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7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem in:

Holger Krauße

Religion im Faktencheck, page 129 - 148

Wie vernünftig ist der Glaube?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3945-8, ISBN online: 978-3-8288-6712-3, https://doi.org/10.5771/9783828867123-129

Tectum, Baden-Baden
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129 „Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er.“ (Hebräer 12.6) 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem Wer an der Existenz eines gütigen und gerechten Gottes zweifelt, tut dies in der Regel, weil die Realität des Lebens mit all seinen Konflikten, Schwernissen und seiner Vergänglichkeit mit den Vorstellungen einer gerechten, guten Welt nicht übereinzustimmen scheint. Die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ dürfte sich jeder Gläubige mehr als einmal gestellt haben angesichts von Kriegen, Katastrophen und Schicksalsschlägen, Krankheiten, Schmerzen und Altersleiden, aber auch mit Blick auf die sehr unterschiedlichen sozialen, intellektuellen und gesundheitlichen Gegebenheiten. Denn wenn man Gott als allmächtig, allwissend und allgütig denkt – aber eben nur dann, was speziell im Islam und Christentum der Fall ist –, scheint hier ein eklatanter Widerspruch zu bestehen: Gott wüsste ja von all dem Bösen und hätte die Macht, es zu verhindern oder zu beseitigen. Schlimmer noch: Als Schöpfer der Welt wäre er sogar unmittelbar für dessen Entstehung verantwortlich. Damit müsste eine der drei Prämissen nicht stimmen: Entweder ist Gott nicht allmächtig und kann das Übel nicht verhindern. Oder er ist nicht allwissend und vermag es deswegen zumindest nicht vollständig zu verhindern. Oder er ist nicht allgütig und will die Leiden nicht verhindern. Dieser Widerspruch zwischen der behaupteten Güte Gottes und der erlebten Realität wird als Theodizeei-Problem bezeichnet und wurde erstmals 1697 von Gottfried Wilhelm Leibniz182 eingeführt. Es geht also um eine Rechtfertigung der Güte Gottes in einer von ihm abhängigen Welt. Während Theologen wie Hans Küng die Aufforderung an Gott, sich zu rechtfertigen, als Anmaßung ansehen, sah Kant diese Anklage „als i „Rechtfertigung Gottes“ oder „Gerechtigkeit Gottes“. 130 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? gerechtfertigt an, da der Mensch als vernünftiges Wesen berechtigt ist, alle Behauptungen, alle Lehre, welche ihm Achtung auferlegt, zu prüfen, ehe er sich ihr unterwirft, damit diese Achtung aufrichtig und nicht erheuchelt sei.“183 Wollen wir also nicht einem blinden Glauben das Wort reden, kommen wir nicht umhin, diese Frage zu stellen. Das Theodizee-Problem hat Philosophen und Theologen seit jeher beschäftigt. Gerade bei unserer Frage ist es unerlässlich, die gebräuchlichsten Argumentationen ins Auge zu fassen, die angeführt wurden, um den – scheinbaren? – Widerspruch zu erklären oder auflösen. Wenn wir dabei vom Übel reden, dann als Überbegriff, der auch „das Böse“ und das Leid miteinschließt, wobei die jeweilige Argumentation sich am menschlichen Leid sicher am besten überprüfen lässt. 1. Es gibt gar kein Leid oder Übel Augustinus, Platon, Leibniz und andere große Namen waren der Ansicht, dass alles Seiende in Wirklichkeit gut sei. Was wir gemeinhin als Übel ansehen, sei lediglich ein Mangel an Gutem, eine Störung des Guten. Dies war nicht lediglich als semantischer Trick der Art gedacht, dass kalt lediglich ein Mangel an Wärme sei und Krankheit ein Mangel an Gesundheit. Vielmehr wird hier das Sein mit dem Guten gleichgesetzt: Das Sein ist gut und das Böse ist nichts, also nicht seiend. Man darf vermuten, dass eine solche Argumentation leidenden Menschen wenig Trost spenden wird. Wenn man einen geliebten Menschen verliert, richtig, er ist ja lediglich nicht mehr da; das Leid der Hinterbliebenen bleibt jedoch, und deren Sein als gut zu interpretieren, erscheint hanebüchen. In jedem Fall ist das Verständnis vom Leiden, das die Heiligen Schriften aller Religionen erkennen lassen, sicherlich ein anderes. Leiden ist keineswegs eine Frage der Definition, sondern etwas Unangenehmes, entweder zu Vermeidendes oder um eines höheren Gutes willen zu Ertragendes. Beim Anblick von Jesus am Kreuz oder der Darstellung der „Mater Dolorosa“ kann das Leid nicht wegdefiniert werden. Dieser spitzfindige Ansatz ist also zu verwerfen. 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 131 2. Das Übel ist notwendig a) Das Übel ist ein notwendiger Gegensatz Menschen denken in Relationen. Wenn es keinen Maßstab gibt, sind Adjektive wie groß, schön oder vollkommen nicht anwendbar. Um einen solchen Maßstab herzustellen, bedarf es demnach eines Kontrastes: Wie könnten wir das Gute erkennen ohne das Böse, wie die Schönheit ohne kontrastierende Hässlichkeit, wie könnten wir die Freude wertschätzen ohne Leid, wie ethisches Verhalten ohne Verbrechen? Doch das Argument geht über den rein „optischen“ Effekt hinaus: Gutes wird nicht nur besser erkennbar durch das Übel, sondern es könne vielmehr „nicht ohne Übel existieren, das Schlechte sei der notwendige Gegensatz zum Guten.“184 Ein guter Gott könne mithin das Übel nicht komplett beseitigen, da sonst auch das Gute verschwände, einschließlich seiner eigenen Güte. Die behauptete Notwendigkeit ist jedoch nicht nachvollziehbar. Gäbe es beispielsweise keine Krankheiten, so gäbe es zwar wohl auch kein Wort für gesund, da der Zustand uns nicht bewusst wäre. Dennoch wären ja alle zweifellos gesund, und man darf annehmen, dass dieser Zustand generell vorzuziehen ist. Selbst wenn man optisch oder logisch die Notwendigkeit des Gegensatzes als überzeugend empfindet, bedürfte es dann, um dieses Prinzip aufrechtzuerhalten, solcher Mittel wie parasitärer Krankheiten, Kindesmissbrauch oder der stalinistischen Gulags? Hätte nicht auch Langeweile oder das Nachmittagsprogramm des MDR genügt? Menschen, die großem Leid unterworfen sind, insbesondere Todkranke, wird es ohnehin wenig trösten, dass ihr Leid als Gegensatz göttlichen Prinzipien dient. Man darf wohl mit Recht behaupten, dass ein gütiger Gott auch mit einem Minimum an Übel hätte auskommen können. Angesichts des tatsächlichen Ausmaßes des Übels ist diese Erklärung also nicht tragfähig. b) Leid ist eine notwendige Voraussetzung für ein höheres Gut Wenn das Übel schon nicht logisch notwendig ist, so muss es, um die Güte Gottes zu rechtfertigen, doch wenigstens netto zu mehr Gutem führen, als wenn es nicht existierte. Das wäre der Fall, wenn das Leid zu einem höheren, wertvolleren Gut führte. Was sich so abstrakt anhört, ist vielleicht greifbar, wenn man an das biblische Gleichnis 132 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? vom verlorenen Sohn denkt: Der Vater war hier bekanntlich weitaus glücklicher über den missratenen und erst nach mancher Verfehlung reumütig zurückgekehrten Spross als über den braven, unproblematischen Filius. Beider Leid führte also zu einem höheren Gut: der Läuterung des Sohnes einerseits und der Großherzigkeit des Vaters andererseits. Jeder kennt die besondere Freude am Leben, die man nach dem Überstehen einer Krankheit empfindet. Manchmal ist dieses Erlebnis so intensiv, dass gar das ganze Leben neu ausgerichtet wird auf das, was man nun für wirklich wichtig hält. Oft weiß man ja erst, was man an einem Menschen, der Gesundheit oder der Freiheit hatte, wenn man ihrer verlustig geht. In diesem Sinne wäre der göttliche Plan zu unserem Vorteil: So wie man Kinder strafen muss, um sie zu guten Menschen zu erziehen, und eine medizinische Behandlung schmerzvoll, aber zur Wiederherstellung der Gesundheit notwendig sein kann, so wäre das Übel allgemein erforderlich für einen höheren Zweck. Doch wir wollen nicht voreilig sein: Die genannten Beispiele zeigen ja nicht, dass wir, wenn wir die Wahl hätten, uns den Schicksalsschlag wünschen würden. Welche Eltern würden sich erhoffen, dass ihr Kind zunächst missrät, um dann umzukehren, statt von vorneherein gut zu geraten? Wer würde mit klarem Kopf Schmerzen willkommen heißen, nur um sich später an deren Nachlassen zu erfreuen? Ganz abgesehen davon fehlt die versprochene Kausalität ja in der Lebenspraxis: Dass aus einem Leiden tatsächlich etwas Gutes entspringt, ist eher selten der Fall. Wer nach einem Verkehrsunfall im Rollstuhl sitzt oder sein Vermögen bei einem Börsencrash verliert, mag hieraus bedeutende Erkenntnisse für sein Leben ziehen, dürfte in aller Regel aber Schwierigkeiten haben, darin unter dem Strich etwas Positives zu sehen. Und was könnte der höhere Zweck einer tödlich verlaufenden Erkrankung sein? Hier wird eingewandt, dass ein Übel zwar für den Betroffenen im Einzelfall kein höheres Gut generieren mag, aber doch für andere. Denn durch das Leid der einen bietet sich anderen die Möglichkeit, Mitgefühl zu zeigen, praktische Hilfe zu leisten, sich altruistisch oder gar heroisch zu verhalten und dadurch einen Wert höherer Ordnung zu produzieren. Ein guter Gott würde also nicht alle Übel beseitigen, um für dieses Verhalten Raum zu lassen. Warum aber zum Bei- 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 133 spiel Mitleid ein höherer Wert sein sollte als das ursprüngliche Leid, bleibt im Dunklen. Bedurfte es tatsächlich der Ermordung von sechs Millionen Menschen, um eine Handvoll Widerstandskämpfer und einen Oskar Schindler hervorzubringen? Was bedeutet Wert oder Gut in diesem Zusammenhang überhaupt? Gleich, welchen Maßstab man hier anwenden möchte, scheint es kaum wahrscheinlich, dass die Werte höherer Ordnung insgesamt die Summe aller Übel übersteigen. Und überhaupt ist ja keineswegs sichergestellt, dass Leid ausschließlich die gewünschten positiven Wirkungen hervorbringt. Schadenfreude, Feigheit, Grausamkeit, Gleichgültigkeit sind womöglich sogar häufigere Effekte als Mitleid und Hilfe. Auf diese Weise können wir Übel und Leid also auch nicht erklären. 3. Wir leben bereits in der besten aller Welten Leibniz war der Ansicht, Gott hätte von der Vielzahl möglicher Welten immerhin die bestmögliche erschaffen. Beleg dafür sei die Ordnung der Welt, also das perfekte Zusammenspiel der Naturgesetze – wir erinnern uns an den teleologischen Gottesbeweis. Diese Ordnung habe jedoch einen Preis: Die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Einflussfaktoren erlauben keine paradiesische Welt, Gott war bei der Erschaffung der Welt an bestimmte Logiken gebunden. Eine Welt, die einen Tiger enthält, muss auch mit dem Tod der Beutetiere leben. Eine Welt, in der neue Generationen von Menschen entstehen, muss Alter und Tod akzeptieren. Aus menschlicher Perspektive sind solche Restriktionen verständlich. Konstruieren wir ein Auto, so wissen wir, dass zusätzliche Ladekapazität oder höhere Geschwindigkeit mit höherem Verbrauch verbunden sind. Konzipieren wir eine Unternehmensorganisation als Matrixstruktur, erkaufen wir flexiblere Zusammenarbeit durch unklare Zuständigkeiten. Gott wäre in Leibniz’ Perspektive genauso gefangen wie wir in nicht beeinflussbaren Rahmenbedingungen. Dies führt zu der Frage, woher denn diese Einschränkungen stammen und wieso ein allmächtiger Gott sie nicht auflösen kann. Denn dass dies prinzipiell möglich ist, geht ja aus den Heiligen Schriften hervor: Sowohl das Leben im Garten Eden als auch das kommende, jenseitige Paradies kommen ohne kleinliche Beschränkungen aus. Doch können wir den Widerspruch zur religiösen Lehre auch problemlos ignorieren, denn die Behauptung Leibniz’ ist bereits 134 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? empirisch widerlegt. Wenn wir unsere Welt vergleichen mit der zu Zeiten von Leibniz, so dürfte es uns etwa in Bezug auf Lebenserwartung, bürgerliche Freiheiten, Zugang zu Wissen, Reisemöglichkeiten oder auch soziale Absicherung heute weit besser gehen. Die Welt kann offensichtlich, manch gravierendem Rückschlag zum Trotz, auch unabhängig von politischen Ideologien Schritt für Schritt verbessert werden, und das ist auch der Fall. Man denke etwa an die Erfolge bei den UN-Milleniumszielen: in der recht überschaubaren Zeit zwischen 1990 und 2015 wurde der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen, definiert als solche, die mit weniger als 1,25 US$ pro Tag auskommen müssen, von 36 auf 12 Prozent gesenkt.185 Wir reden hier also nicht über kosmetische, sondern durchgreifende Verbesserungen, die das Leben von Hunderten von Millionen Menschen betreffen. Der Gedanke der bestmöglichen Welt, über den sich bereits Voltaire in „Candide“ lustig gemacht hat, wäre allenfalls in einer evolutionären Perspektive greifbar. Das Leben hat stets aus den jeweils vom Planeten gegebenen Voraussetzungen das Beste gemacht – nicht im Sinne einer romantisierten Vorstellung von „gut“ oder „schön“, sondern im Sinne der optimalen Anpassung und damit Überlebensfähigkeit. Allein, der Mechanismus der Evolution kommt nun einmal ganz ohne Gott aus. Bestenfalls ein reiner Schöpfergott, der heute untätig wäre, wäre damit vereinbar. So hatte sich Leibniz dies aber nicht gedacht. 4. Das Übel ist gottgewollt und erfüllt einen Zweck Man muss weder die Existenz des Übels bestreiten noch seine Notwendigkeit behaupten, wenn man erklären kann, wozu es im Plan Gottes dient. Wenn es einen konkreten Zweck oder übergeordneten Nutzen gibt, dann kann man es auch als von Gott gesandt oder zugelassen, in jedem Fall also als gewollt ansehen. Hierbei sind zwei Motive denkbar, die parallel anwendbar sind: Prüfung und Strafe. Beide funktionieren mit einem persönlichen Gott besser als mit einer unpersönlichen göttlichen Ordnung. a) Das Übel ist eine Prüfung In dieser Sicht dient das Übel entweder der Prüfung des Charakters oder des Glaubens. Sie bietet dem Betroffenen die Gelegenheit zu 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 135 spirituellem Wachstum und zur Erhöhung der Standfestigkeit im Glauben, anderen Menschen die Möglichkeit zu mitfühlender Hinwendung und guten Werken. Inwieweit diese Gelegenheit genutzt wird, ist Gegenstand der Prüfung. Hier steht also nicht der unter 2.b) beschriebene höhere Wert im Fokus, sondern das Verhalten des Einzelnen. Das Prüfungsmotiv findet sich in Bibel und Koran an mehreren Stellen. Abraham wurde die (im letzten Moment abgeblasene) Opferung seines Sohnes befohlen, um seinen Glauben zu testen, und Hiob durfte Schlimmes durchleiden, nur um festzustellen ob sein Glaube auch im Angesicht des Schreckens standhielt. Dass ein allwissender Gott eine derartige Prüfung anberaumt, obwohl er das Ergebnis doch im Vorhinein kennen muss, scheint jedoch weder besonders liebevoll noch plausibel. Zudem müsste man wieder den fragwürdigen freien Willen des Individuums heranziehen, um den Charakter der Prüfung als Persönlichkeitstest behaupten zu können. Problematisch bliebe ohnehin, dass im realen Leben, anders als in den Heiligen Schriften, nicht aufgelöst wird, dass es sich um eine Prüfung (und nicht um einen Zufall des Lebens) handelt und wozu diese jeweils dient. So kann alles und nichts zur Prüfung erklärt oder als solche verstanden werden. Solange darüber aber nicht Klarheit besteht, ist zumindest das Ziel des spirituellen Wachstums oder der Stärkung des Glaubens gefährdet. Erst recht unverständlich ist, warum Menschen sowohl qualitativ wie quantitativ höchst unterschiedlichen Prüfungen unterzogen werden. Während mancher ein schönes Leben als reicher Erbe oder Filmstar führen darf, in dem die einzige Herausforderung die Wahl des Partners für das kommende Wochenende ist, erleben andere Krieg, Hunger oder schwere Krankheiten. Ein gerechtes Verfahren müsste aber gleiche Startbedingungen und ein einheitliches Prüfungsschema bieten. Und noch weitere Fragen stellen sich: Wozu soll die Leukämie-Erkrankung eines kleinen Kindes dienen – der Prüfung der Eltern? Wie prüft man einen geistig Behinderten? Gibt es mildernde Umstände für gescheiterte Kunstmaler oder Jugendliche, die im falschen Viertel aufgewachsen sind? Es fällt schwer, hier nicht zynisch zu werden. Am Ende ist man geneigt zu fragen: „Wenn das Leben eine Prüfung ist, könnte man sie dann nicht schriftlich ablegen?“186 136 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Die Gelegenheit zu spirituellem Wachstum hingegen mag so manches negative Erlebnis wohl bieten. In der Tat gibt es Menschen, die berichten, dass ihr Glaube durch eine schwere Krankheit oder den Verlust eines Menschen gewachsen sei. Da Menschen in einer solchen Situation verzweifelt Halt suchen oder Dinge anders gewichten als zuvor, ist das durchaus nachvollziehbar. Nachvollziehbar ist aber auch, dass andere durch solche „Prüfungen“ gerade zum Abfall vom Glauben getrieben werden. Auch insofern erscheint dieses Mittel etwas problematisch; hier möchte man von Gott wirksamere, zielgenauere und weniger schmerzvolle Werkzeuge erwarten. Auf den ersten Blick nachvollziehbar ist der Ansatz, das Leid anderer gäbe uns die Möglichkeit, Mut, Zuwendung, Hilfe zu zeigen und damit unsere besten Eigenschaften hervorzuholen.i Man denkt hier sofort an das Bild der aufopferungsvollen Krankenschwester, deren Arbeit ohne Frage Anerkennung verdient. Dass für die persönliche Entwicklung allerdings ein anderer leiden muss, sollte uns stutzig machen. Man darf vermuten, dass eine Mutter, die ein sterbendes Kind pflegt, eine solche Erklärung als zynisch und menschenverachtend ansehen würde. Zudem lässt sich nicht bestreiten, dass dieses Leid eben nur die Gelegenheit zu guten Taten bietet, selbige aber keineswegs zwangsläufig immer wahrgenommen wird. Leid bietet ebenso gut die Möglichkeit zu Indifferenz, Schadenfreude und Schlimmerem. Mit dieser Argumentation verbunden ist die Ansicht, dass ohne das Bewusstsein der Bedürftigkeit, der Schwachheit und Vergänglichkeit Religion unbekannt wäre. Vollkommene Wesen in einem vollkommenen Universum bedürften ihrer nicht. Das bedeutet, dass Religion nur durch Übel einen Sinn bekommt. Doch worin läge der Vorteil einer Religion, wenn sie quasi Übel produzierte – die Alternative einer vollkommenen Welt um den Preis eines Verzichts auf Religion erscheint so schrecklich nicht. i So meint der Oxforder Theologe Richard Swinburn: „My suffering provides me with an opportunity to show courage and patience. It provides you with the opportunity to show sympathy and alleviate my suffering“ (Dawkins 2006, S. 88; „Mein Leiden gibt mir die Möglichkeit, Mut und Geduld zu zeigen. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, Mitgefühl zu zeigen und mein Leiden zu lindern“). 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 137 b) Das Böse als Strafe Gottes Hier haben wir nun einen echten Klassiker der Religionsgeschichte: Wenn alles eine Ursache hat und Gott oder die gottgleiche Ordnung gerecht ist, dann ist das Böse unmittelbar als Strafe für falsches Handeln und Denken zu verstehen. Alles Böse, jeder Schicksalsschlag ist die Schuld der Betroffenen, und sei es, dass diese aus einem früheren Leben herrührt. Die abrahamitischen Religionen bieten hinreichend Beispiele für göttliche Strafen: vom Sündenfall im Garten Eden über die Sintflut bis zur Auslöschung von Sodom und Gomorrha und zum Zerfall Babylons. Dieser Gedanke, der auch Kern der Karma-Lehre ist, erscheint insofern einsichtig, als er zumindest auf den ersten Blick gerecht wäre. Lassen wir einmal außer Acht, dass die Einstufung „guten“ und „schlechten“ Handelns und die Bemessung von Strafen nach der Schwere der Tat eine nicht ganz triviale Aufgabe ist – einem Gott dürfen wir die nötige Weisheit hierfür durchaus zubilligen. Wichtiger ist daher die Frage, ob sich diese Behauptung faktenbasiert bestätigen lässt. Die Karma-Lehre entzieht sich beispielsweise vollständig der Verifizierung und Falsifizierung, da die Konsequenzen von Verfehlungen jeweils erst in der darauffolgenden Reinkarnation spürbar werden, jedoch die Erinnerung daran fehlt. In den Heiligen Schriften des Christentums und Islams hingegen ist das Prinzip der Strafe in Teilen auch für das Diesseits vorgesehen, der konkrete Zusammenhang zwischen Sünden und vermeintlichen Strafen jedoch allenfalls anekdotisch herzustellen und nicht systematisch belegbar. Insbesondere bei „Kollektivstrafen“ in Form von Epidemien oder Naturkatastrophen kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Betroffenen, im Besonderen Kinder und Tiere, die Strafe in gleichem Maße verdienen. Das gilt schon deswegen, weil gar nicht erkenntlich ist, welche spezifische Sünde aus dem reichen Katalog derselben für die jeweilige Strafe ursächlich sein soll. Außer einigen Klerikern und Politikern, sollte man meinen, würde wohl kaum jemand ernsthaft das Partyleben in New Orleans für den Wirbelsturm Katrina oder Homosexualität und Promiskuität für das Aufkommen von AIDS verantwortlich machen.187 Doch dem ist nicht so; in stark religiös geprägten Ländern sind solche Erklärungen durchaus verbreitet. So verstanden etwa Opfer der pakistanischen Flutkatastrophe 2010 diese 138 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? eindeutig als Strafe für ein nicht hinreichend islamisches Handeln ihrer selbst bzw. des Landes insgesamt.188 Zu offensichtlich sprechen solche Beispiele nicht nur gegen einen gütigen, verzeihenden Gott, sondern auch fundamental gegen dessen Gerechtigkeit und Logik: Anzunehmen, dass Wirbelstürme, Erdbeben und Tsunamis ausschließlich verdorbene und sündhafte Städte und Dörfer treffen, während in den verschonten Nachbarorten eine diametral andere, gottgefälligere Lebensweise gepflegt wird, wäre schlicht absurd. Auf der Ebene des Einzelnen ist die Erklärung des Leids zur Strafe Gottes nicht ganz so leicht der Absurdität zu überführen. Schließlich werden sich bei jedem Menschen hinreichend Taten finden lassen, die aus religiöser Sicht zu kritisieren sind. Allerdings spricht hier viel für Projektionen: Im oft verzweifelten Versuch, Erklärungen für Schicksalsschläge zu finden, neigen Menschen dazu, unzusammenhängende Dinge zu verknüpfen. Wen ein schlechtes Gewissen plagt, weil er seinen Partner betrogen hat, der kann den Hagelschaden am Auto genauso als gerechte Strafe interpretieren wie eine plötzlich auftretende Krankheit. Hierbei kann durchaus ein kausaler Zusammenhang bestehen – selbstverständlich kann sich eine psychische Belastung durch das Empfinden von Schuld in konkreten gesundheitlichen Beschwerden äußern. Dies ist dann allerdings eine nachvollziehbare Erklärung, für die es keiner Einmischung Gottes bedarf. Hingegen erschiene ein Zusammenhang zwischen der genannten Verfehlung und dem Hagelschaden eher konstruiert. Selbst wenn man glauben möchte, dass ein allmächtiger Gott sich damit beschäftigt, Gewitterwolken sündenspezifisch zu allokieren, wird man doch zugeben müssen, dass negative Erlebnisse selten eindeutig den eigenen Taten zuzuordnen und in ihrem Ausmaß angemessen sind. Dass hier aber eine übernatürliche Hand eingreift, bleibt nichts weiter als eine Behauptung. Schon mit Blick auf die gesellschaftlichen Konsequenzen – Hilfe für in Not Gekommene, Impfungen oder Katastrophenprävention wären ja ein Konterkarieren des göttlichen Willens – sollte man diese Argumentation nicht weiter verfolgen. 5. Missbrauch der Freiheit Der Missbrauch der Freiheit durch den Menschen als Ursache des Übels ist bis heute die am häufigsten angeführte und womöglich 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 139 erfolgversprechendste Argumentation zur Lösung des Theodizee-Problems.189 Hiernach ist „das vom Menschen verursachte Übel (malum morale) als Folge autonomen menschlichen Freiheitsmissbrauchs zu verstehen und das aus Naturgesetzen folgende Übel (malum physicum) als Bedingung menschlichen Lebens zu kennzeichnen.“190 Ersteres setzt voraus, dass die Freiheit die höchstmögliche Würdigung des Menschen und Ausdruck der Liebe Gottes ist – der Mensch erhebt sich so über den Status eines Objekts Gottes hinaus und kann damit in christlicher Interpretation nicht nur Gottes Liebe erwidern, sondern auch andere Menschen lieben, und dies eben nicht als mechanisches Werkzeug, sondern aus sich selbst heraus. Die Freiheit als Geschenk Gottes beinhaltet aber auch die Möglichkeit des Missbrauchs, denn Menschen sind keine Automaten, die stets das Richtige tun. Dadurch aber, so die Argumentation, kommt das Leid in die Welt.191 Dieser Gedanke impliziert, die Naturgesetze seien so fein aufeinander abgestimmt, dass sie in keiner Weise anders hätten konzipiert werden können, ohne dass die Evolution hin zum Menschen als freiem Wesen unmöglich geworden wäre. Wir fühlen uns hier an das Argument der „besten aller möglichen Welten“ erinnert. Der Mensch ist für das Übel also entweder unmittelbar oder indirekt verantwortlich. Zumindest der erste Teil des Arguments ist beachtenswert. In der Tat messen wir einer Aktion und in beispielhafter Form der Liebe größere Bedeutung bei, wenn es sich hier nicht um eine mechanische Reaktion handelt, sondern sie aus freiem Willen kommt und das Wesen eines Menschen zum Ausdruck bringt. Gehen wir nun davon aus, dass in diesem Falle – unsere Erkenntnisse aus Kapitel 4.3 ignorierend – unser Wunsch Realität ist und es tatsächlich einen freien Willen gibt, dann ist Gott durch diesen Aufweis aber keineswegs aus der Verantwortung für das Leiden entlassen.192 Denn wenn wir voraussetzen, dass Gott bei Gewährung der Willensfreiheit wusste, dass sie missbraucht werden kann – und das müssen wir bei einem allwissenden Gott annehmen –, dann ist er wissentlich ein hohes Risiko eingegangen – ein Risiko, das allerdings nicht er selbst, sondern ein Dritter trägt. Zumindest grobe Fahrlässigkeit, wenn ein solcher Begriff bei einem Gott anwendbar ist, scheint gegeben. Apologeten könnten nun behaupten, die Willensfreiheit habe dennoch netto eine positive Wirkung (weil per Saldo gute Entschei- 140 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? dungen getroffen würden) und Gott hätte keine andere Möglichkeit gehabt, diesen Nettonutzen zu heben, als auch Missbrauch als unvermeidliche Nebenbedingung zuzulassen. Sofern aber Freiheit definitionsgemäß Entscheidungen zum Guten und zum Bösen einschließt, wird die Annahme, sie sei ein höherer Wert, unplausibel. „Worin könnte denn der besondere Wert von Entscheidungen zum Guten oder Bösen als solchen bestehen?“193 Mit Recht fragt von Stosch, ob Freiheit ein so großer Wert sei, „daß sie das Leiden in der Welt als unerwünschten Nebeneffekt rechtfertigt“?194 Dabei ist zu bedenken, dass aus theologischer Sicht „Freiheit die Voraussetzung von Liebe und damit auch von einer liebenden Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf ist, so dass das Leiden, wenn es Preis der Freiheit ist, zugleich auch als Preis der Liebe bestimmt werden muss.“195 Aber ist dies nicht ein allzu romantisierendes Verständnis von Liebe? Seit wann wäre denn die Liebe eine Frage der persönlichen Entscheidung? Letztlich kommt von Stosch jedenfalls zu folgendem Ergebnis: „Es gibt also kein Kriterium, anhand dessen allgemein bestimmt werden kann, ob der positive Wert des freien Willens das damit verbundene Risiko falscher bzw. leiderzeugender Entscheidungen aufwiegen kann. Genauso wenig lässt sich objektiv entscheiden, ob es gut ist, dass es die Welt gibt.“196 Er glaubt jedoch, dass es „durchaus vernünftig ist, zu hoffen, dass auch die Verwendung unterschiedlicher Kriterien dazu führen wird, dass alle Menschen sich für eine Bejahung ihrer Existenz entscheiden.“197 Hiergegen könnte man allerdings anführen, dass Menschen evolutionär programmiert sind, sich so lange wie möglich für das Leben zu entscheiden, und die Frage daher nicht neutral beantworten können; und genauso wenig wäre dies wohl bei der Frage nach der Wünschbarkeit von Willensfreiheit der Fall. Aber auch, wenn wir einen Teil des Übels dem Geschenk der Willensfreiheit anlasten wollen, muss Gott für den Großteil der Leiden haftbar gemacht werden, da die meisten natürlichen Übel sich eben nicht auf menschliche Entscheidungen zurückführen lassen.198 Natürlich kann jederzeit ein metaphysischer Zusammenhang etwa zwischen der Steuerehrlichkeit der Griechen und dem Entstehen von Ebola konstruiert werden. Da dergleichen aber nicht einmal ansatzweise belegbar wäre, lohnt es nicht, sich solchen Spekulationen zu widmen. Zudem könnte man einwenden, dass Gott die Menschen ja so hätte schaffen können, dass sie sich in jedem Fall frei für das 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 141 Richtige entscheiden. Wenn der Mensch sich einmal für das Gute entscheidet, spricht logisch nichts dagegen, dass er es immer tut. Und überhaupt: Kann ein allmächtiges Wesen denn etwas schaffen, über das es nicht bestimmen kann? Selbst wenn die Freiheit des Willens bestünde, wäre ein Eingreifen Gottes jederzeit möglich. Von dieser Verantwortung können wir Gott also nicht entlasten. 6. Gottes Ratschluss ist unerforschlich/Gottes Güte ist nicht unsere Der Mensch – so dieses Argument – unterliegt einem Trugschluss, wenn er Gott als ungerecht empfindet: Gott handelt sehr wohl immer weise und menschenfreundlich. Wenn dies nicht so scheint, liegt es entweder daran, dass seine Weisheit und damit die wahren Gründe für Freude und Leid uns verborgen bleiben. Dies könnte aus uns unbekannten Gründen in der Absicht Gottes liegen; vielleicht ist aber der menschliche Verstand auch schlicht zu begrenzt, um die göttliche Weisheit zu verstehen. Oder Gottes Begriff von Güte entspricht einfach nicht dem unserem. Das wäre dann so und könnte nur hingenommen werden. Mit diesem universal einsetzbaren theologischen Joker lassen sich auch die seltsamsten, ungerechtesten und widersprüchlichsten Ereignisse und Gegebenheiten „begründen“ und sämtliche Diskussionen darüber beenden. Einen Beleg dafür bleiben diejenigen, die ihn ausspielen, natürlich schuldig – nur Gott selbst könnte es verifizieren. In einer wissenschaftlichen Diskussion ist eine solche Konstruktion eigentlich inakzeptabel; nur weil sie so außerordentlich bequem für ihre Protagonisten ist, können wir sie aber nicht ausschließen – unmöglich wäre es nicht, dass dem so wäre. Wer das Argument verwendet, übersieht allerdings, dass ein faktisch unberechenbarer Gott keine auch nur annähernd sichere Möglichkeit bietet, sich gottgefällig zu verhalten. Denn offensichtlich kann jener, dessen Ratschluss unerforschlich ist, damit alles und jedes tun, und aus irdischer Perspektive wäre nicht einmal nachprüfbar, ob diesem Handeln überhaupt ein Ziel, geschweige denn ein gut gemeintes, zugrunde liegt. Die Offenbarungen der Religionen könnten auch nur ein grausames Spiel sein, um die Menschen zu verwirren oder gegeneinander aufzuhetzen. Wenn Gottes Motive vollständig im Dunkeln bleiben, wäre vor allem die Religion selbst gegenstandlos, da sie nicht einmal in 142 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? der Lage wäre, über seinen Willen zu spekulieren. Wenn man ehrlich ist, gibt man damit die Annahme, dass Gott gut ist, auf. Würde man dennoch weiter an der Güte Gottes festhalten, würde der Begriff zwei völlig unterschiedliche Dinge beschreiben und damit seinen Gehalt verlieren. 7. Gott handelt bewusst willkürlich Im Alten Testament heißt es „Ich schenke Erbarmen, wem ich will.“199 Dies gibt Gott einen unbegrenzten Spielraum, der von Willkür nicht unterscheidbar ist. Sicherlich wäre eine solche Willkür mit der Welt, wie wir sie kennen, vereinbar. Mit einem gütigen Gott allerdings nicht, eher mit einem spielenden Kind oder einem wenig sympathischen Tyrannen. Hier gilt dann erst recht der Einwand von zuvor, dass ein solcher Gott unberechenbar und damit unbeeinflussbar wäre – und damit jede Religion nutzlos. 8. Gerechtigkeit gibt es erst im Jenseits Wenn die unterschiedliche Behandlung der Menschen im Jetzt schon nicht erklärt werden kann, so kann der Gläubige doch in aller Regel auf eine Gerechtigkeit im Jenseits zählen. Diese ist zwar ebenso wenig belegbar wie das Jenseits an sich und damit zunächst nur eine Hoffnung, würde aber dem Glauben zu innerer Konsistenz verhelfen. Die abrahamitischen Religionen begeben sich damit ins Fahrwasser der Karma-Lehre – auch hier werden die Konsequenzen guten wie sündigen Verhaltens in eine Zeit verschoben, die nicht mehr beobachtet werden kann. In der Tat reicht in den indischen Religionen die unüberprüfbare Gerechtigkeit des Karmas konzeptionell aus, um das Gerechtigkeitsproblem der abrahamitischen zu vermeiden; im Hinduismus kommt hinzu, dass die Götter ohnehin keinem prinzipiellen Sittengesetz oder dem Grundsatz der Menschenfreundlichkeit verantwortlich sind. Während das Karma die Konsequenzen menschlicher Handlungen differenziert abwägt, geht es in Islam und Christentum allerdings um alles oder nichts. Die Konsequenzen sind für die Ewigkeit. Dies wirft einen weiteren Aspekt der Gerechtigkeitsfrage auf: Welches Verbrechen, abgesehen von der Rechtschreibreform von 1996 und TV- Sendungen wie „Schwiegertochter gesucht“, ist so groß, dass es ewige Höllenqualen rechtfertigt? Die Reziprozität des Auge-um-Auge-Prin- 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 143 zips des Alten Testamentsi wäre nachvollziehbar und akzeptabel, eine zeitlich unbegrenzte Strafe hingegen exzessiv und mit der Idee eines barmherzigen Gottes unvereinbar – ganz abgesehen davon, dass demjenigen, der die Menschen so fehleranfällig geschaffen hat, zumindest eine Mitschuld anzulasten wäre. Nebenbei, auch das ewige Paradies, gleich wie man es sich vorstellen mag, erscheint als Preis für irdisches Wohlverhalten etwas überdimensioniert. Doch wollen wir nicht kleinlich sein. Mit Blick auf das menschliche Leid könnte man sich auch auf den Standpunkt stellen: „Jede erträumte Erlösung im Jenseits käme immer zu spät. Was zuvor geschehen ist, könnte sie nicht im Geringsten ungeschehen machen.“200 In der Tat: Wer zum Beispiel Opfer einer Gewalttat wurde, wird dies auch im Jenseits bleiben – der Schaden ist geschehen. Im Nachhinein Gerechtigkeit zu üben, mag aus kaufmännischer Perspektive zu einer Kompensation des Leidens führen, am Leiden selbst ändert dies nichts. Alles in allem muss man sich mit Blick auf das Paradies fragen: „(W)enn Gott überhaupt einen Zustand ohne Schmerz, ohne Leid, ohne Tod schaffen kann, warum dann erst so spät und nicht von Anfang an? Warum nur für wenige und nicht für alle? Warum zuvor die eigenen Geschöpfe durch ein Meer von Blut und Tränen waten lassen?“201 Die himmlische Gerechtigkeit, ohnehin nicht mehr als ein Hoffnungswert, wird damit auch in sich unplausibel. 9. Gott ist nicht allmächtig In polytheistischen Religionen ist die Begrenztheit göttlicher Kräfte integraler Bestandteil des Konzepts – zwar besitzen die Götter unterschiedliche Kräfte, und es mag auch Obergötter geben, doch allmächtig dahingehend, dass niemals mehr eingegriffen werden müsste oder könnte, ist keiner. Im Hinduismus gibt es beispielsweise die Arbeitsteilung zwischen dem Schöpfer der Welt, Brahma, und Vishnu und Shiva als Erhalter und Zerstörer. Wenn beispielsweise Vishnu mehrfach in Form verschiedener Avatare reinkarnieren musste, um Dämonen zu bekämpfen oder anderweitig die Ordnung wiederherzustellen, i Dieses Prinzip wird häufig als Aufforderung zur Vergeltung missverstanden, zielte allerdings tatsächlich auf Verhältnismäßigkeit und Rechtsgleichheit. 144 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? und sich dabei auch der Hilfe anderer bedienen musste,i belegt dies die Begrenztheit der gleichwohl göttlichen Kräfte. Im Widerstreit der den Menschen wohlgesonnenen, feindlich oder auch desinteressiert gegenüberstehenden Götter (wobei sich diese Ausrichtung im Zeitablauf auch ändern kann) ist der Mensch gleichsam nur ein Spielball des göttlichen Wirkens. Aus logischer Sicht ist der Verzicht auf die Allmachtshypothese daher eine valide Lösung, um dem Theodizee- Problem zu entgehen, muss so doch nicht jeder Zustand und jedes Ereignis auf eine gezielte Entscheidung eines Gottes zurückgeführt werden. Die religiöse Lehre wird so in sich geschlossener und an dieser Stelle unangreifbar. Im Zoroastrismus wird das Problem elegant durch einen Dualismus gelöst: Das Gute, personifiziert durch Ahura Mazda, steht auf ewig dem Bösen, Ahriman, gegenüber. Hier steht dann durchaus der Mensch im Fokus des göttlichen Interesses, die Welt und damit das Leben ist beeinflusst durch den Widerstreit der genannten Protagonisten. Im Judentum wird dagegen Gutes und Böses als zwei Seiten einer Zusammengehörigkeit gesehen, die beide in Gott begründet sind. Beide dieser Schwarz-Weiß-Konzeptionen sind in sich geschlossen und widerspruchsfrei. Die Eingängigkeit dieses Schemas spiegeln Literatur und Film wider; oft werden hierbei das Gute und das Böse als Teile derselben Kraft betrachtet – man denke an die „dunkle Seite der Macht“ der Star-Wars-Saga. In Christentum und Islam steht eine Abkehr von der Allmacht Gottes allerdings in Konflikt mit den Grundsätzen des Glaubens. Eine Lösung besteht darin, diese Allmacht nur insofern einzuschränken, als die parallele Existenz anderer Kräfte oder Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten angenommen wird, die jedoch nicht an die Gottes heranreichen. So wie es wohlmeinende Wesen (Engel, Heilige) gibt, mag es dann auch Gott oder den Menschen feindlich gegenüberstehende (Dämonen, Teufel) geben. Geht man von einem guten Gott aus, wären diese Wesen für alles Böse und Unangenehme in der Welt verantwortlich. Aufgrund der denkbaren Vielfalt dieser Wesen vom „Fürsten der Unterwelt“ bis hin zum „bösen Geist“ wird hier im Zweifel alles abgedeckt, vielleicht abgesehen von den mit dem i Beispielsweise nahm Rama die Hilfe des beliebten Affengotts Hanuman an, um seine von einem Dämon entführte Frau Sita zu befreien. 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 145 Menschsein notwendigerweise verbundenen Schwernissen, wie etwa dem Altern. Religionshistorisch sind vermutlich viele solcher Wesen aus älteren, untergegangenen Religionen in die neueren übernommen worden. Auch wenn die Glaubwürdigkeit des traditionellen Teufelsbildes mit Hörnern, Hufen und Dreizack (eine Waffe, derer sich mit Shiva und Poseidon auch Götter gerne bedienen) gelitten hat und die großen monotheistischen Religionen das Thema in der Öffentlichkeit eher defensiv behandeln, gehört der in Bibel und Koran ja durchaus prominent erwähnte Satan weiterhin zum Instrumentarium des Glaubens.202 Hierdurch wird oberflächlich jedes Übel von Gott – und gegebenenfalls auch dem eigenen Verhalten – ferngehalten, man bemüht ganz praktisch einen Sündenbock. Die Evidenz für dessen Existenz bleiben die Religionen jedoch genauso schuldig wie in Bezug auf Gott. Dass es sich dabei um eine nicht ganz standfeste Hypothese handelt, wird klar, wenn man den Zeitpunkt der Schöpfung durch Gott betrachtet. Wie konnte ein allwissender Gott das Entstehen jener Gegenspieler nicht voraussehen und verhindern? Ein den Menschen zugetaner Gott würde im Rahmen der Schöpfung ja keine solchen Gegenspieler erschaffen – es sei denn diese dienten quasi seinem Plan. Dann wäre er aber eben auch wieder für das Übel verantwortlich. Insofern bleibt das Argument der eingeschränkten Macht Gottes Christen und Muslimen verwehrt. 10. Gott ist nicht gütig und gerecht Diese denkbare Option liegt nahe, wäre sie doch mit jeglichen Ereignissen auf der Welt vereinbar. Man müsste nicht einmal mehr freundliche Motive des göttlichen Handelns vermuten, sodass sich eine Rechtfertigung Gottes schlicht erübrigte. Dieser Ansatz widerspricht aber natürlich der Kernbotschaft von Christentum und Islam, und wenn man Gott nicht personal versteht, auch der des Buddhismus. Gleichwohl ist ein alleiniger Gott, der dieser Beschreibung entspricht, ebenso denkbar, wie diese Möglichkeit mit polytheistischen Religionen vereinbar wäre. Ist man allerdings konsequent und denkt den Gedanken zu Ende, ist Gott damit unberechenbar. Hieraus folgt wiederum, dass das Handeln der Menschen sowohl im alltäglichen Leben als auch bezüglich der Ausübung ihrer Religion belanglos wäre, da es keine oder zumindest keine vorhersehbaren Auswirkungen hätte. 146 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Ein heiligmäßiges Leben würde die Götter genauso wenig interessieren wie ein verbrecherisches. Die Kenntnis über einen solchen Gott wäre mithin wenig hilfreich – zumindest solange nicht auch andere, freundlichere Götter einen Platz im Pantheon innehaben. 11. Gott ist tot bzw. nicht mehr aktiv Sofern Gottes Aufgabe und Wirken mit der Schöpfung beendet war, er also nicht mehr ins irdische Geschehen eingreift, kann man ihn auch als tot betrachten. Damit ist jegliches Schicksal erklärbar als Auswirkung der im Rahmen der Schöpfung entstandenen Naturgesetze. Dass diese gelegentlich Ergebnisse zeitigen, die Menschen als unschön empfinden, wäre für einen solchen Gott ohne Belang. Diese Sicht hat in der Konsequenz für die Lebensführung keine anderen Folgen als eine, die die Existenz Gottes abstreitet. Gleichwohl bleibt sie immer noch in der Pflicht, die zumindest seinerzeitige Existenz Gottes zu belegen. Hierfür bliebe aber nur der nicht sehr überzeugende kosmologische Gottesbeweis. Allenfalls der Gott des Jainismus wäre mit diesem Gedanken vereinbar. 12. Gott existiert nicht Die atheistische Perspektive ist recht simpel: „Es gibt keinen Gott, der Tiere und Menschen aus ihrem Leiden erlöst. Die Welt ist unerlösbar, voller Webfehler und struktureller Unstimmigkeiten, die aus der Bewusstlosigkeit und Blindheit ihrer Gesetzmäßigkeiten herrühren.“203 Oder um es mit dem französischen Schriftsteller Stendhal zu sagen: „Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.“204 Hierbei kann natürlich wieder eingewandt werden, dass die Behauptung der Nichtexistenz Gottes ebenfalls nicht belegt bzw. nicht belegbar ist. Richtig ist aber, dass diese Erklärung als einzige vollständig ohne Widersprüche, komplexe Erklärungen und die Postulierung verschiedenster Entitäten auskommt. Was können wir also festhalten? Insgesamt gibt es eine ganze Reihe potenzieller Erklärungen für die unschönen Seiten unseres Lebens, die sämtlich auf nachprüfbare Belege verzichten und damit über den Status einer Behauptung nicht hinauskommen. Es ist also lediglich möglich, sie auf logische Konsistenz und Vereinbarkeit mit der empfundenen Reali- 7 Jenseits von Gut und Böse? Das Theodizee-Problem 147 tät sowie den religiösen Lehren zu untersuchen. Hierbei zeigt sich, dass zumindest einige Erklärungen mit steigender Zahl von Göttern und abnehmender Macht und Güte des einzelnen Gottes nicht unbedingt zu inneren Widersprüchen führen. Vor allem Christentum und Islam lassen sich jedoch nicht widerspruchsfrei darlegen, ohne mindestens eine ihrer zentralen Aussagen zu verändern. Das Theodizee-Problem bleibt damit eine offene Flanke dieser Religionen.

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Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.