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2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe in:

Holger Krauße

Religion im Faktencheck, page 21 - 28

Wie vernünftig ist der Glaube?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3945-8, ISBN online: 978-3-8288-6712-3, https://doi.org/10.5771/9783828867123-21

Tectum, Baden-Baden
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21 Darum bezeichnet der edle Mensch die Dinge so, daß er zu Recht davon reden und daß er das, wovon er redet, auch zu Recht durchführen kann. Denn der edle Mensch gestattet sich in allem, was er sagt, keinerlei Leichtfertigkeit. Konfuzius23 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe Eine Diskussion kann nur auf der Basis einer gemeinsamen Sprache geführt werden. Wer etwa unter Gott eine konkrete, den Menschen zugewandte, zuweilen auf Erden wandelnde Person versteht, wird viele Fragen anders beantworten als jener, der eine transzendente, der menschlichen Vernunft vollends entzogene Entität oder Weltenseele annimmt. Daher sollen die in diesem Buch verwendeten Begriffe zunächst einmal definiert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass auch andere Definitionen möglich sind. Theologen und Kleriker verstehen und verwenden Begriffe anders als Laien, Sunniten anders als Protestanten. Die hier verwendeten Definitionen sind daher meist weit gefasst, um unterschiedliche Interpretationen möglichst mit einzuschließen. Falls sie dennoch nicht immer vollständig das individuelle Verständnis treffen, wird der geneigte Leser gewiss in der Lage sein, die vorgebrachten Argumente und Bewertungen auch auf seine individuelle Definition des jeweiligen Begriffs hin zu prüfen. Gott und göttliche Ordnung Unter einem Gott wird gemeinhin ein mit übernatürlichen oder übermenschlichen Kräften ausgestattetes Wesen, eine höhere Macht oder Intelligenz verstanden. Allmacht, Allwissen, Allgegenwart, eine Verantwortung für oder die Beteiligung an der Erschaffung und Ordnung der Welt sowie die Bestimmung oder Beeinflussung des menschlichen Schicksals sind hin- 22 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? reichende, aber nicht notwendige Voraussetzungen für die Einordnung als Gott.i Der Begriff soll hier umfassend angewandt werden: Allmächtige persönliche Einzelgötter, Götter-Familien und gottgleiche Geister (z. B. buddhistische Devas, Kamis) sind unabhängig von ihrem Wohlwollen gegen- über oder ihrer Interaktion mit den Menschen ebenso miteinbezogen wie abstraktere göttliche Kräfte, Prinzipien und Ordnungen, jedenfalls sofern diese Entstehung und Gang des Universums beeinflussen.ii Persönliche Götter unterscheiden sich von anderen übernatürlich begabten Wesen (z. B. Engeln und Dämonen) durch ihre größere Machtfülle. Von erheblicher Relevanz für die Bewertung der Gotteshypothese ist, ob es sich um Einzelgötter wie Aton, JHWH und Allahiii oder um ein Pantheon wie in den Götterwelten der alten Ägypter, Griechen, Germanen und Azteken, in dem Glauben der Yoruba in Nigeria und natürlich im Hinduismus handelt. Denn dem Alleinherrscher des Monotheismus werden nicht nur regelmäßig unbegrenzte Fähigkeiten wie Allmacht und Allwissen zugeschrieben, was bei Göttern in polytheistischen Religionen nicht zwingend der Fall ist, sondern er genießt auch eine Alleinstellung in Bezug auf den Kosmos und als Ansprechpartner, Gesetzgeber und Richter der Menschen. Um einen Gott mit solch weitreichender Bedeutung plausibel zu machen, sind offensichtlich höhere Anforderungen zu erfüllen. Hierbei müssen wir allerdings berücksichtigen, dass diese Unterscheidung, auf die ja gerade die monotheistischen Götter großen Wert legen, ein Stück weit künstlich ist. Nehmen wir den Hinduismus: Trotz der augenscheinlichen Vielfalt von Millionen von Göttern (und deren vielfachen Inkarnationen)iv besitzt er eine Neigung zum Monotheismus; in den i Richard Dawkins definiert Gott als „superhuman, supernatural intelligence who deliberately designed and created the universe and everything in it, including us“ (Dawkins 2007, S. 52). Diese Definition würde den Großteil der Götter polytheistischer Religionen ausschließen und ist in der Perspektive dieses Buches zu eng. ii Damit ist z. B. der Gott im Jainismus, der weder die Welt erschaffen hat noch anders denn als stiller Beobachter agiert, nicht einbezogen. Ein solcher Gott ist aus menschlicher Sicht belanglos. Ein reiner Schöpfergott wie Brahma, dessen Aufgabe sich in der zyklischen Erschaffung der Welt erschöpft, wird hingegen von der Definition erfasst, da sein Werk – die Welt – ja Grundlage unseres Lebens ist. iii Gemeint ist der Gott des Islam, der keinen Eigennamen trägt. Allah bedeutet lediglich Gott. iv Allein von Vishnu sind zehn Haupt-Inkarnationen bekannt, deren bekannteste, Krishna und Rama, eigenständig verehrt werden. 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe 23 Veden wird von den Verfassern stets der jeweilige Gott, je nach Kontext, zur höchsten Gottheit erhoben, ohne dass andere Götter deswegen zu Götzen degradiert werden – andere Götter sind bloß nicht so bedeutsam wie der eigene.24 In der vedantischen Tradition des Advaita wird gar davon ausgegangen, dass es nur einen einzigen Gott gibt – die göttlichen Inkarnationen sind nur Aspekte desselben göttlichen Prinzips.25 Umgekehrt finden wir in den monotheistischen Religionen mit der Figur des Teufels mindestens einen Dualismus (wie beim einen Antagonismus von guten und bösen Mächten propagierenden Zoroastrismus), wenn nicht Charakterzüge eines Pantheons: Dreifaltigkeit, Heiligen, Propheten- und Märtyrerverehrung, Engels- und Dämonenglauben sind beredtes Zeugnis dafür. Sofern eine Religion atheistisch ist oder zumindest auf persönliche Götter verzichtet, wird hilfsweise der Begriff der „göttlichen Ordnung“ verwendet. Dies bezieht sich unter anderem auf das karmische System des (ursprünglich atheistischen) Buddhismus, das Dao und pantheistische Vorstellungen, nach denen Gott eine unpersönliche geistige Kraft darstellt, die mit der Welt bzw. dem Sein identisch ist. Religion Religion ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der Glaube an eine oder mehrere transzendente (überirdische, übernatürliche, übersinnliche) Kräfte persönlicher (Götter, Geister) oder abstrakter Natur und Gesetzmäßigkeiten bzw. Ordnungen und damit verbundene heilige Objekte ist. Sie bedarf also nicht zwingend eines Gottes. Kennzeichnend für Religion ist, dass sie auf der Basis eines nicht notwendigerweise verschriftlichten Konsenses (Heilige Schrift, Überlieferung) Antworten gibt auf metaphysische Schöpfungs- (Herkunft und Zukunft der Welt und des Menschen im Besonderen, Ordnung der Welt, Stellung des Menschen und sein Verhältnis zu Gott), Jenseits- (Existenz eines Lebens nach dem Tod, Konsequenzen des menschlichen Verhaltens in diesem oder früheren Leben) und Sinnfragen (Sinn und Ziel des Lebens).i i In der vatikanischen Erklärung „Nostra Aetate“ wird dies anschaulich formuliert: „Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach 24 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Darüber hinaus wirkt sie normativ auf Ethik und Moral durch Definition gottgefälligen Verhaltens und Festlegung von Regeln für menschliches Denken, Verhalten und Zusammenleben. Typisch ist zudem eine die Gemeinschaft organisierende Struktur aus Klerus und Riten. Sofern diese Kriterien hinreichend erfüllt sind, kann als Esoterik oder Aberglauben Deklariertes von Religion nicht mehr unterschieden werden. Auch eine Differenzierung von Religion und Sekten führt ins Leere. Sekte meint im Wortsinn Richtung oder Lehre; damit wäre dann beispielsweise auch der Katholizismus eine Sekte. Auch der Gebrauch des Begriffs im Sinne einer Abspaltung von einer Mutterreligion bietet keine qualitative Unterscheidung, da sich bekanntlich viele große Konfessionen (z. B. der Protestantismus) und Religionen (z. B. der Jainismus) als neue Schulrichtung bestehender Lehren entwickelt haben. Die Bezeichnung als Sekte wurde allerdings auch zeitweise verwandt, um kleinere Glaubensgemeinschaften zu diskreditieren, die sich aber nicht grundsätzlich von größeren Religionen unterscheiden.i Mit den „abrahamitischen Religionen“ sind jeweils Judentum, Christentum und Islam gemeint. Unter „indische Religionen“ werden Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus subsummiert. Der Begriff bezieht sich auf den geografischen Ursprung dieser miteinander verwandten Religionen. Damit soll weder die Bedeutung anderer Regionen an der Entwicklung oder Praxis dieser Religion bestritten noch der Eindruck erweckt werden, dies seien die einzigen in Indien entstandenen Religionen. Religion und Glaube werden häufig synonym verwendet. Während Religion grundsätzlich die kodifizierte, formalisierte Form des Glaubens ist, soll Glaube hier im Sinne des individuellen, persönlichen, aus der Religion abgeleiteten Glaubens verstanden werden. Klerus Religionen werden regelmäßig von einem Klerus gemanagt, der die Grundlagen der Religion, insbesondere natürlich die relevanten Heiligen dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“ (Paul VI. 1965) i In der Tat wären viele negativ konnotierte Kriterien für sogenannte Sekten auch auf etablierte Religionen anwendbar, z. B. finanzielle Motive (Kirchensteuer, Opfer, Eigentum der Kirchen), Gehirnwäsche (Koranschule), Führerkult, Erschwerung /Verunmöglichung eines Austritts aus der Glaubensgemeinschaft, Strafen bei Blasphemie. 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe 25 Schriften, Gebote und Verbote, verbindlich festlegt und interpretiert, als Mittler zwischen Menschen und Gott fungiert und für die Ausübung religiöser Riten verantwortlich ist. Unter Klerus (auch: Geistlichkeit) wird hier die Gesamtheit der Angehörigen des geistlichen Standes (Kleriker) verstanden. Er soll also nicht nur das christliche Priestertum umfassen, wie im Sprachgebrauch üblich, sondern – wenn im Einzelfall nicht anders beschrieben – alle von den übrigen Gläubigen abgehobenen geistlichen Amts- und Würdenträger organisierter Religionen, die in deren Namen auftreten, zum Beispiel Bischöfe, Priester, Äbte, Imame, Ulamai, Ajatollahs, Rabbiner, aber auch Prediger wie die US-typischen TV-Evangelisten. Hierbei ist es unerheblich, wie groß die vertretene Gruppe ist und ob es sich bei dem Kommunizierten um eine offizielle Lehrmeinung handelt. Im weiteren Sinne mag der Begriff hier auch all jene umfassen, die ihr Leben vorrangig und dauerhaft der Religion widmen, also insbesondere Mönche und Nonnen. Besonders gläubige Menschen, auch wenn sie ihr Leben zeitweilig der Religion widmen, wie Saddhus oder Pilger, fallen hingegen nicht unter die Definition. Charakteristisch für den Klerus ist, dass er der Religion regelmäßig durch einen besonders starken Glauben und/oder berufliche, finanzielle oder intellektuelle Abhängigkeit verbunden ist. Hieraus resultiert ein hohes Eigeninteresse an der Aufrechterhaltung und gegebenenfalls auch der Ausbreitung der Religion. Riten Unter Riten sind religiöse Kulthandlungen und Rituale wie der Gottesdienst (Messe, Freitagsgebet, Puja), gemeinschaftliche und formalisierte Gebete (Vaterunser) und Zeremonien zu religiösen (Zuckerfest, Ostern, Diwali) wie eigentlich weltlichen Anlässen (Heirat, Geburt) sowie Opferungen zu verstehen. Neben den von der jeweiligen Religion bzw. deren Klerus unmittelbar vorgegebenen Riten soll der Begriff hier auch individuelle Ausdrucksformen und Praktiken wie die der Meditation, der Buße und Askese (Pilgerfahrt, Leben als Saddhu) und der Ekstase (Sufi-Tanz) sowie das individuelle, persönliche Gebet umfassen. Ziel der Riten ist insbesondere die Kommunikation mit den göttlichen Mächten, um deren Gnade (Segen, Wunscherfüllung) zu erlangen, i Islamische Rechtsgelehrte, die die Bewahrung, Deutung und Weiterentwicklung der islamischen Tradition übernehmen. 26 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Nachteile zu vermeiden (und so Hoffnungen und Ängste zu adressieren) und Erkenntnis zu gewinnen, die Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft (Taufe, Beschneidung) bzw. die Festigung der Beziehung zu Gott und Gemeinschaft (Kommunion), die innerliche Reinigung (Askese, Pilgerfahrt, Fasten), das Lobpreisen Gottes und der Ausdruck des Dankes gegenüber Gott und dem (oder den) Heiligen. Seele Der Ausdruck Seele hat vielfältige Bedeutungen, je nach den mythischen, religiösen, philosophischen oder psychologischen Traditionen und Lehren, in denen er vorkommt. Teils sehen Religionen auch mehrere Arten von Seelen bzw. Seelenaspekte vor, etwa beim Volk der Akani, im Schamanismus der Jakuten oder im Alten Ägypten. Hier soll Seele als immaterieller, also substanz- und körperloser Teil des Menschen verstanden werden, der als Träger der Identität eines Individuums fungiert. Damit ist die Annahme verbunden, die Seele sei hinsichtlich ihrer Existenz vom Körper und damit auch vom physischen Tod unabhängig und mithin unsterblichii oder löse sich eines Tages in einer übergeordneten, unpersönlichen metaphysischen Realität auf.iii Der Tod wird dann als Vorgang der Trennung von Seele und Körper gedeutet, die Seele als die eigentliche Person oder das Selbst, der vergängliche Körper nur als i Die Akan sind eine Gruppe sprachlich und kulturell verwandter Völker in Westafrika. Sie unterscheiden die folgenden Seelenelemente, die gemeinsam die Seele eines Menschen bilden: Kra (Lebensseele), Nunsum (Persönlichkeitsseele), Sumsum (Schattenseele, der Schatten, den ein Mensch auf die Erde wirft). ii Die individuelle Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist z. B. seit dem 5. Laterankonzil von 1513 durch die Konstitution Apostolici regiminis verbindliche Glaubenswahrheit der katholischen Kirche. Eine vergleichbare Sicht findet sich u. a. im Islam und im Jainismus. In der buddhistischen Lehre kommt eine unsterbliche Seele allerdings nicht vor: Das zentrale Institut der Wiedergeburt beinhaltet keinen Transfer der Seele, sondern ein neues Entstehen unter Weitergabe von Einflüssen aus dem früheren Leben (Karma). iii Im Hinduismus ist das Brahman eine solche unveränderliche, unendliche, immanente und transzendente Realität, die den ewigen Urgrund von allem Existierenden darstellt. Brahman ist ein unpersönliches Konzept vom Göttlichen, das keinen Schöpfer und keinen Lenker beinhaltet, ein Urgrund des Seins, ohne Anfang und ohne Ende. Die Vereinigung mit dem Brahman als ultimatives Ziel des Lebens geschieht nicht etwa durch den Tod, sondern durch Moksha, die Befreiung aus der Kette der Wiedergeburten (Samsara). 2 Am Anfang war das Wort: Definition und Erläuterung zentraler Begriffe 27 mangelbehafteter, hinderlicher und vorübergehender Aufenthaltsort und Träger.i Während ihre Herkunft regelmäßig eine untergeordnete Rolle spielt und nicht näher beschrieben wird, ist der Verbleib der Seele nach dem Tod für eine Religion kennzeichnend. Hier wird häufig eine Seelenwanderung mit anschließender Reinkarnation beschrieben, also behauptet, die Seele habe nacheinander in verschiedenen Körpern eine Heimstatt; in anderen wiederum wird die Seele an einen endgültigen Ort verbracht. Wie sich dies im Detail vollzieht, bleibt offen; ausschlaggebend für den künftigen Status sind in jedem Fall ihre Verdienste bzw. Verfehlungen, deren Maßstab durch die Religion vorgegeben wird. Hieraus sollte klar geworden sein, dass der Begriff hier nicht, wie es im heutigen Sprachgebrauch häufig geschieht, in einer Weise verwendet wird, dass er die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge beim Menschen umfasst, also das, was gemeinhin auch als Psyche bezeichnet wird. Die Bezeichnung bezieht sich hier primär auf menschliche Seelen, die ja von unmittelbarerem Interesse sind. Im Hinduismus, Sikhismus und Jainismus findet sich allerdings kein prinzipieller Unterschied zwischen den Seelen von Menschen und denen anderer Lebensformen, insbesondere von Tieren und Pflanzen. Heilige Schrift Wenngleich Religionen auch auf mündlichen Überlieferungen beruhen können, wie dies beispielsweise bei den Religionen der nordamerikanischen Indianer und den afrikanischen Stammesreligionen der Fall ist, sind letztlich alle großen und nachhaltig erfolgreichen Religionen im Besitz von Heiligen Schriften. Hiermit sind solche Texte gemeint, die für eine Religion normativ sind, also ethische, rituelle und andere grundsätzliche Fragen des Glaubens klären. Sie stellen, bei mehreren Schriften in Form eines Kanons, den verbindlichen Kern einer Religion dar. Die Schriften, aus denen häufig bei Gottesdiensten und Ritualhandlungen zitiert wird, sammeln als authentisch geltende Offenbarungen, Überlieferungen, Erzählungen, Liedgut, rechtliche und rituelle Bestimmungen und Weisheitstexte. Zentrale Heilige Schriften sind zum Beispiel der Koran, die Bibel, Tanach und Talmud, i Jedenfalls sofern die Religion keine „Wiederauferstehung im Fleische“ vorsieht. 28 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? der Pali-Kanon des Theravada-Buddhismus, das Guru Granth Sahib der Sikhs, das Nihonshoki des Shintoismus oder die Vedeni. Die Autorität der Heiligen Schriften variiert innerhalb und zwischen den Religionen. So wird dem Koran als unmittelbarem Wort Gottes ein höheres Gewicht beigemessen als der Sunnaii, die gleichwohl zum Kanon der Heiligen Schriften des Islam zählt. Nicht gemeint ist hier die übrige religiöse Literatur, etwa interpretierende und normative Schriften von Gelehrten, wie etwa die Schriften von Augustinus von Hippo, auch wenn diese sehr einflussreich sind und den Stand der Lehre bestimmen oder als Heilige gelten. Diese Abgrenzung ist zugegebenermaßen nicht immer einfach, insbesondere wenn bei alten Texten der Autor nicht hinreichend bekannt ist. Die Bezeichnung als „heilig“ bezieht sich im Folgenden allein auf die Sicht der jeweiligen Religion und soll keine Bestätigung dieser Eigenschaft darstellen. i Sanskrit für Wissen, Heiliges Gesetz. Zunächst mündlich überlieferte, später verschriftlichte Sammlung religiöser Texte im Hinduismus. ii Die aus den Hadithen (überlieferte Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed bzw. von ihm gebilligte Handlungen) gesammelte Übersicht über die Handlungsweise des Propheten, die neben dem Koran die zweite Quelle islamischen Rechts darstellt und deren Autorität im Koran ausdrücklich betont wird.

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Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.