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6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch in:

Holger Krauße

Religion im Faktencheck, page 115 - 128

Wie vernünftig ist der Glaube?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3945-8, ISBN online: 978-3-8288-6712-3, https://doi.org/10.5771/9783828867123-115

Tectum, Baden-Baden
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115 Der biblisch fundierte Absolutheitsanspruch der Kirchen steht ständig auf dem Sprung, die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen. Karl Jaspers153 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 6.1 Ewigkeits- und Wahrheitsanspruch Religionen erheben in aller Regel einen zeitlichen und inhaltlichen Absolutheitsanspruch. Zum einen überspannt ihre Lehre die gesamte vergangene und kommende Zeit von der Erschaffung dieser oder gar früherer Welten bis in alle Ewigkeit (Ewigkeitsanspruch). Zum anderen fordern Religionen regelmäßig für sich ein, die alleinige und vollständige Wahrheit zu sein (Wahrheitsanspruch). Innerhalb einer Religion mag es nur einen oder auch viele Wege zum Heil geben, außerhalb aber grundsätzlich keinen. Bereits der historische Buddha stellte seine Lehre als für alle Menschen gültig und damit universell hin. Noch stärker betont dies das Christentum. So heißt es unmissverständlich im Markus-Evangelium: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“.154 Wenig empathisch heißt es bei Matthäus: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.“ 155 Auch der Heilige Cyprian von Karthago wird gerne mit „Extra ecclesiam salus non est“ (Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil)156 zitiert. 116 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Selbst wenn der Vatikan mit Blick auf andere Glaubensformen mittlerweile feststellt: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“ 157, oder gar konzediert: „Gewiss enthalten und bieten die verschiedenen religiösen Traditionen Elemente der Religiosität, die von Gott kommen“ 158, so bleibt der Absolutheitsanspruch doch bestehen: „Im Gegensatz zum christlichen und katholischen Glauben stehen jedoch Lösungsvorschläge, die ein Heilswirken Gottes außerhalb der einzigen Mittlerschaft Christi annehmen.“ 159 Auch der Koran spricht in dieser Frage eine eindeutige Sprache. Hier heißt es unter anderem: „Dies ist das Buch Allahs, das keinen Anlass zum Zweifel gibt (...).“ 160 Und: „Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet, was rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und glaubt an Allah.“ 161 Oder auch: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und an den jüngsten Tag glauben und nicht für verboten erklären, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen – von denen, die die Schrift erhalten haben (kämpft gegen sie), bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten!“ 162 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 117 An diesem Absolutheitsanspruch, aus dem sich die Regeln der Religion bzw. ihre Legitimität ableiten, muss sich eine Religion messen lassen. Einen Absolutheitsanspruch erheben allerdings nicht alle Religionen und Kulte im selben Maße. In der Antike wurden zuweilen Götter parallel verehrt, von denen einige durch Eroberungen hinzugefügt oder übernommen wurden. Neue Götter wurden in das Pantheon eingepasst; das Gesamtkonstrukt blieb gleich, lediglich die Zusammensetzung der Götterfamilie änderte sich. Auch die Monolatrie, die Verehrung eines einzigen Gottes an einem bestimmten Ort (oder bei einem bestimmten Volk), ohne dass die Existenz anderer Götter verneint wird, ist bis heute beliebt. In Indien finden sich unzählige nur lokal verehrte Götter, während die Existenz und Macht der übrigen unangetastet bleibt. Hierdurch erhält die Religion eine gewisse Flexibilität, die es dem Gläubigen erlaubt, bestimmte ihm wichtige Elemente der Religion in den Vordergrund zu stellen, indem er einen passenden Gott oder auch gleich mehrere geeignete Götter wählt. Der Hinduismus mag sich aufgrund des seinerzeit schon in unvorstellbarer Vergangenheit liegenden Ursprungs der Veden bereits im Altertum als „Sanatana Dharma“, als „ewige Religion“ bezeichnet haben, und die Verfasser der Veden sahen sich wohl nicht als solche, sondern als Empfänger von bereits vor ihnen existenten Wahrheiten; und doch betrachtet sich der Hinduismus nicht als ausschließlichen Heilsweg.163 Auch der Zoroastrismus, der in weiten Teilen Konversionen ablehnt, und der Sikhismus erheben nicht den Anspruch, mit ihrer Lehre alle Menschen erreichen zu wollen.164 Ein Stück weit erleichtert es auch die inhaltliche Bandbreite von Heiligen Schriften und deren Auslegungen, mit dem Absolutheitsanspruch zu leben. Gleichwohl sind zentrale Elemente der jeweiligen Religion, beispielsweise dass Allah der einzige Gott sei, nicht verhandelbar. Warum dieser Absolutheitsanspruch fragwürdig ist, wollen wir im Folgenden betrachten. 6.2 Widersprüche zum Absolutheitsanspruch 6.2.1 Historische Entwicklung von Religionen Die Religion eines Zeitalters sei die literarische Unterhaltung des nächsten, meinte der Philosoph Ralph Waldo Emerson.165 Tatsächlich sind im Verlauf der Geschichte bereits wesentlich mehr Götter und Religionen 118 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? untergegangen und in Vergessenheit geraten, als heute noch angebetet bzw. praktiziert werden. Die religiösen Vorstellungen von Ägyptern, Azteken und Germanen mit ihren Schöpfungsgeschichten und Riten sind heute nur noch von kulturhistorischer Bedeutung und waren doch zu ihrer Zeit genauso sakrosankt wie der jetzige Buddhismus in Thailand oder der Islam im Iran unserer Tage. Die ewigen Wahrheiten jener Zeiten und Völker haben also gerade ein paar Jahrhunderte überlebt – ein Nichts in der Ewigkeit der Zeit. Der Ewigkeitsanspruch wurde nicht eingelöst. Die Vermutung, auch den heute praktizierten Religionen könnte es langfristig ebenso ergehen, liegt insoweit nicht fern. Eine denkbare Erklärung hierfür besteht darin, eine Einheit mehrerer oder aller Religionen zu postulieren und zu behaupten, dass aufgrund des Konflikts zwischen einem unwandelbaren Gott und einer sich weiterentwickelnden Menschheit von Zeit zu Zeit neue göttliche Offenbarungen oder Manifestationen erforderlich seien, um den Menschen das Wissen über Gott entsprechend ihrem aktuellen Entwicklungsstand zu vermitteln. Dieser Gedanke wurde bzw. wird unter anderem vom antiken Manichäismus, vom Islam (hier allerdings mit dem Propheten Mohammed als letztem der Reihe) und von den Baha’i vertreten.166 Angesichts der großen Unterschiede zwischen den Offenbarungen und ihrer geografischen Verteilung und Verbreitung erscheint dies allerdings eine gewagte These. In jedem Fall muss man sich fragen, was denn für die Menschen vor der Offenbarung ihrer Religionen galt. Ganz gleich, wie man die Frage beantwortet, ab welchem Zeitpunkt es Menschen im Sinne der Religionen gab, existiert ja ein recht langer Übergangszeitraum zwischen eben diesem Punkt und der ersten Offenbarung. Was geschah mit Sündern jener Zeit, die die Religion mangels Offenbarung gar nicht kennen konnten, nach ihrem Tod? Besaßen sie, da sie es ja nicht besser wissen konnten, Narrenfreiheit und kamen voraussetzungslos ins Paradies oder wurden sie gleichwohl verdammt wie die unglücklichen Einwohner von Sodom und Gomorrha? Hier wäre dann ja offensichtlich mit unterschiedlichem Maß gemessen worden; mit göttlicher Gerechtigkeit und einem Ewigkeitsanspruch scheint dies kaum zu vereinbaren. Nun möchte man wenigstens nach der Gründung einer Religion eine gewisse Konstanz erwarten. Doch weit gefehlt. Bereits für die altägyptische Götterhierarchie sind erhebliche Veränderungen der Zusammensetzung und Bedeutung im Zeitablauf dokumentiert167 – bis hin zur vollständigen, wenn auch temporären religiösen Umwälzung unter Amenophis IV. (Ech- 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 119 naton), in deren Zuge der Hauptgott Amun-Re durch den neuen Gott Aton ersetzt168 und nachfolgend Monolatrie praktiziert wurde bzw. sogar Monotheismus herrschte. Doch auch die großen Religionen unserer Zeit erlebten tief greifende Entwicklungen. Der Hinduismus kam mit den Veden als zunächst mündliche Überlieferung durch den Zuzug zentralasiatischer Völker ins heutige Indien und löste dort die Indus-Kultur ab. Deren möglicherweise matriarchalisches Gottesbild wurde durch eine Reihe im Wesentlichen männlicher Götter ersetzt. Mit der philosophischen Interpretation der Veden in den Upanischaden sowie in der Auseinandersetzung mit den im 6. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Religionen des Buddhismus und Jainismus wandelte sich das Pantheon erneut. In vedischer Zeit noch bestimmende Götter wie der Feuergott Agni wurden in den Hintergrund gedrängt, während nun die Trimurti aus Brahma, Vishnu und Shiva als einflussreichste Götter die Götterwelt dominierten. Auch im Folgenden veränderten innere und äußere Einflüsse wie die Tantra- und die Bakhtibewegung den Hinduismus immer wieder und bis heute. Dem Christentum erging es nicht anders. So gibt es im Alten Testament zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass im vorexilischen Israel neben JHWH Götter wie Astarte und Kamos verehrt wurden.169 In Psalm 82.1 wird JHWH „Richter unter den Göttern“ genannt, archäologische Funde lassen vermuten, dass Aschera als Gattin JHWHs verehrt wurde.170 Dass die Texte der Bibel den Polytheismus zwar erkennen lassen, ihn aber scharf verurteilen, geht auf eine spätere Entwicklung zurück; Anlass für die Abkehr vom Polytheismus und für die Hinwendung zur Monolatrie war der Untergang des Staates Juda, den man als Strafe für die Verehrung anderer Götter deutete. Jedem Christen ist darüber hinaus der Unterschied zwischen dem eifersüchtigen, rachsüchtigen Gott des Alten Testaments und dem für die Sünden der Menschen gestorbenen Jesus transparent. Nachdem der Gott im Alten Testament ganze Völker wie die Amalekiter oder auch einmal die gesamte Menschheit (mit Ausnahme von Noah und seiner Familie) auslöschte oder umbringen ließ, ist mit dem Auftreten von Jesus Christus ein Stimmungswandel eingetreten, der größer nicht sein könnte. Und natürlich entwickelte sich die christliche Lehre auch nach Jesu Tod immer weiter. Vielen Christen dürfte beispielsweise unbekannt sein, dass Jesus erst mit dem Konzil von Nicäa 325 n Chr. zu Gottes Sohn erklärt wurde. Besser bekannt sind die diversen Spaltungen der christlichen Kirchen, etwa durch die Reformation, bis hin zu der Vielzahl von 120 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Kirchen, die wir heute etwa in den USA finden. Die Wechselwirkungen mit der Aufklärung und der Moderne haben ein Übriges getan, die Lehre zu verändern und zu differenzieren. Auch der Islam ist seit seinen Anfängen geprägt durch geschichtliche Hintergründe und Entwicklungen. Die Kaaba, zentrales Heiligtum in Mekka, war ursprünglich ein Tempel, der unter anderem zur Verehrung des Stadtgottes von Mekka, Hubal, diente, vor dessen Standbild man Lospfeile warf, wenn man ein Orakel begehrte.171 Auch die Wallfahrt, die Hadsch, die ein Muslim einmal in seinem Leben unternehmen soll, ist vorislamischen Ursprungs.172 Der Koran selbst dokumentiert eine einschneidende Entwicklung: Waren die Suren vor der Hedschra – der Auswanderung nach Yatrib, dem heutigen Medina, im Jahr 622 – noch von großem Wohlwollen gegenüber den „Buchreligionen“ der Christen und Juden geprägt, ist dies in späteren Suren nicht mehr der Fall, nachdem Mohammed erkannt hatte, dass diese ihm nicht folgen würden, und er stark genug geworden war, seine Ziele militärisch durchzusetzen. Nun stehen nicht mehr die eschatologischen Themen vom Weltende und Gericht im Vordergrund, sondern die kultische und politisch-soziale Organisation der Gemeinde und die Auseinandersetzung mit Gegnern wie Christen und Juden sowie Widersachern aus den eigenen Reihen.173 Ohnehin sieht sich der Islam in der Tradition von Juden- und Christentum, deren Überlieferungen aber verfälscht worden seien. So heißt es im Koran: „Und wir haben doch Noah und Abraham gesandt und in ihrer Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift gemacht. Etliche von Ihnen waren rechtgeleitet. Aber viele von ihnen waren Frevler.“ 174 Und natürlich gab und gibt es, wie bei allen großen Religionen, auch im Islam verschiedenste Abspaltungen und Strömungen, von der bereits unmittelbar nach dem Tod Mohammeds entstandenen Shia über die Ahmadiyya, Baha’i und Wahabiten bis zum politischen Islam unserer Tage. Selbst Kerninstitute der Religion scheinen nicht notwendigerweise ewig wahr zu sein: Nach etlichen Jahrhunderten der Drohung mit dem Höllenfeuer spielt dieses in der katholischen Lehre heute kaum noch, in der protestantischen gar keine Rolle mehr. Fast könnte man meinen, die mittelalterliche Vorstellung einer Hölle sei schlicht zu unangenehm für den Wellness-Charakter, den der moderne Gläubige seiner Religion bewusst oder unbewusst beimisst. Im Islam unserer Tage scheint sie hinge- 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 121 gen weiterhin auf der Tagesordnung, und sei es nur als Ort, an den religi- öse Eiferer den Ungläubigen wünschen. Insgesamt wird deutlich, dass sich alle Religionen aufgrund externer Einflüsse oder interner Entwicklungen teils in ihrem Kern gewandelt oder aufgespalten haben. Die schiere Vielzahl der Änderungen und ihre inhaltliche Breite und Tiefe scheinen mit einer ewigen Wahrheit kaum kompatibel. 6.2.2 Exklusivität des Glaubens Einige Religionen stehen nicht allen Menschen offen und bieten damit zusätzliche Angriffspunkte. Das Judentum etwa richtet sich ausschließlich an das „auserwählte Volk“. In den Hinduismus muss man schon mangels Missionierung und wegen des Problems der korrekten Einordnung ins Kastensystem letztlich hineingeboren werden. Was geschieht dann aber mit den übrigen Menschen? Sind sie als Füllmaterial der Schöpfung ohne Belang, dürfen sie nicht auf ein Leben nach dem Tod hoffen und verfallen sämtlich der Verdammnis? Gleich welche Antwort eine Religion darauf anbieten mag: Mit menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit kann sie nur vereinbar sein, wenn sie auch andere Wege zum Heil zulässt. Nun ist ein Gott nicht verpflichtet, sich an unserer Idee von Fairness zu orientieren, doch unmittelbar nachvollziehbar ist die Diskriminierung nicht. Ohnehin wird die bereits kritisierte Annahme, dass Gott sich auf eine einzelne Spezies eines unbedeutenden Planeten im weiten Universum konzentriert, durch die Beschränkung auf einen Teil dieser Spezies nicht glaubwürdiger. Dies gilt umso mehr, als theologisch völlig unklar ist, warum sich Gott ausgerechnet dieses Volk ausgesucht hat, entstammen doch alle Menschen seiner Schöpfung. Verständlich wird die Exklusivität nur aus zwei sehr rationalen, weltlichen Gründen. Zum einen stärkt die Selbsterkenntnis als erwählte, herausgehobene Gruppe das Selbstbewusstsein – kriegerisch und kulturell hat man nun eine Mission. Zum anderen wird hierdurch der innere Zusammenhalt gestärkt. Als geschlossene Gruppe, die sich nicht mit anderen vermischen darf, werden Werte und Traditionen aufrechterhalten und nicht durch externe Einflüsse verwässert. Es besteht ein gewisser Druck auf die Einigung der jeweiligen Fraktionen – schließlich können sich diese nicht einfach Alliierte außerhalb der Gemeinschaft suchen. Diese Vorteile die- 122 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? nen aber allein der Religion und weisen keinen erkennbaren Mehrwert für einen Gott auf. Insofern erscheint ein exklusiver Glaube signifikant weniger plausibel als einer, der allen Menschen offensteht. 6.2.3 Klarheit der Heiligen Schriften In Kapitel 3.3.1 hatten wir ja bereits die fragwürdige Herkunft göttlicher Offenbarungen und anderer Heiliger Schriften behandelt, aber noch nicht hinreichend untersucht, wie klar diese verfasst sind. Angesichts der vielfältigen Lebenssituationen, der menschlichen Neigung, Texte in einer dem jeweiligen Leser genehmen Weise zu interpretieren, und natürlich mit Blick auf die einschneidenden Konsequenzen sind Klarheit und Eindeutigkeit eines religiösen Regelwerks von herausragender Bedeutung. Von einem höheren Wesen darf man erwarten, dieser zentralen Anforderung in exemplarischer Weise gerecht zu werden. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für Heilige Schriften, denen eine unmittelbare göttliche Offenbarung zugrunde liegt, wie dem Koran und der Thora, aber mit Blick auf den Status als Heilige Schrift auch für alle anderen, die ja zumindest als göttlich inspiriert betrachtet werden. Bereits bei kurzen und knappen Anweisungen wie dem Dekalog, den sogenannten Zehn Geboten, bleiben jedoch Fragen offen. Gilt das Gebot, nicht zu töten, absolut oder auch im Falle der Selbstverteidigung? Ist damit auch das Töten von Tieren ausgeschlossen oder das Beenden des Leidens Schwerkranker? Und ist mit dem Nächsten, dessen Weib man nicht begehren soll, jeder Mensch oder nur ein Angehöriger des eigenen Volkes bzw. der eigenen Religion gemeint? Aus dem Text selbst geht dies nicht hervor. Dass in einer mehrere Hundert Seiten umfassenden Heiligen Schrift dann erst recht Raum für Interpretationen bleibt, kann ebenso wenig verwundern wie die Tatsache, dass sich hieraus völlig konträre und dennoch wohlbegründete Auffassungen ableiten lassen, was nicht selten zu Abspaltungen oder gar Glaubenskriegen führt. Wenn etwa Anhänger fundamentalistischer Strömungen des Islam moderateren Muslimen bescheinigen, vom rechten Weg abgekommen zu sein (und umgekehrt), ist dies nicht unwesentlich auf die Ambivalenz der Schrift zurückzuführen. Da hilft es wenig, wenn eine Konsensmeinung gebildet oder von einem Religionsführer ein Dogma verkündet wird – jedermann kann die Texte weiterhin für sich auslegen. Welche Stellen einer Heiligen Schrift wörtlich und welche metaphorisch zu verstehen sind, ist damit Thema unzähliger 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 123 Erörterungen. So stellte der große Islamgelehrte Fachr ad-Din ar-Razi (1149 – 1209) in seinem Korankommentar ernüchternd fest: „Wisse, dass Du überall nur eines feststellen wirst: Ein jeder zählt diejenigen Verse zu den eindeutigen (muhkamat), die seinen Überzeugungen entsprechen, und rechnet jene Verse zu den mehrdeutigen (mutashabihat), welche die gegnerische Schule stützen. So ist der Gang der Dinge.“ 175 Die Theologie streitet Widersprüchlichkeiten bzw. Interpretationsbedarf auch nicht ab, weist aber gerne darauf hin, dass Texte und Regeln häufig in einem historischen oder im Kontext von anderen Schriften zu verstehen seien. Das ist grundsätzlich ein fairer Einwand, mit dem manche Frage gelöst werden kann (jedenfalls dann, wenn der Text in der Originalsprache diskutiert wird und nicht durch Übersetzungen sprachliche Feinheiten verloren gehen oder sogar wirkliche Fehler tradiert werden). So kann man praktikable (wenn auch nicht notwendigerweise berechtigte) Mechanismen wie das Abrogationsprinzip entwickeln, das bei sich widersprechenden Koranstellen diejenige für gültig erklärt, die zuletzt offenbart wurde. Allerdings erlauben viele Texte auch oder gerade im jeweiligen Kontext mehrere Interpretationen. Es bleibt der Vorwurf bestehen, dass ein praktikables Regelwerk auf solche, vielen Menschen gar nicht zugängliche und sich regelmäßig widersprechende Interpretationen verzichten können und ein System mit Ewigkeitsanspruch nicht vom historischen Kontext abhängig sein sollte. Ein Gott, der Interesse an der Befolgung seiner Regeln hat, würde sie unmissverständlich verfassen. Die mangelnde Klarheit steht also der Glaubwürdigkeit der Religionen entgegen. Welchen Grund könnte es aus göttlicher Sicht für diese Unklarheiten geben? Am ehesten wären diese bei Religionen ohne Göttern akzeptabel: Ein gottgleiches System von Karma und Wiedergeburt wäre als „Naturgesetz“ ja auch denkbar ohne jemanden, der es erklärt, und stattdessen auf die Entdeckung durch Menschen angewiesen. Problematisch wird es allerdings bei einem personalen Gott, dem etwas an den Menschen liegt. Man könnte allenfalls spekulieren, dass Gott durch absichtliche Unklarheiten der Offenbarung den Menschen dazu bewegen möchte, sich mit den Schriften auseinanderzusetzen, um so deren Gehalt und Geist besser zu verstehen und zu verinnerlichen. Angesichts der unterschiedlichen intellektuellen Ausrichtungen und Fähigkeiten der Menschen kann man 124 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? aber kaum davon ausgehen, dass eine intensivere Beschäftigung mit den Schriften immer und bei jedem in gleicher Weise zu den gottgewollten Interpretationen führt. Mithin muss die Auseinandersetzung mit solchen Texten den Menschen eben nicht zwangsläufig rascher oder überhaupt auf den rechten Weg führen, sondern kann leicht in einer Sackgasse enden. 6.3.4 Religionsvielfalt Es gibt nur einen wahren Glauben, insistieren die Religionen mit wenigen Ausnahmen und nehmen diese Wahrheit für sich selbst in Anspruch. Da Religionen in aller Regel nicht mit anderen vereinbar sind (auch wenn die Praxis in einigen Teilen der Welt eine andere ist), scheint es in der Tat plausibel, dass es, wenn überhaupt, nicht mehr als eine wahre gibt. Wenn dies aber so ist, wäre nicht nur der Atheist, sondern auch jeder Angehörige einer der anderen Religionen und damit der größte Teil der Weltbevölkerung in Gefahr. Nur ein Bruchteil der Menschheit hätte eine Chance auf Erlösung. Dies spricht natürlich nicht gegen die Möglichkeit dieser Situation. Im Gegenteil wird dies anscheinend weitgehend als gegeben akzeptiert. Und aus Sicht der Anhänger einer als einzig wahr empfundenen Religion ist dies auch nicht notwendigerweise unfair, da ja grundsätzlich jeder die Möglichkeit hätte, sich zum rechten Glauben zu bekennen. Doch halt: Ist das wirklich so? Hat tatsächlich jeder die Möglichkeit, unbefangen, ohne vorherige elterliche oder kulturelle Prägung ergebnisoffen den Wahrheitsgehalt aller Religionen zu prüfen, um schließlich die rechte zu finden? Wohl kaum. Schon im vergleichsweise freien Europa dürfte das nicht immer der Fall sein. Doch wie könnte eine in Saudi-Arabien aufgewachsene und lebende Frau den Buddhismus als wahre Religion erkennen? Wie könnte ein sudanesischer Analphabet die Schönheit des Daoismus studieren, wie ein Kind aus dem Bible Belt zum Sikh werden? Erziehung, Umfeld, sozialer Druck und teils auch mangelnde Verfügbarkeit von Informationen machen dergleichen oft faktisch unmöglich. Keine guten Chancen also für weite Teile der Welt, eine allein gültige Religion auch nur erkennen, geschweige denn praktizieren zu können. Beim Marathonlauf zum Heil sind viele bereits an die Kette gelegt. Nochmals: Dies spricht nicht gegen die Möglichkeit einer solchen – nach menschlichen Maßstäben freilich höchst unfairen – Situation. Es spricht nur gegen einen fairen und alle Menschen gleichermaßen liebenden Gott. 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 125 Doch auch den Menschen, die die Möglichkeit zur Wahl ihrer Religion haben, wird es nicht leicht gemacht. Denn in dem für den Einzelnen schier unüberschaubaren Angebot an Religionen und deren Fraktionen zeichnet sich keine durch eine solche Kraft und Wahrheit aus, dass das Göttliche und Wahre in ihr sofort und zweifelsfrei erkannt würde – sonst würden sich ja sofort alle zu ihr bekennen. Das ist ein Stück weit enttäuschend, würde man sich doch von einer göttlichen Offenbarung eine gewisse Eindeutigkeit, ja Unabweisbarkeit und Überlegenheit gegenüber allen anderen Religionen erhoffen. Gerade vom Gott des Alten Testaments und dem des Korans, die ja sehr deutlich auf ihre Alleinstellung pochen, erscheint das nicht zu viel verlangt. Eine absolute Religion sollte so überzeugend sein, dass Alternativen gar nicht erst aufkämen oder zumindest rasch als Irrwege erkannt würden. Dies ist aber, wie das Festhalten an den tradierten Religionen rund um den Erdball belegt, offensichtlich nicht der Fall. Dies wirft die Frage auf, warum ein Gott, dem so sehr am Glauben liegt, nicht in der Lage oder willens ist, das eigene System entsprechend zu bewerben. Die, mit Verlaub, kleinteiligen Wunder mancher Religion bleiben sicherlich unter den Möglichkeiten Gottes. Es bleibt also dabei: Die Götter lassen uns hinsichtlich ihrer Existenz und Beschaffenheit im Unklaren, was in Verbindung mit dem Absolutheitsanspruch zumindest erklärungsbedürftig erscheint. Nun wird mancher Gläubige natürlich behaupten, die Überlegenheit seiner Religion sei doch ebenso evident wie die Absurdität anderer. Wer so empfindet, möge gedanklich einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Ist ein Gott mit Elefanten- oder Schakalkopf unglaubwürdiger als eine Jungfrauengeburt des Sohns Gottes?i Ist Mohammeds Nachtreise weniger fantastisch als die Vorstellung, dass Lord Vishnu einen Avatar in Form einer Schildkröte hatte? Jede Religion weist nicht nur aus der Außenperspektive hinreichend Merkwürdigkeiten auf, sodass alle Herablassung gegenüber einem anderen Glauben deplatziert wäre. Wünschenswert wären mithin allgemeingültige Kriterien für die Bewertung von Religionen. Einen rudimentären Vorschlag dazu machte die internationale Theologenkommission „Das Christentum und die i Die Jungfräulichkeit Mariens wird zumindest im Katholizismus heute nicht mehr zwingend im Sinne körperlicher Unversehrtheit verstanden, sondern als eine Art Aufnahmebereitschaft und Unschuld. Dass sich diese Interpretation bei den Gläubigen hinreichend verbreitet hat, ist jedoch zu bezweifeln. 126 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Religionen“ im Jahr 1996: „Religionen können nur Träger der rettenden Wahrheit sein, wenn sie die Menschen zur wahren Liebe führen.“176 Wir wollen hier nicht untersuchen, ob dies ein angemessenes, begründetes und hinreichend scharfes Kriterium ist, müssen aber doch fragen, was von Kriterien zu halten ist, die aus einer Religion heraus formuliert werden. Denn dass die eigene Religion in einer solchen Bewertung gut abschneidet, wird nicht überraschen. Folglich müssten die Kriterien externer Natur sein – doch wer wollte sie festlegen und dann über die Gewichtung und den Grad ihrer Erfüllung verhandeln? Und worin sollten sie bestehen – in der Rationalität der Argumentation oder in der ethischen Qualität? Und schließlich: Wollen wir wirklich glauben, eine solche Bewertung würde alle Menschen zum wahren Glauben bekehren? Eher nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Religionen einem solchen Diskurs verweigern und behaupten, dass sich eine religiöse Tradition (gemeint ist natürlich die eigene) grundsätzlich keiner externen Instanz gegenüber zu rechtfertigen habe, selbst wenn sie als universale Vernunft auftrete.177 Aus Sicht von Klaus von Stosch liegt das Grunddilemma einer Theologie der Religionen darin, dass die konfessionelle Theologie am eigenen Wahrheits- und Unbedingtheitsanspruch festhalten will, gleichzeitig Andersgläubige in ihrer Andersheit aber zumindest nicht negativ eingeschätzt werden dürften.178 Geht man vom Modell des Inklusivismus aus, ist man also bereit, auch in anderen religiösen Traditionen Heil und Wahrheit zu sehen, so müssen sie wegen des Anspruchs der eigenen Religion immer als defizitäre Formen derselben angesehen werden. Folgt man hingegen dem Modell des Pluralismus, der „Heil und Wahrheit zumindest in allen Weltreligionen in gleichwertiger Weise vermittelt“179 sieht, wird dem Selbstverständnis etwa der abrahamitischen Religionen als überlegene Lehre nicht Rechnung getragen. Das Dilemma scheint unlösbar, da „die grundlegenden Glaubenssätze anderer Religionen ganz offenkundig in grundsätzlichem Widerspruch zu denen des Christentums stehen“180 i i Von Stosch bietet als Option zur Versöhnung von Inklusivismus und Pluralismus, abgeleitet aus Ideen von Wittgenstein, eine komparative Theologie an, die keine allgemeinen Aussagen über die Wahrheit von Religionen macht, vielmehr beinhaltet sie ein „Hin- und Hergehen zwischen konkreten religiösen Traditionen angesichts bestimmter Problemfelder, um Verbindendes und Trennendes zwischen den Religionen neu zu entdecken“. Dies mag wertvolle Erkenntnisse generieren, kann aber natürlich nicht zu einer grundlegenden, neutralen und abschließenden Einwertung von Religionen führen. 6 Es kann nur einen geben: Der religiöse Absolutheitsanspruch 127 Unabhängig davon wird immer wieder der Versuch unternommen, Gemeinsamkeiten zu betonen und Religionen als Aspekte derselben Wahrheit aufzufassen. Diese Haltung reicht von der populären, aber recht naiven Behauptung, wir glaubten doch alle an denselben Gott, bis hin zu neuen Religionen, die zentrale Elemente existierender zu einer neuen integrieren – man denke an die Baha’i-Religion, an den Caodaismus in Vietnam, an den indischen Heiligen Shirdi Sai Baba oder synkretistische Religionen wie Voodoo und Candomblé. In Japan oder China geht man sogar so weit, mehreren Religionen gleichzeitig zu huldigen, was zugegebenermaßen mit Religionen wie dem Shintoismus, dem Konfuzianismus und dem Daoismus sehr viel leichter gelingt als mit den abrahamitischen. Und in der Tat wäre ja denkbar, dass alle (oder zumindest mehrere) Religionen Wege zur Erlösung darstellen und mithin wahr sind. Dem läge dann ein Gott zugrunde, dem es weniger auf das Befolgen eines bestimmten Regelwerks geht, sondern vielmehr darum, dass überhaupt nach einem gelebt wird. Der Schweizer Religionsphilosoph Frithjof Schuon sah hierin nichts Widersprüchliches: „Wenn die Religionen wahr sind, dann aus dem Grund, weil es jedes Mal Gott ist, der gesprochen hat. Und wenn sie unterschiedlich sind, dann aus dem Grund, weil Gott in verschiedenen Sprachen entsprechend der Verschiedenheit der Empfänger gesprochen hat. Und endlich, wenn sie absolut und ausschließlich sind, dann aus dem Grund, weil Gott in jeder Religion von ‚Ich‘ gesprochen hat.“181 Diese recht bequeme Sicht, die im Gegensatz zur Auffassung der meisten Kleriker stehen dürfte, hat einige gravierende Schwächen. Dazu muss man gar nicht so weit gehen, sie als latent rassistisch anzusehen (warum muss zu einem Inder anders als zu einem Belgier gesprochen werden – Religionen funktionieren ja über Kulturkreise hinweg) oder darauf hinzuweisen, dass eben nicht in allen Religionen Gott in der Ich-Form spricht, ja ein solcher teils gar nicht existiert. Nein, problematisch ist, dass Religionen in diesem Licht generisch und die moralischen Grundsätze weitgehend austauschbar wären, die Wahl der jeweiligen Religion damit aber letztlich völlig belanglos wäre. Riten, Moral, der gesamte Inhalt hätte rein formalen Wert. Angesichts der teils doch sehr unterschiedlichen Regelungstiefe und Anforderungen erscheint das wenig glaubwürdig. Warum sollte Gott einer Gruppe Nächstenliebe und Vergebung predigen und einer anderen die Steinigung? Schlimmer noch: „Wahre“ Religionen wären so selbst aus dem Blickwinkel der Religionen nicht mehr von esoterischen Zirkeln und Religionen unterscheidbar, die lediglich aus monetären oder 128 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Machtmotiven gegründet wurden. Eine solche Sicht scheint eher einem etwas naiven Wunsch nach Harmonie zu entspringen, wenn sie nicht von zeitgenössischen Relativierern vorgeschoben wird, um einer ernsthaften intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema auszuweichen und gleichzeitig Spiritualität und moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Zusammenfassend stellen wir also fest, dass viele Religionen ihren Absolutheitsanspruch zwar in aller Deutlichkeit und mit Vehemenz einfordern. Die Berechtigung dieses Anspruchs können sie mit Blick auf ihre wechselhafte Geschichte, ihre nicht hinreichend klaren Schriften und die Vielfalt ähnlich gut begründeter Wettbewerber jedoch nicht überzeugend darlegen.

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References

Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.