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Fragestellung und Zielsetzung in:

Nalan Gürbüz-Bicakci

Gibt es eine Erziehung zur Integration?, page 54 - 56

Eine multimethodische Studie zu türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3980-9, ISBN online: 978-3-8288-6709-3, https://doi.org/10.5771/9783828867093-54

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
54 3 Fragestellung und Zielsetzung „Der Stand der Forschung erzwingt eine differenzierte Sicht auf den Integrationsprozess von Familien mit Migrationshintergrund und die Bedeutung der Familie für die Integrations- und Verwirklichungschancen von Kindern und Jugendlichen“ (Filsinger 2011:62). Daher erscheint es interessanter denn je, empirisch zu ermitteln, wie türkische Migranteneltern der Folgegenerationen ihre Kinder erziehen und Integration innerfamilial und subjektiv erleben. Vor allem interessieren auch solche Eltern, welche keine eigene Migrationserfahrung haben und sich dennoch handelnd mit Integrationsprozessen auseinandersetzen und ihre elterliche Migrationsgeschichte aktiv im Alltag aushandeln. Primäres Ziel der vorliegenden Dissertation ist die Erfassung elterlicher Erziehungspraktiken und subjektiver Integrationserleben. Diese Untersuchungsdimensionen sollen schließlich hinsichtlich ihres Zusammenhangs analysiert werden. Um die leitende Fragestellung „Gibt es eine Erziehung zur Integration?“ zu beantworten, bedarf es einer explorativ-deskriptiven Studie, welche die Behandlung weiterer Fragestellungen impliziert. Wie erziehen türkische Migranteneltern der Folgegenerationen ihre Kinder? Welche Erziehungspraktiken sind empirisch zu ermitteln? Welches subjektive wie familiäre Integrationserleben lässt sich empirisch erfassen? Stehen die ermittelten elterlichen Erziehungspraktiken in einem Zusammenhang mit dem erfassten Integrationserleben? Folgende Untersuchungsdimensionen stehen somit im Mittelpunkt der Untersuchung: Elterliches Erziehungsverhalten und subjektives Integrationserleben türkischer Migranteneltern. Zur Erforschung dieser Dimensionen wird ein 55 multimethodisches Vorgehen gewählt, bei dem qualitative und quantitative Erhebungs- und Auswertungsmethoden kombiniert werden. Die qualitative Erhebung soll über teilnehmende Beobachtungen und der quantitative Zugang über standardisierte Fragebögen zur Anwendung kommen. Ausgehend von dem bisherigen Forschungsstand, der Lücken aufweist und kaum abzuleitende Theorien zur Beantwortung vorliegender Forschungsfragen liefert, wird eine explorativ-deskriptive Studie angestrebt. Das zugrundeliegende Forschungsinteresse ist es, empirische Befunde über Erziehungsund Integrationspraktiken türkischer Migrantenfamilien der Folgegenerationen zu geben, somit die vorliegenden Forschungsbefunde aus der Migrationsund Integrationsforschung systematisch zu ergänzen und die Forschungslücke zu diesem Themengebiet zu schließen. Bezogen auf das methodische Prozedere31 impliziert das ein induktives Vorgehen, einen hypothesengenerierenden, nicht prüfenden Ansatz. Im Rahmen des explorativ-deskriptiven Zugangs gilt es, die zentralen Untersuchungsvariablen, elterliche Erziehung und Integrationserleben, aus der Perspektive der befragten Eltern zu verstehen, die subjektiven Zusammenhänge und Erklärungsmuster zu erkennen und präferierte elterliche Praktiken zu erfassen. Auch erscheint die Forschungsfrage vor dem Hintergrund aktueller Integrationsdebatten relevant, da türkische Migranten öffentlich vielfach als Integrationsverweigerer denunziert werden und sich die Frage nach der Verantwortlichkeit für gelingende Integration dadurch erneut stellt. Sind ihre famili- ären Lebensumwelten und ihre kulturellen Überzeugungen tatsächlich Integrationshemmnisse und Stolpersteine auf diesem Weg? Sind die Folgegenerationen tatsächlich verunsichert in der Erziehung ihrer Kinder, da sie sich „einerseits (…) selbst in einem „Lern- bzw. Sozialisationsprozeß (sic!) (befinden)“ (Schmidt-Koddenberg 1989:121) und andererseits die gesellschaftlich immer wichtiger werdende Elternrolle meistern müssen? Den Bezugsrahmen bilden vorliegende Forschungsergebnisse und theoretische Konzepte, welche nicht zur theoriegeleiteten Hypothesenformulierung dienen, sondern eine Perspektive darstellen, aus der die erfassten Daten interpretiert und betrachtet werden können. Die Entscheidung für ein exploratives Vorgehen resultiert auch aus der Intention, der sozialen Wirklichkeit keine Hypothesen aufzudrängen und die komplexen Lebenslagen bzw. die Sicht auf diese nicht durch leitende Vorannahmen zu reduzieren (vgl. Girtler 2001:51). Die Zielgruppe der vorliegenden Dissertation sind türkische Migranteneltern der Folgegenerationen, welche in der Familienform Vater-Mutter-Kind mit mindestens einem Kind im Vorschulalter (0 bis 6 Jahren) in Deutschland zu- 31 Das methodische Vorgehen wird im nachfolgenden Kapitel 4 detailliert dargestellt. 56 sammenleben. Dazu gehören nicht nur Ehepaare, welche beide in Deutschland geboren und sozialisiert sind, sondern auch diejenigen, die durch Heiratsmigration32 zu ihren hier geborenen Ehepartnern immigrierten. Diese Zusammensetzung „von Familien aus Elternpaaren, von denen einer in Deutschland und einer in der Türkei aufgewachsen ist, ist bislang wenig untersucht worden“ (Leyendecker 2011:243). Wie bereits in Kapitel 1 dargestellt, wird Erziehung in Anlehnung an Schneewind als „alle kindbezogenen Erlebnis- und Handlungsweisen, die Eltern mit oder ohne Beeinflussungsabsicht äußern“ (Schneewind 1980:21) definiert. Integration wird in Anlehnung an Bade als „chancengleiche Partizipation an den zentralen Bereichen der Gesellschaft“ (Bade 2007:75) verstanden. Zur Realisierung des beschriebenen Forschungsinteresses wird ein multimethodisches Forschungsdesign gewählt, welches im nachfolgenden Kapitel dargestellt wird. 32 Durch die Heiratsmigration haben eine nicht unerhebliche Anzahl der in Deutschland lebenden türkischen Eltern unterschiedliche Sozialisationserfahrungen gemacht, dessen Wirkung auf die Erziehungspraktiken und familiären Handlungsmöglichkeiten bislang nicht erforscht wurde (vgl. Leyendecker 2008).

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Zusammenfassung

Die Integrationsdebatte über türkische Migranten in Deutschland wird weiterhin kontrovers, emotional und defizitorientiert geführt. Insgesamt seien Migrantenfamilien integrationsunwillig, integrationsunfähig und lebten in abgeschotteten Parallelgesellschaften. Patriarchalische, traditionelle Familienstrukturen und ein autoritärer Erziehungsstil türkischer Eltern werden als die großen Integrationshindernisse angezeigt; die Existenz kultureller und sozialer Distanzen mache eine Angleichung unmöglich. Die Debatte suggeriert eine einseitige Verantwortlichkeit, es sei vor allem eine Frage der individuellen Entscheidung bzw. der subjektiven Voraussetzungen der Zugewanderten, ob diese sich integrieren wollen bzw. können.

Nalan Gürbüz-Bicakci untersucht das elterliche Erziehungsverhalten und das subjektive Integrationserleben von 213 türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen mit Kindern im Vorschulalter, um die zentrale Fragestellung nach dem Beitrag einer elterlichen Erziehung zur Integration zu analysieren. Mit aktuellen empirischen Daten und interessanten Ergebnissen leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Integrations- und Sozialisationsforschung und -debatte in Deutschland.