3 Die Wirtschaftsordnung als Ort der Moral in:

Christoph Oslislo

Globale Unternehmen und Menschenrechte, page 15 - 18

Über Moral, fairen Konsum und Marktversagen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3955-7, ISBN online: 978-3-8288-6711-6, https://doi.org/10.5771/9783828867116-15

Series: Wirtschaftspolitische Forschungsarbeiten der Universität zu Köln, vol. 59

Tectum, Baden-Baden
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15 3 Die Wirtschaftsordnung als Ort der Moral Bei der Frage, bei wem die Zuständigkeit für die globale Wahrung von Menschenrechten im privatwirtschaftlichen Kontext liegt, erscheint der Gedanke zunächst naheliegend, dass die Unternehmen – und eben nur die Unternehmen – als Verursacher auch Verantwortung für die Thematik übernehmen (Jenkins, et al., 2002 S. xiii). In diesem Zusammenhang entstanden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche unternehmensethische Konzepte, wie Corporate Citizenship oder Corporate Moral Agency, sowie eine Vielzahl von Teilkonzepten, die unter Corporate Responsibility zusammenzufassen sind (Painter- Morland, et al., 2011). All diese Ideen verbindet das Ziel einer verantwortungsvollen, „ethischen“ Unternehmenskultur und eines Wandels der klassischen Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft (ebd., S. 63-69, 246-253). Im Rahmen der aktuellen Diskussion um die Erstellung eines „Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte“ im Bundestag schlägt ein Konsortium von Nichtregierungsinstitutionen vor, menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen im deutschen Recht zu verankern, was einer Art verpflichtenden und institutionalisierten Unternehmensethik gleichkäme (Klinger, et al., 2016). Allerdings birgt der Bereich der Unternehmensethik als Lösungsansatz für Menschenrechtsverletzungen in Produktionsländern auch zahlreiche Schwachstellen. Eine Schwierigkeit bei der ethischen Bewertung einzelner Situationen liegt in der Abbildung des komplexen Wechselspiels zwischen Persönlichkeit und individuellen Werten einerseits und der organisatorischen, institutionellen Orientierung bei unternehmerischen Entscheidungen andererseits (Schnebel, 1997 S. 151-152). Allein aus diesem Grund erscheint ein universal gültiger Verhaltenskodex, der alle kritischen Fälle unternehmerischen Handelns abdeckt und bezüglich dessen moralischer Korrektheit Einigkeit besteht, schwer vorstellbar. Es fehlt folglich an einheitlichen und logisch begründbaren Maßstäben, an denen sich Unternehmer in einer konkreten Entscheidungssituation messen lassen müssen. Des Weiteren kann nicht eindeutig geklärt werden, wo Unternehmensverantwortung beginnt und wo die Grenzen des Konzepts liegen, weshalb im Einzelfall immer die Gefahr willkürlicher Auslegungen droht. Aus ökonomischer Perspektive erscheint es zudem ohne Zuhilfenahme einer Anreizlogik zumindest fragwürdig, ob Unternehmer über gesetzliche Verpflichtungen hinaus und unter dem stetigen Risiko von Wettbewerbsnachteilen moralisch verantwortungsvolle 16 Entscheidungen treffen können (Homann, et al., 1992 S. 24-25).6 Vor diesem Hintergrund und der Gefahr opportunistischen Verhaltens erweckt das Konzept der Unternehmensethik nicht den Eindruck, als könne es eine angemessene Lösung für das Problem darstellen. Einen alternativen Ansatz stellt die Idee der Konsumentenethik dar. Ihr zufolge haben Konsumenten unter anderem durch den Kauf von Gütern eine besondere Mitverantwortung für soziale und ökologische Umstände (Heidbrink, et al., 2011 S. 97). Eine Studie der Otto Group zeigt, dass für 64 % der Konsumenten Moral bei der Kaufentscheidung eine wichtige Rolle spielt (Otto Group, 2013). Allerdings zeigt die Studie auch, dass viele Menschen ethische Überlegungen eben noch nicht als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Konsumentscheidungen erachten. Diese Entscheidung sollte aus ökonomischer Perspektive ohne eine normative Bewertung jedem Individuum selbst überlassen werden. Dennoch stellt sich die Frage, welche Rolle dem Gesetzgeber bzw. der gesetzlichen Rahmenordnung im Kontext der Konsumentenethik zukommt. „Von Menschen darf nicht gefordert werden, was allein die Wirtschaftsordnung leisten kann: ein harmonisches Verhältnis zwischen Einzelinteresse und Gesamtinteresse herzustellen“ (Eucken, 2004 S. 368). Anstatt einen Versuch vorzunehmen, die Präferenzen der Konsumenten oder der unternehmerischen Entscheidungsträger anzupassen, setzt diese Arbeit im Sinne Euckens den Fokus auf die Wirtschaftsordnung als systematischen Ort der Moral in der Marktwirtschaft. Der Ökonom und Wirtschaftsethiker Karl Homann formuliert ähnlich: „Man kann dem einzelnen (Unternehmen) nicht die moralische Verantwortung für Probleme zuweisen, die systematisch kollektiver Natur sind (…).“ (Homann, 2002 S. 33). Er fordert einen „Bedingungswandel“ anstelle eines „Gesinnungswandels“ (ebd., S. 100) und distanziert sich so mit seinem ordnungsökonomischen Selbstverständnis von individualethischen (Pech, 2007 S. 81) und insbesondere von unternehmensethischen Ansätzen. Dieser Idee wird mit der vorliegenden Arbeit gefolgt. Der Staat hat als ordnende Instanz prinzipiell zwei Möglichkeiten, wie er im vorliegenden Kontext die Wirtschafsordnung gestalten kann: Zum einen kann versucht werden, ein wie auch immer geartetes Gerechtigkeitsideal durchzusetzen und in einer restriktiven Rahmenordnung für privatwirtschaftliches Handeln zu verankern. Aller- 6 Homanns Überzeugung nach überleben im Wettbewerb nur die Unternehmen mit den niedrigsten moralischen Standards. In einem späteren Werk bezieht er sich mit dieser Aussage auf das Konzept der „Grenzmoral“ (Briefs, 1957) und zeigt, dass eben diese Unternehmen ohne entsprechende Rahmenordnung die Standards für das Wirtschaftssystem setzen (Homann, 2002 S. 24). 17 dings geschieht moralisch motivierter Interventionismus typischerweise auf Kosten der marktwirtschaftlichen Effizienz, indem die Entscheidungsfreiheit des einzelnen Individuums eingeschränkt wird (Homann, 2002 S. 28). Alternativ kann das Ziel sein, effiziente Allokationsergebnisse zu erreichen und die Rahmenordnung so zu gestalten, dass Akteure auf funktionierenden Märkten ihren Präferenzen entsprechend agieren können. So können Konsumenten nicht nur ihre eigenen Gerechtigkeitsideale verfolgen, sondern auch ihre individuellen Zahlungsbereitschaften für diese kommunizieren.

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Zusammenfassung

Seit Jahren steigt das öffentliche Bewusstsein für die globalen Auswirkungen des eigenen Konsumverhaltens. Erstaunlicherweise konnte diese positive Entwicklung bisher jedoch kaum nennenswerte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern bewirken. Massive Menschenrechtsverletzungen gehören bei der Herstellung unserer alltäglichen Gebrauchsgüter häufig immer noch zum Arbeitsalltag. Scheitert fairer Konsum in der Praxis daran, dass Verbraucher nicht zwischen fair und unfair produzierten Gütern unterscheiden können? Oder schätzen sie die Auswirkungen der eigenen Konsumentscheidung als zu gering ein? Kann eine fairere Welt nur im Kollektiv erreicht werden und mangelt es der Gesellschaft dahingehend an den nötigen Koordinationsmöglichkeiten? Christoph Oslislo geht der Frage nach, wieso die Ergebnisse der globalisierten Märkte den hohen moralischen Ansprüchen der Konsumenten nicht gerecht werden können. Zur Beantwortung dieser Frage zieht der Autor ökonomische Erklärungsansätze heran, wobei unterschiedliche Konzepte von Moral eine zentrale Rolle einnehmen. Das Ergebnis ist ein Analyseraster, anhand dessen sich politische Instrumente zur Regulierung privatwirtschaftlicher Akteure miteinander vergleichen lassen und das deutlich macht, dass die Art der Rechtfertigung des jeweiligen Einsatzes maßgeblich für die Bewertung ist.