Content

Fazit und Ausblick in:

Nalan Gürbüz-Bicakci

Gibt es eine Erziehung zur Integration?, page 224 - 226

Eine multimethodische Studie zu türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3980-9, ISBN online: 978-3-8288-6709-3, https://doi.org/10.5771/9783828867093-224

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
224 8 Fazit und Ausblick Der Ausblick in die postmigrantische Gesellschaft erzeugt eine Vision, in der Pluralität als Normalität aufgefasst, angenommen und ausgelebt wird. Es erzeugt eine Vision, in der Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe geworden und kein interkulturelles „Problem“ ist (vgl. Profanter/Lintner 2013:254). In dieser Vision ist Integration keine persönliche Bringschuld, sondern eine politische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die jeden Bürger betrifft, der in Deutschland wohnt. „Die durch Migrationsphänomene angestoßenen Prozesse der Pluralisierung und der Vereinseitigung, der Differenzierung und der Entdifferenzierung, der Segregation und der Vermischung des Sozialen sind und waren schon immer vielfältig, nie nur auf einen Typus (etwa Emigration/Immigration) beschränkt und nie allein aus einer Perspektive (etwa der der klassischen Integrationsforschung) vollständig erfassbar“ (Mecheril 2014: 111). Doch neben all den Überlegungen und Maßnahmen steht ein Grundgedanke, der gern übersehen wird: Die sog. Menschen mit Migrationshintergrund, die mit und ohne eigene Einwanderungserfahrung, Junge wie Alte, Familien und Alleinstehende: Sie alle sind bereits seit Jahren angekommen. Sie leben mitten in der Gesellschaft, nutzen gesellschaftliche Ressourcen und sind auf allen gesellschaftlichen Positionen vertreten. Tatsache ist, egal ob die mehrheitsgesellschaftlichen Etablierten wollen oder nicht, Zu- und Eingewanderte führen ein Leben jenseits von allen theoretischen Überlegungen, politischen und wissenschaftlichen Konzepten. Egal ob in Parallelgesellschaft oder nicht, sie leben in der Bundesrepublik Deutschland und organisieren sich und ihr Leben in einem, mehr oder minder, balancierten Ausmaß. Schwierigkeiten und Probleme, die sie haben, sind selten spezifische Migrationsphänomene, aber sicherlich kein „Ausländerproblem“. Dieser Grundgedanke lässt implizieren, dass Probleme nicht per se zu erwarten sind nur weil ein türkischer Migrationshintergrund vorhanden ist. 225 In der Vision einer postmigrantischen Gesellschaft geht es dann „nicht mehr um Integrationspolitik für Migranten, sondern um teilhabeorientierte Gesellschaftspolitik für alle“ (Bade 2014:16). Der Integrationsbegriff ist nicht zeitgemäß und müsste neu reflektiert und weiter gefasst werden. Die mit dem Begriff einhergehenden Konzepte sollen nicht zusätzlich Exklusionsmechanismen vorantreiben, sondern sich von einem ethnisch homogen gedachten Nationalstaat loslösen und ihre Konzepte für alle Bürger in Deutschland eröffnen. Integration kann als chancengleiche Teilhabe aller Bürger an den zentralen Bereichen der Gesellschaft aufgefasst werden. Wie in der vorliegenden Untersuchung gezeigt werden konnte, dass Exklusionsmechanismen eher autoritäre Erziehungspraktiken begünstigen, welche wiederum als dysfunktional für kindliche Entwicklungen betrachtet werden, sollten Benachteiligungserfahrungen umso intensiver „bekämpft“ und angegangen werden. Keine Haltung ist akzeptabel, die „gesellschaftliche Verhältnisse nach Kosten-Nutzen-Erwägungen durchrechnet und Arme und MigrantInnen zur Ausschusspopulation erklärt“ (Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung 2010). „Dazu sollte jedoch die deutsche Gesellschaft – hier verstanden als Zusammenschluss von Bürgern, Institutionen und normsetzenden Instanzen in einem durch Gesetzgebung regulierten Nationalstaat – die Heterogenität ihres Kollektivs deutlicher als Ausgangsbasis von Aushandlungen um Werte und Normen definieren, die gemeinsam mit- und gleichwertig nebeneinander bestehen können“ (Foroutan 2015:4). Deutschland ist schon längst eine plurale Einwanderungsgesellschaft. Sie ist geprägt von einer enormen Pluralität der Lebensformen und beschränkt sich nicht nur auf eine kulturelle Diversität. Mecheril konstatiert, dass „jeder gesellschaftliche Kontext ein kultureller Dominanzkontext ist, der bestimmte Lebensformen präferiert und andere benachteiligt oder gar verunmöglicht“ (Mecheril 2004:220). Wird kulturelle Vielfalt als Bereicherung deklariert, werden Differenzen und Zuschreibungen reproduziert. Eine gleichberechtigte Teilhabe sollte indes jedem Individuum Anerkennung als handlungsfähige Subjektive ermöglichen, sich selbst als Zugehörige zu dieser Gesellschaft wahrnehmen und erleben zu dürfen. Alle Bürger in Deutschland, gleich welcher sozialen Schicht sie angehören, alle Interessengruppen, alle Menschen mit diversen kulturellen Herkunftskontexten sollten die Möglichkeit einer Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit erfahren, sich als handlungsfähige Bürger einbringen zu können und akzeptiert zu sein. 226 Anerkennung und Toleranz geraten dabei jedoch zu kurz. Akzeptanz als „normale“ Gesellschaftsmitglieder mit selben Rechten und Pflichten sind in der Vision einer postmigrantischen Gesellschaft gelebte Realitäten. Wenn die gesellschaftliche Pluralität nicht nur als aus der Migration begründet und somit nicht nur als kulturelle Pluralität, sondern auch als ein Produkt der globalisierten Welt und insofern als allgemeine Vielfalt verstanden wird und die Mitglieder jeder (legitimen) Gruppe darin als individuelle Subjekte identifiziert, und anerkannt werden, dann betrifft sie schließlich jeden Bürger und jede Institution in Deutschland. Für sie alle gilt das Grundprinzip der Gerechtigkeit, immer und überall. In der Vision einer postmigrantischen Gesellschaft sind „Menschen mit Migrationshintergrund“ weder eine Bereicherung noch eine Bedrohung, sie sind ganz normale Zugehörige dieser Gesellschaft. Hierfür bedarf es eines zeitgemäßen, reflektierten und von natioethnokulturellen Grenzen losgelösten Ansatzes. Zugehörigkeitsverortungen und Lebensrealitäten sind komplexer als es mit natio-ethnokulturellen Konzepten erfassbar wäre. Postmigrantische Lebenswelten lassen sich demnach nicht als „Entweder - Oder“ auffassen, sondern sind „Sowohl- als –Auch“. Sozialwissenschaftliche Studien könnten hierzu einen relevanten Beitrag leisten, indem sie beispielsweise eine differenzierte Sicht auf Zusammenhänge nehmen, sich den komplexen Lebenswelten öffnen und multimethodische und induktive Forschungszugänge vermehrt Anwendung finden „Der empirische Blick verlangt vor allem eine Offenheit für Diversifikationsprozesse, für die Vielfalt von Migrations- und Bildungsbiographien, von Migranten- Milieus, von Akkulturationsprozessen, Integrationsmodi und Integrationsverläufen“ (Filsinger 2011:54). Wenn diese Studienergebnisse dann vermehrt von Politik und Gesellschaft wahrgenommen und adaptiert werden würden, der öffentliche Diskurs sich an aktuellen, empirischen Daten orientieren würde, statt reduktionistisch zu sein, so könnte diese Vision einer postmigrantischen Gesellschaft Realität werden.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Integrationsdebatte über türkische Migranten in Deutschland wird weiterhin kontrovers, emotional und defizitorientiert geführt. Insgesamt seien Migrantenfamilien integrationsunwillig, integrationsunfähig und lebten in abgeschotteten Parallelgesellschaften. Patriarchalische, traditionelle Familienstrukturen und ein autoritärer Erziehungsstil türkischer Eltern werden als die großen Integrationshindernisse angezeigt; die Existenz kultureller und sozialer Distanzen mache eine Angleichung unmöglich. Die Debatte suggeriert eine einseitige Verantwortlichkeit, es sei vor allem eine Frage der individuellen Entscheidung bzw. der subjektiven Voraussetzungen der Zugewanderten, ob diese sich integrieren wollen bzw. können.

Nalan Gürbüz-Bicakci untersucht das elterliche Erziehungsverhalten und das subjektive Integrationserleben von 213 türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen mit Kindern im Vorschulalter, um die zentrale Fragestellung nach dem Beitrag einer elterlichen Erziehung zur Integration zu analysieren. Mit aktuellen empirischen Daten und interessanten Ergebnissen leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Integrations- und Sozialisationsforschung und -debatte in Deutschland.