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Nachwort von Vera Lengsfeld in:

Holger Krauße

Religion im Faktencheck, page 205 - 208

Wie vernünftig ist der Glaube?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3945-8, ISBN online: 978-3-8288-6712-3, https://doi.org/10.5771/9783828867123-205

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
205 Nachwort von Vera Lengsfeld „Religion ist Opium des Volkes“, schrieb Karl Marx 1844 in seiner „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Wladimir Iljitsch Lenin, der sich erfolgreich daran gemacht hatte, die Theorien des größten kommunistischen Denkers Realität werden zu lassen, vereinfachte diesen Satz zu „Religion ist Opium für das Volk“. Da es neben der kommunistischen Ideologie aber kein Opium für das Volk geben sollte, hat der Kommunismus in seinem Herrschaftsbereich den historischen Versuch unternommen, Religionen zurückzudrängen und schließlich auszurotten. Kirchen wurden gesprengt, Klöster aufgelöst und zerstört, Gläubige verfolgt und der Atheismus als einzig gültige Lehre in den Schulen unterrichtet. In den muslimischen mittelasiatischen Sowjetrepubliken wurde die Verschleierung von Frauen verboten und die Gleichberechtigung von Mann und Frau per Dekret verfügt. Als Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Einflussbereich bis nach Mitteleuropa ausdehnen konnte, wurden in allen Ländern des Ostblocks Religionen verfolgt, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. In Polen erwies sich der Katholizismus stärker als die kommunistische Ideologie. Als der polnische Kardinal Karol Wojtyła 1978 zum Papst gewählt wurde, bekam das kommunistische Imperium die ersten irreparablen Risse. In der DDR ging die Verfolgung von Religionsausübung in den fünfziger Jahren so weit, dass die wenigen jüdischen Gemeinden, die sich nach der Nazidiktatur in der sowjetischen Besatzungszone neu gegründet hatten, bald kaum noch existierten. Die jüdische Gemeinde in Ostberlin war so schwach, dass sie 1987/88 einen amerikanischen Rabbiner beschäftigen musste, weil es keinen eigenen gab. Große Teile der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße wurden 1958 abgerissen. Mitte der 80er-Jahre plante das Politbüro, eine Schnellstraße durch den Jüdischen Friedhof in Weißensee zu bauen, was nur durch massive Proteste der Bevölkerung verhindert wurde. In den beiden großen christlichen Kirchen bestanden die Gemeinden vorwiegend aus älteren Menschen, die keine beruflichen Nachteile mehr befürchten mussten. Bis zum Machtantritt von Erich Honecker waren junge Menschen, die einer Religionsgemeinschaft angehörten, von 206 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? höherer Bildung ausgeschlossen. Das änderte sich erst, als die evangelische Kirche anerkannte, „Kirche im Sozialismus“ zu sein, und dafür das Zugeständnis erhielt, in ihren eigenen Räumen nicht von staatlichen Stellen kontrolliert und gemaßregelt zu werden. In diesem Freiraum, der sich seit der Vereinbarung zwischen Staat und Kirche von 1976 auftat, entwickelte sich ab Ende der 70er-Jahre die Bürgerrechtsbewegung der DDR, die entscheidend zum Ende der DDR und damit des kommunistischen Weltsystems beitrug. Die vollen Kirchen während der friedlichen Revolution 1989 täuschten die Öffentlichkeit im Westen allerdings darüber hinweg, dass die DDR ein weitgehend atheistisches Land geworden war. In den neuen Bundesländern ist auch kein Aufschwung von religiösem Leben zu verzeichnen, mit Ausnahme des Wiedererstehens jüdischen Lebens, hauptsächlich getragen von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, und der Gründung islamischer Gemeinden. Die Zahl der Kirchenaustritte hat in den letzten Jahren nicht abgenommen, eher hat die Tendenz auf die alten Länder übergegriffen, wo in den letzten Jahren die Zahl der Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, ständig wächst. Diesem Trend zur Säkularisierung wirkt allerdings neben den Religionsgemeinschaften selbst zunehmend auch die gesellschaftliche Dynamik aufgrund der Migration entgegen. Die ehemalige EKD-Synodale und Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, vertrat bei der Aussprache zum EKD-Ratsbericht am 8. November 2015 vor der Synode in Bremen bereits die Auffassung, Deutschland würde durch die Masseneinwanderung von Flüchtlingen „religiöser, bunter, vielfältiger und jünger“. Worauf sich Göring-Eckardt nach eigenem Bekenntnis „freute“, erweist sich jedoch immer mehr als ein Problem für unsere Gesellschaft: Die muslimische Einwanderung hat religiösen Fundamentalismus und Islamismus in Deutschland verstärkt. Konservative islamische Verbände machen mit immer weiter reichenden Forderungen politischen Druck. Staatlich geförderte Eingriffe in die Meinungsfreiheit, die Einflussnahme auf Sprache durch Lobbys und der politische Unwillen, sich mit den hieraus resultierenden Problemen auseinanderzusetzen, wirkt sich dabei verheerend auf den öffentlichen Diskurs aus. Dass sich Behörden mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie salafistisch geprägte Koran- übersetzungen adäquat entsorgt werden können,255 hätte man vor Kurzem noch als Satire angesehen. Nachwort von Vera Lengsfeld 207 Grund genug, der Frage nachzugehen, wie sich Religion und Gesellschaft zueinander verhalten und was geschehen muss, damit es ein gedeihliches Miteinander statt ein gefährliches Gegeneinander gibt. Deswegen ist die intensive Analyse der Glaubhaftigkeit von Religionen, die den Kern dieses Buches darstellt, für eine fundierte Diskussion ebenso wichtig wie die auf dieser Grundlage entwickelten pragmatischen Lösungen zum Umgang mit Religionen. Die hier dargelegten Vorschläge werden dringend benötigt und haben eine breite Verbreitung und Diskussion in der Öffentlichkeit verdient. Politik und Staat, die sich religiöse Lehren und Inhalte nicht zu eigen machen, bieten keinen Grund, Religionen unterschiedlich zu behandeln, sie zu bewerten oder zu privilegieren. Damit ist die konsequente religiöse Neutralität von Staat und Politik der beste Garant gegen Vormachtsbestrebungen einer Religion. Das ist es, was wir gegenwärtig in Zeiten wachsender religiös motivierter Auseinandersetzungen dringend brauchen. Vera Lengsfeld, Mai 2017

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Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.