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5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung in:

Holger Krauße

Religion im Faktencheck, page 109 - 114

Wie vernünftig ist der Glaube?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3945-8, ISBN online: 978-3-8288-6712-3, https://doi.org/10.5771/9783828867123-109

Tectum, Baden-Baden
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109 Was können wir von einer Religion erwarten, die das Leid der Tiere ausklammert? Richard Wagner151 5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung 5.1 Anthropozentrismus der Religionen Alle Religionen stellen naturgemäß den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Lehre. Da lediglich Menschen vernunftbegabt und damit in der Lage sind, religiöse Lehren aufzunehmen und umzusetzen, also die Zielgruppe der Religionen darstellen, ist das nur konsequent. Aus der Kenntnis der historischen Umstände ist auch nachvollziehbar, dass die Erde als Zentrum des Universums und der Mensch als Krone der Schöpfung, Fauna und Flora hingegen lediglich als schmückendes Beiwerk verstanden wurden. In den abrahamitischen Religionen kommen Tiere vor allem als Nutztiere – man denke an die Reittiere von Jesus und Mohammed – und als Teil von Geschichten wie der von Jona und dem Wal oder der Sintflut vor. Die Darstellung des Heiligen Geistes im Christentum als Taube ist rein metaphorisch: Tiere, so sie nicht selbst als göttlich angesehen werden, sind lediglich Mittel Gottes, während ihnen selbst keine tiefere Bedeutung zukommt. Dieser Anthropozentrismus ist jedoch fragwürdig geworden. Vor dem Hintergrund unserer genetischen Verwandtschaft mit den Menschenaffen und erst recht mit Blick auf unsere evolutionäre Herkunft stellt sich die Frage nach der Abgrenzung zwischen Mensch und Tier. Zu welchem Zeitpunkt kann vom Menschen im Sinne der Religionen gesprochen werden: bereits beim Australopithecus anamensis oder erst beim Homo sapiens? Waren ausgestorbene Linien wie der Neandertaler auch Menschen im Sinne der Religion? Diese auf den ersten Blick seltsame Frage müsste präzise beantwortet werden, wenn man verstehen will, ab welchem Zeitpunkt die göttlichen Regeln galten und ab wann Gott sich für das Verhalten der Menschen interessierte. Ist es plausibel, dass in einem rund 14 Milliarden 110 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? Jahre alten Universum und bei einer rund 200.000 Jahre alten Spezies eine göttliche Offenbarung erst seit ein paar Tausend Jahren zur normativfaktischen Grundlage des Lebens wird? War das Jenseits wie alles andere bereits zu Anfang, also quasi auf Vorrat erschaffen worden und stand bis zum Auftauchen des Menschen leer? Hier fehlt den abrahamitischen Religionen eine Erklärung. Kein Wunder, dass Fundamentalisten an der Bibel wörtlich festhalten und darauf beharren, die Erde sei nur wenige Tausend Jahre alt. Man muss daher konzedieren, dass diejenigen Religionen, die nicht allein von der Folge irdisches Leben – Tod – ewiges Dasein im Jenseits ausgehen, in dieser Hinsicht ein konsistenteres Weltbild liefern. Man denke an die kosmischen Zyklen im Buddhismus und Hinduismus, die zwar den Geozentrismus nicht aufheben, aber deren Zeiträume ungleich umfassender sind. Denkt man sich etwa den Kosmos als ein sich zyklisch per Urknall ausdehnendes, dann aber wieder durch die Kraft der Gravitation zusammenfallendes System, passt dies recht gut zur hinduistischen Lehre.i Stimmiger sind die indischen Religionen jedoch vor allem deswegen, weil Tiere genauso in den Kreislauf des Samsara einbezogen sind wie Menschen. Die Notwendigkeit einer exakten Abgrenzung entfällt also, die göttliche Ordnung galt seit Anbeginn für alle. Zudem leitet sich hieraus eine Haltung ab, die Tiere als schützenswerte Individuen darstellt, die nicht getötet werden dürfen, da sie selbst eine Seele haben – aus Sicht einer modernen, vom Interesse oder gar von einer oft idealisierten Liebe zum Tier geprägten Gesellschaft eine recht sympathische Position. So heißt es im Gesetzbuch des Manu:ii „Diese Tiere und Pflanzen (…) haben wegen voriger Handlungen inneres Bewußtsein und fühlen Vergnügungen und Schmerz.“152 iii Dies führt zu für den westlichen Beobachter skurrilen Phänomenen wie dem hinduistische Karni-Mata-Tempel in Deshnok, Rajasthan, in dem Hunderte von Ratten leben, die von den Besuchern mit Speisen und Getränken umsorgt und von Musikern unterhalten werden, oder dem der orthodoxen Jains, die mittels Mundschutz und Einsatz eines Besens bei der Fortbewegung zu Fuß sicherstellen möchten, auch nicht i Aktuell geht man allerdings von einer Beschleunigung der Ausdehnung des Alls aus; vgl. http://www.welt.de/print-welt/article439256/Das-Weltall-dehnt-sich-immerschneller-aus.html. ii Hinduistische Schrift iii Inwieweit diese Sicht über Tiere und Pflanzen hinaus z. B. auch für Mikroben oder Pilze gilt, ist ungewiss. 5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung 111 das kleinste Lebewesen zu töten. In sehr alten Religionen werden Tieren darüber hinaus zum Teil göttliche oder heilige Eigenschaften zugeschrieben, etwa den heiligen Kühen Indiens. Gleichzeitig werden Götter mit tierischen Attributen ausgestattet; man denke an Hanuman und Ganesha im Hinduismus oder Bastet und Sobek im alten Ägypten. Manche Religionen sprechen sogar unbelebten Gegenständen wie Steinen eine Seele zu. Dessen ungeachtet beziehen sich die religiösen Anforderungen natürlich ausnahmslos auf den Menschen. Allen anderen Wesen ist gemeinsam, dass sie für ihr Sein und Handeln keine Verantwortung tragen – diese hat nur der Mensch. Gleichwohl erscheint die Einbeziehung zumindest von Tieren in einen göttlichen Kreislauf tendenziell konsistenter als das plötzlich auftretende Interesse Gottes an der Spezies Mensch, als diese die überaus unscharfe Grenze zum Menschen überschritt. Neben der Frage der Abgrenzung von Mensch und Tier stellt sich – auch hier primär für die monotheistischen Religionen – die des Verhältnisses zwischen Mensch und Universum. Aus welchem Grund sollte Gott ein Universum praktisch unendlicher Ausdehnung geschaffen haben, von dem wir nur einen Bruchteil überhaupt sehen und erforschen können, um am Rande desselben auf einem einzelnen der unzähligen Planeten sein ganzes Interesse auf eine einzige von Millionen von Spezies zu richten? In einer anthropozentrischen Religion scheint das Universum schlicht überdimensioniert. Und wie verhält es sich mit möglichen Zivilisationen auf anderen, weit entfernten Planeten, die rein rechnerisch wahrscheinlich sind? Gelten für diese andere Regeln oder überhaupt welche? Zur Zeit eines begrenzten geozentrischen Weltbildes musste man sich diese Fragen nicht stellen. Mit dem Wissen von heute ist der Anthropozentrismus jedoch zumindest fragwürdig. Die Annahme, dass Menschen aufgrund ihres historisch begrenzten Weltbildes einerseits und im Bestreben, ihre Stellung in der Schöpfung herauszuheben, andererseits ihre Religionen entsprechend gestaltet haben, scheint naheliegend. 5.2 Der Mensch als Spielfigur? Die abrahamitischen Religionen gehen von einem Gott aus, der die Menschen als Teil seiner Schöpfung geschaffen hat. Von diesen erwartet er ein bestimmtes Denken, insbesondere den Glauben, und ein besonderes Verhalten. Von der Erfüllung dieser Erwartungen durch den individuellen Menschen hängt sein Schicksal im Jenseits ab. Diese einfache und 112 Religion im Faktencheck: Wie vernünftig ist der Glaube? klare Konstruktion, die der von Eltern und Kindern ähnelt und jedem Menschen vertraut ist, wird von den Anhängern dieser Religionen selten infrage gestellt. Dabei gibt es gute Gründe, dies zu tun. Zum einen erscheint es seltsam, dass ein Gott, der fähig ist, ein so außerordentlich komplexes Wesen wie den Menschen zu schaffen, nicht auch in der Lage gewesen sein sollte, ihn von vorneherein in der gewünschten Form zu schaffen. Wer das gesamte Universum mit allen wunderbar zusammenwirkenden Naturgesetzen kreiert, dem sollte dies ein Leichtes sein. Das vermeintliche Geschenk der Entscheidungsfreiheit ist Chance und Risiko gleichermaßen, der Einsatz – die Ewigkeit – dabei erschreckend groß. Ob der Mensch dieses Danaer-Geschenk annehmen möchte, wird nicht gefragt. Hieraus entsteht das Bild eines Gottes, der mit Menschen wie mit den Figuren eines Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiels spielt oder der vielmehr Zuschauer ist in einem großen Drama auf dem Spielfeld der Erde, bei dem er zusieht, wie die Spielfiguren ihrem Heil oder Unheil entgegentaumeln – ohne dass sie mit Gewissheit auf ein Eingreifen des Spielemachers zählen können. Dagegen erscheinen die Spiele in den römischen Arenen wie ein Kindergeburtstag. Ein solches Bild entspricht offensichtlich mehr der Willkür eines römischen oder germanischen Gottes als dem eines die Menschen liebenden Gottes. Ein liebender Gott, so könnte man mit einigem Recht behaupten, hätte dafür gesorgt, dass jedermann unmittelbar ins Paradies gelangt und auf das Spiel davor verzichtet. Zumindest aber erscheint der Begriff der unterlassenen Hilfeleistung angebracht. Das Bild ist aber auch deswegen bizarr, weil die Spannung eines solchen Spieles im Monotheismus gar nicht existiert: Da Gott allwissend ist und damit sowohl in die Herzen der Menschen als auch in die Zukunft blicken kann, steht der Ausgang des Spieles ja bereits fest. Unter diesem Aspekt ist das göttliche Handeln schlicht unverständlich und mit menschlichen Begriffen nur unschmeichelhaft zu beschreiben. Zum anderen erstaunt, und dies gilt auch für andere Religionen, dass die gleichen Anforderungen an alle Menschen gestellt werden, unabhängig von deren Verhältnissen und Voraussetzungen. In wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsene Menschen sind nicht nur im Vorteil, wenn es darum geht, anderen Menschen zu helfen, sondern laufen aufgrund ihres Umfeldes auch weniger Gefahr, zum Kriminellen zu werden und dadurch besonders viel an Karma oder göttlichem Goodwill zu verspielen. Auf der anderen Seite haben beispielsweise geistig Behinderte kaum Möglichkeiten zu sündigen oder Verdienste zu erwerben. Auch wenn es zynisch klingt: 5 Ecce Homo: Die Gott-Mensch-Beziehung 113 Wer als Kind stirbt, hat zumindest aus christlicher Sicht das große Los gezogen, da aufgrund der eigenen „Unschuld“ das Risiko der Hölle gar nicht erst besteht. Da es um die Ewigkeit geht, fällt der Verlust des kurzen irdischen Lebens in diesem Fall nicht ins Gewicht. Diese beiden Probleme schließen die Existenz Gottes nicht aus. Sie weisen nur darauf hin, dass ein existierender Gott nicht als einer angesehen werden kann, der dem Menschen nur Gutes tun möchte, und dass sein Urteil vermutlich nicht mit dem menschlichen Verständnis von Gerechtigkeit und Fairness übereinstimmt. Natürlich kann Gott ein anderes Verständnis haben – dies wäre dann aber eher nicht der christliche Gott der Liebe. Wie die Religionen mit diesem Missklang umgehen, werden wir in Kapitel 7 untersuchen.

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Zusammenfassung

Seit Jahrtausenden bestimmen Religionen Politik, Kultur und Gesellschaft. Aller Kritik zum Trotz ist ihr Einfluss ungebrochen. Und selbst in vermeintlich säkularen Ländern scheint er zurückzukehren. Doch sind Konstruktion und Inhalte der Religionen hinreichend plausibel, um ihre enorme Bedeutung zu rechtfertigen? „Religion im Faktencheck“ analysiert unaufgeregt, umfassend und fair die Belege für die Existenz Gottes und zentraler Aussagen von Religionen, prüft ihre Ansprüche und Wirkungen und skizziert die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Staat und Individuum. / Mit einem Nachwort von Vera Lengsfeld.