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Empirische Studien zur Erziehung und Integration von türkischen Migranteneltern in:

Nalan Gürbüz-Bicakci

Gibt es eine Erziehung zur Integration?, page 38 - 53

Eine multimethodische Studie zu türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3980-9, ISBN online: 978-3-8288-6709-3, https://doi.org/10.5771/9783828867093-38

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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38 2 Empirische Studien zur Erziehung und Integration von türkischen Migranteneltern Nach ausführlicher Bestimmung zentraler Begriffe und Schaffung einer theoretischen Grundlage werden im Folgenden interdisziplinäre Forschungsergebnisse zum Erziehungsverhalten (Kapitel 2.1) und zur Integration türkischer Migranteneltern (Kapitel 2.2) dargestellt. Die eigenen empirischen Daten sollen auf diesen Forschungsstand bezugnehmend interpretiert werden (Kapitel 6). 2.1 Erziehungsverhalten türkischer Migranteneltern Sozialisations- und Erziehungspraktiken türkischer Migranteneltern sind zwar bereits seit Anfängen der Familienzusammenführungen24 Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen (vgl. Herwartz-Emden/Westphal 2003:99). Der Zuwanderungsstopp25 sowie der damit einhergehende starke Familiennachzug „machte die Familie zum neuen Angelpunkt des Migrationsgeschehens, ohne dass dies konzeptuell in der Forschung entsprechend aufgegriffen wurde“ (Helfferich 2010:10). Schulbildung und Bildungsbenachteiligung wurden zwar früh zum Gegenstand wissenschaftlicher Publikationen, doch „Familien mit Migrationshintergrund (waren) ein in Deutschland lange Zeit wissenschaftlich vernachlässigtes Thema“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2016:7). Zunächst widmeten sich nur einzelne Arbeiten den Migrantenfamilien (Zemlin 1981, Hoffmann-Nowotny 1998, Nauck 1985), ihrer Einstellungen 24 Für eine ausführliche Darstellung der türkischen Migrationsgeschichte in Deutschland vgl. Luft (2014), Pusch (2013). 25 Für eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte der deutschen Integrationspolitik vgl. Herbert (2003), Meier-Braun (1988;2007) und Bade (2004). 39 und Lebensweisen und den migrationsbedingten familiären Veränderungen. Da immer mehr türkische Kinder und Jugendliche in deutschen Bildungsinstitutionen präsent wurden, stand ihre Integration zur Debatte und im Fokus sozialwissenschaftlicher Erklärungen. Aufgrund der anfänglichen, insbesondere sprachlichen Schwierigkeiten wurden „Migrantenkinder als pädagogisches26 Problem definiert“ (Atabay 1998:16). Unter einer defizitorientierten Perspektive wollte man Erklärungsmuster für bestimmte Verhaltensweisen der Migrantenkinder finden, um vor allem Handlungsanweisungen für die pädagogische Arbeit zu formulieren und diese „Defizite“ zu beheben (vgl. Yildiz 1999). Zum besseren Verständnis und zur Analyse der Sozialisationsbedingungen der türkischen Kinder, wurden auch ihre Familien, deren Familienstrukturen, Erziehungsziele und Erziehungsvorstellungen untersucht. Dabei stand vor allem der Wandel in Migrantenfamilien (vgl. Nauck 1985,1999), also der Einfluss der Migration auf familiäre Prozesse, Familienstrukturen sowie Eltern-Kind-Beziehungen im Vordergrund. Türkische Familien wurden jedoch fast ausschließlich unter dem Aspekt der traditionellen Orientierung betrachtet, daher verzeichnen viele Veröffentlichungen ähnliche Befunde. Hinzu kam, dass die meisten empirischen Untersuchungen kaum differenziert waren und auf wenigen „Einmal-Befragungen von (zumeist unsystematisch ausgewählten) Migranten basieren“ (Nauck 1999:13), sodass die deutsche wissenschaftliche Literatur über türkische Migrantenfamilien durchzogen von „ethnozentrischen Vorannahmen“ (Herwartz- Emden/Westphal 2003:100; Stöbe 1998:91) ist. Diese Annahmen resultieren nicht zuletzt aus einer undifferenzierten, vereinfachten Gegenüberstellung des Herkunfts- und des Aufnahmelandes: die Türkei wird als Agrargesellschaft mitsamt seiner traditionellen Orientierung, Lebens- und Produktionsweise dem postmodernen Industriestaat Deutschland gegenübergestellt (vgl. Atabay 1998:17). Diese antagonistische Darstellung lässt per se eine Bewertung implizieren, in der türkische Familienstrukturen als prämodern und konservativ und das deutsche Familienklima als das bessere Modell erscheinen (vgl. Westphal 2014). Festzuhaltende allgemeine Ergebnisse dieser vergleichenden Analysen sind zum einen, dass mit der Migrationssituation Familienstrukturen und Erziehungsziele Veränderungen ausgesetzt sind (vgl. Zemlin 1981:56; Herwartz-Emden/Westphal 2003:99; Nauck/Özel 1986; Nauck 1987; 1997; 2002) und zum anderen, dass sich türkische Familien von deutschen Familien 26 Für eine Darstellung erziehungswissenschaftlicher Literatur und den Wandel von Ausländerpädagogik zur Interkulturellen Pädagogik vgl. u.a. Auernheimer (2001,2005), Diehm/Radtke (1999), Mecheril (2004). 40 in ihren Strukturen und Erziehungszielen unterscheiden (vgl. Nauck 1990; 2006; Nauck/Schönflug 1997). Das klischeehafte Bild von „der“ türkischen Familie, deren Kernmerkmale prämoderne, feste hierarchische Strukturen und eher traditionellkollektivistische Erziehungseinstellungen zu sein scheinen (vgl. Herwartz- Emden/Westphal 2003:100), verfestigte sich bis heute im öffentlichen Bewusstsein, obwohl sozialwissenschaftliche Untersuchungen nicht bestätigen konnten, dass „es vorwiegend rigide Autorität ist, die den Erziehungsstil in türkisch-deutschen Familien charakterisiert“ (Otyakmaz 2014:107). Für traditionelle türkische Familien wird konstatiert, dass die Rollenbeziehungen klar strukturiert, hierarchisch und autoritär sind, dass der Vater die Autorität besitzt und die Frau nur eine untergeordnete Rolle innehat, dass die innerfamilialen Beziehungen auf Gegenseitigkeit, Abhängigkeit und Kulturstandards beruhen und dass die außerfamilialen Verwandtschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen für die Familie sehr relevant sind (vgl. Gün 2011:6). Die Erziehung in traditionell orientierten türkischen Familien entspreche der patriarchalischen Struktur, daher werde von Kindern bedingungsloser Gehorsam verlangt und ihre Selbstständigkeit werde nicht gefördert (vgl. ebd.). Spenlen (2014) untersuchte Erziehungsvorstellungen traditionellislamischer Familien auf Grundlage des Korans und konstatiert für islamischgeprägte Familien autoritäre Erziehungsstile „mit dem oftmals die rigide Durchsetzung elterlicher Autorität sowie geringe Selbstständigkeit, gepaart mit starker Kontrolle des Kindes einhergehe“ (Spenlen 2014:143) als Reaktion auf die Erfahrungen in einer pluralistischen Gesellschaft. Vor allem dann, wenn die Eltern in der Türkei, aber ihre Kindern in Deutschland sozialisiert wurden, könne dies zu Erziehungskonflikten führen, „dem Konflikt zwischen Tradition und Anpassung“ (Spenlen 2014:144). Spenlen konstatiert für Türkischstämmige den Wunsch nach Tradition sowie ein Geschlechterrollenverständnis dahingehend, „dass Frauen für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig sind und berufstätige Frauen ihre Kinder vernachlässigen“ (Spenlen 2014:139). Ein Umdenken wurde zwar mit dem 6. Familienbericht27 in Gang gesetzt, doch in der öffentlich-politischen Wahrnehmung herrscht weiterhin eine reduktionistische Sichtweise auf türkische Migrantenfamilien. Die Forschung zu Migrantenfamilien kann allgemein als ein sich „gerade erst entwickelndes Gebiet“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2016:7) identifiziert werden. 27 In dem 6. Familienbericht der Bundesregierung (2000) wurden verschiedene Studienergebnisse zu „Familien ausländischer Herkunft in Deutschland“ zusammenfassend dargestellt, mit der Feststellung, dass Autoritarismus nicht charakteristisch für türkische Familien ist (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2000:107). 41 Analog zur Vorgehensweise der Erziehungsstilforschung wurden auch türkische Erziehungsstile vielfach analysiert. Dabei lassen sich interkulturellvergleichende Befunde sowohl diverser Herkunftsnationalitäten untereinander (vgl. Nauck 2000a) als auch mit Familien der jeweiligen Herkunfts- sowie Aufnahmegesellschaft (vgl. Nauck/Özel 1986; Nauck 1990) identifizieren. Nauck (1990) und Uslucan (2005a) zeigen in ihren Untersuchungen zum migrationsbedingten familialen Wandel, dass türkische Familien in der Migration einen stärker behütenden und kontrollierenden Erziehungsstil als Familien in der Türkei entwickeln. Nauck und Özel konstatieren, dass sich durch den Eingliederungsprozess und die daraus resultierenden Handlungsalternativen die Erziehungspraktiken ändern (vgl. Nauck/Özel 1986:307). Sie stellten in ihren Untersuchungen zum Wandel in Migrantenfamilien fest, dass sich nicht die Handlungsziele oder Erziehungseinstellungen verändern, sondern, aufgrund veränderter Opportunitäten, das Verhalten der Migranten einen Wandel erfahren (vgl. Nauck 1999:15). Im intergenerativen Vergleich konnte Uslucan für die Tendenz der Erziehungsstile und -ziele zeigen, dass die zweite Generation stärker an einer modernen Erziehung orientiert ist, während die Eltern noch stärkere traditionalistische Haltungen favorisieren (vgl. Uslucan 2007:12). Gleichwohl konstatiert er für die zweite Generation die Gefahr härterer und disziplinierender Erziehungspraktiken, weil sie ihren Kindern eine (eigen)kulturelle Sozialisation aus einer ihnen selbst kaum bekannten Kultur heraus anbieten müssten (vgl. Uslucan 2005a:32). Uslucan geht davon aus, dass je mehr sich Migrantenfamilien Werte, Verhaltensweisen und Einstellungen der aufnehmenden Gesellschaft aneignen, desto mehr würden sie sich von ihrer Herkunftskultur entfernen (vgl. Uslucan 2010b:200). Nach Uslucan erscheint eine Mehrfachintegration somit widersprüchlich und kaum eine Option für Migrantenfamilien, denn der Widerspruch „sich einerseits in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, andererseits aber auch kulturelle Wurzeln nicht ganz aufzugeben, erweist sich insbesondere im erzieherischen Kontext als spannungsgeladen“ (ebd.:200f.). Verstärktes Disziplinieren, Betonung eigenkultureller Verhaltensweisen, Behütung, Kontrolle sowie eine intensive religiöse Werteerziehung seien die Folgen dieses konfliktreichen Widerspruches (vgl. ebd.). Überbehütend-kontrollierendes Erziehungsverhalten schränke aber die Entwicklung der Kinder ein (vgl. ebd.:206). Uslucan deklariert im Allgemeinen, mit Verweis auf das Vorhandensein eines geringen Haushaltseinkommens sowie hoher Geschwisterzahl für türkische Migrantenkinder riskante Aufwachsbedingungen und Entwicklungsrisiken (vgl. ebd.:199f.). Gün geht sogar davon aus, dass den türkischen Migrantenfamilien eine Vereinbarung der unterschiedlichen Lebensweisen „nie gelingen und zu pathologischen Formen führen kann“ (Gün 2011:9), da „sie sich ständig in einem Auseinanderset- 42 zungsprozess zwischen den mitgebrachten Normen und Werten und denen der hiesigen Gesellschaft befinden“ (ebd.). Ausgehend von der Ausgangslage, dass den Migranten zwei Bezugsumgebungen offenstehen, die ethnische Gemeinde im Aufnahmeland als auch die einheimische Gesellschaft (vgl. Esser 1980:179), wird angenommen, dass aufgrund der Widersprüchlichkeit der vermittelten Werte dieser Bezüge, sie zu vereinen hohe Kompetenzen bedürfe, weil Migranten eigenaktiv einen Balanceakt zwischen diesen beiden Wertsystemen meistern müssten, was zu Verunsicherung und Überforderung führen könne. Einerseits befinden sich die Eltern selbst in einem „Lern- bzw. Sozialisationsprozeß (sic!)“ (Schmidt- Koddenberg 1989:121) und andererseits haben sie die gesellschaftlich immer wichtiger werdende Elternrolle zu meistern. Verschiedene sozialwissenschaftliche Autoren akzentuieren, dass dieser Akt mit großen Verhaltensunsicherheiten im Bereich der Erziehung einhergeht (vgl. ebd.; sowie Neumann 1981:105ff.) und sich insbesondere im erzieherischen Kontext als sehr spannungsgeladen erweisen, somit zu weiteren innerfamiliären und gesamtgesellschaftlichen Konfliktlagen führen könne (vgl. Uslucan 2010b:200). Die meist damit verbundene große Unsicherheit, die Angst vor Entfremdung ihrer Kinder sowie die Angst vor einer „Stigmatisierung und dem Ausschluß (sic!) seitens des Herkunftslandes“ (Kürsat-Ahlers 1994:88), lässt die Familien reaktiv vermehrt autoritäre, ambivalente oder repressive Erziehungsstile (vgl. ebd.:82) einnehmen. Andere Untersuchungen weisen zwar auch auf einen möglichen Konfliktgehalt dieser interkulturellen Situation hin, betonen jedoch die individuellen Bewältigungsstrategien der türkischen Migrantenfamilien (vgl. Schepker et.al. 2005). Zu diesen zählen neben einer hohen Familienkohäsion auch eine strikte Aufteilung in innere (Familie) und äußere Sphäre (mehrheitsgesellschaftliche Institutionen) (vgl. Nohl 2003:174f.; Nauck 1994:61), woraus unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten und kompetenzen für jeweiligen Bereich kreiert werden können. Nach Nauck versuchen türkische Migrantenfamilien ihre Migrationssituation dadurch zu bewältigen, „dass sie die Lebensbereiche der privaten Lebensführung und des Statuserwerbs in der Aufnahmegesellschaft strikt voneinander zu trennen suchen“ (Nauck 1994:61). An einer Defizithypothese orientiert und von einem sog. „Kulturschock“ ausgehend, konstatieren viele Forschungsergebnisse, dass Eltern, die durch einen Kulturkonflikt verunsichert sind, eher eine Erziehung verfolgen, „welche sich verstärkt auf traditionelle Inhalte richtet“ (Zemlin 1981:94). Ihre im Verlauf ihrer eigenen Sozialisation erlernten Erziehungswerte und Handlungsmethoden ermöglichten Sicherheit und Orientierung. Das Festhalten an diesen gewohnten Werten stelle zugleich einen Versuch dar, „die Stabilität der Familie zu erhalten“ (Von Wogau et. al. 2004:17). Doch innerhalb des interkulturellen Kontextes seien viele Eltern mit einer Verunsicherung und Ori- 43 entierungslosigkeit konfrontiert. Sie stünden vor der Herausforderung, sich einerseits in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, aber andererseits ihre kulturellen Wurzeln nicht aufzugeben. So müssten sie eigenaktiv in der Erziehung ihrer Kinder „einen Balanceakt zwischen familialen, nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen auf der einen und (neuen) gesellschaftlichen Anforderungen auf der anderen Seite vollziehen“ (Müller 1999:47). Daher wird für türkische Eltern konstatiert, dass sie „oft große Schwierigkeiten (haben), eine Erziehungshaltung zu entwickeln, die mit ihrem Wertehintergrund vereinbar ist, den Anforderungen der Aufnahmegesellschaft genügt, den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird und die eigene Handlungskompetenz nicht überstrapaziert“ (Von Wogau et. al. 2004:195). Den Erkenntnissen über intergenerative Transmission in türkischen Familien (vgl. Nauck 1990, 1994, 1999, 2002, 2004, 2006; Nauck/Steinbach 2005) folgend, wird konstatiert, dass auch die Folgegenerationen bestimmte Familienstrukturen und Erziehungsstile übernehmen und ihre Kinder ähnlich erziehen werden. Auch sie könnten mit ähnlichen erzieherischen Verunsicherungen konfrontiert sein. In mehreren Studien zur intergenerativen Transmission in türkischen Familien zeigte sich, dass zwei Drittel aller Jugendlichen den elterlichen Erziehungsstil übernehmen würden (vgl. Müller 1999:46), dass Kinder die Erwartungen der Eltern in hohem Maße antizipieren und internalisieren (vgl. Nauck/Steinbach 2001:103) und dass die intergenerativen Beziehungen meist die wichtigsten sozialen Ressourcen „zur Bewältigung des Akkulturationsprozesses“ (ebd.) sind. Bei Untersuchungen zu türkischen Migrantenfamilien konnte gezeigt werden, dass die Familie für türkische Migranten insgesamt einen hohen Stellenwert hat und Netzwerke sehr familienzentriert sind (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2016:16). Diese bereits in der frühen Kindheit erlebte „Familienzentriertheit der sozialen Netzwerke geht mit hohen Solidarpotenzialen und einer vergleichsweise engen Wertetransmission einher“ (ebd.). Trotz der theoretischen Annahme einer Heterogenität der türkischen Migrantenfamilien und ihrer Erziehungspraktiken, konzentrierten sich einige Arbeiten darauf, im intergenerativen Vergleich in der Großgruppe der Türken Gemeinsamkeiten heraus zu kristallisieren. So identifizierte Merkens (1997) zwei Milieus: das traditionalistisch-fremdbestimmte und das modernistisch– selbstbestimmte Milieu. Ähnlich konnte Atabay (1998; 2011) in seiner qualitativen Untersuchung zu türkischen Migrantenfamilien der zweiten Generation drei verschiedene Familienformen kategorisieren: religiös-traditionell orientierte Familien, Familien zwischen Moderne und Tradition und moderne Familien. Entscheidend für die gelebte Familienform und die damit verbundenen differenten Erziehungspraktiken erscheinen die Herkunftsgebiete und vor allem der Bildungsgrad der Eltern zu sein (vgl. Uslucan 2005a; 2008b, 44 Nauck 1990). Gün (2011) fügt hinzu, dass die „Erziehungsvorstellungen von der Familiensozialisation, der religiösen Orientierung, der Herkunftsregion und den bildungs- und schichtspezifischen Faktoren abhängig sind“ (Gün 2011:6). Das Erziehungsverhalten türkischer Eltern zeigte sich in diversen Studien insbesondere vom Bildungshintergrund der Eltern determiniert (vgl. Nauck 1990, Uslucan 2009). Je länger die Schulbildung bzw. je höher der Bildungsabschluss der Eltern, desto weniger Unterschiede zwischen türkischen und deutschen Eltern konnten nachgewiesen werden. In der interkulturell vergleichenden Studie von Uslucan zum „Einfluss elterlicher Gewalterfahrungen und elterlicher Erziehungsstile auf Gewaltbelastungen und auf das Wohlbefinden von Jugendlichen“ (Uslucan 2009:278) zeigte sich, dass türkische Jugendliche zwar strenger erzogen werden als ihre deutschen Altersgenossen und türkische Eltern mehr Verhaltensdisziplin fordern (vgl. ebd.), doch die Unterschiede verblassen, wenn die Bildungshintergründe der Eltern mit in die Analyse einbezogen werden. Insbesondere die mütterliche Bildung zeigte sich als relevanter Prädiktor in der Wahrnehmung außerschulischer Aktivitäten, denn „je geringer die Bildung, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder an keinen oder an wenigen extracurricularen Angeboten teilgenommen hatten und umso mehr erwarteten Eltern, dass Kindergärten und Schule mehr Verantwortung für Bildung sowie für die Disziplin der Kinder übernehmen“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2016:27). Die meisten vorliegenden Erkenntnisse zur Erziehung von türkischen Migranteneltern beziehen sich auf das Erziehungsverhalten gegenüber Jugendlichen. Hierzu wurden sowohl Jugendliche zum perzipierten Erziehungsstil ihrer Eltern als auch Eltern zu ihren Erziehungseinstellungen befragt. Nur wenige Arbeiten befassen sich mit dem elterlichen Erziehungsverhalten gegenüber Vorschulkindern (vgl. Jäkel/Leyendecker 2009, Otyakmaz 2014). Jäkel und Leyendecker (2009) untersuchten mit einer übersetzten und adaptierten Version des Alabama Parenting Questionnaire (APQ; Frick 1991) das Erziehungsverhalten türkischstämmiger (N = 100) und deutscher (N = 106) Mütter von Vorschulkindern. Sie stellten in dieser interkulturellen Studie zu mütterlicher Inkonsistenz und Rigidität fest, dass türkische Mütter stärker inkonsistent und rigider durchsetzend erziehen sowie eher bereit sind, elterliche Erziehungsverantwortung an den Kindergarten zu delegieren als deutsche Mütter mit vergleichbarem Bildungshintergrund (vgl. Jäkel/Leyendecker 2009:1). Da dieser Befund für migrierte und nicht-migrierte türkische Mütter gelte, resümieren die Autorinnen, dass es sich um „relativ änderungsresistente kulturspezifische Charakteristika“ (Jäkel/Leyendecker 2009:19) des Erziehungsverhaltens handele. Der Bildungshintergrund stellt sich auch in dieser Studie als wichtiger Prädiktor dar, denn „eine höhere Zahl 45 an Bildungsjahren in Deutschland führte zu geringerer Rigidität und niedrigerer Bereitschaft, Erziehungsverantwortung an den Kindergarten zu delegieren“ (ebd.:1). Ein solches Erziehungsverhalten ist nach den Autorinnen „in der Herkunftskultur für die türkischen Familien tradiert und funktional, kann jedoch in der Aufnahmegesellschaft für eine gelingende Integration der Kinder hinderlich sein“ (ebd.:7). Ein offener, liberaler Erziehungsstil in Kita und Schule würde bei den inkonsistent erzogenen türkischen Kindern zu Disziplinschwierigkeiten führen „da ihnen in ihrem familiären Kontext bisher kaum konsequente Regeln gesetzt worden sind“ (ebd.). Einschränkend lässt sich sagen, dass in der Studie nur zwei Erziehungsstildimensionen „Rigide Durchsetzung sowie Inkonsistentes Elternverhalten“ analysiert wurden. Die Ergebnisse treffen daher nur bedingt zu und können nur teilweise und selektiv herangezogen werden. Es fehlen Daten zu positiven Elternverhalten, um das Erziehungsverhalten türkischer Mütter allumfassend zu beschreiben. Otyakmaz (2014) bezog in ihre Untersuchung sowohl positive als auch negative Dimensionen des Erziehungsverhaltens ein und ermittelte Daten für türkisch-deutsche Mütter der ersten sowie zweiten Generation. Sie konnte in ihrer Untersuchung zum Erziehungsverhalten von türkisch-deutschen und deutschen Müttern von Vorschulkindern keine signifikanten Unterschiede im Erziehungsverhalten beider Müttergruppen zeigen. Entgegen der „in den öffentlich-medialen und teilweise auch wissenschaftlichen Diskursen herrschenden Annahmen über eine primär autoritäre Erziehung in türkischdeutschen Migrationsfamilien“ (Otyakmaz 2014:904) belegen ihre empirischen Ergebnisse, dass „beide Müttergruppen (…) ein hohes Vorkommen von Wärme und logischem Begründen, ein mittleres Maß an Gehorsamsforderung und selten bestrafendes Verhalten (zeigen)“ (ebd.). Den Bildungshintergrund konnte sie nicht als Prädiktor bestätigen, doch die Anzahl der Kinder sei ein wichtiger Prädiktor (vgl. Otyakmaz 2014:908). „Bestrafendes und Gehorsam forderndes Verhalten (…) (wird) durch familienstrukturelle Bedingungen wie etwa die Anzahl von Kindern, die in türkisch-deutschen Familien in der Regel höher ist als in deutschen Familien (begünstigt)“ (Otyakmaz 2014:916). Otyakmaz begründet das mit der Argumentation, dass sich mit einer höheren Anzahl von Kindern die finanziellen sowie zeitlichen Ressourcen für die einzelnen Kinder reduzieren (vgl. ebd.). Die Autorin sieht ihre Ergebnisse insgesamt „im Einklang mit den Ergebnissen mehrerer früherer Studien aus Deutschland“ (Otyakmaz 2014:916f.). Sie verweist aber darauf, dass sich in den öffentlichen und teilweise auch wissenschaftlichen Diskursen dennoch „Annahmen über vorwiegend autoritäre Erziehungspraktiken in türkisch-deutschen Familien als nachhaltig zeigen“ (ebd.:917). 46 Auch wenn ihre Untersuchung umfangreichere Ergebnisse zum Erziehungsverhalten liefert, da sie sowohl positive als auch negative Erziehungsdimensionen in ihre Analysen einbezog sowie relativ aktuelle Daten erfasste, so ist die alleinige Untersuchung der mütterlichen Erziehung für die vorliegende Forschungsfrage nicht ausreichend. Aufgrund der unterschiedlichen Ergebnisse der bisherigen Forschungsarbeiten ist festzuhalten, dass es nicht „die“ türkische Migrantenfamilie gibt, sondern „(...) sehr traditionelle und sehr liberal denkende Familien und dazwischen alle möglichen Nuancen“ (Baran/Kalaclar 1993:66; vgl. Atabay 1998;2011) mit entsprechend heterogenen Erziehungsstilen, welche sowohl durch autoritäre als auch durch permissive Elemente charakterisiert sind (vgl. Nauck 1994:50f.). Fest steht auch, dass sich „jede Familie mit Migrationshintergrund, unabhängig von ihrem ‚Modernisierungsgrad’, innerfamilial wie in Bezug auf das außerfamiliale Netzwerk (mit gesellschaftlichen Prozessen) handelnd auseinandersetzen muss“ (Hamburger/Hummrich 2007:115). Deutlich geworden ist, dass empirische Daten zur elterlichen Erziehung gegenüber Vorschulkindern fehlen. Insbesondere fehlen solche Untersuchungen, in der das Erziehungsverhalten beider Elternteile analysiert wird. Auch fehlt eine explizite Studie zu den familiären Lebensumwelten, Erziehungspraktiken und Sozialisationserfahrungen von sog. Postmigranten, also den Folgegenerationen, die keine eigene Migrationserfahrung haben. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang auch die Analyse von Eltern, die unterschiedliche Sozialisationserfahrungen haben. Das betrifft insbesondere Eltern, die selbst in Deutschland geboren und sozialisiert wurden und mit einem Heiratsmigranten verheiratet sind, also einem Partner, der in der Türkei geboren und sozialisiert wurde und erst im Erwachsenenalter nach Deutschland migrierte und somit über eine eigene Migrationserfahrung verfügt. Schepker (2005) konstatiert, dass „die Migrationsforschung in Deutschland (...) durch die Vielzahl neu hinzukommender und zu berücksichtigender Variablen in der Untersuchung von Migrantenfamilien (droht) schnell überholt oder reduktionistisch zu werden“ (Schepker et.al. 2005:14). Zusammenfassend lässt sich ein Bedarf an aktuellen, empirischen Daten zu den Sozialisationsbedingungen und elterlichen Erziehungspraktiken türkischer Migranteneltern der Folgegenerationen identifizieren. Der vorliegende Forschungsstand weist veraltete und reduktionistische Daten auf und kann nicht beantworten, wie die hier geborene und aufgewachsene Folgegeneration türkischer Migranten ihren Familienalltag gestaltet und ihre Kinder erzieht. 47 2.2 Integration von türkischen Migranteneltern Bei den Debatten um Integration stehen insbesondere türkische Migranten und ihre Folgegenerationen im Mittelpunkt der Diskussionen28 (vgl. Merten 2013:227; Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration 2010:58). Sie bilden mit etwa 2,9 Millionen Menschen die größte Gruppe der Migranten und werden in der öffentlichen Wahrnehmung als die Gruppe mit der größten kulturellen Differenz zur autochthonen Bevölkerung denunziert. Sie werden „als homogen und grundsätzlich verschieden von den ‚Deutschen’ dargestellt“ (Merten 2013:228) und wahrgenommen. Unterstützt werden diese postulierten Differenzen durch schlagzeilenerzeugende Studienergebnisse und Nachrichtenüberschriften wie: „Türken haben die größten Integrationsprobleme“ (O.V. a 2010), „Türken sind die Sorgenkinder der Integration“ (Lauer/Siems/Ehrentraut 2010), „Türken am wenigsten integriert“ (O.V. b 2010), „Schlechte Integration von Türken. Weg mit dem Maulkorb!“ (Akyol 2009), „Türken mit größten Problemen“ (O.V. c 2010), „Warum Türken bei der Integration nicht mitspielen“ (Solms-Laubach 2009). Diese negativen Schlagzeilen und Zuschreibungen lassen Türken als integrationsunwillig bzw. -unfähig erscheinen und sind Grundlage für Diskriminierungen und Benachteiligungen, denen türkische Migranten alltäglich und überall begegnen (vgl. Merten 2013:228). Vor allem seit der Sarazzin- Debatte ist vermehrt von einer Integrationsunwilligkeit die Rede (vgl. Thränhardt 2010:16) und im öffentlichen Diskurs eine veränderte Sicht auf Zugewanderte zu konstatieren, die an ‚den Türken’ oder ‚den Muslimen’ festgemacht wird. (vgl. ebd.:20). Der Diskurs um ihre Integrationslage wird vermehrt auch im Zusammenhang mit „ihrer selbstgewählten Abschottung“ (vgl. Merten 2013:228) und den präferierten Parallelgesellschaften geführt, so dass sie eher negativ auffallen und ihre allgegenwärtige Differenz zur deutschen Gesellschaft betont wird (ebd.:229). Das vorherrschende Bild wird als ein Resultat der Migrations- und Integrationsforschung, welche lange Zeit vermehrt defizit- und problemorientiert war, bewertet. Merten weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich die Forschung an der Politik und der von ihr identifizierten Konflikten orientierte (ebd.:229). Eine kritische Migrationsforschung, welche sich vermehrt von kulturalisierenden und ethnisierenden Zuschreibungen distanziert und bikulturelle, hybride und transkulturelle Biographien in den Mittelpunkt stellt, ist seit Ende der 90er Jahre etabliert. Gerade für die zweite und dritte Generation türkischer Migranten konnte ein kreativer Umgang mit der interkulturellen Situation identifiziert werden. 28 Inzwischen steht insbesondere die Integration der Flüchtlinge im Mittelpunkt der öffentlich-medialen und politischen Diskussionen. 48 Indes werden Migrantenfamilien „in der Migrationsforschung selten explizit thematisiert“ (Nauck 2007:19), obwohl der Familie im Integrationsprozess eine enorme Relevanz zugeschrieben wird und feststeht, dass die Eltern aufgrund ihrer Einstellungen und ihres Verhaltens den Integrationsprozess beschleunigen oder erschweren können (vgl. Trommsdorff 2005:41). Wichtige Befunde hierzu lieferte Uslucan mit seiner 2008 in Berlin durchgeführten Studie. Er untersuchte die Akkulturationsorientierungen türkischstämmiger 14-Jähriger und ihrer Mütter im interkulturellen Vergleich mit ethnisch-deutschen Jugendlichen und ihren Müttern (vgl. Uslucan 2013:229). Für die Orientierungen fand er heraus, dass sowohl die türkischstämmigen Jugendlichen wie ihre Mütter die „Orientierung in Richtung Integration die stärkste Ausprägung aufweist“ (ebd.:230). Während der Erhalt eigenkultureller Bezüge (in Freundschaft, Familie, Sprache) den zweiten Rang einnimmt, sind Marginalisierung wie Assimilation keine erstrebenswerten Orientierungen (vgl. ebd.). Für die Korrelation zwischen jugendlicher und mütterlicher Akkulturationsorientierungen konnte Uslucan den stärksten Zusammenhang bei der Integration und Assimilation finden (vgl. ebd.:231): „Eine hohe mütterliche Integration geht mit einer hohen jugendlichen Integration positiv einher (…), und eine hohe mütterliche Assimilation ist mit einer höheren Assimilationsbestrebung der türkeistämmigen Jugendlichen assoziiert (…)“ (ebd.). An diesen Ergebnissen wird der Einfluss elterlicher Integration auf die jugendliche Integration gezeigt. Als erstaunlichen Befund fand Uslucan heraus, dass die „Jugendlichen höhere Separationsorientierungen aufweisen als die Mütter“ (ebd.:230). Uslucan begründet diesen Befund mit der Annahme einer Re-Ethnisierungstendenz bei erlebter Diskriminierung und Fremdzuschreibungen, dem Bedürfnis sich abgrenzen zu müssen (vgl. ebd.). Re-Ethnisierungstendenzen werden auch in anderen Untersuchungen als eine Verortungsstrategie der postmigrantischen Folgegenerationen bewertet. In einer 2008 durchgeführten Interviewstudie mit zehn türkischen Jugendlichen im Alter zwischen 17 und 24 Jahren aus Berlin-Neukölln fand Merten (2013) heraus, dass türkische Migrantenjugendliche die negativ geführten medialen Diskurse als „massiv stigmatisierend“ (ebd.:230) wahrnehmen, dass sie eine Fremdpositionierung als „Türken“, als „Andere“ erleben (vgl. ebd.), obwohl sie sich sowohl mit der Türkei als auch mit Deutschland verbunden fühlen (ebd.:234), also eher eine hybride Positionierung haben (vgl. ebd.) und, dass „eben jene Debatte über die angebliche Fremdheit und Nicht-Integrierbarkeit (…) bei den Jugendlichen zu Gefühlen der Ausgrenzung führt“ (ebd.:239). Anzumerken ist, dass sich der vorliegende Forschungsstand zur Integration von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund vermehrt auf die individuelle Integration bezieht. Der Stand der Integration wird anhand der vier 49 Integrationsdimensionen gemessen. Als Vergleichsmaßstab dienen die soziodemographischen Daten der einheimischen Bevölkerung. Für die kognitive Integration werden die deutschen Sprachkenntnisse herangezogen, für die strukturelle Integration dienen die Position auf dem Arbeitsmarkt, das Einkommen oder der Bildungshintergrund29. Die soziale Integration wird gemessen am Ausmaß an interethnischen Kontakten und Freundschaftsbeziehungen, Mitgliedschaften in Vereinen sowie an dem Partnerschaftsverhalten, insbesondere mit Angehörigen der Aufnahmegesellschaft. Es wird davon ausgegangen, dass die Ehe mit einem Deutschen zur sozialen Integration führt (vgl. Haug 2006:76). Zur Messung der Identifikationen dienen die Rückkehrabsicht, die Heimatbindung, emotionale Verbundenheit sowie die Staatsangehörigkeit der Migranten. In ihrem Übersichtsband stellten Sauer, Halm und die Stiftung Zentrum für Türkeistudien (2009) fest, „dass in der Integration türkeistämmiger Zuwanderinnen und Zuwanderer manches erreicht, viel aber auch nachgeholt werden muss“ (Sauer et.al. 2009:13), insbesondere in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarktintegration konnten sie Defizite feststellen. In diesem Band stellten sie zusammenfassend Ergebnisse zum Stand und zur Entwicklung der Integration in den zentralen Lebensbereichen der letzten zehn Jahre (1999 bis 2008) aus den Mehrthemenbefragungen türkeistämmiger Migranten des Zentrums für Türkeistudien dar (vgl. ebd.:28). Die Darstellung erfolgte analog zu den Integrationsdimensionen der strukturellen, kognitiven, sozialen30 und identifikativen Integration. Ihren Analysen nach sind die Folgegenerationen besser integriert als die erste Generation türkeistämmiger Migranten (vgl. ebd.:119). Heiratsmigranten, „die im Erwachsenenalter im Zuge der Familienzusammenführungen als Ehepartner der Nachfolgegeneration nach Deutschland kamen“ (ebd.), hatten in allen Teilbereichen der Integration noch größere Integrationsschwierigkeiten als die erste Generation und die Folgegenerationen. Nach Sauer et. al. waren die Folgegenerationen keine heterogene Gruppe und daher differenzierter zu betrachten. Für sie wurde eine „größer werdende Schere“ (ebd.) festgestellt, zwischen denen, die besser integriert sind und denen, diese Voraussetzungen fehlen. Trotz insgesamt besserer Integration der Folgegenerationen, konnte dennoch keine Angleichung an die deutsche Bevölkerung festgestellt werden (vgl. ebd.). Die strukturelle Integration gilt in der wissenschaftlichen Konzeption von Integration als Schlüsselbereich der Integration (vgl. Esser 1980, 2001; Sauer 29 Anhand einiger statistischer Datenquellen lässt sich dieser Stand der strukturellen Integration leicht ablesen, daher liegen zu dieser Integrationsdimension viele empirische Untersuchungen vor. Der Mikrozensus, die Arbeitslosenquote, die amtliche Schul- und Arbeitsmarktstatistik sind einige dieser Datenquellen. 30 Sauer et.al. (2009) verwenden für die soziale Integration die Bezeichnung der gesellschaftlichen Integration. 50 et.al. 2009). Sauer et. al. haben in ihrem Übersichtsband darauf hingewiesen, dass zwar die Folgegenerationen deutlich höhere Bildungsabschlüsse erreichen als die erste Generation, dass aber weiterhin „ein erhebliches Defizit zur deutschen Gesellschaft (besteht)“ (Sauer et.al. 2009:39). Die Folgegenerationen waren höher platziert als die erste Generation und die Heiratsmigranten „weisen eine „zwischen der ersten und der Nachfolgegeneration liegende Platzierung auf“ (ebd.:111). Ähnlich waren die Daten für die Kulturation, Interaktion sowie Identifikation, wo die Folgegenerationen deutlich besser integriert waren als die erste Generation und die Heiratsmigranten nur gering über der ersten Generation lagen (vgl. ebd.:110; 113f.). Für die Identifikationsdimension stellten Sauer et.al. nur geringe Unterschiede zwischen den Generationen fest. Im Zeitverlauf konnten die Autoren für die kognitive Integration nur geringe Verbesserungen erkennen. Auch wenn die Folgegeneration im Vergleich zur ersten Generation ein „erheblich höheres Schul- und Ausbildungsniveau und deutlich bessere Deutschkenntnisse aufweist“ (ebd.:119), zeigte der Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung erheblichen Nachholbedarf. Durch die Arbeitslosenquote, welche im Zeitverlauf zunehme, schlussfolgerten die Autoren auch für die strukturelle Integration erhebliche Defizite. Insbesondere türkische Frauen waren den Daten zufolge öfter nicht oder nur geringfügig beschäftigt. Trotz einer besseren beruflichen Stellung der Folgegenerationen im Vergleich zur ersten Generation, war auch hier im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung eine defizitäre Situation zu erkennen. Manifestiert wurde dies auch am geringen Haushaltseinkommen türkischer Migranten, welches deutlich geringer als in einheimischen Haushalten sei (vgl. ebd.:119f.). Während die soziale Integration seit 1999 insgesamt zunehme, lasse die identifikative Integration im Zeitverlauf keine grundlegenden Veränderungen erkennen (vgl. ebd.:120), obgleich die Autoren in den letzten Jahren eine Zunahme feststellen konnten. Die interethnischen Kontakte und freundschaftlichen Beziehungen waren relativ hoch und stabil und die Mitgliedschaft in Vereinen zeigte eine bikulturelle Orientierung (vgl. ebd.). Sauer et.al. konnten keine „zunehmende ‚Abschottung‘ in eigenethnischen Vereinen“ (ebd.) feststellen. Für den Zeitvergleich stellten Sauer et.al. eine zunehmende Verbundenheit mit Deutschland fest, da sich eine deutliche Mehrheit in Deutschland heimisch fühle und keine Rückkehrabsichten habe (vgl. ebd.). Sie beobachteten eine Doppel- oder Mischidentität für türkische Migranten, da sich „rund ein Drittel (…) mit beiden Ländern verbunden (fühlt), was die eindeutige Positionierung des entweder Türkisch- oder Deutsch-Seins schwierig macht und zeigt, dass die Hinwendung zu Deutschland nicht mit einer Abwendung von der Herkunftskultur verbunden sein muss“ (ebd.). 51 Mit ihren Analysen belegten Sauer et.al. das Vorhandensein einer partiellen Integration, „die in den Bereichen Identifikation und Interaktion in den letzten Jahren stärker voranschreitet als in den Bereichen Akkulturation und Platzierung“ (ebd.:120f.). Daher folgerten sie, dass sich die Integrationssituation türkischstämmiger Migranten deutlich von der öffentlichen Wahrnehmung unterscheidet, da sich eine strukturelle Exklusion als eigentliches Integrationsproblem erschließt. Denn trotz individueller Erfolge auf kognitiver, sozialer und identifikativer Integrationsebene, bedingten sie keine adäquate Platzierung (vgl. ebd.:121). Letztlich werden Diskriminierungen, Vorurteile und soziale Distanzen auch bei Esser als Barrieren für eine erfolgreiche Platzierung identifiziert (vgl. Esser 2001:10). Mit ihren Analysen widerlegten Sauer et. al. insgesamt die These von „vermeintlichen Parallelgesellschaften“ (Sauer et.al. 2009:121) für türkischstämmige Migranten, da hierfür keine empirischen Belege zu finden seien und stuften den Diskurs dazu als nicht der gegenwärtigen Integrationsaufgaben in Deutschland entsprechend ein (vgl. ebd.:120). Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration bewertete die öffentliche Diskussion um eine als gescheitert wahrgenommene Integration als pessimistische Sicht (vgl. Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration 2010:29) und stellte dem in seinem Jahresgutachten 2010 entgegen, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit der Integration und der Integrationspolitik der letzten Jahre zufrieden sei (vgl. ebd.) und vom „deutschen Integrationsalltag in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder in ihren sozialen Beziehungen ein positives Bild (habe)“ (ebd.). Ein weiterer Befund des Sachverständigenrates ist, dass sich sowohl bei der Zuwanderer- als auch Mehrheitsbevölkerung die Vorstellung einer gemeinsam getragenen Integrationsverantwortung etabliert habe, allerdings mit der klaren Gewichtung an die Zuwanderer (vgl. ebd.:42). Für die Zielgruppe der vorliegenden Dissertation lassen sich ähnliche Befunde identifizieren. Interessant ist, dass „selbst die (…) unter dem Generalverdacht der ‚Integrationsverweigerung‘ oder gar der ‚Integrationsunfähigkeit‘ stehenden Befragten türkischer Herkunft (…) der Zuwandererbevölkerung und damit sich selbst ein deutlich höheres Maß an Verantwortlichkeit für gelingende Integration zu als der Mehrheitsbevölkerung“ (schreiben) (ebd.). Die Folgegenerationen sehen sich zudem noch stärker in der Verantwortung als es die erste Generation tut. Bezüglich erlebter Benachteiligungserfahrungen konnte der Sachverständigenrat zwar im interkulturellen Vergleich für türkische Migranten die höchsten Werte messen, jedoch konnten sie insgesamt sehr geringe Werte feststellen (vgl. ebd.:47). Vor allem im Bereich der Religionsausübung wurden von den Befragten sehr niedrige Diskriminierungserfahrungen erlebt (vgl. 52 ebd.:46), obgleich Muslime „in allen Bereichen von mehr Diskriminierungserfahrungen als Angehörige anderer Religionen oder Bekenntnislose (berichten)“ (ebd.:47). Es scheint, als wären Personen mit türkischem und muslimischem Hintergrund benachteiligungssensibler als andere Zuwanderungsgruppen. Interessant erscheint der Befund, dass sich bei den Benachteiligungserfahrungen und den Angaben für Lebenszufriedenheit intergenerative Unterschiede zeigen. Die Werte für die Folgegenerationen ähneln eher der der Mehrheitsbevölkerung als der der ersten Generation. Im Generationenvergleich wird für die Folgegenerationen eine höhere Lebenszufriedenheit gemessen als für die erste Generation (vgl. ebd.:49). Daher wird konstatiert, dass „die (…) sichtbare Abkopplung der zweiten von der ersten Zuwanderergeneration und die damit verbundene Annäherung an die Muster der Mehrheitsbevölkerung (…) für ein insgesamt hohes und intergenerativ zunehmendes Niveau an Lebenszufriedenheit bei der Zuwandererbevölkerung (spricht)“ (ebd.:49). Sauer et. al. überprüften anhand ihrer Daten zur Integration türkeistämmiger Migranten das Kausalmodell von Esser (1980, vgl. Kapitel 2.2). Sie fanden erwartungsgemäß einen signifikanten und starken Zusammenhang zwischen Kulturation und Platzierung sowie, entgegen der Erwartungen, einen starken Zusammenhang zwischen Kulturation und Interaktion. Die Platzierung korrelierte schwach signifikant mit der Interaktion. Ferner fanden sie schwache Zusammenhänge zwischen Interaktion und Identifikation sowie zwischen Identifikation und Kulturation. Sie folgern, dass zwar, wie von Esser postuliert, Kulturation eine Bedingung für Platzierung ist, doch sehen sie keinen Automatismus zwischen ihnen bestehen (vgl. Sauer et.al 2009:115). „Nicht in jedem Fall führt hohe Akkulturation auch zu einer hohen Platzierung, zahlreichen hoch akkulturierten Migranten gelingt es nicht, eine gute Platzierung zu erreichen“ (ebd.). Die Korrelation zwischen Kulturation und Interaktionen zeige, dass eine hohe Kulturation eine hohe Interaktion bewirke, „ohne den Umweg über die günstige gesellschaftliche Platzierung“ (ebd.). Interessant ist der Befund zur Identifikation, welche nach Sauer et.al. (2009) nicht erst nach einer erfolgten Kulturation, Interaktion sowie Platzierung erfolgt, sondern relativ unabhängig von diesen Integrationsdimensionen ist. Die Befunde zu den Zusammenhängen der Integrationsbereiche für die Folgegenerationen türkischer Migranten zeigen einen geringeren Zusammenhang zwischen Kulturation und Platzierung sowie geringeren Zusammenhang zwischen Platzierung und Interaktion (vgl. ebd.). Zwischen Platzierung und Identifikation sowie Kulturation und Identifikation besteht für die Folgegenerationen keine Korrelation. Auch eine hohe Kulturation ermöglicht den Folgegenerationen demnach keine höhere Platzierung auf dem Arbeitsmarkt. Eine Identifikation konnte nur durch Inter- 53 aktionen beeinflusst werden (ebd.:116). Sauer et.al. folgern, dass „Integration (…) eben nicht stufenweise und quasi automatisch (verläuft), sondern (…) durchaus partiell oder zumindest zum Teil in den Bereichen unabhängig voneinander (verlaufen kann)“ (ebd.). Entgegen der Annahmen von Essers Kausalmodell der Sozialintegration, zeigen Sauer et.al., dass insbesondere Identifikationen sich unabhängig von anderen Integrationsdimensionen entwickeln können. Interessant ist der Befund, dass die dargestellten Mechanismen noch weniger für die Folgegenerationen als für alle anderen Befragten wirken (vgl. ebd.:117). Die erfassten Mischidentitäten für die türkischstämmigen Migranten sind Sauer et.al. nach ein Hinweis dafür, dass diese nicht mit „auf den Nationalstaat fokussierenden Integrationsmodellen (…) erfasst werden können“ (ebd.:121). Auch in den Folgegenerationen konnten eine Verbundenheit mit der Türkei und eine gleichzeitige Verbundenheit mit Deutschland nachgewiesen werden (vgl. ebd.:63). Eine erfolgreiche Integration bedeutet demnach nicht zwangsläufig eine Abwendung vom Herkunftsland und eine klare deutsche Identität (vgl. ebd.:122). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass zum Integrationsstand bzw. -erleben türkischer Migrantenfamilien kaum empirische Daten vorliegen. Dem Forschungsstand zur Integration von türkischen Migranten lassen sich vermehrt empirische Daten zu den einzelnen Integrationsdimensionen identifizieren. Demnach zeigt sich, dass türkische Migranten und ihre Folgegenerationen in vielen Bereichen Integrationserfolge nachweisen, aber insbesondere in der strukturellen Integration (Platzierung) noch erheblichen Nachholbedarf haben. Konsens scheint über das Vorhandensein einer Mischidentität zu bestehen. Türkische Migranten fühlen sich sowohl mit der Türkei als auch mit Deutschland verbunden, sie sind überwiegend zufrieden mit ihrer Lebenssituation in Deutschland, pflegen interethnische Freundschaften und fühlen sich „Sowohl-als-auch“. Diese Werte sind für die Folgegenerationen höher als für die erste Generation und für die Heiratsmigranten. Da dem bisherigen Forschungstand nicht zu entnehmen ist, ob und wenn ja, wie Integration über eine elterliche Erziehung gefördert werden kann und wie Integration subjektiv wie auch innerfamilial erlebt wird, lassen sich diesbezüglich große Forschungslücken nachweisen. Im nachfolgenden Abschnitt werden die Forschungsfrage und die Zielsetzung der eigenen Studie dargestellt.

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Zusammenfassung

Die Integrationsdebatte über türkische Migranten in Deutschland wird weiterhin kontrovers, emotional und defizitorientiert geführt. Insgesamt seien Migrantenfamilien integrationsunwillig, integrationsunfähig und lebten in abgeschotteten Parallelgesellschaften. Patriarchalische, traditionelle Familienstrukturen und ein autoritärer Erziehungsstil türkischer Eltern werden als die großen Integrationshindernisse angezeigt; die Existenz kultureller und sozialer Distanzen mache eine Angleichung unmöglich. Die Debatte suggeriert eine einseitige Verantwortlichkeit, es sei vor allem eine Frage der individuellen Entscheidung bzw. der subjektiven Voraussetzungen der Zugewanderten, ob diese sich integrieren wollen bzw. können.

Nalan Gürbüz-Bicakci untersucht das elterliche Erziehungsverhalten und das subjektive Integrationserleben von 213 türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen mit Kindern im Vorschulalter, um die zentrale Fragestellung nach dem Beitrag einer elterlichen Erziehung zur Integration zu analysieren. Mit aktuellen empirischen Daten und interessanten Ergebnissen leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Integrations- und Sozialisationsforschung und -debatte in Deutschland.