscheidung ist aber, abseits der Kosmologie, für die meisten Religionen und ihr Jenseitsbild bestimmend. Sie manifestiert sich im Jenseits nicht selten in einem Gericht, bei dem über das weitere Schicksal der Seele entschieden wird. Diese Christen und Muslimen so vertraute Idee ist wie viele Spezifika ihrer Religionen weitaus älter: Bereits im vedischen Hinduismus entschied der Gott Varuna, wohin die Verstorbenen kommen – in die „Welt der Erde“ (eine Art vedischer Hölle) oder in „die Welt der Väter“.106 Und in Ägypten wurde vom Neuen Reich bis zur Ptolemäerzeit die Vorstellung gehegt, das Herz, Sitz von Gefühl und Seele, werde nach dem Tod vom Gott der Totenriten, Anubis, gegen die Maati gewogen und bei nicht zufriedenstellendem Ergebnis Ammit, einem dämonischen Ungetüm, das gerne als Mischwesen aus Krokodil, Löwin und Nilpferd dargestellt wurde, zum Verspeisen überantwortet. Die schicksalhafte Entscheidung über die Seele stellen sich allerdings nicht alle Religionen so bildhaft vor; im Karmasystem bestimmt eben dieses ganz unpersönlich, gleichsam als Naturgesetz, das weitere Seelenschicksal. Dem „Prozess“, der in der bildhaften Form regelmäßig ohne Anwälte und Berufungsmöglichkeiten stattfindet, folgt für die Seele zuweilen ein Läuterungsprozess mit Zwischenstadien wie dem Fegefeuer. Auch in Religionen, die dem Reinkarnationsgedanken verpflichtet sind, hält sich die Seele in bestimmten Regionen des Jenseits nur zeitweilig auf. Praktisch allen Religionen eigentümlich ist jedoch ein Endziel, ein dauerhafter Aufenthaltsort in Form eines Elysiums, einer Hölle oder auch des Nirwanas. Interessanterweise scheinen sich vor allem die Vorstellungen von der Hölle zu gleichen: Die eindrucksvollen buddhistischen Darstellungen von Dämonen, welche die ihnen überlassenen Menschen auf fantasievollste i Die Maat wird als Prinzip verstanden, das Aspekte von Gerechtigkeit, Weltordnung, Wahrheit, Staatsführung und Recht vereint. Sie wird häufig als Feder dargestellt. 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 87 Weise quälen, unterscheiden sich, vom bunt-expressiven Malstil und den Folterwerkzeugen abgesehen, kaum von mittelalterlichen Darstellungen, wie wir sie etwa von Hieronymus Bosch kennen. Heutzutage wird zumindest im Christentum eine weniger farbige Interpretation bevorzugt und die Hölle eher als „Ort der Einsamkeit, an den keine Liebe mehr dringen kann“107, als Entfernt-Sein von Gott verstanden. Wie auch immer: Die Belege für die Existenz eines Jenseits sind leider ebenso spärlich wie jene für die Existenz Gottes oder der Seele. Da wir das Jenseits nicht beobachten und wissenschaftlich untersuchen können und außer in Mythen niemand zurückkam, um von dort zu berichten,i handelt es sich um einen reinen Glaubensgegenstand. Wie bei der Seele ist auch beim Jenseits unklar, warum dies in verschiedenen Religionen, ungeachtet seiner evolutionären Herkunft und der engen Verwandtschaft mit anderen Primaten, nur dem Menschen vorbehalten ist. Die Behauptung, niemand sei aus dem Jenseits zurückgekehrt, könnte allerdings Widerspruch hervorrufen. Als Gegenbeweis werden die sogenannten Nahtod-Erfahrungen angeführt. Zahlreiche Menschen berichten von übernatürlich erscheinenden, „jenseitigen“ Erfahrungen in kurzen Zeitspannen, während derer sie als klinisch tot galten. Diese ähneln sich rund um den Globus. Die Betroffenen „gehen ins Licht“, betrachten Szenen um den eigenen Körper herum von oben herab, gleichsam über sich schwebend, und sehen ihnen liebe Verstorbene in dieser Welt. Meist handelt es sich um als glücklich empfundene, himmelartige Erlebnisse, doch wird auch von unerfreulichen berichtet. Eine Vielzahl von Büchern hat solche Nahtod-Erfahrungen zusammengetragen. Aus Sicht der Berichtenden legen sie, für viele Menschen offensichtlich überzeugend, die Existenz eines Lebens nach dem Tod nahe. Dass es solche Erlebnisse gibt, und dies wohl auch in größerer Zahl, scheint glaubwürdig. Inwieweit die Schilderungen letztlich realistisch die Erfahrung beschreiben, sei dahingestellt. Erstaunlich ist jedenfalls, dass eine unmittelbare Verknüpfung mit einer der bekannten Religionen kaum erkenntlich ist. Weder Petrus noch Anubis noch ein anderer bekannterer Gott oder Heiliger warten an einer Himmelspforte. Allzu bildhaft und persönlich sollte man sich das Jenseits also nicht vorstellen. Offensichtlich i Der Besuch des Jenseits oder der Unterwelt ist bekanntlich ein beliebtes Element von Heldensagen wie der Odyssee, von Märchen und natürlich den Religionen selbst (z. B. al-Mi’radsch, die Nachtreise Mohammeds). 88 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? lässt sich hieraus nicht die Wahrheit einer einzelnen Religion ableiten; die Erlebnisse scheinen so generisch, dass sie im Prinzip mit jeder Religion vereinbar wären. Bedeutet das nun, dass diese Erfahrungen die Realität eines Lebens nach dem Tod widerspiegeln und als Beweis dafür gelten dürfen? Nun, man mag gerne glauben, dass die Betroffenen es so empfinden. Ein Beweis wird aber dennoch nicht daraus, da sich diese Erlebnisse ja leider nicht messen, überprüfen oder reproduzieren lassen und sich vor allem stets auf einen eher kurzen Zeitraum unmittelbar nach dem Tod beziehen. Da die Definition des Todeszeitpunktes bekanntlich etwas unscharf ist, erscheint es wesentlich plausibler anzunehmen, dass sich im Gehirn, solange dieses noch in Teilen funktionsfähig ist, Vorgänge abspielen, die unmittelbar mit den im Körper beim Sterben ablaufenden Prozessen verbunden sind und die die besagten Erlebnisse erzeugen. Auch andere körperliche Belastungen und Einflüsse können bekanntermaßen Visionen und Eindrücke hervorrufen, die für den Betroffenen höchst real erscheinen, aber nicht anderweitig verifizierbar sind. Doch so weit muss man gar nicht gehen: Niemand würde einen noch so realistisch wirkenden Traum für die Wirklichkeit halten. Einzelne Elemente der Nahtod-Erfahrungen sind möglicherweise auch kultur- und religionsspezifisch – und damit Hinweise auf eine entsprechende Vorprägung, was ebenfalls die Glaubwürdigkeit verringert. Dass Menschen dazu neigen, Dinge im Sinne ihrer Wünsche und Vorstellungen zu interpretieren und an eigene Ideologien anzupassen, ist ein in der Psychologie wohlbekanntes Verhalten. Selbst wenn man an der „Echtheit“ festhält, wären keine Hinweise für das Verhalten im Diesseits ableitbar. Sind jene Menschen, die negative Erlebnisse haben, tatsächlich aufgrund ihrer „schlechten“ Taten mit diesen bedacht worden, oder haben sie vielleicht nur bewusst oder unbewusst ein schlechtes Gewissen aufgrund von Nichtigkeiten, während der Soziopath ohne Belastung durch ein solches Gewissen fröhlich ins Licht spaziert? Hier bleiben schlicht zu viele Fragen offen, als dass Nahtod-Erlebnisse einen Mehrwert zur Erkenntnis beitrügen. Schließt man die beschriebenen Erlebnisse als Belege aus, bleiben für das Jenseits lediglich die bereits in ihrer Glaubwürdigkeit erschütterten Heiligen Schriften. Während das Jenseits also nicht greifbar bleibt, können wir die Gegenthese, dass nach dem Tod nichts anderes als die körperliche Zersetzung folgt, überall in der Natur beobachten. Die Gegenthese ent- 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 89 hält also schon einmal ein empirisches Element und ist daher rein logisch plausibler. Warum Menschen trotz des Fehlens jeder Evidenz – quer durch alle Religionen – zu einem solchen Konstrukt gefunden haben, ist leicht erklärt: An erster Stelle ist wohl die Furcht vor dem Tod zu nennen. Dies ist wenig überraschend eine der stärksten und verbreitetsten menschlichen (wie tierischen) Emotionen. Eine Spezies, die dem Tod indifferent gegen- überstünde, würde im Verlauf der natürlichen Selektion nicht lange existieren. Um mit dieser in aktuellen Gefahrensituationen sinnvollen, dauerhaft aber ungesunden Furcht umzugehen, erscheint es vernünftig, dass der kreative menschliche Geist hierfür das Relaxans des ewigen Lebens entwickelt hat. Wer am Leben hängt, kann die Erkenntnis des gewissen Todes durch die Hoffnung auf ein Weiterleben besser ertragen. Dass dies in der Praxis nur begrenzt gelingt und viele Gläubige dem Tod dennoch angstvoll entgegentreten, spricht nicht gegen das Prinzip. Zum zweiten ist die Hoffnung auf ein besseres Leben als das diesseitige zu nennen. Zu den „vier edlen Wahrheiten“ des Buddhismus gehört bekanntlich, dass das Leben Leiden sei, und auch im europäischen Mittelalter wurde gerne geklagt, das Leben sei ein Jammertal. Zweifellos ist es das auch heute noch für viele Menschen, gleich ob objektiv oder subjektiv, gleich ob durch Armut, Unterdrückung oder Krankheit. Mit der Hoffnung, nach dem Tod werde es besser, lassen sich daher nicht nur das eigentliche Sterben, sondern alle Leiden und Lasten des Lebens besser erdulden. Und schließlich wäre da der Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit. Menschen aller Bildungsstufen und Religionen, einschließlich der Atheisten, hört man zuweilen ihrem Glauben Ausdruck verleihen, dass der „liebe Gott“ oder „das Universum“ schon noch dafür sorgen werde, dass die Missetäter dieser Welt, einschließlich ganz bestimmter Politiker, Kollegen und Nachbarn, spätestens im Jenseits ihre Quittung bekämen und jene, mit denen das Leben es nicht so gut meinte (in erster Linie sie selbst) oder die sich im Sinne von etwas Höherem opferten (zum Beispiel im Jihad), hierfür entschädigt würden. Im Gedanken des Karmas ist diese Vorstellung ebenso enthalten wie in dem eines Gottesgerichts. Und in der Tat ist es ja mit der irdischen Gerechtigkeit nicht weit her. Wohl mag man in manchem Ereignis nach dem Motto „Die kleinen Sünden straft der liebe Gott sofort“ einen Fingerzeig Gottes sehen; dass aber viele Untaten zu Lebzeiten nicht geahndet werden und Massenmörder wie 90 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Mao oder Stalin friedlich sterben durften, ja ihre monströsen Verbrechen gar nicht von einem Menschen alleine zu sühnen wären, während manch feiner Mensch im Elend geboren und gestorben ist, ist nicht zu leugnen. Eine ausgleichende Gerechtigkeit wäre daher zweifellos vernünftig und wünschenswert (auch im Sinne von Kant), um das tatsächliche oder empfundene Unrecht im Diesseits besser ertragen zu können. Es ist aber auch notwendig, wenn göttliche Moral und religiöse Ge- und Verbote ernst genommen werden wollen. Seltsam ist allenfalls, dass die Gläubigen in jenen Ausgleich nicht immer das gebotene Vertrauen haben. Wie wenig scheinen doch manche Muslime Allah zuzutrauen, wenn sie vermeintliche Beleidigungen des Propheten selbst rächen zu müssen vermeinen. Wer auf himmlische Gerechtigkeit setzt, könnte jedoch enttäuscht werden. Was wir persönlich als fair empfinden, sehen andere Menschen häufig anders: Dem Mörder einer untreuen Ehefrau würde man in München sicherlich eine lange Haftstrafe verordnen; in einem paschtunischen Dorf würde die Tat hingegen als gerechte Strafe für die Gattin betrachtet und die Forderung nach einer Sühne dafür als absurd empfunden werden. Woraus also erwächst die Erwartung, dass Gott in unserem Sinne urteilen wird? Dagegen spricht schon die Botschaft mancher Religion, dass Sünden vergeben werden – eine angenehme Sache für den reuigen Sünder, zweifellos, aus der Perspektive eines Opfers hingegen zweifelhaft. Womöglich enthält die göttliche Gerechtigkeit auch harte Strafeni für aus heutiger Sicht eher lässliche Sünden wie den Verstoß gegen das Halten des Sabbats? Hierfür sieht das Alte Testament immerhin die Steinigung vor.108 Vielleicht würde Allah Raub und Mord unter bestimmten Umständen billigen; schließlich war der Überfall auf Karawanen zu Mohammeds Zeiten ein legitimer Weg, den Lebensunterhalt zu sichern.109 Wir sehen: Wer auf eine diffuse ausgleichende Gerechtigkeit setzt, weiß noch lange nicht, was ihn erwartet. Die dargelegten Motive erklären also recht gut, warum sich Menschen ein Jenseits erhoffen und warum dieses Kernbestandteil einer erfolgreichen Religion sein muss. Wunschvorstellungen spiegeln aber nicht zwingend die Realität wider. Das Jenseits ist damit ein weiteres unbelegtes Postui Die ausgleichende Gerechtigkeit für schlechte Taten im Christentum und Islam ist vom Charakter her übrigens nicht unbedingt eine Strafe mit dem Ziel der „Resozialisierung“, also der Läuterung der Seele. Für eine endgültige Strafe wie das ewige Höllenfeuer dürfte die Bezeichnung als Rache die Sache besser treffen. 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 91 lat, dass das Gesamtkonstrukt einer Religion komplexer macht. Wie wir jedoch bereits mit dem Beispiel der geflügelten Einhörner in Kapitel 3.4.2 festgestellt haben, sinkt mit zunehmender Komplexität die Wahrscheinlichkeit, dass eine Behauptung zutrifft. 4.3 Voraussetzung individueller Verantwortlichkeit: Der freie Wille Um jemanden für seine Taten zur Rechenschaft ziehen, verlangt unser Verständnis von Recht und Gerechtigkeit, dass der Schuldige für diese vollständig verantwortlich ist. Menschen, die keine Kontrolle über ihr Verhalten haben, werden daher, jedenfalls wenn sie diesen Zustand nicht selbst herbeigeführt haben, als schuldunfähig betrachtet und nicht strafrechtlich belangt. Die Untat muss also willentlich oder zumindest fahrlässig erfolgt sein. Dies scheint weithin ein anerkanntes Prinzip der Gerechtigkeit zu sein. Wenn wir Gott und ebenso das Karma als gerecht verstehen, muss also auch dieses Prinzip angewandt werden. Nur wenn der Mensch einen freien Willen hat, mittels dessen er sich für das Gute oder das Böse entscheiden kann, kann er dafür belohnt oder haftbar gemacht werden. Würden alle Menschen hingegen instinktgesteuert wie Tiere oder gleich Maschinen einem von Gott oder der Vorsehung definierten Schicksal folgen, wäre es nicht nur ungerecht, sie für ihr Denken und Handeln zu belohnen oder zu bestrafen. Es wäre auch schlichtweg sinnlos, da die angedrohten bzw. ausgeführten Konsequenzen ja nicht zu einem anderen, wünschenswerten Verhalten führen könnten. Religionen erfordern daher zwingend einen freien Willen: Wie sonst sollte sich ein Mensch aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreien, wie sollte er glauben, wie sich Gott zuwenden, wenn ihm kein Wille dies ermöglicht? Dass es diesen freien Willen gibt, wird von den meisten Menschen nie infrage gestellt. Man erfährt ihn ja jeden Tag selbst, in Tausenden kleiner Entscheidungen, die man trifft – mal nach reiflicher Überlegung, mal spontan, aber immer man selbst. Gewiss gibt es Rahmenbedingungen, einen individuellen, von unserer Person wie unserer Umwelt abhängigen, begrenzten Handlungsraum, innerhalb dessen wir uns entscheiden. Aber im Grundsatz entscheiden wir selbst, ob wir Kaffee oder Tee zum Frühstück nehmen, am Wochenende zu den Eltern oder auf ein Konzert fahren und ob wir das Jobangebot aus Hamburg annehmen – oder eben nicht. Nur deshalb, weil es diesen freien Willen gibt, konnten wir ihn zur Grund- 92 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? lage unserer Rechtsordnung machen. Zu behaupten, einen freien Willen gebe es gar nicht, erscheint – selbst wenn man die eigene Beeinflussbarkeit konzediert – mindestens kontraintuitiv. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Fluchtreflexe, Lachen, Jähzorn sind nur einige simple Beispiele dafür, dass unser Verhalten keineswegs durchgängig unserem Willen unterliegt. Oder man denke an den berüchtigten „inneren Schweinehund“, der den guten Vorsätzen, mehr Sport zu treiben oder gesünder zu essen, entgegensteht. Und spätestens jeder, der einmal einen hypnotisierten Menschen oder gar einen verliebten Teenager beobachtet hat, dürfte zustimmen, dass es mit dem freien Willen nicht immer sehr weit her ist. Allerdings, könnte man einwenden, schließt dergleichen die Existenz des freien Willens in anderen Situationen ja nicht aus. Nun, vielleicht doch. Tatsächlich wird der freie Wille schon seit der Aufklärung als Phänomen in seiner Gesamtheit infrage gestellt. Hierfür finden sich sowohl philosophische als auch wissenschaftliche Begründungen, insbesondere aus den Neurowissenschaften, und – überraschenderweise – auch aus den Religionen selbst. Doch bevor wir diese untersuchen, stellt sich die Frage: Was meinen wir eigentlich genau mit dem freien Willen? „Einen freien Willen zu besitzen, würde bedeuten, dass man anders entscheiden könnte, als man tatsächlich entscheidet, d. h. dass es für unsere tatsächlichen Entscheidungen Alternativen gäbe.“110 „Nur wenn ein Mensch anders kann, wenn er noch nicht realisierte Möglichkeiten vor sich hat und über Handlungsalternativen verfügt, kann er im vollen Sinne frei genannt werden.“111 Diese unmittelbar eingängige Beschreibung drückt sich allerdings noch um eine Antwort, was es denn überhaupt heißt, „anders zu können“. Dazu ziehen wir die Definition von Schopenhauer112 zu Rate: Für Schopenhauer ist der freie Wille ein Wille „ohne vorhergegangene Ursache“, „ohne Nothwendigkeit“, der „nicht durch Gründe“, ja der damit „durch gar nichts bestimmt würde.“113 Schopenhauer weist dann aber darauf hin, dass die Vorstellung eines von Ursachen unabhängigen (also freien!) Willens unserem Denken widerstrebt, weil hier das dem Denken zugrunde liegende Kausalitätsprinzip aufgehoben wird: „Unter Voraussetzung der Willensfreiheit wäre jede menschliche Handlung ein unerklärliches Wunder – eine Wirkung ohne Ursache.“ 114 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 93 Dies bedeutet aber nichts anderes, als dass der Wille eines Menschen eben mitnichten frei ist. Auch wenn uns das hier noch erstaunen mag – wie kommt Schopenhauer dazu, uns unseren Willen abzusprechen! –, dürfen wir doch bereits fragen, wie wir uns denn den freien Willen in traditionellem Verständnis praktisch vorzustellen haben. Ein frei schwebendes Willen-Wesen, ein kleiner Bruder der Seele, der auf unerklärliche Weise mit unserem Gehirn kommuniziert und dieses kommandiert? Auch wenn wir etwas plausibler davon ausgehen, dass der freie Wille im Gehirn bzw. von diesem erzeugt wird, bleibt die Frage der Rückkopplung des Willens zum Gehirn offen. Vor allem aber stellt sich die Frage, wie sich dann die Entscheidung in eben diesem freien Willen bildet. Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder auf der Basis von Ursachen und Gründen – dann ist der Wille aber nicht frei – oder durch Zufall – und das ist wohl kaum unser Bild von Freiheit. Schopenhauers Sicht ist mittlerweile von den Neurowissenschaften, die Hirnprozesse durch moderne bildgebende Verfahren sichtbar machen und immer besser verstehen, mit Fakten unterlegt. Aus Sicht der Hirnforschung beruhen „alle Leistungen von Gehirnen, die mentalen Prozesse eingeschlossen, auf neuronalen Vorgängen. Das heißt: Sie gehorchen physiko-chemischen Gesetzen.“115 Es entscheidet folglich keine vom Körper getrennte Person, kein „Ich“, sondern ausschließlich das im Prozess der Evolution entstandene, also an seine Aufgabe angepasste Gehirn. Dieses wird durch seine physische Struktur determiniert, also durch die Verschaltungen der Neuronen. Hierbei ist die Struktur nicht unabänderlich, sondern wird durch Input von innen und außen verändert.i Neuronale Erregungsmuster ringen permanent um einen möglichst stimmigen Gesamtzustand. Da dieser Prozess auf der Grundlage natürlicher Vorgänge (und damit der Naturgesetze) abläuft, ist hier weder Bedarf noch Raum für dritte Einflüsse: Der aktuelle Zustand des Gehirns determiniert den darauf folgenden.ii Der Hinweis, dass das Gehirn insofern nicht allein entscheiden könnte, als in die Entscheidung auch soziale Tatsachen hineini Nachdem Sie diesen Satz gelesen haben, hat sich Ihre neuronale Struktur bereits (ein wenig) verändert. ii Das bedeutet nicht, dass es uns möglich wäre, künftige Zustände des Gehirns problemlos vorauszusehen. Eine Gesamtaufnahme des Gehirnstatus mit seinen unzähligen Nervenzellen und Verbindungen und der parallel an vielen Stellen gleichzeitig ablaufenden nicht linearen Prozesse ist schon technisch auf absehbare Zeit nicht möglich. 94 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? spielten, „zum Beispiel die Intuitionen über Moral und Gerechtigkeit oder über Subjektivität und Willensfreiheit, die wir in unserer kulturellen Sozialisation gelernt haben“116, oder auch Triebstruktur, Erfahrungen, Hunger, Außentemperatur, einfach alles, geht hierbei fehl: Denn all diese Rahmenbedingungen sind ja im Gehirn neuronal repräsentiert und können daher situationsabhängig zur Entscheidungsfindung herangezogen werden. Dass einige dieser Faktoren ins Bewusstsein dringen und wir deswegen unsere Entscheidungen als frei gewählt wahrnehmen, bedeutet nicht, dass die neuronalen Prozesse keinem deterministischen Mechanismus gehorchen.117 Da also die im jeweiligen Zeitpunkt vorliegenden Gegebenheiten des Gehirns ausschlaggebend sind für unsere Entscheidungen, unterliegt man lediglich einer Täuschung, wenn man meint, diese seien durch den eigenen freien Willen generiert worden. Vor dem bewussten Wollen (und Tun) hat anscheinend das Gehirn bereits den Handlungsbefehl geliefert.i Die uns bewussten Gründe sind demnach wohl nur nachträgliche Rechtfertigungen der Hirnentscheidung, deren Ursachen uns unklar bleiben. Das Ich, die Person, ist also identisch mit dem Hirn. Insofern sind die Entscheidungen des Hirns die der Person. „Die Frage ist also nicht, ob unsere Entscheidungen frei sind, sondern warum wir unsere Entscheidungen subjektiv als frei erleben. Die Anti Hierauf weisen u. a. Experimente von Libet, Haggard und Eimer sowie John-Dylan Haynes hin, die zeigen, dass „bewusst erfahrenen Entscheidungsprozessen messbare neuronale Prozesse – unter anderem so genannte Bereitschaftspotenziale bei Handlungsentscheidungen – zeitlich vorangehen“ (Uphoff 2005). Bevor wir uns bewusst zu entscheiden glauben, hat demnach das Gehirn die Entscheidung bereits vorweggenommen: „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“ (Wolfgang Prinz in Hürter 20011). Kritiker wenden hingegen ein, dass nicht nur das Unbewusste in unsere bewussten mentalen Prozesse hineinwirkt, sondern umgekehrt auch das Bewusstsein das Unbewusste programmiert. Das Bewusstsein könne ein Veto gegen die auf neuronaler Ebene zuvor entstandenen Bereitschaftspotenziale einlegen. Ein Individuum, das zum Beispiel bereits zu einem Ladendiebstahl entschlossen ist, könne in letzter Sekunde – etwa, wenn es Geräusche hinter sich hört – die aus einzelnen Teilhandlungen sich zusammensetzende Gesamthandlung „Ladendiebstahl“ abbrechen, auch wenn diese bereits laufe. In diesem Fall handle das Bewusstsein den Bereitschaftspotenzialen zuwider (siehe Uphoff 2005). Dieser Einwand überzeugt jedoch nicht: Denn die Entscheidungsfindung im Hirn kann ja durchaus im Zusammenspiel von Bewusstsein und Unterbewusstsein geschehen und als dynamischer Prozess verstanden werden, der neue Eindrücke berücksichtigt; da beides bezüglich des Status und der jeweiligen Prozesse vom Gehirn determiniert ist, ist auch das Ergebnis determiniert. 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 95 wort ist, dass nur von einem Bruchteil der neuronalen Prozesse in unseren Gehirnen mentale Phänomene, d. h. bewusste Repräsentationen dieser neuronalen Prozesse erzeugt werden. Die subjektiv empfundene Freiheit unserer Entscheidungen beruht auf der Unvollständigkeit der in unserem Bewusstsein auftauchenden Repräsentationen der neuronalen Prozesse, als die unsere Entscheidungen im Gehirn ablaufen.“ 118 Welche Argumente im Einzelfall ins Bewusstsein kommen, hängt ab von unbewussten Prozessen, von Vorerfahrungen, früheren Verdrängungen, von augenblicklichen Motivationen, die allesamt neuronal repräsentiert sind. Auch wie jemand rational abwägt, ist neuronal determiniert. „Daher kommt die Neurobiologie am Ende zu der Aussage: Jemand hat so entschieden, weil er mit einem Gehirn ausgestattet ist, das in diesem Moment so entscheiden konnte und nicht anders.“119 Die Neurowissenschaftler sind mit dieser Sicht nicht alleine. Der Psychologe und Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz meint: „Die Vorstellung, es gäbe im menschlichen Geist eine Instanz namens Wille, die völlig frei entscheidet und nicht vorherbestimmt ist – eine solche Idee ist psychologischem Denken fremd. Die Psychologie sucht nach Determinanten von Verhalten. Wir wollen wissen: Warum hat jemand dies oder jenes getan? Einfach zu sagen, ‚es war sein freier Wille‘, hieße, die Wissenschaft aufzugeben. Insofern kommt das Thema ‚freier Wille‘ in unserem Labor nicht vor.“ 120 „Diese Idee ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren.“ 121 Die Abkehr vom liebgewonnen freien Willen fällt sicherlich nicht nur Philosophen schwer. Doch die Hirnforscher sind unerbittlich: „Entweder sind Entscheidungen die Folge neuronaler Wechselwirkungen oder sie kommen auf naturwissenschaftlich nicht nachvollziehbare Weise zustande. Da müssen Sie sich schon entscheiden.“ 122 „Oft ist da die Vorstellung, es gäbe etwas, was den neuronalen Prozessen im Gehirn übergeordnet ist, eine von diesen unabhängige Instanz, die entscheidet und dann das Nervensystem zur Ausführung des Beschlossenen veranlasst. Dann wären wir wirklich fremdbestimmt.“ 123 96 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Was bedeutet dies nun für die Religion? Wenn wir den Neurowissenschaftlern folgen, dann gibt es für einen Gott keine Basis mehr, Menschen nach ihren Handlungen zu beurteilen. Denn dass sie so geworden sind, wie sie sind, und dass sie jeweils so entschieden haben, wie sie es taten, lag nicht an ihnen. Der Verlust der Willensfreiheit müsste uns also – quasi als Kompensation – von der göttlichen Kontrolle befreien. Seltsamerweise ist der freie Wille auch in religiösen Überlegungen angezweifelt oder rundweg bestritten worden. Martin Luther argumentiert in seinem Werk „De servo arbitrio“ (Vom unfreien Willen): „Wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann er in seinem Vorherwissen und in seiner Vorherbestimmung weder getäuscht noch gehindert werden, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will. Das ist die Vernunft selbst gezwungen zuzugeben, die zugleich selbst bezeugt, dass es einen freien Willen weder im Menschen noch im Engel, noch in sonst einer Kreatur geben kann.“ 124 Auch im Islam wird der freie Wille zumindest eingeschränkt. Während die älteste theologische Richtung, die in Syrien entstandene Qadariya, noch von einem freien Willen und der Eigenverantwortlichkeit des Menschen ausging und diese Gedanken in der Schule von Mu’tazila, deren Ursprünge in Basra liegen, wieder auflebten,125 haben sich im sunnitischen Islam die Anhänger der Prädestination, das heißt der Vorherbestimmung aller menschlichen Taten, durchgesetzt.126 Koran und Sunna bieten allerdings sowohl Passagen, die die Verantwortung des Menschen vor Gott bekräftigen, als auch solche, die die Prädestination belegen. Sichtbar wird dieser Widerspruch zum Beispiel in einem Spruch aus der Sammlung des Buhari: „Wenn nun einer von Euch handelt wie die, die für das Höllenfeuer bestimmt sind, und ist er von diesem nur noch eine Elle entfernt, dann kann ihn das Aufgeschriebene überholen, so dass er handelt wie die für das Paradies Bestimmten, und er kommt ins Paradies. Und wenn einer von Euch so handelt, wie die, die für das Paradies bestimmt sind, und ist davon nur noch eine Elle entfernt, so kann ihn das Aufgeschriebene überholen, so dass er handelt wie die für das Höllenfeuer Bestimmten, und er kommt ins Feuer.“ 127 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 97 In ähnlicher Weise finden wir im Hinduismus und Buddhismus sowohl prädestinative als auch willensfreiheitliche Strömungen. „Buddhisten fühlen sich eingebunden in ein großes Netzwerk von Determiniertheiten, also der Abhängigkeit des Willens von inneren oder äußeren Ursachen, aus der es kein Entrinnen gibt. Daher sind auch Hirntheorien, die von Buddhisten intuitiv erschlossen wurden, sehr ähnlich dem, was unsere Wissenschaft zutage fördert.“128 Im Judentum ist Willensfreiheit hingegen ein zentrales Dogma. Wie dem auch sei, die religiöse Sicht können wir nach unserer Auseinandersetzung mit den Heiligen Schriften schwerlich als ausschlaggebend betrachten. Die neurowissenschaftliche Position erscheint hingegen konsistent und überzeugend und würde – wenn man ihr folgt – jedes religiöse Konzept von Sünde, Buße und Gericht ad absurdum führen – und damit die Kernaussage so ziemlich aller Religionen. Doch die Demütigung des Menschen, zumal des gläubigen, die in dem Verlust des bislang als Differenzierungsmerkmal gegenüber dem Tier hochgehaltenen freien Willens besteht, wird nicht unwidersprochen hingenommen. Der Theologe Klaus von Stosch meint, dass hier „nicht nur religiöse Menschen widersprechen (werden; Anm. d. Autors), sondern jeder, der – aus welchen Gründen auch immer – an der besonderen, unverlierbaren Würde des Menschen festhält“.129 Entsprechend ruft er zum Widerstand auf: „Hier scheint es mir an der Zeit zu sein, dass sich Anhänger der verschiedenen Religionen mit Vertretern eines atheistischen Humanismus zusammen tun, um jeder szientistisch motivierten Reduzierung des Menschen auf ein ‚Häuflein Dreck‘ entgegenzutreten.“130 Man kann es auch konzilianter formulieren: „Gründe für Zurückhaltung (…) ergeben sich nicht allein mit Bezug auf die Möglichkeit lückenloser naturwissenschaftlicher Bezugsrahmen, sondern auch mit Bezug auf deren Wünschbarkeit.“131 Während man von Stosch so verstehen kann, dass er wissenschaftliche Ergebnisse nicht akzeptieren will, wenn diese seinem Menschenbild zuwiderlaufen, möchte sich die andere Stimme anscheinend offenhalten, ob sie die Erkenntnisse der Neurowissenschaften überhaupt wissen möchte. Solche Haltungen sagen wohl mehr über ihre Vertreter aus als über die Thesen der Hirnforscher: Wenn man Wissenschaft nach dem betreibt und beurteilt, was man als wünschenswert erachtet oder was „das Volk“ vertragen kann, beendet man die Wahrheitssuche und offenbart eine unschöne Herablassung für jene, die angeblich nicht mit der Wahrheit umgehen können. Vermutlich wurde seinerzeit ähnlich argumentiert, als es galt, das 98 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? geozentrische Weltbild aufzugeben, oder als die Evolutionstheorie veröffentlicht wurde. Eine Theorie kritisch zu hinterfragen ist berechtigt, sie zu bekämpfen, weil die Ergebnisse missfallen, nicht. Gleichwohl ist die Frage nach den Konsequenzen dieses neuen Menschenbildes gerechtfertigt. Und nach Ansicht mancher wären sie desaströs: „Willensanstrengungen erscheinen sinnlos. Entscheidungsfinden macht keinen Sinn. Sich selbst organisieren wird überflüssig. Selbstkontrolle erscheint als Fiktion, Selbstmanagement im Grunde aussichtslos. Vorwerfbare Schuld entfällt. Verantwortung gibt es nicht mehr. Fatalismus und Schicksalsglauben wird der Boden bereitet.“132 Die Konsequenzen für unser Rechtssystem wären umwälzend: Niemand könne mehr bestraft werden, weil eine persönliche Schuld nicht vorliege. Der renommierte Philosoph Daniel Dennett will daher gar nicht den Sachverhalt als solchen widerlegen, sondern plädiert mit Blick auf die Folgen dafür, die Ergebnisse der Neurowissenschaften nicht zu verbreiten.133 Aus seiner Sicht würden Menschen die Botschaft, dass sie für ihre Handlungen nicht verantwortlich seien, als Freibrief für unmoralisches Handeln ansehen; die gesellschaftlichen Konsequenzen wären fatal. Diese Sicht stützt er auf ein Experiment mit Studenten, die sich in einer Laborsituation weniger moralisch verhielten, wenn ihnen zuvor erklärt wurde, dass sie keinen freien Willen hätten. Nun kann man gegen dieses Experiment manches einwenden: Ist die Versuchssituation nicht etwas zu simpel, um die Komplexität menschlichen Verhaltens in der Praxis darzustellen? Würden Menschen, die ohnehin zu unmoralischem oder egoistischem Handeln neigen, nicht gleichermaßen auf andere Möglichkeiten der Exkulpation reagieren, gleich ob diese wissenschaftlich oder religiös fundiert sind? Würde sich die Erkenntnis überhaupt nachhaltig auf unser Denken und Handeln auswirken? Angesichts dieser Fragen empfiehlt es sich, nicht vorschnell zu verallgemeinern. Doch Dennett übersieht, dass es eines Experiments gar nicht bedurft hätte. Es gibt ja bereits zahlreiche Menschen, die nicht unter Laborbedingungen, sondern tagtäglich mit der Erkenntnis leben, dass der freie Wille nicht existiert. Bislang ist jedoch nicht aufgefallen, dass Neurowissenschaftler und die Anhänger ihrer Lehre an Wochenenden plündernd und brandschatzend durch die Innenstädte zögen oder dass sich Hooligans vorrangig aus Deterministen rekrutierten. Die Praxis zeigt also, dass das Argument so generell nicht stimmen kann. Gewiss mag es in Einzelfällen Menschen geben, die sich unter diesem Vorwand selbst einen Freibrief aus- 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 99 stellen würden, weniger schöne Dinge zu tun. Doch dürften gesellschaftliche Reaktionen (wenn schon nicht das Gewissen) oder deren Androhung, insbesondere die Strafverfolgung, dies im Zaum halten. Und überhaupt: Wer für schlimmste Taten eine Entschuldigung benötigt, findet diese auch anderswo – etwa in der Religion. Die Marodeure des Islamischen Staates haben jedenfalls nicht die Neurowissenschaftler hervorgebracht. Vielleicht also sollten Kritiker ihr doch etwas düsteres Menschenbild überdenken. Mir scheint jedenfalls eine andere, rundum positive Wirkung wahrscheinlicher, die eigentlich zumindest auch Christen und Buddhisten gefallen müsste: Die Erkenntnis, dass Menschen für ihre schlechten Eigenschaften und Handlungen nicht wirklich verantwortlich sind, ist ein Grund zur Nachsicht.i Der aggressive Autofahrer, der uns geschnitten hat, der begriffsstutzige Chef, und ja, auch der Terrorist und der Politiker, sie können halt nicht anders, als ihr biologisches Set-up es hergeben. Würden wir nicht auch dem Hund, der auf der Jagd nach einer Katze unser Auto zerkratzt, schneller verzeihen als einem missgünstigen Nachbar, der dasselbe mit voller Absicht tut? Diese Nachsicht bedeutet natürlich keineswegs, dass man auf erwünschtes und unerwünschtes Verhalten nicht reagieren sollte – ganz im Gegenteil. Denn unsere Reaktion auf jedwedes Verhalten ist ja stets Input für das Gehirn der Betroffenen und übt sehr wohl – bestärkende oder dämpfende – Wirkung aus. Nicht verschwiegen werden soll die Kehrseite der Medaille, die darin besteht, dass auch die Wertschätzung für bemerkenswerte Taten sinkt bzw. verschwindet. Dies mag man bei moralischen oder wissenschaftlichen Leistungen mehr bedauern als bei sportlichen oder künstlerischen. Letztlich wäre auch das nur eine Folge der Erkenntnis der Fakten; und praktisch steht ohnehin kaum zu befürchten, dass Menschen ihrer Fähigkeit zu Anerkennung, Wertschätzung und Bewunderung verlustig gingen. Gleichwohl gilt es die Frage zu beantworten, ob die Erkenntnis fehlender Willensfreiheit zu gesellschaftlichen und juristischen Konsequenzen zwingt. Der Philosoph Holm Tetens bestreitet dies: i Diese Sicht teilten z. B. Sam Harris, der sagte: „Seeing through the illusion of free will has lessened my feelings of hatred for bad people“, und Albert Einstein: „Schopenhauers Spruch: ‚Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will‘ hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz“ (siehe Rüdiger Vaas: Willensfreiheit. In: Lexikon der Neurowissenschaft, spectrum.de). 100 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? „Wenn wir in Wahrheit unfrei sind, waren wir schon immer unfrei. Insbesondere haben wir all das getan und tun es weiterhin, was wir damit begründeten und immer noch begründen, wir seien frei. Dass diese Begründung hinfällig geworden ist, macht noch lange nicht die so begründete Praxis hinfällig. Wir können an unserer üblichen Praxis auch ohne kommentierende und begründende Rede von ‚Willensfreiheit‘ festhalten.“ 134 So besteht etwa kein Grund, das Rechtssystem zu ändern, da man die Fiktion des freien Willens als Stimulans für sozialverträgliches Handeln ja beibehalten kann.i Das sieht auch Prinz so: „Ich meine: Die Vorstellung der Willensfreiheit ändert unser Verhalten, sie zwingt uns, unsere Handlungen zu reflektieren. Dadurch werden wir zu moralischen und rationalen Subjekten erzogen.“ 135 „Sie hilft uns, Regeln für das Zusammenleben aufzustellen, deren Einhaltung nicht allein durch Autorität gewährleistet wird. Solange man die Individuen dazu bringt, sich für frei und damit auch für verantwortlich zu halten, funktioniert diese Art der gesellschaftlichen Organisation.“ 136 Gleich welche Folgen man für eine Verbreitung des Gedankens fehlender Willensfreiheit annimmt: Ein Plädoyer für die Zurückhaltung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist in einer ehrlichen, faktenbasierten Diskussion schlicht inakzeptabel. Die Wahrheit auf dem Altar des vermeintlich Zweckmäßigen zu opfern wäre höchst fragwürdig und paternalistisch. Die Wahrheit ist jedem Menschen zumutbar. Dies gilt umso mehr im Rahmen der Untersuchung der Gotteshypothese: Ein Fehlen der Willensfreiheit ist schließlich ein überaus starkes Argument gegen zentrale religiöse Vorstellungen. i Das vieldiskutierte Grundproblem nach unserem heutigen Rechtsverständnis wäre, Menschen für Vergehen zu bestrafen, für die sie mangels freien Willens nicht verantwortlich sind. Das ist zweifellos eine gewichtige gesellschaftliche wie legislative Fragestellung. Abgesehen davon, dass dieses Problem natürlich nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse verändert, ergibt sich jedoch keine zwingende Notwendigkeit zur Änderung des Rechts. Denn der Strafenkatalog des Gesetzes gehört ja zum Input des Gehirns, auf dessen Basis sich die Entscheidung formt. Ergo wirken die Strafandrohung und das Vorhandensein einer funktionierenden Justiz und ggf. sozialer Konsequenzen auch ohne freien Willen. Abgesehen davon ist natürlich auch das Schutzinteresse der Opfer bzw. der Gesellschaft zu berücksichtigen. 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 101 Doch es gibt auch konkrete Einwände gegen die neurowissenschaftlichen Thesen. Eine besondere Genugtuung ihrer Gegner wäre natürlich, die Naturwissenschaft auf ihrem eigenen Gebiet zu schlagen. Dies wurde auch versucht. So gab es etwa das Bemühen, den ungeliebten Determinismus von physikalischen und chemischen Prozessen mit dem Verweis auf die Chaostheorie zu entkräften. Dabei wurde freilich übersehen, dass „chaotisches“ Geschehen entsprechend der Chaostheorie deterministisch ist. Größeren Erfolg versprach der Verweis auf die Quantenphysik. Renommierte Philosophen wie Robert Kane, Karl Popper und John Eccles hofften, dass die Quantenunschärfe (quantum indeterminacy), also die Zufälligkeit auf subatomarem Level, die Idee der Willensfreiheit retten könnte. Doch geschah dies in Unkenntnis der wissenschaftlichen Grundlagen, wie der Neurowissenschaftler Patrick Haggard darlegt: „No one wants to be told they’re just a machine. But there is simply nothing approaching convincing evidence for the quantum view. Popper and Eccles proposed that free will was due to quantum indeterminacy in the chemical messages that communicate between neurons. But none of that happens at the quantum level. From a physics point of view, it’s macro-level“.137 Zudem ist die Quantenaktivität rein zufällig: Zufall bietet jedoch nicht wirklich mehr Freiheit als der Determinismus – insofern scheitert auch dieser Einwand. Eine weitere Argumentationslinie bezieht sich auf „Gründe“ im Sinne von Beweggründen. Ihre Befürworter gehen aus von einer Freiheitsdefinition, nach der wir auch anders handeln können, sofern wir Gründe haben, die uns sagen, dass wir anders handeln sollten. Ein solcher Grund wäre dann wirksam, wenn man ihn für triftig hielte.138 Aus Sicht der Neurowissenschaften spielten aber derartige Gründe keine Rolle, sondern lediglich Hirnprozesse; durch diese eingeschränkte Perspektive entstehe die irrige Annahme, es sei eine Täuschung, dass wir frei seien. Dieser Einwand beruht allerdings auf einem falschen Verständnis der Aussagen der Hirnforschung. Selbstverständlich spielen Gründe eine Rolle in der Entscheidungsfindung im Hirn, sie müssen hierzu nur neuronal repräsentiert sein. Ein etwa durch sprachliche Kommunikation übermittelter Grund („Lauf nicht bei Rot über die Straße!“) wird im Hirn aufgenommen und neuronal dargestellt und spielt dann auch eine Rolle, wenn unter Abwägung aller 102 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Gründe die Entscheidung (in diesem Fall zur Überquerung der Straße) getroffen wird. Eine verwandte Argumentation, in der versucht wird, mit einem „objektiven Geist“ einen ebenfalls neben dem Gehirn bestehenden Einflussfaktor zu konstruieren, verfolgt der Philosoph Jürgen Habermas. Er verteidigt unter Rückgriff auf einen solchen das eigene Gewicht der Kultursphäre als das umfassende Medium menschlichen Lebens. „Ohne die reorganisierende Anbindung des subjektiven Geistes und seines natürlichen Substrates, des Gehirns, an einen objektiven Geist, das heißt an symbolisch gespeichertes kollektives Wissen, fehlen propositionale Einstellungen zu einer auf Distanz gebrachten Welt“.139 Vor dem Hintergrund des umfassenden Charakters dieser Kultursphäre hält Habermas daher eine Rückwirkung des als vollgültige Wirklichkeit verstandenen immateriellen Geistes auf Materie durchaus für möglich. Das Eigengewicht dieser Kultursphäre als eines zwischenmenschlichen bzw. überindividuellen Bedeutungsphänomens streitet der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth jedoch kategorisch und überzeugend ab: „Wenn mir jemand die Gründe für sein Handeln erläutert, so dringen lediglich Schalldruckwellen, aber keine Bedeutungen an mein Innenohr. Was Habermas mit seiner objektiven Welt meint, ist eine Metapher, aber keine Tatsache. Die geistige Welt entsteht in jedem Gehirn und nicht außerhalb von ihnen.“ 140 Zuweilen wird der Hirnforschung auch vorgeworfen, sie nehme lieber kontraintuitive Ergebnisse in Kauf, anstatt zuzugestehen, dass man bisher keine Erklärung für eine vollgültige Freiheit habe; sie nehme subjektive Bewusstseinsphänomene nicht in derselben Weise ernst wie experimentell überprüfbare Tatsachen – überhaupt müsse sich der freie Wille nicht zwingend im bewussten Erleben abspielen.141 Es sei keineswegs klar, dass freier Wille und bewusster Wille gleichzusetzen seien. Dem ersten Punkt sei entgegengehalten, dass auch die Relativitätstheorie und die Quantenphysik schwerlich als intuitiv verständlich zu bezeichnen sind, aber gleichwohl als Stand des Wissens akzeptiert sind – eine Kausalität der Intuition zu fordern, wäre vorwissenschaftlich. Wollte man intuitiv verständliche Ergebnisse, spräche das im Übrigen gerade für den physikalischen Deter- 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 103 minismus. Dass subjektive Bewusstseinsphänomene nicht ernst genommen würden, scheint ebenfalls nicht stichhaltig, denn gerade diese sollen ja letztlich erklärt werden. Und dass Wissenschaftler empirisch überprüfte Tatsachen anstreben, darf man ihnen wohl kaum vorwerfen; andernfalls würde man die Ebene reiner Spekulation nicht verlassen. Und schließlich scheint der Vorwurf der Fokussiertheit auf den bewussten Willen nicht haltbar, da die beschriebenen Experimente ja gerade die unbewussten Hirnaktivitäten im Entscheidungsprozess aufgezeigt haben. Selbst wenn das Argument Substanz hätte, was wäre denn an einem unbewussten Willen frei, wenn wir diesen gar nicht so erleben, sondern nur als unheimlichen Dritten, der uns vor sich hertreibt? Wie wäre ein solcher Willen von einem Zufallsgenerator unterscheidbar? Ein weiterer Ansatz, die Hirnforscher mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, beginnt mit der Feststellung, nicht sie, sondern ihr Hirn habe ihre Forschungen angestellt. Da Gehirn und Person aus Sicht der Neurowissenschaften identisch sind, ist das auch richtig. Der Neurowissenschaftler, so die Kritiker weiter, könne also gar nicht frei und unbefangen forschen, sondern nur im Rahmen dessen, was ihm sein Hirn erlaubt – auch dem würden die Naturwissenschaftler wohl zustimmen. Weil dem aber so sei, geht es weiter, sei jedes Argument nur eine nachträgliche Rechtfertigung für den neurologisch determinierten Drang des Forschers, seine deterministische Theorie zu behaupten. Das ist allerdings der Punkt, an dem die Argumentation in eine böswillige Unterstellung mündet. Die psychologische Erkenntnis, dass Menschen dazu neigen, neue Informationen so aufzufassen, dass sie in ihr bisheriges Weltbild passen, und sich tendenziell Informationen suchen, die dieses bestätigen, ist natürlich nicht neu (und richtet sich nebenbei an beide Seiten). Doch sind die kritische Überprüfung von Hypothesen, der Versuch ihrer Falsifizierung und die Bereitschaft, der eigenen Theorie zuwiderlaufende Fakten anzuerkennen, ja das Wesen der Wissenschaft. Damit ist nicht nur sichergestellt, dass alle Behauptungen im Rahmen des üblichen wissenschaftlichen Reviews überprüft und zumindest langfristig falsche Theorien ausgemerzt werden, die wissenschaftliche Vorgehensweise muss auch als im Hirn der Hirnforscher genauso verankert gesehen werden wie der der Drang, eigene Theorien zu bestätigen. Insofern scheint das Argument nicht schlagend. In eine ähnliche Richtung geht auch der Einwand der Theologin Judith Hardegger auf den Vorschlag Wolfgang Singers, die Gesellschaft solle Normen festlegen, um im Rahmen der Erziehung Hirnstrukturen zu 104 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? prägen: „Wie aber soll das gehen, wenn die Gesellschaft aus lauter determinierten Wesen besteht? Wieso kann die Gesellschaft als Ganze offenbar Entscheide in Freiheit treffen, obwohl dies der Einzelne laut Singer nicht kann?“142 Der Vorschlag Singers ist hierbei natürlich nicht revolutionär; denn genau diese Erziehung wird ja heute neben der Schule auch im Rahmen der Gesetzgebung bis hin zum Vorwurf des Nanny-Staates vorangetrieben (wobei durchaus fraglich ist, inwiefern Legislative und Gesellschaft bezüglich Inhalt und Reichweite der Normen übereinstimmen). Hardegger geht aber fehl in der Annahme, die Gesellschaft könne diese Entscheide in Freiheit treffen; der Entscheidungsbildungsprozess ist lediglich das Zusammenspiel von jeweils determinierten Personen und deren Umwelt. Die Ergebnisse dieses Prozesses, der aufgrund seiner hohen Komplexität und schwierigen Prognostizierbarkeit freiheitsartig erscheint, müssen sich dann letztlich evolutionär behaupten. Insofern besteht der angeführte Widerspruch nicht. Was können wir nun festhalten? Wirklich überzeugend erscheint keines der vorgebrachten Gegenargumente; die Zweifel an der Existenz eines freien Willens scheinen auch insofern hinreichend begründet. Oder um es mit dem Hirnforscher Wolf Singer zu sagen: „Keiner kann anders, als er ist. Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden.“ 143 Wenn man diese Sicht teilt, ist dies nicht notwendigerweise das Todesurteil für die Gotteshypothese. Religionen jedoch, die ein Jenseits postulieren, das von unserem diesseitigen Denken und Handeln abhängt, werden dadurch hinfällig. Denn die implizite göttliche Gerechtigkeit kann ja gar nicht angewandt werden, wenn unser Handeln nicht von uns selbst bestimmbar ist. Gott kann – wenn er gerecht wäre – nicht belohnen und strafen, wo keine letzte Verantwortung besteht. Vielmehr läge die Verantwortung bei ihm selbst, als demjenigen, der das System konstruiert und in Betrieb gesetzt hat. Das Argument trägt dabei nicht nur bei personalen Göttern wie dem christlichen, sondern auch bei göttlichen Ordnungen wie derjenigen der Karma-Lehre. Denn auch hier wird eine Verantwortung herangezogen, die offensichtlich gar nicht besteht. Schon die Möglichkeit, überhaupt einer religiösen Lehre zu folgen, besteht allenfalls als Handlungsfreiheit, aber eben nicht als Willensfreiheit. 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 105 Insgesamt scheint die Nichtexistenz des freien Willens das vielleicht stärkste Argument gegen die Religion. 4.4 Kommunikation mit dem Übernatürlichen: Gebete und Riten Gebete und Riten sind integraler Bestandteil aller Religionen. Von den Tier- und Menschenopfern alter Zeiten über die in wohl fast allen Religionen bekannten Pilgerfahrten und Gottesdienste bis zum öffentlichen oder privaten Gebet zeichnen sie sich durch große Vielfalt aus. Im Wege dieser unmittelbaren Kontaktaufnahme mit Gott und seinen oft für zugänglicher gehaltenen himmlischen Helfern sollen diese in für die Ausführenden günstiger Weise beeinflusst werden; neben dem reinen Lobpreisen Gottes werden vor allem in persönlichen Gebeten oft auch sehr konkrete Wünsche geäußert, die nur in den seltensten Fällen vollständig altruistischer Natur sein dürften. Das Motiv sich mit Gott „gut zu stellen“ und Vorteile für sich und die Seinen zu erlangen, ist natürlich leicht nachvollziehbar. Jedermann möchte die Zukunft für sich entscheiden – gerade wenn dies aus eigener Kraft schwierig ist – oder zumindest mit den Lasten des Lebens besser fertig werden. Hierbei sollte aber klar sein: Gleich, ob es sich um materielles Verlangen, Wünsche für das Wohlergehen anderer oder um den Wunsch nach spiritueller Entwicklung handelt – Gebet bedeutet letztlich, Gott zu bitten, die von ihm selbst gesetzten Regeln und Naturgesetze zum Vorteil einzelner außer Kraft zu setzen.144 Diesem Ansinnen scheinen die Götter jedoch positiv gegenüberzustehen. So sagt Jesus: „Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr’s empfangen werdet, so wird’s euch werden.“ 145 Und Krishna verspricht: „Die Menschen, die an nichts anderes denkend, mich verehren, diesen, die sich für immer (mir) verbunden haben, bringe ich Wohlfahrt.“ 146 Aus göttlicher Perspektive tun sich hier einige Fragen auf, vor allem im Monotheismus. Beginnen wir mit der Verehrung Gottes: Ist es glaubwürdig, dass ein mächtiger Gott der Huldigungen von Geschöpfen, die unendlich weit unter ihm stehen, bedarf und diese belohnt? Soll man 106 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? ihn für derart eitel und kleinmütig halten, dass er eine komplette Welt erschafft, nur damit diese ihm ohne Unterlass huldigt? Kann sich ein menschenfreundlicher Gott an prunkvollen Messen und Gotteshäusern erfreuen, wenn die Ressourcen hierfür auch hätten verwandt werden können, anderen Menschen zu helfen? Und wozu sollte sich ein allmächtiges und allwissendes Wesen seine Macht immer wieder bestätigen lassen müssen? Epikur sinnierte dazu: „Denn was könnte unsere Dankbarkeit den unsterblichen und glückseligen Wesen für einen Gewinn bringen, dass sie um unseretwillen irgendetwas unternehmen sollten“.147 Unter diesem Aspekt liegt es nahe, Gottesdienste und religiöse Demonstrationen primär als Instrumente des innerreligiösen Zusammenhalts sowie als Machtdemonstration nach außen und zur Machterhaltung des Klerus verstehen. Doch können wir eine gewisse Eitelkeit der Götter nicht ausschließen; so sagt beispielsweise Krishna: „Wer ein Blatt, eine Blüte, eine Frucht (oder gar nur) Wasser mir in Liebe darbietet – das mit Liebe von jemand, der sein Selbst gezügelt hat, Dargebrachte genieße ich.“ 148 Ohnehin wären die mehr zweckorientierten Gebete entbehrlich, könnte ein allwissender Gott doch in die Herzen der Menschen sehen und damit ihre Wünsche und wirklichen Bedürfnisse weit besser erkennen als durch ein unbeholfenes Gebet und unaufgefordert tätig werden. Das Gebet wäre aus Sicht eines Gottes also weder erforderlich (da er ja das Innerste der Menschen kennt) noch sinnvoll (da die Regeln ja feststehen, nach denen geurteilt wird). Das gilt allerdings nur für den Gott der Monotheismen; die hinduistischen Götter, denen ohnehin menschliche Eigenschaften weniger fern liegen, scheinen nicht damit beschäftigt, Absichten zu erraten, sondern genießen offensichtlich die Aufmerksamkeit der Sterblichen, die ihre Wünsche konkret formulieren und idealerweise persönlich vortragen sollen. Müsste man allerdings nicht vermuten, dass Götter mit Missfallen auf jene schauen, die persönliche Vorteile erstreben? Faktisch sind ja viele, wenn nicht alle Gebete im Kern egoistisch und berechnend. Dann hätte womöglich der Comedian Dave Allen recht, wenn er behauptet: „I think 4 Quod esset demonstrandum: Plausibilität zentraler Institute von Religionen 107 actually God likes atheists better. We never ask him for anything.“149 Religionsvertreter werden dem entgegenhalten, dass das Bemühen, das sich im Gebet abbildet, gottgefällig und damit der Belohnung wert sei. Das erschiene, wenn wir weiterhin an einen freien Willen glaubten, stichhaltig. Zwar würde auch in diesem Falle eine Abkürzung genommen, jedoch eine, die im religiösen Regelwerk legitim ist. Insofern ist das Institut des Gebets, so man nicht von Prädestination ausgeht, nicht notwendigerweise mit den Lehren einer Religion inkonsistent. Wenn aber Gebete sinnvoll sind, müssten sich entsprechende Ergebnisse zeigen. Nun wird der Klerus den Gläubigen gerne auf das Gebet verweisen, wenn die eigene Hilfe nicht mehr weiterführt; dass das Gebet aber praktisch und zuverlässig hilft, werden nicht allzu viele Priester behaupten. Hierbei muss man gar nicht die Anforderung stellen, dass alle Gebete erhört werden, sondern lediglich, dass überhaupt ein Effekt feststellbar ist. Hierfür gibt es nach wissenschaftlichen Maßstäben keinen Beleg – und das ist nicht nur deswegen überaus bedauerlich, weil es doch einen sehr überzeugenden Beweis der Existenz Gottes darstellte. Sicherlich gibt es unzählige Beispiele für Gebete, deren Wunsch scheinbar erfüllt wurde – man denke nur an die unzähligen Dankestafeln in französischen und anderen Kirchen –, allerdings würde niemand behaupten, dass solche anekdotische Evidenz tatsächlich einen Beweis darstellt. Auch an Wunder grenzende „Erfolge“ sind angesichts der schier unendlichen Zahl von Gebeten allein aus Wahrscheinlichkeitsgründen hin und wieder zu erwarten – bewiesen wird hierdurch nichts. Alle unbeantworteten Gebete bleiben bei einer solchen Betrachtung schließlich außen vor. Die Kriterien, nach denen Gott entscheidet, welche Gebete erfüllt werden, sind ebenfalls völlig unklar. Ein interessanter Aspekt der göttlichen Wunscherfüllung zeigt sich nebenbei immer dann, wenn sich die Wünsche auf andere Menschen beziehen. Wenn beispielsweise die TV-Predigerin Joyce Meyer ganz selbstverständlich davon spricht, dass man Gott um eine Beförderung bitten könne, so ergibt sich hier ein Widerspruch zum von der Religion postulierten freien Willen. Denn da die Beförderung ja durch andere Menschen entschieden werden muss, würde Gott – wollte er sich einschalten – in deren Entscheidungsfreiheit eingreifen. Dann aber wäre der freie Wille des Vorgesetzten des Betenden zumindest beeinflusst worden. Hieraus folgt, dass Gott stets in der Lage wäre, den Willen eines Menschen zu ändern oder zu gestalten; er könnte uns also jederzeit zum Guten führen und wäre 108 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? folglich für unsere Sünden im Sinne unterlassener Hilfeleistung mitverantwortlich. Gleichwohl können Gebete eine hilfreiche Funktion erfüllen. Die Auseinandersetzung mit einem Thema, die vielleicht zu klareren Vorstellungen über die eigenen Wünsche führt, die Beruhigung, etwas getan zu haben und nun abwarten zu können, der Eindruck, jemand habe wohlwollend zugehört, die Erleichterung von Schuld durch das Gestehen eines Vergehens und das Versprechen von Buße – all das sind für den Gläubigen wertvolle und angenehme Wirkungen. Mag man auch keine göttliche Wirkung belegen können, so ist die psychische unbestreitbar. Albert Schweitzer brachte es auf den Punkt: „Gebete ändern nicht die Welt. Aber die Gebete ändern Menschen und Menschen ändern die Welt.“ 150 Die Analogie zu einem Placebo drängt sich mithin auf. Dieser Wirkung geht ein Atheist ebenso verlustig wie ein aufgeklärter Mensch der Placebowirkung der Homöopathie. Insofern könnte man mit Recht argumentieren, dass es sich in dieser Hinsicht lohnt, gläubig zu sein (hierzu mehr im Kapitel 8). Für die Frage nach der Existenz Gottes oder der Wahrheit einer Religion spielt dies jedoch keine Rolle – Wahrheit bemisst sich nicht am persönlichen oder sonstigen Nutzen. 109 Was können wir von einer Religion erwarten, die das Leid der Tiere ausklammert? Richard Wagner151 5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung 5.1 Anthropozentrismus der Religionen Alle Religionen stellen naturgemäß den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Lehre. Da lediglich Menschen vernunftbegabt und damit in der Lage sind, religiöse Lehren aufzunehmen und umzusetzen, also die Zielgruppe der Religionen darstellen, ist das nur konsequent. Aus der Kenntnis der historischen Umstände ist auch nachvollziehbar, dass die Erde als Zentrum des Universums und der Mensch als Krone der Schöpfung, Fauna und Flora hingegen lediglich als schmückendes Beiwerk verstanden wurden. In den abrahamitischen Religionen kommen Tiere vor allem als Nutztiere – man denke an die Reittiere von Jesus und Mohammed – und als Teil von Geschichten wie der von Jona und dem Wal oder der Sintflut vor. Die Darstellung des Heiligen Geistes im Christentum als Taube ist rein metaphorisch: Tiere, so sie nicht selbst als göttlich angesehen werden, sind lediglich Mittel Gottes, während ihnen selbst keine tiefere Bedeutung zukommt. Dieser Anthropozentrismus ist jedoch fragwürdig geworden. Vor dem Hintergrund unserer genetischen Verwandtschaft mit den Menschenaffen und erst recht mit Blick auf unsere evolutionäre Herkunft stellt sich die Frage nach der Abgrenzung zwischen Mensch und Tier. Zu welchem Zeitpunkt kann vom Menschen im Sinne der Religionen gesprochen werden: bereits beim Australopithecus anamensis oder erst beim Homo sapiens? Waren ausgestorbene Linien wie der Neandertaler auch Menschen im Sinne der Religion? Diese auf den ersten Blick seltsame Frage müsste präzise beantwortet werden, wenn man verstehen will, ab welchem Zeitpunkt die göttlichen Regeln galten und ab wann Gott sich für das Verhalten der Menschen interessierte. Ist es plausibel, dass in einem rund 14 Milliarden 110 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Jahre alten Universum und bei einer rund 200.000 Jahre alten Spezies eine göttliche Offenbarung erst seit ein paar Tausend Jahren zur normativfaktischen Grundlage des Lebens wird? War das Jenseits wie alles andere bereits zu Anfang, also quasi auf Vorrat erschaffen worden und stand bis zum Auftauchen des Menschen leer? Hier fehlt den abrahamitischen Religionen eine Erklärung. Kein Wunder, dass Fundamentalisten an der Bibel wörtlich festhalten und darauf beharren, die Erde sei nur wenige Tausend Jahre alt. Man muss daher konzedieren, dass diejenigen Religionen, die nicht allein von der Folge irdisches Leben – Tod – ewiges Dasein im Jenseits ausgehen, in dieser Hinsicht ein konsistenteres Weltbild liefern. Man denke an die kosmischen Zyklen im Buddhismus und Hinduismus, die zwar den Geozentrismus nicht aufheben, aber deren Zeiträume ungleich umfassender sind. Denkt man sich etwa den Kosmos als ein sich zyklisch per Urknall ausdehnendes, dann aber wieder durch die Kraft der Gravitation zusammenfallendes System, passt dies recht gut zur hinduistischen Lehre.i Stimmiger sind die indischen Religionen jedoch vor allem deswegen, weil Tiere genauso in den Kreislauf des Samsara einbezogen sind wie Menschen. Die Notwendigkeit einer exakten Abgrenzung entfällt also, die göttliche Ordnung galt seit Anbeginn für alle. Zudem leitet sich hieraus eine Haltung ab, die Tiere als schützenswerte Individuen darstellt, die nicht getötet werden dürfen, da sie selbst eine Seele haben – aus Sicht einer modernen, vom Interesse oder gar von einer oft idealisierten Liebe zum Tier geprägten Gesellschaft eine recht sympathische Position. So heißt es im Gesetzbuch des Manu:ii „Diese Tiere und Pflanzen (…) haben wegen voriger Handlungen inneres Bewußtsein und fühlen Vergnügungen und Schmerz.“152 iii Dies führt zu für den westlichen Beobachter skurrilen Phänomenen wie dem hinduistische Karni-Mata-Tempel in Deshnok, Rajasthan, in dem Hunderte von Ratten leben, die von den Besuchern mit Speisen und Getränken umsorgt und von Musikern unterhalten werden, oder dem der orthodoxen Jains, die mittels Mundschutz und Einsatz eines Besens bei der Fortbewegung zu Fuß sicherstellen möchten, auch nicht i Aktuell geht man allerdings von einer Beschleunigung der Ausdehnung des Alls aus; vgl. http://www.welt.de/print-welt/article439256/Das-Weltall-dehnt-sich-immerschneller-aus.html. ii Hinduistische Schrift iii Inwieweit diese Sicht über Tiere und Pflanzen hinaus z. B. auch für Mikroben oder Pilze gilt, ist ungewiss. 5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung 111 das kleinste Lebewesen zu töten. In sehr alten Religionen werden Tieren darüber hinaus zum Teil göttliche oder heilige Eigenschaften zugeschrieben, etwa den heiligen Kühen Indiens. Gleichzeitig werden Götter mit tierischen Attributen ausgestattet; man denke an Hanuman und Ganesha im Hinduismus oder Bastet und Sobek im alten Ägypten. Manche Religionen sprechen sogar unbelebten Gegenständen wie Steinen eine Seele zu. Dessen ungeachtet beziehen sich die religiösen Anforderungen natürlich ausnahmslos auf den Menschen. Allen anderen Wesen ist gemeinsam, dass sie für ihr Sein und Handeln keine Verantwortung tragen – diese hat nur der Mensch. Gleichwohl erscheint die Einbeziehung zumindest von Tieren in einen göttlichen Kreislauf tendenziell konsistenter als das plötzlich auftretende Interesse Gottes an der Spezies Mensch, als diese die überaus unscharfe Grenze zum Menschen überschritt. Neben der Frage der Abgrenzung von Mensch und Tier stellt sich – auch hier primär für die monotheistischen Religionen – die des Verhältnisses zwischen Mensch und Universum. Aus welchem Grund sollte Gott ein Universum praktisch unendlicher Ausdehnung geschaffen haben, von dem wir nur einen Bruchteil überhaupt sehen und erforschen können, um am Rande desselben auf einem einzelnen der unzähligen Planeten sein ganzes Interesse auf eine einzige von Millionen von Spezies zu richten? In einer anthropozentrischen Religion scheint das Universum schlicht überdimensioniert. Und wie verhält es sich mit möglichen Zivilisationen auf anderen, weit entfernten Planeten, die rein rechnerisch wahrscheinlich sind? Gelten für diese andere Regeln oder überhaupt welche? Zur Zeit eines begrenzten geozentrischen Weltbildes musste man sich diese Fragen nicht stellen. Mit dem Wissen von heute ist der Anthropozentrismus jedoch zumindest fragwürdig. Die Annahme, dass Menschen aufgrund ihres historisch begrenzten Weltbildes einerseits und im Bestreben, ihre Stellung in der Schöpfung herauszuheben, andererseits ihre Religionen entsprechend gestaltet haben, scheint naheliegend. 5.2 Der Mensch als Spielfigur? Die abrahamitischen Religionen gehen von einem Gott aus, der die Menschen als Teil seiner Schöpfung geschaffen hat. Von diesen erwartet er ein bestimmtes Denken, insbesondere den Glauben, und ein besonderes Verhalten. Von der Erfüllung dieser Erwartungen durch den individuellen Menschen hängt sein Schicksal im Jenseits ab. Diese einfache und 112 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? klare Konstruktion, die der von Eltern und Kindern ähnelt und jedem Menschen vertraut ist, wird von den Anhängern dieser Religionen selten infrage gestellt. Dabei gibt es gute Gründe, dies zu tun. Zum einen erscheint es seltsam, dass ein Gott, der fähig ist, ein so außerordentlich komplexes Wesen wie den Menschen zu schaffen, nicht auch in der Lage gewesen sein sollte, ihn von vorneherein in der gewünschten Form zu schaffen. Wer das gesamte Universum mit allen wunderbar zusammenwirkenden Naturgesetzen kreiert, dem sollte dies ein Leichtes sein. Das vermeintliche Geschenk der Entscheidungsfreiheit ist Chance und Risiko gleichermaßen, der Einsatz – die Ewigkeit – dabei erschreckend groß. Ob der Mensch dieses Danaer-Geschenk annehmen möchte, wird nicht gefragt. Hieraus entsteht das Bild eines Gottes, der mit Menschen wie mit den Figuren eines Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiels spielt oder der vielmehr Zuschauer ist in einem großen Drama auf dem Spielfeld der Erde, bei dem er zusieht, wie die Spielfiguren ihrem Heil oder Unheil entgegentaumeln – ohne dass sie mit Gewissheit auf ein Eingreifen des Spielemachers zählen können. Dagegen erscheinen die Spiele in den römischen Arenen wie ein Kindergeburtstag. Ein solches Bild entspricht offensichtlich mehr der Willkür eines römischen oder germanischen Gottes als dem eines die Menschen liebenden Gottes. Ein liebender Gott, so könnte man mit einigem Recht behaupten, hätte dafür gesorgt, dass jedermann unmittelbar ins Paradies gelangt und auf das Spiel davor verzichtet. Zumindest aber erscheint der Begriff der unterlassenen Hilfeleistung angebracht. Das Bild ist aber auch deswegen bizarr, weil die Spannung eines solchen Spieles im Monotheismus gar nicht existiert: Da Gott allwissend ist und damit sowohl in die Herzen der Menschen als auch in die Zukunft blicken kann, steht der Ausgang des Spieles ja bereits fest. Unter diesem Aspekt ist das göttliche Handeln schlicht unverständlich und mit menschlichen Begriffen nur unschmeichelhaft zu beschreiben. Zum anderen erstaunt, und dies gilt auch für andere Religionen, dass die gleichen Anforderungen an alle Menschen gestellt werden, unabhängig von deren Verhältnissen und Voraussetzungen. In wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsene Menschen sind nicht nur im Vorteil, wenn es darum geht, anderen Menschen zu helfen, sondern laufen aufgrund ihres Umfeldes auch weniger Gefahr, zum Kriminellen zu werden und dadurch besonders viel an Karma oder göttlichem Goodwill zu verspielen. Auf der anderen Seite haben beispielsweise geistig Behinderte kaum Möglichkeiten zu sündigen oder Verdienste zu erwerben. Auch wenn es zynisch klingt: 5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung 113 Wer als Kind stirbt, hat zumindest aus christlicher Sicht das große Los gezogen, da aufgrund der eigenen „Unschuld“ das Risiko der Hölle gar nicht erst besteht. Da es um die Ewigkeit geht, fällt der Verlust des kurzen irdischen Lebens in diesem Fall nicht ins Gewicht. Diese beiden Probleme schließen die Existenz Gottes nicht aus. Sie weisen nur darauf hin, dass ein existierender Gott nicht als einer angesehen werden kann, der dem Menschen nur Gutes tun möchte, und dass sein Urteil vermutlich nicht mit dem menschlichen Verständnis von Gerechtigkeit und Fairness übereinstimmt. Natürlich kann Gott ein anderes Verständnis haben – dies wäre dann aber eher nicht der christliche Gott der Liebe. Wie die Religionen mit diesem Missklang umgehen, werden wir in Kapitel 7 untersuchen. 115 Der biblisch fundierte Absolutheitsanspruch der Kirchen steht ständig auf dem Sprung, die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen. Karl Jaspers153 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 6.1 Ewigkeits- und Wahrheitsanspruch Religionen erheben in aller Regel einen zeitlichen und inhaltlichen Absolutheitsanspruch. Zum einen überspannt ihre Lehre die gesamte vergangene und kommende Zeit von der Erschaffung dieser oder gar früherer Welten bis in alle Ewigkeit (Ewigkeitsanspruch). Zum anderen fordern Religionen regelmäßig für sich ein, die alleinige und vollständige Wahrheit zu sein (Wahrheitsanspruch). Innerhalb einer Religion mag es nur einen oder auch viele Wege zum Heil geben, außerhalb aber grundsätzlich keinen. Bereits der historische Buddha stellte seine Lehre als für alle Menschen gültig und damit universell hin. Noch stärker betont dies das Christentum. So heißt es unmissverständlich im Markus-Evangelium: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“.154 Wenig empathisch heißt es bei Matthäus: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.“ 155 Auch der Heilige Cyprian von Karthago wird gerne mit „Extra ecclesiam salus non est“ (Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil)156 zitiert. 116 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Selbst wenn der Vatikan mit Blick auf andere Glaubensformen mittlerweile feststellt: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“ 157, oder gar konzediert: „Gewiss enthalten und bieten die verschiedenen religiösen Traditionen Elemente der Religiosität, die von Gott kommen“ 158, so bleibt der Absolutheitsanspruch doch bestehen: „Im Gegensatz zum christlichen und katholischen Glauben stehen jedoch Lösungsvorschläge, die ein Heilswirken Gottes außerhalb der einzigen Mittlerschaft Christi annehmen.“ 159 Auch der Koran spricht in dieser Frage eine eindeutige Sprache. Hier heißt es unter anderem: „Dies ist das Buch Allahs, das keinen Anlass zum Zweifel gibt (...).“ 160 Und: „Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet, was rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und glaubt an Allah.“ 161 Oder auch: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und an den jüngsten Tag glauben und nicht für verboten erklären, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen – von denen, die die Schrift erhalten haben (kämpft gegen sie), bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten!“ 162 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 117 An diesem Absolutheitsanspruch, aus dem sich die Regeln der Religion bzw. ihre Legitimität ableiten, muss sich eine Religion messen lassen. Einen Absolutheitsanspruch erheben allerdings nicht alle Religionen und Kulte im selben Maße. In der Antike wurden zuweilen Götter parallel verehrt, von denen einige durch Eroberungen hinzugefügt oder übernommen wurden. Neue Götter wurden in das Pantheon eingepasst; das Gesamtkonstrukt blieb gleich, lediglich die Zusammensetzung der Götterfamilie änderte sich. Auch die Monolatrie, die Verehrung eines einzigen Gottes an einem bestimmten Ort (oder bei einem bestimmten Volk), ohne dass die Existenz anderer Götter verneint wird, ist bis heute beliebt. In Indien finden sich unzählige nur lokal verehrte Götter, während die Existenz und Macht der übrigen unangetastet bleibt. Hierdurch erhält die Religion eine gewisse Flexibilität, die es dem Gläubigen erlaubt, bestimmte ihm wichtige Elemente der Religion in den Vordergrund zu stellen, indem er einen passenden Gott oder auch gleich mehrere geeignete Götter wählt. Der Hinduismus mag sich aufgrund des seinerzeit schon in unvorstellbarer Vergangenheit liegenden Ursprungs der Veden bereits im Altertum als „Sanatana Dharma“, als „ewige Religion“ bezeichnet haben, und die Verfasser der Veden sahen sich wohl nicht als solche, sondern als Empfänger von bereits vor ihnen existenten Wahrheiten; und doch betrachtet sich der Hinduismus nicht als ausschließlichen Heilsweg.163 Auch der Zoroastrismus, der in weiten Teilen Konversionen ablehnt, und der Sikhismus erheben nicht den Anspruch, mit ihrer Lehre alle Menschen erreichen zu wollen.164 Ein Stück weit erleichtert es auch die inhaltliche Bandbreite von Heiligen Schriften und deren Auslegungen, mit dem Absolutheitsanspruch zu leben. Gleichwohl sind zentrale Elemente der jeweiligen Religion, beispielsweise dass Allah der einzige Gott sei, nicht verhandelbar. Warum dieser Absolutheitsanspruch fragwürdig ist, wollen wir im Folgenden betrachten. 6.2 Widersprüche zum Absolutheitsanspruch 6.2.1 Historische Entwicklung von Religionen Die Religion eines Zeitalters sei die literarische Unterhaltung des nächsten, meinte der Philosoph Ralph Waldo Emerson.165 Tatsächlich sind im Verlauf der Geschichte bereits wesentlich mehr Götter und Religionen 118 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? untergegangen und in Vergessenheit geraten, als heute noch angebetet bzw. praktiziert werden. Die religiösen Vorstellungen von Ägyptern, Azteken und Germanen mit ihren Schöpfungsgeschichten und Riten sind heute nur noch von kulturhistorischer Bedeutung und waren doch zu ihrer Zeit genauso sakrosankt wie der jetzige Buddhismus in Thailand oder der Islam im Iran unserer Tage. Die ewigen Wahrheiten jener Zeiten und Völker haben also gerade ein paar Jahrhunderte überlebt – ein Nichts in der Ewigkeit der Zeit. Der Ewigkeitsanspruch wurde nicht eingelöst. Die Vermutung, auch den heute praktizierten Religionen könnte es langfristig ebenso ergehen, liegt insoweit nicht fern. Eine denkbare Erklärung hierfür besteht darin, eine Einheit mehrerer oder aller Religionen zu postulieren und zu behaupten, dass aufgrund des Konflikts zwischen einem unwandelbaren Gott und einer sich weiterentwickelnden Menschheit von Zeit zu Zeit neue göttliche Offenbarungen oder Manifestationen erforderlich seien, um den Menschen das Wissen über Gott entsprechend ihrem aktuellen Entwicklungsstand zu vermitteln. Dieser Gedanke wurde bzw. wird unter anderem vom antiken Manichäismus, vom Islam (hier allerdings mit dem Propheten Mohammed als letztem der Reihe) und von den Baha’i vertreten.166 Angesichts der großen Unterschiede zwischen den Offenbarungen und ihrer geografischen Verteilung und Verbreitung erscheint dies allerdings eine gewagte These. In jedem Fall muss man sich fragen, was denn für die Menschen vor der Offenbarung ihrer Religionen galt. Ganz gleich, wie man die Frage beantwortet, ab welchem Zeitpunkt es Menschen im Sinne der Religionen gab, existiert ja ein recht langer Übergangszeitraum zwischen eben diesem Punkt und der ersten Offenbarung. Was geschah mit Sündern jener Zeit, die die Religion mangels Offenbarung gar nicht kennen konnten, nach ihrem Tod? Besaßen sie, da sie es ja nicht besser wissen konnten, Narrenfreiheit und kamen voraussetzungslos ins Paradies oder wurden sie gleichwohl verdammt wie die unglücklichen Einwohner von Sodom und Gomorrha? Hier wäre dann ja offensichtlich mit unterschiedlichem Maß gemessen worden; mit göttlicher Gerechtigkeit und einem Ewigkeitsanspruch scheint dies kaum zu vereinbaren. Nun möchte man wenigstens nach der Gründung einer Religion eine gewisse Konstanz erwarten. Doch weit gefehlt. Bereits für die altägyptische Götterhierarchie sind erhebliche Veränderungen der Zusammensetzung und Bedeutung im Zeitablauf dokumentiert167 – bis hin zur vollständigen, wenn auch temporären religiösen Umwälzung unter Amenophis IV. (Ech- 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 119 naton), in deren Zuge der Hauptgott Amun-Re durch den neuen Gott Aton ersetzt168 und nachfolgend Monolatrie praktiziert wurde bzw. sogar Monotheismus herrschte. Doch auch die großen Religionen unserer Zeit erlebten tief greifende Entwicklungen. Der Hinduismus kam mit den Veden als zunächst mündliche Überlieferung durch den Zuzug zentralasiatischer Völker ins heutige Indien und löste dort die Indus-Kultur ab. Deren möglicherweise matriarchalisches Gottesbild wurde durch eine Reihe im Wesentlichen männlicher Götter ersetzt. Mit der philosophischen Interpretation der Veden in den Upanischaden sowie in der Auseinandersetzung mit den im 6. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Religionen des Buddhismus und Jainismus wandelte sich das Pantheon erneut. In vedischer Zeit noch bestimmende Götter wie der Feuergott Agni wurden in den Hintergrund gedrängt, während nun die Trimurti aus Brahma, Vishnu und Shiva als einflussreichste Götter die Götterwelt dominierten. Auch im Folgenden veränderten innere und äußere Einflüsse wie die Tantra- und die Bakhtibewegung den Hinduismus immer wieder und bis heute. Dem Christentum erging es nicht anders. So gibt es im Alten Testament zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass im vorexilischen Israel neben JHWH Götter wie Astarte und Kamos verehrt wurden.169 In Psalm 82.1 wird JHWH „Richter unter den Göttern“ genannt, archäologische Funde lassen vermuten, dass Aschera als Gattin JHWHs verehrt wurde.170 Dass die Texte der Bibel den Polytheismus zwar erkennen lassen, ihn aber scharf verurteilen, geht auf eine spätere Entwicklung zurück; Anlass für die Abkehr vom Polytheismus und für die Hinwendung zur Monolatrie war der Untergang des Staates Juda, den man als Strafe für die Verehrung anderer Götter deutete. Jedem Christen ist darüber hinaus der Unterschied zwischen dem eifersüchtigen, rachsüchtigen Gott des Alten Testaments und dem für die Sünden der Menschen gestorbenen Jesus transparent. Nachdem der Gott im Alten Testament ganze Völker wie die Amalekiter oder auch einmal die gesamte Menschheit (mit Ausnahme von Noah und seiner Familie) auslöschte oder umbringen ließ, ist mit dem Auftreten von Jesus Christus ein Stimmungswandel eingetreten, der größer nicht sein könnte. Und natürlich entwickelte sich die christliche Lehre auch nach Jesu Tod immer weiter. Vielen Christen dürfte beispielsweise unbekannt sein, dass Jesus erst mit dem Konzil von Nicäa 325 n Chr. zu Gottes Sohn erklärt wurde. Besser bekannt sind die diversen Spaltungen der christlichen Kirchen, etwa durch die Reformation, bis hin zu der Vielzahl von 120 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Kirchen, die wir heute etwa in den USA finden. Die Wechselwirkungen mit der Aufklärung und der Moderne haben ein Übriges getan, die Lehre zu verändern und zu differenzieren. Auch der Islam ist seit seinen Anfängen geprägt durch geschichtliche Hintergründe und Entwicklungen. Die Kaaba, zentrales Heiligtum in Mekka, war ursprünglich ein Tempel, der unter anderem zur Verehrung des Stadtgottes von Mekka, Hubal, diente, vor dessen Standbild man Lospfeile warf, wenn man ein Orakel begehrte.171 Auch die Wallfahrt, die Hadsch, die ein Muslim einmal in seinem Leben unternehmen soll, ist vorislamischen Ursprungs.172 Der Koran selbst dokumentiert eine einschneidende Entwicklung: Waren die Suren vor der Hedschra – der Auswanderung nach Yatrib, dem heutigen Medina, im Jahr 622 – noch von großem Wohlwollen gegenüber den „Buchreligionen“ der Christen und Juden geprägt, ist dies in späteren Suren nicht mehr der Fall, nachdem Mohammed erkannt hatte, dass diese ihm nicht folgen würden, und er stark genug geworden war, seine Ziele militärisch durchzusetzen. Nun stehen nicht mehr die eschatologischen Themen vom Weltende und Gericht im Vordergrund, sondern die kultische und politisch-soziale Organisation der Gemeinde und die Auseinandersetzung mit Gegnern wie Christen und Juden sowie Widersachern aus den eigenen Reihen.173 Ohnehin sieht sich der Islam in der Tradition von Juden- und Christentum, deren Überlieferungen aber verfälscht worden seien. So heißt es im Koran: „Und wir haben doch Noah und Abraham gesandt und in ihrer Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift gemacht. Etliche von Ihnen waren rechtgeleitet. Aber viele von ihnen waren Frevler.“ 174 Und natürlich gab und gibt es, wie bei allen großen Religionen, auch im Islam verschiedenste Abspaltungen und Strömungen, von der bereits unmittelbar nach dem Tod Mohammeds entstandenen Shia über die Ahmadiyya, Baha’i und Wahabiten bis zum politischen Islam unserer Tage. Selbst Kerninstitute der Religion scheinen nicht notwendigerweise ewig wahr zu sein: Nach etlichen Jahrhunderten der Drohung mit dem Höllenfeuer spielt dieses in der katholischen Lehre heute kaum noch, in der protestantischen gar keine Rolle mehr. Fast könnte man meinen, die mittelalterliche Vorstellung einer Hölle sei schlicht zu unangenehm für den Wellness-Charakter, den der moderne Gläubige seiner Religion bewusst oder unbewusst beimisst. Im Islam unserer Tage scheint sie hinge- 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 121 gen weiterhin auf der Tagesordnung, und sei es nur als Ort, an den religi- öse Eiferer den Ungläubigen wünschen. Insgesamt wird deutlich, dass sich alle Religionen aufgrund externer Einflüsse oder interner Entwicklungen teils in ihrem Kern gewandelt oder aufgespalten haben. Die schiere Vielzahl der Änderungen und ihre inhaltliche Breite und Tiefe scheinen mit einer ewigen Wahrheit kaum kompatibel. 6.2.2 Exklusivität des Glaubens Einige Religionen stehen nicht allen Menschen offen und bieten damit zusätzliche Angriffspunkte. Das Judentum etwa richtet sich ausschließlich an das „auserwählte Volk“. In den Hinduismus muss man schon mangels Missionierung und wegen des Problems der korrekten Einordnung ins Kastensystem letztlich hineingeboren werden. Was geschieht dann aber mit den übrigen Menschen? Sind sie als Füllmaterial der Schöpfung ohne Belang, dürfen sie nicht auf ein Leben nach dem Tod hoffen und verfallen sämtlich der Verdammnis? Gleich welche Antwort eine Religion darauf anbieten mag: Mit menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit kann sie nur vereinbar sein, wenn sie auch andere Wege zum Heil zulässt. Nun ist ein Gott nicht verpflichtet, sich an unserer Idee von Fairness zu orientieren, doch unmittelbar nachvollziehbar ist die Diskriminierung nicht. Ohnehin wird die bereits kritisierte Annahme, dass Gott sich auf eine einzelne Spezies eines unbedeutenden Planeten im weiten Universum konzentriert, durch die Beschränkung auf einen Teil dieser Spezies nicht glaubwürdiger. Dies gilt umso mehr, als theologisch völlig unklar ist, warum sich Gott ausgerechnet dieses Volk ausgesucht hat, entstammen doch alle Menschen seiner Schöpfung. Verständlich wird die Exklusivität nur aus zwei sehr rationalen, weltlichen Gründen. Zum einen stärkt die Selbsterkenntnis als erwählte, herausgehobene Gruppe das Selbstbewusstsein – kriegerisch und kulturell hat man nun eine Mission. Zum anderen wird hierdurch der innere Zusammenhalt gestärkt. Als geschlossene Gruppe, die sich nicht mit anderen vermischen darf, werden Werte und Traditionen aufrechterhalten und nicht durch externe Einflüsse verwässert. Es besteht ein gewisser Druck auf die Einigung der jeweiligen Fraktionen – schließlich können sich diese nicht einfach Alliierte außerhalb der Gemeinschaft suchen. Diese Vorteile die- 122 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? nen aber allein der Religion und weisen keinen erkennbaren Mehrwert für einen Gott auf. Insofern erscheint ein exklusiver Glaube signifikant weniger plausibel als einer, der allen Menschen offensteht. 6.2.3 Klarheit der Heiligen Schriften In Kapitel 3.3.1 hatten wir ja bereits die fragwürdige Herkunft göttlicher Offenbarungen und anderer Heiliger Schriften behandelt, aber noch nicht hinreichend untersucht, wie klar diese verfasst sind. Angesichts der vielfältigen Lebenssituationen, der menschlichen Neigung, Texte in einer dem jeweiligen Leser genehmen Weise zu interpretieren, und natürlich mit Blick auf die einschneidenden Konsequenzen sind Klarheit und Eindeutigkeit eines religiösen Regelwerks von herausragender Bedeutung. Von einem höheren Wesen darf man erwarten, dieser zentralen Anforderung in exemplarischer Weise gerecht zu werden. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für Heilige Schriften, denen eine unmittelbare göttliche Offenbarung zugrunde liegt, wie dem Koran und der Thora, aber mit Blick auf den Status als Heilige Schrift auch für alle anderen, die ja zumindest als göttlich inspiriert betrachtet werden. Bereits bei kurzen und knappen Anweisungen wie dem Dekalog, den sogenannten Zehn Geboten, bleiben jedoch Fragen offen. Gilt das Gebot, nicht zu töten, absolut oder auch im Falle der Selbstverteidigung? Ist damit auch das Töten von Tieren ausgeschlossen oder das Beenden des Leidens Schwerkranker? Und ist mit dem Nächsten, dessen Weib man nicht begehren soll, jeder Mensch oder nur ein Angehöriger des eigenen Volkes bzw. der eigenen Religion gemeint? Aus dem Text selbst geht dies nicht hervor. Dass in einer mehrere Hundert Seiten umfassenden Heiligen Schrift dann erst recht Raum für Interpretationen bleibt, kann ebenso wenig verwundern wie die Tatsache, dass sich hieraus völlig konträre und dennoch wohlbegründete Auffassungen ableiten lassen, was nicht selten zu Abspaltungen oder gar Glaubenskriegen führt. Wenn etwa Anhänger fundamentalistischer Strömungen des Islam moderateren Muslimen bescheinigen, vom rechten Weg abgekommen zu sein (und umgekehrt), ist dies nicht unwesentlich auf die Ambivalenz der Schrift zurückzuführen. Da hilft es wenig, wenn eine Konsensmeinung gebildet oder von einem Religionsführer ein Dogma verkündet wird – jedermann kann die Texte weiterhin für sich auslegen. Welche Stellen einer Heiligen Schrift wörtlich und welche metaphorisch zu verstehen sind, ist damit Thema unzähliger 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 123 Erörterungen. So stellte der große Islamgelehrte Fachr ad-Din ar-Razi (1149 – 1209) in seinem Korankommentar ernüchternd fest: „Wisse, dass Du überall nur eines feststellen wirst: Ein jeder zählt diejenigen Verse zu den eindeutigen (muhkamat), die seinen Überzeugungen entsprechen, und rechnet jene Verse zu den mehrdeutigen (mutashabihat), welche die gegnerische Schule stützen. So ist der Gang der Dinge.“ 175 Die Theologie streitet Widersprüchlichkeiten bzw. Interpretationsbedarf auch nicht ab, weist aber gerne darauf hin, dass Texte und Regeln häufig in einem historischen oder im Kontext von anderen Schriften zu verstehen seien. Das ist grundsätzlich ein fairer Einwand, mit dem manche Frage gelöst werden kann (jedenfalls dann, wenn der Text in der Originalsprache diskutiert wird und nicht durch Übersetzungen sprachliche Feinheiten verloren gehen oder sogar wirkliche Fehler tradiert werden). So kann man praktikable (wenn auch nicht notwendigerweise berechtigte) Mechanismen wie das Abrogationsprinzip entwickeln, das bei sich widersprechenden Koranstellen diejenige für gültig erklärt, die zuletzt offenbart wurde. Allerdings erlauben viele Texte auch oder gerade im jeweiligen Kontext mehrere Interpretationen. Es bleibt der Vorwurf bestehen, dass ein praktikables Regelwerk auf solche, vielen Menschen gar nicht zugängliche und sich regelmäßig widersprechende Interpretationen verzichten können und ein System mit Ewigkeitsanspruch nicht vom historischen Kontext abhängig sein sollte. Ein Gott, der Interesse an der Befolgung seiner Regeln hat, würde sie unmissverständlich verfassen. Die mangelnde Klarheit steht also der Glaubwürdigkeit der Religionen entgegen. Welchen Grund könnte es aus göttlicher Sicht für diese Unklarheiten geben? Am ehesten wären diese bei Religionen ohne Göttern akzeptabel: Ein gottgleiches System von Karma und Wiedergeburt wäre als „Naturgesetz“ ja auch denkbar ohne jemanden, der es erklärt, und stattdessen auf die Entdeckung durch Menschen angewiesen. Problematisch wird es allerdings bei einem personalen Gott, dem etwas an den Menschen liegt. Man könnte allenfalls spekulieren, dass Gott durch absichtliche Unklarheiten der Offenbarung den Menschen dazu bewegen möchte, sich mit den Schriften auseinanderzusetzen, um so deren Gehalt und Geist besser zu verstehen und zu verinnerlichen. Angesichts der unterschiedlichen intellektuellen Ausrichtungen und Fähigkeiten der Menschen kann man 124 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? aber kaum davon ausgehen, dass eine intensivere Beschäftigung mit den Schriften immer und bei jedem in gleicher Weise zu den gottgewollten Interpretationen führt. Mithin muss die Auseinandersetzung mit solchen Texten den Menschen eben nicht zwangsläufig rascher oder überhaupt auf den rechten Weg führen, sondern kann leicht in einer Sackgasse enden. 6.3.4 Religionsvielfalt Es gibt nur einen wahren Glauben, insistieren die Religionen mit wenigen Ausnahmen und nehmen diese Wahrheit für sich selbst in Anspruch. Da Religionen in aller Regel nicht mit anderen vereinbar sind (auch wenn die Praxis in einigen Teilen der Welt eine andere ist), scheint es in der Tat plausibel, dass es, wenn überhaupt, nicht mehr als eine wahre gibt. Wenn dies aber so ist, wäre nicht nur der Atheist, sondern auch jeder Angehörige einer der anderen Religionen und damit der größte Teil der Weltbevölkerung in Gefahr. Nur ein Bruchteil der Menschheit hätte eine Chance auf Erlösung. Dies spricht natürlich nicht gegen die Möglichkeit dieser Situation. Im Gegenteil wird dies anscheinend weitgehend als gegeben akzeptiert. Und aus Sicht der Anhänger einer als einzig wahr empfundenen Religion ist dies auch nicht notwendigerweise unfair, da ja grundsätzlich jeder die Möglichkeit hätte, sich zum rechten Glauben zu bekennen. Doch halt: Ist das wirklich so? Hat tatsächlich jeder die Möglichkeit, unbefangen, ohne vorherige elterliche oder kulturelle Prägung ergebnisoffen den Wahrheitsgehalt aller Religionen zu prüfen, um schließlich die rechte zu finden? Wohl kaum. Schon im vergleichsweise freien Europa dürfte das nicht immer der Fall sein. Doch wie könnte eine in Saudi-Arabien aufgewachsene und lebende Frau den Buddhismus als wahre Religion erkennen? Wie könnte ein sudanesischer Analphabet die Schönheit des Daoismus studieren, wie ein Kind aus dem Bible Belt zum Sikh werden? Erziehung, Umfeld, sozialer Druck und teils auch mangelnde Verfügbarkeit von Informationen machen dergleichen oft faktisch unmöglich. Keine guten Chancen also für weite Teile der Welt, eine allein gültige Religion auch nur erkennen, geschweige denn praktizieren zu können. Beim Marathonlauf zum Heil sind viele bereits an die Kette gelegt. Nochmals: Dies spricht nicht gegen die Möglichkeit einer solchen – nach menschlichen Maßstäben freilich höchst unfairen – Situation. Es spricht nur gegen einen fairen und alle Menschen gleichermaßen liebenden Gott. 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 125 Doch auch den Menschen, die die Möglichkeit zur Wahl ihrer Religion haben, wird es nicht leicht gemacht. Denn in dem für den Einzelnen schier unüberschaubaren Angebot an Religionen und deren Fraktionen zeichnet sich keine durch eine solche Kraft und Wahrheit aus, dass das Göttliche und Wahre in ihr sofort und zweifelsfrei erkannt würde – sonst würden sich ja sofort alle zu ihr bekennen. Das ist ein Stück weit enttäuschend, würde man sich doch von einer göttlichen Offenbarung eine gewisse Eindeutigkeit, ja Unabweisbarkeit und Überlegenheit gegenüber allen anderen Religionen erhoffen. Gerade vom Gott des Alten Testaments und dem des Korans, die ja sehr deutlich auf ihre Alleinstellung pochen, erscheint das nicht zu viel verlangt. Eine absolute Religion sollte so überzeugend sein, dass Alternativen gar nicht erst aufkämen oder zumindest rasch als Irrwege erkannt würden. Dies ist aber, wie das Festhalten an den tradierten Religionen rund um den Erdball belegt, offensichtlich nicht der Fall. Dies wirft die Frage auf, warum ein Gott, dem so sehr am Glauben liegt, nicht in der Lage oder willens ist, das eigene System entsprechend zu bewerben. Die, mit Verlaub, kleinteiligen Wunder mancher Religion bleiben sicherlich unter den Möglichkeiten Gottes. Es bleibt also dabei: Die Götter lassen uns hinsichtlich ihrer Existenz und Beschaffenheit im Unklaren, was in Verbindung mit dem Absolutheitsanspruch zumindest erklärungsbedürftig erscheint. Nun wird mancher Gläubige natürlich behaupten, die Überlegenheit seiner Religion sei doch ebenso evident wie die Absurdität anderer. Wer so empfindet, möge gedanklich einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Ist ein Gott mit Elefanten- oder Schakalkopf unglaubwürdiger als eine Jungfrauengeburt des Sohns Gottes?i Ist Mohammeds Nachtreise weniger fantastisch als die Vorstellung, dass Lord Vishnu einen Avatar in Form einer Schildkröte hatte? Jede Religion weist nicht nur aus der Außenperspektive hinreichend Merkwürdigkeiten auf, sodass alle Herablassung gegenüber einem anderen Glauben deplatziert wäre. Wünschenswert wären mithin allgemeingültige Kriterien für die Bewertung von Religionen. Einen rudimentären Vorschlag dazu machte die internationale Theologenkommission „Das Christentum und die i Die Jungfräulichkeit Mariens wird zumindest im Katholizismus heute nicht mehr zwingend im Sinne körperlicher Unversehrtheit verstanden, sondern als eine Art Aufnahmebereitschaft und Unschuld. Dass sich diese Interpretation bei den Gläubigen hinreichend verbreitet hat, ist jedoch zu bezweifeln. 126 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Religionen“ im Jahr 1996: „Religionen können nur Träger der rettenden Wahrheit sein, wenn sie die Menschen zur wahren Liebe führen.“176 Wir wollen hier nicht untersuchen, ob dies ein angemessenes, begründetes und hinreichend scharfes Kriterium ist, müssen aber doch fragen, was von Kriterien zu halten ist, die aus einer Religion heraus formuliert werden. Denn dass die eigene Religion in einer solchen Bewertung gut abschneidet, wird nicht überraschen. Folglich müssten die Kriterien externer Natur sein – doch wer wollte sie festlegen und dann über die Gewichtung und den Grad ihrer Erfüllung verhandeln? Und worin sollten sie bestehen – in der Rationalität der Argumentation oder in der ethischen Qualität? Und schließlich: Wollen wir wirklich glauben, eine solche Bewertung würde alle Menschen zum wahren Glauben bekehren? Eher nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Religionen einem solchen Diskurs verweigern und behaupten, dass sich eine religiöse Tradition (gemeint ist natürlich die eigene) grundsätzlich keiner externen Instanz gegenüber zu rechtfertigen habe, selbst wenn sie als universale Vernunft auftrete.177 Aus Sicht von Klaus von Stosch liegt das Grunddilemma einer Theologie der Religionen darin, dass die konfessionelle Theologie am eigenen Wahrheits- und Unbedingtheitsanspruch festhalten will, gleichzeitig Andersgläubige in ihrer Andersheit aber zumindest nicht negativ eingeschätzt werden dürften.178 Geht man vom Modell des Inklusivismus aus, ist man also bereit, auch in anderen religiösen Traditionen Heil und Wahrheit zu sehen, so müssen sie wegen des Anspruchs der eigenen Religion immer als defizitäre Formen derselben angesehen werden. Folgt man hingegen dem Modell des Pluralismus, der „Heil und Wahrheit zumindest in allen Weltreligionen in gleichwertiger Weise vermittelt“179 sieht, wird dem Selbstverständnis etwa der abrahamitischen Religionen als überlegene Lehre nicht Rechnung getragen. Das Dilemma scheint unlösbar, da „die grundlegenden Glaubenssätze anderer Religionen ganz offenkundig in grundsätzlichem Widerspruch zu denen des Christentums stehen“180 i i Von Stosch bietet als Option zur Versöhnung von Inklusivismus und Pluralismus, abgeleitet aus Ideen von Wittgenstein, eine komparative Theologie an, die keine allgemeinen Aussagen über die Wahrheit von Religionen macht, vielmehr beinhaltet sie ein „Hin- und Hergehen zwischen konkreten religiösen Traditionen angesichts bestimmter Problemfelder, um Verbindendes und Trennendes zwischen den Religionen neu zu entdecken“. Dies mag wertvolle Erkenntnisse generieren, kann aber natürlich nicht zu einer grundlegenden, neutralen und abschließenden Einwertung von Religionen führen. 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 127 Unabhängig davon wird immer wieder der Versuch unternommen, Gemeinsamkeiten zu betonen und Religionen als Aspekte derselben Wahrheit aufzufassen. Diese Haltung reicht von der populären, aber recht naiven Behauptung, wir glaubten doch alle an denselben Gott, bis hin zu neuen Religionen, die zentrale Elemente existierender zu einer neuen integrieren – man denke an die Baha’i-Religion, an den Caodaismus in Vietnam, an den indischen Heiligen Shirdi Sai Baba oder synkretistische Religionen wie Voodoo und Candomblé. In Japan oder China geht man sogar so weit, mehreren Religionen gleichzeitig zu huldigen, was zugegebenermaßen mit Religionen wie dem Shintoismus, dem Konfuzianismus und dem Daoismus sehr viel leichter gelingt als mit den abrahamitischen. Und in der Tat wäre ja denkbar, dass alle (oder zumindest mehrere) Religionen Wege zur Erlösung darstellen und mithin wahr sind. Dem läge dann ein Gott zugrunde, dem es weniger auf das Befolgen eines bestimmten Regelwerks geht, sondern vielmehr darum, dass überhaupt nach einem gelebt wird. Der Schweizer Religionsphilosoph Frithjof Schuon sah hierin nichts Widersprüchliches: „Wenn die Religionen wahr sind, dann aus dem Grund, weil es jedes Mal Gott ist, der gesprochen hat. Und wenn sie unterschiedlich sind, dann aus dem Grund, weil Gott in verschiedenen Sprachen entsprechend der Verschiedenheit der Empfänger gesprochen hat. Und endlich, wenn sie absolut und ausschließlich sind, dann aus dem Grund, weil Gott in jeder Religion von ‚Ich‘ gesprochen hat.“181 Diese recht bequeme Sicht, die im Gegensatz zur Auffassung der meisten Kleriker stehen dürfte, hat einige gravierende Schwächen. Dazu muss man gar nicht so weit gehen, sie als latent rassistisch anzusehen (warum muss zu einem Inder anders als zu einem Belgier gesprochen werden – Religionen funktionieren ja über Kulturkreise hinweg) oder darauf hinzuweisen, dass eben nicht in allen Religionen Gott in der Ich-Form spricht, ja ein solcher teils gar nicht existiert. Nein, problematisch ist, dass Religionen in diesem Licht generisch und die moralischen Grundsätze weitgehend austauschbar wären, die Wahl der jeweiligen Religion damit aber letztlich völlig belanglos wäre. Riten, Moral, der gesamte Inhalt hätte rein formalen Wert. Angesichts der teils doch sehr unterschiedlichen Regelungstiefe und Anforderungen erscheint das wenig glaubwürdig. Warum sollte Gott einer Gruppe Nächstenliebe und Vergebung predigen und einer anderen die Steinigung? Schlimmer noch: „Wahre“ Religionen wären so selbst aus dem Blickwinkel der Religionen nicht mehr von esoterischen Zirkeln und Religionen unterscheidbar, die lediglich aus monetären oder 128 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Machtmotiven gegründet wurden. Eine solche Sicht scheint eher einem etwas naiven Wunsch nach Harmonie zu entspringen, wenn sie nicht von zeitgenössischen Relativierern vorgeschoben wird, um einer ernsthaften intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema auszuweichen und gleichzeitig Spiritualität und moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Zusammenfassend stellen wir also fest, dass viele Religionen ihren Absolutheitsanspruch zwar in aller Deutlichkeit und mit Vehemenz einfordern. Die Berechtigung dieses Anspruchs können sie mit Blick auf ihre wechselhafte Geschichte, ihre nicht hinreichend klaren Schriften und die Vielfalt ähnlich gut begründeter Wettbewerber jedoch nicht überzeugend darlegen. 129 „Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er.“ (Hebräer 12.6) 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem Wer an der Existenz eines gütigen und gerechten Gottes zweifelt, tut dies in der Regel, weil die Realität des Lebens mit all seinen Konflikten, Schwernissen und seiner Vergänglichkeit mit den Vorstellungen einer gerechten, guten Welt nicht übereinzustimmen scheint. Die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ dürfte sich jeder Gläubige mehr als einmal gestellt haben angesichts von Kriegen, Katastrophen und Schicksalsschlägen, Krankheiten, Schmerzen und Altersleiden, aber auch mit Blick auf die sehr unterschiedlichen sozialen, intellektuellen und gesundheitlichen Gegebenheiten. Denn wenn man Gott als allmächtig, allwissend und allgütig denkt – aber eben nur dann, was speziell im Islam und Christentum der Fall ist –, scheint hier ein eklatanter Widerspruch zu bestehen: Gott wüsste ja von all dem Bösen und hätte die Macht, es zu verhindern oder zu beseitigen. Schlimmer noch: Als Schöpfer der Welt wäre er sogar unmittelbar für dessen Entstehung verantwortlich. Damit müsste eine der drei Prämissen nicht stimmen: Entweder ist Gott nicht allmächtig und kann das Übel nicht verhindern. Oder er ist nicht allwissend und vermag es deswegen zumindest nicht vollständig zu verhindern. Oder er ist nicht allgütig und will die Leiden nicht verhindern. Dieser Widerspruch zwischen der behaupteten Güte Gottes und der erlebten Realität wird als Theodizeei-Problem bezeichnet und wurde erstmals 1697 von Gottfried Wilhelm Leibniz182 eingeführt. Es geht also um eine Rechtfertigung der Güte Gottes in einer von ihm abhängigen Welt. Während Theologen wie Hans Küng die Aufforderung an Gott, sich zu rechtfertigen, als Anmaßung ansehen, sah Kant diese Anklage „als i „Rechtfertigung Gottes“ oder „Gerechtigkeit Gottes“. 130 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? gerechtfertigt an, da der Mensch als vernünftiges Wesen berechtigt ist, alle Behauptungen, alle Lehre, welche ihm Achtung auferlegt, zu prüfen, ehe er sich ihr unterwirft, damit diese Achtung aufrichtig und nicht erheuchelt sei.“183 Wollen wir also nicht einem blinden Glauben das Wort reden, kommen wir nicht umhin, diese Frage zu stellen. Das Theodizee-Problem hat Philosophen und Theologen seit jeher beschäftigt. Gerade bei unserer Frage ist es unerlässlich, die gebräuchlichsten Argumentationen ins Auge zu fassen, die angeführt wurden, um den – scheinbaren? – Widerspruch zu erklären oder auflösen. Wenn wir dabei vom Übel reden, dann als Überbegriff, der auch „das Böse“ und das Leid miteinschließt, wobei die jeweilige Argumentation sich am menschlichen Leid sicher am besten überprüfen lässt. 1. Es gibt gar kein Leid oder Übel Augustinus, Platon, Leibniz und andere große Namen waren der Ansicht, dass alles Seiende in Wirklichkeit gut sei. Was wir gemeinhin als Übel ansehen, sei lediglich ein Mangel an Gutem, eine Störung des Guten. Dies war nicht lediglich als semantischer Trick der Art gedacht, dass kalt lediglich ein Mangel an Wärme sei und Krankheit ein Mangel an Gesundheit. Vielmehr wird hier das Sein mit dem Guten gleichgesetzt: Das Sein ist gut und das Böse ist nichts, also nicht seiend. Man darf vermuten, dass eine solche Argumentation leidenden Menschen wenig Trost spenden wird. Wenn man einen geliebten Menschen verliert, richtig, er ist ja lediglich nicht mehr da; das Leid der Hinterbliebenen bleibt jedoch, und deren Sein als gut zu interpretieren, erscheint hanebüchen. In jedem Fall ist das Verständnis vom Leiden, das die Heiligen Schriften aller Religionen erkennen lassen, sicherlich ein anderes. Leiden ist keineswegs eine Frage der Definition, sondern etwas Unangenehmes, entweder zu Vermeidendes oder um eines höheren Gutes willen zu Ertragendes. Beim Anblick von Jesus am Kreuz oder der Darstellung der „Mater Dolorosa“ kann das Leid nicht wegdefiniert werden. Dieser spitzfindige Ansatz ist also zu verwerfen. 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 131 2. Das Übel ist notwendig a) Das Übel ist ein notwendiger Gegensatz Menschen denken in Relationen. Wenn es keinen Maßstab gibt, sind Adjektive wie groß, schön oder vollkommen nicht anwendbar. Um einen solchen Maßstab herzustellen, bedarf es demnach eines Kontrastes: Wie könnten wir das Gute erkennen ohne das Böse, wie die Schönheit ohne kontrastierende Hässlichkeit, wie könnten wir die Freude wertschätzen ohne Leid, wie ethisches Verhalten ohne Verbrechen? Doch das Argument geht über den rein „optischen“ Effekt hinaus: Gutes wird nicht nur besser erkennbar durch das Übel, sondern es könne vielmehr „nicht ohne Übel existieren, das Schlechte sei der notwendige Gegensatz zum Guten.“184 Ein guter Gott könne mithin das Übel nicht komplett beseitigen, da sonst auch das Gute verschwände, einschließlich seiner eigenen Güte. Die behauptete Notwendigkeit ist jedoch nicht nachvollziehbar. Gäbe es beispielsweise keine Krankheiten, so gäbe es zwar wohl auch kein Wort für gesund, da der Zustand uns nicht bewusst wäre. Dennoch wären ja alle zweifellos gesund, und man darf annehmen, dass dieser Zustand generell vorzuziehen ist. Selbst wenn man optisch oder logisch die Notwendigkeit des Gegensatzes als überzeugend empfindet, bedürfte es dann, um dieses Prinzip aufrechtzuerhalten, solcher Mittel wie parasitärer Krankheiten, Kindesmissbrauch oder der stalinistischen Gulags? Hätte nicht auch Langeweile oder das Nachmittagsprogramm des MDR genügt? Menschen, die großem Leid unterworfen sind, insbesondere Todkranke, wird es ohnehin wenig trösten, dass ihr Leid als Gegensatz göttlichen Prinzipien dient. Man darf wohl mit Recht behaupten, dass ein gütiger Gott auch mit einem Minimum an Übel hätte auskommen können. Angesichts des tatsächlichen Ausmaßes des Übels ist diese Erklärung also nicht tragfähig. b) Leid ist eine notwendige Voraussetzung für ein höheres Gut Wenn das Übel schon nicht logisch notwendig ist, so muss es, um die Güte Gottes zu rechtfertigen, doch wenigstens netto zu mehr Gutem führen, als wenn es nicht existierte. Das wäre der Fall, wenn das Leid zu einem höheren, wertvolleren Gut führte. Was sich so abstrakt anhört, ist vielleicht greifbar, wenn man an das biblische Gleichnis 132 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? vom verlorenen Sohn denkt: Der Vater war hier bekanntlich weitaus glücklicher über den missratenen und erst nach mancher Verfehlung reumütig zurückgekehrten Spross als über den braven, unproblematischen Filius. Beider Leid führte also zu einem höheren Gut: der Läuterung des Sohnes einerseits und der Großherzigkeit des Vaters andererseits. Jeder kennt die besondere Freude am Leben, die man nach dem Überstehen einer Krankheit empfindet. Manchmal ist dieses Erlebnis so intensiv, dass gar das ganze Leben neu ausgerichtet wird auf das, was man nun für wirklich wichtig hält. Oft weiß man ja erst, was man an einem Menschen, der Gesundheit oder der Freiheit hatte, wenn man ihrer verlustig geht. In diesem Sinne wäre der göttliche Plan zu unserem Vorteil: So wie man Kinder strafen muss, um sie zu guten Menschen zu erziehen, und eine medizinische Behandlung schmerzvoll, aber zur Wiederherstellung der Gesundheit notwendig sein kann, so wäre das Übel allgemein erforderlich für einen höheren Zweck. Doch wir wollen nicht voreilig sein: Die genannten Beispiele zeigen ja nicht, dass wir, wenn wir die Wahl hätten, uns den Schicksalsschlag wünschen würden. Welche Eltern würden sich erhoffen, dass ihr Kind zunächst missrät, um dann umzukehren, statt von vorneherein gut zu geraten? Wer würde mit klarem Kopf Schmerzen willkommen heißen, nur um sich später an deren Nachlassen zu erfreuen? Ganz abgesehen davon fehlt die versprochene Kausalität ja in der Lebenspraxis: Dass aus einem Leiden tatsächlich etwas Gutes entspringt, ist eher selten der Fall. Wer nach einem Verkehrsunfall im Rollstuhl sitzt oder sein Vermögen bei einem Börsencrash verliert, mag hieraus bedeutende Erkenntnisse für sein Leben ziehen, dürfte in aller Regel aber Schwierigkeiten haben, darin unter dem Strich etwas Positives zu sehen. Und was könnte der höhere Zweck einer tödlich verlaufenden Erkrankung sein? Hier wird eingewandt, dass ein Übel zwar für den Betroffenen im Einzelfall kein höheres Gut generieren mag, aber doch für andere. Denn durch das Leid der einen bietet sich anderen die Möglichkeit, Mitgefühl zu zeigen, praktische Hilfe zu leisten, sich altruistisch oder gar heroisch zu verhalten und dadurch einen Wert höherer Ordnung zu produzieren. Ein guter Gott würde also nicht alle Übel beseitigen, um für dieses Verhalten Raum zu lassen. Warum aber zum Bei- 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 133 spiel Mitleid ein höherer Wert sein sollte als das ursprüngliche Leid, bleibt im Dunklen. Bedurfte es tatsächlich der Ermordung von sechs Millionen Menschen, um eine Handvoll Widerstandskämpfer und einen Oskar Schindler hervorzubringen? Was bedeutet Wert oder Gut in diesem Zusammenhang überhaupt? Gleich, welchen Maßstab man hier anwenden möchte, scheint es kaum wahrscheinlich, dass die Werte höherer Ordnung insgesamt die Summe aller Übel übersteigen. Und überhaupt ist ja keineswegs sichergestellt, dass Leid ausschließlich die gewünschten positiven Wirkungen hervorbringt. Schadenfreude, Feigheit, Grausamkeit, Gleichgültigkeit sind womöglich sogar häufigere Effekte als Mitleid und Hilfe. Auf diese Weise können wir Übel und Leid also auch nicht erklären. 3. Wir leben bereits in der besten aller Welten Leibniz war der Ansicht, Gott hätte von der Vielzahl möglicher Welten immerhin die bestmögliche erschaffen. Beleg dafür sei die Ordnung der Welt, also das perfekte Zusammenspiel der Naturgesetze – wir erinnern uns an den teleologischen Gottesbeweis. Diese Ordnung habe jedoch einen Preis: Die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Einflussfaktoren erlauben keine paradiesische Welt, Gott war bei der Erschaffung der Welt an bestimmte Logiken gebunden. Eine Welt, die einen Tiger enthält, muss auch mit dem Tod der Beutetiere leben. Eine Welt, in der neue Generationen von Menschen entstehen, muss Alter und Tod akzeptieren. Aus menschlicher Perspektive sind solche Restriktionen verständlich. Konstruieren wir ein Auto, so wissen wir, dass zusätzliche Ladekapazität oder höhere Geschwindigkeit mit höherem Verbrauch verbunden sind. Konzipieren wir eine Unternehmensorganisation als Matrixstruktur, erkaufen wir flexiblere Zusammenarbeit durch unklare Zuständigkeiten. Gott wäre in Leibniz’ Perspektive genauso gefangen wie wir in nicht beeinflussbaren Rahmenbedingungen. Dies führt zu der Frage, woher denn diese Einschränkungen stammen und wieso ein allmächtiger Gott sie nicht auflösen kann. Denn dass dies prinzipiell möglich ist, geht ja aus den Heiligen Schriften hervor: Sowohl das Leben im Garten Eden als auch das kommende, jenseitige Paradies kommen ohne kleinliche Beschränkungen aus. Doch können wir den Widerspruch zur religiösen Lehre auch problemlos ignorieren, denn die Behauptung Leibniz’ ist bereits 134 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? empirisch widerlegt. Wenn wir unsere Welt vergleichen mit der zu Zeiten von Leibniz, so dürfte es uns etwa in Bezug auf Lebenserwartung, bürgerliche Freiheiten, Zugang zu Wissen, Reisemöglichkeiten oder auch soziale Absicherung heute weit besser gehen. Die Welt kann offensichtlich, manch gravierendem Rückschlag zum Trotz, auch unabhängig von politischen Ideologien Schritt für Schritt verbessert werden, und das ist auch der Fall. Man denke etwa an die Erfolge bei den UN-Milleniumszielen: in der recht überschaubaren Zeit zwischen 1990 und 2015 wurde der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen, definiert als solche, die mit weniger als 1,25 US$ pro Tag auskommen müssen, von 36 auf 12 Prozent gesenkt.185 Wir reden hier also nicht über kosmetische, sondern durchgreifende Verbesserungen, die das Leben von Hunderten von Millionen Menschen betreffen. Der Gedanke der bestmöglichen Welt, über den sich bereits Voltaire in „Candide“ lustig gemacht hat, wäre allenfalls in einer evolutionären Perspektive greifbar. Das Leben hat stets aus den jeweils vom Planeten gegebenen Voraussetzungen das Beste gemacht – nicht im Sinne einer romantisierten Vorstellung von „gut“ oder „schön“, sondern im Sinne der optimalen Anpassung und damit Überlebensfähigkeit. Allein, der Mechanismus der Evolution kommt nun einmal ganz ohne Gott aus. Bestenfalls ein reiner Schöpfergott, der heute untätig wäre, wäre damit vereinbar. So hatte sich Leibniz dies aber nicht gedacht. 4. Das Übel ist gottgewollt und erfüllt einen Zweck Man muss weder die Existenz des Übels bestreiten noch seine Notwendigkeit behaupten, wenn man erklären kann, wozu es im Plan Gottes dient. Wenn es einen konkreten Zweck oder übergeordneten Nutzen gibt, dann kann man es auch als von Gott gesandt oder zugelassen, in jedem Fall also als gewollt ansehen. Hierbei sind zwei Motive denkbar, die parallel anwendbar sind: Prüfung und Strafe. Beide funktionieren mit einem persönlichen Gott besser als mit einer unpersönlichen göttlichen Ordnung. a) Das Übel ist eine Prüfung In dieser Sicht dient das Übel entweder der Prüfung des Charakters oder des Glaubens. Sie bietet dem Betroffenen die Gelegenheit zu 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 135 spirituellem Wachstum und zur Erhöhung der Standfestigkeit im Glauben, anderen Menschen die Möglichkeit zu mitfühlender Hinwendung und guten Werken. Inwieweit diese Gelegenheit genutzt wird, ist Gegenstand der Prüfung. Hier steht also nicht der unter 2.b) beschriebene höhere Wert im Fokus, sondern das Verhalten des Einzelnen. Das Prüfungsmotiv findet sich in Bibel und Koran an mehreren Stellen. Abraham wurde die (im letzten Moment abgeblasene) Opferung seines Sohnes befohlen, um seinen Glauben zu testen, und Hiob durfte Schlimmes durchleiden, nur um festzustellen ob sein Glaube auch im Angesicht des Schreckens standhielt. Dass ein allwissender Gott eine derartige Prüfung anberaumt, obwohl er das Ergebnis doch im Vorhinein kennen muss, scheint jedoch weder besonders liebevoll noch plausibel. Zudem müsste man wieder den fragwürdigen freien Willen des Individuums heranziehen, um den Charakter der Prüfung als Persönlichkeitstest behaupten zu können. Problematisch bliebe ohnehin, dass im realen Leben, anders als in den Heiligen Schriften, nicht aufgelöst wird, dass es sich um eine Prüfung (und nicht um einen Zufall des Lebens) handelt und wozu diese jeweils dient. So kann alles und nichts zur Prüfung erklärt oder als solche verstanden werden. Solange darüber aber nicht Klarheit besteht, ist zumindest das Ziel des spirituellen Wachstums oder der Stärkung des Glaubens gefährdet. Erst recht unverständlich ist, warum Menschen sowohl qualitativ wie quantitativ höchst unterschiedlichen Prüfungen unterzogen werden. Während mancher ein schönes Leben als reicher Erbe oder Filmstar führen darf, in dem die einzige Herausforderung die Wahl des Partners für das kommende Wochenende ist, erleben andere Krieg, Hunger oder schwere Krankheiten. Ein gerechtes Verfahren müsste aber gleiche Startbedingungen und ein einheitliches Prüfungsschema bieten. Und noch weitere Fragen stellen sich: Wozu soll die Leukämie-Erkrankung eines kleinen Kindes dienen – der Prüfung der Eltern? Wie prüft man einen geistig Behinderten? Gibt es mildernde Umstände für gescheiterte Kunstmaler oder Jugendliche, die im falschen Viertel aufgewachsen sind? Es fällt schwer, hier nicht zynisch zu werden. Am Ende ist man geneigt zu fragen: „Wenn das Leben eine Prüfung ist, könnte man sie dann nicht schriftlich ablegen?“186 136 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Die Gelegenheit zu spirituellem Wachstum hingegen mag so manches negative Erlebnis wohl bieten. In der Tat gibt es Menschen, die berichten, dass ihr Glaube durch eine schwere Krankheit oder den Verlust eines Menschen gewachsen sei. Da Menschen in einer solchen Situation verzweifelt Halt suchen oder Dinge anders gewichten als zuvor, ist das durchaus nachvollziehbar. Nachvollziehbar ist aber auch, dass andere durch solche „Prüfungen“ gerade zum Abfall vom Glauben getrieben werden. Auch insofern erscheint dieses Mittel etwas problematisch; hier möchte man von Gott wirksamere, zielgenauere und weniger schmerzvolle Werkzeuge erwarten. Auf den ersten Blick nachvollziehbar ist der Ansatz, das Leid anderer gäbe uns die Möglichkeit, Mut, Zuwendung, Hilfe zu zeigen und damit unsere besten Eigenschaften hervorzuholen.i Man denkt hier sofort an das Bild der aufopferungsvollen Krankenschwester, deren Arbeit ohne Frage Anerkennung verdient. Dass für die persönliche Entwicklung allerdings ein anderer leiden muss, sollte uns stutzig machen. Man darf vermuten, dass eine Mutter, die ein sterbendes Kind pflegt, eine solche Erklärung als zynisch und menschenverachtend ansehen würde. Zudem lässt sich nicht bestreiten, dass dieses Leid eben nur die Gelegenheit zu guten Taten bietet, selbige aber keineswegs zwangsläufig immer wahrgenommen wird. Leid bietet ebenso gut die Möglichkeit zu Indifferenz, Schadenfreude und Schlimmerem. Mit dieser Argumentation verbunden ist die Ansicht, dass ohne das Bewusstsein der Bedürftigkeit, der Schwachheit und Vergänglichkeit Religion unbekannt wäre. Vollkommene Wesen in einem vollkommenen Universum bedürften ihrer nicht. Das bedeutet, dass Religion nur durch Übel einen Sinn bekommt. Doch worin läge der Vorteil einer Religion, wenn sie quasi Übel produzierte – die Alternative einer vollkommenen Welt um den Preis eines Verzichts auf Religion erscheint so schrecklich nicht. i So meint der Oxforder Theologe Richard Swinburn: „My suffering provides me with an opportunity to show courage and patience. It provides you with the opportunity to show sympathy and alleviate my suffering“ (Dawkins 2006, S. 88; „Mein Leiden gibt mir die Möglichkeit, Mut und Geduld zu zeigen. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, Mitgefühl zu zeigen und mein Leiden zu lindern“). 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 137 b) Das Böse als Strafe Gottes Hier haben wir nun einen echten Klassiker der Religionsgeschichte: Wenn alles eine Ursache hat und Gott oder die gottgleiche Ordnung gerecht ist, dann ist das Böse unmittelbar als Strafe für falsches Handeln und Denken zu verstehen. Alles Böse, jeder Schicksalsschlag ist die Schuld der Betroffenen, und sei es, dass diese aus einem früheren Leben herrührt. Die abrahamitischen Religionen bieten hinreichend Beispiele für göttliche Strafen: vom Sündenfall im Garten Eden über die Sintflut bis zur Auslöschung von Sodom und Gomorrha und zum Zerfall Babylons. Dieser Gedanke, der auch Kern der Karma-Lehre ist, erscheint insofern einsichtig, als er zumindest auf den ersten Blick gerecht wäre. Lassen wir einmal außer Acht, dass die Einstufung „guten“ und „schlechten“ Handelns und die Bemessung von Strafen nach der Schwere der Tat eine nicht ganz triviale Aufgabe ist – einem Gott dürfen wir die nötige Weisheit hierfür durchaus zubilligen. Wichtiger ist daher die Frage, ob sich diese Behauptung faktenbasiert bestätigen lässt. Die Karma-Lehre entzieht sich beispielsweise vollständig der Verifizierung und Falsifizierung, da die Konsequenzen von Verfehlungen jeweils erst in der darauffolgenden Reinkarnation spürbar werden, jedoch die Erinnerung daran fehlt. In den Heiligen Schriften des Christentums und Islams hingegen ist das Prinzip der Strafe in Teilen auch für das Diesseits vorgesehen, der konkrete Zusammenhang zwischen Sünden und vermeintlichen Strafen jedoch allenfalls anekdotisch herzustellen und nicht systematisch belegbar. Insbesondere bei „Kollektivstrafen“ in Form von Epidemien oder Naturkatastrophen kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Betroffenen, im Besonderen Kinder und Tiere, die Strafe in gleichem Maße verdienen. Das gilt schon deswegen, weil gar nicht erkenntlich ist, welche spezifische Sünde aus dem reichen Katalog derselben für die jeweilige Strafe ursächlich sein soll. Außer einigen Klerikern und Politikern, sollte man meinen, würde wohl kaum jemand ernsthaft das Partyleben in New Orleans für den Wirbelsturm Katrina oder Homosexualität und Promiskuität für das Aufkommen von AIDS verantwortlich machen.187 Doch dem ist nicht so; in stark religiös geprägten Ländern sind solche Erklärungen durchaus verbreitet. So verstanden etwa Opfer der pakistanischen Flutkatastrophe 2010 diese 138 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? eindeutig als Strafe für ein nicht hinreichend islamisches Handeln ihrer selbst bzw. des Landes insgesamt.188 Zu offensichtlich sprechen solche Beispiele nicht nur gegen einen gütigen, verzeihenden Gott, sondern auch fundamental gegen dessen Gerechtigkeit und Logik: Anzunehmen, dass Wirbelstürme, Erdbeben und Tsunamis ausschließlich verdorbene und sündhafte Städte und Dörfer treffen, während in den verschonten Nachbarorten eine diametral andere, gottgefälligere Lebensweise gepflegt wird, wäre schlicht absurd. Auf der Ebene des Einzelnen ist die Erklärung des Leids zur Strafe Gottes nicht ganz so leicht der Absurdität zu überführen. Schließlich werden sich bei jedem Menschen hinreichend Taten finden lassen, die aus religiöser Sicht zu kritisieren sind. Allerdings spricht hier viel für Projektionen: Im oft verzweifelten Versuch, Erklärungen für Schicksalsschläge zu finden, neigen Menschen dazu, unzusammenhängende Dinge zu verknüpfen. Wen ein schlechtes Gewissen plagt, weil er seinen Partner betrogen hat, der kann den Hagelschaden am Auto genauso als gerechte Strafe interpretieren wie eine plötzlich auftretende Krankheit. Hierbei kann durchaus ein kausaler Zusammenhang bestehen – selbstverständlich kann sich eine psychische Belastung durch das Empfinden von Schuld in konkreten gesundheitlichen Beschwerden äußern. Dies ist dann allerdings eine nachvollziehbare Erklärung, für die es keiner Einmischung Gottes bedarf. Hingegen erschiene ein Zusammenhang zwischen der genannten Verfehlung und dem Hagelschaden eher konstruiert. Selbst wenn man glauben möchte, dass ein allmächtiger Gott sich damit beschäftigt, Gewitterwolken sündenspezifisch zu allokieren, wird man doch zugeben müssen, dass negative Erlebnisse selten eindeutig den eigenen Taten zuzuordnen und in ihrem Ausmaß angemessen sind. Dass hier aber eine übernatürliche Hand eingreift, bleibt nichts weiter als eine Behauptung. Schon mit Blick auf die gesellschaftlichen Konsequenzen – Hilfe für in Not Gekommene, Impfungen oder Katastrophenprävention wären ja ein Konterkarieren des göttlichen Willens – sollte man diese Argumentation nicht weiter verfolgen. 5. Missbrauch der Freiheit Der Missbrauch der Freiheit durch den Menschen als Ursache des Übels ist bis heute die am häufigsten angeführte und womöglich 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 139 erfolgversprechendste Argumentation zur Lösung des Theodizee-Problems.189 Hiernach ist „das vom Menschen verursachte Übel (malum morale) als Folge autonomen menschlichen Freiheitsmissbrauchs zu verstehen und das aus Naturgesetzen folgende Übel (malum physicum) als Bedingung menschlichen Lebens zu kennzeichnen.“190 Ersteres setzt voraus, dass die Freiheit die höchstmögliche Würdigung des Menschen und Ausdruck der Liebe Gottes ist – der Mensch erhebt sich so über den Status eines Objekts Gottes hinaus und kann damit in christlicher Interpretation nicht nur Gottes Liebe erwidern, sondern auch andere Menschen lieben, und dies eben nicht als mechanisches Werkzeug, sondern aus sich selbst heraus. Die Freiheit als Geschenk Gottes beinhaltet aber auch die Möglichkeit des Missbrauchs, denn Menschen sind keine Automaten, die stets das Richtige tun. Dadurch aber, so die Argumentation, kommt das Leid in die Welt.191 Dieser Gedanke impliziert, die Naturgesetze seien so fein aufeinander abgestimmt, dass sie in keiner Weise anders hätten konzipiert werden können, ohne dass die Evolution hin zum Menschen als freiem Wesen unmöglich geworden wäre. Wir fühlen uns hier an das Argument der „besten aller möglichen Welten“ erinnert. Der Mensch ist für das Übel also entweder unmittelbar oder indirekt verantwortlich. Zumindest der erste Teil des Arguments ist beachtenswert. In der Tat messen wir einer Aktion und in beispielhafter Form der Liebe größere Bedeutung bei, wenn es sich hier nicht um eine mechanische Reaktion handelt, sondern sie aus freiem Willen kommt und das Wesen eines Menschen zum Ausdruck bringt. Gehen wir nun davon aus, dass in diesem Falle – unsere Erkenntnisse aus Kapitel 4.3 ignorierend – unser Wunsch Realität ist und es tatsächlich einen freien Willen gibt, dann ist Gott durch diesen Aufweis aber keineswegs aus der Verantwortung für das Leiden entlassen.192 Denn wenn wir voraussetzen, dass Gott bei Gewährung der Willensfreiheit wusste, dass sie missbraucht werden kann – und das müssen wir bei einem allwissenden Gott annehmen –, dann ist er wissentlich ein hohes Risiko eingegangen – ein Risiko, das allerdings nicht er selbst, sondern ein Dritter trägt. Zumindest grobe Fahrlässigkeit, wenn ein solcher Begriff bei einem Gott anwendbar ist, scheint gegeben. Apologeten könnten nun behaupten, die Willensfreiheit habe dennoch netto eine positive Wirkung (weil per Saldo gute Entschei- 140 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? dungen getroffen würden) und Gott hätte keine andere Möglichkeit gehabt, diesen Nettonutzen zu heben, als auch Missbrauch als unvermeidliche Nebenbedingung zuzulassen. Sofern aber Freiheit definitionsgemäß Entscheidungen zum Guten und zum Bösen einschließt, wird die Annahme, sie sei ein höherer Wert, unplausibel. „Worin könnte denn der besondere Wert von Entscheidungen zum Guten oder Bösen als solchen bestehen?“193 Mit Recht fragt von Stosch, ob Freiheit ein so großer Wert sei, „daß sie das Leiden in der Welt als unerwünschten Nebeneffekt rechtfertigt“?194 Dabei ist zu bedenken, dass aus theologischer Sicht „Freiheit die Voraussetzung von Liebe und damit auch von einer liebenden Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf ist, so dass das Leiden, wenn es Preis der Freiheit ist, zugleich auch als Preis der Liebe bestimmt werden muss.“195 Aber ist dies nicht ein allzu romantisierendes Verständnis von Liebe? Seit wann wäre denn die Liebe eine Frage der persönlichen Entscheidung? Letztlich kommt von Stosch jedenfalls zu folgendem Ergebnis: „Es gibt also kein Kriterium, anhand dessen allgemein bestimmt werden kann, ob der positive Wert des freien Willens das damit verbundene Risiko falscher bzw. leiderzeugender Entscheidungen aufwiegen kann. Genauso wenig lässt sich objektiv entscheiden, ob es gut ist, dass es die Welt gibt.“196 Er glaubt jedoch, dass es „durchaus vernünftig ist, zu hoffen, dass auch die Verwendung unterschiedlicher Kriterien dazu führen wird, dass alle Menschen sich für eine Bejahung ihrer Existenz entscheiden.“197 Hiergegen könnte man allerdings anführen, dass Menschen evolutionär programmiert sind, sich so lange wie möglich für das Leben zu entscheiden, und die Frage daher nicht neutral beantworten können; und genauso wenig wäre dies wohl bei der Frage nach der Wünschbarkeit von Willensfreiheit der Fall. Aber auch, wenn wir einen Teil des Übels dem Geschenk der Willensfreiheit anlasten wollen, muss Gott für den Großteil der Leiden haftbar gemacht werden, da die meisten natürlichen Übel sich eben nicht auf menschliche Entscheidungen zurückführen lassen.198 Natürlich kann jederzeit ein metaphysischer Zusammenhang etwa zwischen der Steuerehrlichkeit der Griechen und dem Entstehen von Ebola konstruiert werden. Da dergleichen aber nicht einmal ansatzweise belegbar wäre, lohnt es nicht, sich solchen Spekulationen zu widmen. Zudem könnte man einwenden, dass Gott die Menschen ja so hätte schaffen können, dass sie sich in jedem Fall frei für das 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 141 Richtige entscheiden. Wenn der Mensch sich einmal für das Gute entscheidet, spricht logisch nichts dagegen, dass er es immer tut. Und überhaupt: Kann ein allmächtiges Wesen denn etwas schaffen, über das es nicht bestimmen kann? Selbst wenn die Freiheit des Willens bestünde, wäre ein Eingreifen Gottes jederzeit möglich. Von dieser Verantwortung können wir Gott also nicht entlasten. 6. Gottes Ratschluss ist unerforschlich/Gottes Güte ist nicht unsere Der Mensch – so dieses Argument – unterliegt einem Trugschluss, wenn er Gott als ungerecht empfindet: Gott handelt sehr wohl immer weise und menschenfreundlich. Wenn dies nicht so scheint, liegt es entweder daran, dass seine Weisheit und damit die wahren Gründe für Freude und Leid uns verborgen bleiben. Dies könnte aus uns unbekannten Gründen in der Absicht Gottes liegen; vielleicht ist aber der menschliche Verstand auch schlicht zu begrenzt, um die göttliche Weisheit zu verstehen. Oder Gottes Begriff von Güte entspricht einfach nicht dem unserem. Das wäre dann so und könnte nur hingenommen werden. Mit diesem universal einsetzbaren theologischen Joker lassen sich auch die seltsamsten, ungerechtesten und widersprüchlichsten Ereignisse und Gegebenheiten „begründen“ und sämtliche Diskussionen darüber beenden. Einen Beleg dafür bleiben diejenigen, die ihn ausspielen, natürlich schuldig – nur Gott selbst könnte es verifizieren. In einer wissenschaftlichen Diskussion ist eine solche Konstruktion eigentlich inakzeptabel; nur weil sie so außerordentlich bequem für ihre Protagonisten ist, können wir sie aber nicht ausschließen – unmöglich wäre es nicht, dass dem so wäre. Wer das Argument verwendet, übersieht allerdings, dass ein faktisch unberechenbarer Gott keine auch nur annähernd sichere Möglichkeit bietet, sich gottgefällig zu verhalten. Denn offensichtlich kann jener, dessen Ratschluss unerforschlich ist, damit alles und jedes tun, und aus irdischer Perspektive wäre nicht einmal nachprüfbar, ob diesem Handeln überhaupt ein Ziel, geschweige denn ein gut gemeintes, zugrunde liegt. Die Offenbarungen der Religionen könnten auch nur ein grausames Spiel sein, um die Menschen zu verwirren oder gegeneinander aufzuhetzen. Wenn Gottes Motive vollständig im Dunkeln bleiben, wäre vor allem die Religion selbst gegenstandlos, da sie nicht einmal in 142 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? der Lage wäre, über seinen Willen zu spekulieren. Wenn man ehrlich ist, gibt man damit die Annahme, dass Gott gut ist, auf. Würde man dennoch weiter an der Güte Gottes festhalten, würde der Begriff zwei völlig unterschiedliche Dinge beschreiben und damit seinen Gehalt verlieren. 7. Gott handelt bewusst willkürlich Im Alten Testament heißt es „Ich schenke Erbarmen, wem ich will.“199 Dies gibt Gott einen unbegrenzten Spielraum, der von Willkür nicht unterscheidbar ist. Sicherlich wäre eine solche Willkür mit der Welt, wie wir sie kennen, vereinbar. Mit einem gütigen Gott allerdings nicht, eher mit einem spielenden Kind oder einem wenig sympathischen Tyrannen. Hier gilt dann erst recht der Einwand von zuvor, dass ein solcher Gott unberechenbar und damit unbeeinflussbar wäre – und damit jede Religion nutzlos. 8. Gerechtigkeit gibt es erst im Jenseits Wenn die unterschiedliche Behandlung der Menschen im Jetzt schon nicht erklärt werden kann, so kann der Gläubige doch in aller Regel auf eine Gerechtigkeit im Jenseits zählen. Diese ist zwar ebenso wenig belegbar wie das Jenseits an sich und damit zunächst nur eine Hoffnung, würde aber dem Glauben zu innerer Konsistenz verhelfen. Die abrahamitischen Religionen begeben sich damit ins Fahrwasser der Karma-Lehre – auch hier werden die Konsequenzen guten wie sündigen Verhaltens in eine Zeit verschoben, die nicht mehr beobachtet werden kann. In der Tat reicht in den indischen Religionen die unüberprüfbare Gerechtigkeit des Karmas konzeptionell aus, um das Gerechtigkeitsproblem der abrahamitischen zu vermeiden; im Hinduismus kommt hinzu, dass die Götter ohnehin keinem prinzipiellen Sittengesetz oder dem Grundsatz der Menschenfreundlichkeit verantwortlich sind. Während das Karma die Konsequenzen menschlicher Handlungen differenziert abwägt, geht es in Islam und Christentum allerdings um alles oder nichts. Die Konsequenzen sind für die Ewigkeit. Dies wirft einen weiteren Aspekt der Gerechtigkeitsfrage auf: Welches Verbrechen, abgesehen von der Rechtschreibreform von 1996 und TV- Sendungen wie „Schwiegertochter gesucht“, ist so groß, dass es ewige Höllenqualen rechtfertigt? Die Reziprozität des Auge-um-Auge-Prin- 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 143 zips des Alten Testamentsi wäre nachvollziehbar und akzeptabel, eine zeitlich unbegrenzte Strafe hingegen exzessiv und mit der Idee eines barmherzigen Gottes unvereinbar – ganz abgesehen davon, dass demjenigen, der die Menschen so fehleranfällig geschaffen hat, zumindest eine Mitschuld anzulasten wäre. Nebenbei, auch das ewige Paradies, gleich wie man es sich vorstellen mag, erscheint als Preis für irdisches Wohlverhalten etwas überdimensioniert. Doch wollen wir nicht kleinlich sein. Mit Blick auf das menschliche Leid könnte man sich auch auf den Standpunkt stellen: „Jede erträumte Erlösung im Jenseits käme immer zu spät. Was zuvor geschehen ist, könnte sie nicht im Geringsten ungeschehen machen.“200 In der Tat: Wer zum Beispiel Opfer einer Gewalttat wurde, wird dies auch im Jenseits bleiben – der Schaden ist geschehen. Im Nachhinein Gerechtigkeit zu üben, mag aus kaufmännischer Perspektive zu einer Kompensation des Leidens führen, am Leiden selbst ändert dies nichts. Alles in allem muss man sich mit Blick auf das Paradies fragen: „(W)enn Gott überhaupt einen Zustand ohne Schmerz, ohne Leid, ohne Tod schaffen kann, warum dann erst so spät und nicht von Anfang an? Warum nur für wenige und nicht für alle? Warum zuvor die eigenen Geschöpfe durch ein Meer von Blut und Tränen waten lassen?“201 Die himmlische Gerechtigkeit, ohnehin nicht mehr als ein Hoffnungswert, wird damit auch in sich unplausibel. 9. Gott ist nicht allmächtig In polytheistischen Religionen ist die Begrenztheit göttlicher Kräfte integraler Bestandteil des Konzepts – zwar besitzen die Götter unterschiedliche Kräfte, und es mag auch Obergötter geben, doch allmächtig dahingehend, dass niemals mehr eingegriffen werden müsste oder könnte, ist keiner. Im Hinduismus gibt es beispielsweise die Arbeitsteilung zwischen dem Schöpfer der Welt, Brahma, und Vishnu und Shiva als Erhalter und Zerstörer. Wenn beispielsweise Vishnu mehrfach in Form verschiedener Avatare reinkarnieren musste, um Dämonen zu bekämpfen oder anderweitig die Ordnung wiederherzustellen, i Dieses Prinzip wird häufig als Aufforderung zur Vergeltung missverstanden, zielte allerdings tatsächlich auf Verhältnismäßigkeit und Rechtsgleichheit. 144 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? und sich dabei auch der Hilfe anderer bedienen musste,i belegt dies die Begrenztheit der gleichwohl göttlichen Kräfte. Im Widerstreit der den Menschen wohlgesonnenen, feindlich oder auch desinteressiert gegenüberstehenden Götter (wobei sich diese Ausrichtung im Zeitablauf auch ändern kann) ist der Mensch gleichsam nur ein Spielball des göttlichen Wirkens. Aus logischer Sicht ist der Verzicht auf die Allmachtshypothese daher eine valide Lösung, um dem Theodizee- Problem zu entgehen, muss so doch nicht jeder Zustand und jedes Ereignis auf eine gezielte Entscheidung eines Gottes zurückgeführt werden. Die religiöse Lehre wird so in sich geschlossener und an dieser Stelle unangreifbar. Im Zoroastrismus wird das Problem elegant durch einen Dualismus gelöst: Das Gute, personifiziert durch Ahura Mazda, steht auf ewig dem Bösen, Ahriman, gegenüber. Hier steht dann durchaus der Mensch im Fokus des göttlichen Interesses, die Welt und damit das Leben ist beeinflusst durch den Widerstreit der genannten Protagonisten. Im Judentum wird dagegen Gutes und Böses als zwei Seiten einer Zusammengehörigkeit gesehen, die beide in Gott begründet sind. Beide dieser Schwarz-Weiß-Konzeptionen sind in sich geschlossen und widerspruchsfrei. Die Eingängigkeit dieses Schemas spiegeln Literatur und Film wider; oft werden hierbei das Gute und das Böse als Teile derselben Kraft betrachtet – man denke an die „dunkle Seite der Macht“ der Star-Wars-Saga. In Christentum und Islam steht eine Abkehr von der Allmacht Gottes allerdings in Konflikt mit den Grundsätzen des Glaubens. Eine Lösung besteht darin, diese Allmacht nur insofern einzuschränken, als die parallele Existenz anderer Kräfte oder Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten angenommen wird, die jedoch nicht an die Gottes heranreichen. So wie es wohlmeinende Wesen (Engel, Heilige) gibt, mag es dann auch Gott oder den Menschen feindlich gegenüberstehende (Dämonen, Teufel) geben. Geht man von einem guten Gott aus, wären diese Wesen für alles Böse und Unangenehme in der Welt verantwortlich. Aufgrund der denkbaren Vielfalt dieser Wesen vom „Fürsten der Unterwelt“ bis hin zum „bösen Geist“ wird hier im Zweifel alles abgedeckt, vielleicht abgesehen von den mit dem i Beispielsweise nahm Rama die Hilfe des beliebten Affengotts Hanuman an, um seine von einem Dämon entführte Frau Sita zu befreien. 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 145 Menschsein notwendigerweise verbundenen Schwernissen, wie etwa dem Altern. Religionshistorisch sind vermutlich viele solcher Wesen aus älteren, untergegangenen Religionen in die neueren übernommen worden. Auch wenn die Glaubwürdigkeit des traditionellen Teufelsbildes mit Hörnern, Hufen und Dreizack (eine Waffe, derer sich mit Shiva und Poseidon auch Götter gerne bedienen) gelitten hat und die großen monotheistischen Religionen das Thema in der Öffentlichkeit eher defensiv behandeln, gehört der in Bibel und Koran ja durchaus prominent erwähnte Satan weiterhin zum Instrumentarium des Glaubens.202 Hierdurch wird oberflächlich jedes Übel von Gott – und gegebenenfalls auch dem eigenen Verhalten – ferngehalten, man bemüht ganz praktisch einen Sündenbock. Die Evidenz für dessen Existenz bleiben die Religionen jedoch genauso schuldig wie in Bezug auf Gott. Dass es sich dabei um eine nicht ganz standfeste Hypothese handelt, wird klar, wenn man den Zeitpunkt der Schöpfung durch Gott betrachtet. Wie konnte ein allwissender Gott das Entstehen jener Gegenspieler nicht voraussehen und verhindern? Ein den Menschen zugetaner Gott würde im Rahmen der Schöpfung ja keine solchen Gegenspieler erschaffen – es sei denn diese dienten quasi seinem Plan. Dann wäre er aber eben auch wieder für das Übel verantwortlich. Insofern bleibt das Argument der eingeschränkten Macht Gottes Christen und Muslimen verwehrt. 10. Gott ist nicht gütig und gerecht Diese denkbare Option liegt nahe, wäre sie doch mit jeglichen Ereignissen auf der Welt vereinbar. Man müsste nicht einmal mehr freundliche Motive des göttlichen Handelns vermuten, sodass sich eine Rechtfertigung Gottes schlicht erübrigte. Dieser Ansatz widerspricht aber natürlich der Kernbotschaft von Christentum und Islam, und wenn man Gott nicht personal versteht, auch der des Buddhismus. Gleichwohl ist ein alleiniger Gott, der dieser Beschreibung entspricht, ebenso denkbar, wie diese Möglichkeit mit polytheistischen Religionen vereinbar wäre. Ist man allerdings konsequent und denkt den Gedanken zu Ende, ist Gott damit unberechenbar. Hieraus folgt wiederum, dass das Handeln der Menschen sowohl im alltäglichen Leben als auch bezüglich der Ausübung ihrer Religion belanglos wäre, da es keine oder zumindest keine vorhersehbaren Auswirkungen hätte. 146 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Ein heiligmäßiges Leben würde die Götter genauso wenig interessieren wie ein verbrecherisches. Die Kenntnis über einen solchen Gott wäre mithin wenig hilfreich – zumindest solange nicht auch andere, freundlichere Götter einen Platz im Pantheon innehaben. 11. Gott ist tot bzw. nicht mehr aktiv Sofern Gottes Aufgabe und Wirken mit der Schöpfung beendet war, er also nicht mehr ins irdische Geschehen eingreift, kann man ihn auch als tot betrachten. Damit ist jegliches Schicksal erklärbar als Auswirkung der im Rahmen der Schöpfung entstandenen Naturgesetze. Dass diese gelegentlich Ergebnisse zeitigen, die Menschen als unschön empfinden, wäre für einen solchen Gott ohne Belang. Diese Sicht hat in der Konsequenz für die Lebensführung keine anderen Folgen als eine, die die Existenz Gottes abstreitet. Gleichwohl bleibt sie immer noch in der Pflicht, die zumindest seinerzeitige Existenz Gottes zu belegen. Hierfür bliebe aber nur der nicht sehr überzeugende kosmologische Gottesbeweis. Allenfalls der Gott des Jainismus wäre mit diesem Gedanken vereinbar. 12. Gott existiert nicht Die atheistische Perspektive ist recht simpel: „Es gibt keinen Gott, der Tiere und Menschen aus ihrem Leiden erlöst. Die Welt ist unerlösbar, voller Webfehler und struktureller Unstimmigkeiten, die aus der Bewusstlosigkeit und Blindheit ihrer Gesetzmäßigkeiten herrühren.“203 Oder um es mit dem französischen Schriftsteller Stendhal zu sagen: „Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.“204 Hierbei kann natürlich wieder eingewandt werden, dass die Behauptung der Nichtexistenz Gottes ebenfalls nicht belegt bzw. nicht belegbar ist. Richtig ist aber, dass diese Erklärung als einzige vollständig ohne Widersprüche, komplexe Erklärungen und die Postulierung verschiedenster Entitäten auskommt. Was können wir also festhalten? Insgesamt gibt es eine ganze Reihe potenzieller Erklärungen für die unschönen Seiten unseres Lebens, die sämtlich auf nachprüfbare Belege verzichten und damit über den Status einer Behauptung nicht hinauskommen. Es ist also lediglich möglich, sie auf logische Konsistenz und Vereinbarkeit mit der empfundenen Reali- 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 147 tät sowie den religiösen Lehren zu untersuchen. Hierbei zeigt sich, dass zumindest einige Erklärungen mit steigender Zahl von Göttern und abnehmender Macht und Güte des einzelnen Gottes nicht unbedingt zu inneren Widersprüchen führen. Vor allem Christentum und Islam lassen sich jedoch nicht widerspruchsfrei darlegen, ohne mindestens eine ihrer zentralen Aussagen zu verändern. Das Theodizee-Problem bleibt damit eine offene Flanke dieser Religionen. 149 Im Flugzeug gibt es während starker Turbulenzen keine Atheisten. Robert Lembke205 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 8.1 Grundsätzliches Eine Religion, die sich nicht nur am Jenseits orientiert, sondern Menschen in den Schwierigkeiten ihres Daseins helfen und sie in ihrem und dem Interesse anderer bessern will, muss sich daran messen lassen, was sie im Diesseits für und in Menschen bewirkt. Von einer wahren Religion dürfen wir einen positiven Einfluss auf das Handeln und das Glück ihrer Anhänger, möglichst auch zugunsten von mit ihnen interagierenden Dritten erwarten. Ihre Qualität sollte sich also in der Realität, das heißt im täglichen Leben und Miteinander widerspiegeln. Unter Umständen könnte man diese Qualität sogar als Kriterium dafür heranziehen, wie eine Religion, unabhängig von ihrer Wahrheit, gesellschaftlich behandelt werden sollte. Denn auch ein falscher Glaube, wenn er hinreichend praktische Vorteile bietet, könnte ja eine gewisse Nachsicht vonseiten Andersgläubiger, vielleicht sogar eine Förderung rechtfertigen. Nun bietet die Religionsgeschichte bekanntlich hinreichend Beispiele dafür, dass im Namen einer Religion weniger hübsche Dinge verübt werden. Zwangsmissionierung, Inquisition und Judenfeindlichkeit im Christentum, die kriegerische Ausbreitung des Islam und seine Benachteiligung von Frauen und Ungläubigen, im Hinduismus der Sati-Kulti und die Auseinandersetzung um den Rama-Tempel in Ayodhya – in jeder Religion finden sich dunkle Seiten. Pascal206 meinte sogar, i Volkstümlich als Witwenverbrennung bekannter, nicht mehr praktizierter Brauch im Hinduismus. 150 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? „Niemals tut der Mensch das Böse so vollkommen und fröhlich, als wenn er es aus religiöser Überzeugung tut.“ 207 Selbst im vermeintlich so friedfertigen Buddhismus erinnern uns Samurai und Kriegermönche daran, dass man eine Religion auch ganz anders interpretieren kann. Nicht überraschend werden diese Seiten gerne relativiert oder ihr Zusammenhang mit der Religion rundweg abgestritten. Nun muss man zugestehen, dass für viele religiös konnotierte Verbrechen und Verbrecher die Religion tatsächlich nur ein Vorwand oder Mittel zum Zweck war und ist. In solchen Fällen stünde allenfalls der Vorwurf im Raum, dass die besagte Religion aufgrund widersprüchlicher oder unklarer Regeln zum Missbrauch einlade. Doch in vielen Fällen lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass es sich beim Abstreiten des Zusammenhangs von Gewalttaten und Unterdrückung mit einer Religion um ein vorsätzliches Ablenkungsmanöver handelt. Wenn etwa behauptet wird, der Islamische Staat „habe nichts mit dem Islam zu tun“, merkt man die Absicht und ist verstimmt. Es ist schlicht etwas anderes, einer abweichenden Glaubenslinie eine Fehlinterpretation der Heiligen Schriften vorzuwerfen (was jeweils noch bewiesen werden müsste), als jeglichen Zusammenhang zu leugnen. Genauso wenig sollte man eine Relativierung dunkler Flecken der Religionsgeschichte akzeptieren, etwa indem die großen Genozide des 20.  Jahrhunderts mit dem Atheismus in Verbindung gebracht werden. Denn abgesehen davon, dass sich der Anspruch einer Religion ja nicht in Relation zu anderen Weltanschauungen bemessen kann, sondern nur anhand ihrer eigenen, absoluten Werte, wäre das Herstellen einer solchen Verbindung völlig absurd.i Der Klerus hat sich seit jeher damit schwergetan, die dunklen Seiten der Religion anzuerkennen. In Bezug auf historische Verfehlungen sind aber zumindest die christlichen Kirchen durchaus selbstkritisch (wenn auch mit einiger Verspätung), vielleicht auch weil dies mit dem Konzept von Schuld, Umkehr und Vergebung harmoniert. Grundsätzlich kann i Die Untaten von Stalin, Mao, Hitler, Pol Pot und ihresgleichen wurden ja nicht zur Verbreitung des Atheismus an sich verübt, sondern aus in vieler Hinsicht religions- ähnlichen Ideologien heraus, die die Religion als Konkurrent im Anspruch auf Wahrheit und Loyalität ihrer Anhänger betrachteten. Die Parallelen totalitärer Regime und Ideologien zu organisierten Religionen – man denke an die Rituale, Glaubensbekenntnisse und den Umgang mit abweichenden Meinungen – sind augenfällig. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 151 man jedoch feststellen, dass, wenn Untaten nicht rundweg geleugnet werden, diesen regelmäßig der praktische und nachhaltige Nutzen der Religion für Gesellschaft und Individuum gegenübergestellt wird. Das soziale Engagement der Kirchen, der Trost der Religion in schwierigen Lebenssituationen, ja selbst das architektonische und künstlerische Erbe – Beispiele für solchen Nutzen springen geradezu ins Auge. Doch hält eine derart wohlwollende Betrachtung der Realität tatsächlich stand? Bleibt unterm Strich ein klarer Vorteil, wenn man auch die weniger angenehmen Wirkungen miteinbezieht? Dies wollen wir in diesem Kapitel untersuchen. Allerdings gilt es vor den weiteren Ausführungen einen Punkt klarzustellen: Der Nutzen einer Sache sagt nichts über deren Wahrheit aus. Konkret: Der eventuelle Netto-Nutzen eines Glaubens ist kein Gottesbeweis und kann auch keine Notwendigkeit zur Religion begründen. Der vermeintliche, durch den Placebo-Effekt erklärbare Nutzen homöopathischer Mittel sagt schließlich über die Richtigkeit des wissenschaftlichen Grundlagen widersprechenden Wirkungsprinzips ebenso wenig aus wie der motivierende Nutzen eines positiven Horoskops über die Kraft der Sterne. Aus reinen Nutzenüberlegungen einer Religion anzugehören, wäre opportunistisch, aus denselben Gründen zu glauben, intellektuell unredlich, wenn es überhaupt möglich ist. Eben dieser Glaube ist aber Voraussetzung für manchen positiven Effekt. Dass ein Engagement für andere möglicherweise aus durchaus eigennützigen Motiven betrieben wird, nämlich um sich die Gunst Gottes und damit die einschlägige Belohnung zu erwerben, sollte nicht aus dem Blickfeld geraten. Es soll hier aber die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht beeinträchtigen, da dem Nutznießer die Motive ja gleichgültig sein können. Die gleiche Fairness soll in Bezug auf die problematischeren Zuschreibungen (oft die Kehrseite der Medaille bei positiven Wirkungen) gewahrt werden: Nicht alles, was aus ganz menschlichen Motiven begangen und mit Religion begründet wird, kann und soll dieser angelastet werden. 8.2 Trost und Hoffnung versus Furcht und Fatalismus Religion spendet Trost und gibt Menschen Hoffnung. Dies ist gerade in schwierigsten Situationen der Fall, etwa beim Verlust eines geliebten Menschen, in Krankheit und bei existentiellen Bedrohungen. Dort, wo rationale Erklärungen für die eigene Betroffenheit versagen oder zumindest wenig trostspendend sind, da, wo die Medizin am Ende ist, schlägt 152 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? die Stunde Gottes und der Religion. Die Hoffnung auf Gottes Hilfe, das Vertrauen auf eine ausgleichende Gerechtigkeit oder der Trost, nach dem Tod ins Paradies einzugehen, all dies kann den Unterschied zu Hilflosigkeit und Verzweiflung ausmachen. Auch bei einem neuen Lebensabschnitt oder wichtigen Ereignissen wie der Ehe, einer akademischen Prüfung oder auch nur dem Kauf eines Autos (das Hindus gerne mit einer Swastika schmücken, während sie den Beistand Ganeshas erbitten), spenden die Götter himmlischen Segen und die Religion damit die Hoffnung, es möge alles gut werden. Jeder Gläubige kennt gewiss viele Beispiele aus eigener Erfahrung, und mancher Geistliche wird auf diese zentralen Versprechen der Religion verweisen. Diese Leistung ist anzuerkennen. Wenn Unausweichliches besser ertragen werden kann, wenn Zeit gewonnen wird, eine schwierige Lage doch noch zu wenden, ist dies von ebenso hohem Wert, wie wenn durch die Religion und das Vertrauen auf Gott Mut verliehen wird, eine neue Lebenssituation zu meistern. Natürlich gib es Trost und Hoffnung auch außerhalb von Religion, durch eigene Überzeugungen etwa oder den Beistand der Familie. Doch die zusätzliche und potenziell sehr mächtige Option der Religion bleibt Menschen mit schwachem und ohne Glauben verwehrt. Das gilt allerdings auch für die Risiken und Nebenwirkungen. In einer unabwendbaren Situation, vor allem im Angesicht des sicheren Todes, mag es keine Rolle mehr spielen, doch wenn Möglichkeiten bestehen, das Übel zu mildern oder abzuwenden, und aufgrund des vermeintlichen Trostes der Religion nicht alle Kräfte zum Handeln genutzt werden, so ist dieser Trost kontraproduktiv. Wenn Krankheiten und Behinderungen als Gottes Wille oder Karma interpretiert werden, statt sie zu behandeln, wenn Ausbeutung (etwa durch eine andere Kaste oder den Klerus) und Diskriminierung (beispielsweise von Frauen und Homosexuellen) legitimiert werden, wenn die Hoffnung vor allem auf das Jenseits verweist, so perpetuiert Religion Leid und ist dafür unmittelbar mitverantwortlich. Vom Vertrauen in Gott bzw. der Unterwerfung unter seinen Willen ist es kein weiter Weg zum Fatalismus. Im sunnitischen Islam hat sich die Auffassung von der Vorherbestimmung allen menschlichen Tuns durchgesetzt,208 verbunden mit dem Okkasionalismus. Wer sich in muslimischen Ländern aufhält, wird kein Wort so oft hören wie „Inshallah“ (So Gott will). Hierzulande belegen Sprichwörter wie „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ die Verwurzelung dieser Haltung in der Volksreligion. Wenn also 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 153 „geschrieben steht“, was geschehen wird, wenn man „in Gottes Hand“ ist und Geschehnisse karmisch begründet sind, wirkt sich dies auf den Anreiz, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und damit zu verbessern, nachteilig aus. Gerade in weniger wohlhabenden Regionen ist solcher Fatalismus weit verbreitet und tief verwurzelt; die empfundene Aussichtslosigkeit der eigenen Situation und der religiöse Fatalismus fördern sich hier gegenseitig. Kehrseite der Verheißung des Trostes ist darüber hinaus die Furcht, die mit der Androhung drastischer Strafen bei Regelverstößen einhergeht. Im Kreislauf der Wiedergeburten zurückzufallen ist schon unangenehm genug (jedenfalls ausgehend vom Prinzip, dass das Leben Leiden ist), die abstrakte „ewige Verdammnis“ oder die konkrete Hölle ist aber weder in den buddhistischen noch in den islamischen oder christlichen Varianten erstrebenswert. Auch wenn die Existenz einer Hölle heute von vielen Gläubigen – ob berechtigterweise oder nicht – entspannter oder metaphorischer gesehen wird, zeugen Darstellungen aus dem Mittelalter davon, dass diese Furcht einst eine sehr konkrete war, und das ist sie in vielen Religionen und Ländern auch heute noch. Da diese Furcht die Compliance mit den religiösen Anforderungen erhöht, erscheint sie vielen Klerikern und Gläubigen sogar nützlich, wenn nicht notwendig. Der Philosoph Bertrand Russell war gar der Ansicht, die Religion stütze sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst.209 Allein, in Angst zu leben ist keine gute Grundlage für ein glückliches Leben – erst recht nicht für Kinder. Neben den Auswirkungen auf die eigene psychische wie körperliche Gesundheit können auch Mitmenschen, insbesondere Familienangehörige, davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Da ein vollständig religionskonformes Leben quasi das Leben eines Heiligen erfordert, sind aber Sünden praktisch unvermeidbar. Mancher Gläubige mag überzeugt sein, sein Leben qualifiziere ihn mit Gewissheit für das Paradies, aber kein Priester, der auf sich hält, würde diesen Vorgriff auf das göttliche Urteil unterstützen. Angst ist zudem ein fragwürdiges Motiv. Sollte man lediglich aus Angst vor Strafe Diebstahl, Mord und Ehebruch unterlassen oder sollte nicht vielmehr ein natürlicher Sinn für Gerechtigkeit Antrieb genug sein? Ist es sinnvoll, Ängste wegen der Verletzung nicht praktikabler oder fragwürdiger Gebote auszustehen, etwa beim Arbeiten am Sabbat oder dem Genuss alkoholischer Getränke, wenn diese Zuwiderhandlungen niemandem Schaden zufügen? Die Erzeugung von Furcht spricht nicht gerade 154 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? für Vertrauen in die Menschen. Und offensichtlich wirkt sie nicht einmal zuverlässig dort, wo es erforderlich wäre. Denn die Realität in religiösen Gesellschaften damals wie heute zeugt ja nicht davon, dass diese frei von Missgunst und Verbrechen wären. Die Strafandrohung wirkt womöglich nur bei denen, die ohnehin nicht gefährdet sind. Doch wollen wir auch hier fair sein und differenzieren. Die christliche Lehre, so wie sie heute in Deutschland praktiziert und vermittelt wird, hat manchen Schrecken über Bord geworfen. Deswegen ist es respektabel, wenn anerkannt wird, „dass gerade die Rede vom ewigen Höllenfeuer tatsächlich viel Schaden in Kinderherzen angerichtet hat“210, und nachvollziehbar, dass Eltern, die ihren Kindern einen bedingungslos liebenden Gott vermitteln, Dawkins’ Vorwurf der Kindesmisshandlung wohl deutlich zurückweisen würden.211 Doch wäre es allzu optimistisch, wenn man meinte, dass solche Vorstellungen heute kaum noch Bedeutung hätten. Der Blick zum Islam, aber auch zu den evangelikalen Kirchen der USA oder Stammesreligionen in Afrika zeigt, dass das Religionsverständnis der meisten Deutschen nicht repräsentativ ist. Ob nun die Hoffnung der Religion oder ihr sedierender, fatalistischer Effekt überwiegt und ob der Trost des Glaubens wertvoller als die erzeugte Furcht ist, kann nicht verallgemeinert werden. Hier gibt es sicher Unterschiede zwischen den Konfessionen und Religionen; das protestantische Arbeitsethos und der wahabitische Fatalismus mögen als Beispiel für die Spannbreite dienen. Insgesamt erscheint es nicht belegbar, dass die positiven Wirkungen von Trost und Hoffnung notwendigerweise die negativen Seiten überwiegen. 8.3 Identifikation und Zusammenhalt versus Isolation und Hybris Als Anhänger eine Religion identifiziert man sich nicht nur mit den Ideen des Glaubens, sondern auch mit der Gruppe der Gläubigen. Im babylonischen Exil war der Israeliten Gott das Band, das sie zusammenhielt; Muslime sehen sich als Teil einer weltweiten Gemeinschaft, der Umma, und für die christlichen Konfessionen verhält es sich prinzipiell ähnlich. Religionen fördern also inhärent den Zusammenhalt der Gläubigen. Katalysator hierfür sind die jeweiligen, oft sehr detaillierten Regeln, Werte und Gebräuche. Gerade bei kleineren Religionen wie dem Judentum, den Jains, den Jesiden oder den Amish sind diese nicht nur konstitutiv und identitätsstiftend, sondern durch ihre nach außen 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 155 abgrenzende Wirkung überlebenswichtig. Ohne strikte, ausgrenzende Regeln und die Be- oder Verhinderung von Heiraten mit Angehörigen anderer Religionen würden diese Glaubensgemeinschaften heute vielleicht nicht mehr existieren. Auch die großen Religionen sind sich dieser Wirkung bewusst und vertrauen nicht allein auf die Überzeugungskraft des Glaubens. So heißt es im Koran in aller Deutlichkeit: „O die ihr glaubt! Nehmt euch keine Ungläubigen zu Freunden vor den Gläubigen!“ 212 Ein solcher Zusammenhalt bietet klare praktische Vorteile. Er gewährt nicht nur eine gewisse Geborgenheit und Ordnung, er sichert auch gegenseitige Hilfe in Notsituationen. Kranke und Arme können auf die Hilfe ihrer Glaubensgenossen zählen, im Krieg schließt ein gemeinsamer Glauben die Reihen und sorgt für Verbündete. Und auch ohne konkrete Notlage kann in einem durch Armut und Unsicherheit geprägten Umfeld der Glaube helfen, damit zurechtzukommen: „Poverty is recast as religious simplicity and austerity. Perhaps even more important, faith provides a measure of pride: a reason to keep a stiff back amid continual humiliations and temptations.“213 Natürlich können Identifikation und Zusammenhalt von Gruppen nicht nur durch Religion hergestellt werden. Klassen, Ethnien und Nationen mit ihren jeweiligen Werten und Leitbildern bieten hierfür ebenso eine Grundlage wie politische Ideologien und sonstige gemeinsame Interessen. Was dem einen das Glaubensbekenntnis, ist dem anderen der Fahneneid. Religion ist zu diesem Zweck mithin nicht erforderlich, sondern lediglich eine Option, die allerdings in Kombination mit anderen, etwa in Form eines Gottesstaats, zusätzliche Kraft gewinnt. Dass alternative Optionen allerdings grundsätzlich vorzuziehen wären, kann nicht behauptet werden. Denn auch ihnen dienen Zwänge und Einschränkungen als Mittel zur Einheit, ohne dass man in jedem Fall sagen könnte, dass sie weniger tief ins Privatleben eingriffen. So kann es zum Beispiel auch in einem säkularen Gemeinwesen verpönt sein, einen Partner außerhalb der eigenen Ethnie oder sozialen Klasse zu wählen. Die grundsätzlich notwendige Abgrenzung gegenüber anderen führt allerdings leider regelmäßig zu einer gewissen Überheblichkeit. Es wird auf andere herabgeblickt, Angehörige der eigenen Gruppe werden ohne 156 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Ansicht ihrer individuellen Verdienste überhöht. Ob der Kolonialist des 19. Jahrhunderts auf die „Wilden“ hinabschaute, der Nationalsozialist auf den „Untermenschen“, der Katholik auf den „Heiden“, der Muslim auf den „Kafir“ oder der Umweltaktivist auf den SUV-Fahrer, das Prinzip ist das gleiche. Gängelung, Unterdrückung und Gewalt sind dann nicht fern; die Beispiele aus der Religionsgeschichte reichen von den Genoziden des Alten Testaments über die Judenpogrome und die Massaker im Rahmen der Teilung Indiens bis zum islamistischen Terror von heute. Logik und das Messen mit gleichem Maßstab werden dann entbehrlich: Ermorden Muslime andere Muslime, etwa bei Anschlägen in Afghanistan oder im Irak, schweigt die Umma; unliebsame Zeichnungen versetzen sie hingegen weltweit in Aufregung. Ähnliche Beispiele findet man auch in reicher Zahl bei nationalistischen Gruppen oder solchen mit einer anderen gemeinsamen Ideologie. Nachteilig kann die Abgrenzung allerdings auch für die eigene Gruppe sein. Denn ein Stück weit macht sich eine „verschworene Gemeinschaft“ mit ihren für Außenstehende seltsamen Bräuchen natürlich ungewollt zur Zielscheibe, sodass man ihr leicht seltsamste Absichten und Aktionen unterstellen kann – man denke an die im arabischen Raum heute noch zirkulierenden „Protokolle der Weisen von Zion“i und zahllose andere Unterstellungen, unter denen vor allem die Juden zu leiden hatten. Und natürlich ist das Ziel einer Integration in eine andere Gesellschaft unerreichbar, wenn von Beziehungen zu Andersgläubigen konsequent abgeraten wird. Wir können also festhalten, dass Religion in starkem Maße Identität und Zusammenhalt erzeugt, hierauf aber weder ein Monopol besitzt, noch dass es sich hierbei um eine in jeder Hinsicht vorteilhafte Wirkung handelt. 8.4 Werte- und Sinnstiftung versus Fanatismus und Verbrechen Der Erfolg der Spezies Mensch ist unmittelbar mit dem Leben in Gemeinschaften verbunden. Nicht nur die Sicherheit des Einzelnen steigt mit der Größe der Gruppe, sondern auch das Potenzial der Arbeitsteilung. Wenn nicht jeder permanent mit der Bearbeitung und Verteidigung seiner Jagdi In den vom zaristischen Russland gefälschten „Protokollen“ wurde die „jüdische Weltverschwörung“ erfunden (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Protokolle_der_Wei sen_von_Zion). 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 157 und Ackergründe beschäftigt ist, können sich spezialisierte Berufe wie der des Bauern, Soldaten, Handwerkers, Händlers (und Priesters) entwickeln bis hin zu Entertainern, Berufspolitikern, Psychiatern und Rechtsanwälten. Mit der Größe der Gruppe steigt jedoch auch das Potenzial für Konflikte. Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg ist mithin der soziale Zusammenhalt und – für die arbeitsteilige Gesellschaft – eine grundsätzlich planbare Zukunft. Ein möglichst wenig von Willkür und Gewalt geprägtes Zusammenleben von der geschäftlichen über die politische bis in die Ebene der persönlichen Beziehungen ist dabei hilfreich. Grundlage und Kitt des sozialen Zusammenhalts sind oberflächlich Regeln und Gesetze. Diese orientieren sich schon aus Gründen der Konsistenz und Compliance an anerkannten Werten des jeweiligen Gemeinwesens. Diese Werte zu benennen und zu begründen sind Religionen nicht die einzige, aber eine zweifellos praktisch geeignete und wirksame Alternative. Aus ihrem reichen Schatz Heiliger Schriften und deren Interpretationen kann ein umfassender Wertekanon abgeleitet werden. Hierbei ist für Klerus und Gläubige die Feststellung von großer Wichtigkeit, dass Werte göttlicher Herkunft nicht nur in sich wertvoller seien, sondern dass nur göttliche Werte als letzte, unverhandelbare Werte gelten können und damit sichergestellt sei, dass Menschen sich an sie halten. Ohne göttliche Gesetze und göttliche Moral sei ethisches Handeln nicht vorstellbar, sei „alles erlaubt“, der Mensch werde zur Bestie. Wie tief verwurzelt diese Ansicht ist, demonstrierte der katholische Bischof Algermissen im März 2016, als er meinte, der Mensch ohne Auferstehungsglauben werde zu einem „großen Sicherheitsrisiko“ für die Mitwelt, denn seine Hektik und Daseinsangst ließen ihn „zuschlagen und zerstören“. Er gehe „buchstäblich über Leichen“, dies „erlebe man gerade in diesen Wochen und Monaten.“214 i Um die Validität dieses Arguments einzuschätzen, wollen wir zunächst die Qualität religiöser Werte betrachten. Christliche Nächstenliebe, das Almosengeben im Islam, die Demut des Buddhismus oder das strikte Gebot des Jainismus, keine Lebewesen zu töten, alles zentrale Inhalte des Glaubens, sind ohne Frage schöne, respektable und gesellschaftlich i Algermissen bezog sich bei seinen Aussagen auf die kurz zuvor geschehenen Terroranschläge in Brüssel. Dass die Attentäter hier, ähnlich wie bei dem Anschlag in Lahore eine Woche danach, eben keine Atheisten waren, sondern im Gegenteil sehr überzeugt von einem Leben nach dem Tod gewesen sein dürften, muss seiner Aufmerksamkeit entgangen sein. 158 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? nützliche Werte und keineswegs banal. Menschen, die sich danach richten, genießen zu Recht Anerkennung über ihre eigenen Glaubensbrüder und schwestern hinaus. Die damit verbundene Einsicht und Anstrengung, gerade weil sie der menschlichen Natur nicht selten zuwiderlaufen, machen diese Werte in manchen Augen noch wertvoller. Doch können wir den Blick nicht davor verschließen, dass jede Religion auch Werte und Vorschriften beinhaltet, die nicht unmittelbar sinnvoll erscheinen und mit modernen Vorstellungen einer Gesellschaft nicht in Einklang zu bringen sind. Schon die Vielzahl spezifischer Kleidungs- und Nahrungsvorschriften sind problematisch, da ihr praktischer Nutzen ausschließlich in der Abgrenzung von anderen Religionen bzw. Gruppen liegt und damit ein gemeinsames Zusammenleben erschweren kann. Fragwürdig sind auch gut gemeinte Vorgaben wie die Feindesliebe, die in der Praxis schnell an ihre Grenzen stößt.i Schwierig wird es spätestens dann, wenn sich Religion in private Angelegenheiten einmischt oder gar politische oder strafrechtliche Vorgaben gemacht werden. Wenn es etwa im Alten Testament heißt: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben“ 215 ii, oder der Koran befiehlt: „Dem Dieb und der Diebin schneidet ihr die Hände ab als Vergeltung für das, was sie begangen haben und als abschreckende Strafe von Allah“216, so spricht dies nach modernen Maßstäben ebenso wenig für eine höhere Qualität religiöser Werte wie die von vielen Muslimen für richtig gehaltene Todesstrafe für Apostaten217 und die sachlich wie moralisch unhaltbare zivil- und strafrechtliche Benachteiligung von Fraueniii oder das hini Wenn beispielsweise die evangelische Bischöfin Käßmann empfiehlt, mit Terroristen zu beten und ihnen mit Liebe zu begegnen, mag dies ganz im Sinne des Neuen Testaments sein. Dies als praktischen Beitrag zur Problemlösung zu betrachten, bedarf es aber eines gewissen Optimismus. ii Nach vorherrschender Meinung wurden die Vorschriften des Alten Testaments allerdings durch Jesus aufgehoben: hierauf weist u. a. Römer 10,4 hin. Für den Dekalog scheint dies allerdings nicht zu gelten. iii Qur’an Sure 4, Vers 34 begründet dies u. a. so: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben“ (vgl. Halm 2000, S. 82). Einschlägige Regelungen sind z. B. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 159 duistische Kastensystem.i Darüber sollte sich klar sein, wer undifferenziert von der Schönheit und Nützlichkeit göttlicher Werte spricht. Kann man, um bei obigen Beispielen zu bleiben, die Strafe für Diebe noch als lediglich übertrieben relativieren, ist dies bei einer Bestrafung der Homosexualität schlicht nicht möglich, da die Betroffenen ja aus ihrer Orientierung heraus an keiner Stelle gesellschaftlichen Schaden anrichten und selbige keine eigene Entscheidung ist und damit aus religiöser Perspektive als gottgewollt angesehen werden muss. Zugegeben, mit der göttlichen Herkunft von Regeln ist nicht notwendigerweise verbunden, dass diese schön und nach menschlichen Maßstäben nachvollziehbar sein müssen. Doch wer mit eben dieser Schönheit argumentiert, muss auch die weniger ansprechenden Aspekte gegen sich gelten lassen. Persönliche Präferenzen zählen nicht. So sagt der Koran: „Zu kämpfen ist Euch vorgeschrieben, auch wenn es Euch widerwärtig ist. Doch mag es sein, dass euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch ist, und es mag sein, dass euch etwas lieb ist, was übel für euch ist.“ 218 Nun wird man einwenden, dass die Religionen insgesamt durchaus hinzugelernt haben und manche unmenschliche Regel entweder als aus dem Zusammenhang gerissen bzw. durch neuere Entwicklungen überholt gilt oder schlicht heute keine Beachtung mehr findet. Zum Teil – aber auch nur zum Teil – ist das sicher richtig. Allerdings sollte man sich fragen, ob sich die Religion mit dieser Anpassung an die soziale Entwicklung oder gar den ephemeren Zeitgeist nicht von ihrem Kern entfernt und schlimmstenfalls zu einer reinen Wohlfühlveranstaltung degeneriert. Ebenso darf man nicht ignorieren, dass gerade im traditionelleren Umfeld auch solche Regeln als unveränderliches Wort Gottes durchaus noch akzeptiert werden und lediglich ein Mantel des Schweigens darüber gelegt wird, um sich zum die Folgenden (siehe Özbe 2016, S. 6): „Die weiblichen Angehörigen eines Verstorbenen erhalten von der Erbmasse nur halb so viel wie die männlichen Angehörigen gleichen Grades“ (4:11 f.,176). Der Mann darf mehrere Ehefrauen gleichzeitig haben (4:3) und, um ihre Widerspenstigkeit zu brechen, sie unter bestimmten Umständen schlagen (4:34). Die Zeugenaussage einer Frau gilt nur halb so viel wie die eines Mannes (2:282). Männer stehen von den Rechten her über den Frauen (2:228). Die Frau ist das Saatfeld ihres Mannes, der Mann darf sein Saatfeld bestellen, wie er will (2:223).“ i Dieses erhält seine Bestätigung durch Krishna selbst: „Die Einrichtung der vier Stände wurde durch mich geschaffen, sie nach Eigenschaften und Beschäftigung unterscheidend“ (Bhagavadgita, 4. Gesang, Vers 13). 160 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Beispiel unangenehmen Diskussionen zu entziehen. Heinz Halm, Professor für islamische Geschichte an der Universität Tübingen, durfte in seinem Buch „Der Islam“ aus dem Jahr 2000 noch behaupten: „Bei den modernen Versuchen, die Sharia zur Grundlage der Gesetzgebung moderner Staaten zu machen, wird durchaus selektiv verfahren. Die Sklaverei zum Beispiel, die jahrhundertelang ein fester Bestandteil der islamischen Rechtsordnung war, gilt allgemein als obsolet; auch die eifrigsten Islamisten denken nicht daran, sie wiedereinzuführen, obwohl etwa ein Dutzend Koranstellen die Sklaverei als selbstverständliches Phänomen voraussetzt und das Konkubinat des Besitzers mit der Sklavin ausdrücklich billigt (z. B. Koran 2, 221 oder 4, 25).“219 Die Realität des Kalifatsstaats in Syrien und im Nordirak im Jahr 2016 beweist leider das Gegenteil – hier wurde exakt das Geschilderte mit Verweis auf die einschlägigen Koranverse praktiziert. Die vermeintlich guten religiösen Werte lassen offenbar hinreichend Spielraum für das beträchtliche und unübersehbare Unheil, das im Namen von Göttern und Religionen seit jeher angerichtet wurde und wird. Dies wird zumindest von den christlichen Kirchen auch nicht bestritten; bei anderen Religionen scheint die Einsichtsfähigkeit nicht immer im gleichen Maße ausgeprägt. Nicht jedes Unrecht im religiösen Zusammenhang darf jedoch der Religion angelastet werden. Weder sollte man – um nur Beispiele des Christentums zu nennen – Einzeltaten wie jene pädophiler Priester noch organisierte Missetaten wie die spanische Inquisition dem Glauben vorhalten, der ja mit Friedfertigkeit und Nächstenliebe diametral andere Werte postuliert. Die Fairness gebietet, hier Glauben und menschliche Taten auseinanderzuhalten. Selbst wenn Untaten vom Klerus per Dekret oder Fatwa gebilligt oder gefordert werden, sollte man prüfen, ob eine solche Differenzierung angemessen ist. Denn auch Religionsgelehrte sind Menschen mit Fehlern und Eigeninteressen und können natürlich vom Wortlaut und Geist ihres Glaubens abweichen. Das entbindet die Gläubigen allerdings nicht, ihr Gewissen zu erforschen. Ein guter Maßstab dafür, ob eine Unterscheidung angemessen ist, stellt der Umgang des Klerus mit solchen Vorkommnissen dar, wenn diese aufgedeckt wurden. Dem Leser werden hierzu gewiss Beispiele der Zeitgeschichte einfallen. Die Differenzierung findet allerdings dort ihre Grenze, wo die Religion selbst derartiges Verhalten bewusst in Kauf nimmt, ermöglicht oder fördert. Heilige Schriften, die die Interpretation erlauben, dass ein Heiliger Krieg zulässig oder sogar notwendig sei, müssen sich – selbst wenn der Kampf, zu dem aufgerufen wird, nicht im gewalttätigen Sinne, sondern 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 161 als ernsthaftes Bemühen zu verstehen sein sollte – zumindest mangelnde Eindeutigkeit und damit Fahrlässigkeit vorhalten lassen. Religionen, die kraft ihrer empfundenen alleinigen Wahrheit Menschen den Umgang mit anderen verbieten, Menschen in Gruppen unterschiedlichen Werts einteilen oder gar zum Mord aufrufen, muss man hingegen Vorsatz unterstellen. Häufig wird dahingehend relativiert, dass die jeweilige einschlägige Stelle der Heiligen Schrift im Kontext zu interpretieren seii oder durch andere Stellen der Schrift aufgehoben werde – tatsächlich also kein Konflikt mit modernen Werten bestehe. Ob diese Relativierungen tatsächlich ernst gemeint sind oder ob es sich um Ablenkungsmanöver handelt, mag man im Einzelfall unterschiedlich beurteilen. In jedem Fall impliziert die hierin offenbarte Ambiguität, dass es der Religion an Klarheit mangelt und eine Vielzahl von Interpretationen möglich ist, die auch Gräueltaten nicht ausschließt. Ein typisches Beispiel unserer Zeit ist die Unterscheidung zwischen Muslimen und Islamisten, die den Eindruck erwecken soll, es handele sich um völlig unzusammenhängende Dinge.ii Sachgerechter wäre wohl die Bezeichnung Letzterer als strengkonservative oder fundamentalistische Muslime. Damit ist nicht gesagt, dass derart konsequente Interpretationen vom jeweiligen Gott nicht beabsichtigt worden sein mögen. Womöglich zeigen gerade die fundamentalistischen Strömungen den Charakter einer Religion am deutlichsten. Selbstverständlich ist es denkbar, dass ein unfreundlicher Gott bestimmte Menschengruppen von vorneherein schlechter stellt oder zur Vernichtung anderer aufruft. Ein real existierender Gott muss ja nicht derjenige sein, den wir uns wünschen. Seine Werte und seine Definition von Verbrechen müssen nicht mit denen übereinstimmen, die wir heute einer modernen aufgeklärten Gesellschaft zuschreiben. Wer an einen liebenden Gott glaubt, wird allerdings schon ins Grübeln kommen. i „Allerdings macht es einen erheblichen Unterschied, ob man einen Satz derart seinem Kontext entreißt, dass jeder Vernünftige, der den Gesamttext liest, zu einem ganz anderen Ergebnis gelangen würde, als der isolierte Satz suggeriert, oder ob mit dem pauschalen Hinweis auf den Kontext einfach nur das Zitieren von problematischen Stellen verboten werden soll. Schließlich muss jeder (auch der liberale Muslim), der über den Koran etwas aussagen will, einzelne Passagen zitieren, ohne jedesmal den Gesamttext und die gesamte islamische Literatur mit zitieren zu können“ (Özbe 2016, S. 11). ii Interessanterweise gibt es solche unterschiedlichen Begriffe nicht für Angehörige anderer Religionen, obwohl auch dort Gläubige mit konservativen Ansichten, die auf eine buchstabengetreue Befolgung der Heiligen Schrift Wert legen, existieren. 162 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Gleichwohl soll nicht in Abrede gestellt werden, dass religiöse Wertesysteme im Grundsatz durchaus funktionieren. Man sollte ihnen nicht vorwerfen, dass immer wieder gegen sie verstoßen wird oder sie nicht immer so konsistent und mit unseren persönlichen Vorstellungen kompatibel sind, wie man sich das wünschte. Denn dies gilt nicht minder für andere Wertesysteme. Dass es aber auch andere, eben nicht religiös motivierte Werte bzw. Wertesysteme gibt, ist unbezweifelbar der Fall. Humanismus, Liberalismus, Sozialismus sind ebenfalls umfassende Wertesysteme, auch wenn die Erfahrung mit Letzterem nicht eben für dieses spricht. Oft decken sich sogar die Werte. Wenn Mohammed sagt: „Niemand von Euch ist gläubig, bis er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“220, so wird kein humanistischer Atheist diesem Prinzip widersprechen (jedenfalls sofern mit dem Bruder nicht nur der Glaubensbruder gemeint ist). Ob man aus christlichen oder humanistischen Gründen Menschen in Not hilft, ist für diese gleichgültig. Man könnte sogar so weit gehen, dem humanistischen Atheisten eine höher stehende Haltung zu bescheinigen als einem Gläubigen, der gute Werke weniger aus innerer Überzeugung als mit Blick auf das Jenseits übt. Doch wollen wir fair sein: Viele Gläubige tun Gutes aus innerer Überzeugung, und genauso viele Gläubige wie Ungläubige verbinden mit der guten Tat eigennützige Motive, und sei es nur die moralische Selbstüberhöhung. Wenn also Bischof Huber behauptet: „Es gibt in der Tat viele Versuche, Moral und Ethik rein aus dem menschlichen Vermögen zu begründen, also den Menschen selbst in Fragen von Moral und Ethik zum Maß der Dinge zu machen. Das beruht auf einer heillosen Überschätzung des Menschen“, und dies als „promethischen Größenwahn“ tituliert, während er sich selbst offensichtlich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, so können wir dies empirisch entkräften.221 Kommen wir nun zu der Frage, ob eine göttliche Autorenschaft für ein Wertesystem erforderlich oder zumindest sinnvoll ist. Richtig ist natürlich, dass sich bei Anerkenntnis göttlicher Regeln jede weitere Diskussion erübrigt. Das mühe- und schmerzvolle Entwickeln und Aushandeln von Regeln entfällt in der Tat. Allein, göttliche Regeln decken nun einmal nicht jedwede Situation in voller Klarheit ab bzw. bedürfen der Interpretation, was Fehler provoziert. Und dass ohne göttliche Gesetze und Moral ethisches Handeln nicht vorstellbar sei, widerlegen jeden Tag unzählige Menschen. Viel Vertrauen in den menschlichen Charakter haben die Vertreter dieser Ansicht jedenfalls nicht. Denn natürlich können sich auch 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 163 Nichtreligiöse problemlos auf ethische Regeln einigen, die denen von Religionen in keiner Weise nachstehen. Die Menschenrechte wurden nicht von einer Religion formuliert. Dies im Blick, konzedieren zumindest Vertreter der deutschen Kirchen, dass auch ohne Gott Moral existieren kann. Dies wird jedoch regelmäßig mit dem Hinweis verbunden, dass eine Moral von Gott vorzuziehen sei. Begründet wird dies damit, dass Gott kraft seiner Natur nicht nur bessere, weil eben göttliche und damit besonders vernünftige oder sinnvolle Werte setze, sondern diese so auch eine allgemeine Anerkennung genössen und damit ihre Einhaltung besser gewährleistet sei. Dass hier auch die möglichen Konsequenzen einer Zuwiderhandlung gravierender ausfallen, spielt dem in die Hände. Unter der Voraussetzung, dass Gott existiert und seine Regeln tatsächlich für jedermann vollkommen transparent sind, ließe sich dem vielleicht sogar beipflichten. Dem kann aber zum einen entgegnet werden, dass, selbst wenn eine göttliche Moral aus Nützlichkeits- oder Effektivitätsüberlegungen heraus vorzuziehen wäre, dies kein Beleg für die Existenz von Gott ist. Es legt eher nahe, dass eine solche mit Blick auf den gewünschten Effekt konstruiert wurde. Zum anderen kann ein von Menschen einmütig festgelegtes Regelwerk in der Praxis durchaus den gleichen Stellenwert erlangen wie ein religiöses – warum sollte man nicht stolz darauf sein, selbst Verantwortung zu übernehmen, eigene Regeln zu definieren und für deren Einhaltung zu sorgen, anstatt die Regulierung von Schuld und Sühne einem unsichtbaren Dritten zu überlassen? Der Stolz der Amerikaner auf ihre Verfassung möge als Beispiel dienen. Identifiziert man sich mit selbst geschaffenen Regeln nicht mehr als mit solchen, die von jemand anderem oktroyiert werden? Die Existenz des Rechtsstaates zeigt ja, dass man gerade nicht gewillt ist, alles und jeden allein der göttlichen Gerechtigkeit zu überlassen. Wenn etwa das Gesetzbuch des Manu feststellt: „Wo die Frauen in Ehren gehalten werden, da ist Wohlgefallen der Götter. Aber wo sie verachtet werden, da sind alle religiösen Handlungen vergeblich“,222 ist das zweifellos schön (wenn auch ein wenig gönnerhaft), aber ein moderner Mann in einer Gesellschaft mit Gleichberechtigung bedarf dieses Hinweises nicht. Und schließlich führt eine religiöse Verbrämung von Regeln nicht selten zu Gesetzen und Strafen, die mit einer aufgeklärten Gesellschaft nicht vereinbar oder sachlich unnötig sind. Mysogynes Erbschaftsrecht und brutale Strafen wie die Steinigung ließen sich in den betroffenen Regionen ächten, wenn nicht Gelehrte die 164 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Notwendigkeit und Angemessenheit derselben aufgrund von heiligen Texten belegten. Gelegentlich scheint auch in den Religionen hier und da die Erkenntnis durch, dass Werte nicht zwingend von ihnen kommen müssen. Erstaunlich fortschrittlich zeigt sich der XIV. Dalai Lama: „All the world’s major religions, with their emphasis on love, compassion, patience, tolerance, and forgiveness can and do promote inner values. But the reality of the world today is that grounding ethics in religion is no longer adequate. This is why I am increasingly convinced that the time has come to find a way of thinking about spirituality and ethics beyond religion altogether.“ 223 Wenig hilfreich erscheint hierbei die Taktik, religiöse Werte und Normen durch natürliche Gesetze und Gegebenheiten zu unterstützen. Ein besonders absurdes Beispiel hierfür, das fragwürdige Biologie, Antiamerikanismus, falsche Verallgemeinerungen und eine bizarre Analogie vereint, stammt vom salafistischen Prediger Zakir Naik: „The pig is the most shameless animal on the face of the earth. It is the only animal that invites its friends to have sex with its mate. In America, most people consume pork. Many times after dance parties, they have swapping of wives; many say ‘you sleep with my wife and I will sleep with your wife.’ If you eat pigs then you behave like pigs.“ 224 Diese Argumentationsweise ist natürlich bei nicht religiösen Ableitungen nicht minder falsch. Ob man beispielsweise Homosexualität aus religiösen oder schlicht homophoben Gründen als Verstoß gegen die natürliche Weise der Fortpflanzung verpönt, bleibt sich gleich; weder ist dies biologisch korrekt (gleichgeschlechtliche Beziehungen kommen bei vielen Spezies vor und müssen daher als Produkt der Evolution und damit natürlich gelten), noch ist es zulässig, sich lediglich passende Punkte herauszupicken. Denn die Natur bietet hinreichend Beispiele für Verhaltensweisen, die man in einer menschlichen Ethik eher nicht unterbringen möchte. Infantizid und polygames Verhalten sind dort schließlich ebenso „natürlich“ wie die gewaltsame Durchsetzung eigener Interessen. Eng verbunden mit der Wertefrage ist jene nach dem Sinn, dem Sinn des Lebens. Sinnfragen sind eine menschliche Spezialität. Dass es über die 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 165 Fortpflanzung bzw. die Weitergabe der „egoistischen Gene“ hinaus einen höheren Sinn oder Zweck im Leben geben möge, ist ein weit verbreiteter Wunsch. Als kleines Rad im Getriebe der Evolution, eines, dass seine Aufgabe durch seinen notwendigen Tod beschließt, mag sich mancher ungern sehen. Die Frage nach dem Sinn wird von den Religionen regelmäßig dahingehend beantwortet, dass dieser in der Befolgung ihrer Lehren oder vielmehr in der Rolle liegt, die Gott oder die göttliche Ordnung dem Menschen zugedacht hat. Sinn kann also als Entwicklung zu einem „guten“, sprich gottgefälligen Menschen, als Näherkommen zu Gott oder Verschmelzen mit ihm als Endziel des Daseins verstanden werden. Ob solche etwas nebulösen Sinnhaftigkeiten wirklich eine befriedigende Antwort sind, mag man unterschiedlich beurteilen. Der Wunsch, die Banalität des Lebens zu übertünchen oder, positiver formuliert, dem Leben ein höheres Ziel zu geben, sollte jedoch nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Wenn es keinen extern gesetzten Sinn gäbe, dann wäre das hinzunehmen und das Postulieren eines solchen durch eine Religion kein Beleg für deren Wahrheit. Kurzum: Auf unsere Wünsche kommt es nicht an. Vor allem aber bedarf es gar nicht eines übergeordneten Sinns, um ein erfülltes, sinnvolles Leben zu führen. Menschen sind sehr wohl in der Lage, sich selbst Ziele zu setzen, die ihrem Leben Sinn verleihen. Wer wollte sagen, dass eine Mutter, die Kinder aufzieht, ein Unternehmer, der eine Firma aufbaut, ein Rettungssanitäter oder ein leidenschaftlicher Künstler ohne Religion keinen Lebenssinn hätten? Ohnehin: Wenn der Sinn des Lebens nichts weiter wäre als die Vorbereitung auf ein „nächstes Leben“ oder das Preisen Gottes, ist damit ja nicht viel gewonnen. Es nur als Planspiel für die Ewigkeit zu verstehen, käme wohl eher einer Abwertung des Lebens gleich. Vielleicht sollte man es mit dem Physiker Lawrence M. Krauss halten: „Imagining living in a universe without purpose may prepare us to better face reality head on. I cannot see that this is such a bad thing.“ 225 8.5 Soziales Engagement versus Eigeninteressen Unbestritten zeigen religiös motivierte Gemeinschaften und Organisationen oft ein hohes Maß an Engagement für Menschen in Not. Die Katastrophenhilfe des Roten Kreuzes, Johanniter und Malteser, Caritas 166 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? und Diakonie als größte private Arbeitgeber in Deutschland, all dies sind nur einige hierzulande bestens bekannte Beispiele. In Ländern mit dysfunktionalem Staat und ohne soziales Netz wie Pakistan können religiöse Stiftungen und Charities noch wesentlich wichtiger sein, zumal ihnen oft mehr Vertrauen geschenkt wird als dem Staat.226 Im Islam ist das Zakat, die Abgabe eines Teils des Einkommens an Arme, eine der fünf Säulen, im Christentum ist die Nächstenliebe, im Buddhismus die mitfühlende Hinwendung Programm. Hieraus entspringt nicht nur die organisierte, sondern auch individuelle Hilfe. Dass gemeinnützige Organisationen in kirchlicher bzw. religiöser Trägerschaft zuweilen den Großteil ihrer Mittel von staatlicher Seite zur Verfügung gestellt bekommen, sollte man wissen. Dies spricht zwar keineswegs gegen die Anerkennung ihres Engagements. Bei der Nutzenaufstellung darf aber nur der selbst eingebrachte Teil wirklich den Kirchen zugerechnet werden, will man ihren Beitrag nicht überschätzen. Hinzu kommt, dass dieses Engagement – um es mit Begriffen aus der Ökonomie zu sagen – ja auch markenbildend ist und Vertriebs- und Kundenbindungscharakter hat. Kinder in einem katholischen Kindergarten werden zweifellos mehr mit christlichen Praktiken in Kontakt kommen als in einem staatlich betriebenen. Das lobenswerte und wertvolle soziale Engagement organisierter Religionen ist also nicht frei von Eigeninteressen, weder in Deutschland noch anderswo. Man darf hierbei gewiss die Ausrichtung mancher organisierter Hilfe kritisieren. Ob beispielsweise das Engagement kirchlicher Organisationen in Entwicklungsländern tatsächlich Menschen in Not nachhaltig hilft oder ob so letztlich die jeweiligen Verhältnisse gestützt werden, kann man diskutieren. Dies bedeutet nicht, die gute Absicht in Abrede zu stellen, sondern lediglich die Frage nach Effektivität und Effizienz der Maßnahmen zu stellen. Beides dürfte ja im Interesse der Initiatoren sein. Fragwürdiger ist hingegen eine als gesellschaftliches Engagement getarnte politische Einflussnahme, die letztlich religiöse Normen für die Gesamtbevölkerung verbindlich machen will. Man denke etwa an Äußerungen der deutschen Kirchen hinsichtlich kontroverser Themen wie Gentechnik, Kernkraft, militärische Einsätze, Klimawandel oder Flüchtlingspolitik, bei denen die religiöse Perspektive regelmäßig keinen sachlichen Beitrag leisten kann oder die Probleme gar verschärft. Oft dürfte dies an einem Mangel an Fachkompetenz liegen – Kleriker sind schließlich in erster Linie Theologen. Häufiger noch dürfte ein Denken verantwortlich sein, dass sich 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 167 im Zielkonflikt zwischen Linderung unmittelbarer Not und der Verhinderung gewaltsamer Auseinandersetzungen einerseits und dem für eine grundlegende und dauerhaft sinnvolle Lösung Erforderlichen andererseits üblicherweise im Sinne des Ersteren entscheidet. Neben der organisierten Hilfe steht die der einzelnen Gläubigen selbst, sei es untereinander oder für Fremde. Hier kann man wohl in der Regel davon ausgehen, dass nicht der Gedanke des „Punktesammelns“ für das Jenseits im Vordergrund steht, sondern es sich um ein ehrliches Anliegen handelt. Dieses Engagement ist also uneingeschränkt anerkennenswert. Um es der Religion zuzurechnen, müssen wir uns allerdings fragen, ob es tatsächlich religiösen Werten entsprungen ist oder ob es auch ohne diese, also aus reiner Menschenfreundlichkeit stattgefunden hätte. Denn natürlich finden wir auch zahllose Hilfsinitiativen ohne religiöse Trägerschaft wie etwa „Aktion Mensch“. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich beim Helfen und sozialem Engagement an sich um typisch menschliche, ja zum Teil auch staatsbürgerliche Aktivitäten handelt und sich daher auch in einer religionsfreien Gesellschaft ein vergleichbares Niveau ergeben würde. Schließlich sehen wir auf individueller Ebene keinen signifikanten Unterschied im Engagement religiöser und weniger religiöser Bürger. Insofern ist das Engagement von organisierter Religion und Gläubigen ohne Frage respektabel, jedoch nicht höher einzuschätzen als solches säkularen Ursprungs. 8.6 Gesellschaftlicher Fortschritt versus Beharren und Unterdrückung Religionen werden heute oftmals als rückständig angesehen. Der Umgang mit Andersgläubigen, die Sexualmoral und die Stellung der Frau widersprechen nicht selten den Prinzipien einer modernen Gesellschaft. Dem könnte man mit Recht entgegnen, dass auch die Werte unserer Zeit, jene, die man gerne als „westliche Werte“ bezeichnet, durchaus zu hinterfragen und vermutlich nicht immerwährend sind, doch wird sich in Europa kaum jemand die gesellschaftlichen Verhältnisse der Antike, des Mittel alters oder des heutigen Südasiens und Afrikas zum Vorbild nehmen wollen. Schließlich ist kaum zu bestreiten, dass Unfreiheit, Denkverbote und Diskriminierung weder dem Glück und der Prosperität des Einzelnen noch denen eines Volkes nutzen. Dieser Eindruck steht in auffallendem Gegensatz zu dem immensen gesellschaftlichen Fortschritt, den Religionen im Rahmen ihrer Entste- 168 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? hung bzw. Stiftung bewirkten oder zumindest anstrebten. Das Postulat der Gleichheit aller Menschen vor Gott und erst recht das unbedingte Gebot der Nächstenliebe waren zu Jesu Zeit revolutionär. Der Buddhismus wandte sich gegen das hinduistische Kastenwesen. Der Islam brach mit der Loyalität zum jeweiligen Stamm zugunsten derer zu Allah und gab Frauen zwar eine zweitrangige, aber doch erstmals überhaupt eine Stellung, die sie statt zu Eigentum zu Personen machte. Dies sind allesamt, auch wenn sich nicht alles in voller Schönheit zu materialisieren vermochten, höchst anerkennenswerte Leistungen und Ideen, die mithilfe der religiösen Legitimation bedeutend leichter durchgesetzt werden konnte als allein mit philosophischen Diskussionen, Bürgerbewegungen oder königlichem Dekret. Kehrseite dieser Durchsetzungskraft ist allerdings das Beharrungsvermögen religiös begründeter gesellschaftlicher Regeln. In Indien ist das Kastenwesen trotz aller anerkennenswerten staatlichen Maßnahmen weiterhin von ungebrochener Bedeutung; auch wenn sich in der zweiten Hälfte des 20.  Jahrhunderts vieles verbessert hat, ist es für Angehörige niedrigerer Kasten und besonders für die kastenlosen Dalit weiterhin erheblich schwieriger, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu reüssieren. In Ländern wie Pakistan und Iran behandeln an der Scharia orientierte Rechtssysteme Menschen weiter nach den Standards des 7. Jahrhunderts, die Menschenrechte stehen insofern unter religiösem Vorbehalt. Da tröstet es nur wenig, wenn überkommene religiöse Regeln dennoch eine positive Entwicklung darstellen könnten. So wird etwa die Scharia in manchen Teilen der Welt mit Recht als reformistisch verstanden, da die Alternative zum islamischen Recht oft noch älteres, lokales Stammesrecht ist, das beispielsweise in Südasien nicht durch Gerichte, sondern durch Jirgas, Panchayats oder einen Dorfrat durchgesetzt wird227 und – gerade in Bezug auf Frauen – oft als barbarisch bezeichnet werden muss.228 Offensichtlich können sich also auch andere gesellschaftlich-moralische Vorstellungen Veränderungen oft hartnäckig verweigern. Während sie sich jedoch lediglich auf eine wenn auch alte und starke Tradition berufen können, die sich prinzipiell ändern könnte, wenn die Beteiligten dies wünschen, ist dies bei Religionen aufgrund des Ewigkeitsanspruchs nur begrenzt möglich. So sieht der Koran für schweren Diebstahl ausdrücklich die Amputation der rechten Hand und im Wiederholungsfall des linken Fußes vor.229 Hiervon kann, da der Koran als wörtliche Rede Allahs die unveränderliche Wahrheit darstellt, nicht abgewichen werden.230 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 169 Die Rechtspraxis muss dies berücksichtigen,i eine „liberale“, „zeitgemäße“ Neuinterpretation ist bei expliziten Vorschriften ausgeschlossen.231 Wenn nun die Mehrheit der Muslime solche Strafen und Regeln ablehnt, wie wir dies für Europa annehmen möchten, muss der Gläubige den Widerspruch zur Lehre entweder ignorieren oder zu Ausflüchten greifen wie jener, dass die besagten Regeln nur in islamisch regierten Ländern gültig seien und man zwar darauf hinarbeiten müsse, diese auch hier zu etablieren, die Umstände dies aber derzeit nicht erlaubten.232 Hinzu kommt, dass bereits ganz weltliche und eigennützige Interessen als Motiv genügen, Veränderungen zu bremsen, wenn diese den Herrschaftsstrukturen schaden könnten. Würden beispielsweise die Pirs, Familien von Nachfolgern Heiliger in Pakistan, den eigenen Claims, Bildung und Demokratie fördern zu wollen, nachkommen, würde dies unmittelbar den kulturellen und gesellschaftlichen Grundlagen ihrer Macht Schaden zufügen.233 Denn Religion ist traditionell nicht zuletzt ein Herrschaftsinstrument, sowohl weltlicher Potentaten als auch des Klerus, und insofern wenig an Veränderung interessiert. Von den Pharaonen bis zur iranischen Theokratie hat sich Religion stets als nützliches Mittel erwiesen, weite Teile der Bevölkerung finanziell auszubeuten und zu unterdrücken bzw. in Rollen zu pressen. Gewiss eignen sich hierzu andere Ideologien wie der Faschismus und der Sozialismus auch, dies macht es aber nicht besser. Das zentrale Element des Glaubens fungiert hierbei als Katalysator. Es ist unerheblich, ob Glauben und Vertrauen in den Klerus, in Gott und/oder die Vorsehung gefordert wird, stets werden unbequeme Fragen, Eigeninitiative und Reformen unterbunden. Wenn Jesus sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (und damit die Machtverhältnisse definiert), oder wenn Menschen unter der Parole „Deus Vult“ (Gott will es) zu Felde ziehen, profitieren Klerus wie weltliche Machthaber und ihre Strukturen. Es wird aber nicht nur die Macht besagter Gruppen zementiert, auch i 2015 wurde z. B. im Iran ein Mann geblendet, weil sein Opfer, das aufgrund eines Säureangriffs ein Auge verloren hatte, darauf bestand (siehe http://www.nydailynews. com/news/world/iranian-acid-attacker-eye-gouged-sentence-article-1.2139081). Hintergrund ist das vom Koran für Mord und Körperverletzung vorgesehene Talionsprinzip, nachdem das Opfer bzw. dessen Familie sich mit der Zahlung eines Blutgeldes begnügen oder aber die gleichartige Verletzung bzw. die Tötung des Täters verlangen kann; „empfohlen wird zwar, dem Täter zu verzeihen und sich mit dem Blutgeld zu bescheiden. Gemäß dem Koran ist es aber ein unumstößliches Recht, auf Vollstrekkung der Wiedervergeltung zu bestehen“ (Özbe 2016, S. 10). 170 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? die Suche nach Lösungen für konkrete, lösbare Probleme wird behindert. Solange etwa Krankheiten als Strafe Gottes oder gar als Besessenheit interpretiert werden, gibt es kein Motiv, in medizinische Forschung und Behandlung zu investieren. In der Tat lässt sich, ohne die Existenz und Bedeutung anderer Faktoren zu leugnen, ein negativer Zusammenhang zwischen Religiosität einerseits und wirtschaftlicher Entwicklung und Innovationskraft andererseits, wie er beim Vergleich von Ländern mit einer stark religiösen und solchen mit einer eher säkularen Bevölkerung naheliegend scheint, auch empirisch belegen.234 Hierbei kann man sich auf historische und zeitgenössische Beispiele stützen. Auf christlicher Seite spannt sich der Bogen vom Prozess gegen Galileo Galilei über den Kampf gegen Darwin bis zur heutigen Feindlichkeit gegenüber Stammzellenforschung und Gentechnik; im Islam vom durch Al-Ghazalii eingeläuteten Ende des goldenen Zeitalters der arabischen Wissenschaft (ca. 800–1100) über das Verbot des Buchdrucks im Jahr 1515 durch Sultan Selim235 bis zur Bildungs- und Fortschrittsfeindlichkeit von Boko Haram und Taliban. Weder die parlamentarische Demokratie noch das Frauenwahlrecht, das Recht auf Ehescheidung oder die Entkriminalisierung von Homosexuellen sind von Religionen gefördert oder gar angestoßen worden. Zum anderen zeigt ein Vergleich von Patentanmeldungen, Wirtschaftskraft (jenseits von Rohstoffen), Bildungseinrichtungen und der Zahl der Übersetzungen von Literatur in die jeweilige Landessprache, dass besonders der arabische und afrikanische Raum anderen Ländern deutlich hinterherhinkt. Auch wenn man anerkennen muss, dass es sich bei der Religion nur um einen von mehreren relevanten Faktoren handelt, scheint ein Zusammenhang auf Gesellschaftsebene zumindest plausibel.ii Letztlich verhindern also Religionen, dass Menschen und Gesellschaften ihr volles intellektuelles und wirtschaftliches Potenzial entfalten können. Das gilt oft in besonderem Maße für Frauen; auch wenn i Abu Hamid al-Ghazali (1055 – 1111), im mittelalterlichen Europa auch als „Algazel“ bekannt, islamischer Theologe. Aufgrund seiner Lehre, dass Philosophie (was Logik, Mathematik und Physik einschloss) mit dem Islam nicht vereinbar sei, wird er für die Abkehr der islamischen Welt von der wissenschaftlichen Forschung verantwortlich gemacht. Eine wichtige Rolle spielte dabei aber auch das von Abu Ali al-Hassan al-Tusi (1018 – 1092), dem Großwesir der Seldschuken-Dynastie, geschaffene Nizamiyah-Bildungssystem, das zulasten unabhängiger Forschung auf religiöse Studien fokussierte. ii Das impliziert selbstverständlich keine Aussage über das Potenzial des einzelnen Menschen. Es lässt lediglich erwarten, dass Menschen – gleich welcher Weltanschauung – ihr Potenzial in weniger religiös dominierten Gesellschaften besser heben können. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 171 sich hier kulturelle und religiöse Einflüsse nicht immer sauber trennen lassen, stehen die Religionen einer Diskriminierung zumindest oft nicht im Wege. Nebenbei kann eine Religion auch die Entwicklung Unbeteiligter beeinträchtigen, und zwar mit Mechanismen, die sich von rassistischen nur graduell unterscheiden. So klagen Muslime in Indien häufig über eine vermeintliche oder tatsächliche Benachteiligung gegenüber Hindus. Während hier das Gruppendenken, erst recht vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte, und nicht etwa Bestimmungen des Hinduismus eine Rolle spielen, sieht der Islam in seiner Lehre für Christen und Juden den Status eines Dhimmis, also eines „Schutzbefohlenen“ vor, der als Mensch zweiter Klasse nur geduldet wird und eine Kopfsteuer zu zahlen hat. Zwar will mancher dies als Zeichen der Toleranz anderen Religionen gegenüber verstanden wissen (obwohl dieses sich ja lediglich auf die beiden genannten erstreckt, nicht etwa auf Polytheisten oder Atheisten), man könnte hier aber ebenso gut Parallelen zu anderen Organisationen ziehen, die die Erhebung von Schutzgeld praktizieren. Gewiss kann man diesen Ansatz im historischen Kontext auch positiv sehen. In jedem Fall sind beide Verhaltensweisen in einer gleichberechtigten Gesellschaft und einem Rechtsstaat inakzeptabel. In Summe müssen wir also feststellen, dass Religionen, jedenfalls wenn sie sich hinreichend durchgesetzt haben, dazu neigen, den gesellschaftlichen Status quo zu perpetuieren und Unterdrückung nicht hinreichend zu verhindern, sondern zum Teil zu legitimieren. Wenn eine Institution wie der Vatikan als Gegner von Innovation und wirtschaftlichem wie gesellschaftlichem Fortschritt auftritt, mag man dies dort, wo der Kern der Lehre betroffen ist, als Charakterstärke empfinden; dem Zeitgeist hinterherzulaufen, wie dies in der evangelischen Kirche en vogue zu sein scheint, ist schließlich auch keine Leistung. Dass aber von den Kirchen und anderen Glaubensgemeinschaften in unseren Tagen in signifikantem Maße neue und eigene Impulse für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung zu verzeichnen wären, ist wohl im Großen und Ganzen zu verneinen. Etwas verallgemeinernd könnte man also behaupten, dass den durchaus wertvollen kurzfristigen gesellschaftlichen Verbesserungen ein langfristiges Beharren der Religionen gegenübersteht. Neue Dynamik entsteht allenfalls aus internen Meinungsverschiedenheiten über die Interpretation der Lehre oder äußeren Schocks. Bleiben diese aus, dürften die Nachteile des Beharrens die Vorteile des sozialen Fortschritts überwiegen. 172 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 8.7 Kunstschätze versus Kosten Angkor Wat, der Registan von Samarkand, die Grabmalereien der Pharaonen, die Matthäus-Passion: Die Liste der aus religiöser Motivation entstandenen Kunstschätze ist beeindruckend und schier unendlich. Kein französischer Ort ist komplett ohne mittelalterliche Kirche, kein indisches Dorf ohne schön gestaltete Tempel und Hausgötter. Selbst bei beschränktem künstlerischen Wert können religiöse Gebäude von einer ihre Funktion übersteigenden Bedeutung sein: „In the blaring, stinking, violent world of modern ‚third world‘ Muslim inner cities, the mosque provides an oasis of calm and reflection. The harmonious serenity of its traditional architecture contrasts with the ugly, vulgar clash of Western and Pakistani kitsch which is the style of so many elites, let alone the masses.“ 236 In jedem Fall steht außer Frage, dass das Weltkulturerbe ohne religiöse Kunst und Architektur ärmer wäre. Die Inspiration der Religion hat die Kunst seit Jahrtausenden beflügelt wie wenig anderes. Was gäbe es daran auszusetzen? Nun, zum einen sollte man nicht außer Acht lassen, dass gerade Baudenkmäler regelmäßig mit horrenden Kosten verbunden waren. Diese wurden in aller Regel mindestens mittelbar von der Masse der einfachen Bevölkerung getragen, die ihrerseits in Bezug auf Wohnen, soziale Absicherung, Gesundheitsvorsorge und Ernährung häufig recht einfach lebten. Heute mag man sich des kulturellen Erbes freuen und den Aufwand als Sunk Costs betrachten; man könnte aber auch behaupten, dass diese Ressourcen für das Wohlergehen der Menschen, für Bildung oder Forschung besser aufgehoben gewesen wären. Solche Ratschläge sind natürlich mit dem Wissen von heute ein wenig wohlfeil; und da auch seinerzeit die Menschen wohl gerne beim Kirchen- oder Pyramidenbau halfen, ist hier zumindest ein empfundener und damit hinreichend realer Nutzen anzurechnen. Nicht übersehen werden sollte allerdings, dass die Beauftragung von Kunstwerken dem Auftraggeber oft auch einen sehr weltlichen Vorteil versprach. Mit Tempeln und Schreinen wurde ebenso Macht und sozialer Status demonstriert, wie die Stiftung eines Altars dem Image der Kaufmannswitwe zugutekam. Und auch bei den Künstlern selbst dürfte höchst weltlicher Ehrgeiz und der Wunsch nach gesellschaftlichem Ansehen eine Rolle gespielt haben. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 173 Gleich wie niedrig und eigennützig die Motivationen im Einzelfall auch gewesen sein mögen, das künstlerische Erbe bleibt. Natürlich gibt es auch zahllose Beispiele säkularer Kunst – die Schlösser der Loire, das Empire State Building, der Impressionismus, die Opern Puccinis, um nur einige zu nennen. Hätte es ohne Religion weniger solcher Werke gegeben oder hätten sich Künstler und Auftraggeber nicht einfach andere Inspirationen oder Anlässe gesucht, um ähnliche Werke hervorzubringen? Gut möglich, denn deren gibt es ja genug. Man kann also festhalten, dass es für die Schaffung großer Kunst der Religion nicht bedarf, dass sie aber gleichwohl als Inspiration und Motiv große positive Wirkung hatte und hat. 8.8 Praktische Folgen der Religiosität für das Individuum Betrachten wir die positiven und negativen Zuschreibungen und Wirkungen in der Gesamtschau, stellen wir fest, dass sich weder die einen noch die anderen den Religionen immer vollständig zurechnen lassen und es dieser hierfür, im Guten wie im Bösen, nicht bedarf. Unter dem Strich kommt es wohl darauf an, wie man die jeweilige Religion interpretiert und umsetzt, um daraus etwas Positives zu machen. Zieht man Bilanz, ist zumindest fragwürdig, ob Religionen die Welt und das Leben tatsächlich verbessern. Diese Sicht schien auch der XIV. Dalai Lama 2015 zu teilen, als er vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris meinte: „Manchmal denke ich, es wäre besser, es gäbe keine Religionen.“237 Doch wollen wir die Analyse nicht abschließen, ohne noch einmal den Blick auf den einzelnen Menschen zu werfen. Denn auch wenn Religion im Großen und Ganzen keinen klaren Nettovorteil bieten mag, sehen wir doch vielleicht positive Auswirkungen auf der Ebene des Individuums. 8.8.1 Sind religiöse Menschen bessere Menschen? Wenn wir unter einem guten Menschen einen friedfertigen, gerechten, ehrlichen, seinen Beitrag zum Gemeinwesen leistenden, anderen Lebewesen aufgeschlossen und helfend zur Seite stehenden Menschen verstehen – also nicht lediglich rein religiöse Verdienste und Eigenschaften wie etwa die Einhaltung vorgeschriebener Gebete betrachten –, dürfte diese Frage manchen Kleriker verunsichern. Wer sie geradeheraus bejaht, offenbart eine gewisse Überheblichkeit, die nicht nur als solche in die entgegengesetzte Richtung weist, sondern auch empirischer Belege entbehrt. Anekdotische 174 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Evidenz, also das willkürliche Aufzählen von Einzelfällen herausragend guter religiöser Menschen (oder alternativ besonders verabscheuungswürdiger Ungläubiger) ist natürlich unzulässig und nicht zielführend, wenn man auf die gesamte Weltbevölkerung schließen möchte. Wenn aber die Frage demutsvoll (oder zähneknirschend) verneint wird, kann man daraus nur einen Schluss ziehen: Eine Religion, die nicht wenigstens geringfügig bessere Menschen hervorbringt, also im Schnitt keine messbaren Auswirkungen auf das Verhalten von Menschen hat, ist offensichtlich wirkungslos und damit rein praktisch obsolet. Ungeachtet dieses Dilemmas dürfen wir in vielen Regionen dieser Welt eine klare Position zu diesem Thema vermuten. In Südasien und im Nahen und Mittleren Osten mag man als Christ noch akzeptiert oder argwöhnisch beäugt werden, für Gottlosigkeit besteht jedoch gar kein Verständnis – eine Sicht, die vielleicht auch in Teilen Bayerns oder des Mittleren Westens verbreitet sein dürfte. Dem gegenüber steht die vorbehaltlose Ehrerbietung, die traditionell besonders frommen Menschen, etwa buddhistischen Mönchen, indischen Saddhus oder dem Herrn Dorfpfarrer, entgegengebracht wird. Inwieweit hierbei die Religiosität an sich als positive Eigenschaft angesehen oder mit der Religion andere positive Eigenschaften (und vice versa) verbunden werden, lässt sich im Einzelfall möglicherweise nicht immer trennen. Da Wertschätzung für Religiosität an sich jedoch ohne Gehalt wäre, wenn sich hieraus nicht auch im irdischen Leben sichtbare positive Wirkungen ergäben, soll hier vom zweiten Fall ausgegangen werden. Wegen des Mangels an empirischen Daten zum „Gutsein“ von Menschen in Abhängigkeit von ihrer Religion und weil die Erstellung eines Kriterienkatalogs und die Erhebung der Daten hierfür außerordentlich schwierig wären, ist es vielleicht hilfreich, die Vorbilder der Gläubigen zu Rate zu ziehen. Denn der historische Buddha, Konfuzius, Mohammed und Jesus werden ja gemeinhin als „role model“ für die Gläubigen angesehen und sollten insofern einen positiven Einfluss auf die Werte haben, nach denen der Mensch handelt. So sagt der Koran den Muslimen explizit: „Wahrlich, Ihr habt an dem Gesandten Gottes ein schönes Vorbild (…).“238 Solche Vorbilder sind von großer praktischer Bedeutung, denn die Heiligen Schriften decken ja trotz ihres Volumens nicht alle denkbaren Lebenssituationen ab und lassen es, wie wir gesehen haben, nicht selten an Ein- 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 175 deutigkeit missen. Das gelebte Vorbild, auch wenn die Authentizität der Berichte darüber nicht durchweg gesichert sein mag, ist schlicht anschaulicher als abstrakte Lehrsätze. In einer konkreten Situation ist die Frage „Was würde Jesus tun?“ weitaus hilfreicher und führt schneller zu einer Lösung als die Transformationsleistung einer Bibelexegese. Nimmt man moderne Vorstellungen von Ethik zum Maßstab, ist diese Strategie allerdings riskant. Denn das Handeln manchen Gottes, Propheten oder Religionsgründers lässt aus heutiger Sicht zu wünschen übrig. Hätte Jesus, als er die Händler aus dem Tempel jagte, nicht die Contenance wahren und auf die Kraft des Gesprächs setzen sollen? Als der historische Buddha Frau und Kinder verließ, um den Pfad der Erleuchtung zu gehen, war dies seiner Familie gegenüber fair und verantwortungsvoll? Will man sich ein solches Verhalten wirklich zum Vorbild nehmen? Beim Propheten Mohammed stellt sich diese Frage umso mehr, als man über die historische Person wesentlich mehr weiß als über seine Vorgänger. Bereits in Bezug auf seine Gattinnen fällt eine gewisse Ambivalenz auf: Geradezu vorbildlich modern wirkt seine erste Heirat mit der 15 Jahre älteren Kaufmannswitwe Chadidscha (von der übrigens der Antrag ausging) und die bis zu ihrem Tod seine einzige Frau blieb. Seine Lieblingsfrau Aischa hingegen war, den islamischen Überlieferungen zufolge, bei der Eheschließung gerade einmal sechs Jahre alt und die Ehe soll bereits drei Jahre später vollzogen worden sein. Dass er seine elfte Frau, Safiyya bint Huyayy, die jüdischer Herkunft war, nur deswegen heiraten konnte, weil er zuvor ihren Gatten im Rahmen des Feldzugs gegen Chaibar hatte foltern und töten lassen, fügt eine weitere weniger erbauliche Facette hinzu. Als Leitlinie für eine glückliche Beziehung zwischen Mann und Frau ist diese Bandbreite an Beziehungen offensichtlich wenig hilfreich. Daneben ziehen sich die Vergabe von Auftragsmordeni und diverse Kriegs- und Raubzüge bis hin zum Genozidii durch Mohammeds Leben. Solche Handlungen, nach heutigen juristischen Maßstäben schwerste Straftaten, kann man im historischen Kontext einer arabischen Stammesgesellschaft verstehen und vielleicht sogar billigen. Zeitgenossen Mohammeds in anderen Teilen der i Beispielsweise an dem jüdischen Dichter Ka’b Ibn al-Asraf (siehe Bobzin 2006, S. 63). Islamische Quellen verzeichnen insgesamt 43 Auftragsmorde; siehe http://wikiislam. net/wiki/List_of_Killings_Ordered_or_Supported_by_Muhammad. ii Unter anderem wurden die Männer des jüdischen Stamms der Banu Quraiza, denen der Bruch ihres Abkommens mit Mohammed während des Grabenkrieges vorgeworfen wurde, nach ihrer Kapitulation exekutiert (siehe Bobzin 2006,S. 106). 176 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Welt waren schließlich auch nicht zimperlich. Das Vorbild Mohammeds gilt jedoch in der islamischen Welt in unveränderlicher Form; Interpretationen, die eine historisch-kritische Einordnung zu fördern suchten, hatten bislang keinen durchgreifenden Erfolg.239 Stattdessen werden von muslimischer Seite Rechtfertigungen dahingehend vorgebracht, dass die Kriege dem Propheten aufgezwungen worden seien und er mit Erlaubnis Allahs zur Selbstverteidigung habe greifen müssen.240 Solche Apologetik verhindert aber eben nicht ähnliches Handeln, sondern setzt lediglich vergleichbare Rahmenbedingungen voraus. Wie fatal dies ist, zeigt sich daran, dass auch Terroristen sich auf eine Art Selbstverteidigung gegen einen angeblichen Imperialismus der USA, Israels oder des „Westens“ berufen. Und so haben sich im islamischen Kulturraum bis heute Traditionen erhalten,i die man aus guten Gründen ablehnen kann, jedenfalls wenn man an universale Werte und die Menschenrechte glaubt. Gewiss finden sich auch im Alten Testament hinreichend Aktionen, die heute vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte landen würden, allerdings überlagert hier das friedlichere Bild des Neuen Testaments das Alte. Schließlich sollte auch das zeitgenössisch idealisierte Bild der Friedfertigkeit der östlichen Religionen nicht leichtfertig akzeptiert werden. Man denke etwa an das große Epos der Bhagavadgita: Roter Faden der Geschichte ist das Bemühen Lord Krishnas, Arjuna zu überzeugen, endlich mit einem blutigen Bruderkrieg zu beginnen. Begründet wird dies unter anderem damit, dass die Seele dadurch ja keinen Schaden nehme, da sie wiedergeboren werde und der Tod des Feindes insofern kein wirklicher Nachteil für ihn sei. Auch wenn man nicht nur graduelle Unterschiede zwischen den Religionen ausmachen kann: „Insgesamt wird man festhalten dürfen, dass weder der Hinduismus noch der Buddhismus noch eine der anderen Weltreligionen insgesamt gewalttätig oder friedfertig sind. Nicht Religionen als solche sind gewalttätig oder friedfertig, sondern die Menschen, die aus ihnen leben.“241 Wohlgemerkt: Genauso wie der Wunsch nach einem Gott nichts über dessen tatsächliche Existenz aussagt, sagen auch menschliche Präferenzen für spezifische göttliche Regeln nichts über die wahren aus. Außer unserem Unbehagen spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass ein Gott auch i Dies kann allerdings höchst unterschiedlich ausgeprägt sein. Während z. B. das Verheiraten von minderjährigen Mädchen in Afghanistan akzeptabel sein mag, dürfte dies für Länder wie Jordanien oder die Türkei kaum gelten. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 177 Gewalt befürworten oder fordern könnte. Nicht zuletzt die angedrohten Strafen zeigen ja bereits eine gewisse Akzeptanz solcher Mittel. Zum Bild eines barmherzigen Gottes passen die psychischen Folgen einer Kindesheirat allerdings genauso wenig wie die Ermordung von Kriegsgefangenen. Neben solch unschönen Verhaltensweisen ist aber auch fraglich, ob die freundlicher erscheinenden immer hilfreich sind. Die Maxime etwa, auch noch die andere Wange hinzuhalten, wenn man Gewalt erfährt, die doch so friedfertig und deeskalierend wirkt und heutigen Pazifisten erstrebenswert erscheinen müsste, ist in der Praxis eher kontraproduktiv. Das widerstandlose Hinnehmen von Unterdrückung und Gewalt führt in der Regel nicht zu deren Ende – warum sollte es auch –, sondern im Gegenteil zum Erstarken derselben; Beispiele vom Schulhof-Bully bis zum Holocaust lassen sich problemlos finden. Auch der mit dem Namen Gandhis verbundene „gewaltlose Widerstand“ wird in seiner Wirkung völlig überschätzt.i Friedfertigkeit und Appeasement gegenüber totalitären Personen wie Regimen mündet letztlich in deren Unterstützung. Nun mag man darauf hinweisen, dass der Erfolg einer nicht gewaltfreien Intervention mit guten Absichten auch nicht sicher ist, ja gelegentlich das Gegenteil des gewünschten Ergebnisses zeitigt. Dieses Risiko besteht. Andererseits sind gewaltlose Aktionen oft genug nutzlos, wenn nicht als unterlassene Hilfeleistung zu betrachten: Wer den Islamischen Staat im Irak und in Syrien gewähren ließ, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen, kann der sich eines christlichen Verhaltens rühmen? Überhaupt lassen sich für viele grundsätzlich positive Anforderungen der Religion negative Rückkopplungen feststellen: Almosen können Menschen abhängig und in Armut halten, die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Ehe kann Menschen in einer unglücklichen Beziehung verharren lassen, und wie man in unseren Tagen das Märtyrertum interpretiert, ist wohlbekannt. Wer dem häufig empfohlenen Verzicht auf materielle Güter i Der Kampf Gandhis für die Unabhängigkeit Indiens ist das wohl populärste Beispiel für die Wirksamkeit gewaltlosen Widerstands. Der entscheidende Beweggrund der Briten, Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen, war aber die desaströse Finanzsituation nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Vereinigte Königreich war schlicht nicht mehr in der Lage, hinreichend Militär in Übersee zu unterhalten, um die jeweiligen Unabhängigkeitsbestrebungen nachhaltig zu unterdrücken. Insofern müssten die Inder eher Hitler für ihre Unabhängigkeit danken (siehe Kumar 2008). Angesichts der Gräueltaten von der indischen Teilung bis heute stellt Gandhi für die indische Gesellschaft eher eine hübsche Utopie als ein praktisches Vorbild dar. 178 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? und körperliche Genüsse folgt, wird womöglich für seine Mitmenschen ungenießbar; wer aus Mitgefühl mit der schlecht bezahlten bengalischen Näherin seine Textilien anderswo erwirbt, nimmt der Frau und ihrer Familie vielleicht das Einkommen und dem Land die Aufstiegschance, die beispielsweise China vom Entwicklungsland zum Global Player gemacht hat. Damit sei natürlich nicht gesagt, dass es falsch wäre, sich für Menschen in Not zu engagieren und seinem Partner treu zu sein, oder richtig, sich maßlos dem Genuss hinzugeben. Wer Glaubenssätze aber absolut nimmt und radikal befolgt, hat damit ein Rezept für große Probleme und eine nicht allzu wünschenswerte Welt. Es ist eben nicht immer alles schwarz-weiß. Zudem bedarf es ja nicht der Religion, um zu der Einsicht zu gelangen, dass Bescheidenheit und Wohltätigkeit erstrebenswerte Ziele sind, und danach zu handeln. Unzählige Agnostiker und Atheisten belegen dies Tag für Tag. Insgesamt erscheint es daher zweifelhaft, ob es überhaupt einen Ansatzpunkt für religiöse Menschen gibt, durchgehend und nachhaltig besser zu leben und zu handeln als andere. In jedem Fall aber ist ein tatsächliches Besser-Sein nicht erkenntlich und spricht damit doch sehr deutlich gegen den praktischen Nutzen einer Religion. 8.8.2 Sind religiöse Menschen glücklichere Menschen? Wenn es schon schwerfällt, zu argumentieren, Glauben erziehe die Menschen zum Besseren, so könnte man doch behaupten, der Glaube mache zumindest glücklicher. Tatsächlich kommen verschiedene Studien zum Schluss, religiöse Menschen seien glücklicher als Atheisten.242 Das wäre doch nun ein guter Grund, Menschen in ihrer Religion freie Hand zu lassen. Denn mit dem Ziel eines glücklichen Lebens können sich gewiss auch hartgesottene Atheisten anfreunden. Mögliche Gründe für jenes Glück sind beispielsweise Gefühle von Geborgenheit und Gemeinschaft, die Milderung der Angst vor dem Tod oder die Möglichkeit, sich seiner Schuld durch Beichte oder Buße zu entledigen; wir hatten ja bereits eine Reihe potenziell positiver Wirkungen festgestellt. Dieses Glück dürfte allerdings wesentlich gemindert werden durch die beschriebenen religiös induzierten Ängste vor göttlicher Strafe, die ohne Zweifel unzählige Menschen belastet haben und noch belasten. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Religion ja diverse zusätzliche Möglichkeiten für Strafen und Schuld für im säkularen Recht nicht existente und vor allem opferlose Vergehen schafft. Ein Verstoß gegen Speise- 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 179 vorschriften etwa schadet niemandem und würde ohne die entsprechende Religion nicht existieren. Wie dem auch sei: Mögen Studien angesichts des diffusen Begriffs des Glücks auch mit Vorsicht zu genießen sein und mag das Lebensglück in vielen streng religiösen Ländern nicht gerade sprudeln, erscheint es durchaus plausibel, dass zumindest für viele Menschen ein Zusammenhang zwischen Religion und Glück besteht.i Dem Nichtgläubigen hilft diese Einsicht allerdings nicht. Wahrer Glauben lässt sich nun einmal nicht erlernen oder erzwingen. In jedem Fall gilt: Ob Religion Menschen per Saldo glücklicher macht oder nicht, sagt nichts über deren Wahrheit aus: „The fact that a believer is happier than a skeptic is no more to the point than the fact than a drunken man is happier than a sober one.“ 243 i Offen und mithin ein interessantes Forschungsthema wäre dann jedoch noch die Frage, welche Religion am glücklichsten macht. 181 Die Religion ist die Metaphysik des Volks, die man ihm schlechterdings lassen und sie daher äußerlich achten muss. Arthur Schopenhauer244 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 9.1 Die Plausibilität von Gotteshypothese und Religionen In unserer Analyse der Argumente und Belege für die Existenz Gottes und bei der Plausibilitätsprüfung zentraler Charakteristika von Religionen sind wir zu folgenden Schlüssen gekommen: – Die vorgebrachten Belege für die Existenz von Gottheiten oder einer göttlichen Ordnung erscheinen sämtlich wenig überzeugend und halten wissenschaftlichen Maßstäben nicht stand. Auch in der Summe der Argumente ergibt sich kein anderes Bild. Wenn die Existenz Gottes letztlich nicht ausgeschlossen werden kann, liegt dies in der Konstruktion des Gottesbegriffs begründet, der sich einer empirischen Prüfung und kritischen Diskussion entzieht. Hierdurch ist die Gotteshypothese qualitativ nicht von anderen nicht evidenzbasierten Hypothesen unterscheidbar. – Die Existenz von den für die meisten Religionen strukturell essenziellen Instituten Seele, Jenseits und freier Wille lässt sich ebenso wenig empirisch belegen. Typische Charakteristika von Religionen wie Anthropozentrismus und Absolutheitsanspruch erscheinen durch ihre verengte Perspektive und die daraus resultierenden Inkonsistenzen fragwürdig. Darüber hinaus kranken monotheistische Religionen, die eine Allmacht und Güte Gottes postulieren, daran, dass diese angenommenen Eigenschaften nicht überzeugend mit der Realität der Welt in Einklang gebracht werden können. – In der Multiplikation einer Vielzahl von jeweils für sich unwahrscheinlichen Strukturelementen und logischen Inkonsistenzen 182 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? erscheint es wenig plausibel, dass religiöse Konstrukte überhaupt transzendente Wahrheiten reflektieren. – Selbst wenn man unter diesen Umständen die Existenz von Göttlichem weiterhin für möglich hält, ergeben sich keine Anhaltspunkte für die exklusive Wahrheit einer spezifischen Religion. Die Wahrscheinlichkeit, einem falschen Glauben zu folgen, ist mithin immens. – Auch eine vom inneren Wahrheitsgehalt losgelöste Betrachtung der Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft zeigt, dass den zweifellos bestehenden Vorzügen von Religionen in ähnlichem Maße Nachteile gegenüberstehen. Empirisch ist kein ethisch höherwertiges Verhalten religiöser Menschen nachweisbar. Damit spricht auch unabhängig vom Wahrheitsgehalt nichts dafür, Religionen insgesamt positiv zu bewerten. Der geringen Plausibilität von Gott und religiöser Weltbilder steht jedoch die tiefe Verankerung in Denken und Kultur unzähliger Menschen gegen- über. Religionen sind zwar nicht die einzige Option zur Befriedigung wichtiger Bedürfnisse, aber für viele Menschen die präferierte oder die einzige ihnen bekannte. Dies in einem überschaubaren Zeitraum ändern zu wollen, wäre unrealistisch. Aus der Einschätzung der Plausibilität von Religionen einerseits und der Anerkennung ihrer kulturellen Verankerung andererseits leiten sich sowohl Konsequenzen für die Lebensführung des Einzelnen als auch gesamtgesellschaftliche bzw. politische Schlussfolgerungen ab. Um es vorweg zu nehmen: Dies ist kein Plädoyer für ein wertfreies Handeln – ganz im Gegenteil. Jedoch sollten die Werte, auf die sich das individuelle Handeln wie das des Staates gründen, auch ohne religiöse Aufladung für sich sinnvoll und anerkannt sein. Um körperliche Unversehrtheit, Eigentum und Würde eines Menschen – was immer man darunter verstehen möchte – unter Schutz zu stellen, bedarf es keiner religiösen Argumentation. Die mit den Worten „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ beginnende Präambel des deutschen Grundgesetzes würde durch Weglassen des Wortes „Gott“ nichts verlieren; die Verantwortung vor den Menschen sollte als Motivation vollkommen hinreichend sein. Würde man hingegen religiös begründete Werte miteinbeziehen oder gar in den Vordergrund stellen, verließe man den Boden des ausgehandelten Sinnvollen und der sachlichen Begründbarkeit. Nirgendwo wird dies wohl deutlicher als in der 1990 von 45 Außenministern islamischer Staaten 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 183 unterzeichneten „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“, die praktisch alle Menschenrechte der UN-Konvention von 1954 unter den Vorbehalt der Scharia stellt. Steinigungen vermeintlicher Ehebrecherinnen, Auspeitschen unbotmäßiger Blogger und das Erhängen von Homosexuellen, wie sie in verschiedenen islamischen Staaten Usus sind, sind damit allein religiös legitimiert. Die sachlich dünne Grundlage der Religion steht hier in einem inakzeptablen Missverhältnis zu den potenziellen Folgen für den Einzelnen. 9.2 Konsequenzen für den Einzelnen Ausgehend von einem aufgeklärten Menschenbild, das dem Einzelnen als Mensch und mündigem Staatsbürger zutraut und zubilligt, sein Leben und Handeln selbst zu bedenken und zu gestalten, sind die Schlussfolgerungen und Konsequenzen des Gesagten für die persönliche Lebensgestaltung ganz dem Leser überlassen. Die kritische Würdigung und Prüfung bisheriger Vorstellungen anhand der Argumente dieses Buches ist ausdrücklich erwünscht. Dass manche Leser nicht alle Bewertungen teilen werden, ist ihr gutes Recht. Womöglich haben sie dafür gute Gründe, die dem Autor entgangen sind. Religiöse Menschen sollten sich jedoch zumindest der zentralen Fragwürdigkeiten und Lücken ihrer Weltanschauung bewusst sein. Folgt man der Argumentation dieses Buches, müssten bislang Gläubige sich die Frage stellen, ob sie weiter ihrer Religionsgemeinschaft angehören möchten und den Regeln und Ritualen derselben folgen wollen. Ein Austritt wäre zweifellos eine konsequente Option. Doch können die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einen solchen schwierig, teuer oder gar gefährlich machen. Vielleicht ist auch das Gefühl der Gemeinschaft, die Verbundenheit mit den jeweiligen Traditionen (wie sie etwa Menschen, die sich als „Kulturchristen“ bezeichnen, empfinden) oder die Rücksichtnahme auf andere stärker als der Drang, sich intellektuell eindeutig zu positionieren. Die Entscheidung hierfür liegt bei jedem selbst – und diese sollten auch Atheisten akzeptieren. Generell scheint es jedenfalls klug und folgerichtig, der eigenen Religion, so vorhanden, und insbesondere deren Regeln und offiziellen Vertretern mit mindestens demselben Grad an Skepsis zu begegnen wie anderen Weltanschauungen gegenüber und blinden Glauben und Gehorsam abzulehnen. Vor allem aber sollten Grundsätze des eigenen Glaubens nicht 184 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? anderen Menschen aufoktroyiert werden, ob sie nun Teil der Glaubensgemeinschaft sind oder außerhalb derselben stehen. Dies beginnt bei religiösen Speisevorschriften und endet nicht bei interkonfessionellen Heiraten. Auch Anhängern der eigenen Religion sollte man das Recht auf deren eigene Perspektive und Meinungsbildung zubilligen und bei der Um- und Durchsetzung religiöser Normen Augenmaß und Milde walten lassen. Dem Image des eigenen Glaubens wird dies nicht abträglich sein. 9.3 Erziehung und Schutz von Minderjährigen Kinder genießen gemeinhin einen besonderen Schutz. Um eine freie und qualifizierte Entscheidung für oder gegen eine Religion oder Religion insgesamt zu ermöglichen und gleichzeitig negative Wirkungen wie etwa Ängste vor Strafen für religiöse Verfehlungen, aber auch Überheblichkeiten gegenüber Kindern anderen Glaubens auszuschließen, könnte man fragen, ob Religion überhaupt einen Platz in der Erziehung von Kindern haben sollte. Dafür könnte man anführen, dass religiöse Erziehung als Weitergabe kultureller Tradition, Vermittlung von Werten und Geborgenheit über das Elternhaus hinaus wertvoll sein kann. Dagegen spricht, neben den möglichen Nebenwirkungen des Glaubens, die Einschränkung der freien geistigen Entfaltung der Persönlichkeit. In der Tat kann eine religiöse Erziehung – wenngleich nicht nur eine solche – eine mehr oder minder subtile Art der Kindesmisshandlung darstellen.245 Gewiss würde eine solche Bewertung den allermeisten Eltern Unrecht tun und wäre im Europa unserer Tage maßlos übertrieben. Wenn man jedoch den Blick auf Bereiche außerhalb der eigenen Lebenswelt richtet, und sich etwa an die Erziehungsmethoden mancher katholischer Schulen noch vor wenigen Jahrzehnten erinnert oder die Indoktrination vieler Madrasas der islamischen Welt betrachtet, in denen das Auswendiglernen, nicht das Verstehen des Korans im Vordergrund steht und andere Bildung häufig als weitgehend entbehrlich betrachtet wird, kann man den Vorwurf nicht völlig von der Hand weisen. Man denke an die Einschränkungen eines Kinderlebens in einer Amish-Gemeinschaft und die Folgen beim Verlassen derselben, an die Tempelprostitution von Kindern in Indien246 oder daran, dass zahlreiche Jungen in Tibet und den umliegenden Regionen traditionell für viele Jahre buddhistischen Klöstern fern ihrer Familien überantwortet werden: In vielen Teilen der Welt hat Religion für Kinder eine andere Konsequenz als in Europa. 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 185 Natürlich ist bereits der Ansatz, eine religiöse Erziehung auf der privaten Ebene verhindern zu wollen, in einem demokratischen Rechtsstaat indiskutabel und undurchführbar. Eine politische Mehrheit hierfür würde sich wohl nirgendwo finden. Und das ist auch gut so; will man nicht den Staat für klüger als die Eltern halten und ihm das alleinige oder privilegierte Recht zur Erziehung einräumen (eine Einstellung, mit der mancher Politiker zu sympathisieren scheint und die allem Anschein nach zunehmend auf Erwachsene ausgedehnt wird), so müssen zuallererst die Eltern entscheiden, was sie ihrem Kind mitgeben. Religiöse Überzeugungen können hier vermutlich auch nicht mehr Schaden anrichten als politische und soziale Ideologien. Gleichwohl sollten sich Eltern gut überlegen, ob, wann und in welchem Maße sie religiöses Denken vermitteln möchten und wie weit sie ihren Kindern auch die Grenzen dieses Denkens aufzeigen und ihnen die Möglichkeit einer selbstbestimmten Entscheidung eröffnen wollen. Eine gänzlich andere Frage ist hingegen die nach der Sinnhaftigkeit eines konfessionell gebundenen Religionsunterrichts, wie er traditionell an deutschen Schulen angeboten wird. Mit dem zunehmenden Anteil von Schülern aus muslimischen Elternhäusern und der Befürchtung, dass diese in Koranschulen ein, nennen wir es: traditionelles Verständnis des Islam vermittelt bekommen, das Integration und beruflichen Erfolg nicht befördert, wurde die Forderung nach einem kontrollierten islamischen Religionsunterricht erhoben und damit dem Religionsunterricht allgemein neuer Elan verliehen. Dass auf diese Weise unerwünschtes Gedankengut von den Kindern ferngehalten werden kann, erscheint allerdings naiv; traditionell oder fundamentalistisch orientierte Eltern werden bei nicht genehmen Inhalten des Unterrichts ihr Kind schlicht abmelden und in anderer Weise unterrichten lassen. Grundsätzlich erscheint es mit Blick auf die mangelnde Evidenz von Religion nicht ratsam, die Vermittlung von individuellen Glaubensinhalten staatlich zu unterstützen. Wenn Kinder kritisch und übergreifend denken lernen sollen, ist konfessioneller Religionsunterricht zumindest nicht hilfreich. Es dürfte eine Vielzahl von Themen geben, die für das Verständnis der Welt und für das Leben als Erwachsener wertvoller wären. Und auch diese sollten nicht ohne die Möglichkeit und Aufforderung, sie zu hinterfragen, vermittelt werden. Schulische Erziehung sollte schließlich nicht zur Propaganda werden, sondern befähigen, sich selbst ein Bild zu machen. Dies gilt zweifellos auch für ein bekenntnisneutrales Fach 186 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? „Ethik“, wie es zum Beispiel in Berlin verpflichtend ist und das naturgemäß immer in Gefahr ist, entweder die vermittelten Grundwerte unserer Gesellschaft sehr weit oder explizit auszulegen (und damit in die Nähe der Indoktrination zu kommen) oder aber – was nicht minder schlimm ist – diese Werte zu relativieren. Wenn wir also konfessionellen Religionsunterricht als nicht sinnvoll ansehen, ist es nur konsequent, diesen vom Lehrplan zu streichen und ihn privater oder kirchlicher Initiative zu überlassen. Eine staatliche Finanzierung oder Unterstützung sollte grundsätzlich unterbleiben. Privater oder kirchlicher Religionsunterricht findet ja auch heute schon statt und kann dies weiter tun. Wer hier womöglich eine Indoktrination von Kindern befürchtet, der sei zum einen auf die Schule als Vermittler wissenschaftlichen Denkens verwiesen, das bei der Einordnung des Unterrichteten helfen sollte, zum anderen an die zuständigen Behörden, denen es obliegt, verfassungsfeindliche Aktivitäten zu unterbinden. Die Schule muss deswegen kein religionsfreier Ort sein. Es besteht beispielsweise kein Grund zur Aufgabe von Tradition und Brauchtum wie Weihnachtsfeiern, Martinsumzügen oder gar Karneval. Diese sind Kernelemente unserer Kultur und als solche identitätsstiftend, integrativ und gemeinschaftsfördernd. Sie sind ohnehin weitgehend säkularisiert und vermitteln ausschließlich positive Werte. Solche Traditionen können grundsätzlich auch durch Feste anderer Herkunft ergänzt werden – warum sollte man bei einem hohen Anteil muslimischer Schüler nicht auch einmal gemeinsam das Zuckerfest feiern oder einer indischen Schülerin die Gelegenheit geben, mit ihren Mitschülerinnen Diwali zu begehen? Ersetzt werden sollten die landestypischen Traditionen hingegen mit Blick auf die genannten positiven Wirkungen nicht. Ebenso wenig sollte Religion per se vom Lehrplan gestrichen werden. Denn die Vermittlung von Wissen über Religionen im Sinne eines komparativen Religionsunterrichts ist – auch und vielleicht gerade aus einer atheistischen Perspektive – wertvoll: Zum einen ermöglicht das Wissen über Religion in ihrer Gesamtheit die Einordnung des eigenen Glaubens (oder jenes der Eltern) in das Gesamtangebot und beleuchtet die grundsätzlichen Fragen, Herausforderungen und Grenzen von Religionen. Zum anderen ist Religion ebenso als Teil der kulturellen und geistigen Wurzeln eines Landes oder eines Menschen zu begreifen wie als Faktor der heutigen nationalen und internationalen Politik. Das historische und sprachliche Erbe des Christentums gehört ebenso zu unserer Geschichte wie germani- 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 187 sche Heldensagen und der römische Einfluss – und zunehmend auch der Islam. In einer global vernetzten Welt kommt man gar nicht daran vorbei, auch andere Religionen kennenzulernen. Wie könnte man die Türkei und Saudi-Arabien ohne Kenntnisse des Islam verstehen, wie Thailand und Tibet ohne solche des Buddhismus oder China ohne die Grundzüge von Daoismus und Konfuzianismus? Wenn über den Schutz Minderjähriger geredet wird, geht es auch um den Schutz vor körperlicher Gewalt. Nun stellt eine religiöse Erziehung zweifellos keinen solchen Akt dar. Allerdings wurde in Deutschland erst vor Kurzem das grundgesetzlich garantierte Recht auf freie Religionsausübung der Elterni über die in gleicher Weise garantierte körperliche Unversehrtheitii des Kindes gestellt: Die im Judentum und im Islam übliche Beschneidung von Jungen wurde vom Gesetzgeber ausdrücklich sanktioniert. Unabhängig von dem intensiv diskutierten Ausmaß des hierdurch entstandenen Schadens (die Meinungen gehen auseinander)247 bleibt doch unbestreitbar, dass es sich um eine irreversible und medizinisch nicht erforderliche Maßnahme zulasten Dritter handelt, deren qualifizierter Entscheidung vorgegriffen wird. Mit Blick auf die deutsche Vergangenheit mag es schwierig erscheinen, dem Judentum eine seiner Traditionen zu verweigern; andererseits würde man ja auch das in manchen Ethnien übliche Tätowieren oder Skarifizieren (Anbringen von Schmucknarben) oder die Genitalverstümmelung bei Mädchen bei Kindern nicht zulassen. Das Alter oder die Häufigkeit einer Tradition ist dabei aus rechtlicher und ethischer Sicht belanglos. Das Argument, Eltern würden bei einem Verbot die Prozedur halt im Ausland durchführen lassen, ist nicht schlüssig – dann müsste man mit Blick auf die Niederlande auch Teile der deutschen Drogengesetzgebung annullieren. Die Maßgabe muss also sein: Die Freiheit der Religionsausübung – wie andere Freiheiten auch – endet dort, wo andere über ein gewisses, niedrig anzusetzendes Maß belastet werden. Eine nicht unwesentliche, dauerhaft den Körper verändernde Maßnahme überschreitet dieses Maß eindeutig. Dies ist natürlich eine für alle Religionen anzuwendende Regel. Würde man Religionen dergleichen erlauben, fiele es schwer, andere religiöse i Grundgesetz Art. 4, Abs. 2: Die ungestörte Religionsausübung ist gewährleistet. ii Grundgesetz Art. 2, Abs. 2: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. 188 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Anforderungen, etwa die Anwendung der Scharia beispielsweise im Erboder Strafrecht zu verbieten. Damit würde man sich vom Gedanken des Rechtsstaats verabschieden. Dies ist keine wünschenswerte Idee. 9.4 Meinungsfreiheit und Respekt Die Freiheit jedes Bürgers, eine eigene Meinung zu besitzen und äußern zu dürfen, ist ein unverzichtbares Gut in einer demokratischen Ordnung und aus gutem Grund in Deutschland verfassungsrechtlich geschützt. Unter diesen Schutz fallen selbstverständlich auch kritische Aussagen gegenüber Religionen. Dies schließt auch solche Kritik ein, die Angehörige einer Religion als beleidigend empfinden könnten, solange sie nicht persönlich beleidigt werden oder das allgemeine Persönlichkeitsrecht tangiert wird. Das ist bei Äußerungen in Bezug auf religiöse Inhalte schlichtweg nicht möglich, denn das geschützte Rechtsgut bei Beleidigungen ist die persönliche Ehre, und diese hängt nicht von einer Ideologie, Religion oder sonstigen Weltanschauung des Individuums ab. Tatsachenbehauptungen sind ohnehin nicht betroffen. Leider findet der eigentlich doch recht klare Unterschied zwischen inhaltlicher Kritik und persönlichem Angriff in der öffentlichen Diskussion zunehmend weniger Beachtung. Gläubige und Kleriker haben in der jüngeren Vergangenheit eine erstaunliche Fähigkeit zum chronischen Beleidigt-Sein auch bei geringfügigsten Anlässen entwickelt, die offensichtlich darauf zielt, Kritiker zum Schweigen zu bringen. Die Folgen reichen von der gebetsmühlenartigen Warnung vor dem Popanz eines „Generalverdachts“ bis zum Exkulpieren von Gewalttätern unter Verweis auf ihnen zugefügte vermeintliche Beleidigungen. Unübersehbar war beispielsweise die Distanzierung vieler Kommentatoren und Politiker von der Arbeit des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo nach dem Attentat auf dessen Redaktion. Dass damit unterschwellig Verständnis für die Täter demonstriert wurde (die nebenbei auch wahllos Menschen in einem jüdischen Supermarkt umbrachten), zeigt das Ausmaß des Problems: Offensichtlich sind viele Menschen nicht in der Lage, die Meinungsfreiheit selbst bei kaltblütigen Morden ohne Relativierung zu verteidigen, wenn Religion im Spiel ist.i Deshalb bedarf es einer Klarstellung des Unterschiedes zwischen i Vermutlich spielt hier auch das Bedürfnis mancher Personen eine Rolle, sich als Anwalt von vermeintlich Schutzbedürftigen zu gerieren und deren Handeln von allge- 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 189 Religionskritik und persönlicher Beleidigung – niemand hat das Recht auf Freiheit von der Kritik anderer – sowie einer offensiven Verteidigung der Meinungsfreiheit im Interesse aller Bürger. Vermeintliche Beleidigungen von Glaubensinhalten sind keine persönlichen und unterscheiden sich qualitativ nicht von solchen politischer oder sonstiger Überzeugungen. Tatsächlich sind es per se gar keine Beleidigungen, da Ideen keine persönliche Ehre besitzen. Wenn Karikaturen in zuvor international völlig unbekannten Zeitungen oder Filme weltweite Empörung und Reaktionen bis hin zum Mord auslösen, und dies vorrangig bei Menschen, die diese Werke nur vom Hörensagen kennen,248 sollten wir das zur Kenntnis nehmen. Einfluss auf unsere fundamentalen demokratischen Prinzipien darf es nicht haben. Im Gegenteil sollte es uns den Wert der Meinungsfreiheit verdeutlichen und uns darin bestärken, keinen Zentimeter zurückzuweichen. Wenn Atheisten die – aus ihrer Sicht – Beleidigung von Vernunft und Wissenschaft durch die Religionen ebenso hinnehmen müssen wie deren Kritik an ihrem Lebensstil, ihre Präsenz in den Medien und die Drohung mit der ewigen Verdammnis, so müssen auch die Religionen ein wenig Kritik vertragen können. Dabei fair zu bleiben, den Boden des guten Geschmacks nicht zu verlassen und nicht um der Provokation willen zu provozieren, ist dabei wünschens- und empfehlenswert, aber keineswegs eine Voraussetzung. Würde man religiöse Überzeugungen bevorzugen und vor Kritik in Schutz nehmen, würde man ihnen bereits eine höhere Wahrheit zusprechen und damit religiös begründeten Gesetzen den Weg ebnen. Der Schaden für die Redefreiheit durch die Rücksichtnahme auf jede angeblich verletzte Empfindung – ein Kriterium, das zum Missbrauch einlädt wie kein anderes – wäre ohne Frage größer als die vorgebrachte Kränkung allzu empfindsamer Gläubiger. Davon abgesehen: Wenn einem allmächtigen Gott oder dem unentrinnbaren Karma nicht zugetraut wird, selbst dafür zu sorgen, angebliche Beleidigungen zu sühnen, sollten Gläubige prüfen, ob ihr Glaube tatsächlich gefestigt genug ist. Und kann ein kleiner, sterblicher Mensch überhaupt einen Gott beleidigen? Der einzige sinnvolle und tragfähige Grundsatz in einem Staat mit religiöser Vielfalt und Freiheit ist, Religionen nicht nur untereinander gleich zu behandeln, sondern auch gegenüber anderen kulturellen oder Intemeingültigen Maßstäben auszunehmen. 190 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? ressengruppen. Für Andersdenkende inhaltsleere, ja groteske Begriffe wie Blasphemie dürfen in der Gesetzgebung keine Rolle spielen.i Im Zusammenhang mit vermeintlichen Beleidigungen von Religionen und dem Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben wird heute vielerorts Respekt für die Überzeugungen anderer gefordert. Häufig sind dabei allerdings in erster Linie die eigenen gemeint. Ein Beispiel dafür gibt der Khalifat ul-Massih, das spirituelle Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinde: „Faktisch gesehen ist der Islam die erste weltweite Religion und gemessen an der Anzahl ihrer Anhänger steht der Islam an zweiter Stelle.“ 249 „Deshalb sollten die Anhänger anderer Religionen die Muslime respektieren und ebenso versuchen, dem Heiligen Prophetensaw die ihm gebührende Ehre und den ihm gebührenden Respekt zu erweisen. Andernfalls werden Unruhe und Unfrieden in der Welt Einzug halten.“ 250 Sehen wir einmal darüber hinweg, dass nicht wenige, die Respekt für Religionen anmahnen, bei Meinungen, die vom politischen Mainstream oder ihrer eigenen Position abweichen, gänzlich andere Ansichten pflegen, und schauen uns den Begriff des Respekts näher an. Denn im Sprachgebrauch weist er leider unterschiedliche Bedeutungen auf. Primär bezeichnet Respekt eine Form der Anerkennung oder Ehrerbietung. Mithin kann man sich Respekt verdienen und man kann jemandem Respekt zollen, üblicherweise aufgrund bestimmter Verdienste oder Eigenschaften. Welchen Taten oder Eigenschaften Respekt gezollt wird, ist je nach Person und Kulturkreis unterschiedlich. Während einem Feuerwehrmann, der unter Einsatz seines Lebens ein Kind aus einem brennenden Haus rettet, rund um den Globus Respekt gezollt wird, kann ein Attentäter je nach politischer oder religiöser Position als Märtyrer und Freiheitskämpfer gefeiert oder als feiger Mörder verurteilt werden. In jedem Fall steht es einem Menschen frei, ob er einem anderen Menschen Respekt zollt oder nicht; eingefordert werden kann dies nicht. Gerade darin besteht übrigens der Wert des Respekts für diejenigen, die ihn schenken oder erhalten. i Tatsächlich könnten sich alle Religionen ja gegenseitig Blasphemie vorwerfen. 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 191 Neben diese ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist im Sprachgebrauch eine weitere getreten, bei der der Aspekt der Toleranz bzw. der Höflichkeit im Vordergrund steht. In diesem Sinne gebührt jedem Menschen, unabhängig von seiner Person und seinen Leistungen, ja gerade nur der Person als solcher Respekt. Ziel ist es dabei, als Gegenposition zu einer Herabwürdigung etwa aus rassistischen, nationalistischen oder sexistischen Motiven den Menschen an sich mit seinen Eigenheiten zu akzeptieren. Dies mag gut gemeint und ehrenwert sein. Die inflationäre Verwendung, auch und gerade im politischen Diskurs, wertet aber nicht nur den Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung ab, sie wird auch zunehmend missbraucht. Es soll nun nicht mehr nur die Person an sich und ihr Recht auf eine eigene Meinung, und sei sie noch so bizarr, akzeptiert werden, sondern auch die Ideen und Entscheidungen einer Person selbst, vor allem Weltanschauungen religiöser und kultureller Natur. Das offensive Einfordern von Respekt für Religionen zielt nicht auf den Wunsch nach Akzeptanz ihrer Existenz an sich und das Recht ihrer freien Ausübung – beides stellt hierzulande niemand ernsthaft infrage. Vielmehr erwartet man – aus der eigenen Bewertung der göttlichen und überlegenen Eigenschaft der Religion heraus – eine Ehrerbietung gegenüber der Religion (und unterschwellig auch gegenüber den Anhängern dieser Religion), die anderen Ideen und Weltanschauungen nicht zugebilligt wird. Mit dieser Forderung wird also nicht nur die Immunisierung gegen Kritik vorangetrieben, sondern der Einfluss von Religionen in der öffentlichen Diskussion allgemein gestärkt. Wenig überraschend gehen christliche Kirchen und organisierter Islam in Deutschland hier Hand in Hand. Dieser Forderung sollte sich eine freie Gesellschaft nicht beugen. Angesichts der durchwachsenen Bilanz zumindest der praktischen Umsetzung von Religionen, ihrer fehlenden faktischen Grundlagen, vor allem aber aus dem Grundsatz der Meinungsfreiheit heraus muss es jedem selbst überlassen bleiben, ob, für welche Dinge und inwieweit er oder sie einer Religion Respekt zollt. Natürlich kann man den Buddhismus für seine Friedfertigkeit, das Christentum für die Nächstenliebe und den Islam wiederum für andere Qualitäten loben; ein Anspruch darauf besteht nicht. Eine Weltanschauung, die Respekt verdient, wird ihn ohne weitere Aufforderung erhalten, sie wird ihn aber sicherlich nicht deshalb erhalten, weil sie ihn explizit verlangt. Fast könnte man geneigt sein, das offensive Einfordern von Respekt im oben genannten Sinne für einen Kontraindikator für respektable Verdienste zu halten. Angesichts der unverhohlenen Verachtung, 192 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? die manche Religionsvertreter für Andersgläubige, Heiden, Kuffar und „Götzendiener“ hegen, gibt es wenig Grund, vorbehaltlos Wertschätzung denjenigen zukommen zu lassen, die diese selbst nicht aufbringen. Davon abgesehen ist es für Wahrheit und Unwahrheit von Religionen vollkommen unerheblich, ob man diesen Respekt gegenüber empfindet und zeigt oder nicht. Es steht in einer Demokratie jedermann gut an, andere Menschen als Person und ihr Recht auf eigene Meinungen und Ansichten zu respektieren. Dies bedeutet jedoch nicht, diese Meinungen selbst zu akzeptieren und zu respektieren. Wer von jenen, die Respekt für Religionen fordern, würde denn Respekt für rassistische Vorstellungen, für Gewalt und Diskriminierung gutheißen, die ja integraler Teil mancher Religion sind?i Warum sollte jemand, der den Boden der für alle Menschen gleicherma- ßen geltenden Logik verlässt, hierfür Respekt verlangen können? Nein, das Recht auf eigene Ansichten, auch auf abwegige, beinhaltet nicht, dass andere sie als den ihrigen gleichwertig akzeptieren müssen, und schon gar nicht den Anspruch auf eine besondere Würdigung. Um eben die geht es aber den Gläubigen und ihren institutionellen Vertretern – in Wahrheit geht es um Sonderrechte, die in einem säkularen Staat nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben. Was resultiert hieraus für den Umgang von Atheisten und Gläubigen? Hier darf man gerne auf die Schönheit guter Umgangsformen hinweisen. Jemanden um der Provokation willen zu provozieren gehört nicht dazu. Gleichwohl ist auch dies im Rahmen der Meinungsfreiheit geschützt. Wer hier auf Einschränkungen zielt, öffnet Tür und Tor für den Missbrauch durch Politiker, Lobbys, „Aktivisten“ jeder Couleur und Religionsvertreter: Wenn jede kritische Äußerung als Beleidigung empfunden oder aus taktischen Gründen als „Hate Speech“ deklariert wird und juristische Konsequenzen drohen, werden Kritiker zum Schweigen gebracht und das Recht auf freie Meinungsäußerung ausgehöhlt. Mit demselben Recht könnte ein Atheist eine Religion auch als Verunglimpfung von Vernunft, Menschenrechten und Versuch der Einschränkung seiner persönlichen Freiheit betrachten. i Der Autor Salman Rushdie sagte passend dazu auf der Frankfurter Buchmesse 2015, es gebe „eine merkwürdige Allianz zwischen Teilen der europäischen Linken und radikalen Denkern des Islam. Wenn eine Ideologie sich als Religion bezeichne, werde im Westen die Feindschaft gegen Frauen, Juden und andere unter den Teppich gekehrt.“ 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 193 Insofern empfiehlt es sich, Religionen und Gläubige genauso wie Agnostiker und Atheisten im Sinne einer grundsätzlichen Toleranz zu akzeptieren (also das grundgesetzlich Gebotene und gesellschaftlich Sinnvolle zu tun), jedoch der Forderung nach einer Anerkennung im Sinne einer Ehrerbietung und von Sonderrechten gegenüber anderen Ideen frühzeitig und entschieden entgegenzutreten. Dies hat auch politische Konsequenzen. 9.5 Religionsneutrale Politik: Die Nivellierung der Religionsfreiheit 9.5.1 Der Grundsatz evidenzbasierter Politik Der Bürger eines modernen, demokratischen Staates erwartet zu Recht eine nüchterne, ehrliche, fakten- und evidenzbasierte Politik. Wenn wir die Mehrung des Gemeinwohls und die Bewahrung der Freiheit des Einzelnen als übergeordnete Ziele von Politik verstehen und davon ausgehen, dass jedermann zumindest mittelbar von allen politischen Entscheidungen betroffen ist, gibt es dazu keine vernünftige Alternative. Dass die politische Praxis dem selten entspricht, dass missliebige Fakten und Erkenntnisse ausgeblendet, verbogen oder unterschlagen werden und Emotionen, Populismus und Ideologien den Geschäftsbetrieb bestimmen, ändert daran genauso wenig wie die Tatsache, dass man im Einzelfall darüber streiten mag, was denn nun die wahren und relevanten Fakten sind, wie sie zu interpretieren seien und welche Konsequenzen daraus zu ziehen wären. Denn weder kann man sich eine willkürliche, also despotische Politik wünschen, die durch ihre inhärente Unvorhersehbarkeit und Rücksichtslosigkeit keine Rechtsstaatlichkeit erlaubt, noch einen vulgärdemokratischen, auf reine Mehrheitsentscheidungen reduzierten Ansatz, der Politik lediglich als mathematisches Ergebnis von Machtspielen versteht und für den Minderheiteninteressen und Sachargumente keine Rolle spielen.i Wenn wir uns also hierauf geeinigt haben, ergeben sich aus der im Grunde einfachen Basisanforderung der fakten- und evidenzbasierten politischen Entscheidungsbildung recht konkrete und eindeutige Konsequenzen, was den Umgang mit Religionen betrifft. Sie werden wir im i Hier mag man sich an die Politik des eigenen Landes oder der Europäischen Union erinnert fühlen, die ja oft gerade deswegen Anlass zur Kritik gibt, weil der Grundsatz der evidenzbasierten Politik missachtet wird. 194 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Folgenden beleuchten, da sie, mit etwas gutem Willen aller Beteiligten, zur Lösung einer Reihe von seit Langem kontrovers diskutierten Fragen führen. Wie sich zeigen wird, werden diese Lösungen – wenn sie auch nicht jedem gefallen mögen – nicht nur insgesamt, sondern in jedem Einzelfall eine faire Regelung herbeiführen, die alle Interessen angemessen berücksichtigt, ohne in Beliebigkeit aufzugehen oder ihre Legitimität bewerten zu müssen. Damit könnte die Grundlage geschaffen werden, in einem zunehmend multireligiösen Staat ein nachhaltig friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Die Eleganz dieses Grundsatzes zeigt sich am Beispiel der Religion bereits darin, dass lediglich zwei relevante Fakten existieren. Zum einen gilt es, die Existenz von Religion und Religionsgemeinschaften sowie deren Interessen zu berücksichtigen. Religiöse Menschen sind Staatsbürger wie jeder andere und haben den gleichen Anspruch, ihre Interessen zu verfolgen, sei es als Einzelne oder in Gemeinschaften und Organisationen. Dass diese Interessen von denen anderer Gruppen abweichen, liegt in der Natur der Sache. Zum anderen ist das Ergebnis dieses Buches zu berücksichtigen. Wir können also Religionen aufgrund ihrer strukturellen und gravierenden Inkonsistenzen keine inhaltliche Wahrheit zubilligen. Rechtliche Gegebenheiten hingegen, selbst wenn es sich um solche von Verfassungsrang handelt, sind zwar Fakten, können aber als sekundär betrachtet werden; denn das Recht ist weder sakrosankt noch unveränderlich, sondern sollte ja gerade Ausdruck des politischen Willens sein. 9.5.2 Die Nichtanerkennung und Berücksichtigung religiöser Inhalte Wenn wir die Existenz von Religionen und ihrer Lehren nicht nur als gegeben akzeptieren, sondern diese auch nicht antasten wollen, wie uns dies als Demokraten in einem pluralistischen Staat gut ansteht, so bedeutet das nicht, dass wir uns auch die Inhalte – also die religiösen Lehren – zu eigen machen. Staat und Politiker dürfen diese Inhalte nicht anerkennen und ihnen schon gar nicht eine höhere Qualität zubilligen. Denn angesichts der mangelnden Belegbarkeit und Plausibilität von Religion gäben wir damit ja das evidenzbasierte Denken und Handeln auf. Wir würden nicht nur etwas einbeziehen, dessen Grundlagen sich in diesem Buch als haltlos erwiesen haben, wir begäben uns auch in das Minenfeld sich widersprechender religiöser Aussagen und sich stetig ausweitender Forderungen 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 195 verschiedenster Interessenvertreter – also gerade dorthin, wo sich die Politik in vielen Ländern unglückseligerweise befindet. Wenn sich Politik und Staat religiöse Inhalte und Lehren nicht zu eigen machen, ja idealerweise ignorieren, entfallen jegliche Gründe, Religionen unterschiedlich zu behandeln und hierdurch staatlicherseits eine Wertung vorzunehmen. Der Staat handelt also konsequent weltanschaulich neutral. So sehr einem vielleicht Auftreten und Lehren der Zeugen Jehovas, von Scientology oder neuheidnischen Religionen à la Wicca widerstreben mögen, so unterscheiden diese sich doch nicht grundsätzlich von anderen Religionen. Daher sind sie – eben weil man die inhaltliche Wertung unterlässt – in jeder Hinsicht gleich zu behandeln. Das impliziert keineswegs, gesellschaftliche Verdienste von Religionsgemeinschaften, etwa das ehrenamtliche Kümmern um Alte oder Kriegsflüchtlinge, nicht wertzuschätzen oder problematische und kriminelle Handlungsweisen und Missstände wie Fälle von Pädophilie, finanzieller Ausbeutung oder Führerkult nicht zu kritisieren und zu ahnden; lediglich hinsichtlich der spirituellen Verdienste ist zu schweigen. Ganz praktisch folgt hieraus unter anderem, dass Politiker sich nicht in der Interpretation Heiliger Schriften üben sollten. Wenn sich heute Minister und Präsidenten über das vermeintlich friedliche Wesen des Islam äußern und den islamischen Terrorismus als dem Geist des Islam widersprechend darstellen, so überschreiten sie ihre fachlichen wie politischen Kompetenzen. Aus theologischen Fragen sollte man sich auf der Ebene der Politik heraushalten – eben durch die Ignorierung der religiösen Inhalte zugunsten des Blicks auf die faktischen Taten und Ergebnisse. Der Staat muss jedoch, wie sich gerade bereits andeutete, nicht nur weltanschaulich neutral sein in dem Sinne, dass er keine religiöse Weltanschauung aufgrund ihrer Lehren bevorzugt oder benachteiligt. Er darf diese vielmehr zu keinem Zeitpunkt im politischen Entscheidungsprozess berücksichtigen. Politische Forderungen, die alle Bürger betreffen, aber ausschließlich oder auch nur teilweise religiös begründet werden, sind daher konsequent abzulehnen. Hieraus folgt, dass eine Beteiligung der organisierten Religionen in politischen und gesellschaftlichen Fragen, die nicht die Ausübung der Religion tangieren, nicht wünschenswert ist. Das gilt vor allem dann, wenn Unbeteiligte durch religiöse Forderungen in ihrer Freiheit beschränkt werden. Wie wollte man begründen, dass muslimische Vorstellungen über die Rundfunkräte das Fernsehprogramm aller Bürger beeinflussen? Warum 196 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? sollen christlich motivierte Positionen von Bundestagsabgeordneten sich auf die Möglichkeit zum selbstbestimmten Sterben von Agnostikern auswirken? Und aufgrund welcher fachlichen Qualifikation durften Bischöfe als Teilnehmer der „Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung“ im Jahr 2011 Richtungsentscheidungen in einem zentralen Politikfeld beeinflussen? Nein, angesichts der mangelnden Evidenz der Religionen dürfen ihre Ideen in der Politik nicht nur keinen Vorrang oder besonderen Respekt genießen, sondern schlicht keine Rolle spielen. Wenn dies heute in der Praxis anders ist, so handelt es sich entweder um einen Missbrauch der Politik, indem Religiöse als nützliche Idioten zur Durchsetzung und Begründung eigener, anderweitig schwach unterfütterter Ideen benutzt werden, oder um reinen Stimmenfang, bei dem die Frage nach der Legitimität einer Forderung untergeht. Beides ist offensichtlich nicht im Sinne guter Politik und sollte daher unterbleiben oder unterbunden werden. Hier wären vor allem die Medien gefragt, eine Wächterposition wahrzunehmen. Der Klarheit halber sei gesagt, dass eine politische Forderung nicht deswegen falsch ist, weil sie religiös begründet wird. So kann man Sozialleistungen, Entwicklungshilfe oder die Unterstützung von Flüchtlingen durchaus christlich begründen, es lassen sich jedoch auch andere Gründe anführen, und keineswegs nur ethische. Diese Gründe haben jedoch den Vorteil, sich einer Sachdiskussion stellen zu müssen; akzeptiert man hingegen eine religiöse Begründung, so akzeptiert man implizit auch deren Vorrang vor jedem anderen Argument – das Gegenteil einer fairen Sachdiskussion. Halten wir also fest: Religiöse Inhalte haben im öffentlichen Diskurs nichts zu suchen. Idealerweise sollte für Politik und Bürger Religion Privatsache sein. Dass sich Religion aufgrund der ihr eigenen Absolutheitsansprüche schwertut, rein privat zu sein, ist verständlich. Das gilt erst recht, wenn die Religion auch gesellschaftliche oder rechtliche Fragen regelt. Wollte man diesen Anforderungen aber über Kosmetik hinaus konsequent gerecht werden, zeigt sich schnell, wohin dies führt. Die Anzahl der Optionen ist beschränkt: Ein Weg führt über die Verbindlichkeit der Anforderungen der Mehrheitsreligion in den Gottesstaat nach iranischem oder saudischem Vorbild. In diesem Szenario sind dann alle anderen Werte oder Ideen sekundär. Ein pluralistischer, freiheitlicher Staat ist damit ausgeschlossen, denn Freiheit der Religion gibt es in multireligiösen Gesellschaften nur, 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 197 wenn es keiner Religion gestattet ist, ihre Wahrheit allgemeinverbindlich zu machen.251 Und das gilt nicht nur für eine vollumfängliche Übernahme religiöser Anforderungen, sondern beginnt schon bei der ersten. Das sogenannte „Tanzverbot“, das auf der Ebene der Bundesländer für bestimmte christliche Feiertage erlassen wurde, möge als Beispiel dienen – eine wenngleich nicht allzu schmerzhafte, so doch rein religiös begründete Beschränkung von Rechten Dritter. Der andere Weg führt in einen Staat, in dem für verschiedene Gruppen von Menschen unterschiedliche Regeln gelten. So könnte etwa für die muslimische Bevölkerung alternativ oder grundsätzlich das Rechtswesen der Scharia zur Geltung kommen. Mancher, der sich nicht betroffen sieht, würde da keinen Einspruch erheben, aber: Ein Rechtsstaat wäre das dann nicht mehr. Denn dieser wird ja gerade dadurch definiert, dass gleiches Recht für alle gilt ohne Ansehen der Person. Wer glaubt, man könne die Durchsetzung religiöser Regeln innerhalb einer Gemeinschaft dieser völlig freistellen, der möge auch beantworten, wie freiwillig die Entscheidung einer muslimischen Frau sein kann, die auf die Durchsetzung ihrer gesetzlichen Erbansprüche zugunsten der Scharia-Regelung verzichtet. Gerade die Vorstellungen der Scharia stehen ja in eklatantem Widerspruch zu als unveräußerlich angesehenen Grundrechten, selbst wenn diese freiwillig aufgegeben würden. Mit dem Selbstverständnis der europäischen Staaten, ihren Verfassungen und zuallererst dem mehrheitlichen Willen der Bevölkerung sind beide Wege nicht vereinbar. Wenn dies aber Konsens ist, kann jede Lösung, die religiöse Argumente anführt und sich auch nur ein Stück weit in die Richtung eines der genannten Wege bewegt, nicht gutgeheißen werden. Religiöse Inhalte sind für politische Entscheidungen irrelevant – eine ebenso einfache wie nachvollziehbare Maxime. 9.5.3 Die Nivellierung der Religionsfreiheit Dass der Ausübung der Religion Grenzen gesetzt werden, wäre selbst bei einer Akzeptanz religiöser Argumente, von der ja gerade entschieden abgeraten wurde, unvermeidlich. Niemand würde Mayas und Azteken, gäbe es ihre Religionen heute noch, das Recht zu Menschenopfern einräumen. Kein Mensch würde Hindus hierzulande erlauben, die hübsche Tradition der Witwenverbrennung fortzuführen. Und ebenso wenig wird man auf die Strafverfolgung von muslimischen Attentätern verzichten, wenn 198 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? diese sich auf ihren Glauben berufen. Andererseits wird keine Religion daran gehindert, Gottesdienste und andere Rituale in ihrer Weise zu feiern. Selbst muslimische und hinduistische Friedhöfe252 sind mittlerweile Usus. Das Recht der freien Ausübung der Religion beschränkt sich mithin auf das Gebiet, das keine Rechte anderer beeinträchtigt. Das sollte nicht überraschen; auch andere Rechte und Grundrechte haben ihre Grenzen. Redefreiheit berechtigt nicht zu Beleidigungen, die Demonstrationsfreiheit nicht dazu, überall und jederzeit zu demonstrieren. Wenn wir also akzeptieren, dass die Religionsfreiheit keine absolute ist, sondern hinter anderen staatlichen oder individuellen Interessen in Form entsprechender Gesetze zurücktritt, so stellt sich die Frage, ob es eines gesonderten Rechtes der Religionsfreiheit eigentlich noch bedarf. Denn durch die Grundrechte der Meinungs, Rede- und Versammlungsfreiheit wird den Interessen der Religionsgemeinschaften ja bereits hinreichend Rechnung getragen. Sie können also im Rahmen der bestehenden Gesetze ihre Religion frei und nach Gusto ausüben. Da eine Forderung nach Abschaffung der Religionsfreiheit jedoch zu Fehlinterpretationen einlüde, wollen wir hier lieber von der Nivellierung der Religionsfreiheit sprechen. Gemeint ist damit etwas eigentlich ganz Selbstverständliches: Religionsgemeinschaften sind nicht anders zu behandeln als andere Vereinigungen und Organisationen. Sie unterliegen den gleichen gesetzlichen Regeln. Sie haben die gleichen Rechte und Pflichten. Es dürfte den Religionen schwerfallen zu begründen, warum dieser Grundsatz nicht fair wäre. Denn dazu müssten sie nachweisen, warum ausgerechnet ihnen Vorrechte gegenüber anderen zukämen. Ein solcher Nachweis wäre aber nur dann zu führen, wenn man ihre Inhalte als wahr anerkennt – wozu aber nicht nur kein Anlass besteht, sondern was auch wegen der Widersprüche zwischen den Religionen zur Beschränkung auf genau eine Religion führen müsste. Damit aber wären wir bereits auf dem Weg in die Theokratie. Die Maxime der Gleichbehandlung trifft hierbei übrigens nicht nur die Religionsgemeinschaften; auch manche politische Organisation oder Initiative meint bekanntlich aufgrund ihrer selbsterklärten überlegenen ethischen Qualität im Kampf „um den Planeten“, gegen den „Ausbeuter-Kapitalismus“ oder gegen „Rechts“ über dem Gesetz zu stehen. Aus dem Grundsatz der Gleichbehandlung ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Zum Teil beschneiden sie bestehende – nach diesem Grundsatz ungerechtfertigte – Privilegien, zum Teil stärken sie aber auch 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 199 die Rechte der Religionsgemeinschaften, indem sie sie unsachlich-emotionalen politischen Angriffen entziehen. Auf einige davon wollen wir im Folgenden eingehen. Beschränkung finanzieller Zuwendungen und Vorteile Die rechtliche Gleichstellung mit anderen Vereinigungen hat unmittelbar das Ende finanzieller Vorteile für Religionsgemeinschaften zur Folge. Finanzielle Zuwendungen und nicht monetäre Leistungen des Staates zugunsten von Religionsgemeinschaften sind dann lediglich in dem Maße zulässig, wie sie für gemeinnützige Aktivitäten ohne religiösen Inhalt üblich bzw. erlaubt sind. Damit kann der Staat weiterhin gesellschaftlich wertvolle (und sonst vom Staat selbst bereitzustellende) Tätigkeiten wie den Betrieb von Krankenhäusern oder Kindergärten finanzieren oder sich an der Erhaltung von Baudenkmälern beteiligen. Zulässig wären weiterhin auch sachlich begründete staatliche Zahlungen wie die unter Verweis auf Enteignungen der Kirche aus dem 19. Jahrhundert aus Landeshaushalten gezahlte Vergütung von Bischöfen. Dass, auch mit Blick auf die Frage, wie die Kirchen seinerzeit zu ihrem umfangreichen Grundbesitz gekommen sind, eine abschließende Regelung anstelle unbefristeter Zahlungen überfällig ist, ist lediglich die private Meinung des Autors. Unzulässig hingegen wäre der deutsche Sonderfall der Kirchensteuer, also das Eintreiben des „Mitgliedsbeitrags“ der Kirchen durch den Staat. Zwar wird der Staat hierfür durch einen Anteil am Steueraufkommen entschädigt, sodass es sich nicht um eine verdeckte Finanzierung handelt. Gleichwohl sollte dieses Handeln künftig unterbleiben. Hierfür gibt es verschiedene Argumente. Zuallererst gibt es keinen vernünftigen Grund, dass der Staat solche Leistungen überhaupt privaten Organisationen anbietet, und schon gar nicht exklusiv für eine einzelne. Das Steuersystem hat nicht den Zweck, Mitgliedsbeiträge einzuziehen. Wäre dies so, müsste es auch anderen Vereinigungen und Unternehmen offenstehen. In der Praxis ist aber selbst der staatsnahe öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Lage, seine steuerähnlichen Zwangsbeiträge selbst einzuziehen. Ein Sonderrecht nur für die Kirchen ist ein systematischer Fremdkörper und ein grundloses Privileg. Zum Weiteren entstehen die Kosten dieses Verfahrens ja keineswegs nur beim Staat; im Gegenteil sind es Arbeitgeber und Banken, die durch die besondere Art der Abrechnung der Öffentlichkeit nicht transparente, aber gleichwohl sehr erhebliche Kosten tragen. So sind etwa bei Änderungen der Zinsbesteuerung auch kirchensteuerbezogene Anpas- 200 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? sungen zu berücksichtigen; dies führt bei den Banken zu sehr erheblichen IT-Kosten, die in ihrer Wirkung einer Banken-Zusatzsteuer zugunsten der Kirchen gleichkommen. Die Vereinbarung zwischen Staat und Kirchen ist also auch ein Vertrag zulasten Dritter und schon deswegen inakzeptabel. Dass Organisationen wie Religionsgemeinschaften Beträge erheben, an die die Mitgliedschaft geknüpft ist, soll hier durchaus nicht kritisiert werden. Dies tun auch Sportvereine und Parteien. Ob dies mit den religiösen Lehren in Einklang steht, darf uns hier nicht kümmern. Die staatliche Unterstützung bei der Erhebung dieser Beiträge, auch weil sie zulasten Dritter geht, ist jedoch aus dem Grundsatz der Gleichbehandlung heraus inakzeptabel und sollte daher beendet werden. Den Kirchen entsteht hierdurch ja kein unbilliger Nachteil, stehen ihnen doch die gleichen Abrechnungs- und Einzugsmittel zur Verfügung wie jeder anderen Organisation. Öffentliches Auftreten In den vergangenen Jahren haben sich immer wieder hitzige Diskussionen um den öffentlichen Auftritt von Religionen entzündet. In der Schweiz wurde ein Minarettverbot durchgesetzt, in Frankreich ein Burkaverbot, in den USA und Großbritannien wurden Weihnachtsfeiern umbenannt oder verboten und auch in Deutschland flammen solche Diskussionen immer wieder auf. In einem Dreieck aus Forderungshaltung von vor allem muslimischer Seite, Missmut und Ablehnung derselben durch weite Teile der Bevölkerung und politischer Korrektheit bis zur Selbstaufgabe haben diese Dispute bei allen Beteiligten viel Schaden für das Zusammenleben angerichtet und das Ansehen von Politik und Religionen beeinträchtigt. Mangels einer klaren Orientierung wird ausschließlich mit schwammigen, mannigfaltiger Interpretation offenstehenden Begriffen wie Integration, Religionsfreiheit, Leitkultur hantiert und rechtliche Bestimmungen werden angeführt, als seien sie in Stein gemeißelt. Mit dem hier postulierten Grundsatz der Gleichbehandlung lösen sich diese Querelen weitgehend auf. Und dies durchaus auch im Interesse der Religionen: Denn ist der Grundsatz akzeptiert, besteht keine Ursache, Religion und religiöse Handlungen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, wie dies in sozialistischen Staaten häufig der Fall war und es sich vielleicht einige übereifrige Atheisten wünschen. So kommen wir etwa in der Debatte um ein Verbot der Vollverschleierung von Frauen mittels Burka oder des deutlich häufiger anzutreffenden Niqab zum eindeutigen Schluss, dass ein Verbot abzulehnen ist. 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 201 Denn weder beeinträchtigt die Vollverschleierung Rechte Dritter, noch gibt es einen sachlichen Grund, von der Freiheit, sich nach dem eigenen Geschmack (oder was immer man dafür hält) zu kleiden, abzugehen. Solange Kleidung nicht ausdrücklich oder implizit verfassungsfeindliche Ideen propagiert, wie dies etwa durch ein Design mit Hakenkreuz oder Symbolen des Islamischen Staates der Fall wäre (und diese Interpretation geht im Falle der Vollverschleierung zu weit, auch wenn man den Islam nicht nur als Religion, sondern auch als Staatsideologie ansieht), oder Sicherheitsbedenkeni bestehen, gilt es, diese hinzunehmen. Ob die jeweilige Kleidung freiwillig getragen wird oder nicht, ist dabei ebenso belanglos wie die Motive dafür. Ob eine Frau durch ihre Verschleierung – oder auch ein Kopftuch wie den Hidschab – allen Männern implizit die Selbstkontrolle und anderen Frauen den Anstand abspricht oder eine Punkerin kraft ihres Outfits alle konventioneller Gekleideten zu Spießern und Sklaven des Systems erklärt, ist letztlich kein Unterschied. Allerdings sollte auch klar sein, dass zur Freiheit, sich nach eigenem Ermessen zu kleiden, auch die Freiheit der anderen gehört, jene Kleidung zu missbilligen. Aus dem Recht, sich seine Kleidung frei zu wählen, entsteht mitnichten ein Anspruch auf gesellschaftliche Akzeptanz. Wer von diesem Recht in radikaler Weise Gebrauch macht, darf sich nicht über Kopfschütteln und abschätzige Kommentare wundern – denn dazu sind unsere Mitmenschen gleichermaßen berechtigt. Tatsächlich sind bei Beibehaltung und Bestätigung des Rechts, sich durch Kleidung jeder Art von anderen abzuheben, auch weiter gehende Reaktionen zulässig. Denn da religiös motivierten Wünschen vor dem Hintergrund der Gleichbehandlung kein höheres Anspruchsniveau zukommt als anderen, sind staatliche, gesellschaftliche und private Belange Dritter in vielen Fällen vorrangig. Dies lässt hinreichend Spielraum, rein religiös geprägte Handlungsweisen in bestimmten Umfeldern in ihre Schranken zu weisen. Um bei der Kleidungsfrage zu bleiben, stünde es beispielsweise staatlichen Institutionen frei, ja sogar gut an, von ihren Bediensteten eine bekenntnisneutrale Dienstkleidung zu verlangen – nicht notwendigerweise in den öffentlichen Verkehrsbetrieben, aber gewiss dort, wo hoheiti Dies wäre z. B. der Fall, wenn die Bekleidung beim Führen eines Kraftfahrzeugs behindert, ein Lichtbild für Personalausweis oder Reisepass angefertigt wird oder religi- öse Utensilien wie der Sikh-typische Dolch bei Flugreisen nicht im Handgepäck mitgeführt werden kann. 202 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? liche Aufgaben ausgeübt werden, also der Staat repräsentiert wird, etwa in der Justiz, in Behörden oder bei der Polizei. Im selben Maße wie man hier das Tragen politischer Symbole oder von Vereinsinsignien beschränkt bzw. ausschließt, wäre dies auch für religiöse nicht nur zulässig, sondern im Zuge der Gleichbehandlung geboten. Hierbei sollten die Behörden einen Ermessensspielraum haben. Ob beispielsweise ein Sikh bei der Polizei einen Turban oder eine Polizeimütze trägt, dürfte für seine Funktion keine Rolle spielen und könnte vielleicht erlaubt werden, wenn in der Bevölkerung hiergegen keine Vorbehalte bestehen; eine Vollverschleierung oder ein Hidschab dürfte hingegen schon aus praktischen Gründen für eine Polizistin nicht infrage kommen und wäre mit dem Selbstverständnis der Polizei als bürgernah unvereinbar. Genauso sollte es weiterhin im Ermessen von Unternehmen liegen, ihren Angestellten Vorgaben zur Dienstkleidung zu machen. Hierfür sollte sich ein Unternehmen auch nicht rechtfertigen müssen. Wenn Unternehmer oder Management der Meinung sind, dass es für das Vertrauen der Kunden oder die Zusammenarbeit der Mitarbeiter abträglich ist, Kopftuch, Turban, Schläfenlocken oder Gesichtstätowierungen zu tragen, ist dies vom Mitarbeiter wie vom Staat zu akzeptieren. Dass Kunden eine Anlageberatung durch eine Beraterin im Niqab genauso wenig akzeptieren würden wie Eltern die Unterrichtung ihrer Kinder durch eine derart gewandete Person, erscheint offensichtlich und nachvollziehbar. Nicht alles ist Diskriminierung, nur weil es jemand dazu erklären möchte. Der Grundsatz der Gleichbehandlung weist ebenso den Weg bei der Forderung nach Gebetsräumen etwa an Universitäten, wie sie auch in Deutschland üblicherweise von islamischer Seite schon erhoben wurde. Solche sind schon deswegen abzulehnen, weil die besagten Institutionen anderen Zwecken dienen und nicht dazu, auf ihre Kosten die private Lebensgestaltung Einzelner zu akkommodieren. Dass solche regelmäßig rein aus Gründen der Provokation und des Austestens und Ausweitens von Grenzen erhobenen Forderungen überhaupt Gehör finden, liegt allein an einem falschen, schrankenlosen Verständnis des Begriffs der Religionsfreiheit – ein weiterer Anlass, auf ihn künftig zu verzichten. In Bezug auf die Diskussion um lokale oder regionale Verbote des Baus von Moscheen oder Minaretten hilft unser Grundsatz gleicherma- ßen, den Interessen der Religionsgemeinschaften angemessen nachzukommen, ohne der gesellschaftspolitischen Gestaltungsmöglichkeit von Politik zu enge Grenzen zu ziehen. In der Tat besteht keinerlei Grund, den 9 Was nun? Fazit und Konsequenzen 203 Bau einer bestimmten Art von Gebäuden per se zu verbieten; ob jemand Neuschwanstein nachbauen oder einen Jain-Tempel errichten möchte, bleibt sich gleich. Der Grundsatz der Gleichbehandlung bestimmt aber eben auch, dass jeder Bau sich den vorhandenen baurechtlichen Regeln zu unterwerfen hat. Dem Bauherrn eines Einfamilienhauses sind zum Beispiel häufig Höhe des Hauses, Farbe der Dachziegel und die Bepflanzung des Gartens vorgeschrieben; da ist es dann auch gerechtfertigt, mit den gleichen Mitteln dafür zu sorgen, dass sich ein Tempel oder eine Moschee in die Umgebung einfügt. Wenn in einer Wohnsiedlung weder Fabriken noch Stadien oder Windräder platziert werden dürfen, so können die gleichen Maßstäbe eben auch dazu führen, an gleicher Stelle den Bau einer überdimensionalen Buddhastatue auszuschließen. Wenn also beispielsweise ein Gotteshaus wie der bekannte Hindu-Tempel von Hamm nicht in der Innenstadt, sondern in einem Industriegebiet gebaut wird, mag solche Rücksichtnahme nicht dem Anspruch mancher Religionen und Gläubigen entsprechen; diesen zu erfüllen ist aber auch nicht Aufgabe des Staates. Die Möglichkeit, der eigenen Religion nachzugehen, bleibt ja vollumfänglich erhalten. Im Gegenteil sichert der Grundsatz der Gleichbehandlung, dass subjektive Ansprüche einzelner Gruppen eben keinen Einfluss auf politische Entscheidungen erhalten. Damit sollte in einer demokratischen Gesellschaft jeder leben können, außer jenen, denen es um mehr geht als die Ausübung ihrer Religion. Gleiches gilt für das Prinzip der Versammlungsfreiheit. Eine Pfingstprozession und öffentliche Gebete haben das gleiche Recht stattzufinden wie eine politische Demonstration, der Aufzug eines Schützenvereins oder der Kölner Rosenmontagszug. Für alle gelten dann allerdings auch die gleichen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Auch Auswüchse der politischen Korrektheit wie das Verbot von Weihnachtsfeiern an US-Universitäteni können so vermieden werden. In der Tat: Wenn bereits ein Weihnachtsbaum als legitimer Grund angesehen würde, beleidigt zu sein, müsste man erst recht sämtliche Gotteshäuser einreißen. Eine Grundtoleranz ist Menschen jeder Weltanschauung zumutbar. Wenn allerdings zwei Drittel der Muslime religiöse Gesetze für wichtiger halten als die Gesetze des Landes, i Die University of Tennessee beispielsweise verbietet zwar keine Feiern, fordert aber in klaren Worten: „Décor selection should be general, not specific to any religion or culture“, und: „Ensure your holiday party is not a Christmas party in disguise“ (siehe http://diversity.utk.edu/resources/holidays/). 204 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? in dem sie leben,253 und jeder dritte Deutschtürke die Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten anstrebt,254 wird klar, dass es klarer Grenzen und ihrer konsequenten Einhaltung bedarf, will man den Rechtsstaat erhalten. Die hier dargestellten, auseinander abgeleiteten Grundsätze einer evidenzbasierten Politik, einer Nichtanerkennung religiöser Inhalte und einer strikten Gleichstellung von Religionsgemeinschaften mit anderen Vereinigungen stellen hierfür eine einfache, verständliche, gerechte und praktikable Grundlage dar. Werden sie zum gesellschaftlichen und politischen Konsens, steht einem halbwegs harmonischen Zusammenleben nichts mehr im Wege. Eigentlich, sollte man meinen, eigentlich wäre das gar nicht so schwer. 205 Nachwort von Vera Lengsfeld „Religion ist Opium des Volkes“, schrieb Karl Marx 1844 in seiner „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Wladimir Iljitsch Lenin, der sich erfolgreich daran gemacht hatte, die Theorien des größten kommunistischen Denkers Realität werden zu lassen, vereinfachte diesen Satz zu „Religion ist Opium für das Volk“. Da es neben der kommunistischen Ideologie aber kein Opium für das Volk geben sollte, hat der Kommunismus in seinem Herrschaftsbereich den historischen Versuch unternommen, Religionen zurückzudrängen und schließlich auszurotten. Kirchen wurden gesprengt, Klöster aufgelöst und zerstört, Gläubige verfolgt und der Atheismus als einzig gültige Lehre in den Schulen unterrichtet. In den muslimischen mittelasiatischen Sowjetrepubliken wurde die Verschleierung von Frauen verboten und die Gleichberechtigung von Mann und Frau per Dekret verfügt. Als Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Einflussbereich bis nach Mitteleuropa ausdehnen konnte, wurden in allen Ländern des Ostblocks Religionen verfolgt, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. In Polen erwies sich der Katholizismus stärker als die kommunistische Ideologie. Als der polnische Kardinal Karol Wojtyła 1978 zum Papst gewählt wurde, bekam das kommunistische Imperium die ersten irreparablen Risse. In der DDR ging die Verfolgung von Religionsausübung in den fünfziger Jahren so weit, dass die wenigen jüdischen Gemeinden, die sich nach der Nazidiktatur in der sowjetischen Besatzungszone neu gegründet hatten, bald kaum noch existierten. Die jüdische Gemeinde in Ostberlin war so schwach, dass sie 1987/88 einen amerikanischen Rabbiner beschäftigen musste, weil es keinen eigenen gab. Große Teile der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße wurden 1958 abgerissen. Mitte der 80er-Jahre plante das Politbüro, eine Schnellstraße durch den Jüdischen Friedhof in Weißensee zu bauen, was nur durch massive Proteste der Bevölkerung verhindert wurde. In den beiden großen christlichen Kirchen bestanden die Gemeinden vorwiegend aus älteren Menschen, die keine beruflichen Nachteile mehr befürchten mussten. Bis zum Machtantritt von Erich Honecker waren junge Menschen, die einer Religionsgemeinschaft angehörten, von 206 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? höherer Bildung ausgeschlossen. Das änderte sich erst, als die evangelische Kirche anerkannte, „Kirche im Sozialismus“ zu sein, und dafür das Zugeständnis erhielt, in ihren eigenen Räumen nicht von staatlichen Stellen kontrolliert und gemaßregelt zu werden. In diesem Freiraum, der sich seit der Vereinbarung zwischen Staat und Kirche von 1976 auftat, entwickelte sich ab Ende der 70er-Jahre die Bürgerrechtsbewegung der DDR, die entscheidend zum Ende der DDR und damit des kommunistischen Weltsystems beitrug. Die vollen Kirchen während der friedlichen Revolution 1989 täuschten die Öffentlichkeit im Westen allerdings darüber hinweg, dass die DDR ein weitgehend atheistisches Land geworden war. In den neuen Bundesländern ist auch kein Aufschwung von religiösem Leben zu verzeichnen, mit Ausnahme des Wiedererstehens jüdischen Lebens, hauptsächlich getragen von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, und der Gründung islamischer Gemeinden. Die Zahl der Kirchenaustritte hat in den letzten Jahren nicht abgenommen, eher hat die Tendenz auf die alten Länder übergegriffen, wo in den letzten Jahren die Zahl der Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, ständig wächst. Diesem Trend zur Säkularisierung wirkt allerdings neben den Religionsgemeinschaften selbst zunehmend auch die gesellschaftliche Dynamik aufgrund der Migration entgegen. Die ehemalige EKD-Synodale und Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, vertrat bei der Aussprache zum EKD-Ratsbericht am 8. November 2015 vor der Synode in Bremen bereits die Auffassung, Deutschland würde durch die Masseneinwanderung von Flüchtlingen „religiöser, bunter, vielfältiger und jünger“. Worauf sich Göring-Eckardt nach eigenem Bekenntnis „freute“, erweist sich jedoch immer mehr als ein Problem für unsere Gesellschaft: Die muslimische Einwanderung hat religiösen Fundamentalismus und Islamismus in Deutschland verstärkt. Konservative islamische Verbände machen mit immer weiter reichenden Forderungen politischen Druck. Staatlich geförderte Eingriffe in die Meinungsfreiheit, die Einflussnahme auf Sprache durch Lobbys und der politische Unwillen, sich mit den hieraus resultierenden Problemen auseinanderzusetzen, wirkt sich dabei verheerend auf den öffentlichen Diskurs aus. Dass sich Behörden mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie salafistisch geprägte Koran- übersetzungen adäquat entsorgt werden können,255 hätte man vor Kurzem noch als Satire angesehen. Nachwort von Vera Lengsfeld 207 Grund genug, der Frage nachzugehen, wie sich Religion und Gesellschaft zueinander verhalten und was geschehen muss, damit es ein gedeihliches Miteinander statt ein gefährliches Gegeneinander gibt. Deswegen ist die intensive Analyse der Glaubhaftigkeit von Religionen, die den Kern dieses Buches darstellt, für eine fundierte Diskussion ebenso wichtig wie die auf dieser Grundlage entwickelten pragmatischen Lösungen zum Umgang mit Religionen. Die hier dargelegten Vorschläge werden dringend benötigt und haben eine breite Verbreitung und Diskussion in der Öffentlichkeit verdient. Politik und Staat, die sich religiöse Lehren und Inhalte nicht zu eigen machen, bieten keinen Grund, Religionen unterschiedlich zu behandeln, sie zu bewerten oder zu privilegieren. Damit ist die konsequente religiöse Neutralität von Staat und Politik der beste Garant gegen Vormachtsbestrebungen einer Religion. Das ist es, was wir gegenwärtig in Zeiten wachsender religiös motivierter Auseinandersetzungen dringend brauchen. Vera Lengsfeld, Mai 2017 209 Danksagung Besonderen Dank schulde ich Prof. Manfred Hutter vom religionswissenschaftlichen Institut der Universität Bonn, ohne dessen wertvolle Anregungen das Buch unvollständig geblieben wäre, und der Publizistin, Bürgerrechtlerin und MdB a. D. Vera Lengsfeld (vera-lengsfeld.de) für ihr freundliches Nachwort. Natürlich baut auch dieses Werk auf der Fülle der zu Rate gezogenen Literatur auf. Hervorheben möchte ich dabei Prof. Klaus von Stosch, dessen Arbeiten zweifellos mit zu den durchdachtesten und stärksten gehören, die die katholische Theologie in Deutschland zu bieten hat. Dank gebührt natürlich auch meinen Eltern, die mir die kölsche Form des Katholizismus nahegebracht haben, den Autoren der „Achse des Guten“ (achgut.de), die immer wieder praktische Themen heutiger Religionsausübung aufwerfen und behandeln, und Dr. Heinz-Werner Kubitza vom Tectum Verlag für sein Vertrauen in das Buch. Auch sei allen Lesern gedankt für ihr Interesse und die investierte Zeit, in der Hoffnung, dass sie das Buch mit Gewinn gelesen haben. Und schließlich danke ich Lord Ganesha, dem Überwinder der Hindernisse, ohne dessen Unterstützung dieses Buch vielleicht nicht entstanden wäre … 211 Literaturverzeichnis Acharya, Kala: Religious Practices in Hinduism. Mumbai: K. J. Somaiya Bharatiya Sanskriti Peetham, 2003 (http://www.nicodemo.net/pdf/Acharya_ Religious_practices.pdf ). Ahmad, Masroor: Der Islam und die Freiheit des Gewissens. Frankfurt a. M.: Verlag der Islam, 2013. Beckermann, Ansgar: Neuronale Determiniertheit und Freiheit. In: Köchy, K.; Stederoth, D. 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Koopmanns 2014. 5 Siehe Strüning 2013. 6 Vgl. https://www.uni-bamberg.de/ev-syst/oeffentliche-theologie-publictheology/was-ist-oeffentliche-theologie/. 7 Siehe Strüning 2013. 8 Siehe Bündnis 90/Die Grünen: Ein Gebot der Menschlichkeit, 20.11.2015, https://www.gruene.de/ueber-uns/ein-gebot-der-menschlichkeit.html. 9 Siehe http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/ merkel-christsein-leben-statt-aengste-schueren-93266/. 10 Siehe http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ein-wink-vom-herr gott-angela-merkels-rhetorik-13838621.html. 11 Siehe Johannes Paul II. 1998, Einleitung, Abschnitt 5. 12 Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900), klassischer Philologe und Philosoph. 13 Nietzsche 1986, S. 20. 14 Gustave Flaubert (1821 – 1880), französischer Dichter. 15 Zitiert nach: http://www.aphorismen.de/zitat/86458. 16 US-amerikanische Autorin christlicher Bücher und protestantische TV- Predigerin, deren Veranstaltungen u. a. im deutschen Sender Tele 5 übertragen werden. 17 Sehr einflussreicher indischer Prediger salafistischer Ausrichtung. 18 Aus Nigeria stammender Gründer und Pastor der „Embassy of God“, einer evangelikal-charismatischen Großkirche in Kiew. 19 Siehe Johannes Paul II. 1998, Einleitung, Abschnitt 4. 20 David Hume (1711 – 1776), schottischer Philosoph, Ökonom und Historiker; bedeutender Vertreter der schottischen Aufklärung. 218 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 21 Ludwig Andreas Feuerbach (1804 – 1872), Philosoph und Anthropologe. 22 Siehe Mackie 1985, S. 19 ff. 23 Schwarz 1992, Kapitel XIII.3, S. 92. 24 Siehe Gunturu 2000, S. 23. 25 Siehe Sivananda 2002, S. 10. 26 Jean de La Bruyère (1645 – 1696), Schriftsteller. Zitiert nach http://www. aphorismen.de/zitat/13674. 27 Benedikt XVI., Predigt zur Amtseinführung, Petersplatz, 24.04.2005, http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/homilies/2005/documents/ hf_ben-xvi_hom_20050424_inizio-pontificato.html. 28 Siehe (ohne Verfasser): Papst: Evolution und Schöpfung sind kein Gegensatz. In: derstandard.at, 26.07.2007, http://derstandard.at/2974707/ Papst-Evolution-und-Schoepfung-sind-kein-Gegensatz. 29 Siehe Schönborn 2005. 30 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Harun_Yahya. 31 Siehe Hutter 2008, Pos. 797/2751. 32 Epikur 1991, S. 127. 33 Siehe (ohne Verfasser): Mehr Sterne als Sand am Meer. In: stern.de, 24. Juli 2003, http://www.stern.de/panorama/wissen/natur/universum-mehr-sterneals-sand-am-meer-3514220.html. 34 Hawking 1988, S. 173. 35 Siehe Dalai Lama 2004, S. 83. 36 Siehe Halm 2000, S. 37. 37 Wir folgen dabei der in Mackie 1985, S. 216 ff. beschriebenen Linie des Philosophen David Hume. 38 Mackie 1985, S. 220. 39 „Das ganze Problem, mit dem wir begonnen haben, war das Problem der Erklärung der statistischen Unwahrscheinlichkeit. Es ist offensichtlich keine Lösung, etwas noch Unwahrscheinlicheres zu postulieren.“ Dawkins 2007, S. 188. 40 Siehe Stosch 2010, S. 243. 41 „Ein Gott, der fähig ist, permanent den individuellen Status jedes Partikels im Universum zu beobachten und zu kontrollieren, kann nicht einfach sein.“ Dawkins 2007, S. 187. Quellennachweise/Anmerkungen 219 42 Stosch 2010, S. 241. 43 Ebd. 44 Zitiert nach Mackie 1985, S. 89. 45 Vgl. Mackie 1985, S. 85. 46 Stosch 2006b, S. 4. 47 Epikur 1991, S. 125. 48 Siehe Stosch 2010, S. 251. 49 Epikur 1991, S. 122. 50 Ebd. 51 Vgl. 2 Mose 32,15–19. 52 René Descartes (1596 – 1650), französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler. 53 Descartes 2012, Kapitel Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie, Widmung. 54 O. Verfasser, Einleitung zur Bibelkunde des Neuen Testaments, https:// www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/. 55 Siehe Halm 2000, S. 12–14. 56 Ebd., S. 14. 57 Siehe Bobzin 2000, S. 27. 58 Ebd., S. 28. 59 Ebd., S. 29. 60 Siehe Halm 2000, S. 75. 61 Ebd., S. 17. 62 Zitiert nach http://gutezitate.com/zitat/260635. 63 Stosch 2010, S. 245. 64 Siehe Lawrence Krauss vs Hamza Tzortzis Debate, https://www.youtube. com/watch?v=fuTucfWTSgw. 65 „Alle Belege deuten darauf hin, dass wir nicht ein gesittetes, uhrwerkartiges Universum bewohnen, sondern einen destruktiven, gewalttätigen und feindlichen Zoo. Natürlich kann auch die Erde Ihrer Gesundheit schaden. An Land wollen uns Grizzlybären verspeisen; in den Meeren wollen uns Haie fressen. Schneewehen lassen uns erfrieren, Wüsten dehydrieren uns, Erbeben begraben uns, Vulkane äschern uns ein. Viren infizieren uns, 220 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Parasiten saugen lebenswichtige Flüssigkeiten aus uns, Krebs kann unseren Körper übernehmen, angeborene Erkrankungen einen frühen Tod verursachen. Und selbst wenn man das Glück hat, gesund zu sein, kann ein Heuschreckenschwarm die Ernte vernichten, ein Tsunami die Familie fortspülen oder ein Hurrikan Ihre Stadt wegblasen. Das Universum will uns also alle töten.“ Neil DeGrasse Tyson, The perimeter of ignorance. In: Natural History Magazine, Nov. 2005, http://www.haydenplanetarium.org/ tyson/read/2005/11/01/the-perimeter-of-ignorance. 66 Siehe Eibach 2010, S. 7. 67 Siehe Ramachandran/Blakeslee 2015, S. 284 ff. 68 Ebd., S. 289 ff. 69 Siehe Eibach 2010, S. 8. 70 Siehe ebd., S. 9. 71 Siehe Mackie 1985, S. 30. 72 Ebd., S. 36. 73 Ähnlich auch Matthäus 9,28–30: „Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Er sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich euch helfen kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll es geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet.“ 74 Hebräer 11,6. 75 Bhagavadgita, 9. Gesang, Vers 30. 76 Apostasie: Abfall vom Glauben. 77 Zitiert nach http://www.philolex.de/galilei.htm. 78 Nietzsche 1986, S. 40. 79 Siehe Dalai Lama 2004, S. 25. 80 Johannes Paul II. 1998. 81 Benedikt XVI.: Ansprache an die Teilnehmer der ersten Begegnung der Dozenten der europäischen Universitäten, 23. Juni 2007, http://w2.vatican. va/content/benedict-xvi/de/speeches/2007/june/documents/hf_ben-xvi_ spe_20070623_european-univ.pdf. 82 Siehe ebd. Quellennachweise/Anmerkungen 221 83 Joseph Kardinal Ratzinger: Christologische Orientierungspunkte. Vortrag in Rio de Janeiro, Sept. 1982. Abgedruckt in: Schauen auf den Durchbohrten. Versuche einer spirituellen Christologie. 2. Aufl., Einsiedeln 1990, S. 37 f. 84 Joseph Kardinal Ratzinger am 15. Oktober 1998 bei der Vorstellung der Enzyklika Fides et Ratio, http://www.kath-info.de/anwalt.html. 85 Siehe http://www.islam-pedia.de/index.php5?title=Iman. 86 Diese Argumentation verwendet z. B. Christian Schüle: Warum wir glauben müssen. In: Zeit Online, 04.12.2012, http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/ 01/Glaube-Religion-Psychologie/komplettansicht. 87 Wilhelm von Ockham (1288–1347), Philosoph und Theologe. 88 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser. 89 Vgl. Pinker 1999, S. 555: „Ancestor worship must be an appealing idea to people who are about to become ancestors. As one’s days dwindle, life begins to shift from an iterative prisoner’s dilemma, in which defection can be punished and cooperation rewarded, to a one-shot prisoner’s dilemma, in which enforcement is impossible. If you can convince your children that your soul will live on and watch over their affairs, they are less emboldened to defect while you are alive.“ 90 Vgl. Wunn 2005. 91 Stosch 2010, S. 245. 92 Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951), österreichisch-britischer Philosoph. 93 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Theologie. 94 Aus diesem Grund sprechen einige Wissenschaftstheoretiker der Theologie den wissenschaftlichen Charakter per se ab (vgl. ebd.). Ähnliche Vorbehalte bestehen zum Beispiel, mit mindestens der gleichen Berechtigung, auch hinsichtlich der sogenannten Gender Studies. 95 Details zum Versuch vgl. https://www.templeton.org/pdfs/press_releases/ 060407STEP_paper.pdf. 96 Vgl. Stosch 2005, S. 37 f. 97 Nietzsche 1986, S. 28. 98 Mylius 2007, 2. Gesang 22. 99 Epikur 1991, S. 26. 100 Sahih Al-Bukhari Nr. 6594, zitiert nach http://www.islam-pedia.de/index. php5?title=Mensch. 222 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 101 So z. B. Günter Ewald: Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen, Butztin & Bercker, oder Rolf Fromböse in Deutschlandradio Kultur: Die Physik und die unsterbliche Seele, Beitrag vom 24.12.2013. 102 Christian Hoppe: Ein einfaches Argument gegen einen Gehirn-Bewusstseins-Substanzendualismus und Konsequenzen in Bezug auf die mögliche Existenz unsterblicher Seelen, 23.12.2014, http://www.scilogs.de/wirklich keit/ein-argument-gehirn-bewusstseins-substanzendualismus/. 103 Siehe Eibach 2010, S. 6. 104 Fiktive Stadt aus der TV-Serie „Game of Thrones“. 105 Platon 1979, S. 19. 106 Siehe Gunturu 2000, S. 55. 107 Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum (Vorlesungen über das apostolische Glaubensbekenntnis), zitiert nach: https://de.wikipedia.org/ wiki/H%C3%B6lle#R.C3.B6misch-katholische_Kirche_und_evangelische_ Kirchen. 108 Siehe 4. Mose 15,32–36. 109 Siehe Bobzin 2000, S. 97. 110 Pohl 2006, S. 63. 111 Stosch 2006a, S. 9. 112 Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), Philosoph, Autor und Hochschullehrer. 113 Arthur Schopenhauer: Preisschrift über die Freiheit des Willens. In: ders.: Werke in zehn Bänden, Bd. VI. Zürich 1977, S. 48, zitiert aus: Schmidt- Salomon 1995. 114 Ebd., S. 84. 115 Mauersberg/Priess 2004. 116 Schnabel 2005. 117 Siehe Markus C. Schulte von Drach: Der freie Wille ist nur ein gutes Gefühl (Interview mit Prof. Wolf Singer). In: Sueddeutsche.de, 25.01.2006, http://www.sueddeutsche.de/wissen/hirnforschung-und-philosophie-derfreie-wille-ist-nur-ein-gutes-gefuehl-1.1046593. 118 Pohl 2006, S. 63. 119 Schnabel 2005. 120 Ebd. Quellennachweise/Anmerkungen 223 121 Tobias Hürter: Können wir wirklich frei entscheiden? In: Zeit.de, 11.10.2011, http://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/06/Entscheidungsfreiheit. 122 Mauersberg/Priess 2004. 123 Ebd. 124 https://de.wikipedia.org/wiki/De_servo_arbitrio#cite_note-1. 125 Siehe Halm 2000, S. 34. 126 Ebd., S. 36. 127 Ebd. 128 Interview mit Prof. Wolf Singer: Meditation trifft Hirnforschung, http:// www.izn-frankfurt.de/web-content/seiten/interview_singer.html. 129 Stosch 2010, S. 254. Stosch steht dabei nicht allein: Auch für den Philosophen Julian Nida-Rümelin steht die Menschenwürde auf dem Spiel, da diese für ihn auf Freiheit beruht (vgl. Hardeger 2009, S. 168). 130 Stosch 2010, S. 254. 131 Neumann-Held et al. o. J., S. 6. 132 Rudolf Sponsel: Willensfreiheit. In: Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie, 2014, http://www.sgipt.org/gipt/allpsy/ wollen/fw_tds04.htm. 133 Daniel Dennett: Stop Telling People They Don’t Have Free Will. In: youtube.com 09.01.2015, https://www.youtube.com/watch?v=vBrSdlOhIx4. 134 Tetens 2004. 135 Schnabel 2005. 136 Ebd. 137 „Niemand möchte gesagt bekommen, er sei nur eine Maschine. Aber es gibt einfach keinen auch nur annähernd überzeugenden Beweis für die Quanten-Sicht. Popper und Eccles schlugen vor, dass freier Wille aus der Quantenunschärfe in den chemischen Nachrichten zwischen den Neuronen resultiert. Aber nichts davon geschieht auf dem Quanten-Level. Vom physikalischen Standpunkt aus ist es Makro-Level“ (Chivers 2010). 138 Siehe Neumann-Held et al. o. J., S. 16. 139 Jürgen Habermas, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 52 (6), 2004, S. 885, zitiert nach Uphoff 2005. 140 Gerhard Roth: Willensfreiheit und Schuldfähigkeit aus Sicht der Hirnforschung. Bislang nicht veröffentlichtes Manuskript, S. 13, zitiert nach Uphoff 2005. 224 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 141 Siehe Sponsel, Willensfreiheit, http://www.sgipt.org/gipt/allpsy/wollen/ fw_tds04.htm. 142 Hardegger 2009, S. 168. 143 Singer 2004. 144 Der Schriftsteller Ambrose Bierce definierte Beten als „Bitte, dass die Gesetze des Universums annulliert werden zum Nutzen eines einzelnen Bittstellers, der sich selbst als unwürdig bezeichnet.“ Zitiert nach Pinker 1999, S. 556. 145 Markus 11.24. 146 Bhagavadgita, 9. Gesang, Vers 22. 147 Epikur 1991, S. 130. 148 Bhagavadgita, 9. Gesang, Vers 26. 149 „Ich glaube eigentlich, Gott mag uns Atheisten lieber. Wir bitten ihn nie um etwas“. Dave Allen – religious jokes, https://www.youtube.com/ watch?v=mYXenjpefNU. 150 http://gutezitate.com/zitat/138015. 151 http://www.aphorismen.de/zitat/23244. 152 Hillebrand et al. 2005, S. 335. 153 „Der philosophische Glaube“, 9. Auflage, 1988, S. 73, zitiert nach: http://gutezitate.com/zitat/224234. 154 Markus 16,16. Beliebt ist auch die ganz ähnliche Aussage in Johannes 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich!“ 155 Matthäus 10,37. 156 Aus Briefen Cyprians, ep. 73,21, https://de.wikipedia.org/wiki/Extra_eccle siam_nulla_salus#cite_note-1. 157 Paul VI: Nostra Aetate. 158 Dominus Iesus, 21, Abs. 2. 159 Dominus Iesus, 14. 160 Qur’an, Sure 2, Vers 1. 161 Qur’an, Sure 3, Vers 109. 162 Qur’an, Sure 9, Vers 28. 163 Siehe Gunturu 2000, S. 21. Quellennachweise/Anmerkungen 225 164 Vgl. Hutter 2008, Einleitung 1.d). 165 Siehe http://www.aphorismen.de/zitat/80547. 166 Vgl. Hutter 2008, Pos. 1917/2751. 167 Siehe Schultz/Seidel 1997, S. 418. 168 Siehe ebd., S. 149. 169 Vgl. 2 Kön 23,13–15. 170 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Aschera. 171 Siehe Bobzin 2000, S. 54. 172 Siehe Halm 2000, S. 71. 173 Siehe Bobzin 2000, S. 94. 174 Siehe Halm 2000, S. 11. 175 Siehe Özbe 2016, S. 15. 176 Internationale Theologenkommission 1996, S. 42. 177 Siehe Kreiner 2005, S. 23 ff. 178 Siehe Stosch 2002, S. 1–2. 179 Ebd., S. 2. 180 Ebd., S. 6. 181 Frithjof Schuon, in: Den Islam verstehen, zitiert nach https://de.wikipedia. org/wiki/Absolutheitsanspruch_(Religion). 182 Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716), Philosoph, Mathematiker, Diplomat und Historiker, Vordenker der Aufklärung. 183 Siehe Streminger 2003, Abschnitt II. 184 Mackie 1985, S. 241. 185 Siehe jhs: UN Millenniumsziele: Wo die Welt im Kampf gegen Hunger und Armut steht. In: Sueddeutsche.de, 25.09.2015, http://www.sueddeut sche.de/wissen/hunger-armut-krankheit-wo-die-welt-im-kampf-gegenhunger-und-armut-steht-1.2662369. 186 Woody Allen, in: Die letzte Nacht des Boris Gruschenko (Originaltitel: Love and Death). Rollins & Joffe/United Artists, 1975. 187 Siehe Blumenfeld 2012 für Beispiele derartiger Anschuldigungen. 188 Siehe Kazim 2015, S. 79. 189 Siehe Stosch 2006c, S. 1. 226 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 190 Ebd. 191 Siehe Streminger 2003, Abschnitt IV D. 192 Siehe Stosch 2006c, S. 1. 193 Mackie 1985, S. 263. 194 Stosch 2006c, S. 2. 195 Ebd. 196 Ebd., S. 15. 197 Ebd., S. 16. 198 Siehe Mackie 1985, S. 258. 199 Siehe 2. Mose 33,19. 200 Kahl 2008, S. 9. 201 Ebd., S. 10. 202 Siehe z. B. Qur’an Sure 5, Verse 89–90 und Sure 2, Vers 101 sowie Hiob 1,7 und Lukas 4,1. 203 Kahl 2008, S. 8. 204 http://www.zitate-online.de/stichworte/entschuldigung-gottes/. 205 Robert Emil Lembke (1912–1989), Journalist und Fernsehmoderator, zitiert nach http://gutezitate.com/zitat/212252. 206 Blaise Pascal (1623 – 1662), Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph. 207 http://www.zitate-online.de/literaturzitate/allgemein/19578/niemals-tut-dermensch-das-boese-so-vollkommen.html. 208 Siehe Halm 2000, S. 36. 209 Siehe http://www.unmoralische.de/zitate2/Russell.htm. 210 Stosch 2010, S. 238. 211 Siehe ebd. 212 Qur´an, Sure 4, Vers 143 (Freund kann auch mit Beschützer oder Unterstützer übersetzt werden). 213 „Armut wird umgedeutet zu religiöser Einfachheit und Austerität. Vielleicht noch wichtiger stellt der Glaube einen Grund zum Stolz dar: einen Grund, aufrecht zu gehen inmitten permanenter Demütigungen und Versuchungen“ (Lieven 2012, S. 131). Quellennachweise/Anmerkungen 227 214 Siehe http://osthessen-news.de/n11527249/menschen-ohne-den-glauben-anostern-sind-ein-gro%C3%9Fes-sicherheitsrisiko.html. 215 3. Mose 20,13. 216 Qur’an, Sure 5, Vers 37. 217 Zakir Naik sieht die Todesstrafe allerdings „nur“ für solche Apostaten als gerechtfertigt an, die ihren neuen Glauben danach öffentlich bekunden: „If a Muslim becomes a non-Muslim and propagates his/her new religion, then it is as good as treason. There is a Death Penalty in Islam for such a person“ (http://www.azquotes.com/author/19149-Zakir_Naik). 218 Qur’an, Sure 2, Vers 215. 219 Halm 2000, S. 76. 220 Al-Bukhari und Muslim, zitiert nach http://islamische-datenbank.de/ option,com_riyad/action,viewhadith/chap_nr,27/min,10/show,10/. 221 Wolfgang Huber: Erzogen zur Gottlosigkeit. In: Wochenpost, 2.11.1995, zitiert nach Ursula Neumann: Sind Christen doch die besseren Menschen? Das Märchen von der Bedeutung christlicher Wertevermittlung. Aus: MIZ 4/98, https://www.ibka.org/artikel/miz98/werte.html. 222 Hillebrand et al. 2005, S. 375. 223 „Alle großen Religionen der Welt mit ihrer Betonung von Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz und Vergebung können innere Werte fördern und tun dies. Aber die Realität der Welt heute ist, dass die grundlegende Ethik in der Religion nicht mehr adäquat ist. Deshalb bin ich mehr und mehr überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, einen Weg zu finden, um jenseits der Religion über Spiritualität und Ethik nachzudenken“ (Dalai Lama auf face book, 10.09.2012: https://www.facebook.com/DalaiLama/ posts/10151052842097616). 224 „Das Schwein ist das schamloseste Tier auf dem Angesicht der Erde. Es ist das einzige Tier, das seine Freunde einlädt, Sex mit seiner Gefährtin zu haben. In Amerika konsumieren die meisten Menschen Schwein. Oft tauscht man nach Tanzpartys die Ehefrauen; viele sagen: ‚Schlaf du mit meiner Frau und ich werde mit deiner Frau schlafen.‘ Wenn man Schwein isst, verhält man sich wie ein Schwein“ (http://www.azquotes.com/quote/ 820387). 225 „Sich vorzustellen, in einem Universum ohne Zweck zu leben, könnte uns vorbereiten, die vor uns liegende Realität besser anzugehen. Ich kann dies nicht als so schlimm ansehen.“ Zitiert nach http://www.brainyquote.com/ quotes/authors/l/lawrence_m_krauss_2.html. 228 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 226 Siehe Lieven 2012, S. 126. 227 Siehe ebd., S. 86 f. 228 Das gilt etwa für die Anordnung einer Gruppenvergewaltigung als Strafe für eigene Verfehlungen oder solche von Familienangehörigen; vgl. z. B. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-01/vergewaltigung-dorf rat-indien oder http://www.bild.de/news/ausland/vergewaltigung/indi endorfgericht-ordnet-vergewaltigung-an-42433902.bild.html. 229 Siehe Sure 5,33+38. 230 Siehe Özbe 2016, S. 8. 231 Vgl. ebd., S. 5. 232 Ebd., S. 10. 233 Siehe Lieven 2012, S. 138. 234 Siehe Bénabou et al. 2013. 235 Siehe ebd., S. 5. 236 „In der grellen, stinkenden, gewalttätigen Welt moderner muslimischer Dritte-Welt-Innenstädte bietet die Moschee eine Oase der Ruhe und Nachdenklichkeit. Die harmonische Gelassenheit ihrer Architektur kontrastiert mit dem hässlichen, vulgären Zusammenprall von westlichem und pakistanischem Kitsch, welcher der Stil so vieler Eliten und erst recht der Massen ist“ (Lieven 2012, S. 132). 237 Siehe http://www.theeuropean.de/diana-kinnert/9548-religion-zwischenkrieg-und-frieden. 238 Qur’an: Sure 33, Vers 20. 239 In Deutschland zeigt sich dies exemplarisch an den Attacken der muslimischen Verbände gegen den Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, der aufgrund von Morddrohungen zeitweise unter Polizeischutz stand, und seinem aus dem Amt gedrängten Vorgänger, Muhammad Sven Kalisch. Vgl. u. a. http:// www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/berlin-plant-ein-zent rum-fuer-islamische-theologie-aber-mit-wem-14212296.html. 240 Vgl. Ahmad 2013, S. 37. 241 Stosch 2009b, S. 33. 242 Siehe http://www.welt.de/wissenschaft/article1821028/Religion-machtgluecklich-und-stressresistenter.html und http://www.parisschoolofecono mics.com/clark-andrew/DeliverPress.pdf. Quellennachweise/Anmerkungen 229 243 „Die Tatsache, dass ein Gläubiger glücklicher ist als ein Skeptiker, sagt ebenso wenig aus wie die Tatsache, dass ein Betrunkener glücklicher ist als ein nüchterner Mensch“ (George Bernard Shaw). 244 Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena (2 Bände), 1851, Bd. 2, Kapitel 15: Über Religion, zitiert aus: http://www.aphorismen.de/zitat/5725. 245 Vgl. http://www.humanistische-aktion.de/missbrau.htm. 246 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Devadasi. 247 Vgl. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-07/beschneidun gen-kinderschutzbund. 248 So erzählt das spirituelle Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinde, Mirza Masroor Ahmad, über ein Interview zum Film „Innocence of Muslims“: „Ich erklärte ihm, dass ich den Film nicht gesehen habe, indes sind einige Dinge , die ich durch eine Person erfahren habe, für mich nicht hinnehmbar (…). Nachdem ich diese Sachen gehört habe, kann ich es nicht einmal wagen, mir den Film anzuschauen.“ Siehe Ahmad 2013, S. 21. 249 Diese Aussage entbehrt nicht einer gewissen Ironie, sehen doch viele Muslime die Ahmadis als Kuffar (Nichtmuslime). 250 Ahmad 2013, S. 27. 251 Siehe http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/islam-vs-grundgesetzdebatte-ueber-religionsfreiheit-14191706.html. 252 Siehe http://www.wa.de/hamm/erstes-grabfeld-deutschland-hindus-hammeingeweiht-5589045.html. 253 Siehe https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/islamischer-religioeser-fun damentalismus-ist-weit-verbreitet. 254 Siehe Detlef Pollack et al.: Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland. Repräsentative Erhebung von TNS Emnid im Auftrag des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster, https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/ religion_und_politik/aktuelles/2016/06_2016/studie_integration_und_reli gion_aus_sicht_t__rkeist__mmiger.pdf. 255 Im November 2016 beschlagnahmte die Polizei bei einer bundesweiten Razzia gegen die radikal-salafistische Vereinigung „Die wahre Religion“ rund 22.000 Korane. Die Behörden wollen die Korane islamgerecht entsorgen, um wegen der salafistisch geprägten Übersetzung eine Weiterverwendung auszuschließen. Am wahrscheinlichsten sei eine Vergrabung in Tüchern in der Wüste. Die Korane auf andere Art zu entsorgen, wie etwa zu schreddern oder zu verbrennen, sei ausgeschlossen, weil es sich um eine „Heilige Schrift“ handle.

Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.

References

Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.