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Erkenntnisse einer Zielgruppenanalyse in:

Nalan Gürbüz-Bicakci

Gibt es eine Erziehung zur Integration?, page 222 - 223

Eine multimethodische Studie zu türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3980-9, ISBN online: 978-3-8288-6709-3, https://doi.org/10.5771/9783828867093-222

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
222 7 Erkenntnisse einer Zielgruppenanalyse Entgegen der im medialen Diskurs und in der öffentlichen Wahrnehmung oft postulierten Darstellung von Türken und türkischen Migrantenfamilien, besteht theoretischer Konsens darüber, dass es nicht die typische türkische Familie gibt. Auch in der vorliegenden Arbeit wird ausdrücklich unterstrichen, dass nicht beabsichtigt ist, typische Merkmale herauszuarbeiten oder den Eindruck einer Homogenität zu erwecken. Die Untersuchungsergebnisse der vorliegenden Studie zusammenfassend soll im Folgenden anhand vorliegender Stichprobendaten versucht werden, ein durchschnittliches Bild56 der untersuchten Zielgruppe, türkische Migranteneltern der Folgegenerationen in Deutschland, zu kreieren: Türkische Migranteneltern der Folgegenerationen in Deutschland sind ca. 35 Jahre alt, in Deutschland geboren und schon immer in Deutschland lebend, verfügen also über keine eigene Einwanderungserfahrung und sind im Besitz einer deutschen Staatsangehörigkeit. Die Eltern sind gebildet und haben einen Beruf in Deutschland erlernt bzw. haben studiert. Sie verfügen über sehr gute Deutsch- und Türkischsprachkenntnisse und sprechen beide Sprachen in ihren Familien. Türkische Migranteneltern der Folgegenerationen haben einen Ehepartner aus Deutschland geheiratet. Im Durschnitt haben sie zwei Kinder. Sie haben einen autoritativen Erziehungsstil, erziehen also in einer Balance von entwicklungsfördernd-liebevollen und machtvoll durchsetzendem Erziehungsverhalten. Die innerfamiliären Aufgaben sind unter den Partnern zu Lasten der Mütter aufgeteilt, doch eine partnerschaftliche Erziehung wird eingehalten. Türkische Migranteneltern der Folgegenerationen sind gut integriert, fühlen sich wohl in Deutschland und identifizieren sich eher türkisch 56 Es wird ausdrücklich vor einem erneut entstehenden stereotypen Bild von „der“ türkischen Familie gewarnt. Hier wird nur die vorliegende Stichprobe typisierend dargestellt. Hierfür werden Durchschnittswerte bzw. Angaben mit den höchsten Werten der eigenen Untersuchungsergebnisse herangezogen. 223 als deutsch. Eine unilaterale Zuordnung ist aber nicht möglich für sie, ihre Lebensrealitäten bestehen aus Mehrfachzugehörigkeiten. Bilingualität, Hybridität, interethnische Freundschaften gehören ebenso zum Selbstkonzept wie die Beibehaltung eigenethnischer Bezüge und Verortungen. Da sie selbst bereits bikulturell sozialisiert wurden, erziehen sie ihre Kinder ähnlich und möchten als Vorbilder fungieren. Türkische Migranteneltern der Folgegenerationen sind aktive Eltern. Sie sind involviert und fördern ihre Kinder durch Freizeitaktivitäten. Sie spielen viel mit ihnen im familiären Haushalt und haben einen kindzentrierten Alltag. Sie sehen die Verantwortung für gelingende Integration bei sich, mehr als beim Staat oder der Mehrheitsgesellschaft. Sie sind der Überzeugung, durch ihre elterliche Erziehung die Integration ihrer Kinder in die deutsche Gesellschaft fördern zu können. Prioritär ist für sie dabei, selbst Vorbild zu sein und Ressourcen bereitzustellen. Entgegen des dominierenden Integrationsdiskurses, zeigt sich die Stichprobe der vorliegenden Dissertation keineswegs als „integrationsunwillig“ oder als „Integrationsverweigerer“. Sie fühlen sich wohl in Deutschland und sehen ihre Zukunft in Deutschland verankert. Hierfür wünschen sie sich insbesondere für ihre Kinder, dass sich diese auch wohl fühlen sollen und anerkannt werden. Sie sind sich bewusst darüber, dass ihre Kinder mehr leisten müssen, um erfolgreich zu sein. Hierfür involvieren sie ihre Kinder schon früh in Krabbelgruppen, Kita und diverse Eltern-Kind-Kurse, um eine soziale Integration zu ermöglichen. Die beobachteten und befragten Eltern gehören zu den sog. Postmigranten. Im nachfolgenden Ausblick wird eine erziehungswissenschaftliche Vision der postmigrantischen Gesellschaft dargestellt. Es ist zugleich das Fazit der vorliegenden Arbeit.

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Zusammenfassung

Die Integrationsdebatte über türkische Migranten in Deutschland wird weiterhin kontrovers, emotional und defizitorientiert geführt. Insgesamt seien Migrantenfamilien integrationsunwillig, integrationsunfähig und lebten in abgeschotteten Parallelgesellschaften. Patriarchalische, traditionelle Familienstrukturen und ein autoritärer Erziehungsstil türkischer Eltern werden als die großen Integrationshindernisse angezeigt; die Existenz kultureller und sozialer Distanzen mache eine Angleichung unmöglich. Die Debatte suggeriert eine einseitige Verantwortlichkeit, es sei vor allem eine Frage der individuellen Entscheidung bzw. der subjektiven Voraussetzungen der Zugewanderten, ob diese sich integrieren wollen bzw. können.

Nalan Gürbüz-Bicakci untersucht das elterliche Erziehungsverhalten und das subjektive Integrationserleben von 213 türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen mit Kindern im Vorschulalter, um die zentrale Fragestellung nach dem Beitrag einer elterlichen Erziehung zur Integration zu analysieren. Mit aktuellen empirischen Daten und interessanten Ergebnissen leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Integrations- und Sozialisationsforschung und -debatte in Deutschland.