4 Fairer Konsum: Legitimierung eines staatlichen Eingriffs in:

Christoph Oslislo

Globale Unternehmen und Menschenrechte, page 19 - 56

Über Moral, fairen Konsum und Marktversagen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3955-7, ISBN online: 978-3-8288-6711-6, https://doi.org/10.5771/9783828867116-19

Series: Wirtschaftspolitische Forschungsarbeiten der Universität zu Köln, vol. 59

Tectum, Baden-Baden
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19 4 Fairer Konsum: Legitimierung eines staatlichen Eingriffs Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie eine Änderung der Rahmenordnung unternehmerischen Handelns im Hinblick auf die Wahrung von Menschenrechten legitimiert werden kann. Als Rechtfertigungsgrundlagen werden ein exogenes Gerechtigkeitsideal, allokatives Marktversagen und meritorische Güter vorgestellt. Die Frage nach der Rechtfertigung für staatliches Eingreifen stellt insofern das Kernelement der vorliegenden Analyse dar, als dass die Bewertung der verschiedenen Regulierungsinstrumente maßgeblich davon abhängt, welche Argumentation und Zielvorstellung der Maßnahme zugrunde liegt. 4.1 Exogenes Gerechtigkeitsideal als Rechtfertigung für einen Eingriff: Der Staat gibt vor, was richtig ist Im Fall, dass im politischen Prozess die Frage nach der Rechtfertigungsgrundlage nicht thematisiert wird, kann zumeist davon ausgegangen werden, dass es sich um ein Gerechtigkeitsideal bzw. um eine konkrete Vorstellung globaler Gerechtigkeit handelt. Interpretieren wir die Idee globaler Ungerechtigkeit als eine Art distributiven Marktversagens auf globaler Ebene, scheinen die Ergebnisse globalisierter, freier Marktprozesse heute häufig nicht mit den Vorstellungen darüber übereinzustimmen, was die Öffentlichkeit oder Einzelne als gerecht und fair bewerten würden. Grundsätzlich muss das Durchsetzen eines Gerechtigkeitsideals aus Effizienzgesichtspunkten nicht zwangsläufig negativ oder entgegen der Präferenzen der Individuen sein. Insofern sich im Rahmen einer Abstimmung bestätigen lässt, dass sich alle Akteure über dieses Ideal einig sind und es als gesellschaftliche Norm und Maxime festhalten möchten, kann eine Durchsetzung des Ideals durchaus in ihrem Sinne sein (Fritsch, et al., 2007 S. 319). Ob alle Individuen die Idee globaler Gerechtigkeit gleichermaßen wertschätzen und im Einzelfall stets dazu bereits sind, die Kosten dafür zu tragen, ist allerdings fragwürdig. Allein aus diesem Grund ist es notwendig, diese Grundlage politischer Entscheidungen explizit zu machen und auch im Detail zur öffentlichen Diskussion zu stellen. Im vorliegenden Kontext könnte der Gesetzgeber Menschenrechtsverletzungen, verursacht im Zusammenhang mit der Herstellung von Elektronikartikeln, als ungerecht empfinden und sich zum Ziel setzen, unfairen Konsum zu reduzieren oder ganz zu unterbinden. Als Alternative zum expliziten Konsens kann eine Legitimation des Gerechtigkeitsideals durch „stillschweigende Zustimmung“ (Roth, 20 2002 S. 59) über eine freiwillige Entscheidung des Konsumenten versucht werden. Konkret wäre eine Argumentation über die freiwillige Entscheidung des Konsumenten denkbar, in einem Land zu leben, in dem die Prämisse „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ einen universalen und global umfassenden Anspruch hat. Ein solcher Versuch stößt allerdings auf die Problematik, dass die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland weder durch einstimmige Zustimmung entstand, noch ihre Gültigkeit nachträglich regelmäßig durch einstimmige Zustimmung bestätigt wird (ebd.). Vertragstheoretisch kann versucht werden, über ein Gedankenkonstrukt zu einer Gerechtigkeitsvorstellung zu gelangen, der alle Individuen hinter einem „Schleier der Unsicherheit“ bezüglich der eigenen Lebenssituation zustimmen könnten (ebd., S. 61, mit Verweis auf Buchanan & Tullock 1962, S. 77-78). Im Rahmen der Argumentation über einen solchen hypothetischen Gesellschaftsvertrag kann sich allerdings die Nichtexistenz einer globalen Verfassung als problematisch erweisen. Scheitern diese Versuche daran, zustimmungsfähige Prinzipien einer globalen Gerechtigkeitsvorstellung zu entwickeln, bleibt das Gerechtigkeitsideal, das staatlichen Maßnahmen zugrunde liegt, letztendlich exogen. Insofern man normative Diskussionen Philosophen und Ethikern überlassen möchte, erweist es sich allerdings für Ökonomen (und für politische Entscheidungsträger, die Wert auf die Empfehlungen der Ökonomen legen) als angemessen, auf eine Beurteilung dessen, was als gerecht und was als ungerecht zu bewerten ist, zu verzichten. Stattdessen kann aus ökonomischer Perspektive analysiert werden, ob in einzelnen Situationen der Markt zu effizienten Allokationen führt. Die folgenden Kapitel stellen verschiedene Konstellationen vor, in denen die Ergebnisse der freien Marktprozesse nicht effizient sind. 4.2 Zwischenkapitel: Moral als ökonomisches Gut Eine internationale Studie des Marktforschungsinstituts IPSOS deutet darauf hin, dass ein großer Teil der Konsumenten bereit ist, mehr Geld für Produkte zu zahlen, wenn sich die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern dadurch verbessern (IPSOS, 2013). Im Zusammenhang mit der Frage, warum Konsumenten ein fair hergestelltes Produkt einem (ansonsten gleichwertigen) unfair hergestellten Produkt vorziehen und dabei sogar bereit sind, einen höheren Preis zu zahlen, wird schnell von einem „Trend zur Moral“ gesprochen (Heidbrink, et al., 2009). Die folgenden Legitimationsgrundlagen bauen jeweils auf einem spezifischen Verständnis von Moral auf. Im weiteren Verlauf dieses Ka- 21 pitels wird Moral als Gut verstanden, das von Produzenten zusätzlich zu den materiellen Gütern bereitgestellt werden kann. Die produzierte Menge ist abhängig von der Höhe der Nachfrage seitens der Konsumenten. Der Nutzen, den dieses Gut dem einzelnen Konsumenten stiftet, kann als „moralischer Nutzen“ beschrieben werden: In Abgrenzung zum materiellen Nutzen einer Ware, ist diese Art von Nutzen nicht-physischer Natur in dem Sinne, als dass er nicht mit der materiellen Beschaffenheit des jeweiligen Produktes verbunden ist. Für die folgende Analyse ist es sinnvoll, die ökonomischen Eigenschaften dieses Gutes zu betrachten. Die Entstehung des individuellen moralischen Nutzens aus dem Konsum fair produzierter Güter ist prinzipiell in drei Weisen zu interpretieren: 1. Moralischer Nutzen entsteht als Folge der eigenen fairen Konsumentscheidung. 2. Moralischer Nutzen entsteht als Folge der Gesamtheit aller fairen Konsumentscheidungen. 3. Moralischer Nutzen entsteht als Folge der eigenen fairen Konsumentscheidung und der Gesamtheit aller fairen Konsumentscheidungen. Um diese verschiedenen Interpretationen von moralisch begründetem Mehrnutzen für Konsumenten bei fairem im Vergleich zu unfairem Konsum voneinander abzugrenzen und in einem nächsten Schritt potentielle technische Probleme am Markt zu identifizieren, bietet sich ihre Verortung im Spektrum ökonomischer Güterkategorien an. Hierbei kann in Anlehnung an Musgrave Abbildung 1 helfen (Musgrave, 1969 S. 20).7 Das Schema ermöglicht die Kategorisierung von Gütern anhand zweier Dimensionen: Einerseits können sich Güter darin unterscheiden, inwiefern es einem Akteur am Markt möglich ist, andere Akteure von dem Konsum des Gutes und damit von dessen Nutzen auszuschließen. Diese Dimension ist eng mit der Idee von Externalitäten verbunden, die aus den Produktions- und Konsumentscheidungen einzelner Marktakteure für andere Akteure entstehen (Weimann, 2004 S. 133-135). Ist bei einem Gut dieses Ausschlussprinzip in perfekter Art und Weise anzuwenden und treten keine Externalitäten auf, handelt es sich um ein rein privates Gut, während das andere 7 Sowohl die Achseneinteilung als auch die Kategorisierung der Güter entstammt dabei Musgrave (1969, S.19-20). Die unterschiedlichen, mit Buchstaben versehenen Interpretationen von Moral stellen eine Anwendung des Schemas auf den vorliegenden Kontext dar. 22 Extrem ein spezifisch öffentliches Gut darstellt8. Andererseits lassen sich Güter danach unterscheiden, inwiefern im politischen Prozess die Entscheidung der souveränen Konsumenten respektiert wird bzw. in welchem Maß in die individuellen Konsumentenpräferenzen von Seiten der politischen Entscheidungsträger eingegriffen wird. Abbildung 1: Vier Interpretationen von Moral (Eigene Darstellung in Anlehnung an Musgrave (1969)) 8 Korrekterweise bedarf es für die Definition öffentlicher Güter zusätzlich der Nicht-Rivalität (Weimann, 2004 S. 128). Da davon ausgegangen werden kann, dass nicht-physischer Nutzen prinzipiell beliebig teilbar ist, und an dieser Stelle der Fokus auf den spezifischen Unterschieden zwischen den Interpretationen von Moral liegen soll, wird hier zunächst die Eigenschaft der (Nicht-)Rivalität ignoriert. 23 Entstammt der individuelle moralische Nutzen allein dem eigenen Konsum, ist Moral als privates Gut zu kategorisieren (A). Durch den freiwilligen Konsum fairer Produkte bestimmt das Individuum gleichzeitig die Höhe des individuellen Konsums des Gutes Moral.9 Die Summe aller individuellen Nachfragemengen ergibt eine Gesamtnachfrage nach Moral, die auf funktionierenden Märkten entscheidend das Gesamtangebot an Moral beeinflusst. Dieses Angebot wird von Anbietern produziert, die die fairen Produkte zur Verfügung stellen. Da nur der eigene Konsum den individuellen Gesamtnutzen definiert, treten weder externe Effekte durch die Konsumentscheidungen anderer Akteure auf, noch können Konsumenten von Moral profitieren, ohne selbst fair zu konsumieren. In diesem Fall ist jeder Konsument für sich selbst verantwortlich und maximiert bei der Konsumentscheidung seine eigene, vom Konsum der Anderen unabhängige Nutzenfunktion. Dabei ist es im vorliegenden Kontext nicht von Relevanz, woher das Individuum den Mehrnutzen konkret erhält. Fragen danach, ob der Nutzen auf tatsächlicher, altruistischer Empathie beruht oder ob die Nutzenfunktion doch nur rein egoistische Komponenten enthält, ver- ändern die Argumentation nicht. In den Kategorien Willems‘ ausgedrückt ist es an dieser Stelle nicht bedeutsam, ob es sich bei den Konsumenten, die einen individuellen moralischen Mehrnutzen aus fairem Konsum ziehen, um „altruistische Rationalisten“ handelt, also um rationale Egoisten mit altruistischen Präferenzen, oder um „rationale Altruisten“, die sich tatsächlich am Nutzen anderer, also an den externen Wirkungen, statt an den internen Effekten einer Entscheidung orientieren (Willems, 1998 S. 149).10 Andere denkbare Komponenten des Nutzens sind beispielsweise sozialer Nutzen im Sinne einer Prestigesteigerung oder sozialer Anerkennung, persönliche Genugtuung, Identifikation oder Gruppenzugehörigkeit sowie Pflichtbewusstsein. Wird Moral als privates Gut verstanden, können zwei Arten von Problemen auftreten, die für die vorliegende Analyse und für die Legitimierung eines staatlichen Eingriffs interessant sind: Können Indi- 9 „Freiwillig“ ist in diesem Zusammenhang insofern wichtig, als dass ein Teil des moralischen Mehrnutzens aus dem Wissen über die individuelle Möglichkeit stammen kann, sich doch unmoralisch zu verhalten. 10 Die Idee hinter tatsächlich altruistischen Präferenzen setzt die Überzeugung des Individuums voraus, dass jede einzelne Konsumentscheidung im Sinne eines kleinen Beitrags zu einer schrittweisen Verbesserung der Welt relevant ist. Ist diese Überzeugung nicht vorhanden, sondern wird davon ausgegangen, dass altruistische Ziele nur im Kollektiv zu erreichen sind, entstehen Interdependenzen zwischen den einzelnen Individuen und die Charakterisierung der Moral als rein privates Gut wird fragwürdig. 24 viduen die Eigenschaften des Produktes, die letztendlich den moralischen Nutzen determinieren, nicht hinreichend beurteilen, kann dies zu Effizienzverlusten führen. Sie entscheiden sich aufgrund dieser Unsicherheit gegebenenfalls nicht für fairen Konsum, obwohl sie eine hinreichend hohe Zahlungsbereitschaft haben. Dieses Marktversagen wird in Kapitel 4.3.1 diskutiert. Alternative Erklärungen für nichtnutzenmaximierende individuelle Konsumentscheidungen sind verhaltensökonomischer Natur: Glaubt der Gesetzgeber erkennen zu können, dass Individuen aufgrund von Präferenzverzerrungen psychologischen Ursprungs nicht in der Lage dazu sind, rationale Entscheidungen zu treffen, sieht er sich in der Verantwortung, durch meritorische Eingriffe die Konsumentscheidungen der Akteure extern zu beeinflussen (D). Diese Argumentation und die mit ihr verbundenen konzeptionellen Probleme werden im Abschnitt 4.4 vorgestellt. Eine zweite Interpretation des individuellen moralischen Nutzens basiert auf der Gesamtheit aller Konsumentscheidungen in einer Gesellschaft. In diesem Fall entstammt er nicht unmittelbar dem eigenen Konsum (man fühlt sich nicht unbedingt besser, wenn man selbst etwas moralisch Wertvolles gemacht hat), sondern erst einer beobachtbaren, tatsächlichen, materiellen Veränderung der Welt, die nur kollektiv zu erreichen ist (man fühlt sich besser, wenn man davon ausgehen kann, in einer gerechten Welt zu leben). Der moralische Nutzen eines Individuums hängt also davon ab, wie gerecht die Welt tatsächlich ist bzw. in welchem Maße Menschenrechte bei der Herstellung der Produkte gewahrt werden, die insgesamt konsumiert werden. Die Gesamtnachfrage nach Moral ergibt sich letztendlich zwar immer noch aus der Summe aller einzelnen Nachfragemengen, doch – in Abgrenzung zur vorherigen Interpretation – bedingt die vom Individuum erwartete Gesamtnachfrage nun die individuelle Nachfragemenge. Zur Erreichung eines effizienten Marktergebnisses bedarf es in diesem Fall eines gewissen Grades an Koordination zwischen den Individuen. Technisch ist eine solche Konstellation über eine Nutzenfunktion mit systematisch interdependenten Präferenzen zu erklären (Bartholomae, et al., 2016 S. 16-17). Der eigene Gesamtnutzen wird maßgeblich von den Konsumentscheidungen anderer Individuen beeinflusst. Auch Homann erkennt diese Koordinationsnotwendigkeit und betont in diesem Zusammenhang, dass sich kooperatives Verhalten für den Einzelnen nur lohnen kann, wenn dieser auf effektive Kontroll- und Sanktionsmechanismen vertrauen kann (Homann, 25 1989 S. 45-47).11 Diesem Verständnis zufolge impliziert Moral freiwillige, sich selbst sowie gegenseitig auferlegte Handlungsbeschränkungen als Resultat kommunikativen Handelns innerhalb der Gesellschaft zur Realisierung der individuellen Interessen (Grabner- Kräuter, 1998 S. 68). Die Handlungsrestriktionen ergeben sich aus drohenden Sanktionen von Seiten der anderen Gesellschaftsmitglieder im Falle einer Nichteinhaltung moralischer Normen. Allerdings sind diese Restriktionen in der Realität für das Individuum nur dann bindend, wenn die durch die Sanktionen verursachten Kosten in Kombination mit der Aufdeckwahrscheinlichkeit hinreichend hoch sind. Aufgrund der Nicht-Ausschließbarkeit einzelner Individuen vom moralischen Nutzen durch eine gerechte Welt und der damit einhergehenden externen Effekte, die individuelle Konsumentscheidungen für andere Konsumenten bewirken, ist Moral als öffentliches Gut zu interpretieren (B). In Kapitel 4.3.2 wird ein Trittbrettfahrer-Phänomen diskutiert, demzufolge Individuen von dem vollen moralischen Mehrnutzen profitieren können, ohne selbst einen Kostenbeitrag zu leisten. Dieser Fall wird insbesondere dann relevant, wenn besagte gesellschaftliche Kontroll- und Sanktionsmechanismen nicht greifen. Musgrave unterscheidet in seinem originalen Schema an dieser Stelle zwischen einem (rein) öffentlichen Gut und einem meritorischen öffentlichen Gut (D). Diese Abgrenzung erscheint allerdings insbesondere vor dem Hintergrund seiner späteren Arbeiten nicht konsequent.12 Im Rahmen einer dritten Interpretation des individuellen moralischen Nutzens können die ersten zwei Argumentationen kombiniert werden, indem davon ausgegangen wird, dass moralischer Nutzen sowohl unmittelbar durch den eigenen Konsum als auch durch den Konsum der Mitmenschen determiniert wird. Während für einen Teil der positiven Effekte einer moralischen Kaufentscheidung auf das Wohlbefinden des Individuums das Prinzip der Ausschließbarkeit zutrifft, ist dies für einen anderen Teil aufgrund des öffentlichen Charakters dieser Effekte nicht der Fall. Folglich kann der moralische Nutzen als Mischgut, „on the border line between private and social wants“, bezeichnet werden (C) (Musgrave, 1959 S. 13). Auch in diesem Fall ist eine Meritorisierung von Seiten des Gesetzgebers vorstellbar (D) – als Beispiel für ein solches (meritorisches) Mischgut 11 Homann greift mit seinen Überlegungen zur Moral die vertragstheoretischen Konzepte Buchanans (1975) auf, der diesen Ansatz im Rahmen seiner Konstitutionenökonomik weiterentwickelte (Buchanan, 1975; 1987; 1991). 12 Auf die Abgrenzungsproblematik zwischen den Konzepten der öffentlichen Güter, externen Effekten und der Meritorik wird in Kapitel 4.5 detaillierter eingegangen. 26 wird in der Literatur typischerweise der Fall staatlich bereitgestellter Bildungsdienstleistungen angeführt (bspw. Buchanan, 1968 S. 66 oder Tippelt, 2002 S. 83). Musgrave verwendete das Schema in einem anderen Kontext – nämlich um kapitalistische und kommunistische Wirtschaftssysteme einander gegenüberzustellen (Musgrave, 1969 S. 19). Die Logik, dass es sich bei der Abszisse um ein technisches Charakteristikum von Gütern und bei der Ordinatenachse um eine ideologische Frage handelt, ist auch für den vorliegenden Kontext sinnvoll. Im Kontrast zu Musgraves Überlegungen erscheint es hier allerdings nicht hilfreich, im meritorischen Bereich zwischen privaten und öffentlichen Gütern zu unterscheiden: Insofern der Gesetzgeber aus welchen Gründen auch immer die freien Entscheidungen der Konsumenten – expliziter: die individuelle und von außen beobachtbare Wahl zwischen fairem und unfairem Konsum – ohnehin nicht respektiert, verliert die Frage an Relevanz, ob faire Konsumentscheidungen eines Individuums einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden anderer Individuen haben oder nicht. Musgrave geht in seinen Ausführungen generell wenig auf die meritorischen öffentlichen Güter ein. Sein Fokus im Bereich der Meritorik liegt stets auf den privaten Gütern (Pulsipher, 1971 S. 279). McLure (1968 S. 476) verweist allerdings auf Musgraves eigene Aussage im Rahmen privater Gespräche, dass die gesamte untere Zeile als pure meritorische Güter interpretiert werden müsse – unabhängig davon, ob es sich technisch um private oder öffentliche Güter handelt. 4.3 Allokatives Marktversagen als Rechtfertigung für einen Eingriff Aus wohlfahrtsökonomischer Perspektive liegt allokatives Marktversagen immer dann vor, wenn ein systematisches Versagen des Marktes in seiner Rolle als dezentrales Allokationsinstrument zur Erreichung einer optimalen Ressourcennutzung nachzuweisen ist (Roth, 2011 S. 148-149). Die Folge eines Marktversagens ist in der Regel ein nicht-effizientes Allokationsergebnis trotz individuell rationalem Verhalten. Wird in einem Markt allokatives Versagen der Marktmechanismen diagnostiziert, resultiert dies typischerweise in einer Situation, in der Tauschgeschäfte, die sich für mindestens eine Seite positiv und für keine Seite negativ auswirken würden, unterlassen werden. Eine solche Situation impliziert Wohlfahrtsverluste in Relation zum effizienten Ergebnis (ebd.). In diesem Kapitel soll die Frage beantwortet werden, welche allokativen Marktversagensargumente im vorliegenden Kontext einen Eingriff seitens des Gesetzgebers rechtfertigen können. Zum einen sind physische „Armutsexternalitäten“ (Roth, 2011 S. 203) aufgrund der 27 Ausgestaltung globaler Wertschöpfungsketten denkbar.13 Diese liegen beispielsweise in den gesellschaftlichen Kosten der Versorgung einer großen Zahl von Geflüchteten begründet, deren Fluchtursache im engen Zusammenhang zur Förderung von Konfliktmineralien durch unfaire Produktion steht (Janecek, 2016). So müssen auch fair konsumierende Akteure trotz des eigenen Unverschuldens die langfristigen Kosten von unfairen Konsumentscheidungen anderer Gesellschaftsmitglieder mittragen. Allerdings sind derartige Zusammenhänge weder zweifelsfrei belegt, noch wären marginale Schuld- und Verantwortungsbereiche sowie individuelle Grenznutzen und -kosten der Schadensvermeidung eindeutig messbar, was eine Voraussetzung für die erfolgreiche Internalisierung der Externalitäten darstellt (Roth, 2011 S. 177). Daher ist diese Form allokativen Marktversagens nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Stattdessen werden zwei im Rahmen der Wohlfahrtsökonomik häufig diskutierte Marktversagenstheorien vorgestellt, denen unterschiedliche Moralkonzepte zugrunde liegen. Diese Theorien haben eine wesentliche Gemeinsamkeit im konstellationsbedingten Widerspruch zwischen individuell rationalem Verhalten und kollektiver Rationalität bzw. Pareto-Effizienz (ebd., S. 149). Aufbauend auf einer theoretischen Einführung wird der vorliegende Sachverhalt auf die Tatbestände, die dem jeweiligen Marktversagen in der Theorie zugrunde liegen, geprüft und es wird gezeigt, dass beide Argumentationen durchaus realistische Szenarien darstellen. Mit den Worten Homanns ausgedrückt verzichten diese Rechtfertigungsgrundlagen „einerseits auf Amalgamierungsvorstellung [die einzelnen Individuen in der Gesellschaft entsprechend] und andererseits auf Begründungsinstanzen, die den betroffenen Individuen gegenüber „extern“ sind“ (Homann, 1989 S. 42). 4.3.1 Asymmetrische Informationsverteilung als Ursache für allokatives Marktversagen: Fairness sieht man Produkten nicht an Asymmetrische Informationsverteilung: Theorie Ein häufig diskutiertes allokatives Marktversagen liegt in einer systematisch asymmetrischen Informationsverteilung zwischen Konsumenten und Produzenten begründet. Dieses Phänomen geht auf 13 Roth verwendet den Begriff der Armutsexternalitäten, um die Beeinflussung des Nutzenniveaus durch die schlechte Wohlstandssituation anderer innerhalb einer Gesellschaft oder Nachbarschaft zu kennzeichnen. Er betont dabei, dass dieses Argument sowohl physisch im Sinne zusätzlicher, monetär messbarer Kosten, als auch psychisch im Sinne einer altruistischen Empathie gegenüber Not leidenden Mitbürgern funktioniert. Diese Unterscheidung findet sich in ähnlicher Form in der vorliegenden Arbeit auf einer globalen Ebene wieder. 28 George A. Akerlof zurück, der es 1970 in seiner einflussreichen Arbeit „The Market for Lemons: Quality Uncertainty and the Market Mechanism“ erstmals formalisierte. Er verwendete das Beispiel eines Gebrauchtwagenmarktes, in dem als Folge des Marktversagens nur noch Autos in schlechtem Zustand („lemons“) gehandelt werden, obwohl sowohl Anbieter als auch Nachfrager hinreichend großes Interesse am Handel mit Gebrauchtwagen in gutem Zustand haben. Das Grundproblem liegt an speziellen Gegebenheiten im Markt, die dazu führen, dass individuell rationales Verhalten der Marktteilnehmer zu einer kollektiv nicht rationalen Ressourcenallokation bzw. zu einem nicht effizienten Ergebnis führt. Ausgangspunkt für die folgende Argumentation ist die Überzeugung, dass unter idealen Verhältnissen automatische Mechanismen des freien Marktes zu einem effizienten Gleichgewichtszustand führen.14 Dieses fundamentale Theorem der Wohlfahrtsökonomik beinhaltet unter anderem die Voraussetzung, dass alle Marktakteure jederzeit vollständig und kostenlos über alle für die eigenen Entscheidungen relevanten Informationen verfügen (Fritsch, et al., 2007 S. 282). Allerdings handelt es sich bei der Idee eines vollkommenen Marktes um ein Referenzmodell, das bei der Untersuchung von Marktprozessen lediglich der Orientierung dienen kann. In realen Märkten ist eine Situation mit Gütern mit komplexen Eigenschaften, in der alle Marktakteure vollständig und rechtzeitig über alle relevanten Eigenschaften aller Güter informiert sind, nie der Fall (Weimann, 2004 S. 145). Von einem Marktversagen im Sinne Akerlofs sprechen wir allerdings erst dann, wenn es sich um eine systematische Informationsasymmetrie zwischen zwei Seiten des Marktes handelt, mit anderen Worten: wenn eine Marktseite strukturell besser informiert ist in Bezug auf für eine potentielle Tauschbeziehung relevante Faktoren als der Akteur auf der Gegenseite (Roth, 2011 S. 188). Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich auf Unkenntnis im Sinne von unzureichender Informiertheit – das eher auf zukünftige Entwicklungen ausgerichtete Konzept der Unsicherheit ist im Hinblick auf die vorliegende Thematik nicht relevant. Insofern auf den folgenden drei Seiten nicht anders gekennzeichnet, orientieren sich die theoretischen Erklärungen zum Marktversagen durch eine asymmetrische Informationsverteilung an den Ausführungen Fritschs et al. (2007, S. 282- 290 & 300-304). In der Literatur werden bis zu sechs verschiedene Formen von Informationsmängeln definiert: Qualitätsunkenntnis, verborgene Handlungen, opportunistisches Hold-Up, Prinzipal-Agenten-Probleme, Nutzenunkenntnis und Preisunkenntnis. Von besonderer Relevanz 14 Ideale Bedingungen implizieren im Rahmen der Wohlfahrtsökonomik funktionierende Märkte unter vollständiger Konkurrenz (Fritsch, et al., 2007 S. 27-29). 29 für die vorliegende Arbeit ist die erste genannte Form, die Informationsmängel hinsichtlich einzelner Eigenschaften eines Gutes betrachtet. Im Hinblick auf die Transaktionsgegenstände kann zwischen vier Gütertypen mit ansteigenden Transaktionskosten der Informationsbeschaffung und folglich ansteigender Wahrscheinlichkeit der Qualitätsunkenntnis einer Marktseite unterschieden werden: Neoklassisch-homogene Güter, bei denen im Normalfall beide Marktseiten über die ausschlaggebenden Eigenschaften vollständig informiert sind (z.B. Erdöl), Such- und Inspektionsgüter, bei denen die Informationen typischerweise zu relativ geringen Kosten verfügbar sind (z.B. Fernseher), Erfahrungsgüter, deren maßgebliche Eigenschaften zumeist aufgrund äußerst hoher Kosten der Informationsbeschaffung erst nach dem Kauf ermittelbar bzw. verifizierbar sind (z.B. Fertiggerichte) und Vertrauens- oder Glaubensgüter, bei denen sich die Qualität häufig nie zuverlässig ermitteln lässt (z.B. ärztliche Beratung).15 Auf realen Märkten ist eine Kombination von Eigenschaften der verschiedenen Gütertypen üblich. Im Falle von Unkenntnis bezüglich qualitativer Merkmale eines potentiellen Transaktionsgegenstands haben Akteure auf der privilegierten Marktseite vor Vertragsschluss entweder keinen hinreichend großen Anreiz, wahrheitsgemäße Informationen mit der anderen Marktseite zu teilen oder sind nicht in der Lage dazu, sie glaubwürdig zu kommunizieren. Die systematische Benachteiligung durch Qualitätsunkenntnis auf einer Marktseite kann theoretisch zu Lasten der Nachfrager oder zu Lasten der Anbieter stattfinden. Hier wird allerdings nur der (typischere) Fall betrachtet, in dem die Konsumentenseite die weniger gut informierte Marktseite darstellt.16 Als Folge dieser verborgenen Informationen besteht theoretisch die Gefahr der „adversen Auslese“ oder auch „adversen Selektion“ (Roth, 2011 S. 189): Ein Prozess, bei dem die benachteiligte Marktseite stets pauschalisierend Durchschnittserwartungen im Hinblick auf die verborgene Eigenschaft bildet und die Zahlungsbereitschaft anpasst, die allerdings unter dem Reservationspreis einiger Anbieter guter Qualitäten liegt. Scheiden diese Anbieter als Folge aus dem Markt aus und wiederholt sich dieser Prozess, findet so ein „race to the bottom“ (Apolte, 2000 S. 103) statt: Es wird nur noch schlechte Qualität im 15 Da es sich insbesondere im Bereich zwischen Such- und Vertrauensgütern eher um ein Kontinuum als um klar abgrenzbare Einzelkategorien handelt, fällt eine eindeutige Zuordnung einzelner Güter in die Kategorien häufig schwer. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der durch Internetforen geschaffenen neuen Möglichkeiten des Erfahrungsaustauschs und der Informationsbeschaffung. 16 Geht es um Konsumgüter, ist es im Normalfall naheliegend, dass den Anbietern, da sie entweder selbst die Güter produzieren oder im Kontakt zu den Produzenten stehen, Informationen über die Qualität relativ einfacher und folglich kostengünstiger zugänglich sind als den Nachfragern. 30 Hinblick auf die entsprechende Eigenschaft gehandelt und der Markt für gute Qualität bricht zusammen – mit anderen Worten: Es werden nur noch Zitronen gehandelt, während Anbieter süßer Pflaumen vom Markt gedrängt werden.17 Diese Gefahr besteht auch dann, wenn bei vollkommener Informiertheit beider Marktseiten eigentlich Interesse an Transaktionen im Bereich guter Qualität (zu einem entsprechend höheren Preis) vorhanden wäre. Dadurch finden gegenseitig vorteilhafte Tauschakte nicht statt und potentielle Wohlfahrtsgewinne werden nicht vollständig ausgeschöpft. Die Diagnose einer asymmetrischen Informationsverteilung bedeutet nicht unmittelbar, dass ein wohlfahrtsoptimales Allokationsergebnis durch dezentrale Mechanismen prinzipiell nicht erreicht werden kann. Dementsprechend ist auch eine vorschnelle Schlussfolgerung, dass es zur Korrektur eines staatlichen Eingriffs bedarf, an dieser Stelle nicht angebracht. In der oben beschriebenen Konstellation lässt sich zunächst beobachten, dass sowohl die von der Verdrängung bedrohten Anbieter guter „Pflaumen“ als auch diejenigen Nachfrager, die eigentlich bereit wären, die qualitativ hochwertigeren Produkte zu einem entsprechend höheren Preis zu kaufen, große Anreize haben, die Informationsasymmetrien zu beseitigen. Die Literatur differenziert im Rahmen dezentraler, „privat“ organisierter Möglichkeiten der Korrektur zwischen zwei Maßnahmen, die sich weder im Hinblick auf die Zielsetzung noch gezwungenermaßen in der Aktivität selbst unterscheiden müssen, sondern nur hingehend der die Initiative ergreifenden Marktseite (Roth, 2011 S. 197).18 Versucht der Konsument, die eigenen Informationsdefizite gegen- über dem Produzenten zu überwinden, indem er sich Informationen über die relevanten Produkteigenschaften mithilfe selbst organisierter Qualitätskontrollen und -beurteilungen bei der anderen Marktseite einholt, wird dies „Screening“ genannt. Falls der Nachfrager selbst nicht in der Lage ist, diese Informationen zu annehmbaren Kosten einzuholen, kann diese Aufgabe an spezialisierte Dritte delegiert 17 Akerlof (1970) verwendete in seinem Artikel die im Amerikanischen typische Bezeichnung „lemons“ (Zitronen) für Gebrauchtwagen in einem schlechten technischen Zustand. Um die Metaphorik fortzuführen, hat sich in der (Mikro-)Ökonomik die Formulierung „plums“ (Pflaumen) für Autos ohne technische Probleme etabliert (bspw. Cowen, et al., 2012 S. 451 oder Varian, 2009 S. 804). 18 „Privat“ ist hier nur in Abgrenzung zu einem staatlichen, zentralisierten Eingriff zu verstehen. Dazu gehören auch von der Produzentenseite oder von Seiten der Zivilgesellschaft – beispielsweise über Nichtregierungsorganisationen – vergebene Zertifikate oder Siegel, deren Vergaberichtlinien, Auflagen etc. natürlich öffentlich einsehbar sind bzw. sein sollten. 31 werden, die in der Rolle unparteiischer Schiedsrichter agieren.19 Dies kann allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen funktionieren, die gleichermaßen die Grenzen dieser Strategie aufzeigen. So sollte die dritte Partei nicht nur völlig unabhängig sein – darf also kein irgendwie begründetes Eigeninteresse haben, das ihre Vertrauenswürdigkeit einschränken könnte – sondern die verborgenen Informationen auch kostengünstiger einholen können als der Nachfrager selbst. Zudem sind positive externe Effekte auf andere Marktakteure wahrscheinlich, insofern andere Konsumenten kostenlosen Zugang zu den bereitgestellten Informationen haben. Diese Konstellation fördert Trittbrettfahrerverhalten, was wiederum die Anreize für die aktive Beauftragung der dritten Partei gefährdet. Unternehmungen der Anbieterseite werden in der Literatur „Signalling“ genannt. Die Anbieter nehmen dabei Kosten auf sich, um der anderen Marktseite bestimmte Eigenschaften der Produkte zu signalisieren, die andernfalls im Verborgenen bleiben. Insbesondere Anbieter guter Qualitäten haben ein ausgeprägtes Interesse daran, Konsumenten die Unterscheidung zwischen „Zitronen“ und „Pflaumen“ zu vereinfachen. Hier stellt sich allerdings die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Signale, so dass wiederum die Beauftragung unabhängiger Dritter in Erwägung gezogen werden kann. Roth verweist in diesem Zusammenhang auf die Möglichkeit, die generelle Glaubwürdigkeit privater Institutionen über Marktmechanismen zu steigern: Hat ein Produzent die Auswahl zwischen mehreren privaten Institutionen bei der Beauftragung des Signalling, und haben andererseits die Konsumenten die Auswahl, welche Informationsquelle sie für glaubwürdig halten, steht für Auftragnehmer stets die eigene Reputation auf dem Spiel (Roth, 2011 S. 196). Wichtig ist an dieser Stelle der Hinweis, dass beide Strategien – Screening und Signalling – vernünftigerweise nur im Rahmen der erwarteten Vorteilhaftigkeit stattfinden können. Sowohl die Produzentenals auch die Konsumentenseite haben nur in dem Maße Anreize, durch eigene Initiativen die Informationsasymmetrien zu überwinden, in dem der erwartete zusätzliche Nutzen die zusätzlich entstehenden Kosten übersteigt. Im Fall, dass die privaten Akteure mit diesen Strategien nicht in der Lage sind, dem Problem der asymmetrischen Informationsverteilung effektiv zu begegnen, kann von einem Marktversagen gesprochen werden. Weimann beschreibt dieses im Rahmen der Kontrakttheorie „in einer engen Beziehung“ zum Prinzipal-Agent-Problem 19 Die Formulierung „annehmbare Kosten“ wird hier verwendet, um auf die im Rahmen des ökonomischen Kalküls üblichen Informationsbeschaffungskosten hinzuweisen. Annehmbar sind diese in der Regel dann, wenn sie geringer sind als der erwartete Mehrnutzen, der aus der durch die zusätzlichen Informationen ermöglichten besseren Entscheidung entsteht. 32 (Weimann, 2004 S. 149). Der Prinzipal, in dem Fall der Konsument, verfolgt das Ziel, den Agenten, hier den Produzenten, im Rahmen eines Vertrags zu einem bestimmten Verhalten zu verpflichten, das er allerdings aufgrund der Vertrauenseigenschaft nicht in der Lage ist, zu beobachten (ebd.). Unfaire Produkte und das Zitronenproblem Im Folgenden wird geprüft, inwiefern die oben dargestellte theoretische Konstellation auf fairen Konsum anzuwenden ist. Zunächst müssen hierfür die für eine Tauschbeziehung „relevanten Tatbestände“ (Roth, 2011 S. 188) definiert werden, um im nächsten Schritt zu zeigen, dass eine systematisch ungleiche Informationsverteilung im Hinblick auf diese Tatbestände zwischen den zwei Marktseiten durchaus vorliegen kann.20 Bei dem Kauf eines Mobiltelefons können zahlreiche Faktoren eine wichtige Rolle spielen, die in Kombination und unter Einbeziehung des Kaufpreises den Konsumenten zum Kauf eines bestimmten Produktes bewegen. Neben technischen Eigenschaften können das Design, die Verarbeitung, die persönlichen Erfahrungen mit der Marke oder vertraglich geregelte Tarifbedingungen abhängig von den Prioritäten des Individuums eine mehr oder weniger ausschlaggebende Rolle spielen. Fassen wir diese und ähnliche Eigenschaften als „materielle“ Eigenschaften zusammen, so ist die Qualität des Gutes allerdings noch nicht hinreichend beschrieben. Aufbauend auf der Argumentation im Kapitel 4.2 existieren auch ethische, „immaterielle“ Tatbestände, aufgrund derer sich zwei im Hinblick auf materielle Eigenschaften identische Mobiltelefone unterscheiden können. Ist einem Konsumenten die Gewissheit wichtig, dass bei der Produktion des konkreten Gutes menschenrechtliche Standards eingehalten wurden, so kann von einem individuellen moralischen Mehrnutzen durch eine faire Produktion ausgegangen werden, der wiederum zu einer erhöhten Zahlungsbereitschaft für das faire Produkt führt. Moral ist hier als privates Gut zu verstehen. Der Konsument kann auf transparenten Märkten selbst über seine individuelle Nachfragemenge entscheiden. Die Gesamtqualität des Produktes und die individuelle Zahlungsbereitschaft ergeben sich folglich aus einem Bündel von immateriellen und materiellen Eigenschaften. 20 Die zwei Marktseiten sind im Folgenden die Endverbraucher auf der Nachfrageseite und die Endanbieter auf der Angebotsseite. Im Prinzip kann das Phänomen der asymmetrischen Informationsverteilung auch auf jeder anderen Stufe der Wertschöpfungskette stattfinden, auf der ein Akteur als Zwischenhändler agiert und einem vorgeschalteten Akteur ein Zwischenprodukt abnimmt. 33 Da Produzenten sich für gewöhnlich mit Ihrem Preis-Qualität-Verhältnis von anderen Wettbewerbern abgrenzen wollen und eine eindeutig erkennbare Produktdifferenzierung auch in ihrem Sinne ist, sind die materiellen Eigenschaften für Konsumenten üblicherweise zu annehmbaren Kosten einholbar. Hinsichtlich der immateriellen Eigenschaften ist dies nicht immer der Fall. Es ist denkbar, dass die Anbieterseite einen systematischen Informationsvorteil gegenüber den Konsumenten hat, die sich wiederum bestimmte Informationen bezüglich der immateriellen Tatbestände nicht oder nur zu nicht annehmbaren Kosten einholen können. Interpretieren wir die Eigenschaft „fair produziert“ als Vertrauenseigenschaft, können Konsumenten die Qualität zunächst nicht feststellen. Dieser Vertrauenscharakter kann im Marktprozess zu Ineffizienzen führen. In Anlehnung an Akerlofs Gebrauchtwagen-Markt soll folgendes stark vereinfachtes Beispiel eine mögliche Konstellation darstellen: In einem Markt für Mobiltelefone mit zwei Produzenten, die jeweils ein Modell herstellen, haben Konsumenten die Wahl zwischen zwei Qualitäten, die sich nur dahingehend unterscheiden, unter welchen Umständen die Produktion stattgefunden hat. Hinsichtlich der materiellen Eigenschaften sind die zwei Produkte identisch. Während Firma A bei der Produktion des Handys enorme Kosten spart, indem sie nicht auf die Einhaltung von grundlegenden Menschenrechten bei ihren Zulieferern achtet, sorgt sich Firma B um die Herkunft der verwendeten Rohstoffe und um die Produktionsverhältnisse entlang der Zuliefererkette. Folglich kann das Produkt der Firma A für einen günstigeren Kaufpreis angeboten werden als das technisch identische Produkt der Firma B: Der Reservationspreis der Firma A liegt bei 300 Euro, der Reservationspreis der Firma B bei 500 Euro. Wichtig sind an dieser Stelle die vereinfachenden Annahmen der Gleichbeschaffenheit materieller Eigenschaften, des binären Charakters der Eigenschaft Fairness und der daraus folgenden Eindimensionalität der Qualität der zwei angebotenen Mobiltelefone. Anbieter A wäre bei einem Preis indifferent zwischen dem Verkauf eines Handys und Behalten des Produktes. Für jeden Preis würde er das Produkt verkaufen und von der Produzentenrente profitieren, während bei einem Preis kein Tauschgeschäft zustande kommen würde. Für Firma B gilt Gleiches bei einem Preis . Die Konsumentenseite lässt sich folgenderma- ßen beschreiben: Unter den vielen Konsumenten befinden sich zwei Typen mit unterschiedlichen Präferenzen: Für Konsumenten des Typs I spielen moralische Bedenken im Hinblick auf die Produktionsverhältnisse und die Abbaubedingungen der Rohstoffe 34 keine Rolle. Sie sehen diese Themen nicht in ihrem Verantwortungsbereich und treffen ihre Entscheidung ausschließlich nach materiellen Gesichtspunkten. Konsumenten des Typs II haben ein stark ausgeprägtes moralisches Bewusstsein. Für sie ist die Tatsache, unter welchen Umständen das Handy produziert wurde, ein wichtiges Qualitätsmerkmal, was sich in einer positiven Zahlungsbereitschaft für faire Produktionsverhältnisse äußert. Während Nachfrager des Typs I bei einem Preis von maximal 350 Euro ein Handy erwerben würden, sind Nachfrager des Typs II bereit, für ein fair produziertes Handy bis zu 600 Euro zu zahlen. Im Falle, dass kein fair produziertes Handy zu diesem Preis angeboten wird, agieren die Nachfrager des Typs II identisch zu den Nachfragern des Typs I und haben eine maximale Zahlungsbereitschaft von 350 Euro für ein Mobiltelefon. Bei perfekt funktionierenden Märkten könnten also beide Produkte nebeneinander existieren. Das Handy der Firma A kann zu einem Marktpreis von , das Handy der Firma B zu einem Marktpreis von gehandelt werden.21 Insbesondere im Hinblick auf die Produktionsverhältnisse ist es naheliegend, dass die Produzenten systematisch besser informiert sind als die Konsumenten, die letztendlich zunächst einmal nur das fertige Produkt im Geschäft sehen. Unter der Annahme, dass diese Informationen für Konsumenten nicht oder nicht zu annehmbaren Kosten einholbar sind, gilt folgendes: Da die Konsumenten des Typs II nicht in der Lage sind, im Hinblick auf die Produktionsverhältnisse zwischen dem Produkt der Firma A und dem der Firma B zu unterscheiden, bilden sie Erwartungen über die Durchschnittsqualität. Wenn beide Qualitäten aus Sicht der Konsumenten gleichermaßen wahrscheinlich sind, liegt nun die allgemeine Zahlungsbereitschaft für ein Handy bei 475 Euro. Die Produzenten verfügen allerdings über die relevanten Informationen bezüglich der Produktionsverhältnisse, was dazu führt, dass Firma B nicht bereit ist, ihr Produkt zu verkaufen, während Firma A sehr zufrieden ist, da ihr Reservationspreis weit unter der Zahlungsbereitschaft der Konsumenten liegt. Firma B scheidet aus dem Markt aus. Als Resultat bricht folglich der Markt für faire Produkte zusammen und es werden nur noch die unfair produzierten Handys der Firma A verkauft. Da die Konsumenten diese Entwicklung antizipieren können bzw. und wissen, dass nur noch unfair produzierte Waren angeboten werden, wird sich der Marktpreis für diese Handys zwischen 21 Abhängig davon, wo sich der Marktpreis letztendlich im Rahmen dieser Spanne befindet, wird der soziale Überschuss zwischen den Konsumenten und den Produzenten aufgeteilt. 35 300 bis 350 Euro einpendeln. Der soziale Überschuss, den sich Konsumenten und Produzenten im Regelfall teilen, wäre allerdings bei den fairen Produkten größer gewesen. Wohlfahrtsfördernde und effizienzsteigernde Transaktionen unterbleiben. Beide Marktseiten, sowohl Konsumenten des Typs II als auch Firma B, haben ein Interesse daran, die Informationsasymmetrien zu beseitigen. Konsumenten können über zivilgesellschaftlich organisierte Nichtregierungsorganisationen und Medien die Verhältnisse, unter denen die Firmen die Handys produzieren und unter denen die Rohstoffe abgebaut werden, überprüfen. Dies ist allerdings nur in dem Rahmen möglich, in dem die Transaktionskosten für diese Informationsbeschaffung unterhalb des erwarteten Mehrnutzens liegen. Problematisch wird es für die Konsumenten dann, wenn die Höhe (oder die eigentliche Existenz) der Qualitätsdifferenzen zwischen den Anbietern und somit der potentielle individuelle Mehrnutzen ex ante nicht abschätzbar sind. Außerdem können andere Konsumenten, insofern die neu gewonnenen Informationen öffentlich zugänglich sind, ebenfalls von ihnen profitieren. Dies wirft die Frage auf, wer letztendlich bereit dazu ist, freiwillig für die Kosten des Screenings aufzukommen. Für Anbieter fair produzierter Waren gilt, dass sie über Marketing und Image- und Brandmanagement ihre Fairness signalisieren können, um von einer Qualitätsprämie zu profitieren. Allerdings müssen diese Signale dem Konsumenten glaubwürdig vermittelt werden können, um tatsächlich die gewünschten Abgrenzungs- und Marktsegmentierungseffekte zu erzielen, was sich in der Realität als schwierig herausstellen kann.22 Im Zusammenhang mit Vertrauenseigenschaften sind private Strategien der Marktakteure häufig nicht in der Lage, Informationsasymmetrien zu beseitigen (Caswell, et al., 1996). Gleiches gilt letztendlich für die Vertrauenswürdigkeit einer Verifizierung durch unabhängige Dritte, insofern diese wiederum als private Akteure mit eigenen Gewinnerzielungsinteressen agieren. Bonroy und Constantatos stellen in einem Literaturüberblick über die „Ökonomie der Labels“ heraus, dass auch Qualitätssiegel nicht grundsätzlich dazu geeignet sind, Korrekturen in ineffizienten Märkten vorzunehmen und nennen Vertrauenswürdigkeit und Effizienz als die zwei großen Herausforderungen von Gütesiegeln (Bonroy, et al., 2014 S. 240). Schließlich gilt die ökonomische Vertrauenseigenschaft in einer Situation, in der maßgebliche Qualitätsmerkmale vom Nachfrager nicht beobachtet 22 Geht es um die glaubwürdige Informationsbereitstellung hinsichtlich der Vertrauenseigenschaften von Gütern, ist ein prinzipielles Misstrauen von Seiten der Konsumenten durchaus nicht unbegründet. Motivation und Determinanten von unehrlichem Verhalten der Anbieter analysierten Darby und Karni bereits 1973 ausführlich (Darby, et al., 1973). 36 werden können, logischerweise auch für die Glaubwürdigkeit privater Siegel und Labels. Der Informationsgewinn fällt häufig gering aus. Wenn Anbieter auf verschiedenen Produktmärkten aktiv sind, können Spillover-Effekte beim Signalling eine große Rolle spielen: Die Reputation, die ein Anbieter auf einem Produktmarkt genießt, kann den wahrgenommenen Informationsstand der Nachfrager auf einem anderen Markt beeinflussen (Rao, et al., 1999). Insofern sich die Konsumenten darüber bewusst sind, dass dies von den Anbietern strategisch genutzt werden kann, verlieren Zertifikate, die nicht eindeutig einzelnen Produkten zugeordnet werden können, ihre Signalwirkung zur Unterscheidung zwischen verschiedenen Qualitäten. Bei Mobiltelefonen handelt es sich im Hinblick auf die Produktionsverhältnisse um Vertrauensgüter, deren Qualität für den Konsumenten stets mit einer hohen Unsicherheit behaftet ist. Private Strategien tragen aufgrund hoher Informationsbeschaffungskosten, öffentlichem Zugang zu einmal gewonnenen Informationen und mangelnder Vertrauenswürdigkeit privater Signale und Zertifikate häufig nicht zu einer Korrektur dieser Unsicherheit bei. Konsumenten würden gern fair konsumieren und damit beispielsweise ihren individuell empfundenen, moralischen Verpflichtungen nachkommen, sind aber nicht in der Lage dazu – in den Worten Homanns: „Moralisches Sollen aber setzt Können voraus“ (Homann, et al., 1992 S. 118). 4.3.2 Ein Soziales Dilemma als Ursache für allokatives Marktversagen: Fairness als Gemeinschaftsprojekt Soziales Dilemma: Theorie Zur Abgrenzung von privaten Gütern nutzen Ökonomen im Falle öffentlicher Güter im Allgemeinen die Kriterien der Nicht-Ausschließbarkeit und der Nicht-Rivalität (Roth, 2011 S. 153-155). Ersteres bezieht sich auf die Unmöglichkeit, Individuen davon abzuhalten, vom Nutzen eines Gutes zu profitieren ohne selbst anteilig die Kosten für die Produktion zu tragen. Nicht-Rivalität verweist auf die besondere Eigenschaft öffentlicher Güter, im Hinblick auf die Nutzenstiftung für einzelne Individuen nicht davon beeinflusst zu sein, wie viele Individuen letztlich profitieren (ebd.). Olson stellte 1965 in „The logic of collective action“ detailliert dar, warum öffentliche Güter in aller Regel nicht über Marktmechanismen hergestellt werden (Olson, 1965). Individuell rationales Trittbrettfahrerverhalten führt theoretisch zu kollektiver Irrationalität und folglich zu einem nicht-effizienten Ergebnis: Da es für den Einzelnen nicht rational ist, die Kosten für die Produktion auf sich zu nehmen, wird letztendlich im Extremfall das Gut nicht bereitgestellt (Roth, 2011 S. 158-159). 37 Als Gefangenendilemma bezeichnet man in der Spieltheorie eine Situation, in der bereits bei einer vereinfachten Konstellation mit nur zwei Spielern eine ähnliche Dilemmasituation aufgrund mangelnder Koordinationsmöglichkeiten entstehen kann (Roth, 2011 S. 150-153). Nicht-Kooperation ist in dieser Situation die individuell rationale Strategie, die, unabhängig von der Entscheidung des anderen Spielers, stets die alternative Strategie Kooperation dominiert (ebd.). Da dies allerdings für beide Spieler gilt, wird in der Konsequenz theoretisch keiner kooperieren, was im Resultat beide Spieler schlechter stellt, als wenn sie sich auf eine gemeinsame, glaubwürdige Strategie der Kooperation hätten einigen können (ebd.). Eine komplexere Situation mit n Spielern, die der gleichen Logik folgt und somit lediglich eine Modifikation des Gefangenendilemmas darstellt, wird in der Spieltheorie als „n-Personen-Gefangenen-Dilemma“ (NGD) oder „Soziales Dilemma“ bezeichnet (Mußhoff, et al., 2016 S. 421). Eine solche Situation ist insbesondere im Hinblick auf öffentliche Güter interessant, zu deren Bereitstellung es eine hinreichend große Menge an kooperativen Spielern bedarf. Einmal bereitgestellt, können allerdings alle Gesellschaftsmitglieder von dem Nutzen profitieren. Kooperation bedeutet im Zusammenhang mit der Bereitstellung öffentlicher Güter, dass das Individuum bereit ist, für einen Anteil an den Kosten aufzukommen, die durch die Bereitstellung entstehen. Nicht-Kooperation bedeutet indes, dass sich das Individuum nicht an den Kosten beteiligt. Dabei zielt es entweder darauf ab, dennoch von einer Bereitstellung zu profitieren oder es akzeptiert eine Nicht-Bereitstellung. Um die verschiedenen Implikationen hinter diesem Phänomen des Trittbrettfahrens zu verstehen, wird im Folgenden zwischen drei Gütertypen unterschieden, die zwar alle die oben beschriebenen typischen Eigenschaften öffentlicher Güter aufweisen, sich allerdings dahingehend unterscheiden, wie viele kooperierende Individuen notwendig sind, um eine Bereitstellung zu gewährleisten.23 Das eine Extrem der „Threshold Public Goods“ (TPG)24 wird in der Spieltheorie mit dem sogenannten „Stag-Hunt-Game“ (Hirschjagd) dargestellt, bei dem alle Spieler ihren Kostenanteil beitragen müssen, um eine Bereitstellung sicherzustellen. Das andere Extrem, bei dem bereits ein Individuum hinreichend ist, um die Kosten für die Bereitstellung zu 23 Diese Unterscheidung in drei Gütertypen folgt der Arbeit von Bolle (2014), der eine Übersicht über die relevante Literatur gibt und eine fallbezogene Anwendung auf das Kyoto-Protokoll vornimmt. 24 Gemeint sind Öffentliche Güter, deren Bereitstellung ab einem bestimmten „Schwellenwert“ hinsichtlich der Anzahl kooperierender Individuen sichergestellt ist. Da eine elegante deutsche Übersetzung des Begriffs schwer zu finden ist, wird hier die englische Variante verwendet. 38 decken, wird als „Volunteer’s Dilemma“ (Freiwilligendilemma) bezeichnet. Bei allen anderen TPGs bedarf es einer hinreichend großen Anzahl S an kooperativen Spielern, die zwischen 1 und n liegt. Es bietet sich an, die unterschiedlichen Implikationen dieser Gütertypen für individuell rationales Verhalten anhand eines Beispiels zu verdeutlichen. Nehmen wir im Folgenden an, dass Gesellschaftsmitglieder einen individuellen Nutzen von aus der Bereitstellung des TPGs ziehen und ihnen individuelle Kosten von entstehen, wenn sie freiwillig ihren Beitrag zu den Gesamtkosten leisten. Sowohl die individuellen Kosten bei Nicht-Kooperation , als auch der Nutzen aus einer Nicht-Bereitstellung des öffentlichen Gutes betragen 0. Des Weiteren wird angenommen, dass die Anzahl s derjenigen anderen Spieler, die sich freiwillig an den Kosten zur Bereitstellung des öffentlichen Gutes beteiligen, ein gegebener Zustand ist, der nicht durch das Individuum i beeinflussbar ist. Abbildungen 2-4 stellen die Entscheidungssituation dar, die sich für das einzelne Individuum i in Abhängigkeit von der Art des TPGs ergibt. In den ersten beiden Fällen hängt die individuelle Entscheidung von den Erwartungen bezüglich der Entscheidungen der anderen Gesellschaftsmitglieder in Kombination mit der eigenen Risikoaversion ab. Bei einem TPG mit einem Schwellenwert ist dies nicht der Fall: Ignoriert man zunächst den Fall, in dem die Entscheidung des Individuums gerade den Tipping-Point25 darstellt, dominiert die Strategie „Nicht zahlen“ die Strategie „Zahlen“, da sowohl im Falle, dass hinreichend viele zahlen, als auch dann, wenn unzureichend viele Individuen ihren Beitrag zahlen, die Auszahlung bei unkooperativem Verhalten höher ist. Allerdings gilt dies nur unter der Voraussetzung, dass die Entscheidung des betrachteten Individuums nicht gerade ausschlaggebend für das Erreichen des Schwellenwertes ist – mit anderen Worten: Die Differenz zwischen der Anzahl derjenigen anderen, die freiwillig gezahlt haben, und dem Schwellenwert S muss größer als 1 sein. Es ist naheliegend, dass gilt: je größer n ist, desto geringer ist aus Perspektive des Individuums die Wahrscheinlichkeit, dass seine Entscheidung gerade ausschlaggebend für das Erreichen der kritischen Masse S ist.26 Die Handlung des Individuums ist in großen Gruppen für das 25 Der Begriff „Tipping-Point“ geht ursprünglich zurück auf Grodzins (1958) und meint in der Spieltheorie einen Umschlag- bzw. Kipppunkt, ab dem eine gewisse kritische Masse erreicht worden ist. 26 Eine ähnliche Logik wird im Rahmen des Rational-Choice-Ansatzes der Wahlforschung als “Wahlparadoxon” bezeichnet, demzufolge es für das einzelne Individuum irrational ist, vor dem Hintergrund der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Wahl den Wahlausgang beeinflussen würde, die Kosten des Wahlgangs auf sich zu nehmen (Riker, et al., 1968). 39 Endresultat sehr wahrscheinlich nicht von Bedeutung (Olson, 1965 S. 61). Zum Sozialen Dilemma wird diese Situation dann, wenn alle Individuen eigennützig und individuell rational agieren, indem sie nicht kooperieren. Jedes Individuum erhält dann in allen drei beschriebenen Fällen einen Nutzen von 0. Im Ergebnis stellt sich jedes Individuum allerdings mit dieser individuell rationalen Strategie schlechter, als wenn sich alle Individuen für die kooperative Strategie entschieden und so von einem Nutzen von 5 profitiert hätten. Dieses Beispiel zeigt das Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität im Falle von Gütern, bei denen das Ausschlussprinzip nicht anwendbar ist. Die Anderen… zahlen alle ( zahlen nicht alle ( ) Das Individuum… zahlt 10 – 5 = 5 0 – 5 = – 5 zahlt nicht 0 – 0 = 0 0 – 0 = 0 Abbildung 2: Auszahlungsmatrix für Moral als Hirschjagd (Eigene Darstellung) 40 Von den Anderen zahlt… mindestens einer ( ) niemand ( ) Das Individuum… zahlt 10 – 5 = 5 10 – 5 = 5 zahlt nicht 10 – 0 = 10 0 – 0 = 0 Abbildung 3: Auszahlungsmatrix für Moral als Freiwilligendilemma (Eigene Darstellung) Von den anderen zahlen… Sowieso hinreichend viele ( ) Unzureichend viele, i ist ausschlaggebend ( ) Unzureichend viele, i ist nicht ausschlaggebend ( ) Das Individuum… zahlt 10 – 5 = 5 10 – 5 = 5 0 – 5 = - 5 zahlt nicht 10 – 0 = 10 0 – 0 = 0 0 – 0 = 0 Abbildung 4: Auszahlungsmatrix für Moral als TPG mit Schwellenwert S (Eigene Darstellung) 41 Fairer Konsum und Moral als öffentliches Gut „Es ist die systematische Interdependenz der gleichförmigen Handlungen (fast) aller, durch die Moral entsteht und Bestand haben kann. Kurzum: Die Moral ist ein öffentliches Gut.“ (Homann, 1988 S. 224- 225) Homann versteht Moral als Resultat von gleichförmigen Handlungen, auf die sich viele oder alle einzelnen Akteure in einer kollektiven Entscheidung geeinigt haben. Die Motivation für das einzelne Individuum, freiwillig die eigene Freiheit zunächst einzuschränken, liegt in den besonderen ökonomischen Eigenschaften der Moral: Der dauerhafte Nutzen kann erst durch gemeinschaftlichen Konsumverzicht „aufgebaut“ werden und bedeutet somit wiederum eine Erweiterung des Spektrums der Handlungsmöglichkeiten (Grabner-Kräuter, 1998 S. 69). Besondere Beachtung sollte im oben genannten Zitat dem eingeklammerten Wort „fast“ geschenkt werden. Homann deutet bereits an dieser Stelle auf eine Problematik hin, die sich aus der Konzeption von Moral als öffentliches Gut ergibt und bezüglich der er im Rahmen des „neuen Paradigmas einer rationalen Moralbegründung“ konkreter wird: „Von diesen Verhaltensbeschränkungen darf es grundsätzlich keine Ausnahmen geben, (…) weil (1) Ausnahmen und (2) mehr noch das öffentliche Bewusstsein, dass jemand die Ausnahmesituation ad hoc für sich in Anspruch nehmen nicht nur wird sondern auch darf, unverzüglich die Moral einem Erosionsprozess aussetzen wird.“ (Homann, 1988 S. 230). Auch hier geht es um besondere ökonomische Eigenschaften des Gutes: Das Kollektivgut Moral ist im Prinzip, sobald es einmal „produziert“ wurde, allen Nachfragern frei zugänglich und die verfügbare Menge wird dabei nicht durch den Konsum einzelner Individuen beeinflusst. Das Gut ist also nicht ausschließbar und nicht rival. In Abgrenzung zum Fall der asymmetrischen Informationsverteilung, bei denen sowohl Konsumenten mit hohem als auch Nachfrager mit niedrigem moralischem Bewusstsein eine Rolle spielen, geht es in diesem Kapitel um ein Marktversagen, das nur innerhalb der Gruppe von Konsumenten stattfindet, die grundsätzlich einen moralischen Mehrnutzen aus fairem Konsum haben. Die Problematik, die sich aus der speziellen Struktur des NGD ergeben kann, fußt auf zwei Aspekten, die es im vorliegenden Kontext zu prüfen gilt: Erstens hängt das Resultat, mit dem ein Individuum rechnen muss, nicht nur vom eigenen Handeln, sondern fundamental auch von den Entscheidungen anderer Individuen ab. Legen wir den Konsumentscheidungen einen gewissen Grad an moralischem Kalkül zugrunde, ist es denkbar, dass ein moralischer Mehrwert für den Einzelnen nicht direkt aus der eigenen Entscheidung entsteht, sondern erst durch eine beobachtbare Veränderung der Welt. Diese ist 42 wiederum nur im Kollektiv zu erreichen. Das persönliche Wohlbefinden und damit der individuelle Nutzen hängen zu einem großen Teil von den Entscheidungen anderer Individuen ab. Die Interdependenzen zwischen den Individuen sind in dem Fall eindeutig erkennbar. Der zweite Aspekt, der zu der Dilemmasituation beiträgt und auf den Forscher bei Experimenten zu öffentlichen Gütern typischerweise großes Augenmerk legen, liegt in der Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen den einzelnen entscheidenden Individuen (Weimann, 2004 S. 123). Allerdings würde die alleinige Tatsache, dass sich die Spieler austauschen können, zunächst nichts an der Kluft zwischen individueller und kollektiver Rationalität und somit an der Dilemmasituation ändern. Erst wenn sich die Individuen auf Basis von Androhungen zusätzlicher Maßnahmen glaubwürdig zu bestimmten Handlungen verpflichten können, kann die Dilemmasituation vermieden werden.27 Diese Maßnahmen liegen zwar außerhalb der eigentlichen Spielsituation, verändern aber dennoch die finalen Auszahlungen (Roth, 2011 S. 151). In weitgehend anonymen Gesellschaften kann durchaus davon ausgegangen werden, dass eine Kommunikation, auf deren Basis einzelne Individuen Konsumentscheidungen treffen, nur in äußerst begrenztem Maße stattfinden kann. Ein gesellschaftlich flächendeckendes Werte- und Normraster mit sozialen Sanktionsmechanismen ist theoretisch nicht auszuschließen. Dennoch ist es naheliegend, dass deren Glaubwürdigkeit und Effektivität in „großen und latenten“ Gesellschaften an mangelnder Transparenz der einzelnen Entscheidungen und fehlender Institutionalisierbarkeit und Umsetzbarkeit scheitern (Olson, 1965 S. 61). Die Situation, in der der Konsument die Wahl hat zwischen einem unfairen preisgünstigen und einem fairen hochpreisigen Mobiltelefon, führt dann zu einem sozialen Dilemma, wenn ihm und seinen Mitmenschen die Wahrung von Menschenrechten in den Produktionsstätten zwar wichtig ist, dies aber nur im Kollektiv zu erreichen ist. Aus der Sicht des einzelnen Konsumenten ist es dann gegebenenfalls nicht rational, die Mehrkosten eines fair produzierten Handys in Kauf zu nehmen. Dies gilt insbesondere dann, wenn er davon ausgehen kann, dass seine Konsumentscheidung für das Gesamtresultat bedeutungslos ist. Moral als öffentliches Gut zu verstehen, das bereitgestellt wird, sobald mindestens ein Individuum moralisch handelt – also im Sinne eines Freiwilligendilemmas – ist wenig naheliegend. Auch das andere Extrem, in dem Moral erst „hergestellt“ wird, sobald alle Kon- 27 Eine unglaubwürdige Selbstverpflichtung des Individuums zu kooperativem Verhalten in einer solchen Situation wird in der Spieltheorie „Cheap Talk“ genannt (Farrell, 1987). 43 sumenten moralisch handeln, ist im vorliegenden Kontext unrealistisch. Vielmehr kann die moralische Verbesserung der Welt als stufenweiser Prozess verstanden werden, bei dem die Erreichung eines jeden einzelnen Levels als ein TPG verstanden werden kann, das jeweils nur in einem Kollektiv gewisser Größe zu erreichen ist.28 Die Rationalität hinter der individuellen Entscheidung, trotz moralischem Mehrnutzen aus fairem Konsum doch das kostengünstigere Handy zu wählen, kann theoretisch auf drei Weisen interpretiert werden: 1. Geht das Individuum davon aus, dass das Gut Moral bzw. die nächste Stufe der Moral sowieso bereitgestellt wird, unabhängig von der eigenen Entscheidung, lässt sich unkooperatives Verhalten als typisches Trittbrettfahrerverhalten interpretieren. Das Individuum profitiert von dem fairen Konsum der anderen, ohne sich selbst an den Kosten zu beteiligen. 2. Andererseits ist denkbar, dass das Individuum davon ausgeht, dass das öffentliche Gut Moral sowieso nicht bereitgestellt wird (bzw. die nächste Fairness-Stufe nicht erreicht wird). Im Sinne einer Resignation ist es individuell rational, nicht die Mehrkosten eines fairen Produktes auf sich zu nehmen. Denkbar ist beispielsweise, dass der einzelne Konsument das Problem der Dilemmastruktur kennt, aus der es keine einfachen individualmoralischen Auswege gibt, da Vorleistungen stets durch die anderen Individuen „ausbeutbar“ (Homann, 2002 S. 98) sind. 3. Ein drittes Szenario, das zu unkooperativem Verhalten führt, liegt darin begründet, dass das Individuum zwar nicht weiß, ob Moral insgesamt bereitgestellt wird oder nicht, es aber mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten muss, dass die eigene Entscheidung nicht den ausschlaggebenden Unterschied verursachen wird. Es würde dementsprechend den moralischen Mehrnutzen, den es durch die kollektive Erreichung der nächsten Fairness-Stufe erwartet, mit der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit gewichten, dass gerade die eigene Entscheidung den Tipping Point darstellt – womöglich mit der Folge, dass sich fairer Konsum für das Individuum nicht mehr rechnet. Allen diesen Gedanken liegt die Annahme zugrunde, dass die Moral ab einer gewissen kritischen Masse erodiert oder erst ab einem bestimmten Schwellenwert entsteht, wobei der Beitrag des Einzelnen 28 So ist es beispielsweise naheliegend, dass ein Rohstofflieferant, durch dessen Abbaumethoden in Minen regelmäßig grundlegende Menschenrechte verletzt werden, erst dann von fairen Anbietern vom Markt gedrängt wird bzw. dazu bewegt wird, die Abbaumethoden zu ändern, wenn eine hinreichend große Anzahl von Abnehmern die fairen Konkurrenten bevorzugt. 44 zur Bereitstellung des öffentlichen Gutes äußerst gering ist. Die Folgen der eigenen Entscheidung sind für das Individuum selbst vernachlässigbar bzw. nicht spürbar, da sie nicht den eigenen moralischen Nutzen beeinflussen. Folglich ist es die dominante Strategie des Individuums, unabhängig von den Entscheidungen der anderen, unfair zu konsumieren. Marktmechanismen sind unter den beschriebenen Umständen und den besonderen Charakteristika des Gutes theoretisch nicht in der Lage, ein effizientes Ergebnis hervorzubringen. Das Gut Moral wird nicht bereitgestellt.29 4.4 Meritorik als Rechtfertigung für einen Eingriff: Der irrationale Konsument Meritorische Eingriffe: Theorie Neben der Idee von globaler Gerechtigkeit und den diskutierten marktversagenstheoretischen Argumentationsmustern existiert in der Literatur ein weiterer Erklärungsansatz für ineffiziente Marktergebnisse: Die Meritorik bzw. meritorische Staatseingriffe. An dieser Stelle sei bereits angemerkt, dass dieses Erklärungsmuster allerdings schwer vereinbar mit einem methodologisch individualistischen Selbstverständnis ist und aus wohlfahrtsökonomischer Perspektive daher sehr umstritten ist (Roth, 2011 S. 216).30 Dennoch lohnt es sich, die Meritorik im vorliegenden Kontext als denkbare Argumentation für einen staatlichen Eingriff in Betracht zu ziehen. Bei dem Konzept der Meritorik handelt es sich um einen Erklärungsversuch ineffizienter Marktergebnisse, der bereits seit seiner erstmaligen Formalisierung umfangreich diskutiert wird. Insbesondere im Hinblick auf das Konzept der Konsumentensouveränität hat es stets 29 Dieser Gedanke folgt lediglich theoretischen Überlegungen. Eine Situation, in der das Gut Moral gar nicht bereitgestellt wird, da niemand bereit ist, die Mehrkosten zu tragen, ist nicht realistisch. Der stetig wachsende Absatz von fair produzierten Waren und der Erfolg des niederländischen Handyherstellers „Fairphone“ deuten darauf hin, dass eine bestimmte Fairness-Stufe bereits erreicht ist (Dießenbacher, et al., 2016). Aufbauend auf den Ausführungen in diesem Kapitel kann allerdings im Sinne der sog. schwachen Freerider-Hypothese davon ausgegangen werden, dass die dezentral bereitgestellte Moralmenge noch hinter der effizienten Menge zurückbleibt (Roth, 2011 S. 159). 30 Methodologischer Individualismus ist in dieser Arbeit so zu verstehen, dass Ökonomen sich bei der Bewertung von Dingen und Zuständen ausschließlich auf den Nutzen, den sie für den Menschen stiften, beziehen und das Individuum als einzigen Bezugspunkt betrachten (Roth, 2011 S. 1-3). 45 eine umstrittene Rolle in der ökonomischen Forschung eingenommen.31 Es geht zurück auf Musgrave, der 1959 in seiner Arbeit „The Theory of Public Finance“ die neue Wortprägung für eine spezielle Art des Marktversagens in die Literatur einführte: Marktversagen durch „falsche Präferenzen“ der Konsumenten (Roth, 2011 S. 215). Als „falsch“ wird das Verhalten erachtet, da die Nachfrage nach sogenannten meritorischen Gütern ohne von außen induzierten Anreiz hinter dem vom Nachfrager selbst erwünschten Optimum zurückbleibt (Musgrave, 1959 S. 13-14). Der Gesetzgeber bewertet diese Güter daher als „förderungswürdig“ (Roth, 2011 S. 214). Demeritorische Güter sind indes Güter, deren Konsum „nach Meinung der besser Informierten reduziert werden sollte“ (Gottschalk, 2001 S. 152). Infolgedessen rechtfertigen diese besser Informierten – gemeint sind die politischen Entscheidungsträger – korrigierende Eingriffe in die Märkte. Voraussetzung für einen meritorischen Eingriff ist also ein Zustand, in dem eine Gruppe bestimmter Individuen besser über die eigentlichen Präferenzen der anderen Individuen Bescheid zu wissen glaubt als diese Individuen selbst. Diese Idee war insofern revolutionär, als dass sie erstmals die Entscheidungssouveränität des Einzelnen und die Rationalitätsannahme des der ökonomischen Wissenschaft zugrundeliegenden Verhaltensmodells infrage stellte. Auch die oben diskutierten Marktversagenstheorien basieren auf Irrationalität – allerdings liegt dort die Ursache für ineffiziente Marktergebnisse in kollektiver Irrationalität, während an dem Postulat der individuellen Rationalität jedes einzelnen Marktakteurs festgehalten wird. Gemäß Musgrave verhalten sich Individuen jedoch nicht immer individuell rational, sondern unterliegen Rationalitätsbeschränkungen, die die geäußerten, für andere Individuen beobachtbaren, offenbarten Präferenzen und die individuellen, tatsächlichen (Meta-)Präferenzen auseinanderfallen lassen.32 Die Verhaltensökonomik stellt heute als Schnittstellenfunktion zwischen den Forschungsdisziplinen Psychologie und Ökonomik einen festen Bestandteil der etablierten Wirtschaftswissenschaften dar (Beck, 2014 S. 9). Ihre Vertreter teilen die Überzeugung, dass Individuen im Bereich der privaten Güter nicht immer die für sich selbst optimalen Entscheidungen treffen (ebd., S. 2-5). Sie haben sich darauf aufbauend zum 31 Um die Beständigkeit der Diskussion aufzuzeigen, sei an dieser Stelle exemplarisch auf Rothenberg (1962), Persky (1993), Hedtke (1999) und Gottschalk (2001) verwiesen. 32 Für eine graphische Darstellung dieser Idee von ursprünglichen, beobachtbaren Präferenzen einerseits und der „wahren“, den „wirklichen“ Wert des Gutes widerspiegelnde Indifferenzkurvenschar siehe Tietzel et al. (1998 S. 89) 46 Ziel gesetzt, die Ursachen für „falsches Verhalten“ – Kognitionsprobleme systematischer Natur („Biases“) – mithilfe von Experimenten und Feldstudien zu erforschen (ebd., S. 14). Eine typische Ursache für „verzerrte Präferenzen“ in modernen Gesellschaften sei Musgrave zufolge Werbung, die über Massenmedien die Konsumenten „anschreit“ und somit die individuellen Präferenzstrukturen formt (Musgrave, 1959 S. 14). Dieser Entwicklung müsse von Seiten des Gesetzgebers entgegengewirkt werden (ebd.). Antworten auf die Fragen, wie diese Verzerrung im Detail stattfindet, wie man diese messen kann und wie die tatsächlichen Präferenzen und die optimalen Nachfragemengen bestimmt werden können, sucht man in Musgraves Arbeiten allerdings vergeblich (Pulsipher, 1971 S. 268). Moral als meritorisches Gut Bei der Frage nach der Rechtfertigung eines staatlichen Eingriffs im vorliegenden Kontext kann folgende 4-stufige Logik einer Argumentation zugrunde liegen: 1. Konsumenten präferieren fair produzierte Produkte gegenüber Produkten gleicher Qualität, bei deren Herstellung Menschenrechte verletzt worden sind. 2. Die entsprechende Preisdifferenz sind sie prinzipiell bereit zu zahlen. In effizienten Märkten wäre – auch ohne politische Eingriffe – das Angebot an fairen Produkten größer, als heute zu beobachten ist. 3. Nachfrager unterliegen bestimmten kognitiven Verzerrungen, die sie andere Entscheidungen treffen lassen, als die für sie optimalen. „Falsche“ Entscheidungen lassen eine Kluft zwischen tatsächlichen Präferenzen und von außen beobachtbaren, ex-post formulierbaren Präferenzen entstehen. Die zu geringe Nachfrage nach fairen Gütern führt zu Wohlfahrtsverlusten. 4. Die gesetzgebende Instanz erkennt diese Kluft. Sie sieht es als ihre Pflicht an, die negativen Auswirkungen der identifizierten Verzerrungen mithilfe von Kampagnen, Anreizprogrammen oder verpflichtenden Regelungen zu reduzieren oder gar zu beseitigen – in den Worten Musgraves: „to correct individual choice“ (Musgrave, 1959 S. 9). Der Gesetzgeber rechtfertigt Eingriffe mit Nutzenvorteilen für den Konsumenten selbst. Die Legitimierung meritorischer Eingriffe wird 47 typischerweise über mangelnde Informiertheit33 oder Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse seitens der Konsumenten versucht (Roth, 2011 S. 214). Verhaltensökonomen erforschen zudem eine große Bandbreite an Heuristiken und Anomalien, die rationale Entscheidungen beeinflussen können. Im vorliegenden Kontext ist beispielsweise eine Argumentation vorstellbar, die auf Merritt et al. von der Stanford University zurückgeht: „Moralische Selbstlizenzierung“ (Merritt, et al., 2010). Dieser Idee zufolge wiegen Konsumenten den Kauf unfair produzierter Mobiltelefone möglicherweise auf dem individuellen „moralischen Bankkonto“ mit einer anderen verantwortungsbewussten Entscheidung auf, wie beispielsweise der Unterstützung von Bedürftigen in der eigenen Gemeinde (ebd., S. 346). In einem Experiment von Mazar und Zhong von der University of Toronto verhielten sich Individuen weniger altruistisch, wenn sie zuvor Bioprodukte gekauft und damit bereits eine moralisch wertvolle Tat vollbracht hatten, als wenn sie sich zuvor für das konventionelle Produkt entschieden hätten (Mazar, et al., 2010). Es ist denkbar, dass ein ähnlicher Zusammenhang auch auf die Kaufentscheidung für unfair produzierte Mobiltelefone zutrifft. Auch wenn ein solches Verhalten für Außenstehende nicht unbedingt konsequent wirkt, muss es allerdings nicht zwingend als irrationales Verhalten gewertet werden. Schließlich kann eine persönliche Priorisierung moralisch relevanter Themenfelder in Kombination mit einer individuell gesetzten, persönlichen Obergrenze der akzeptablen Gesamtkosten moralischen Verhaltens für das Individuum durchaus rational sein. Eine andere Erklärung für die „falschen“ Konsumentscheidungen vieler Menschen beim Kauf eines Handys kann durch ein Konzept dargestellt werden, das in der Sozialpsychologie als „strategische Ignoranz“ bezeichnet wird (Imhasly, 2015).34 Verhaltensökonomen haben herausgefunden, dass Individuen die negativen Auswirkungen des eigenen Konsums trotz der Möglichkeit kostenloser Informationsbeschaffung gegebenenfalls gar nicht so genau kennen möchten und somit eine eventuell erforderliche moralische Abwägung bewusst vermeiden. Grossman zeigte in einem Experiment, dass Individuen sich bewusst dazu entscheiden, auf Informationen bezüglich der sozialen Folgen einer Entscheidung ex ante zu verzichten, um die moralische Komponente der Entscheidung zu vermeiden (Grossman, 33 Musgrave, der seinerzeit noch nicht von ökonomischer Verhaltensforschung gehört hatte, legte im Zusammenhang mit falscher oder fehlender Information den Fokus auf fehlende Erfahrung, der wiederum von staatlicher Seite im Sinne von „learning and leadership“ (zumindest temporär) aktiv begegnet werden müsse (Musgrave, 1959 S. 14). 34 Der Begriff „Ignoranz“ ist im Deutschen nicht eindeutig. Da es bei dem Konzept eher um eine bewusste Entscheidung für Nicht-Wissen als um eine Nicht-Beachtung vorhandenen Wissens geht, wird das Konzept im Folgenden mit „strategischem Unwissen“ übersetzt. 48 2010). Wie der Name, den die Forscher diesem Phänomen gegeben haben, bereits impliziert, gilt allerdings auch für dieses Konzept, dass es aus der Perspektive des Individuums durchaus als bewusste, individuelle „Strategie“ gewählt werden kann. Hieraus folgt, dass das beobachtete Verhalten nicht zwingendermaßen als irrational bewertet werden muss. McGoey (2012) zeigte beispielsweise anhand eines Marktes für Medikamente, dass es aus Sicht des Endanbieters aus diversen Gründen durchaus rational sein kann, auf die Beschaffung gewisser Informationen hinsichtlich der Neben- oder Langzeitwirkungen bestimmter Produkte zu verzichten. Es ist dabei naheliegend, dass das bewusste „Nicht-Wissen-Wollen“ der Nebenwirkungen eines Medikaments auf das aktive „Ignorieren“ einer Ahnung des Anbieters hindeutet, dass ein Besitzen dieser Informationen sich höchstwahrscheinlich negativ auf das eigene Geschäft auswirken würde. Diese Strategie ist natürlich aus Perspektive des Anbieters alles andere als irrational. Es lassen sich auf der Basis dieser Konzepte drei grundlegende Argumente finden, die die Rechtfertigung eines meritorischen Eingriffs äußerst fragwürdig erscheinen lassen: Erstens lässt sich „von außen“ nicht eindeutig über beobachtetes Verhalten feststellen, ob es sich bei einer Konsumentscheidung tatsächlich um irrationales Verhalten handelt oder um eine bewusste Entscheidung, beispielsweise für rationales Unwissen (strategisch im Sinne McGoeys) oder für eine bewusste Verrechnung moralisch wertvoller Handlungen mit Blick auf ein selbst konzipiertes Gesamtkonto. Auch kann der Nachfrager vor dem Hintergrund relativ hoher Transaktionskosten der Informationsbeschaffung die Informationssuche beenden, weil er bereits sein individuelles Informationsoptimum erreicht hat, was ebenfalls alles andere als irrational wäre. Ausgehend von einer normativen Grundposition der Konsumentensouveränität im Sinne einer individuellen Entscheidungsautonomie (vgl. Gottschalk 2001 mit Verweis auf Hutt 1936), besteht schließlich im wissenschaftlichen Diskurs der Konsens, dass nur das Individuum selbst über dessen tatsächliche Präferenzen urteilen kann (Roth, 2011 S. 214). Auch Musgrave erkannte in staatlichen Ausgabenprogrammen den Aspekt staatlicher Bevormundung und der normativen Grundsatzproblematik, den er mit „interference with individual preferences“ umschrieb (Musgrave, 1959 S. 14) – allerdings stand er ihm nicht prinzipiell ablehnend gegenüber (Andel, 1984 S. 623). Setzt man das Konzept des methodologischen Individualismus als übergeordnete Prämisse voraus, lässt sich nur schwer argumentieren, warum die gesetzgebende Instanz besser als der Einzelne selbst wissen kann, was gut für ihn ist (Roth, 2011 S. 215). So lässt sich methodisch beispielsweise nicht ausschließen, dass der Kauf eines unfair 49 produzierten Handys letztendlich nicht doch den tatsächlichen Präferenzen des Konsumenten entspricht. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Konsument im Kontext einer öffentlichen Befragung zwar behauptet, ihm sei die Einhaltung von Menschenrechten bei der Produktion der Konsumgüter wichtiger als ein günstiger Preis, mit anderen Worten: Er habe eine hinreichend hohe Zahlungsbereitschaft für faire Produktionsbedingungen. Entscheidet er sich allerdings unmittelbar vor der Kaufentscheidung im Geschäft doch für das preisgünstigere, unfair produzierte Handy, bleibt dem außenstehenden Beobachter keine andere Wahl, als anhand dieser Entscheidung Rückschlüsse auf die Präferenzen zu ziehen. Damit wird eine Beeinflussung durch momentane Stimmungslagen, Werbung und andere Faktoren nicht prinzipiell ausgeschlossen. Vielmehr wird lediglich eine Anmaßung von Wissen dahingehend vermieden, dass ein Au- ßenstehender besser als das Individuum selbst beurteilen kann, wie die tatsächlichen Präferenzen beschaffen sind. Zweitens stellt sich selbst dann folgende grundlegende Frage, wenn man von der Irrationalität der individuellen Entscheidungen überzeugt ist: Ist es tatsächlich möglich, die beschriebene Kluft zwischen offenbarten und tatsächlichen Präferenzen zu identifizieren und messbar zu machen? Verhaltensforscher begegnen bei dem Vorhaben, mithilfe von Experimenten unter künstlich geschaffenen Umständen Verhaltensanomalien in der realen Welt zu erkunden, zahlreichen Schwierigkeiten. Selbst wenn Überlegungen bezüglich der internen Validität von Experimenten, also der eindeutigen kausalen Zurückführung der beobachteten Effekte der abhängigen Variable auf die Variation der unabhängigen Variable, mühevoll Rechnung getragen wird, lässt sich der Skepsis bezüglich der externen Validität, also der Allgemeingültigkeit und der Übertragbarkeit der induktiven Schlüsse auf die reale Welt, häufig nur wenig entgegenhalten (Beck, 2014 S. 16, 300). Brennan und Lomasky (1983) diskutieren eine dritte zentrale Frage im Zusammenhang mit meritorischen Eingriffen: Selbst wenn man glaubt, dass eine Instanz, die außerhalb des Individuums steht, dessen tatsächliche Präferenzen besser beurteilen kann als es selbst, lässt sich daraus noch nicht der logische Schluss herleiten, dass diese „besseren Entscheidungen“ auch institutionell, im Rahmen politischer Prozesse durchgesetzt werden sollten (Brennan, et al., 1983 S. 184). Die genannten drei Argumente – die Anmaßung des Wissens, dass eine freiwillig getroffene Entscheidung nicht die beste für das Individuum ist, die Überzeugung davon, dass man die tatsächlich optimale Entscheidung herausfinden kann, und schließlich die unbegründete Vorstellung, dass diese optimalen Entscheidungen auf politischem Weg erzwungen oder gefördert werden sollten – führen aus einer individualistischen Perspektive dazu, dass eine Legitimierung eines 50 Eingriffs auf Basis der Meritorik nicht akzeptiert werden kann. Dennoch ist diese Begründung staatlicher Aktivität durchaus weit verbreitet und beeinflusst die Bewertung der möglichen wirtschaftspolitischen Instrumente in Kapitel 5. 4.5 Externe Effekte Es lässt sich ein entscheidendes Element ausmachen, das die drei diskutierten Legitimierungen für einen Eingriff konzeptionell verbindet: In allen beschriebenen Fällen, in denen der Markt im Hinblick auf die Generierung effizienter Allokationsergebnisse versagt, spielen externe Effekte des individuell rationalen Verhaltens eine wichtige Rolle. Unter externen Effekten versteht man in der Wohlfahrtsökonomik die Beeinflussung von Konsum- und Produktionsmöglichkeiten durch das Verhalten einzelner Marktakteure, die sich nicht auf die relativen Marktpreise auswirkt (Weimann, 2004 S. 133). In der Literatur gilt das Phänomen externer Effekte als bedeutsamste Ursache für das Versagen des Marktes als Allokationsmechanismus (ebd.). Die verschiedenen Wirkweisen dieser externen Effekte werden im Folgenden kurz dargestellt. Der Zusammenhang zwischen asymmetrischer Informationsverteilung im Hinblick auf den moralischen Mehrnutzen eines Gutes und externen Effekten wird deutlich, wenn man die Folgen der adversen Selektion für diejenigen Konsumenten und Produzenten betrachtet, die bei funktionierenden Märkten faire Produkte nachfragen bzw. anbieten würden (Roth, 2011 S. 193). Wenn Konsumenten die Produktionsbedingungen, unter denen ein Mobiltelefon hergestellt wurde, nicht hinreichend nachvollziehen können, kann das Angebot unfair produzierter Handys dazu führen, dass fair produzierte Waren nicht mehr gehandelt werden. Diese negativen Effekte auf den Entscheidungsspielraum und die Konsum- und Produktionsmöglichkeiten und die dadurch entstehenden Nutzenverluste für eine Gruppe von Marktakteuren, verursacht durch das Handeln einer anderen Gruppe, finden keine Berücksichtigung bei der Preisfindung für die unfair produzierten Güter. Wenn Moral als öffentliches Gut identifiziert wird, spielen externe Effekte ebenfalls eine wichtige Rolle. Hier liegt die Ursache für die Beeinflussung des Nutzens für einzelne Marktakteure im Versagen des Ausschlussprinzips (Weimann, 2004 S. 133). Da moralischer Nutzen für das einzelne Individuum aus einer beobachtbaren Veränderung der Welt entsteht, können einzelne Gesellschaftsmitglieder nicht vom Wohlbefinden, verursacht durch eine einmal produzierte Moral, ausgeschlossen werden. Die fair konsumierenden Individuen tragen alle Kosten, während sich der positive Nutzen auf alle Gesellschaftsmitglieder auswirkt. Die mangelnde Ausschließbarkeit von moralischem 51 Mehrnutzen und die externen Effekte der individuellen Konsumentscheidungen beeinflussen nicht die relativen Preise der einzelnen Güter. Ob es sich in diesem Zusammenhang um positive oder negative externe Effekte handelt, ist dabei nur eine Frage der Perspektive: Positive externe Effekte verursachen moralisch handelnde Marktakteure durch ihre Entscheidungen auf diejenigen Akteure, die nicht bereit sind, die Mehrkosten moralischer Entscheidungen zu tragen, aber dennoch von dem moralischen Mehrnutzen profitieren. Andererseits können sich externe Effekte durch mangelnde Moral von Marktakteuren negativ auf das Wohlbefinden anderer Akteure auswirken, wenn dadurch eine geringere Menge des öffentlichen Gutes bereitgestellt wird. Eine dritte Form von externen Effekten wird deutlich, wenn die Dimension, in der Moral entsteht und Nutzen für die Akteure stiftet, kleiner gefasst wird. Lässt man die Auswirkungen fairen Konsums auf Menschen in Produktionsländern sowie den daraus folgenden globalen Gerechtigkeitszustand außer Acht und betrachtet lediglich die Dynamiken innerhalb der konsumierenden Gesellschaft, kann von sogenannten „Nachbarschaftsexternalitäten“ gesprochen werden (Weimann, 2004 S. 135). Ziehen Individuen einen Nutzen daraus, in einer moralischen Gesellschaft zu leben – einer Gesellschaft also, in der alle oder möglichst viele Mitglieder einen Wert auf fairen Konsum legen – so ist offensichtlich, dass unfair konsumierende Gesellschaftsmitglieder negative externe Effekte auf das Wohlbefinden anderer Individuen verursachen. Zur Erzielung effizienter Ergebnisse auf sozialer Ebene müssten diese Externalitäten in den Kosten der unfair konsumierenden Akteure berücksichtigt werden. Aufgrund der schwierigen Nachweisbarkeit der Existenz dieser Art von Externalitäten sowie der Tatsache, dass die anderen Argumentationen für stichhaltiger und relevanter befunden werden können, wird in der Instrumentendiskussion dieses Konzept nicht wieder aufgegriffen. Auch in Musgraves umfangreicher Literatur zur Meritorik findet man explizite Zusammenhänge mit externen Effekten. An dieser Stelle sei bereits vorweg erwähnt, dass eben aufgrund dieses Zusammenhangs das gesamte Konzept der Meritorik als seinerzeit neues Phänomen infrage gestellt werden muss. Dem Autor zufolge gibt es zwei Möglichkeiten, wie meritorische Eingriffe von Seiten der Regierung legitimiert werden können (Musgrave, 1969 S. 12): Bei dem ersten Argument geht es darum, dass Konsumenten in einigen Fällen über unvollständige oder gar falsche Informationen verfügen, was eine temporäre staatliche Förderung des Konsums bestimmter Güter zur Erweiterung des persönlichen Erfahrungsbereichs rechtfertigen soll. In diesem Fall sei es durchaus im Sinne der Konsumenten, gewisse Kompetenzen ex ante und vorübergehend zu delegieren. Beispielsweise ist es denkbar, dass Konsumenten sich nicht über die 52 Auswirkungen ihrer Konsumentscheidungen im Klaren sind. Insbesondere bei dem gewählten Beispiel des Mobiltelefons ist ein Zusammenhang zwischen der Konsumwahl und Menschenrechtsverletzungen in den Ländern, aus denen die Rohstoffe für die Elektronik stammen, zunächst nicht offensichtlich. Warum allerdings in einer solchen Situation nicht ein Weg der Aufklärung zur Verbesserung des individuellen Informationsstands priorisiert werden sollte, anstatt bestimmte tatsächliche Konsumentenpräferenzen einfach vorauszusetzen, bleibt offen. Dies lässt das Argument insgesamt nur wenig stichhaltig erscheinen. Die zweite Möglichkeit, meritorische Eingriffe zu legitimieren, findet sich nach Musgrave in der Argumentation über interdependente Nutzenfunktionen. An dieser Stelle wird der Zusammenhang des Konzepts mit externen Effekten deutlich – allerdings geht es Musgrave um sogenannte „psychische externe Effekte“ (Andel, 1984 S. 635). Dieser Begriff geht auf Tiebout und Houston zurück, die ihn insbesondere zur Abgrenzung der Meritorik zu öffentlichen Gütern nutzen (Tiebout, et al., 1962). „A good meritorious believe“ (ebd., S.414) – ein gerechtfertigter Glaube, dass das aktuelle Konsumverhalten aufgrund psychischer, nicht beobachtbarer, aber durchaus existierender Externalitäten korrigiert werden sollte, legitimiere demzufolge meritorische Eingriffe. Währenddessen seien die externen Effekte im Falle öffentlicher Güter offensichtlicher und dadurch objektiver. Letztendlich reiht sich allerdings die Argumentation trotz dieser Unterscheidung in die allokative Marktversagenstheorie externer Effekte ein und ist mit einer vom Individuum ausgehenden ökonomischen Methodik vereinbar.35 Heutzutage werden meritorische Eingriffe daher typischerweise nur noch durch individuell irrationales Verhalten und die Korrektur „falscher Präferenzen“ und nicht über externe Effekte begründet (Roth, 2011 S. 214). 4.6 Zusammenfassung und Diskussion Neben einem exogenen Gerechtigkeitsideal wurden insgesamt vier Erklärungsansätze dargestellt, die zur Rechtfertigung für staatliches Eingreifen in den Markt vorgebracht werden können und die jeweils auf der Existenz und auf einem spezifischen Verständnis von moralischem Nutzen basieren. Im Falle einer systematisch asymmetrischen 35 Dass es sich dementsprechend bei Eingriffen, die mit der angeführten Argumentation gerechtfertigt werden, nicht um ein neues Phänomen handelt, für das es bis dato kein angemessenes Erklärungskonzept gab, gesteht Musgrave in dem 1969 erschienenen Beitrag „Provision for Social Goods“ selbst ein. Mit besonderem Fokus auf die interdependenten Nutzenfunktionen heißt es dort: „…what appeared to be the wholly different phenomena of merit wants may be incorporated into a subjective preference theory“ (Andel, 1984 S. 634-635). 53 Informationsverteilung zwischen Anbietern und Nachfragern resultieren freie Märkte typischerweise in ineffizienten Ergebnissen, da Konsumenten, die die Qualität der Güter vor dem Kauf nicht hinreichend beurteilen können, rationalerweise pauschalisierende Durchschnittserwartungen anstellen. Dies kann wiederum von den Anbietern antizipiert werden, was in der Theorie zu einer adversen Selektion führen kann. Im vorliegenden Zusammenhang stellt der moralische Mehrnutzen das nicht beobachtbare Qualitätsmerkmal des jeweiligen Gutes dar, wobei nicht von Relevanz ist, woher der Konsument diesen Mehrnutzen im Einzelnen bezieht. Als Folge dieser Konstellation werden nur noch unfaire Produkte auf dem Markt gehandelt, obwohl Wohlfahrtsgewinne durch Handel fairer Produkte möglich wären. Die Rechtfertigung eines staatlichen Eingriffs über eine Dilemmastruktur, die sich aus der Öffentliche-Gut-Problematik ergibt, basiert auf einem alternativen Verständnis darüber, wie der moralische Mehrnutzen eines Gutes entsteht. Statt durch den eigentlichen, von dem Verhalten der anderen Konsumenten isolierten, individuellen Kaufakt entsteht der Nutzen erst durch eine beobachtbare Veränderung der Welt, die allerdings nur im Kollektiv zu erreichen ist. Dies hat wiederum zur Folge, dass die Generierung dieser Art von Nutzen nicht allein im Rahmen der Möglichkeiten des Individuums liegt. Die Nutzenfunktion des Individuums weist Abhängigkeiten vom Kaufverhalten der anderen Individuen in einer Gesellschaft auf. Es wurde gezeigt, dass individuelle Rationalität aus spieltheoretischer Perspektive zu einem nicht-kooperativen Verhalten führen kann. Die Nicht- Ausschließbarkeit einzelner Akteure von moralischem Nutzen resultiert dann in ineffizienten Marktergebnissen, wenn nur ein unzureichend großer Anteil der Akteure dazu bereit ist, für die Kosten aufzukommen, die durch die Herstellung des öffentlichen Gutes Moral entstehen. In Kapitel 4.2 wurde aufgezeigt, dass auf individueller Ebene auch eine Kombination der verschiedenen Moralkonzepte denkbar ist. So würde ein Teil des moralischen Nutzens, den ein Individuum aus einer Konsumentscheidung zieht, als Folge der eigenen Entscheidung entstehen, während ein anderer Teil aus der Gesamtheit aller fairen Konsumentscheidungen entstehen würde. Auch eine Kombination der Marktversagenstheorien ist denkbar, da auch im Falle des Öffentliche-Gut-Charakters von fairem Konsum eine systematisch asymmetrische Informationsverteilung zwischen Anbietern und Nachfragern nicht ausgeschlossen werden kann. Ein solcher Fall würde die Komplexität der Diskussion um ein problemadäquates politisches Instrument bzw. eine Kombination von angemessenen Instrumenten aufgrund von möglichen Wechselwirkungen enorm vergrößern. 54 Die dritte Argumentation, die im Rahmen der Rechtfertigung eines staatlichen Eingriffs diskutiert wurde, basiert auf dem Konzept meritorischer Güter. Diesem zufolge erkennt der Gesetzgeber, dass durch einen Eingriff in die individuellen Präferenzen Wohlfahrtsgewinne durch einen gesteigerten moralischen Mehrnutzen für das Individuum erreicht werden können. Er macht es sich daher zur Aufgabe, den Handel mit fairen Gütern zu fördern. Der Eingriff in die individuellen Präferenzen und somit in die Entscheidungssouveränität des Individuums wird umso deutlicher, wenn im Zusammenhang mit den vorgestellten Konzepten „moralische Selbstlizensierung“ und „strategisches Unwissen“ das Strategische und somit das Rationale betont wird. Das Phänomen externer Effekte spielt bei allen diskutierten Legitimierungsansätzen für einen Eingriff eine wichtige Rolle: Im Falle einer asymmetrischen Informationsverteilung zwischen Anbietern und Nachfragern hinsichtlich der Fairness eines Gutes kann adverse Selektion dazu führen, dass die Existenz unfairer Produkte negative externe Effekte auf die Anbieter und Nachfrager fairer Produkte bewirkt. Das Öffentliche-Gut-Dilemma basiert ganz grundsätzlich aufgrund der ökonomischen Eigenschaften eines öffentlichen Gutes auf externen Effekten, die Konsumentscheidungen einzelner Individuen auf den Nutzen anderer Akteure bewirken. Auch im Rahmen der Meritorik wurden in der Vergangenheit Eingriffe über dieses Phänomen zu rechtfertigen versucht. Allerdings lässt sich das moderne Verständnis von meritorischen Eingriffen eindeutig von dem Phänomen externer Effekte abgrenzen. Bevor im Folgenden detaillierter auf die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Instrumente eingegangen wird, sei auf folgende Einschränkungen bezüglich der Gültigkeit und Eindeutigkeit der Erklärungsversuche aus Kapitel 4 verwiesen. Skepsis im Hinblick auf die einzelnen Argumentationen ist prinzipiell auf zwei Ebenen denkbar: Erstere basiert auf dem theoretischen Charakter der aufgeführten Marktversagensargumente. In der Praxis ist es schwierig, empirische Evidenz für das jeweilige Marktversagen zu finden. So lassen sich beispielsweise bei empirischen Beobachtungen nur äußerst bedingt intangible Auszahlungen im Sinne eines moralischen Mehrnutzens beobachten und messen. Folglich lässt sich diese Art von Nutzen zum einen nur schwer quantifizieren, zum anderen lässt sich die Herkunft des Nutzens nicht zweifelsfrei definieren. So kann nicht eindeutig gesagt werden, ob es sich im Kontext der Moral aufgrund der externen Effekte um ein Öffentliche-Gut-Problem handelt oder ob der Mehrnutzen rein privater Natur ist. Im Rahmen der Argumentation um eine asymmetrische Informationsverteilung zwischen Konsumenten und Produzenten lässt sich auch nicht pauschal sagen, ob die Produzentenseite tatsächlich immer besser informiert ist als der Konsument 55 im Hinblick auf die Produktionsbedingungen und damit auf den moralischen Mehrnutzen, den ein Gut stiften kann. Zu prüfen wäre im konkreten Fall, ob auch die Anbieter aufgrund komplexer Zulieferketten keinen Zugang zu bestimmten Informationen haben. Auf einer zweiten Ebene kann die Frage gestellt werden, was die vorgebrachten Argumente tatsächlich für Implikationen für die politischen Entscheidungsträger haben. Staatlichen Eingriffen mit dem Ziel der effizienteren Allokation von Ressourcen ist aus ordnungspolitischer Perspektive die Diagnose von Marktversagen im Sinne einer notwendigen Bedingung typischerweise vorgeschaltet (Roth, 2011 S. 149-150). Allerdings bedarf es zur Legitimierung der weiteren Bedingung, dass ein Eingriff positive Aussichten auf Erfolg verspricht (ebd.). Effizienzgewinne sollten erkennbar sein und das Risiko von Staatsversagen sollte einkalkuliert werden (ebd.). Die Relevanz dieser zweiten hinreichenden Bedingung sollte nicht unterschätzt werden, weshalb im folgenden Kapitel verschiedene Instrumente hinsichtlich ihrer Erfolgschancen und Erforderlichkeit analysiert werden.

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References

Zusammenfassung

Seit Jahren steigt das öffentliche Bewusstsein für die globalen Auswirkungen des eigenen Konsumverhaltens. Erstaunlicherweise konnte diese positive Entwicklung bisher jedoch kaum nennenswerte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern bewirken. Massive Menschenrechtsverletzungen gehören bei der Herstellung unserer alltäglichen Gebrauchsgüter häufig immer noch zum Arbeitsalltag. Scheitert fairer Konsum in der Praxis daran, dass Verbraucher nicht zwischen fair und unfair produzierten Gütern unterscheiden können? Oder schätzen sie die Auswirkungen der eigenen Konsumentscheidung als zu gering ein? Kann eine fairere Welt nur im Kollektiv erreicht werden und mangelt es der Gesellschaft dahingehend an den nötigen Koordinationsmöglichkeiten? Christoph Oslislo geht der Frage nach, wieso die Ergebnisse der globalisierten Märkte den hohen moralischen Ansprüchen der Konsumenten nicht gerecht werden können. Zur Beantwortung dieser Frage zieht der Autor ökonomische Erklärungsansätze heran, wobei unterschiedliche Konzepte von Moral eine zentrale Rolle einnehmen. Das Ergebnis ist ein Analyseraster, anhand dessen sich politische Instrumente zur Regulierung privatwirtschaftlicher Akteure miteinander vergleichen lassen und das deutlich macht, dass die Art der Rechtfertigung des jeweiligen Einsatzes maßgeblich für die Bewertung ist.