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8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung in:

Holger Krauße

Religion im Faktencheck, page 149 - 180

Wie vernünftig ist der Glaube?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3945-8, ISBN online: 978-3-8288-6712-3, https://doi.org/10.5771/9783828867123-149

Tectum, Baden-Baden
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149 Im Flugzeug gibt es während starker Turbulenzen keine Atheisten. Robert Lembke205 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 8.1 Grundsätzliches Eine Religion, die sich nicht nur am Jenseits orientiert, sondern Menschen in den Schwierigkeiten ihres Daseins helfen und sie in ihrem und dem Interesse anderer bessern will, muss sich daran messen lassen, was sie im Diesseits für und in Menschen bewirkt. Von einer wahren Religion dürfen wir einen positiven Einfluss auf das Handeln und das Glück ihrer Anhänger, möglichst auch zugunsten von mit ihnen interagierenden Dritten erwarten. Ihre Qualität sollte sich also in der Realität, das heißt im täglichen Leben und Miteinander widerspiegeln. Unter Umständen könnte man diese Qualität sogar als Kriterium dafür heranziehen, wie eine Religion, unabhängig von ihrer Wahrheit, gesellschaftlich behandelt werden sollte. Denn auch ein falscher Glaube, wenn er hinreichend praktische Vorteile bietet, könnte ja eine gewisse Nachsicht vonseiten Andersgläubiger, vielleicht sogar eine Förderung rechtfertigen. Nun bietet die Religionsgeschichte bekanntlich hinreichend Beispiele dafür, dass im Namen einer Religion weniger hübsche Dinge verübt werden. Zwangsmissionierung, Inquisition und Judenfeindlichkeit im Christentum, die kriegerische Ausbreitung des Islam und seine Benachteiligung von Frauen und Ungläubigen, im Hinduismus der Sati-Kulti und die Auseinandersetzung um den Rama-Tempel in Ayodhya – in jeder Religion finden sich dunkle Seiten. Pascal206 meinte sogar, i Volkstümlich als Witwenverbrennung bekannter, nicht mehr praktizierter Brauch im Hinduismus. 150 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? „Niemals tut der Mensch das Böse so vollkommen und fröhlich, als wenn er es aus religiöser Überzeugung tut.“ 207 Selbst im vermeintlich so friedfertigen Buddhismus erinnern uns Samurai und Kriegermönche daran, dass man eine Religion auch ganz anders interpretieren kann. Nicht überraschend werden diese Seiten gerne relativiert oder ihr Zusammenhang mit der Religion rundweg abgestritten. Nun muss man zugestehen, dass für viele religiös konnotierte Verbrechen und Verbrecher die Religion tatsächlich nur ein Vorwand oder Mittel zum Zweck war und ist. In solchen Fällen stünde allenfalls der Vorwurf im Raum, dass die besagte Religion aufgrund widersprüchlicher oder unklarer Regeln zum Missbrauch einlade. Doch in vielen Fällen lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass es sich beim Abstreiten des Zusammenhangs von Gewalttaten und Unterdrückung mit einer Religion um ein vorsätzliches Ablenkungsmanöver handelt. Wenn etwa behauptet wird, der Islamische Staat „habe nichts mit dem Islam zu tun“, merkt man die Absicht und ist verstimmt. Es ist schlicht etwas anderes, einer abweichenden Glaubenslinie eine Fehlinterpretation der Heiligen Schriften vorzuwerfen (was jeweils noch bewiesen werden müsste), als jeglichen Zusammenhang zu leugnen. Genauso wenig sollte man eine Relativierung dunkler Flecken der Religionsgeschichte akzeptieren, etwa indem die großen Genozide des 20.  Jahrhunderts mit dem Atheismus in Verbindung gebracht werden. Denn abgesehen davon, dass sich der Anspruch einer Religion ja nicht in Relation zu anderen Weltanschauungen bemessen kann, sondern nur anhand ihrer eigenen, absoluten Werte, wäre das Herstellen einer solchen Verbindung völlig absurd.i Der Klerus hat sich seit jeher damit schwergetan, die dunklen Seiten der Religion anzuerkennen. In Bezug auf historische Verfehlungen sind aber zumindest die christlichen Kirchen durchaus selbstkritisch (wenn auch mit einiger Verspätung), vielleicht auch weil dies mit dem Konzept von Schuld, Umkehr und Vergebung harmoniert. Grundsätzlich kann i Die Untaten von Stalin, Mao, Hitler, Pol Pot und ihresgleichen wurden ja nicht zur Verbreitung des Atheismus an sich verübt, sondern aus in vieler Hinsicht religions- ähnlichen Ideologien heraus, die die Religion als Konkurrent im Anspruch auf Wahrheit und Loyalität ihrer Anhänger betrachteten. Die Parallelen totalitärer Regime und Ideologien zu organisierten Religionen – man denke an die Rituale, Glaubensbekenntnisse und den Umgang mit abweichenden Meinungen – sind augenfällig. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 151 man jedoch feststellen, dass, wenn Untaten nicht rundweg geleugnet werden, diesen regelmäßig der praktische und nachhaltige Nutzen der Religion für Gesellschaft und Individuum gegenübergestellt wird. Das soziale Engagement der Kirchen, der Trost der Religion in schwierigen Lebenssituationen, ja selbst das architektonische und künstlerische Erbe – Beispiele für solchen Nutzen springen geradezu ins Auge. Doch hält eine derart wohlwollende Betrachtung der Realität tatsächlich stand? Bleibt unterm Strich ein klarer Vorteil, wenn man auch die weniger angenehmen Wirkungen miteinbezieht? Dies wollen wir in diesem Kapitel untersuchen. Allerdings gilt es vor den weiteren Ausführungen einen Punkt klarzustellen: Der Nutzen einer Sache sagt nichts über deren Wahrheit aus. Konkret: Der eventuelle Netto-Nutzen eines Glaubens ist kein Gottesbeweis und kann auch keine Notwendigkeit zur Religion begründen. Der vermeintliche, durch den Placebo-Effekt erklärbare Nutzen homöopathischer Mittel sagt schließlich über die Richtigkeit des wissenschaftlichen Grundlagen widersprechenden Wirkungsprinzips ebenso wenig aus wie der motivierende Nutzen eines positiven Horoskops über die Kraft der Sterne. Aus reinen Nutzenüberlegungen einer Religion anzugehören, wäre opportunistisch, aus denselben Gründen zu glauben, intellektuell unredlich, wenn es überhaupt möglich ist. Eben dieser Glaube ist aber Voraussetzung für manchen positiven Effekt. Dass ein Engagement für andere möglicherweise aus durchaus eigennützigen Motiven betrieben wird, nämlich um sich die Gunst Gottes und damit die einschlägige Belohnung zu erwerben, sollte nicht aus dem Blickfeld geraten. Es soll hier aber die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht beeinträchtigen, da dem Nutznießer die Motive ja gleichgültig sein können. Die gleiche Fairness soll in Bezug auf die problematischeren Zuschreibungen (oft die Kehrseite der Medaille bei positiven Wirkungen) gewahrt werden: Nicht alles, was aus ganz menschlichen Motiven begangen und mit Religion begründet wird, kann und soll dieser angelastet werden. 8.2 Trost und Hoffnung versus Furcht und Fatalismus Religion spendet Trost und gibt Menschen Hoffnung. Dies ist gerade in schwierigsten Situationen der Fall, etwa beim Verlust eines geliebten Menschen, in Krankheit und bei existentiellen Bedrohungen. Dort, wo rationale Erklärungen für die eigene Betroffenheit versagen oder zumindest wenig trostspendend sind, da, wo die Medizin am Ende ist, schlägt 152 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? die Stunde Gottes und der Religion. Die Hoffnung auf Gottes Hilfe, das Vertrauen auf eine ausgleichende Gerechtigkeit oder der Trost, nach dem Tod ins Paradies einzugehen, all dies kann den Unterschied zu Hilflosigkeit und Verzweiflung ausmachen. Auch bei einem neuen Lebensabschnitt oder wichtigen Ereignissen wie der Ehe, einer akademischen Prüfung oder auch nur dem Kauf eines Autos (das Hindus gerne mit einer Swastika schmücken, während sie den Beistand Ganeshas erbitten), spenden die Götter himmlischen Segen und die Religion damit die Hoffnung, es möge alles gut werden. Jeder Gläubige kennt gewiss viele Beispiele aus eigener Erfahrung, und mancher Geistliche wird auf diese zentralen Versprechen der Religion verweisen. Diese Leistung ist anzuerkennen. Wenn Unausweichliches besser ertragen werden kann, wenn Zeit gewonnen wird, eine schwierige Lage doch noch zu wenden, ist dies von ebenso hohem Wert, wie wenn durch die Religion und das Vertrauen auf Gott Mut verliehen wird, eine neue Lebenssituation zu meistern. Natürlich gib es Trost und Hoffnung auch außerhalb von Religion, durch eigene Überzeugungen etwa oder den Beistand der Familie. Doch die zusätzliche und potenziell sehr mächtige Option der Religion bleibt Menschen mit schwachem und ohne Glauben verwehrt. Das gilt allerdings auch für die Risiken und Nebenwirkungen. In einer unabwendbaren Situation, vor allem im Angesicht des sicheren Todes, mag es keine Rolle mehr spielen, doch wenn Möglichkeiten bestehen, das Übel zu mildern oder abzuwenden, und aufgrund des vermeintlichen Trostes der Religion nicht alle Kräfte zum Handeln genutzt werden, so ist dieser Trost kontraproduktiv. Wenn Krankheiten und Behinderungen als Gottes Wille oder Karma interpretiert werden, statt sie zu behandeln, wenn Ausbeutung (etwa durch eine andere Kaste oder den Klerus) und Diskriminierung (beispielsweise von Frauen und Homosexuellen) legitimiert werden, wenn die Hoffnung vor allem auf das Jenseits verweist, so perpetuiert Religion Leid und ist dafür unmittelbar mitverantwortlich. Vom Vertrauen in Gott bzw. der Unterwerfung unter seinen Willen ist es kein weiter Weg zum Fatalismus. Im sunnitischen Islam hat sich die Auffassung von der Vorherbestimmung allen menschlichen Tuns durchgesetzt,208 verbunden mit dem Okkasionalismus. Wer sich in muslimischen Ländern aufhält, wird kein Wort so oft hören wie „Inshallah“ (So Gott will). Hierzulande belegen Sprichwörter wie „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ die Verwurzelung dieser Haltung in der Volksreligion. Wenn also 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 153 „geschrieben steht“, was geschehen wird, wenn man „in Gottes Hand“ ist und Geschehnisse karmisch begründet sind, wirkt sich dies auf den Anreiz, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und damit zu verbessern, nachteilig aus. Gerade in weniger wohlhabenden Regionen ist solcher Fatalismus weit verbreitet und tief verwurzelt; die empfundene Aussichtslosigkeit der eigenen Situation und der religiöse Fatalismus fördern sich hier gegenseitig. Kehrseite der Verheißung des Trostes ist darüber hinaus die Furcht, die mit der Androhung drastischer Strafen bei Regelverstößen einhergeht. Im Kreislauf der Wiedergeburten zurückzufallen ist schon unangenehm genug (jedenfalls ausgehend vom Prinzip, dass das Leben Leiden ist), die abstrakte „ewige Verdammnis“ oder die konkrete Hölle ist aber weder in den buddhistischen noch in den islamischen oder christlichen Varianten erstrebenswert. Auch wenn die Existenz einer Hölle heute von vielen Gläubigen – ob berechtigterweise oder nicht – entspannter oder metaphorischer gesehen wird, zeugen Darstellungen aus dem Mittelalter davon, dass diese Furcht einst eine sehr konkrete war, und das ist sie in vielen Religionen und Ländern auch heute noch. Da diese Furcht die Compliance mit den religiösen Anforderungen erhöht, erscheint sie vielen Klerikern und Gläubigen sogar nützlich, wenn nicht notwendig. Der Philosoph Bertrand Russell war gar der Ansicht, die Religion stütze sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst.209 Allein, in Angst zu leben ist keine gute Grundlage für ein glückliches Leben – erst recht nicht für Kinder. Neben den Auswirkungen auf die eigene psychische wie körperliche Gesundheit können auch Mitmenschen, insbesondere Familienangehörige, davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Da ein vollständig religionskonformes Leben quasi das Leben eines Heiligen erfordert, sind aber Sünden praktisch unvermeidbar. Mancher Gläubige mag überzeugt sein, sein Leben qualifiziere ihn mit Gewissheit für das Paradies, aber kein Priester, der auf sich hält, würde diesen Vorgriff auf das göttliche Urteil unterstützen. Angst ist zudem ein fragwürdiges Motiv. Sollte man lediglich aus Angst vor Strafe Diebstahl, Mord und Ehebruch unterlassen oder sollte nicht vielmehr ein natürlicher Sinn für Gerechtigkeit Antrieb genug sein? Ist es sinnvoll, Ängste wegen der Verletzung nicht praktikabler oder fragwürdiger Gebote auszustehen, etwa beim Arbeiten am Sabbat oder dem Genuss alkoholischer Getränke, wenn diese Zuwiderhandlungen niemandem Schaden zufügen? Die Erzeugung von Furcht spricht nicht gerade 154 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? für Vertrauen in die Menschen. Und offensichtlich wirkt sie nicht einmal zuverlässig dort, wo es erforderlich wäre. Denn die Realität in religiösen Gesellschaften damals wie heute zeugt ja nicht davon, dass diese frei von Missgunst und Verbrechen wären. Die Strafandrohung wirkt womöglich nur bei denen, die ohnehin nicht gefährdet sind. Doch wollen wir auch hier fair sein und differenzieren. Die christliche Lehre, so wie sie heute in Deutschland praktiziert und vermittelt wird, hat manchen Schrecken über Bord geworfen. Deswegen ist es respektabel, wenn anerkannt wird, „dass gerade die Rede vom ewigen Höllenfeuer tatsächlich viel Schaden in Kinderherzen angerichtet hat“210, und nachvollziehbar, dass Eltern, die ihren Kindern einen bedingungslos liebenden Gott vermitteln, Dawkins’ Vorwurf der Kindesmisshandlung wohl deutlich zurückweisen würden.211 Doch wäre es allzu optimistisch, wenn man meinte, dass solche Vorstellungen heute kaum noch Bedeutung hätten. Der Blick zum Islam, aber auch zu den evangelikalen Kirchen der USA oder Stammesreligionen in Afrika zeigt, dass das Religionsverständnis der meisten Deutschen nicht repräsentativ ist. Ob nun die Hoffnung der Religion oder ihr sedierender, fatalistischer Effekt überwiegt und ob der Trost des Glaubens wertvoller als die erzeugte Furcht ist, kann nicht verallgemeinert werden. Hier gibt es sicher Unterschiede zwischen den Konfessionen und Religionen; das protestantische Arbeitsethos und der wahabitische Fatalismus mögen als Beispiel für die Spannbreite dienen. Insgesamt erscheint es nicht belegbar, dass die positiven Wirkungen von Trost und Hoffnung notwendigerweise die negativen Seiten überwiegen. 8.3 Identifikation und Zusammenhalt versus Isolation und Hybris Als Anhänger eine Religion identifiziert man sich nicht nur mit den Ideen des Glaubens, sondern auch mit der Gruppe der Gläubigen. Im babylonischen Exil war der Israeliten Gott das Band, das sie zusammenhielt; Muslime sehen sich als Teil einer weltweiten Gemeinschaft, der Umma, und für die christlichen Konfessionen verhält es sich prinzipiell ähnlich. Religionen fördern also inhärent den Zusammenhalt der Gläubigen. Katalysator hierfür sind die jeweiligen, oft sehr detaillierten Regeln, Werte und Gebräuche. Gerade bei kleineren Religionen wie dem Judentum, den Jains, den Jesiden oder den Amish sind diese nicht nur konstitutiv und identitätsstiftend, sondern durch ihre nach außen 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 155 abgrenzende Wirkung überlebenswichtig. Ohne strikte, ausgrenzende Regeln und die Be- oder Verhinderung von Heiraten mit Angehörigen anderer Religionen würden diese Glaubensgemeinschaften heute vielleicht nicht mehr existieren. Auch die großen Religionen sind sich dieser Wirkung bewusst und vertrauen nicht allein auf die Überzeugungskraft des Glaubens. So heißt es im Koran in aller Deutlichkeit: „O die ihr glaubt! Nehmt euch keine Ungläubigen zu Freunden vor den Gläubigen!“ 212 Ein solcher Zusammenhalt bietet klare praktische Vorteile. Er gewährt nicht nur eine gewisse Geborgenheit und Ordnung, er sichert auch gegenseitige Hilfe in Notsituationen. Kranke und Arme können auf die Hilfe ihrer Glaubensgenossen zählen, im Krieg schließt ein gemeinsamer Glauben die Reihen und sorgt für Verbündete. Und auch ohne konkrete Notlage kann in einem durch Armut und Unsicherheit geprägten Umfeld der Glaube helfen, damit zurechtzukommen: „Poverty is recast as religious simplicity and austerity. Perhaps even more important, faith provides a measure of pride: a reason to keep a stiff back amid continual humiliations and temptations.“213 Natürlich können Identifikation und Zusammenhalt von Gruppen nicht nur durch Religion hergestellt werden. Klassen, Ethnien und Nationen mit ihren jeweiligen Werten und Leitbildern bieten hierfür ebenso eine Grundlage wie politische Ideologien und sonstige gemeinsame Interessen. Was dem einen das Glaubensbekenntnis, ist dem anderen der Fahneneid. Religion ist zu diesem Zweck mithin nicht erforderlich, sondern lediglich eine Option, die allerdings in Kombination mit anderen, etwa in Form eines Gottesstaats, zusätzliche Kraft gewinnt. Dass alternative Optionen allerdings grundsätzlich vorzuziehen wären, kann nicht behauptet werden. Denn auch ihnen dienen Zwänge und Einschränkungen als Mittel zur Einheit, ohne dass man in jedem Fall sagen könnte, dass sie weniger tief ins Privatleben eingriffen. So kann es zum Beispiel auch in einem säkularen Gemeinwesen verpönt sein, einen Partner außerhalb der eigenen Ethnie oder sozialen Klasse zu wählen. Die grundsätzlich notwendige Abgrenzung gegenüber anderen führt allerdings leider regelmäßig zu einer gewissen Überheblichkeit. Es wird auf andere herabgeblickt, Angehörige der eigenen Gruppe werden ohne 156 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Ansicht ihrer individuellen Verdienste überhöht. Ob der Kolonialist des 19. Jahrhunderts auf die „Wilden“ hinabschaute, der Nationalsozialist auf den „Untermenschen“, der Katholik auf den „Heiden“, der Muslim auf den „Kafir“ oder der Umweltaktivist auf den SUV-Fahrer, das Prinzip ist das gleiche. Gängelung, Unterdrückung und Gewalt sind dann nicht fern; die Beispiele aus der Religionsgeschichte reichen von den Genoziden des Alten Testaments über die Judenpogrome und die Massaker im Rahmen der Teilung Indiens bis zum islamistischen Terror von heute. Logik und das Messen mit gleichem Maßstab werden dann entbehrlich: Ermorden Muslime andere Muslime, etwa bei Anschlägen in Afghanistan oder im Irak, schweigt die Umma; unliebsame Zeichnungen versetzen sie hingegen weltweit in Aufregung. Ähnliche Beispiele findet man auch in reicher Zahl bei nationalistischen Gruppen oder solchen mit einer anderen gemeinsamen Ideologie. Nachteilig kann die Abgrenzung allerdings auch für die eigene Gruppe sein. Denn ein Stück weit macht sich eine „verschworene Gemeinschaft“ mit ihren für Außenstehende seltsamen Bräuchen natürlich ungewollt zur Zielscheibe, sodass man ihr leicht seltsamste Absichten und Aktionen unterstellen kann – man denke an die im arabischen Raum heute noch zirkulierenden „Protokolle der Weisen von Zion“i und zahllose andere Unterstellungen, unter denen vor allem die Juden zu leiden hatten. Und natürlich ist das Ziel einer Integration in eine andere Gesellschaft unerreichbar, wenn von Beziehungen zu Andersgläubigen konsequent abgeraten wird. Wir können also festhalten, dass Religion in starkem Maße Identität und Zusammenhalt erzeugt, hierauf aber weder ein Monopol besitzt, noch dass es sich hierbei um eine in jeder Hinsicht vorteilhafte Wirkung handelt. 8.4 Werte- und Sinnstiftung versus Fanatismus und Verbrechen Der Erfolg der Spezies Mensch ist unmittelbar mit dem Leben in Gemeinschaften verbunden. Nicht nur die Sicherheit des Einzelnen steigt mit der Größe der Gruppe, sondern auch das Potenzial der Arbeitsteilung. Wenn nicht jeder permanent mit der Bearbeitung und Verteidigung seiner Jagdi In den vom zaristischen Russland gefälschten „Protokollen“ wurde die „jüdische Weltverschwörung“ erfunden (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Protokolle_der_Wei sen_von_Zion). 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 157 und Ackergründe beschäftigt ist, können sich spezialisierte Berufe wie der des Bauern, Soldaten, Handwerkers, Händlers (und Priesters) entwickeln bis hin zu Entertainern, Berufspolitikern, Psychiatern und Rechtsanwälten. Mit der Größe der Gruppe steigt jedoch auch das Potenzial für Konflikte. Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg ist mithin der soziale Zusammenhalt und – für die arbeitsteilige Gesellschaft – eine grundsätzlich planbare Zukunft. Ein möglichst wenig von Willkür und Gewalt geprägtes Zusammenleben von der geschäftlichen über die politische bis in die Ebene der persönlichen Beziehungen ist dabei hilfreich. Grundlage und Kitt des sozialen Zusammenhalts sind oberflächlich Regeln und Gesetze. Diese orientieren sich schon aus Gründen der Konsistenz und Compliance an anerkannten Werten des jeweiligen Gemeinwesens. Diese Werte zu benennen und zu begründen sind Religionen nicht die einzige, aber eine zweifellos praktisch geeignete und wirksame Alternative. Aus ihrem reichen Schatz Heiliger Schriften und deren Interpretationen kann ein umfassender Wertekanon abgeleitet werden. Hierbei ist für Klerus und Gläubige die Feststellung von großer Wichtigkeit, dass Werte göttlicher Herkunft nicht nur in sich wertvoller seien, sondern dass nur göttliche Werte als letzte, unverhandelbare Werte gelten können und damit sichergestellt sei, dass Menschen sich an sie halten. Ohne göttliche Gesetze und göttliche Moral sei ethisches Handeln nicht vorstellbar, sei „alles erlaubt“, der Mensch werde zur Bestie. Wie tief verwurzelt diese Ansicht ist, demonstrierte der katholische Bischof Algermissen im März 2016, als er meinte, der Mensch ohne Auferstehungsglauben werde zu einem „großen Sicherheitsrisiko“ für die Mitwelt, denn seine Hektik und Daseinsangst ließen ihn „zuschlagen und zerstören“. Er gehe „buchstäblich über Leichen“, dies „erlebe man gerade in diesen Wochen und Monaten.“214 i Um die Validität dieses Arguments einzuschätzen, wollen wir zunächst die Qualität religiöser Werte betrachten. Christliche Nächstenliebe, das Almosengeben im Islam, die Demut des Buddhismus oder das strikte Gebot des Jainismus, keine Lebewesen zu töten, alles zentrale Inhalte des Glaubens, sind ohne Frage schöne, respektable und gesellschaftlich i Algermissen bezog sich bei seinen Aussagen auf die kurz zuvor geschehenen Terroranschläge in Brüssel. Dass die Attentäter hier, ähnlich wie bei dem Anschlag in Lahore eine Woche danach, eben keine Atheisten waren, sondern im Gegenteil sehr überzeugt von einem Leben nach dem Tod gewesen sein dürften, muss seiner Aufmerksamkeit entgangen sein. 158 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? nützliche Werte und keineswegs banal. Menschen, die sich danach richten, genießen zu Recht Anerkennung über ihre eigenen Glaubensbrüder und schwestern hinaus. Die damit verbundene Einsicht und Anstrengung, gerade weil sie der menschlichen Natur nicht selten zuwiderlaufen, machen diese Werte in manchen Augen noch wertvoller. Doch können wir den Blick nicht davor verschließen, dass jede Religion auch Werte und Vorschriften beinhaltet, die nicht unmittelbar sinnvoll erscheinen und mit modernen Vorstellungen einer Gesellschaft nicht in Einklang zu bringen sind. Schon die Vielzahl spezifischer Kleidungs- und Nahrungsvorschriften sind problematisch, da ihr praktischer Nutzen ausschließlich in der Abgrenzung von anderen Religionen bzw. Gruppen liegt und damit ein gemeinsames Zusammenleben erschweren kann. Fragwürdig sind auch gut gemeinte Vorgaben wie die Feindesliebe, die in der Praxis schnell an ihre Grenzen stößt.i Schwierig wird es spätestens dann, wenn sich Religion in private Angelegenheiten einmischt oder gar politische oder strafrechtliche Vorgaben gemacht werden. Wenn es etwa im Alten Testament heißt: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben“ 215 ii, oder der Koran befiehlt: „Dem Dieb und der Diebin schneidet ihr die Hände ab als Vergeltung für das, was sie begangen haben und als abschreckende Strafe von Allah“216, so spricht dies nach modernen Maßstäben ebenso wenig für eine höhere Qualität religiöser Werte wie die von vielen Muslimen für richtig gehaltene Todesstrafe für Apostaten217 und die sachlich wie moralisch unhaltbare zivil- und strafrechtliche Benachteiligung von Fraueniii oder das hini Wenn beispielsweise die evangelische Bischöfin Käßmann empfiehlt, mit Terroristen zu beten und ihnen mit Liebe zu begegnen, mag dies ganz im Sinne des Neuen Testaments sein. Dies als praktischen Beitrag zur Problemlösung zu betrachten, bedarf es aber eines gewissen Optimismus. ii Nach vorherrschender Meinung wurden die Vorschriften des Alten Testaments allerdings durch Jesus aufgehoben: hierauf weist u. a. Römer 10,4 hin. Für den Dekalog scheint dies allerdings nicht zu gelten. iii Qur’an Sure 4, Vers 34 begründet dies u. a. so: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben“ (vgl. Halm 2000, S. 82). Einschlägige Regelungen sind z. B. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 159 duistische Kastensystem.i Darüber sollte sich klar sein, wer undifferenziert von der Schönheit und Nützlichkeit göttlicher Werte spricht. Kann man, um bei obigen Beispielen zu bleiben, die Strafe für Diebe noch als lediglich übertrieben relativieren, ist dies bei einer Bestrafung der Homosexualität schlicht nicht möglich, da die Betroffenen ja aus ihrer Orientierung heraus an keiner Stelle gesellschaftlichen Schaden anrichten und selbige keine eigene Entscheidung ist und damit aus religiöser Perspektive als gottgewollt angesehen werden muss. Zugegeben, mit der göttlichen Herkunft von Regeln ist nicht notwendigerweise verbunden, dass diese schön und nach menschlichen Maßstäben nachvollziehbar sein müssen. Doch wer mit eben dieser Schönheit argumentiert, muss auch die weniger ansprechenden Aspekte gegen sich gelten lassen. Persönliche Präferenzen zählen nicht. So sagt der Koran: „Zu kämpfen ist Euch vorgeschrieben, auch wenn es Euch widerwärtig ist. Doch mag es sein, dass euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch ist, und es mag sein, dass euch etwas lieb ist, was übel für euch ist.“ 218 Nun wird man einwenden, dass die Religionen insgesamt durchaus hinzugelernt haben und manche unmenschliche Regel entweder als aus dem Zusammenhang gerissen bzw. durch neuere Entwicklungen überholt gilt oder schlicht heute keine Beachtung mehr findet. Zum Teil – aber auch nur zum Teil – ist das sicher richtig. Allerdings sollte man sich fragen, ob sich die Religion mit dieser Anpassung an die soziale Entwicklung oder gar den ephemeren Zeitgeist nicht von ihrem Kern entfernt und schlimmstenfalls zu einer reinen Wohlfühlveranstaltung degeneriert. Ebenso darf man nicht ignorieren, dass gerade im traditionelleren Umfeld auch solche Regeln als unveränderliches Wort Gottes durchaus noch akzeptiert werden und lediglich ein Mantel des Schweigens darüber gelegt wird, um sich zum die Folgenden (siehe Özbe 2016, S. 6): „Die weiblichen Angehörigen eines Verstorbenen erhalten von der Erbmasse nur halb so viel wie die männlichen Angehörigen gleichen Grades“ (4:11 f.,176). Der Mann darf mehrere Ehefrauen gleichzeitig haben (4:3) und, um ihre Widerspenstigkeit zu brechen, sie unter bestimmten Umständen schlagen (4:34). Die Zeugenaussage einer Frau gilt nur halb so viel wie die eines Mannes (2:282). Männer stehen von den Rechten her über den Frauen (2:228). Die Frau ist das Saatfeld ihres Mannes, der Mann darf sein Saatfeld bestellen, wie er will (2:223).“ i Dieses erhält seine Bestätigung durch Krishna selbst: „Die Einrichtung der vier Stände wurde durch mich geschaffen, sie nach Eigenschaften und Beschäftigung unterscheidend“ (Bhagavadgita, 4. Gesang, Vers 13). 160 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Beispiel unangenehmen Diskussionen zu entziehen. Heinz Halm, Professor für islamische Geschichte an der Universität Tübingen, durfte in seinem Buch „Der Islam“ aus dem Jahr 2000 noch behaupten: „Bei den modernen Versuchen, die Sharia zur Grundlage der Gesetzgebung moderner Staaten zu machen, wird durchaus selektiv verfahren. Die Sklaverei zum Beispiel, die jahrhundertelang ein fester Bestandteil der islamischen Rechtsordnung war, gilt allgemein als obsolet; auch die eifrigsten Islamisten denken nicht daran, sie wiedereinzuführen, obwohl etwa ein Dutzend Koranstellen die Sklaverei als selbstverständliches Phänomen voraussetzt und das Konkubinat des Besitzers mit der Sklavin ausdrücklich billigt (z. B. Koran 2, 221 oder 4, 25).“219 Die Realität des Kalifatsstaats in Syrien und im Nordirak im Jahr 2016 beweist leider das Gegenteil – hier wurde exakt das Geschilderte mit Verweis auf die einschlägigen Koranverse praktiziert. Die vermeintlich guten religiösen Werte lassen offenbar hinreichend Spielraum für das beträchtliche und unübersehbare Unheil, das im Namen von Göttern und Religionen seit jeher angerichtet wurde und wird. Dies wird zumindest von den christlichen Kirchen auch nicht bestritten; bei anderen Religionen scheint die Einsichtsfähigkeit nicht immer im gleichen Maße ausgeprägt. Nicht jedes Unrecht im religiösen Zusammenhang darf jedoch der Religion angelastet werden. Weder sollte man – um nur Beispiele des Christentums zu nennen – Einzeltaten wie jene pädophiler Priester noch organisierte Missetaten wie die spanische Inquisition dem Glauben vorhalten, der ja mit Friedfertigkeit und Nächstenliebe diametral andere Werte postuliert. Die Fairness gebietet, hier Glauben und menschliche Taten auseinanderzuhalten. Selbst wenn Untaten vom Klerus per Dekret oder Fatwa gebilligt oder gefordert werden, sollte man prüfen, ob eine solche Differenzierung angemessen ist. Denn auch Religionsgelehrte sind Menschen mit Fehlern und Eigeninteressen und können natürlich vom Wortlaut und Geist ihres Glaubens abweichen. Das entbindet die Gläubigen allerdings nicht, ihr Gewissen zu erforschen. Ein guter Maßstab dafür, ob eine Unterscheidung angemessen ist, stellt der Umgang des Klerus mit solchen Vorkommnissen dar, wenn diese aufgedeckt wurden. Dem Leser werden hierzu gewiss Beispiele der Zeitgeschichte einfallen. Die Differenzierung findet allerdings dort ihre Grenze, wo die Religion selbst derartiges Verhalten bewusst in Kauf nimmt, ermöglicht oder fördert. Heilige Schriften, die die Interpretation erlauben, dass ein Heiliger Krieg zulässig oder sogar notwendig sei, müssen sich – selbst wenn der Kampf, zu dem aufgerufen wird, nicht im gewalttätigen Sinne, sondern 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 161 als ernsthaftes Bemühen zu verstehen sein sollte – zumindest mangelnde Eindeutigkeit und damit Fahrlässigkeit vorhalten lassen. Religionen, die kraft ihrer empfundenen alleinigen Wahrheit Menschen den Umgang mit anderen verbieten, Menschen in Gruppen unterschiedlichen Werts einteilen oder gar zum Mord aufrufen, muss man hingegen Vorsatz unterstellen. Häufig wird dahingehend relativiert, dass die jeweilige einschlägige Stelle der Heiligen Schrift im Kontext zu interpretieren seii oder durch andere Stellen der Schrift aufgehoben werde – tatsächlich also kein Konflikt mit modernen Werten bestehe. Ob diese Relativierungen tatsächlich ernst gemeint sind oder ob es sich um Ablenkungsmanöver handelt, mag man im Einzelfall unterschiedlich beurteilen. In jedem Fall impliziert die hierin offenbarte Ambiguität, dass es der Religion an Klarheit mangelt und eine Vielzahl von Interpretationen möglich ist, die auch Gräueltaten nicht ausschließt. Ein typisches Beispiel unserer Zeit ist die Unterscheidung zwischen Muslimen und Islamisten, die den Eindruck erwecken soll, es handele sich um völlig unzusammenhängende Dinge.ii Sachgerechter wäre wohl die Bezeichnung Letzterer als strengkonservative oder fundamentalistische Muslime. Damit ist nicht gesagt, dass derart konsequente Interpretationen vom jeweiligen Gott nicht beabsichtigt worden sein mögen. Womöglich zeigen gerade die fundamentalistischen Strömungen den Charakter einer Religion am deutlichsten. Selbstverständlich ist es denkbar, dass ein unfreundlicher Gott bestimmte Menschengruppen von vorneherein schlechter stellt oder zur Vernichtung anderer aufruft. Ein real existierender Gott muss ja nicht derjenige sein, den wir uns wünschen. Seine Werte und seine Definition von Verbrechen müssen nicht mit denen übereinstimmen, die wir heute einer modernen aufgeklärten Gesellschaft zuschreiben. Wer an einen liebenden Gott glaubt, wird allerdings schon ins Grübeln kommen. i „Allerdings macht es einen erheblichen Unterschied, ob man einen Satz derart seinem Kontext entreißt, dass jeder Vernünftige, der den Gesamttext liest, zu einem ganz anderen Ergebnis gelangen würde, als der isolierte Satz suggeriert, oder ob mit dem pauschalen Hinweis auf den Kontext einfach nur das Zitieren von problematischen Stellen verboten werden soll. Schließlich muss jeder (auch der liberale Muslim), der über den Koran etwas aussagen will, einzelne Passagen zitieren, ohne jedesmal den Gesamttext und die gesamte islamische Literatur mit zitieren zu können“ (Özbe 2016, S. 11). ii Interessanterweise gibt es solche unterschiedlichen Begriffe nicht für Angehörige anderer Religionen, obwohl auch dort Gläubige mit konservativen Ansichten, die auf eine buchstabengetreue Befolgung der Heiligen Schrift Wert legen, existieren. 162 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Gleichwohl soll nicht in Abrede gestellt werden, dass religiöse Wertesysteme im Grundsatz durchaus funktionieren. Man sollte ihnen nicht vorwerfen, dass immer wieder gegen sie verstoßen wird oder sie nicht immer so konsistent und mit unseren persönlichen Vorstellungen kompatibel sind, wie man sich das wünschte. Denn dies gilt nicht minder für andere Wertesysteme. Dass es aber auch andere, eben nicht religiös motivierte Werte bzw. Wertesysteme gibt, ist unbezweifelbar der Fall. Humanismus, Liberalismus, Sozialismus sind ebenfalls umfassende Wertesysteme, auch wenn die Erfahrung mit Letzterem nicht eben für dieses spricht. Oft decken sich sogar die Werte. Wenn Mohammed sagt: „Niemand von Euch ist gläubig, bis er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“220, so wird kein humanistischer Atheist diesem Prinzip widersprechen (jedenfalls sofern mit dem Bruder nicht nur der Glaubensbruder gemeint ist). Ob man aus christlichen oder humanistischen Gründen Menschen in Not hilft, ist für diese gleichgültig. Man könnte sogar so weit gehen, dem humanistischen Atheisten eine höher stehende Haltung zu bescheinigen als einem Gläubigen, der gute Werke weniger aus innerer Überzeugung als mit Blick auf das Jenseits übt. Doch wollen wir fair sein: Viele Gläubige tun Gutes aus innerer Überzeugung, und genauso viele Gläubige wie Ungläubige verbinden mit der guten Tat eigennützige Motive, und sei es nur die moralische Selbstüberhöhung. Wenn also Bischof Huber behauptet: „Es gibt in der Tat viele Versuche, Moral und Ethik rein aus dem menschlichen Vermögen zu begründen, also den Menschen selbst in Fragen von Moral und Ethik zum Maß der Dinge zu machen. Das beruht auf einer heillosen Überschätzung des Menschen“, und dies als „promethischen Größenwahn“ tituliert, während er sich selbst offensichtlich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, so können wir dies empirisch entkräften.221 Kommen wir nun zu der Frage, ob eine göttliche Autorenschaft für ein Wertesystem erforderlich oder zumindest sinnvoll ist. Richtig ist natürlich, dass sich bei Anerkenntnis göttlicher Regeln jede weitere Diskussion erübrigt. Das mühe- und schmerzvolle Entwickeln und Aushandeln von Regeln entfällt in der Tat. Allein, göttliche Regeln decken nun einmal nicht jedwede Situation in voller Klarheit ab bzw. bedürfen der Interpretation, was Fehler provoziert. Und dass ohne göttliche Gesetze und Moral ethisches Handeln nicht vorstellbar sei, widerlegen jeden Tag unzählige Menschen. Viel Vertrauen in den menschlichen Charakter haben die Vertreter dieser Ansicht jedenfalls nicht. Denn natürlich können sich auch 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 163 Nichtreligiöse problemlos auf ethische Regeln einigen, die denen von Religionen in keiner Weise nachstehen. Die Menschenrechte wurden nicht von einer Religion formuliert. Dies im Blick, konzedieren zumindest Vertreter der deutschen Kirchen, dass auch ohne Gott Moral existieren kann. Dies wird jedoch regelmäßig mit dem Hinweis verbunden, dass eine Moral von Gott vorzuziehen sei. Begründet wird dies damit, dass Gott kraft seiner Natur nicht nur bessere, weil eben göttliche und damit besonders vernünftige oder sinnvolle Werte setze, sondern diese so auch eine allgemeine Anerkennung genössen und damit ihre Einhaltung besser gewährleistet sei. Dass hier auch die möglichen Konsequenzen einer Zuwiderhandlung gravierender ausfallen, spielt dem in die Hände. Unter der Voraussetzung, dass Gott existiert und seine Regeln tatsächlich für jedermann vollkommen transparent sind, ließe sich dem vielleicht sogar beipflichten. Dem kann aber zum einen entgegnet werden, dass, selbst wenn eine göttliche Moral aus Nützlichkeits- oder Effektivitätsüberlegungen heraus vorzuziehen wäre, dies kein Beleg für die Existenz von Gott ist. Es legt eher nahe, dass eine solche mit Blick auf den gewünschten Effekt konstruiert wurde. Zum anderen kann ein von Menschen einmütig festgelegtes Regelwerk in der Praxis durchaus den gleichen Stellenwert erlangen wie ein religiöses – warum sollte man nicht stolz darauf sein, selbst Verantwortung zu übernehmen, eigene Regeln zu definieren und für deren Einhaltung zu sorgen, anstatt die Regulierung von Schuld und Sühne einem unsichtbaren Dritten zu überlassen? Der Stolz der Amerikaner auf ihre Verfassung möge als Beispiel dienen. Identifiziert man sich mit selbst geschaffenen Regeln nicht mehr als mit solchen, die von jemand anderem oktroyiert werden? Die Existenz des Rechtsstaates zeigt ja, dass man gerade nicht gewillt ist, alles und jeden allein der göttlichen Gerechtigkeit zu überlassen. Wenn etwa das Gesetzbuch des Manu feststellt: „Wo die Frauen in Ehren gehalten werden, da ist Wohlgefallen der Götter. Aber wo sie verachtet werden, da sind alle religiösen Handlungen vergeblich“,222 ist das zweifellos schön (wenn auch ein wenig gönnerhaft), aber ein moderner Mann in einer Gesellschaft mit Gleichberechtigung bedarf dieses Hinweises nicht. Und schließlich führt eine religiöse Verbrämung von Regeln nicht selten zu Gesetzen und Strafen, die mit einer aufgeklärten Gesellschaft nicht vereinbar oder sachlich unnötig sind. Mysogynes Erbschaftsrecht und brutale Strafen wie die Steinigung ließen sich in den betroffenen Regionen ächten, wenn nicht Gelehrte die 164 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Notwendigkeit und Angemessenheit derselben aufgrund von heiligen Texten belegten. Gelegentlich scheint auch in den Religionen hier und da die Erkenntnis durch, dass Werte nicht zwingend von ihnen kommen müssen. Erstaunlich fortschrittlich zeigt sich der XIV. Dalai Lama: „All the world’s major religions, with their emphasis on love, compassion, patience, tolerance, and forgiveness can and do promote inner values. But the reality of the world today is that grounding ethics in religion is no longer adequate. This is why I am increasingly convinced that the time has come to find a way of thinking about spirituality and ethics beyond religion altogether.“ 223 Wenig hilfreich erscheint hierbei die Taktik, religiöse Werte und Normen durch natürliche Gesetze und Gegebenheiten zu unterstützen. Ein besonders absurdes Beispiel hierfür, das fragwürdige Biologie, Antiamerikanismus, falsche Verallgemeinerungen und eine bizarre Analogie vereint, stammt vom salafistischen Prediger Zakir Naik: „The pig is the most shameless animal on the face of the earth. It is the only animal that invites its friends to have sex with its mate. In America, most people consume pork. Many times after dance parties, they have swapping of wives; many say ‘you sleep with my wife and I will sleep with your wife.’ If you eat pigs then you behave like pigs.“ 224 Diese Argumentationsweise ist natürlich bei nicht religiösen Ableitungen nicht minder falsch. Ob man beispielsweise Homosexualität aus religiösen oder schlicht homophoben Gründen als Verstoß gegen die natürliche Weise der Fortpflanzung verpönt, bleibt sich gleich; weder ist dies biologisch korrekt (gleichgeschlechtliche Beziehungen kommen bei vielen Spezies vor und müssen daher als Produkt der Evolution und damit natürlich gelten), noch ist es zulässig, sich lediglich passende Punkte herauszupicken. Denn die Natur bietet hinreichend Beispiele für Verhaltensweisen, die man in einer menschlichen Ethik eher nicht unterbringen möchte. Infantizid und polygames Verhalten sind dort schließlich ebenso „natürlich“ wie die gewaltsame Durchsetzung eigener Interessen. Eng verbunden mit der Wertefrage ist jene nach dem Sinn, dem Sinn des Lebens. Sinnfragen sind eine menschliche Spezialität. Dass es über die 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 165 Fortpflanzung bzw. die Weitergabe der „egoistischen Gene“ hinaus einen höheren Sinn oder Zweck im Leben geben möge, ist ein weit verbreiteter Wunsch. Als kleines Rad im Getriebe der Evolution, eines, dass seine Aufgabe durch seinen notwendigen Tod beschließt, mag sich mancher ungern sehen. Die Frage nach dem Sinn wird von den Religionen regelmäßig dahingehend beantwortet, dass dieser in der Befolgung ihrer Lehren oder vielmehr in der Rolle liegt, die Gott oder die göttliche Ordnung dem Menschen zugedacht hat. Sinn kann also als Entwicklung zu einem „guten“, sprich gottgefälligen Menschen, als Näherkommen zu Gott oder Verschmelzen mit ihm als Endziel des Daseins verstanden werden. Ob solche etwas nebulösen Sinnhaftigkeiten wirklich eine befriedigende Antwort sind, mag man unterschiedlich beurteilen. Der Wunsch, die Banalität des Lebens zu übertünchen oder, positiver formuliert, dem Leben ein höheres Ziel zu geben, sollte jedoch nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Wenn es keinen extern gesetzten Sinn gäbe, dann wäre das hinzunehmen und das Postulieren eines solchen durch eine Religion kein Beleg für deren Wahrheit. Kurzum: Auf unsere Wünsche kommt es nicht an. Vor allem aber bedarf es gar nicht eines übergeordneten Sinns, um ein erfülltes, sinnvolles Leben zu führen. Menschen sind sehr wohl in der Lage, sich selbst Ziele zu setzen, die ihrem Leben Sinn verleihen. Wer wollte sagen, dass eine Mutter, die Kinder aufzieht, ein Unternehmer, der eine Firma aufbaut, ein Rettungssanitäter oder ein leidenschaftlicher Künstler ohne Religion keinen Lebenssinn hätten? Ohnehin: Wenn der Sinn des Lebens nichts weiter wäre als die Vorbereitung auf ein „nächstes Leben“ oder das Preisen Gottes, ist damit ja nicht viel gewonnen. Es nur als Planspiel für die Ewigkeit zu verstehen, käme wohl eher einer Abwertung des Lebens gleich. Vielleicht sollte man es mit dem Physiker Lawrence M. Krauss halten: „Imagining living in a universe without purpose may prepare us to better face reality head on. I cannot see that this is such a bad thing.“ 225 8.5 Soziales Engagement versus Eigeninteressen Unbestritten zeigen religiös motivierte Gemeinschaften und Organisationen oft ein hohes Maß an Engagement für Menschen in Not. Die Katastrophenhilfe des Roten Kreuzes, Johanniter und Malteser, Caritas 166 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? und Diakonie als größte private Arbeitgeber in Deutschland, all dies sind nur einige hierzulande bestens bekannte Beispiele. In Ländern mit dysfunktionalem Staat und ohne soziales Netz wie Pakistan können religiöse Stiftungen und Charities noch wesentlich wichtiger sein, zumal ihnen oft mehr Vertrauen geschenkt wird als dem Staat.226 Im Islam ist das Zakat, die Abgabe eines Teils des Einkommens an Arme, eine der fünf Säulen, im Christentum ist die Nächstenliebe, im Buddhismus die mitfühlende Hinwendung Programm. Hieraus entspringt nicht nur die organisierte, sondern auch individuelle Hilfe. Dass gemeinnützige Organisationen in kirchlicher bzw. religiöser Trägerschaft zuweilen den Großteil ihrer Mittel von staatlicher Seite zur Verfügung gestellt bekommen, sollte man wissen. Dies spricht zwar keineswegs gegen die Anerkennung ihres Engagements. Bei der Nutzenaufstellung darf aber nur der selbst eingebrachte Teil wirklich den Kirchen zugerechnet werden, will man ihren Beitrag nicht überschätzen. Hinzu kommt, dass dieses Engagement – um es mit Begriffen aus der Ökonomie zu sagen – ja auch markenbildend ist und Vertriebs- und Kundenbindungscharakter hat. Kinder in einem katholischen Kindergarten werden zweifellos mehr mit christlichen Praktiken in Kontakt kommen als in einem staatlich betriebenen. Das lobenswerte und wertvolle soziale Engagement organisierter Religionen ist also nicht frei von Eigeninteressen, weder in Deutschland noch anderswo. Man darf hierbei gewiss die Ausrichtung mancher organisierter Hilfe kritisieren. Ob beispielsweise das Engagement kirchlicher Organisationen in Entwicklungsländern tatsächlich Menschen in Not nachhaltig hilft oder ob so letztlich die jeweiligen Verhältnisse gestützt werden, kann man diskutieren. Dies bedeutet nicht, die gute Absicht in Abrede zu stellen, sondern lediglich die Frage nach Effektivität und Effizienz der Maßnahmen zu stellen. Beides dürfte ja im Interesse der Initiatoren sein. Fragwürdiger ist hingegen eine als gesellschaftliches Engagement getarnte politische Einflussnahme, die letztlich religiöse Normen für die Gesamtbevölkerung verbindlich machen will. Man denke etwa an Äußerungen der deutschen Kirchen hinsichtlich kontroverser Themen wie Gentechnik, Kernkraft, militärische Einsätze, Klimawandel oder Flüchtlingspolitik, bei denen die religiöse Perspektive regelmäßig keinen sachlichen Beitrag leisten kann oder die Probleme gar verschärft. Oft dürfte dies an einem Mangel an Fachkompetenz liegen – Kleriker sind schließlich in erster Linie Theologen. Häufiger noch dürfte ein Denken verantwortlich sein, dass sich 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 167 im Zielkonflikt zwischen Linderung unmittelbarer Not und der Verhinderung gewaltsamer Auseinandersetzungen einerseits und dem für eine grundlegende und dauerhaft sinnvolle Lösung Erforderlichen andererseits üblicherweise im Sinne des Ersteren entscheidet. Neben der organisierten Hilfe steht die der einzelnen Gläubigen selbst, sei es untereinander oder für Fremde. Hier kann man wohl in der Regel davon ausgehen, dass nicht der Gedanke des „Punktesammelns“ für das Jenseits im Vordergrund steht, sondern es sich um ein ehrliches Anliegen handelt. Dieses Engagement ist also uneingeschränkt anerkennenswert. Um es der Religion zuzurechnen, müssen wir uns allerdings fragen, ob es tatsächlich religiösen Werten entsprungen ist oder ob es auch ohne diese, also aus reiner Menschenfreundlichkeit stattgefunden hätte. Denn natürlich finden wir auch zahllose Hilfsinitiativen ohne religiöse Trägerschaft wie etwa „Aktion Mensch“. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich beim Helfen und sozialem Engagement an sich um typisch menschliche, ja zum Teil auch staatsbürgerliche Aktivitäten handelt und sich daher auch in einer religionsfreien Gesellschaft ein vergleichbares Niveau ergeben würde. Schließlich sehen wir auf individueller Ebene keinen signifikanten Unterschied im Engagement religiöser und weniger religiöser Bürger. Insofern ist das Engagement von organisierter Religion und Gläubigen ohne Frage respektabel, jedoch nicht höher einzuschätzen als solches säkularen Ursprungs. 8.6 Gesellschaftlicher Fortschritt versus Beharren und Unterdrückung Religionen werden heute oftmals als rückständig angesehen. Der Umgang mit Andersgläubigen, die Sexualmoral und die Stellung der Frau widersprechen nicht selten den Prinzipien einer modernen Gesellschaft. Dem könnte man mit Recht entgegnen, dass auch die Werte unserer Zeit, jene, die man gerne als „westliche Werte“ bezeichnet, durchaus zu hinterfragen und vermutlich nicht immerwährend sind, doch wird sich in Europa kaum jemand die gesellschaftlichen Verhältnisse der Antike, des Mittel alters oder des heutigen Südasiens und Afrikas zum Vorbild nehmen wollen. Schließlich ist kaum zu bestreiten, dass Unfreiheit, Denkverbote und Diskriminierung weder dem Glück und der Prosperität des Einzelnen noch denen eines Volkes nutzen. Dieser Eindruck steht in auffallendem Gegensatz zu dem immensen gesellschaftlichen Fortschritt, den Religionen im Rahmen ihrer Entste- 168 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? hung bzw. Stiftung bewirkten oder zumindest anstrebten. Das Postulat der Gleichheit aller Menschen vor Gott und erst recht das unbedingte Gebot der Nächstenliebe waren zu Jesu Zeit revolutionär. Der Buddhismus wandte sich gegen das hinduistische Kastenwesen. Der Islam brach mit der Loyalität zum jeweiligen Stamm zugunsten derer zu Allah und gab Frauen zwar eine zweitrangige, aber doch erstmals überhaupt eine Stellung, die sie statt zu Eigentum zu Personen machte. Dies sind allesamt, auch wenn sich nicht alles in voller Schönheit zu materialisieren vermochten, höchst anerkennenswerte Leistungen und Ideen, die mithilfe der religiösen Legitimation bedeutend leichter durchgesetzt werden konnte als allein mit philosophischen Diskussionen, Bürgerbewegungen oder königlichem Dekret. Kehrseite dieser Durchsetzungskraft ist allerdings das Beharrungsvermögen religiös begründeter gesellschaftlicher Regeln. In Indien ist das Kastenwesen trotz aller anerkennenswerten staatlichen Maßnahmen weiterhin von ungebrochener Bedeutung; auch wenn sich in der zweiten Hälfte des 20.  Jahrhunderts vieles verbessert hat, ist es für Angehörige niedrigerer Kasten und besonders für die kastenlosen Dalit weiterhin erheblich schwieriger, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu reüssieren. In Ländern wie Pakistan und Iran behandeln an der Scharia orientierte Rechtssysteme Menschen weiter nach den Standards des 7. Jahrhunderts, die Menschenrechte stehen insofern unter religiösem Vorbehalt. Da tröstet es nur wenig, wenn überkommene religiöse Regeln dennoch eine positive Entwicklung darstellen könnten. So wird etwa die Scharia in manchen Teilen der Welt mit Recht als reformistisch verstanden, da die Alternative zum islamischen Recht oft noch älteres, lokales Stammesrecht ist, das beispielsweise in Südasien nicht durch Gerichte, sondern durch Jirgas, Panchayats oder einen Dorfrat durchgesetzt wird227 und – gerade in Bezug auf Frauen – oft als barbarisch bezeichnet werden muss.228 Offensichtlich können sich also auch andere gesellschaftlich-moralische Vorstellungen Veränderungen oft hartnäckig verweigern. Während sie sich jedoch lediglich auf eine wenn auch alte und starke Tradition berufen können, die sich prinzipiell ändern könnte, wenn die Beteiligten dies wünschen, ist dies bei Religionen aufgrund des Ewigkeitsanspruchs nur begrenzt möglich. So sieht der Koran für schweren Diebstahl ausdrücklich die Amputation der rechten Hand und im Wiederholungsfall des linken Fußes vor.229 Hiervon kann, da der Koran als wörtliche Rede Allahs die unveränderliche Wahrheit darstellt, nicht abgewichen werden.230 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 169 Die Rechtspraxis muss dies berücksichtigen,i eine „liberale“, „zeitgemäße“ Neuinterpretation ist bei expliziten Vorschriften ausgeschlossen.231 Wenn nun die Mehrheit der Muslime solche Strafen und Regeln ablehnt, wie wir dies für Europa annehmen möchten, muss der Gläubige den Widerspruch zur Lehre entweder ignorieren oder zu Ausflüchten greifen wie jener, dass die besagten Regeln nur in islamisch regierten Ländern gültig seien und man zwar darauf hinarbeiten müsse, diese auch hier zu etablieren, die Umstände dies aber derzeit nicht erlaubten.232 Hinzu kommt, dass bereits ganz weltliche und eigennützige Interessen als Motiv genügen, Veränderungen zu bremsen, wenn diese den Herrschaftsstrukturen schaden könnten. Würden beispielsweise die Pirs, Familien von Nachfolgern Heiliger in Pakistan, den eigenen Claims, Bildung und Demokratie fördern zu wollen, nachkommen, würde dies unmittelbar den kulturellen und gesellschaftlichen Grundlagen ihrer Macht Schaden zufügen.233 Denn Religion ist traditionell nicht zuletzt ein Herrschaftsinstrument, sowohl weltlicher Potentaten als auch des Klerus, und insofern wenig an Veränderung interessiert. Von den Pharaonen bis zur iranischen Theokratie hat sich Religion stets als nützliches Mittel erwiesen, weite Teile der Bevölkerung finanziell auszubeuten und zu unterdrücken bzw. in Rollen zu pressen. Gewiss eignen sich hierzu andere Ideologien wie der Faschismus und der Sozialismus auch, dies macht es aber nicht besser. Das zentrale Element des Glaubens fungiert hierbei als Katalysator. Es ist unerheblich, ob Glauben und Vertrauen in den Klerus, in Gott und/oder die Vorsehung gefordert wird, stets werden unbequeme Fragen, Eigeninitiative und Reformen unterbunden. Wenn Jesus sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (und damit die Machtverhältnisse definiert), oder wenn Menschen unter der Parole „Deus Vult“ (Gott will es) zu Felde ziehen, profitieren Klerus wie weltliche Machthaber und ihre Strukturen. Es wird aber nicht nur die Macht besagter Gruppen zementiert, auch i 2015 wurde z. B. im Iran ein Mann geblendet, weil sein Opfer, das aufgrund eines Säureangriffs ein Auge verloren hatte, darauf bestand (siehe http://www.nydailynews. com/news/world/iranian-acid-attacker-eye-gouged-sentence-article-1.2139081). Hintergrund ist das vom Koran für Mord und Körperverletzung vorgesehene Talionsprinzip, nachdem das Opfer bzw. dessen Familie sich mit der Zahlung eines Blutgeldes begnügen oder aber die gleichartige Verletzung bzw. die Tötung des Täters verlangen kann; „empfohlen wird zwar, dem Täter zu verzeihen und sich mit dem Blutgeld zu bescheiden. Gemäß dem Koran ist es aber ein unumstößliches Recht, auf Vollstrekkung der Wiedervergeltung zu bestehen“ (Özbe 2016, S. 10). 170 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? die Suche nach Lösungen für konkrete, lösbare Probleme wird behindert. Solange etwa Krankheiten als Strafe Gottes oder gar als Besessenheit interpretiert werden, gibt es kein Motiv, in medizinische Forschung und Behandlung zu investieren. In der Tat lässt sich, ohne die Existenz und Bedeutung anderer Faktoren zu leugnen, ein negativer Zusammenhang zwischen Religiosität einerseits und wirtschaftlicher Entwicklung und Innovationskraft andererseits, wie er beim Vergleich von Ländern mit einer stark religiösen und solchen mit einer eher säkularen Bevölkerung naheliegend scheint, auch empirisch belegen.234 Hierbei kann man sich auf historische und zeitgenössische Beispiele stützen. Auf christlicher Seite spannt sich der Bogen vom Prozess gegen Galileo Galilei über den Kampf gegen Darwin bis zur heutigen Feindlichkeit gegenüber Stammzellenforschung und Gentechnik; im Islam vom durch Al-Ghazalii eingeläuteten Ende des goldenen Zeitalters der arabischen Wissenschaft (ca. 800–1100) über das Verbot des Buchdrucks im Jahr 1515 durch Sultan Selim235 bis zur Bildungs- und Fortschrittsfeindlichkeit von Boko Haram und Taliban. Weder die parlamentarische Demokratie noch das Frauenwahlrecht, das Recht auf Ehescheidung oder die Entkriminalisierung von Homosexuellen sind von Religionen gefördert oder gar angestoßen worden. Zum anderen zeigt ein Vergleich von Patentanmeldungen, Wirtschaftskraft (jenseits von Rohstoffen), Bildungseinrichtungen und der Zahl der Übersetzungen von Literatur in die jeweilige Landessprache, dass besonders der arabische und afrikanische Raum anderen Ländern deutlich hinterherhinkt. Auch wenn man anerkennen muss, dass es sich bei der Religion nur um einen von mehreren relevanten Faktoren handelt, scheint ein Zusammenhang auf Gesellschaftsebene zumindest plausibel.ii Letztlich verhindern also Religionen, dass Menschen und Gesellschaften ihr volles intellektuelles und wirtschaftliches Potenzial entfalten können. Das gilt oft in besonderem Maße für Frauen; auch wenn i Abu Hamid al-Ghazali (1055 – 1111), im mittelalterlichen Europa auch als „Algazel“ bekannt, islamischer Theologe. Aufgrund seiner Lehre, dass Philosophie (was Logik, Mathematik und Physik einschloss) mit dem Islam nicht vereinbar sei, wird er für die Abkehr der islamischen Welt von der wissenschaftlichen Forschung verantwortlich gemacht. Eine wichtige Rolle spielte dabei aber auch das von Abu Ali al-Hassan al-Tusi (1018 – 1092), dem Großwesir der Seldschuken-Dynastie, geschaffene Nizamiyah-Bildungssystem, das zulasten unabhängiger Forschung auf religiöse Studien fokussierte. ii Das impliziert selbstverständlich keine Aussage über das Potenzial des einzelnen Menschen. Es lässt lediglich erwarten, dass Menschen – gleich welcher Weltanschauung – ihr Potenzial in weniger religiös dominierten Gesellschaften besser heben können. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 171 sich hier kulturelle und religiöse Einflüsse nicht immer sauber trennen lassen, stehen die Religionen einer Diskriminierung zumindest oft nicht im Wege. Nebenbei kann eine Religion auch die Entwicklung Unbeteiligter beeinträchtigen, und zwar mit Mechanismen, die sich von rassistischen nur graduell unterscheiden. So klagen Muslime in Indien häufig über eine vermeintliche oder tatsächliche Benachteiligung gegenüber Hindus. Während hier das Gruppendenken, erst recht vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte, und nicht etwa Bestimmungen des Hinduismus eine Rolle spielen, sieht der Islam in seiner Lehre für Christen und Juden den Status eines Dhimmis, also eines „Schutzbefohlenen“ vor, der als Mensch zweiter Klasse nur geduldet wird und eine Kopfsteuer zu zahlen hat. Zwar will mancher dies als Zeichen der Toleranz anderen Religionen gegenüber verstanden wissen (obwohl dieses sich ja lediglich auf die beiden genannten erstreckt, nicht etwa auf Polytheisten oder Atheisten), man könnte hier aber ebenso gut Parallelen zu anderen Organisationen ziehen, die die Erhebung von Schutzgeld praktizieren. Gewiss kann man diesen Ansatz im historischen Kontext auch positiv sehen. In jedem Fall sind beide Verhaltensweisen in einer gleichberechtigten Gesellschaft und einem Rechtsstaat inakzeptabel. In Summe müssen wir also feststellen, dass Religionen, jedenfalls wenn sie sich hinreichend durchgesetzt haben, dazu neigen, den gesellschaftlichen Status quo zu perpetuieren und Unterdrückung nicht hinreichend zu verhindern, sondern zum Teil zu legitimieren. Wenn eine Institution wie der Vatikan als Gegner von Innovation und wirtschaftlichem wie gesellschaftlichem Fortschritt auftritt, mag man dies dort, wo der Kern der Lehre betroffen ist, als Charakterstärke empfinden; dem Zeitgeist hinterherzulaufen, wie dies in der evangelischen Kirche en vogue zu sein scheint, ist schließlich auch keine Leistung. Dass aber von den Kirchen und anderen Glaubensgemeinschaften in unseren Tagen in signifikantem Maße neue und eigene Impulse für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung zu verzeichnen wären, ist wohl im Großen und Ganzen zu verneinen. Etwas verallgemeinernd könnte man also behaupten, dass den durchaus wertvollen kurzfristigen gesellschaftlichen Verbesserungen ein langfristiges Beharren der Religionen gegenübersteht. Neue Dynamik entsteht allenfalls aus internen Meinungsverschiedenheiten über die Interpretation der Lehre oder äußeren Schocks. Bleiben diese aus, dürften die Nachteile des Beharrens die Vorteile des sozialen Fortschritts überwiegen. 172 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? 8.7 Kunstschätze versus Kosten Angkor Wat, der Registan von Samarkand, die Grabmalereien der Pharaonen, die Matthäus-Passion: Die Liste der aus religiöser Motivation entstandenen Kunstschätze ist beeindruckend und schier unendlich. Kein französischer Ort ist komplett ohne mittelalterliche Kirche, kein indisches Dorf ohne schön gestaltete Tempel und Hausgötter. Selbst bei beschränktem künstlerischen Wert können religiöse Gebäude von einer ihre Funktion übersteigenden Bedeutung sein: „In the blaring, stinking, violent world of modern ‚third world‘ Muslim inner cities, the mosque provides an oasis of calm and reflection. The harmonious serenity of its traditional architecture contrasts with the ugly, vulgar clash of Western and Pakistani kitsch which is the style of so many elites, let alone the masses.“ 236 In jedem Fall steht außer Frage, dass das Weltkulturerbe ohne religiöse Kunst und Architektur ärmer wäre. Die Inspiration der Religion hat die Kunst seit Jahrtausenden beflügelt wie wenig anderes. Was gäbe es daran auszusetzen? Nun, zum einen sollte man nicht außer Acht lassen, dass gerade Baudenkmäler regelmäßig mit horrenden Kosten verbunden waren. Diese wurden in aller Regel mindestens mittelbar von der Masse der einfachen Bevölkerung getragen, die ihrerseits in Bezug auf Wohnen, soziale Absicherung, Gesundheitsvorsorge und Ernährung häufig recht einfach lebten. Heute mag man sich des kulturellen Erbes freuen und den Aufwand als Sunk Costs betrachten; man könnte aber auch behaupten, dass diese Ressourcen für das Wohlergehen der Menschen, für Bildung oder Forschung besser aufgehoben gewesen wären. Solche Ratschläge sind natürlich mit dem Wissen von heute ein wenig wohlfeil; und da auch seinerzeit die Menschen wohl gerne beim Kirchen- oder Pyramidenbau halfen, ist hier zumindest ein empfundener und damit hinreichend realer Nutzen anzurechnen. Nicht übersehen werden sollte allerdings, dass die Beauftragung von Kunstwerken dem Auftraggeber oft auch einen sehr weltlichen Vorteil versprach. Mit Tempeln und Schreinen wurde ebenso Macht und sozialer Status demonstriert, wie die Stiftung eines Altars dem Image der Kaufmannswitwe zugutekam. Und auch bei den Künstlern selbst dürfte höchst weltlicher Ehrgeiz und der Wunsch nach gesellschaftlichem Ansehen eine Rolle gespielt haben. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 173 Gleich wie niedrig und eigennützig die Motivationen im Einzelfall auch gewesen sein mögen, das künstlerische Erbe bleibt. Natürlich gibt es auch zahllose Beispiele säkularer Kunst – die Schlösser der Loire, das Empire State Building, der Impressionismus, die Opern Puccinis, um nur einige zu nennen. Hätte es ohne Religion weniger solcher Werke gegeben oder hätten sich Künstler und Auftraggeber nicht einfach andere Inspirationen oder Anlässe gesucht, um ähnliche Werke hervorzubringen? Gut möglich, denn deren gibt es ja genug. Man kann also festhalten, dass es für die Schaffung großer Kunst der Religion nicht bedarf, dass sie aber gleichwohl als Inspiration und Motiv große positive Wirkung hatte und hat. 8.8 Praktische Folgen der Religiosität für das Individuum Betrachten wir die positiven und negativen Zuschreibungen und Wirkungen in der Gesamtschau, stellen wir fest, dass sich weder die einen noch die anderen den Religionen immer vollständig zurechnen lassen und es dieser hierfür, im Guten wie im Bösen, nicht bedarf. Unter dem Strich kommt es wohl darauf an, wie man die jeweilige Religion interpretiert und umsetzt, um daraus etwas Positives zu machen. Zieht man Bilanz, ist zumindest fragwürdig, ob Religionen die Welt und das Leben tatsächlich verbessern. Diese Sicht schien auch der XIV. Dalai Lama 2015 zu teilen, als er vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris meinte: „Manchmal denke ich, es wäre besser, es gäbe keine Religionen.“237 Doch wollen wir die Analyse nicht abschließen, ohne noch einmal den Blick auf den einzelnen Menschen zu werfen. Denn auch wenn Religion im Großen und Ganzen keinen klaren Nettovorteil bieten mag, sehen wir doch vielleicht positive Auswirkungen auf der Ebene des Individuums. 8.8.1 Sind religiöse Menschen bessere Menschen? Wenn wir unter einem guten Menschen einen friedfertigen, gerechten, ehrlichen, seinen Beitrag zum Gemeinwesen leistenden, anderen Lebewesen aufgeschlossen und helfend zur Seite stehenden Menschen verstehen – also nicht lediglich rein religiöse Verdienste und Eigenschaften wie etwa die Einhaltung vorgeschriebener Gebete betrachten –, dürfte diese Frage manchen Kleriker verunsichern. Wer sie geradeheraus bejaht, offenbart eine gewisse Überheblichkeit, die nicht nur als solche in die entgegengesetzte Richtung weist, sondern auch empirischer Belege entbehrt. Anekdotische 174 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Evidenz, also das willkürliche Aufzählen von Einzelfällen herausragend guter religiöser Menschen (oder alternativ besonders verabscheuungswürdiger Ungläubiger) ist natürlich unzulässig und nicht zielführend, wenn man auf die gesamte Weltbevölkerung schließen möchte. Wenn aber die Frage demutsvoll (oder zähneknirschend) verneint wird, kann man daraus nur einen Schluss ziehen: Eine Religion, die nicht wenigstens geringfügig bessere Menschen hervorbringt, also im Schnitt keine messbaren Auswirkungen auf das Verhalten von Menschen hat, ist offensichtlich wirkungslos und damit rein praktisch obsolet. Ungeachtet dieses Dilemmas dürfen wir in vielen Regionen dieser Welt eine klare Position zu diesem Thema vermuten. In Südasien und im Nahen und Mittleren Osten mag man als Christ noch akzeptiert oder argwöhnisch beäugt werden, für Gottlosigkeit besteht jedoch gar kein Verständnis – eine Sicht, die vielleicht auch in Teilen Bayerns oder des Mittleren Westens verbreitet sein dürfte. Dem gegenüber steht die vorbehaltlose Ehrerbietung, die traditionell besonders frommen Menschen, etwa buddhistischen Mönchen, indischen Saddhus oder dem Herrn Dorfpfarrer, entgegengebracht wird. Inwieweit hierbei die Religiosität an sich als positive Eigenschaft angesehen oder mit der Religion andere positive Eigenschaften (und vice versa) verbunden werden, lässt sich im Einzelfall möglicherweise nicht immer trennen. Da Wertschätzung für Religiosität an sich jedoch ohne Gehalt wäre, wenn sich hieraus nicht auch im irdischen Leben sichtbare positive Wirkungen ergäben, soll hier vom zweiten Fall ausgegangen werden. Wegen des Mangels an empirischen Daten zum „Gutsein“ von Menschen in Abhängigkeit von ihrer Religion und weil die Erstellung eines Kriterienkatalogs und die Erhebung der Daten hierfür außerordentlich schwierig wären, ist es vielleicht hilfreich, die Vorbilder der Gläubigen zu Rate zu ziehen. Denn der historische Buddha, Konfuzius, Mohammed und Jesus werden ja gemeinhin als „role model“ für die Gläubigen angesehen und sollten insofern einen positiven Einfluss auf die Werte haben, nach denen der Mensch handelt. So sagt der Koran den Muslimen explizit: „Wahrlich, Ihr habt an dem Gesandten Gottes ein schönes Vorbild (…).“238 Solche Vorbilder sind von großer praktischer Bedeutung, denn die Heiligen Schriften decken ja trotz ihres Volumens nicht alle denkbaren Lebenssituationen ab und lassen es, wie wir gesehen haben, nicht selten an Ein- 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 175 deutigkeit missen. Das gelebte Vorbild, auch wenn die Authentizität der Berichte darüber nicht durchweg gesichert sein mag, ist schlicht anschaulicher als abstrakte Lehrsätze. In einer konkreten Situation ist die Frage „Was würde Jesus tun?“ weitaus hilfreicher und führt schneller zu einer Lösung als die Transformationsleistung einer Bibelexegese. Nimmt man moderne Vorstellungen von Ethik zum Maßstab, ist diese Strategie allerdings riskant. Denn das Handeln manchen Gottes, Propheten oder Religionsgründers lässt aus heutiger Sicht zu wünschen übrig. Hätte Jesus, als er die Händler aus dem Tempel jagte, nicht die Contenance wahren und auf die Kraft des Gesprächs setzen sollen? Als der historische Buddha Frau und Kinder verließ, um den Pfad der Erleuchtung zu gehen, war dies seiner Familie gegenüber fair und verantwortungsvoll? Will man sich ein solches Verhalten wirklich zum Vorbild nehmen? Beim Propheten Mohammed stellt sich diese Frage umso mehr, als man über die historische Person wesentlich mehr weiß als über seine Vorgänger. Bereits in Bezug auf seine Gattinnen fällt eine gewisse Ambivalenz auf: Geradezu vorbildlich modern wirkt seine erste Heirat mit der 15 Jahre älteren Kaufmannswitwe Chadidscha (von der übrigens der Antrag ausging) und die bis zu ihrem Tod seine einzige Frau blieb. Seine Lieblingsfrau Aischa hingegen war, den islamischen Überlieferungen zufolge, bei der Eheschließung gerade einmal sechs Jahre alt und die Ehe soll bereits drei Jahre später vollzogen worden sein. Dass er seine elfte Frau, Safiyya bint Huyayy, die jüdischer Herkunft war, nur deswegen heiraten konnte, weil er zuvor ihren Gatten im Rahmen des Feldzugs gegen Chaibar hatte foltern und töten lassen, fügt eine weitere weniger erbauliche Facette hinzu. Als Leitlinie für eine glückliche Beziehung zwischen Mann und Frau ist diese Bandbreite an Beziehungen offensichtlich wenig hilfreich. Daneben ziehen sich die Vergabe von Auftragsmordeni und diverse Kriegs- und Raubzüge bis hin zum Genozidii durch Mohammeds Leben. Solche Handlungen, nach heutigen juristischen Maßstäben schwerste Straftaten, kann man im historischen Kontext einer arabischen Stammesgesellschaft verstehen und vielleicht sogar billigen. Zeitgenossen Mohammeds in anderen Teilen der i Beispielsweise an dem jüdischen Dichter Ka’b Ibn al-Asraf (siehe Bobzin 2006, S. 63). Islamische Quellen verzeichnen insgesamt 43 Auftragsmorde; siehe http://wikiislam. net/wiki/List_of_Killings_Ordered_or_Supported_by_Muhammad. ii Unter anderem wurden die Männer des jüdischen Stamms der Banu Quraiza, denen der Bruch ihres Abkommens mit Mohammed während des Grabenkrieges vorgeworfen wurde, nach ihrer Kapitulation exekutiert (siehe Bobzin 2006,S. 106). 176 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Welt waren schließlich auch nicht zimperlich. Das Vorbild Mohammeds gilt jedoch in der islamischen Welt in unveränderlicher Form; Interpretationen, die eine historisch-kritische Einordnung zu fördern suchten, hatten bislang keinen durchgreifenden Erfolg.239 Stattdessen werden von muslimischer Seite Rechtfertigungen dahingehend vorgebracht, dass die Kriege dem Propheten aufgezwungen worden seien und er mit Erlaubnis Allahs zur Selbstverteidigung habe greifen müssen.240 Solche Apologetik verhindert aber eben nicht ähnliches Handeln, sondern setzt lediglich vergleichbare Rahmenbedingungen voraus. Wie fatal dies ist, zeigt sich daran, dass auch Terroristen sich auf eine Art Selbstverteidigung gegen einen angeblichen Imperialismus der USA, Israels oder des „Westens“ berufen. Und so haben sich im islamischen Kulturraum bis heute Traditionen erhalten,i die man aus guten Gründen ablehnen kann, jedenfalls wenn man an universale Werte und die Menschenrechte glaubt. Gewiss finden sich auch im Alten Testament hinreichend Aktionen, die heute vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte landen würden, allerdings überlagert hier das friedlichere Bild des Neuen Testaments das Alte. Schließlich sollte auch das zeitgenössisch idealisierte Bild der Friedfertigkeit der östlichen Religionen nicht leichtfertig akzeptiert werden. Man denke etwa an das große Epos der Bhagavadgita: Roter Faden der Geschichte ist das Bemühen Lord Krishnas, Arjuna zu überzeugen, endlich mit einem blutigen Bruderkrieg zu beginnen. Begründet wird dies unter anderem damit, dass die Seele dadurch ja keinen Schaden nehme, da sie wiedergeboren werde und der Tod des Feindes insofern kein wirklicher Nachteil für ihn sei. Auch wenn man nicht nur graduelle Unterschiede zwischen den Religionen ausmachen kann: „Insgesamt wird man festhalten dürfen, dass weder der Hinduismus noch der Buddhismus noch eine der anderen Weltreligionen insgesamt gewalttätig oder friedfertig sind. Nicht Religionen als solche sind gewalttätig oder friedfertig, sondern die Menschen, die aus ihnen leben.“241 Wohlgemerkt: Genauso wie der Wunsch nach einem Gott nichts über dessen tatsächliche Existenz aussagt, sagen auch menschliche Präferenzen für spezifische göttliche Regeln nichts über die wahren aus. Außer unserem Unbehagen spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass ein Gott auch i Dies kann allerdings höchst unterschiedlich ausgeprägt sein. Während z. B. das Verheiraten von minderjährigen Mädchen in Afghanistan akzeptabel sein mag, dürfte dies für Länder wie Jordanien oder die Türkei kaum gelten. 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 177 Gewalt befürworten oder fordern könnte. Nicht zuletzt die angedrohten Strafen zeigen ja bereits eine gewisse Akzeptanz solcher Mittel. Zum Bild eines barmherzigen Gottes passen die psychischen Folgen einer Kindesheirat allerdings genauso wenig wie die Ermordung von Kriegsgefangenen. Neben solch unschönen Verhaltensweisen ist aber auch fraglich, ob die freundlicher erscheinenden immer hilfreich sind. Die Maxime etwa, auch noch die andere Wange hinzuhalten, wenn man Gewalt erfährt, die doch so friedfertig und deeskalierend wirkt und heutigen Pazifisten erstrebenswert erscheinen müsste, ist in der Praxis eher kontraproduktiv. Das widerstandlose Hinnehmen von Unterdrückung und Gewalt führt in der Regel nicht zu deren Ende – warum sollte es auch –, sondern im Gegenteil zum Erstarken derselben; Beispiele vom Schulhof-Bully bis zum Holocaust lassen sich problemlos finden. Auch der mit dem Namen Gandhis verbundene „gewaltlose Widerstand“ wird in seiner Wirkung völlig überschätzt.i Friedfertigkeit und Appeasement gegenüber totalitären Personen wie Regimen mündet letztlich in deren Unterstützung. Nun mag man darauf hinweisen, dass der Erfolg einer nicht gewaltfreien Intervention mit guten Absichten auch nicht sicher ist, ja gelegentlich das Gegenteil des gewünschten Ergebnisses zeitigt. Dieses Risiko besteht. Andererseits sind gewaltlose Aktionen oft genug nutzlos, wenn nicht als unterlassene Hilfeleistung zu betrachten: Wer den Islamischen Staat im Irak und in Syrien gewähren ließ, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen, kann der sich eines christlichen Verhaltens rühmen? Überhaupt lassen sich für viele grundsätzlich positive Anforderungen der Religion negative Rückkopplungen feststellen: Almosen können Menschen abhängig und in Armut halten, die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Ehe kann Menschen in einer unglücklichen Beziehung verharren lassen, und wie man in unseren Tagen das Märtyrertum interpretiert, ist wohlbekannt. Wer dem häufig empfohlenen Verzicht auf materielle Güter i Der Kampf Gandhis für die Unabhängigkeit Indiens ist das wohl populärste Beispiel für die Wirksamkeit gewaltlosen Widerstands. Der entscheidende Beweggrund der Briten, Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen, war aber die desaströse Finanzsituation nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Vereinigte Königreich war schlicht nicht mehr in der Lage, hinreichend Militär in Übersee zu unterhalten, um die jeweiligen Unabhängigkeitsbestrebungen nachhaltig zu unterdrücken. Insofern müssten die Inder eher Hitler für ihre Unabhängigkeit danken (siehe Kumar 2008). Angesichts der Gräueltaten von der indischen Teilung bis heute stellt Gandhi für die indische Gesellschaft eher eine hübsche Utopie als ein praktisches Vorbild dar. 178 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? und körperliche Genüsse folgt, wird womöglich für seine Mitmenschen ungenießbar; wer aus Mitgefühl mit der schlecht bezahlten bengalischen Näherin seine Textilien anderswo erwirbt, nimmt der Frau und ihrer Familie vielleicht das Einkommen und dem Land die Aufstiegschance, die beispielsweise China vom Entwicklungsland zum Global Player gemacht hat. Damit sei natürlich nicht gesagt, dass es falsch wäre, sich für Menschen in Not zu engagieren und seinem Partner treu zu sein, oder richtig, sich maßlos dem Genuss hinzugeben. Wer Glaubenssätze aber absolut nimmt und radikal befolgt, hat damit ein Rezept für große Probleme und eine nicht allzu wünschenswerte Welt. Es ist eben nicht immer alles schwarz-weiß. Zudem bedarf es ja nicht der Religion, um zu der Einsicht zu gelangen, dass Bescheidenheit und Wohltätigkeit erstrebenswerte Ziele sind, und danach zu handeln. Unzählige Agnostiker und Atheisten belegen dies Tag für Tag. Insgesamt erscheint es daher zweifelhaft, ob es überhaupt einen Ansatzpunkt für religiöse Menschen gibt, durchgehend und nachhaltig besser zu leben und zu handeln als andere. In jedem Fall aber ist ein tatsächliches Besser-Sein nicht erkenntlich und spricht damit doch sehr deutlich gegen den praktischen Nutzen einer Religion. 8.8.2 Sind religiöse Menschen glücklichere Menschen? Wenn es schon schwerfällt, zu argumentieren, Glauben erziehe die Menschen zum Besseren, so könnte man doch behaupten, der Glaube mache zumindest glücklicher. Tatsächlich kommen verschiedene Studien zum Schluss, religiöse Menschen seien glücklicher als Atheisten.242 Das wäre doch nun ein guter Grund, Menschen in ihrer Religion freie Hand zu lassen. Denn mit dem Ziel eines glücklichen Lebens können sich gewiss auch hartgesottene Atheisten anfreunden. Mögliche Gründe für jenes Glück sind beispielsweise Gefühle von Geborgenheit und Gemeinschaft, die Milderung der Angst vor dem Tod oder die Möglichkeit, sich seiner Schuld durch Beichte oder Buße zu entledigen; wir hatten ja bereits eine Reihe potenziell positiver Wirkungen festgestellt. Dieses Glück dürfte allerdings wesentlich gemindert werden durch die beschriebenen religiös induzierten Ängste vor göttlicher Strafe, die ohne Zweifel unzählige Menschen belastet haben und noch belasten. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Religion ja diverse zusätzliche Möglichkeiten für Strafen und Schuld für im säkularen Recht nicht existente und vor allem opferlose Vergehen schafft. Ein Verstoß gegen Speise- 8 Religion und Glaube: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung 179 vorschriften etwa schadet niemandem und würde ohne die entsprechende Religion nicht existieren. Wie dem auch sei: Mögen Studien angesichts des diffusen Begriffs des Glücks auch mit Vorsicht zu genießen sein und mag das Lebensglück in vielen streng religiösen Ländern nicht gerade sprudeln, erscheint es durchaus plausibel, dass zumindest für viele Menschen ein Zusammenhang zwischen Religion und Glück besteht.i Dem Nichtgläubigen hilft diese Einsicht allerdings nicht. Wahrer Glauben lässt sich nun einmal nicht erlernen oder erzwingen. In jedem Fall gilt: Ob Religion Menschen per Saldo glücklicher macht oder nicht, sagt nichts über deren Wahrheit aus: „The fact that a believer is happier than a skeptic is no more to the point than the fact than a drunken man is happier than a sober one.“ 243 i Offen und mithin ein interessantes Forschungsthema wäre dann jedoch noch die Frage, welche Religion am glücklichsten macht.

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Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.